9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2211 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2025 - Ideen

Während Autoren wie Daniel Marwecki bereits die Freuden der "postwestlichen" Welt besingen und Europa ein "würdevolles Abstiegsmanagment" empfehlen, findet der Philosoph Edward Kanterian die Idee einer "multipolaren" Welt, auf die es zuzulaufen scheint, in der NZZ eher unheimlich. Er hält an der Idee universaler Menschenrechte fest: "Das multipolare Narrativ erfüllt zwei ideologische Funktionen. Es verleiht der 'Achse der Autokraten' (Anne Applebaum) einen demokratischen Anstrich in der Weltöffentlichkeit, um knallharte großnationalistische Projekte umso zielstrebiger voranzutreiben. Und im eigenen Land schützt es die Autokraten vor der als 'imperialistisch' gebrandmarkten liberalen Rechtsidee, vor der sie sich durchaus fürchten. Denn universalistisch ist sie, aber keineswegs seelenlos. Da sie den despotischen Machtzugriff unterminiert, ist sie für die meisten Menschen äusserst attraktiv. Im 21. Jahrhundert wollen die Menschen über ihr Leben, gar ihre Identität, selbst bestimmen. Und wenngleich sich viele einer Gemeinschaft zugehörig fühlen, will sich keiner der Willkür eines Potentaten wehrlos aussetzen."
Stichwörter: Multipolarität

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2025 - Ideen

Anspielungen auf die römisch-griechische Antike sind bei der neuen Rechten ausgesprochen beliebt, hat Julia Kitzmann erkannt und sich darüber für den Tagesspiegel mit Althistorikern wie Babett Edelmann-Singer von der FU Berlin unterhalten: "Die Antike ist für die Neue Rechte zudem nicht nur Vorbild, sondern zugleich Warnung. 'Sie dient - das hat eine lange Tradition - als Untergangsparabel', sagt Edelmann-Singer: Migration im Zuge der Völkerwanderung und dekadente Lebensweisen hätten das Römische Reich zerstört. Die Erzählung lautet, auf die Gegenwart übertragen: Gleiches widerfahre der Europäischen Union. ... Das sei historisch nicht haltbarer 'Unsinn', sagt die Althistorikerin Edelmann-Singer dazu. In der Forschung sei heute Konsens: Römische Bürgerkriege und nicht enden wollende interne Machtkämpfe, an denen auch fremde Gruppen als Milizen beteiligt waren, führten zum Zerfall des Römischen Reiches in seiner alten Form. Man spreche zudem eher von einer Transformation als einem 'Untergang'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2025 - Ideen

Navid Kermani beschwört in der SZ die "Vereinten Nationen von Europa": Nur eine Föderation europäischer Staaten sei in der Lage, die Herausforderungen der Zeit zu meistern und sich gegen Putin oder Trump zu beweisen: "Um sein ökonomisches, politisches und kulturelles Gewicht in die Waagschale werfen zu können, braucht Europa mehr als improvisierte Reisegruppen, die sich während des Flugs absprechen. Es braucht eine Stimme, die von den Europäern gewählt ist, damit sie für Europa spricht, es braucht eine Regierung, die das gemeinsame Interesse aller Europäer vertritt." Es werde "weitere Bereiche geben müssen, in denen diejenigen Nationen, die wollen, so eng zusammenarbeiten können wie Staaten innerhalb einer Föderation: zwingend die Außenpolitik, aber auch Handel, Flüchtlinge, Verteidigung, Klima, Forschung, Weltraum, Steuern, Sozialleistungen und ja, natürlich ja, mittelfristig auch eine gemeinsame Armee."

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Noch einen Schritt weiter geht die Philosophin Lea Ypi, deren neues Buch vor Kurzem erschienen ist, im Zeit-Interview mit Nils Markwardt. Sie denkt darüber nach, warum die Linke den autoritären Kräften der Gegenwart so wenig entgegensetzen kann. Es liege daran, dass sie dem Neoliberalismus kein tragendes Konzept entgegensetzt. Sie glaubt "weder, dass man mit dem Kapitalismus Kompromisse schließen kann, noch an den Staatssozialismus." Stattdessen schwebt ihr "eine Form des transnationalen Sozialismus" vor. Es "ginge also um ein Projekt, das einerseits eine Kritik des Kapitalismus formuliert, andererseits aber auch die Frage verhandelt, wie diese Kritik in internationale Institutionen übersetzt werden kann. Ein solches Projekt würde also über die Zukunft der Welthandelsorganisation nachdenken und sich ebenso fragen, welche transnationalen Kooperationsstrukturen man noch schaffen kann. In den frühen 2000er-Jahren, als ich meine Dissertation schrieb, waren das im linken Spektrum große Themen. Es wurde über eine europäische Verfassung debattiert und globalen Egalitarismus nachgedacht."

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Vor fast hundert Jahren erschien eine neue Bibelübersetzung von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Sie löste eine Kontroverse aus, an der das Who is Who der damaligen Intellektuellen teilnahm. Diese Kontroverse ist in dem Band "Die Bibelübersetzung von Buber-Rosenzweig" dokumentiert, den Wolfgang Matz heute in der FAZ bespricht. Siegfried Kracauer hatte das wolkige Deutsch der Übersetzung kritisiert. Die beiden Übersetzer replizierten: Dabei verblüfft laut Matz "besonders ein fast schon naiver Begriff übersetzerischer 'Wörtlichkeit'. Auf Kracauers Kritik an wagnerschen Alliterationen antworten sie: 'Luthers 'Wolken führen' heißt hebräisch: 'annen anan', infolgedessen bei uns: Wolken wölken.' Das Hebräische also kennt ein Verb mit dem gleichen Wortstamm wie das Substantiv, das Deutsche nicht - ist aber eine Übersetzung 'wörtlich', die das vermisste Verb einfach erfindet?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2025 - Ideen

Warum schlägt sich die liberale Linke so oft auf die Seite des radikalen Islam, fragt sich in der FAZ der kroatische Historiker Ivo Goldstein. Er vermutet: weil die Linke den Islam als Verbündeten im Kampf gegen den Kapitalismus und amerikanische Hegemonie sieht. "Das führt zu einem Paradoxon: Während säkulare und feministische Bewegungen im Westen für Geschlechtergerechtigkeit und LGBTQ+-Rechte kämpfen, vermeiden sie es im Namen antikolonialistischer Solidarität zugleich, islamistische Bewegungen zu verurteilen, die diese Rechte systematisch verweigern und alle, die sich dafür einsetzen, terrorisieren bis hin zur physischen Eliminierung. Die weitgehend für die Tragödie Gazas verantwortliche Hamas verkörpert zutiefst antihumanistische und linkenfeindliche Ideen. Diese 'Asymmetrie der Empathie' führt zu moralischer Verwirrung. Die liberale Linke überzieht Konservative in ihren eigenen Gesellschaften mit harscher Kritik, schweigt aber zu theokratischem Extremismus, wenn der unter dem Banner eines 'Widerstands' gegen den Westen auftritt."

Theorien der Dekolonisierung sind sicher wichtig, meint im britischen Spiked Magazin der polnisch-nigerianische Autor und Politikwissenschaftler Remi Adekoya, aber deshalb jedes Ergebnis des Kolonialismus in die Tonne zu treten, sei kein Weg in eine Zukunft, in der auch ethnische Minderheiten stolz auf ihre Geschichte und Kultur sein können. Dazu sei vielmehr eine Verbreiterung des Wissens nötig, nicht seine Dekolonisierung, die vor allem dazu führe, "afrikanische oder asiatische Denker hervorzuheben, die den Kapitalismus, das Empire und die westliche Moderne verurteilen ... An diesem Punkt erscheint 'Dekolonialisierung' weniger als ein Versuch, auf die Bedürfnisse ehemals kolonialisierter Völker einzugehen, sondern eher als eine neue Front im Kampf der westlichen Linken gegen die westliche Rechte, in dem die Geschichte und Identität anderer erneut instrumentalisiert werden. Die dekolonialen Denker der Unabhängigkeitsära versuchten nicht, ihre Völker vom breiteren Spektrum menschlichen Denkens abzuschneiden. Sie lasen sowohl Edmund Burke als auch Robespierre. In dem von mir angestrebten Lehrplan würde der britische Imperialismus neben der Expansion des Osmanischen Reiches, des Mogulreichs und des Königreichs Ashanti behandelt werden. Das ist keine 'Dekolonialisierung' im heute modischen Sinne, denn es geht nicht darum, zu bereinigen, sondern um mehr Verständnis."

Das mit dem Sprechen läuft ja in letzter Zeit nicht mehr so. Eher liegen wir miteinander im Clinch. Vielleicht könnte die Psychoanalyse hier von Nutzen sein und so etwas wie eine neue Verständigung zum Vorschwein bringen, notiert Elke Schmitter in ihrer Perlentaucher-Kolumne "ein wort gibt das andere". Denn Analytiker sind "Experten, die sich fürs Zuhören bereitsetzen, während der Patient eben liegt. Das Liegen, dieses setting selbst löst ja schon etwas aus, eine Beruhigung, man legt sich ab, und es gibt kein Gegenüber mehr, aber dennoch eine Art des zusammen Seins - was eine Konzentration erlaubt, die es im Alltag nicht gibt. Keine Beobachtung des anderen, keine fortwährende Deutung der Mimik, kein vorauseilendes Reagieren auf Zeichen der Ungeduld, des Besserwissens, des Unmuts oder der Besänftigung. Man spricht; die modulierte Luft trifft auf das Ohr..."

Gut gesprochen und zugehört wurde laut SZ-Kritiker Nils Minkmar bei einem Diskussionsabend zwischen der Soziologin Eva Illouz und der Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander in den Münchner Kammerspielen. Differenziert und ohne Tabus wurde über das Thema Nahost diskutiert, so Minkmar, dabei ging es auch um den Vorwurf des "Genozid", dessen historischen Kontext Illouz erläuterte: "Schon 1948 erhob ihn der französische Autor Maurice Bardèche gegen Israel, später wurde der Vorwurf immer wieder erneuert, und zwar bei jedem Konflikt Israels. Nebenbei sei es ein fester Bestandteil der sowjetischen Propaganda gewesen, Zionisten als die neuen Nazis darzustellen. Der Begriff sei also noch zu klären, sehr sicher aber habe es Hunderte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza gegeben, so Illouz. Die Lage der Menschen in Gaza erfordere sofortiges Handeln - die Debatte darüber, ob ein Genozid stattgefunden habe oder nicht, beschäftige die Linke zwar weiter massiv, trage derweil nur nicht dazu bei, die Situation der palästinensischen Zivilisten zu verbessern."

Dieser Abend wäre vielleicht auch interessant gewesen für jene linken Intellektuellen, die sich am selben Wochenende in Zürich trafen (unser Resümee), um zu klagen, dass man in Deutschland nicht mehr frei reden dürfe (wenigstens eine Ansicht, die sie mit Trump teilen). Von Wissenschaftlichkeit war hier wenig zu spüren, bedauert Thomas Ribi in der NZZ: "Kritisiert wurden ausschließlich Deutschland und Israel. Der Rest war gegenseitiges Schulterklopfen. Ein Selbstvergewisserungsritual von linken Intellektuellen, die zu wissen glauben, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Die Frage, ob in Gaza ein Genozid an der palästinensischen Bevölkerung stattfinde, wurde als Tatsache vorausgesetzt. Die historischen Bedingungen der deutschen Staatsräson wurden ausgeblendet, und dass die deutsche Bundesregierung trotz dem Bekenntnis zu Israel die Kriegführung Israels in Gaza mehrfach kritisiert hat, wurde schlicht unterschlagen." 

Michael Hesse fühlte sich hingegen gut informiert von diesem Abend, wie er in einem langen Artikel in der FR schreibt. Er sieht bestätigt, dass Deutschland bereits weit nach rechts abgeglitten ist: "Wer nun erklärt, sie hätten doch mal auch die einladen sollen, die eine Gegenposition vertreten, übersieht, dass genau dies der Vorwurf an die Adresse war, die dies einfordert. Und wer jetzt im persönlichen Empörungsmodus über die Linke herfällt, muss sich vielleicht fragen, was Empörung mit vernünftiger Analyse zu tun hat. Es war keine Abschiedsfeier vom Holocaustgedenken, sondern ein Symptom für eine tieferliegende Unruhe: Das Treffen in Zürich von jenen Köpfen, die das Leben der politischen Linken in Deutschland entscheidend ausmacht, sollte eher als Hinweise einer Eruption zu verstehen sei, was gerade passiert." In der taz schreibt Stefan Reinecke.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2025 - Ideen

In der taz kann die Schriftstellerin Sofi Oksanen nicht verstehen, warum der Westen schweigt zu den Entführungen ukrainischer Kinder durch Putins Truppen. Haben wir nichts dazu gelernt? "Bereits während der Zarenzeit übernahmen westliche Länder den kolonialen russischen Blick, und die Sowjet-Ära hat daran nichts geändert. In den baltischen Staaten gehören Deportationsgeschichten zu den wichtigsten Identitätserzählungen, doch für den Westen existieren sie nicht oder gehören bloß zur Lokalgeschichte. Der frühere Ostblock - der die Hälfte von Europa ausmacht - hat die Erfahrung zweier unterschiedlicher totalitärer Systeme gemacht, und trotzdem ist unsere Erfahrung immer noch nicht anerkannter Teil der gemeinsamen Erzählung des europäischen Kontinents geworden. Sie wurde nie zu einer historischen Erinnerung des gesamten Europas. ... Ohne ein Bewusstsein dieser Verbrechen können wir die Warnsignale nicht erkennen, und das geht auch nicht, wenn wir die historische Verbindung zwischen den gegenwärtigen Deportationen und den früheren nicht sehen. Wenn Sie nicht wissen, dass dies schon einmal geschehen ist, können Sie das Muster nicht erkennen, den Kontext nicht sehen, die Tradition nicht wahrnehmen, die solche Praktiken ermöglichen..."

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Der Historiker Christopher Clark beschreibt in seinem neuen Buch am Beispiel eines "Skandals in Königsberg" eine Welt im Übergang von der Aufklärung zur Romantik. In einer ähnlich verwirrenden Zeit des Übergangs befinden wir uns auch heute, erklärt er im Interview mit der FR: "Das Problem ist: Wir wissen, woraus wir kommen - aus der klassischen, hochmodernen Ära. Aber wir wissen nicht, wohin wir gehen. Die größte Quelle der Verunsicherung ist die Tatsache, dass wir uns nicht mehr modern fühlen. Die Moderne war ja ein Gefühl, getragen vom Vertrauen in Fortschritt, in wissenschaftliche Lösungen, in politische Integration. Dieses Gefühl trägt heute nicht mehr. Damit fehlt uns eine zentrale Orientierungshilfe, und deshalb geraten wir heute viel leichter aus dem Gleichgewicht. Die Krisen sind komplex, wir sprechen von einer 'Polykrise'. Aber das wirklich Problematische ist: Wir können unseren Kurs nicht korrigieren, weil wir das Ziel nicht mehr kennen. Wie bei einem alten Navi: Es sagt 'Route wird neu berechnet', aber wir wissen nicht mehr, wohin."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2025 - Ideen

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Vor 50 Jahren ist die Philosophin Hannah Arendt gestorben. Der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh überträgt Arendts politische Theorie in seinen Essays auf die Zeit der Assad-Herrschaft in Syrien. Im Zeit-Gespräch erklärt er, wie sich der Begriff des radikalen Bösen auf die Folterer in den syrischen Gefängnissen übertragen lässt, in denen er selbst ganze sechzehn Jahre saß. Al-Haj Saleh spricht hier aber auch vom "intimen" Bösen: "In Syrien habe ich das beobachtet, was ich 'manuelle Herrschaft' nenne: Die Hand war das Hauptorgan der Macht. Sie schlägt und foltert mit physischer Kraft. Es gibt keine Distanz zum Körper des Opfers. Heute erlaubt fortgeschrittene Technologie, Millionen Menschen zu töten, während der Täter elegant im Anzug dasitzt und die zerstörten Körper nicht sieht. Aber in Syrien dominierte, aufgrund fehlender Bürokratisierung und nur moderater Technologisierung, die manuelle Herrschaft. Auch ich wurde gefoltert. Dabei spürt man manchmal, dass der Folterer kreativ wird, er erfindet aus Langeweile etwas Neues."

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Die Politikwissenschaftlerin und Hannah Arendt-Biografin Grit Straßenberger betont im FR-interview mit Michael Hesse Hannah Arendts Fähigkeit, sich durch neue Einsichten von ihren Ansichten zu lösen und gänzlich neu zu denken. Dies gilt vor allem für den Eichmann-Prozess: "'I changed my mind'. Die Erfahrung des Prozesses, das Lesen der Akten: All das habe sie zu der Überzeugung gebracht, dass nicht die metaphysische Radikalität, sondern die furchtbare Banalität des Bösen die angemessene Kategorie sei. Radikal sei, streng genommen, nur das Gute, das Böse sei in diesem Sinne banal. Das ist, und darauf würde ich bestehen, keine Banalisierung der Taten und keine Entschuldung des Täters. Es ist der Versuch, darauf hinzuweisen, dass sich auch vermeintlich normale Menschen an solchen Verbrechen beteiligen können. Es heißt ausdrücklich nicht, in jedem Menschen stecke ein Eichmann - das hat sie vehement bestritten. Sie wollte sagen: Eichmann war ein Verwaltungsmassenmörder, der genau wusste, was er tat, der Abläufe mitorganisierte, sich aber keine eigenen Gedanken über die Bedeutung dieses Tuns machte."

Was kann Hannah Arendt uns heute noch über jüdisches Leben sagen, fragt der Soziologe Natan Sznaider in der SZ und fokussiert dafür vor allem auf die religiöse Seite der Philosophin. Denn ja, Arendt war gläubig, meint er: "Vielleicht anders, als man sich fromme Juden oder Jüdinnen heute vorstellt, doch die Jahre in Paris und danach in New York sorgten dafür, dass sie sich als Teil einer jüdischen Schicksalsgemeinschaft verstand." Auch ihr Verständnis des Zionismus könnte für die Gegenwart relevant sein: "Wie die Zionisten glaubte sie daran, dass die Juden eine Nation darstellten und dass sie eine Heimstätte als Kollektiv weiterhin mehr als nötig hätten. Aber sie vertrat eine Form des Zionismus, die heute kaum noch wahrzunehmen, kaum zu finden ist. Vor der Staatsgründung Israels plädierte sie in ihren Beiträgen im politischen Feuilleton für eine jüdische Heimstätte, einen Staat - jedoch im Rahmen eines multiethnischen politischen föderativen Konstrukts. Nur so, glaubte sie, könnte die jüdische Nation Teil der Nationen dieser Welt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2025 - Ideen

50 Jahre nach Hannah Arendts Tod gibt sie uns immer noch die Werkzeuge für eine Kritik totalitärer Strukturen und gesellschaftlicher Prozesse an die Hand, konstatiert die Philosophin Ursula Renz in der NZZ. Arendt habe "eine Diagnose vorweggenommen, die der amerikanische Philosoph Harry Frankfurt in den 1980er Jahren mit seinem Essay 'On Bullshit' stellte: Wenn Menschen aufhören, sich im Denken am Ideal der Wahrheit zu orientieren, droht ein Realitätsverlust, der schlimme Folgen zeitigen kann. Diese am Psychogramm Eichmanns entwickelte Einsicht bildet den Hintergrund für Arendts Auseinandersetzung mit dem menschlichen Urteilen und ist das implizite Zentrum ihres Denkens."

Auf den Geisteswissenschafts-Seiten der FAZ zeichnet der Kulturwissenschaftler Matthias Bormuth, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, Hannah Arendts ideengeschichtliche Entwicklung nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.12.2025 - Ideen

Menschen schreiben immer mehr wie KI, auch wenn sie mal einen Text ohne KI schreiben, konstatieren Philipp Bovermann und Natalie Sablowski in der SZ. Das geht darauf zurück, dass KI mittlerweile maßgeblich die Sprache beeinflusst - zum Beispiel den erhöhten Einsatz von Gedankenstrichen, den Sprachmodelle so gerne benutzen. "Mensch und Maschine beeinflussen sich offenbar gegenseitig. Wäre auch komisch, wenn nicht. Sprache verändert sich durch Gebrauch. Wenn Menschen statt mit anderen Menschen mit künstlichen Systemen sprechen, was dem Unternehmen Open AI zufolge rund 800 Millionen allein mit Chat-GPT regelmäßig tun, hinterlässt das zwangsläufig Spuren. (...)  Was da in die Sprache einfließt, ist letztlich: Homogenität. So nämlich funktioniert der Spracherwerb künstlicher Intelligenz. Die Systeme analysieren Unmengen von Texten und erkennen Muster darin. Wenn sie nun selbst schreiben, versuchen sie zu erraten, welcher Buchstabe, welches Wort, welcher Satz mit statistisch größter Wahrscheinlichkeit in einem menschlichen Text jeweils anschließend folgen würde. Sie sind Durchschnittserzeugungsgeneratoren."
Stichwörter: KI, Sprachmodelle

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.12.2025 - Ideen

Hannah Arendt ist fünfzig Jahre tot. Tobias Rapp versucht im Spiegel, ihrem Denken auf die Spur zu kommen. Sie war selber ein Flüchtling und der Flüchtling ist eine zentrale Figur in ihrem Denken, schreibt er: "Es ist nicht einfach nur ungerecht, dass Staaten Menschen vertreiben. Es nimmt ihnen Teile dessen, was es heißt, ein Mensch zu sein. In gewisser Weise können die modernen Nationalstaaten allerdings gar nicht anders, die Gefahr, dass der Schutz, den die Nation ihren Bürgern bietet, dazu führt, einen Teil auszuschließen, besteht immer. Sie ist ihnen strukturell mitgegeben." Danilo Scholz beleuchtet in einem zweiten Essay das komplizierte Verhältnis Arendts zu Israel: "Bis heute erweist sich Arendt auch deshalb für postzionistische Positionen als anschlussfähig, weil sie den engen Zusammenhang von israelischer Staatsgründung und dem Los der Palästinenser nicht aus den Augen verlor."
Stichwörter: Arendt, Hannah

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.11.2025 - Ideen

Die Feuilletons bereiten sich auf Hannah Arendts anstehenden 50. Todestag vor: Auf den Bilder und Zeiten - Seiten der FAZ setzt sich die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Weigel speziell mit Hannah Arendts 1943 publiziertem Text "Wir Flüchtlinge" auseinander, den sie als Schlüssel für die später konkreter ausgearbeitete politische Theorie der Autorin liest: "Wenn die Lage der Flüchtlinge und Staatenlosen einen fundamentalen Bruch im Begriff des 'Menschen' bewirkt hat, ist es in erkenntnistheoretischer Hinsicht nur konsequent, genau deren Status zum Ausgangpunkt zu nehmen, um die Bedingungen des 'Menschen' von Grund auf zu denken. In der Schlusspassage von 'Wir Flüchtlinge' formuliert Arendt implizit ein Programm ihrer künftigen Arbeit, nämlich aus der Perspektive der aus allen Rechten Ausgeschlossenen Einsichten für die europäische Geschichte im Allgemeinen zu erarbeiten."

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In der FR würdigt der Philosoph Christoph Kann ihr Lebenswerk und umreißt Arendts Begriff von Freiheit: "Um Wege zur Freiheit ringt Arendt auf unterschiedlichsten Ebenen und anhand eines differenzierten Freiheitsbegriffs. Demnach besteht Freiheit nicht nur als Abwesenheit von Zwängen, also als 'Freiheit von', etwa von Not, Furcht und Unterdrückung, sondern als Möglichkeit gemeinsamen politischen Handelns mit dem Ziel kollektiver Weltgestaltung als einer 'Freiheit zu'. Das Moment des Kollektiven, des gemeinschaftlichen Beratens und Handelns, macht Freiheit zu 'Gleichfreiheit'. Der Neologismus steht programmatisch für die gegenseitige Bedingtheit von Gleichheit und Freiheit in ihrer dynamischen Spannung, die das Individuum als Gleiches unter Gleichen agieren und Öffentlichkeit in gegenseitigem Respekt zur Entfaltung kommen lässt."