9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1584 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2025 - Geschichte

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Konrad Adenauers Besuch in Moskau, im Jahr 1955, bei dem er die Entlassung der letzten 10.000 deutschen Kriegsgefangenen erwirkte, galt als "diplomatisches Meisterstück", erinnert im SZ-Interview der Historiker Norbert Frei, dessen neue Adenauer-Biografie im Oktober erscheint. Allzu "gedankenlos" wurde dieses Ereignis bejubelt, so Frei: "Weil sich herausstellte, dass es sich bei den Entlassenen keineswegs nur um gewöhnliche Kriegsgefangene handelte, die in der Sowjetunion zur Zwangsarbeit herangezogen worden waren. Vielmehr befanden sich darunter auch Leute wie der SS-Gruppenführer Bruno Streckenbach oder der Auschwitz-Arzt Carl Clauberg, die Kriegs- und NS-Verbrechen begangen hatten und deshalb nicht grundlos verurteilt worden waren. Unter den ersten, die am innerdeutschen Grenzübergang Herleshausen ankamen, waren gut zwei Dutzend Generäle, einer davon sowie sieben einfache Soldaten hatten ihr Zuhause in der DDR und blieben dort. Übrigens hatte Moskau die Rückführungsaktion noch vor dem Adenauer-Besuch mit Ost-Berlin erörtert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.09.2025 - Geschichte

Der freie, in Havanna lebende Journalist Oscar Alba liefert in der NZZ eine umfassende, düstere Tour d'Horizon über den katastrophalen Niedergang Kubas - verantwortlich sind für ihn allein Fidel Castro und die Seinen. Die Bevölkerung des Landes sei heute ein Altersheim, innerhalb weniger Jahre ist sie von 11 auf 9 Millionen Einwohner gesunken. Am interessantesten ist aber fast sein wehmütiger Rückblick auf die Zeit vor Castro (und Batistas Militärdiktatur): Damals herrschte in Kuba Demokratie, wenn auch eine unvollkommene, so Alba: "fünfzig bewegte Jahre. Der Aufbau einer Nation. Amerika wachte wie ein großer, strenger Bruder über die kleine Insel, kaufte Zucker, Rum und Zigarren zu Vorzugspreisen und lieferte Fortschritt: Eisenbahnen, Telefonie, Autos, Fernsehen, Kühlschränke. Moderne Ware aus den USA hatte Kuba stets zuerst, bevor sie in andere Länder exportiert wurde. Eine vielschichtige Zivilgesellschaft wuchs heran: Parteien, Gewerkschaften, Unternehmer, Intellektuelle, eine freie Presse. Das Volk wählte in diesen fünfzig Jahren ein Dutzend Präsidenten unterschiedlicher politischer Couleur, anständige und korrupte. 1940 setzte das Land einen Meilenstein. Es gab sich eine neue Verfassung, die zu den fortschrittlichsten der Welt gehörte, mit zivilen, politischen und wirtschaftlichen Rechten, wie sie erst wenige Länder kannten." 

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Gespräche mit 68ern sind selten geworden. Heute arbeitet man sich an den Boomern ab, die aber keine so schönen Veteranengeschichten erzählen können. Der Verleger und ehemalige Frankfurter SDS-Vorsitzende KD Wolff hat seine Memoiren vorgelegt. In einem nicht allzu tiefschürfenden Gespräch mit Sebastian Moll von der taz erzählt er unter anderem, warum er gegen die Radikalisierung in den K-Gruppen gefeit war: "In Amerika habe ich als Austauschschüler die Bürgerrechtsbewegung kennengelernt. Der gewaltfreie Widerstand, die Freedom Riders, Martin Luther King, das war viel eindrucksvoller als die ganzen Radikal-Rhetoriker."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2025 - Geschichte

In der FR erinnert der Autor Fred Breinersdorfer an das erste Treffen von de Gaulle und Adenauer 1958, das wesentlich dazu beitrug, die auch nach dem Ende des Krieges noch virulente "Erzfeindschaft" zwischen Deutschen und Franzosen zu beenden. (In der Arte Mediathek findet man einen Film über dieses Treffen, zu dem Breinersdorfer das Drehbuch geschrieben hat.) Die beiden mochten einander, respektierten einander, auch wenn sie nicht einer Meinung waren, und sprachen beide die Sprache des anderen. "Ein politischer Prozess war angestoßen: Es folgte ein erster Arbeitsbesuch Charles de Gaulles mit seinem Kabinett in Bad Kreuznach, Konsultationen, Visiten und ein triumphaler Staatsbesuch de Gaulles als Präsident der V. Republik in Deutschland. Bewegend ist immer noch die Rede de Gaulles 1962 auf Deutsch vor hunderten Studenten in Ludwigsburg, die ihn geradezu frenetisch feierten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.09.2025 - Geschichte

In der Zeit erinnert Michael Thumann an das Pogrom gegen die Griechen (auch Juden und Armenier waren betroffen) in Istanbul vor siebzig Jahren, das die Regierung von Ministerpräsident Adnan Menderes befördert hatte: "Das Pogrom hat am Tag zuvor mit einer False-Flag-Operation begonnen. Türkische Boulevardzeitungen und Hetzblätter titelten am Morgen des 6. September: 'Eine Bombe beschädigt das Haus unseres Führers!' Gemeint war das Geburtshaus des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk in der nordgriechischen Metropole Thessaloniki. Der türkische Rundfunk berichtete von einem Anschlag 'türkeifeindlicher Agenten'. Wenige Stunden später demonstrieren in Istanbul nationalistische Verbände und Studenten gegen Griechenland (...) Die Adressen von Griechen, Armeniern und Juden werden herausgegeben. Viele Häuser sind bereits markiert. An manchen verraten Aufkleber einer sogenannten türkischen Studentenunion: 'Landsmann, dieser Laden gehört einem Griechen! Jede Münze, die du hier ausgibst, richtet sich später gegen unsere Brüder!' (...) Jahre später kam in Gerichtsprozessen gegen den 1960 vom Militär gestürzten Premier Adnan Menderes heraus, dass alles geplant war." Das griechische Istanbul gibt es seit diesem Tag nicht mehr, so Thumann. Das Pogrom gehört übrigens zum Hintergrund der sehenswerten türkischen Netflixserie "Der Club" (mehr hier).

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.08.2025 - Geschichte

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Seit knapp zwei Wochen blättern wir Götz Alys am Mittwoch erscheinendes Opus magnum "Wie konnte das geschehen?" vor, in dem sich der Historiker mit den Ursachen des Nationalsozialismus beschäftigt. Im Spiegel-Gespräch hält er den "Alarmismus", das wir derzeit wieder kurz vor 1933 stehen würden, für falsch: "In vielen europäischen Ländern hält sich die demokratische Mitte noch recht stabil, auch in Deutschland. Die Frage ist, ob der Ernst der Lage angesichts zwingender Reformen erkannt wird und eine gesellschaftliche Mehrheit dafür gewonnen werden kann. Verweigern die Politiker durch beharrliches Beschweigen grundlegende Reformen in der Gesundheits-, Pflege und Altersvorsorge, dann ist mit systembedrohenden Entwicklungen zu rechnen. In Demokratien, in denen viele Interessen austariert werden müssen, fallen Veränderungen schwer. Die Wähler werden unruhig und beginnen, dem Irrglauben anzuhängen, halb autokratische Staaten könnten ihnen bessere Lösungen anbieten. Denn wir dürfen eines nicht vergessen (…) Ohne Demokratie kein Hitler. (...) Im Kaiserreich wäre eine Massenbewegung, die einen Mann wie Adolf Hitler an die Staatsspitze getragen hätte, nicht möglich gewesen."

Heute veröffentlichen wir den letzten Teil unserer vorab erscheinenden Auszüge aus Götz Alys Buch, das morgen erscheint: Im Januar 1943, als die 6. Armee im Kessel von Stalingrad kapitulierte,  war allen klar, dass die Niederlage unvermeidlich war. Im galoppierenden Untergang blieb nur ein Gefühl: eine überwältigende Angst vor der Rache der Alliierten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2025 - Geschichte

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Sehr ausführlich rekonstruiert der Historiker Andreas Rödder in der NZZ den Zusammenbruch der DDR, um schließlich zu dem Schluss zu kommen: "Aber wie hatte Michail Gorbatschow bereits im Mai 1990 gesagt? Niemand solle glauben, dass eine der Seiten den Kalten Krieg gewonnen habe. Die Revision der 'größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts', wie Wladimir Putin den Untergang der Sowjetunion später nannte, wurde vielmehr zum zentralen Antrieb der russischen Politik im 21. Jahrhundert. Auch China akzeptierte die liberale Ordnung von 1990 nur aus taktischen Gründen, um einen beispiellosen ökonomischen Aufstieg zu flankieren; unmittelbar nach seinem Amtsantritt erklärte Xi Jinping der westlichen Demokratie und universalen Werten den Kampf. Statt einer neuen Einheit war in der Ordnung von 1990 ein Ordnungskonflikt angelegt, den der globale Westen im Vollgefühl seines Sieges übersah und den der globale Osten im 21. Jahrhundert aktivierte, als der Westen das Hochgefühl seiner Überlegenheit längst verloren hatte. Aber das ist eine andere Geschichte, die 1989 noch niemand ahnte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.08.2025 - Geschichte

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Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: Think big! Boil the ocean! Die Nazis waren auch deshalb so erfolgreich, weil sie nicht auf Kadavergehorsam, sondern auf Eigeninitiative und flache Hierarchien setzten. Ihre Arbeitsweise ist ein Schulbeispiel für modernes Management, wie man am Beispiel des SS-Sturmbannführers Rolf-Heinz Höppner sehen kann.
Stichwörter: Aly, Götz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2025 - Geschichte

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Im großen FAZ-Interview erklärt der Historiker Götz Aly, aus dessen bald erscheinendem Buch "Wie konnte das geschehen?" wir täglich Auszüge veröffentlichen, unter anderem wie die Finanzierung des NS-Staates funktionierte. Schon zu Beginn des Krieges drohte der Staatsbankrott: "Nur der Krieg rettet das Regime vor der Zahlungsunfähigkeit." Warum wurde dieser ökonomische Aspekt in der Nachkriegszeit verdrängt? "Wir Deutschen wissen, dass wir uns ungeheure Verbrechen aufgeladen haben. Dadurch entsteht der Wunsch, die Schuld zu reduzieren. Für die Österreicher waren die Reichsdeutschen schuld, für die DDR das Monopolkapital, und in der alten Bundesrepublik hieß es, eine kleine, radikale, ungebildete, kleinbürgerliche, aber irgendwie charismatische Gruppe von Nazis habe die Leute in teuflischer Weise verführt. Die Akten des Reichsfinanzministeriums sind weder in der DDR noch in der alten Bundesrepublik erschlossen worden. Die Akten der Deutschen Reichsbank wurden systematisch vernichtet. In diesen Akten stand drin, wie Europa ausgeplündert wurde. All das geschah in Ihrem und meinem Interesse. Denn wir können den Zweiten Weltkrieg niemals bezahlen."

Wir setzen derweil unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch fort: Allen Hasstiraden zum Trotz wollte Joseph Goebbels 1942 keine toten Ostarbeiter, sondern lebende, die noch arbeiten konnten. Wie sonst hätte man sich den Krieg und daneben eine allgemeine Rentenerhöhung für die Deutschen leisten können, ohne dass diese auch nur einen Pfennig höhere Beiträge dazu zahlen mussten.


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"Wie kommt es, dass Hermann Göring im Gegensatz zu Goebbels, Himmler oder Heydrich noch immer vielen als vergleichsweise harmlose Gestalt gilt?", fragt Andreas Molitor in der Zeit: "Mitunter wird Göring eine gewisse Milde gegenüber Juden nachgesagt. Dies gehört zu den Mythen und Klischees, die das Bild dieses Mannes in Teilen der Öffentlichkeit bis heute prägen." Dass das in keiner Weise der Wahrheit entspricht, legt Molitor in seiner neuen Biografie dar: "Die von Göring verantwortete 'Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben' verbietet Juden, künftig Läden des Einzelhandels zu betreiben oder ein Handwerk auszuüben. Sämtliche Fabriken in jüdischem Eigentum werden enteignet; jüdische Aktionäre müssen ihre Wertpapiere abgeben. Der Profit aus der 'Arisierung' fällt vollständig an das Reich - für die von Göring dirigierte wirtschaftliche Kriegsvorbereitung. Außerdem müssen die Juden für die Schäden der Pogromnacht selbst aufkommen. Mit vollendetem Zynismus wird die Vorschrift 'Verordnung zur Wiederherstellung des Straßenbildes bei jüdischen Gewerbebetrieben' genannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.08.2025 - Geschichte

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Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: Die meisten Deutschen ahnten schon im Herbst 1941, dass der Krieg verloren war. Warum haben sie trotzdem weitergekämpft? Inzwischen waren so viele Kriegsverbrechen begangen worden, dass die Angst vor einer Niederlage und der von den Nazis in Aussicht gestellten Rache der Sieger größer war als die Angst, im Kampf zu fallen.
Stichwörter: Aly, Götz, Kriegsverbrechen

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.08.2025 - Geschichte

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Wir setzen unsere Reihe mit kleinen Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschen?" fort: Der Mord an Zivilisten und Kriegsgefangenen wurde in der Wehrmacht schnell zur Normalität. Da sich sehr viele Soldaten von ihren politischen Führern schnell gegen jede "Humanitätsduselei" immunisieren ließen, betrachteten sie gegnerische sowjetische Soldaten, Juden, sowjetische Kommissare und Zigeuner als "Untermenschen und Bestien. Die wenigstens Soldaten dachten sich etwas dabei, vor allem dann, wenn ein gefangener Rotarmist schöne warme Stiefel besaß.

Weitere Artikel: Rosa Lange erinnert in der taz an das im Jahr 1913 entstandene Herbarium von Rosa Luxemburg, das auch als Zeugnis einer Welt im Umbruch gelten kann.
Stichwörter: Aly, Götz, Wehrmacht