Die
taz bringt eine
große Hommage Gerd Koenens, selbst Autor eines großen
Buchs über Deutschland und die Russen, auf seinen Kollegen
Karl Schlögel, der am nächsten Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Ausgezeichnet wird er für ein monumentales Lebenswerk, so Koenen. Schlögel hat uns zunächst durch zahlreiche Erkundungen die Sowjetunion und Russland nähergebracht und nach dem Mauerfall die Potenziale, die das Land wegen Putin wieder verschüttete, benannt. Ausgezeichnet wird er für Koenen aber auch wegen der "Bereitschaft des Osteuropa- und Russlandhistorikers zur
schmerzlichen Selbstrevision, die er nach der Annexion von Krim und Beginn des Kriegs im Donbass 2014 bekundete". Auch die Ukraine habe Schlögel wieder auf die Landkarte gesetzt, indem er daran erinnerte, "wie sehr die Wahrnehmung der Ukraine als gestalt- und herrenloser 'Lebensraum', als Rohstoff- und Arbeitskraftreservoir den
düstersten Erbschaften großdeutsch-imperialer Weltmachtansprüche entsprang. Durch die brennende Ukraine, vorbei an den Massengräbern ihrer jüdischen Bewohner und den verrottenden Leichen getöteter Rotarmisten und Zivilisten, sind viele unserer (Ur-)Großväter, Onkel und Väter im Zuge des 'Russlandfeldzugs' der Wehrmacht nach Stalingrad und weiter in den Kaukasus marschiert - Schlögels Vater ebenso wie Verwandte von mir. Von vielen derer, die heute um eines angeblichen 'Weltfriedens' oder 'deutscher Interessen' willen Kyjiw lieber den großrussischen Ansprüchen Putins als 'Reichsprotektorat' überlassen würden."
Wer auf die
historischen Vorbilder der AfD blickt, lernt aus der Weimarer Zeit einiges für die Gegenwart - und erhält zugleich einen besseren Blick auf die Geschichte. Damals gab es in der extremen Rechten nicht nur die Nazis, die sich mit ihrer Brutalität durchsetzten, sondern mehrere Strömungen, etwa die erzreaktionäre und ebenfalls antisemitische "
Konservative Revolution". Benno Stieber sieht hier im
Spiegel mehr Parallelen mit der AfD als bei den Nazis: "Wenn heute die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel im öffentlichen Gespräch mit Elon Musk sagt, Adolf Hitler sei
eigentlich ein Linker gewesen, scheint das ein oberflächliches Ablenkungsmanöver zu sein. Aber es entspricht ungefähr der Haltung des damaligen rechts-nationalistischen Bürgertums zu den Nazis. Mit der NSDAP teilte man zwar die antidemokratische, autoritäre Ausrichtung, aber ansonsten war die Hitlerpartei den Erzkonservativen
zu proletarisch,
zu revolutionär, zu laut und, was das Sozialprogramm anging, auch zu links. 'Hitler war jung, wild und dynamisch', sagt Historiker Ulrich Herbert. Innerhalb des rechten Spektrums seien die Nazis 'die Abteilung Volksbewegung' gewesen." Auch die heute vergessene Deutschnationale Volkspartei, kurz DNVP, gehört für Stieber zum Fundus, aus dem sich die AfD bedient.