9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1584 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.08.2025 - Geschichte

In der Welt stellt Garri Kasparow klar: Der Vergleich zwischen Chamberlains Abtretung des Sudentenlandes an Hitler 1938 lässt sich nicht unbedingt mit der Situation zwischen Trump und Putin heute vergleichen. Während Chamberlains Verhalten im historischen Kontext nicht mutig, aber verständlich gewesen sei, ist das gefährliche Potenzial Russlands heute nicht zu übersehen: "Chamberlain könnte man vorwerfen, Hitler den Vorteil des Zweifels gegeben zu haben. Diese Entscheidung kann man als feige kritisieren (leider kann nicht jeder ein Churchill sein), aber angesichts der damals verfügbaren Informationen war sie auch rational. Würde Trump Putin den Donbass überlassen, wäre das weitaus schlimmer. Niemand glaubt heute, dass Putin den Vorteil des Zweifels verdient. Abgesehen davon, dass Hitler als Person im Jahr 1938 mit Putin im Jahr 2025 nicht gleichzusetzen ist, war das globale Kräfteverhältnis damals völlig anders. Es war durch den Vertrag von Versailles festgelegt worden, den Chamberlain als nicht besonders gerecht empfand. Verständlicherweise wollte er zeigen, dass er bereit war, eine andere Position einzunehmen; aus dieser Perspektive konnte eine versöhnlichere Haltung als gutgläubiger Versuch angesehen werden, das Machtgleichgewicht neu zu kalibrieren (...)."

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Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: "Zahllose in den Weimarer Jahren ganz überwiegend in linken, liberalen und freigeistigen Kreisen verortete Künstler spielten fröhlich und privilegiert bis zum Schluss mit. Manche, wie Erich Kästner, bauten kleine Botschaften gegen die Herrschenden in ihre Werke ein, die das nicht kratzte. Ob sie nun Wilhelm Furtwängler hießen oder Heinrich George, Marika Rökk, Emil Jannings oder Johannes Heesters: Ihnen ging's prächtig."
Stichwörter: Kasparow, Garri

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2025 - Geschichte

In der taz erinnert Klaus Hillenbrand an den Frankfurter Auschwitz-Prozess vor sechzig Jahren. Er kam nur durch eine Reihe von Zufällen zustande, die dem Staatsanwalt Fritz Bauer die Gelegenheit boten, einen zentrales, symbolhaftes Ereignis zu organisieren: "Der anderthalb Jahre währende Prozess im Frankfurter Römer löste Debatten über deutsche Verantwortung und Schuld aus, die es so nach 1945 nicht gegeben hatte. Es waren eben nicht nur die Nazigrößen von Hitler bis Goebbels, die sich schuldig gemacht hatten, wie man es in Adenauers Republik gerne darstellte, sondern auch die Hunderttausenden, die in Konzentrations- und Vernichtungslagern, bei den Einsatzgruppen und anderen Mordbanden aktiv waren."

Wie sich Deutschland direkt nach dem Krieg für einen Auschwitz-Überlebenden anfühlte, erzählt der hundertjährige Albrecht Weinberg, ebenfalls in der taz, im Gespräch mit Jens Uthoff: "Ich lief durch die Gegend wie ein geschlachtetes Huhn, das noch laufen kann." Er, seine Schwester Friedel und sein Bruder Dieter hatten irgendwie überlebt. Ihre Rückkehr nach Leer, Ostfriesland, woher sie stammten, sah so aus: "Dieter erzählte, er sei in Leer nicht mit offenen Armen empfangen worden. 'Wieso hat man dich nicht in den Gasofen gesteckt?', hätte ihn einer gefragt. Wir erfuhren, dass unsere Eltern in Auschwitz ermordet worden waren. Dieter starb 1946 unter ungeklärten Umständen, man fand ihn tot im Kanal, wir erfuhren nie, was passiert ist. Friedel und ich wanderten kurz darauf nach Amerika aus und lebten dort zusammen."

Außerdem: In einer FAZ-Reihe zu 75 Jahren Friedenspreis des deutschen Buchhandels erinnert Emma Braslavsky an die Friedenspreisrede Carl Friedrich von Weizsäckers im Jahr 1963. In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ erinnert Hendrik Simon an Hugo Grotius' Klassiker des Völkerrechts "Über das Recht des Krieges und des Frieden" vor 400 Jahren. In der NZZ veröffentlicht die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur einen Rückblick auf die iranische Revolution. Ebenfalls in der NZZ erinnert Ulrich M. Schmid daran, dass die Großmächte USA und Russland nicht zum ersten Mal in Europa die Grenzen ziehen.

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Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: "Vor einem scheute Hitler in seiner Vabanque-Politik zurück: vor Kriegsanleihen. Wegen der seit 1938 offenkundigen Weigerung der Bevölkerung und insbesondere des wohlhabenden Bürgertums, das eigene Geld in Rüstungs- und Kriegsanleihen anzulegen, musste er andere, 'geräuschlose' Wege der Kriegsfinanzierung finden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.08.2025 - Geschichte

In der NZZ empfiehlt der Politikwissenschaftler und Jurist Jörg Himmelreich die Lektüre von Karl Marx' Artikelserie "Enthüllungen zur Geschichte der Diplomatie im 18. Jahrhundert" die er 1856/57 zum Krimkrieg und zur "russische Herrschaftskultur als 'asiatische Despotie'" veröffentlichte. Marx kritisierte scharf die Briten, die die Polen beim Aufstand 1865 Zar Alexander II. überließen. "Nach den Teilungen im 18. Jahrhundert gehörte Polen nominell zu weiten Teilen zum Zarenreich und hatte sich schon mehrfach vergeblich gegen dessen Herrschaft aufgelehnt. Den milden Pariser Frieden am Ende des Krimkriegs nutzte Russland, um 1877 erneut in die Donaufürstentümer einzufallen. Gleichzeitig eroberte Russland Zentralasien. 'Die Expansion folgt der Expansion', wie Friedrich Engels sarkastisch festhielt. Diese Ereignisse machten Marx zu einem leidenschaftlichen Verfechter der polnischen Unabhängigkeit - und zu einem ebenso leidenschaftlichen Kritiker der britischen Außenpolitik, der es in Europa vor allem um möglichst schnellen politischen und wirtschaftlichen Ausgleich mit Russland ging. ... Führende Sozialisten widersetzten sich Marx. Sie sprachen Polen als dem einst größten Staat und mächtigen Königreich Osteuropas schlicht das Existenzrecht ab", und warfen ihm vor, Unfrieden nach Europa zu bringen - was Himmelreich stark an die Diskussion über die Ukraine erinnert.

In der FAZ berichtet Thomas Thiel von einem Streit zwischen der Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße in Potsdam, die am 23. August der Opfer von Nationalsozialismus und Kommunismus gleichermaßen gedenkt, und ihrem Träger, der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten (SBG), die ein solches gemeinsames Gedenken ablehnt: "Der Streit berührt grundsätzliche Fragen der Erinnerungskultur. Die Gegner des Gedenktags befürchten, das fusionierte Gedenken könne den völkisch-rassischen Vernichtungshass des NS-Regimes unzulässig auf den Kommunismus ausdehnen und die Verantwortung des NS-Staats für den Weltkrieg in einer totalisierenden Opferperspektive überblenden: aquarellierte Erinnerung. Die Befürworter, es handelt sich vor allem um Osteuropahistoriker, beklagen einen Doppelstandard in der Erinnerungskultur. Erinnerungspolitisch seien die Folgen der sowjetischen Gewaltherrschaft unterrepräsentiert. Zu oft sei der Blick auf den Kommunismus, den man allein an seinen guten Absichten messe, noch verklärt, dazu komme ein eklatantes Desinteresse am tragischen Schicksal Osteuropas im zwanzigsten Jahrhundert."

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Wir setzen unsere Vorabdruckreihe aus Götz Alys neuem Buch fort: Immer wieder zitiert Götz Aly in "Wie konnte das Geschehen?" auch die Hellsichtigen. Zu ihnen gehörten etwa der 1933 ins Exil getriebene Ökonom Wilhelm Röpke oder Carl Friedrich Goerdeler, bis zum Januar 1937 Oberbürgermeister der Stadt Leipzig, der später in Plötzensee hingerichtet wurde. Beide benannten früh ein Prinzip der Hitlerschen Politik: Kredite, die später durch Raub refinanziert werden sollten. Hierum geht's in unserem fünften Auszug.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2025 - Geschichte

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"Wie konnte das geschehen?" ist eine Kinderfrage und zugleich die ambitionierteste Frage, die man im Blick auf die Nazizeit stellen kann. Wir veröffentlichen seit einigen Tagen einige kurze Abschnitte aus Götz Alys Buch gleichen Titels vorab:

Teil 3: Priester einschüchtern
"Wir haben weder Ruh noch Rast, bis der Bischof hängt an einem Ast." Die Katholiken waren wesentlich weniger begeistert von den Nazis als die Protestanten. Die Widerspenstigkeit der Katholischen Kirche fürchtete Hitler darum mehr als die manch anderer Gruppen. Aber die Kirche bot eine fantastische Angriffsfläche: Sexuellen Missbrauch. Zur Leseprobe.

Der bekannte Antisemitismus-Historiker Jeffrey Herf postet auf Facebook einen Artikel der Baltimore Sun, in dem es um die größte Lehrergewerkschaft der USA, die NEA, geht. Gestolpert ist die Zeitung über die sehr eigenwillige Holocaust-Definition in einem Handbuch über ihre Aktivitäten, das die Gewerkschaft in jedem Jahr publiziert. "In der 434-seitigen Fassung von 2025 heißt es in einem Abschnitt mit dem Titel 'Neue Aufgaben', dass die Gewerkschaft 'die Feier des Internationalen Holocaust-Gedenktags fördern wird, indem sie mehr als zwölf Millionen Opfer des Holocaust aus verschiedenen Glaubensrichtungen, Ethnien, Rassen, politischen Überzeugungen, Geschlechtern und Geschlechtsidentitäten, Fähigkeiten/Behinderungen und anderen Merkmalen anerkennt'. In der einen Absatz langen Erklärung wird nicht erwähnt, dass die Nazis ausdrücklich versucht haben, das jüdische Volk in Europa zu vernichten, oder dass sie sechs Millionen Juden ermordet haben, mehr als die Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe, eine Zahl, die von Historikern weltweit anerkannt ist." Abgesehen davon, dass sich der Begriff "Holocaust" auf den Judenmord bezieht und nicht auf die Gesamtheit aller Naziverbrechen.
Stichwörter: Herf, Jeffrey, Aly, Götz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Der Historiker Jörg Arnold bespricht in hsozkult.de das Buch "Operation Donnerschlag - Imperiale Aufstandsbekämpfung aus der Luft und das 'Morale Bombing' deutscher Städte durch die britische Royal Air Force 1945" seines Kollegen Lukas Willmy, das neues Licht auf den Bombenkrieg der Westalliierten gegen Nazideutschland wirft. Willmy räume mit der Vorstellung auf, die Briten hätten als Reaktion auf die Bombardierungen von Coventry oder London mit eigenen Bombardements reagiert. Sie handelten vielmehr nach einer Doktrin, die sie in der Bekämpfung von Aufständen in den Kolonien entwickelt hätten und "wonach der eigentliche Wert von Bombenangriffen weniger in der materiellen Zerstörung als in der kollektiven Einschüchterung des Gegners liege. Strafexpeditionen aus der Luft sollten sowohl der unmittelbaren Niederschlagung der Aufstände als auch der langfristigen 'Befriedung' der aufständischen Gebiete dienen. Hinzu kam, dass der rücksichtslose Einsatz der Bomberwaffe die eigenen Bodentruppen zu schonen versprach und damit ressourcensparender erschien als konventionelle Strafexpeditionen." Wie vor ihm Richard Overy (hier) mache er klar, "dass Opfer unter der Zivilbevölkerung in der Logik dieser Doktrin keinesfalls als 'Kollateralschäden' zu gelten haben, sondern dass der vieltausendfache Tod von Nichtkombattanten einkalkuliert und beabsichtigt war."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2025 - Geschichte

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Der Perlentaucher startet einen ungewöhnlichen Vorabdruck: Wir bringen aus Götz Alys kommendem Buch "Wie konnte das geschehen?" nicht einen längeren Vorabdruck, sondern eine Reihe kürzerer Schlaglichter: Denn das Buch reflektiert viele Aspekte neu, erläutert Perlentaucher Thierry Chervel in der Einleitung: "Aly selbst hatte die Idee, von dem üblichen längeren Vorabdruck abzusehen und stattdessen Schlaglichter auszuwählen, kurze Abschnitte von etwa zwei Buchseiten, die zeigen, wie er bestimmte Aspekte neu beleuchtet: Ja, der Kunstwelt ging es prächtig unter den Nazis, und war es nicht gerade die kulturlinke Schickeria aus der Weimarer Zeit, die von Goebbels so betüddelt wurde? Wussten Sie, dass die Protestanten doppelt so oft für die Nazis gestimmt haben wie die Katholiken? Und wussten Sie auch, wie Hitler, der die Katholische Kirche mehr fürchtete als die Gewerkschaften, die Priester in Schach hielt? Nun, mit 'Sittlichkeitsprozessen', die die Kirche ihm durch den weit verbreiteten sexuellen Missbrauch in der Institution ermöglichte. Und übrigens: Mit der Arbeiterschaft hatte Hitler geradezu ein Tête-à-Tête." Hier gehts zu Einleitung und Buchinfo und hier zur ersten Leseprobe "Der respektable Herr Dibelius".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2025 - Geschichte

Tim Kanning widmet sich in einer FAZ-Reportage den Überlebenden der Atombombe auf Nagasaki, den sogenannten Hibakusha: "In der ersten Zeit nach der Katastrophe sahen sich die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki viel Diskriminierung ausgesetzt. Viele von ihnen waren durch Brandwunden entstellt. Die radioaktive Strahlung führte zu Krankheiten, bei denen niemand wusste, welche Folgen sie hätten und ob sie vielleicht ansteckend waren." 80 Jahre später "wird die Zahl derer, die noch aus eigener Erinnerung von ihr erzählen können, immer kleiner. Die Hibakusha haben für Japan eine ähnliche Bedeutung wie die Holocaustüberlebenden für Deutschland. Sie sind der lebende Beweis für die dunkelsten Stunden ihres Heimatlandes. Sie erzählen davon, weil sie verhindern wollen, dass sich ihre Katastrophen noch einmal wiederholen."

In der FR zeichnet Peter Rutkowski den Kriegsverlauf nach, der in den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki seinen grausamen Höhepunkt fand. Was können wir aus der Geschichte lernen? "Deutlich wird: Jenseits von suizidal aggressiver Konfrontationslust wie während der Kubakrise 1962, die wohlgemerkt zwei Weltkriegsveteranen (Kennedy und Chruschtschow) diplomatisch beilegten, war die Welt bislang nie an einem solchen Punkt, wo die gegenseitige nukleare Auslöschung als eine realistische politische Option gesehen wurde. Selbst Putins Russland, das kontinuierlich mit zumindest taktischen (also 'begrenzten') Atomschlägen droht, tut eben nur dieses: große Töne spucken, die eigentlich die eigene Kleinheit entlarven. Heißt das, dass es keine Gefahr eines nuklearen Holocaust gibt? Leider heißt es das nicht. Der Welt fehlen heute die Veteranen an den Hebeln der Macht, die um die unmenschlichen Verheerungen eines Krieges wissen und deshalb erahnen können, was ein Einsatz nuklearer Waffen mit der vieltausendfachen Sprengkraft der Bomben von Hiroshima und Nagasaki bedeuten würde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2025 - Geschichte

Johannes Schütz erinnert in der Zeit an den August 1975, als in Erfurt deutsche Volksfestbesucher algerische Arbeitsmigranten tagelang durch die Stadt jagten und quasi "genau jene Vertreibungspraktiken erprobten, mit denen eine organisierte rechte Szene den Osten während der Neunzigerjahre in einen Angstraum für alle verwandelt, die nicht deutsch genug aussehen". Doch "fünfzig Jahre später sind die Ereignisse von Erfurt nur noch wenigen bekannt. In dieser Hinsicht war die SED-Propaganda auf ganzer Linie erfolgreich: Rassismus hatte es im 'antifaschistischen Arbeiter-und-Bauern-Staat' nicht zu geben." Um mehr über diese Zeit zu erfahren, hat der "Historiker Jan Daniel Schubert deshalb biografische Interviews geführt. Seine noch unveröffentlichte Studie zeigt, dass schon kurz nach der Ankunft der Algerier gemunkelt wird, sie seien im Vergleich zu deutschen Arbeitern bessergestellt - was nachweislich nicht stimmt. Dazu kursieren Gerüchte über Verbrechen und sexuelle Gewalttaten, maßgeblich befeuert durch das Baukombinat, in dem die algerischen Männer arbeiten sollen."

Außerdem: Ebenfalls in der Zeit erinnert Markus Sehl an die Entführung der Lufthansa-Maschine, Flug LH 615 1972, mit der die Terroristen freigepresst wurden, die knapp zwei Monate zuvor das Attentat auf israelische Sportler in München verübt hatten. Seit Kurzem zugängliche Geheimdienstkommunikation aus diesen Tagen werfen für Sehl "neue Fragen" auf.
Stichwörter: Rassismus, SED, DDR

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2025 - Geschichte

In Polen sorgt die Danziger Ausstellung "Unsere Jungs" für große Aufregung, berichtet Stefan Locke in der FAZ. Hintergrund: "Nach Deutschlands Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurden Danzig und das bisher zum polnischen Korridor gehörende Gebiet, das nun Westpreußen hieß, ins Deutsche Reich eingegliedert. Von den dort lebenden Menschen - rund 1,5 Millionen Polen und 850.000 Deutsche - sollten sich möglichst viele 'in die deutsche Volksgemeinschaft einreihen'." Wer sich als Pole bekannte, dem drohte Schlimmstes, vor allem, wenn er den Eliten angehörte. "Die Entscheidung, ob sie sich als 'deutsch' bekennen, schoben viele Bewohner hinaus. Doch die neuen Machthaber machten Druck. Sie luden die Menschen immer wieder vor und drohten mit Konsequenzen, sollten sie sich weiterhin weigern, sich zum Deutschtum zu bekennen. Das konnte Zwangsarbeit, Trennung von der Familie oder Einweisung ins Konzentrationslager bedeuten." Wer als junger Mann unter diesem Druck für die Staatsbürgerschaft war, dem drohte der Einzug in die Wehrmacht. Insgesamt sollen bis zu 450.000 polnische Staatsbürger in der Hitler-Armee gedient haben.

Florian Bayer erzählt in einer längeren Reportage für die taz, wie schwer sich die Österreicher immer noch mit ihrer Nazi-Vergangenheit tun. Zwar gibt es Geschichtsinitiativen, etwa in Braunau, wo Hitlers Geburtshaus steht, aber die FPÖ bremst, wo sie kann. "Offene Fragen gibt es auch in Wien. Nach jahrzehntelangen Debatten eröffnete 2018 das 'Haus der Geschichte Österreich' (Website) in einem Trakt der Wiener Hofburg. Zu seinen Schwerpunkten zählen Austrofaschismus und Nationalsozialismus, aber auch die Aufarbeitung im Nachkriegsösterreich. Das Museum ist sorgfältig kuratiert und deckt eine klaffende Lücke ab. Aufgrund fehlenden Platzes und Budgets ist es bis dato aber stark in seiner Arbeit eingeschränkt. Das Haus soll demnächst vom Heldenplatz ins nahegelegene Museumsquartier umziehen - eine Entscheidung, die unter Historikern umstritten ist... Nicht wenige fordern, ein solches Museum müsse am Heldenplatz bleiben - jenem Ort, an dem Hitler nach dem 'Anschluss' von Hunderttausenden euphorisch empfangen wurde."

Screenshot des Posts von "bundeskultur" bei Instagram,der Post wurde offenbar kommentarlos gelöscht. Via Bluesky.
Klaus Hillenbrand weist ebenfalls in der taz auf eine ziemliche Peinlichkeit aus dem Hause Weimer hin. Der Kulturstaatsminister hat auf Instagram an den Warschauer Aufstand erinnert. Bebildert wurde der Post allerdings mit einem Foto aus dem Kontext des Aufstands im Warschauer Ghetto: "Weimers Behörde hat aber nicht nur zwei historisch höchst wichtige Ereignisse in der polnischen und jüdischen Geschichte vertauscht. Es hat auch Nazi-Propaganda verbreitet, ohne diese in einen Kontext zu setzen. Das Bild von den Zivilisten mit erhobenen Händen stammt nämlich nicht von einem unabhängigen Reporter. Die gab es damals gar nicht. Es ist vielmehr Teil des sogenannten Stroop-Reports, benannt nach dem Warschauer SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop. Der war für die Unterdrückung des Aufstands verantwortlich und stellte ein Album über dessen Niederschlagung mit den entsprechenden Fotos zusammen. Das bedeutet: Dieses Foto ist ein Bild aus der Täterperspektive. Es zeigt die Opfer so, wie es sich die deutsche NS-Propaganda wünscht." 

Und Irina Scherbakowa von Memorial vergleicht in ihrer taz-Kolumne Putins Säuberungen mit denen Stalins: "Mit der Verschärfung der Repressionen und dem Ausbau des Sicherheitsapparates verschwand die Ambivalenz des Putin-Regimes. Es begann sich immer mehr als eine Art postmoderner Kopie des Stalinismus darzustellen. Die Debatte kam auf: Wo stehen wir, ist es noch 1934 oder bereits 1937?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2025 - Geschichte

Simone Veil war eine der legendärsten Politikerinnen Frankreichs  nach dem Krieg. Als Ministerin unter Giscard d'Estaing war sie es, die eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze durchsetzte. Von 1979 bis 82 war sie Präsidentin des Europäischen Parlaments. Als Heranwachsende war sie zusammen mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Auschwitz deportiert worden. Ihr Sohn Aurélien Veil präsentiert auf Twitter einen Brief, den sie im Jahr 1952 in einem Ton vollendeter Höflichkeit an den damaligen Direktor von Siemens schrieb: Sie forderte ihr Gehalt als ehemalige Zwangsarbeiterin im Siemens-Werk bei Auschwitz zurück: "Ihnen wird nicht unbekannt sein, dass die Abgaben, die private Unternehmen für die von Deportierten geleistete Arbeit an die Sozialversicherungsbehörde entrichteten, deutlich unter den normalen Löhnen lagen, die an Arbeiter derselben Kategorie gezahlt wurden. Daher dachte ich, dass Ihnen die Beseitigung dieser Differenz ein Anliegen sein wird. Ich überlasse es Ihnen, den Betrag für zwei Personen zu berechnen, die sechs Monate lang täglich zehn Stunden gearbeitet haben, und mir diesen auf dem von Ihnen für am besten geeigneten Weg zukommen zu lassen." Ob sie eine Antwort erhalten hat, ist nicht überliefert.
Stichwörter: Siemens, Veil, Simone, Auschwitz