Warum schlägt sich die
liberale Linke so oft auf die Seite des radikalen Islam, fragt sich in der
FAZ der kroatische Historiker
Ivo Goldstein. Er vermutet: weil die Linke den Islam als Verbündeten im Kampf gegen den Kapitalismus und amerikanische Hegemonie sieht. "Das führt zu einem Paradoxon: Während säkulare und feministische Bewegungen im Westen für
Geschlechtergerechtigkeit und LGBTQ+-
Rechte kämpfen, vermeiden sie es im Namen antikolonialistischer Solidarität zugleich, islamistische Bewegungen zu verurteilen, die diese Rechte
systematisch verweigern und alle, die sich dafür einsetzen, terrorisieren bis hin zur physischen Eliminierung. Die weitgehend für die Tragödie Gazas verantwortliche Hamas verkörpert zutiefst antihumanistische und
linkenfeindliche Ideen. Diese 'Asymmetrie der Empathie' führt zu moralischer Verwirrung. Die liberale Linke überzieht Konservative in ihren eigenen Gesellschaften mit harscher Kritik, schweigt aber zu theokratischem Extremismus, wenn der unter dem Banner eines 'Widerstands' gegen den Westen auftritt."
Theorien der
Dekolonisierung sind sicher wichtig,
meint im britischen
Spiked Magazin der polnisch-nigerianische Autor und Politikwissenschaftler
Remi Adekoya, aber deshalb jedes Ergebnis des Kolonialismus in die Tonne zu treten, sei kein Weg in eine Zukunft, in der auch ethnische Minderheiten
stolz auf ihre Geschichte und Kultur sein können. Dazu sei vielmehr eine
Verbreiterung des Wissens nötig, nicht seine Dekolonisierung, die vor allem dazu führe, "afrikanische oder asiatische Denker hervorzuheben, die den Kapitalismus, das Empire und die westliche Moderne verurteilen ... An diesem Punkt erscheint 'Dekolonialisierung' weniger als ein Versuch, auf die Bedürfnisse ehemals kolonialisierter Völker einzugehen, sondern eher als eine neue Front im Kampf der westlichen Linken gegen die westliche Rechte, in dem die Geschichte und Identität anderer
erneut instrumentalisiert werden. Die dekolonialen Denker der Unabhängigkeitsära versuchten nicht, ihre Völker vom breiteren Spektrum menschlichen Denkens abzuschneiden. Sie lasen sowohl Edmund Burke als auch Robespierre. In dem von mir angestrebten Lehrplan würde der
britische Imperialismus neben der Expansion des Osmanischen Reiches, des Mogulreichs und des Königreichs Ashanti behandelt werden. Das ist keine 'Dekolonialisierung' im heute modischen Sinne, denn es geht nicht darum, zu bereinigen, sondern um
mehr Verständnis."
Das mit dem Sprechen läuft ja in letzter Zeit nicht mehr so. Eher liegen wir
miteinander im Clinch. Vielleicht könnte die
Psychoanalyse hier von Nutzen sein und so etwas wie eine neue Verständigung zum Vorschwein bringen,
notiert Elke Schmitter in ihrer
Perlentaucher-Kolumne "ein wort gibt das andere". Denn Analytiker sind "Experten, die sich
fürs Zuhören bereitsetzen, während der Patient eben liegt. Das Liegen, dieses setting selbst löst ja schon etwas aus, eine Beruhigung, man legt sich ab, und es gibt kein Gegenüber mehr, aber dennoch eine Art des zusammen Seins - was eine Konzentration erlaubt, die es im Alltag nicht gibt. Keine Beobachtung des anderen, keine fortwährende Deutung der Mimik,
kein vorauseilendes Reagieren auf Zeichen der Ungeduld, des Besserwissens, des Unmuts oder der Besänftigung. Man spricht; die modulierte Luft trifft auf das Ohr..."
Gut gesprochen und zugehört wurde laut
SZ-Kritiker Nils Minkmar bei einem Diskussionsabend zwischen der Soziologin
Eva Illouz und der Literaturwissenschaftlerin
Rachel Salamander in den Münchner Kammerspielen. Differenziert und ohne Tabus wurde über das Thema Nahost diskutiert, so Minkmar, dabei ging es auch um den Vorwurf des "Genozid", dessen historischen Kontext Illouz erläuterte: "Schon 1948 erhob ihn der französische Autor Maurice Bardèche gegen Israel, später wurde der Vorwurf immer
wieder erneuert, und zwar bei jedem Konflikt Israels. Nebenbei sei es ein fester Bestandteil der sowjetischen Propaganda gewesen, Zionisten als die neuen Nazis darzustellen. Der Begriff sei also noch zu klären, sehr sicher aber habe es
Hunderte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Gaza gegeben, so Illouz. Die Lage der Menschen in Gaza erfordere sofortiges Handeln - die Debatte darüber, ob ein Genozid stattgefunden habe oder nicht, beschäftige die Linke zwar weiter massiv, trage derweil nur nicht dazu bei, die Situation der palästinensischen Zivilisten zu verbessern."
Dieser Abend wäre vielleicht auch interessant gewesen für jene
linken Intellektuellen, die sich am selben Wochenende in Zürich trafen (
unser Resümee), um zu klagen, dass man in Deutschland
nicht mehr frei reden dürfe (wenigstens eine Ansicht, die sie mit Trump teilen). Von Wissenschaftlichkeit war hier wenig zu spüren,
bedauert Thomas Ribi in der
NZZ: "Kritisiert wurden ausschließlich Deutschland und Israel. Der Rest war gegenseitiges Schulterklopfen. Ein Selbstvergewisserungsritual von linken Intellektuellen, die zu wissen glauben, dass sie auf der richtigen Seite der Geschichte stehen. Die Frage, ob in Gaza ein Genozid an der palästinensischen Bevölkerung stattfinde, wurde als Tatsache vorausgesetzt. Die
historischen Bedingungen der deutschen Staatsräson wurden ausgeblendet, und dass die deutsche Bundesregierung trotz dem Bekenntnis zu Israel die Kriegführung Israels in Gaza mehrfach kritisiert hat, wurde schlicht unterschlagen."
Michael Hesse fühlte sich hingegen gut informiert von diesem Abend, wie er in einem langen Artikel in der
FR schreibt. Er sieht bestätigt, dass Deutschland bereits weit nach rechts abgeglitten ist: "Wer nun erklärt, sie hätten doch mal auch die einladen sollen, die eine Gegenposition vertreten, übersieht, dass genau dies der Vorwurf an die Adresse war, die dies einfordert. Und wer jetzt im persönlichen Empörungsmodus über die Linke herfällt, muss sich vielleicht fragen, was Empörung mit vernünftiger Analyse zu tun hat. Es war keine
Abschiedsfeier vom Holocaustgedenken, sondern ein Symptom für eine
tieferliegende Unruhe: Das Treffen in Zürich von jenen Köpfen, die das Leben der politischen Linken in Deutschland entscheidend ausmacht, sollte eher als Hinweise einer Eruption zu verstehen sei, was gerade passiert." In der
taz schreibt Stefan Reinecke.