9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2211 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 222

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.01.2026 - Ideen

Auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ blickt der Historiker Gad Arnsberg auf die lange Geschichte des Antisemitismus zurück - und klärt die Antikolonialisten, die in Israel den "Prototyp eines virulenten Siedlerkolonialismus" ausgemacht zu haben glauben, auf: "Als Nachfahren früherer Bewohner entsprechen Juden - nicht minder als Palästinenser - der postkolonialen Definition von Indigenen. Zudem bestand stets eine jüdische Präsenz in Palästina. Das Land war als verlockende siedlerkoloniale Nutzfläche denkbar ungeeignet. Die Einwanderer betrieben Landerwerb, nicht Landraub. Der Zionismus zielte nicht auf die Ausbeutung der arabischen Bevölkerung, sondern auf jüdische Eigenarbeit. Der Jischuw - die jüdische Gemeinschaft in Palästina - strebte keine grenzenlose Expansion an, sondern stimmte zweimal einer Teilung zu, 1937 und 1947. (…) Was dem siedlerkolonialistischen Vorwurf dennoch Vorschub leistet, sind die Verwerfungen der Besetzung der Westbank und die medienwirksamen Ausschreitungen militanter Siedler."

Ulrich Gutmair resümiert in der taz eine Tagung in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, bei der kritisch über den Begriff der "Staatsräson" diskutiert wurde. Der Historiker Jacob Eder etwa sagte, dass der Begriff seit Merkels Rede inzwischen von allen Seiten "instrumentalisiert" werde. Gutmair selbst kritisiert, dass Merkels Rede meist verkürzt wiedergegeben werde, denn Merkel sprach sich auch für das palästinensische Recht auf Selbstbestimmung aus: "Deutschland tritt entschieden für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein - für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina."
Stichwörter: Arnsberg, Gad, Antisemitismus

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.01.2026 - Ideen

In seiner Dankesrede für den Werner-Schulz-Preis, den die SZ druckt, erinnert Marko Martin an den Prager Gemüsehändler, mit dessen Beispiel Vaclav Havel einst in seinem Essay "Versuch in der Wahrheit zu leben" die alltäglichen Unterordnungsrituale, die eine Diktatur am Leben halten, offengelegt hat. Nur selten wurde später erwähnt, dass sich für die deutsche Übersetzung dieses Essays "nur ganz wenige im Westen ... interessiert hatten, dass die präzise Analyse von Alltag und Repression, von willfähriger oder erzwungener Massen-Kollaboration eben keinen Eingang in westdeutsche Universitätsseminare gefunden hatte, in denen sie für zukünftige Lehrende und damit Multiplikatoren so wichtig gewesen wäre - als notwendige Ergänzung zu den hier viel diskutierten Texten der Frankfurter Schule, zu den erhellenden Studien über den (rechts)autoritären Charakter." Hat sich seitdem viel geändert? Menschenrechte werden immer noch sehr ausgewählt verteidigt, so Martin mit einem scharfen Seitenhieb nicht nur gegen den Verleger der Berliner Zeitung, Holger Friedrich: "Inzwischen hat der aktivistische Teil der Studierenden seine vermeintlich propalästinensischen Kufijas wieder eingepackt - auf Polnisch heißen diese übrigens 'Arafatka' - und macht offenbar auch keine Anstalten, sie wieder auszupacken, zum Beispiel zum Unterstützungsprotest für die jungen Menschen in Iran."

Ähnliches könnte man übrigens auch die Bundesregierung fragen, die gerade hunderten afghanischen Helfern und ihren Angehörigen, denen sie Aufnahme versprochen hatte, die Einreise nach Deutschland verweigert. "Das Verhalten der Bundesregierung ist nicht nur unzuverlässig, sondern auch schäbig", kritisiert in der SZ Tobias Matern. "Es verrät Menschen, die viel riskiert haben, um die einst hehren Ziele des Westens in Afghanistan umzusetzen - Menschenrechtlerinnen, Richter und ehemalige Helfer des Militärs. Die schwarz-rote Koalition setzt diese Menschen im Land der Taliban einer Gefahr aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2026 - Ideen

Die Entführung Nicolas Maduros war eindeutig ein Bruch des Völkerrechts, den die USA nicht einmal zu kaschieren trachten, erklären in der FAZ die Völkerrechtler Helmut Philipp Aust und Heike Krieger. Aber was folgt daraus für die deutsche Außenpolitik und für diejenige anderer europäischer Staaten? Ist es klug, sich mit dem Spruch "rechtlich komplex" aus der Affäre zu ziehen, weil man die USA in der Ukraine braucht? Das wäre zu kurz gedacht, finden die zwei: "Staaten wie etwa Brasilien, Mexiko, Kolumbien und Südafrika mussten sich bei der Debatte über den Fall Venezuela im Sicherheitsrat von Europa weitestgehend im Stich gelassen fühlen. Dass sieben europäische Regierungschefs unmittelbar danach mit Blick auf Grönland das Völkerrecht eindringlich beschworen, machte die Sache dem 'Globalen Süden' gegenüber nicht besser. Denn wenn Europa je nachdem, ob es sich um Venezuela oder Grönland handelt, einen doppelten Standard anlegt, ist Enttäuschung im 'Globalen Süden' vorprogrammiert. Dies in Kauf zu nehmen, liegt nicht im europäischen Interesse. Denn Europa wird eine Koalition mit dem 'Globalen Süden' benötigen, um sich der neo-imperialen Logik des Handelns der USA und Russlands, bei Gefahr eines Anschlusses von China, entgegenstemmen zu können."

A propos regelbasierte Ordnung. Sehr großen Eindruck gemacht hat die Davoser Rede des kanadischen Premierministers Mark Carney, der über eine neue, von Hegemonialmächten dominierte basierte Weltordnung und die Chancen kleinerer Staaten darin nachdenkt: "Die Frage für Mittelmächte wie Kanada ist nicht, ob wir uns an diese neue Realität anpassen sollen. Das müssen wir. Die Frage ist, ob wir uns anpassen, indem wir einfach höhere Mauern bauen - oder ob wir etwas Ambitionierteres tun können." Zum Beispiel, indem Kanada sich mit anderen Mittelmächten zusammenschließt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2026 - Ideen

In einem epischen Zeit-Interview über die Voraussetzungen für Kriege sagt der Politologe Herfried Münkler: "Als aufmerksamer Leser von Tolstois 'Krieg und Frieden' kennt man die Erzählung, dass während des Krieges eine hohe Friedenssehnsucht aufkommt. Aber im Frieden, in der Herbst- und Wintersaison, wenn in den größeren russischen Städten die Zeit der Bälle ist, beobachtet Tolstoi, wie bei den jungen Männern Enttäuschungen aufkommen. Sie fühlen sich nicht angekommen, nicht akzeptiert, und wünschen sich in den Krieg hinein. Der Krieg wird eine Flucht aus dem Frieden, wenn die Ergebnisse des Friedens frustrierend sind... Bestimmte Friedenszeiten führen dazu, dass der Krieg seinen Schrecken verliert und ein attraktiver Ort wird, dass eine Seite zu dem Ergebnis kommt: Wir sollten Krieg führen, denn das ist die einzige Möglichkeit zu verhindern, dass wir der Dritte, Vierte oder Fünfte werden."

In einem Text, den die taz von Project Syndicate übernomment hat, plädiert die singapurische Politikwissenschaftlerin Yuen Yuen Ang dafür, den Zusammenbruch der bisherigen Ordnung als Chance zu begreifen: "Wir brauchen eine neue Denkweise, die ich AIM nenne: Adaptive, Inclusive and Moral Political Economy. Anpassungsfähig zu sein bedeutet, Gesellschaften nicht als grobe Maschinen zu regieren, sondern als lebendige Netzwerke, die lernen und sich weiterentwickeln. Integrativ zu sein, bedeutet zu erkennen, dass der Fortschritt davon abhängt, was man hat. Das bedeutet, lokale Kreativität zu mobilisieren, anstatt die Modelle der Reichen und Mächtigen zu kopieren. Und moralisch zu sein bedeutet, anzuerkennen, dass Ideen von Macht geprägt sind - und dieses Ungleichgewicht zu beseitigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2026 - Ideen

Wir können in ganz normalen Alltagssituationen immer weniger handeln. Handeln wird stattdessen durch "automatisiertes Vollziehen ersetzt", bei dem wir nur noch vorgegebene Handlungsmöglichkeiten anklicken, warnt im Interview mit der Zeit der Soziologe Hartmut Rosa. Deshalb werden wir immer dümmer: "Meine Studierenden lassen künstliche Intelligenz nicht unbedingt den Essay schreiben, aber holen sich 'Anregungen von der KI'. Der Prozess, den ich Anverwandeln durch Handeln nenne, geht dabei flöten: Ob beim Essayschreiben, Geigespielen oder Autofahren, die bisherige Form des Lebens war eine wechselseitige Durchdringung von Welt und Subjekt. Die Geige wird ein Teil von mir. Ich versuche ein Essaythema zu durchdringen, aber ehrlich gesagt durchdringt es auch mich. Ich fange an zu denken und entwickle eine Position, aber wenn ich mir von ChatGPT die Argumente liefern lasse, kann ich sie bloß noch ein bisschen gewichten. Das hat mit mir und mit Anverwandlung nichts mehr zu tun."

Die politische Linke stilisiert Rosa Luxemburg als Ikone und Märtyrerin, begeht am 15. Januar, also auch heute, ihren Todestag, und oft wird ihr Satz "Freiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden" zitiert. Thomas Ribi sieht sie in der NZZ allerdings deutlich kritischer. Den Satz über die Freiheit habe sie tatsächlich geschrieben. "Aber eigentlich nur so nebenhin. Er steht als Randbemerkung im Manuskript eines unvollendeten Textes über die Russische Revolution, der erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurde. Worauf er sich genau bezieht, wird nicht ganz klar. Und so viel steht fest: Luxemburg gestand die Freiheit, anders zu denken, ihren Gesinnungsgenossen zu. Aber nur so lange, wie sie den Gang der Revolution nicht hemmen. Und für 'Klassenfeind' galt sie ohnehin nicht. Ein Vorbild für Toleranz ist Rosa Luxemburg nicht."

Den Begriff des "Globalen Südens" findet Marko Martin in einer kleinen Kolumne für Dlf Kultur tendenziell kolonialisitisch: "Ein jeder im 'globalen Norden' - und kein Zufall, dass diese Benennung kaum populär geworden ist - würde sich gegen den arroganten Irrsinn wehren, mit Millionen anderer Menschen und diversen Regierungen in einen Topf geworfen zu werden. Zu recht wütend würde hier auf Individualität bestanden werden. Weshalb also verweigert man 'den' Menschen im sogenannten 'Globalen Süden' just dieses Menschenrecht der genauen Wahrnehmung?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.01.2026 - Ideen

Elon Musks KI Grok, die wegen ihrer sexualisierten Deepfakes in die Schlagzeilen geriet, trägt ein Lächeln auf dem Gesicht, aber dahinter steckt ein Shoggoth, eine biologische Maschine, die einst der amerikanische Dichter H.P. Lovecraft erfand. Das hat System, meint in der FAZ Kira Kramer: "Die Maske symbolisiert die Janusköpfigkeit heutiger Chatbots: Hinter dem harmlos-freundlich wirkenden Assistenten (dem aufgeklebten Smiley-Face) steckt ein form- und gesichtsloses Statistik-Monster, das wir nie direkt zu sehen bekommen (der Shoggoth). Nur die kleine Maske aus höflichen Floskeln und Sicherheitsfiltern hält uns davon ab, in das wahre Antlitz unserer technologischen Sklaven zu blicken. ... Beunruhigend ist weniger der Kontrollverlust, den Elon Musks KI uns gerade vorführt, als vielmehr unsere wachsende Gewöhnung an die Illusion, eine KI könnte unsere Werte teilen. Wir nehmen die Maske für ihr Gesicht. Weil die Maschine sonst sprachlich geschmeidig reagiert, halten wir sie für empathisch - und das Sprachgeflecht für Vernunft. So verschiebt sich Maßstab um Maßstab: Kohärenz ersetzt Wahrheit, Form ersetzt Urteil. Der Mythos kehrt damit nicht als Horror, sondern als Kulturtechnik zurück."

Der Austritt der USA aus der Völkerrechtskommission der Vereinten Nationen ist eine Zäsur, aber eine, die man nutzen kann, erklärt in der FAZ Alexandra Kemmerer. Sie prophezeit eine "Neuausrichtung der bestehenden Institutionen. China hat nach den vollmundigen Statements aus Washington postwendend seine Solidarität mit den Vereinten Nationen versichert. Nicht nur dort, sondern auch in Indien und anderen Ländern des Globalen Südens hat man seit etwa zwanzig Jahren bemerkenswerte völkerrechtliche Expertise aufgebaut. Dort wird die Entwicklung neuer Konzepte und Ideen vorangetrieben, im Zusammenspiel mit einer genauen Analyse der historischen Entwicklung des westlich geprägten Völkerrechts und seiner theoretischen Grundlagen (für deren Verständnis man nicht bei Carl Schmitt stehen bleiben sollte)." Kurz: "Wir stehen nicht vor einem Ende des Völkerrechts, sondern mitten in einem grundlegenden Strukturwandel, der nicht beklagt, sondern gestaltet werden muss." Dass ausgerechnet China und Modis Indien für eine neue Ordnung stehen sollen, lässt einen aber doch erst mal schlucken.
Stichwörter: Künstliche Intelligenz, Grok

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.01.2026 - Ideen

Beherrschen wir die Künstliche Intelligenz oder sind wir nur noch die Hausmeister unserer Schöpfung? Das fragte der schwedische Ideenhistoriker Johan Fredrikzon kürzlich in einem Vortrag an der Freien Universität Berlin, den Elke Schmitter für ihre Perlentaucher-Kolumne "ein wort gibt das andere" hörte: "Bei allem, was mit AI zu tun hat, kämpfe ich stets mit Resignation. Die Sache scheint einerseits zu groß, andererseits zu klein. Wie soll man mit etwas umgehen, das in detailliert ausgepinselten Szenarien uns alle, die Menschheit, vernichten könnte, das aber andererseits auf den Klick des kleinen Fingers folgt ... Es ist wohl Temperamentssache, ob man erregungsfroh den allgemeinen Untergang fantasiert oder sich an einen alten Aufsatztitel von Maurice Blanchot hält, der da lautet: 'Die Apokalypse enttäuscht'."

Der Philosoph Wilhelm Schmid plädiert in der SZ dafür, beim Konzept der "Nachhaltigkeit" auch die Sicherheit mitzudenken. Innere Sicherheit, Absicherung der Infrastruktur, digitale Sicherheit und auch Verteidigungsfähigkeit gelte es, zu stärken. Schmid nennt das "nachhaltige Sicherheit": "Zivilschutz, Rotes Kreuz, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk, Katastrophenhilfe erhalten nun wieder mehr Aufmerksamkeit. Die Höherbewertung von Fragen der Sicherheit führt auch deutlicher vor Augen, wie sehr die Säulen der Nachhaltigkeit miteinander verbunden sind. Wer könnte noch Diskussionen über Ökologie führen, wenn über den Köpfen feindliche Drohnen kreisen und auf den Straßen Panzer rollen? Was würde es der Ökologie nützen, wenn Autokraten das Ruder übernehmen, die sich für dieses Thema wenig interessieren?"

Vergleiche Donald Trumps mit Nero (wie Gustav Seibt in der SZ) oder Augustus (wie Mischa Meier in der FAZ) treffen nicht, findet Andreas Kilb heute in der FAZ. Denn mit der Antike habe das 21. Jahrhundert wenig zu tun. Sehr viel näher liegt für Kilb der Blick aus das vom Imperialismus geprägte 19. Jahrhundert: "Die Politik der Vereinigten Staaten unter Donald Trump ist eine Kopie derjenigen Großbritanniens vor 1914, sie folgt der berühmten Maxime Lord Palmerstons, des britischen Premiers zur Zeit des Krimkriegs und des amerikanischen Bürgerkriegs, nach der ein Land keine dauerhaften Freunde oder Feinde, sondern nur ewige Interessen hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.01.2026 - Ideen

In der taz zeichnet Klaus Hillenbrand die Geschichte des Zionismus nach, der Teilen der Linken heute als Inbegriff des Bösen gilt. Hillenbrand betont: "Die Vorstellung, der Zionismus sei eine 'rechte' Ideologie, ist falsch". "Dass der Zionismus es grundsätzlich darauf anlege, die arabische Bevölkerung zu unterdrücken, ist eine Interpretation, die an den Tatsachen vorbeigeht. Es genügt ein Blick in Herzls Zukunftsroman 'Altneuland' aus dem Jahr 1902, um deutlich werden zu lassen, dass der Vordenker der Bewegung partnerschaftliche Beziehungen zu den Arabern anstrebte." Die "Sichtweise auf den Zionismus als eine tendenziell rechtsradikale, prinzipiell gegen Palästinenser gerichtete Bewegung hält einer historischen Überprüfung nicht stand. Wer glaubt, Zionismus mit Unmenschlichkeit und Unterdrückung gleichsetzen zu können, befindet sich auf dem Holzweg. Vielmehr stellt sich die Frage, ob Teile der israelischen Regierung noch als zionistisch bezeichnet werden können, widersprechen ihre Handlungen doch zionistischen Grundvorstelllungen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2026 - Ideen

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Trump hat sich mit seinem Venezuela-Coup wie ein klassischer amerikanischer Imperialist verhalten, allerdings ohne jede ideologische Bemäntelung, sagt der in China lehrende Politologe Daniel Marwecki, dessen Buch "Die Welt nach dem Westen" gerade erschienen ist, im Gespräch mit Oliver Weber von der FAZ. Allerdings sei Amerika ein absteigendes Imperium, so Marwecki, für den die Sonne in China aufgeht: "Allen voran China beherrscht inzwischen einen Großteil der weltweiten Industrieproduktion. Womöglich werden viele Deutsche bald Elektroautos von BYD statt von Volkswagen fahren. Militärisch kann China mit den USA noch lange nicht mithalten; aber die Größe des Landes, sein Bevölkerungsreichtum, vor allem aber seine Wirtschaftskraft haben die Vorstellung eines westlich dominierten Planeten anachronistisch gemacht. Und es ist längst nicht nur China, das sich westlicher Vorherrschaft verweigert."

Thomas Thiel resümiert ebenfalls in der FAZ einen Vortrag des Ökonomen Moritz Schularick, der auf Ähnliches hinausläuft: "Das amerikanische Venezuela-Abenteuer ist zugleich eine Warnung an China, sich aus der amerikanischen Einflusssphäre herauszuhalten, und eine Einladung sich Taiwan einzuverleiben, womit dann auch der Zugang zu Hochleistungschips in chinesischer Hand wäre. Europa, das den Anschluss an die neuen Technologien verloren hat, die in vielen industriellen Bereichen disruptive Fortschritte versprechen, träfe das besonders hart."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2026 - Ideen

In der FAZ zeigt sich Simon Strauß ziemlich beeindruckt von einer Aussage der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Angesprochen auf Trumps Drohung, Grönland zu überfallen, also ein anderes Nato-Land, erklärte sie im dänischen Fernsehen: "Sollten sich die USA zu einer solchen Attacke entscheiden, dann sei 'alles vorbei'. Im dänischen Original lautet der Satz: 'Hvis USA vælger at angribe et andet NATO-land, så hører alting op.' Så hører alting op - wörtlich übersetzt: 'dann hört alles auf'. Es ist bemerkenswert, dass eine Politikerin hier die engen Bahnen der politischen Funktionsrhetorik verlässt und ins Ungefähre einer metaphysischen Redeweise eintritt. Einer Vorstellungswelt, die uns das Ende von allem - man will hinzufügen 'allem Gewohnten' - vor Augen führt und nicht versucht, das potentiell Umstürzende der Vorgänge psychologisch abzufedern." Für Strauß "klingen schon die Töne einer anderen Zeit herüber".

In der FAZ vergleicht der Historiker Mischa Meier Donald Trump mit einem römischen Kaiser - aber nicht mit Caligula oder Nero, wie kürzlich Gustav Seibt in der SZ (unser Resümee), sondern mit Augustus. Wie Tacitus bei Augustus erkennt Meier bei Trump die Markierungspunkte auf dem Weg zu einer monarchischen Ordnung: "fortschreitende autoritäre Umgestaltung der politischen Ordnung, Aufstellung des Militärs als Drohgebärde gegen die eigene Bevölkerung, ein nonchalant-aushöhlender Umgang mit den überkommenen Institutionen, die Durchsetzung eines ideologisch-moralischen Erneuerungsprogramms, Vorgehen gegen traditionelle Eliten, gegen politische Gegner und Andersdenkende, Erzeugung einer Kultur der Ehrerbietung und des Schmeichelns, Bruch mit den etablierten Maximen der Außenpolitik durch eine grundlegende, auf den Herrscher zentrierte Neuordnung der Welt und - zuletzt - die Selbststilisierung als Friedensbringer. Aus gegenwärtiger Perspektive beunruhigt an der Politik des Augustus vor allem eines: Sie war in jeder Hinsicht erfolgreich."

Mit seiner "Donroe-Doktrin" lehnt sich Donald Trump eher an seinen Amtsvorgänger Theodore Roosevelt an, der seiner Zeit mit einem "Roosevelt-Korollar" einen "internationalen Polizeidienst" forderte und beispielsweise in Kuba und Haiti einfiel, schreibt Marc Tribelhorn in der NZZ. Das findet sich auch bei Trump und seiner neuesten Sicherheitsstrategie wieder: "Eine zentrale Neuerung ist das sogenannte 'Trump-Korollar' zur Monroe-Doktrin. Gemäß dieser soll Konkurrenten - insbesondere China und Russland - verwehrt werden, strategisch bedeutsame Vermögenswerte in der westlichen Hemisphäre zu besitzen oder zu kontrollieren. Damit zeigt sich auch, dass sich Donald Trump mit seiner 'Donroe-Doktrin' mehr auf Theodore Roosevelts Kanonenbootpolitik beruft als auf die ursprüngliche Monroe-Doktrin", die eigentlich nur bedeutete, im Falle von fremden Invasionen die westliche Hemisphäre zu verteidigen.

Trump hat sicher alles getan, die Demokratie in Amerika zu untergraben, "gleichwohl", meint Claus Leggewie in der taz, "die amerikanische Demokratie, so unfertig sie immer blieb, hat die Könige davongejagt und frühere Kipppunkte überstanden, darunter die Reichen-Oligarchie am Ende des 19. Jahrhunderts und die erste Welle falscher America-first-Propheten, die sich in den 1930er Jahren am liebsten mit Adolf Hitler verbündet hätten. Vom Alter des Greises, der im Juni 80 wird, war noch gar nicht die Rede, der unüberwindbar wirkende Präsident verliert seine Aura. Dem kann im Jahr 2026 mit einer Machtentziehungskur nachgeholfen werden."