Dänemark hat ja schon mal Inseln an die USA verkauft, erinnert Arno Widmann in der FR, die Virgin Islands in der Karibik im Jahr 1917. Die Inseln hatten sich für Dänemark einfach nicht mehr gelohnt: "Den Sklavenhandel hatte Dänemark offiziell zwar schon im Jahr 1792 abgeschafft. Aber die Sklaverei in den westindischen Kolonien bestand weiter. Es gab immer wieder Aufstände dagegen. Bis endlich nach einem weiteren Aufstand auf der Insel St. Croix am 3. Juli 1848 der dänische Gouverneur die Sklaverei beendete. Das war das Aus nun auch für die Zuckerplantagen. Die Kolonien waren nur noch eine Last für Dänemark."
Der Historiker Marcel Bois beschäftigt sich mit Sport im Nationalsozialismus. Gerade hat er eine Studie zum Hamburger Ruderinnen-Club vorgelegt. Was Bois im taz-Gespräch mit Petra Schellen über den Club sagt, entspricht Götz Alys ("Wie konnte das geschehen") These von der gesellschaftlichen Modernität der Nazis. "Beim 'Hamburger Ruderinnen-Club von 1925'... lässt sich eine hohe ideologische Nähe zum Nationalsozialismus feststellen. Ein Grund war sicherlich, dass das Regime das Frauenrudern gefördert hat. Anders als noch in der Weimarer Republik durften Frauen nun beispielsweise Wettkämpfe veranstalten." Organisatorisch lief das so ab: "Die bisherige Vorsitzende Sophie Barrelet wurde zur 'Führerin' bestimmt, die nicht abgewählt werden konnte. Zudem führte der Verein schon 1933 den gegen Juden gerichteten 'Arierparagrafen' ein - was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht hätte tun müssen. Und ab 1935 stand in der Satzung des Hamburger Ruderinnen-Clubs: 'Der Verein bezweckt die leibliche und seelische Erziehung seiner Mitglieder im Geiste des NS-Volksstaats.'" Bois' Studie ist auf der Website des Clubs als pdf-Dokument lesbar.
FAZ-Korrespondent Johannes Leithäuser stellt Forschungen der britischen Historikerin Amy Williams zu den "Kindertransporten" um das Jahr 1938 vor. Meist auf Initiative jüdischer Organisationen wurden Kinder aus Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei nach Großbritannien und in andere Länder verschickt. Die Forschungen zeigen, dass die Verschickungen "keinesfalls dem Szenario einer überstürzten Massenflucht folgten, sondern in bürokratischen Verfahren organisiert wurden, mit Schreibmaschinenlisten, Durchschlägen, Ankündigungen, Genehmigungen, Fahrkarten, Pässen, Nummern und Stempeln", so Leithäuser. Und die Deutschen überwachten die Aktion genau: "Die Akten enthalten auch Hinweise, dass Adolf Eichmann, der später zum Organisator der Vernichtungstransporte wurde, zu jener Zeit in Wien im Hintergrund agierte und gelegentlich eingriff, um die Kindertransporte nach England zu beschleunigen. Williams zeigt in ihren Dokumenten Beispiele aus dem Schriftverkehr mit der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) - die in jedem einzelnen Fall ihr Einverständnis zur Ausreise eines jüdischen Kindes zu geben hatte. Und die später, falls die Fluchtadressen der Kinder nicht in Dänemark, sondern in den Niederlanden oder Belgien lag, nach der Besetzung dieser Länder versuchte, der Kinder dort wieder habhaft zu werden."
Schätzungsweise 45.000 Armenier fielen dem sowjetischen Terror zum Opfer, darüber gesprochen wird in Armenien bis heute kaum, schreibt auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ der Historiker und Kulturwissenschaftler Mikhail Ilchenko. Nicht zuletzt aus Angst vor Russland: "Jede Kritik an der sowjetischen Geschichte wird im Kreml mit Verärgerung aufgenommen. Mit dem Verlust von Bergkarabach hat Armenien die Prioritäten seiner Außenpolitik erheblich überarbeitet. Dennoch bleibt das Land in vielen Bereichen weiterhin von Russland abhängig. Daher ziehen es die armenischen Behörden vor, in ihren Beziehungen zum Kreml Konflikte zu vermeiden. 'Es hat sich so ergeben, dass jedes Wort über Repressionen als antirussisch, ja sogar als gegen Russland gerichtet wahrgenommen wird. Russland bezieht das Thema Repressionen auf sich...', sagt Hranush Kharatyan, eine der renommiertesten Forscherinnen zur sowjetischen Geschichte in Armenien."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore hat ein Buch über große Familien-Dynastien und der Bedeutung für die Geschichte geschrieben. ImInterview mit der FRerklärt er, warum wir uns alle sehr viel ähnlicher sind als wir glauben: "Man muss sich bewusst machen, dass dynastische Genealogien im Grunde immer gigantische Netze sind. Wenn man im 9. Jahrhundert ansetzt, ist praktisch jeder Mensch in Europa, dessen Abstammung sich lückenlos verfolgen lässt, mit denselben Ursprungspersonen verbunden. Ein Beispiel: Fast jede Engländerin und jeder Engländer mit tiefen Wurzeln im Land stammt von König Edward III. ab. Er hatte zehn Kinder, die alle wiederum heirateten und Nachkommen hatten. Das summiert sich exponentiell. Oder nehmen Sie Dschingis Khan: In Zentralasien trägt ein großer Teil der männlichen Bevölkerung genetische Spuren, die auf ihn zurückgehen. Das ist ein schwindelerregender Gedanke und zugleich ein Beleg dafür, wie eng verflochten Menschheitsgeschichte ist."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ziemlich begeistert ist FAZ-Kritiker Andreas Isenschmid von der Ausstellung "Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" im Jüdischen Museum Hohenems. Über die "jüdische Neugier für den Islam" lernt Isenschmid hier Interessantes: "Wer kannte schon die Fotos, mit denen der Ethnologe Erich Brauer, Scholems von ihm viel gescholtener Freund, die Alltagskultur jüdischer Gemeinschaften in Jerusalem erforschte? Wer seine ethnographischen Forschungen über die jüdischen Gemeinschaften des Jemens und Kurdistans? Wer Vambéry, der Theodor Herzl den Weg zum Sultan bahnte? Wer die verfemte Berliner Ägyptologin Hedwig Fechheimer, lange mit Carl Einstein liiert, deren bei 1914 Cassirer verlegte Schrift 'Die Plastik der Ägypter' nicht nur Alberto Giacometti inspirierte? Sie nahm sich 1942 das Leben, um der Deportation zu entgehen."
Gabriele Lesser erzählt in der taz, wie die Polen vor achtzig jahren ihre von den Deutschen fast vernichtete Hauptstadt Warschau wieder aufbauten. Ohne Konflikte, Widersprüche und historische Verdrängung ging das nicht ab. Zum einen gab es zwei verschiedene Architektenschulen - die eine wollte Tabula Rasa, die andere Wiederaufbau. Auch der Wiederaufbau, der dann folgte war dann alles andere als lückenlos. Das Ghetto wurde planiert, der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Geschichte der Stadt komplett verdrängt. Ähnliches galt für Jugendstilbauten, die von den Kommunisten als dekadent angesehen wurden. Aufgebaut wurde vor allem die Altstadt - mit Einschränkungen: "Die Kommunisten forderten, dass die christlichen Heiligenfiguren an den einstigen Fassaden durch Götter der Antike zu ersetzen waren. Statt der heiligen Maria schützt nun beispielsweise Diana, die römische Göttin der Jagd, ein Haus. Den Baumaterialien des Mittelalters - Ziegel und Holz - blieb man allerdings treu. Da es nur wenige Schwarz-Weiß-Fotos aus der Vorkriegszeit gab, griff Zachwatowicz auf die Veduten des königlichen Malers und Venezianers Canaletto aus dem 18. Jahrhundert zurück, ließ die Farben auf den Ölgemälden erneut anrühren und damit die Fassaden der neuen Altstadthäuser streichen. 1980 wurde Warschaus Altstadt auf die Unesco-Weltkulturliste aufgenommen. Bis heute trägt sie als einzige den Titel 'wiederaufgebaute Altstadt'."
Die Geschichtspolitik des neuen rumänischen Präsidenten Nicușor Dan ist eine herbe Enttäuschung, schreibt der deutsch-rumänische LyrikerAlexandru Bulucz in einem kleinen Essay für die FAZ. Er erinnert an zwei historische Umstände: Die Rumänen betrieben im Zweiten Weltkrieg sozusagen ihren eigenen Holocaust und brachten aus eigener Initiative Hunderttausende Juden um. Zweitens: Wie in alle kommunistischen Ländern wurden die Verbrechen an den Juden, sowohl die eigenen als auch zum Teil die der Nazis, im Sinne einer antifaschistischen Geschichtserzählung beschwiegen. Präsident Dan wendet sich nun zunächst gegen ein Gesetz zur historischen Aufarbeitung und wurde dafür von Vladimir Tismăneanu, dem ehemaligen Vorsitzenden der "Präsidialkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien" kritisiert. Schlimmer noch ist "Dans Auszeichnung eines hundertsiebenjährigen Kriegsveteranen am rumänischen Nationalfeiertag 2025. Der Geehrte hatte an militärischen Operationen in Räumen rumänischer Beteiligung an Deportationen und Massenmorden teilgenommen. Tismăneanu nennt diese Ehrung 'in höchstem Maße verstörend'."
Die Sparkassen feiern zwar bald ihren Zweihundertsten, sind aber bisher noch nicht besonders durch Aufarbeitung ihrer Geschichte aufgefallen. Nun berichtet Henning Bleyl in der taz über eine Studie des Historikers Harald Wixforth zur Sparkasse Bremen (viele andere Sparkassen wollten sich von ihm lieber nicht untersuchen lassen, so Bleyl). Aus den Akten der Bremer Sparkasse zeigt sich, wie Gleichschaltung funktionierte: "Seit 1935 verschickte die Reichsbank Listen mit Personen, darunter viele politische Gegner, an die keine 'Registerguthaben zu Reisezwecken' ausgezahlt werden durften. Zunächst geschah dies noch eher verdeckt: 'Wir ersuchen ergebenst, die Aufstellung im Dienstgebrauch möglichst unauffällig einzusehen', heißt es in einer Anweisung. 'Über ihr Bestehen darf keine Auskunft erteilt werden. Insbesondere ist auch der Ausdruck 'schwarze Liste' unter allen Umständen zu vermeiden.' 1938 fielen solche Hemmungen: Auf die Kontokarten jüdischer Kund:innen musste auf Anordnung der Reichsbank mit roter Tinte 'Israel' oder 'Sara' geschrieben werden. Ab 1942 wurden die Guthaben an die Reichsbank abgeführt - ebenso der Schmuck aus den Schließfächern."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Baumwolle ist das, was den Kapitalismus in seiner modernen Form begründete, meint der Historiker Sven Beckert, Autor einer monumentalen Globalgeschichte des Kapitalismus, im Gespräch mit Michael Hesse von der FR: "Die Geschichte des Kapitalismus ist beides - die Geschichte der Sklavenplantage - und die Geschichte der Lohnarbeit. Die Dynamik der Baumwolle macht das besonders sichtbar."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Wer waren die Nazis?, fragt der britische Historiker Richard J. Evans in seinem neuen Buch. Im SZ-Interview mit Joachim Käppner gibt er schon mal ein paar Antworten. Auffallend sei, dass in der oberen NS-Riege die Arbeiterschicht nicht vertreten gewesen sei, alle seien aus bürgerlichen Verhältnissen gekommen. Das widerlege den Spruch vom "Beefsteak-Nazi": "Er sei außen braun und innen rot, wie das Beefsteak. Aber das ist falsch. Es ist nicht das, was wir finden, wenn wir die entscheidenden Leute im Nationalsozialismus ansehen. Ehemalige Kommunisten gab es hier gar nicht. Nicht in der Breite, wohl aber an der Spitze war der Nationalsozialismus eine Bewegung der middle classes, der Mittelschichten. Selbst Ernst Röhm, der Führer der SA, der Sturmtruppen, inszenierte sich selbst als eine Art Landsknecht, als harten Soldatentypen, aber er kam aus einer bürgerlichen, monarchistisch gesonnenen Familie."
Die Berner Historikerin Hannah Einhausblickt in der NZZ auf das Leben des einzigen Schweizers, "der ab 2001 bis zu seinem Tod 2008 auf der Terrorliste der USA stand": der Aktivist Ahmed Huber, der israelfeindliche Positionen in der Schweiz salonfähig machte. Geprägt durch die antisemitischen Ansichten des Großmuftis von Palästina, Mohammed Amin al-Husseini, verbreitete er seine Positionen unter anderem in der Schweizer Zeitung Neutralität, wie wir lesen: "'Ein Staat, der nicht unter islamischem Recht stehe, habe keine Aussicht auf Anerkennung und Frieden, schrieb er in der Ausgabe vom September 1967, kurz nach dem Sechstagekrieg. 'Wer sich im Dar-al-Islam (im islamischen Raum, Anm.d.Perlentauchers) mit List und Gewalt niederlässt und Moslems bedrängt oder vertreibt, gegen den schreibt Gott im Qur-ân den Jihad vor - den Heiligen Verteidigungskrieg des Islam.' Anders gesagt: Ein Staat unter jüdischer Souveränität ist für Islamisten inakzeptabel, ein Frieden undenkbar."
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