Wer ist der Osteuropa-Historiker Roland Borchers, der der neue Leiter der Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" wird, fragt in der FAS Jochen Buchsteiner. Der Wahl gingen Streitigkeiten mit dem Bund der Vertriebenen (BdV) voraus (unsere Resümees), weshalb der Historiker wohl kein leichtes Erbe antritt. "Spannungsfrei" dürfte sein Verhältnis zum BdV nicht werden: "Im Kreis der Vertriebenengruppe in der Unionsfraktion wird er als 'Linker' eingeschätzt, aber das werden andere im Stiftungsrat, etwa die Kirchenleute, anders sehen. Borchers hat persönliche Berührung zu seinem neuen Thema, weil seine Mutter als Mädchen aus dem früheren Westpreußen, einer Kleinstadt bei Danzig, floh. Er will sich nicht pädagogisch erheben über Betroffene, die ihr Schicksal einfach nur als ungerecht empfinden. Im Gespräch bemüht sich Borchers um eine Mittellage, die Verständnis für verschiedene Positionen zeigt. Während er die Vertreibung durch die Rote Armee am Ende des Krieges als unmittelbare Antwort auf das vorangegangene Wüten deutscher Soldaten und SS-Männer in Osteuropa sieht, betrachtet er die Vertreibungen nach 1945, die zuletzt auf der Potsdamer Konferenz den Segen der Alliierten erhielten, in einem anderen Licht."
Warum fällt es heute so leicht über den ehemaligen DDR-Potentaten Erich Honecker zu lachen, obwohl er eine Diktatur repräsentierte, fragt Nils Markwardt den HistorikerMartin Sabrow auf Zeit Online. "Unter Honecker wandelte sich die Erziehungsdiktatur in eine Fürsorgediktatur, die Zustimmung materiell statt ideell zu erwerben suchte. Soziale Wohltaten gingen Hand in Hand mit einer begrenzten Entideologisierung und einem Rückzug der Repression in eine relative Latenz. Die kurze dritte Schlussphase bildete dann die Verfallsdiktatur. Sie war durch die wachsende Verbindung von Greisentum und Lächerlichkeit gekennzeichnet, die das in jeder Amtsstube hängende Honecker-Bild nicht mehr als Ausdruck ruhiger Machtgewissheit erscheinen ließ, sondern als vergilbendes Relikt einer überlebten Epoche. Den Sturz von der Erhabenheit in die Lächerlichkeit teilt Honecker mit anderen entmachteten Potentaten."
In der polnischen Stadt Zamość, der Geburtsstadt Rosa Luxemburgs, darf keine Gedenk-Plakette für Luxemburg angebracht werden, was nicht nur in Zamość hohe Wellen schlägt, sondern in ganz Polen, schreibt Viktoria Großmann in der SZ. "Das IPN", das durch PiS-Anhänger dominierte "polnische Institut für Nationales Gedenken", "erklärte der Stadt Zamość schriftlich, dass die Gedenktafel geltendes Recht breche. Jegliche Erinnerung an Luxemburg verstoße gegen ein Gesetz, das es verbiete, den 'Kommunismus als Ideologie oder Staatssystem' zu propagieren. Maßnahmen, die 'auf die Rehabilitierung kommunistischer Aktivisten abzielen', seien zu unterlassen. Ironischerweise umfasst das Gesetz, wie in der öffentlichen Stellungnahme zitiert, auch das Verbot von Hassaufrufen 'auf der Grundlage nationaler, ethnischer, rassischer oder religiöser Unterschiede'." Dabei habe es schon mal eine Gedenk-Plakette in der Stadt gegeben: Diese wurde 1979 angebracht und 2018 auf Drängen der IPN aus der Wand gerissen.
Außerdem: In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ erinnert der Historiker Niklas Venema an den Ur-Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht, Vater des späteren Ur-Kommunisten Karl. In der NZZfragt Urs Hafner: "Das Bundesarchiv in Bern bewahrt Unterlagen zum NS-Kriegsverbrecher Mengele auf - warum sind sie bis zum Jahr 2071 gesperrt?"
Wie kann es sein, fragt der Historiker Peter Techet in der NZZ, dass viele osteuropäische Länder trotz ihrer negativen historischen Erfahrungen mit Russland, heute in großen Teilen prorussisch sind. Zum Beispiel Ungarn: "Gerade die ungarische Rechte war lange entschieden antirussisch; Russland stand stellvertretend für den Kommunismus." Aber auch "antiwestliche Haltungen waren unter ungarischen Konservativen schon in der Zwischenkriegszeit verbreitet: 'Der Westen' habe Ungarn verraten und nie verstanden; die Magyaren seien ohnehin ein 'östliches' Volk. Damals berief man sich auf angebliche türkische Verwandtschaften, der Turanismus war eine einflussreiche Ideologie. Heute wird diese Tradition wiederbelebt - Ungarn ist als einziges EU-Land Mitglied der Organisation der Turkstaaten. Die gegenwärtige antiwestliche Haltung äußert sich jedoch vor allem in einer Sympathie für das neue, imperial auftretende 'konservative' Russland. Stand Moskau einst für den Kommunismus und wurde abgelehnt, gilt es nun vielen als Gegenmodell zum 'dekadenten' liberalen Westen."
Vor fünfzig Jahren putschte in Argentinien das Militär und ermordete in den Folgejahren Tausende von Menschen. Jürgen Vogt erinnert daran in der taz: "Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl der Opfer auf30.000. Viele von ihnen gelten noch immer als verschwunden. Die Leichen dieser Opfer wurden vom Militär an geheimen Orten verscharrt oder bei den sogenannten Todesflügen ins Meer geworfen. In über 40 Jahren Ermittlungsarbeit konnte die Equipo Argentino de Antropología Forense (EAAF) 1.652 Überreste von Verschwundenen ausfindig machen und 848 von ihnen identifizieren."
Zwar gibt es Meldungen, dass Javier Milei Ermittlungen behindert, aber die Justiz arbeitet weiter unabhängig, versichert der Richter Daniel Rafecas im Gespräch mit Vogt. Sie steht vor zwei Schwierigkeiten: Durch das Verschwinden der Opfer sind Ermittlungen erschwert. Und die Täter praktizieren, ähnlich wie etwa in Deutschland die RAF-Angehörigen, einen absoluten Schweigepakt. "Der Schweigepakt basiert aber auch auf der Tatsache, dass es für die Angeklagten keine Zugeständnisse gibt. (...) Anders als beispielsweise in Kolumbien und Südafrika hat der argentinische Staat beschlossen, den Angeklagten keinerlei Anreize für eventuelle Aussagen zu bieten. Dies ist auch die entschiedene und unnachgiebige Haltung der Opfer in Argentinien. Menschenrechtsorganisationen wie die Mütter und Großmütter der Plaza de Mayo waren und sind in diesem Punkt kompromisslos. Diese Haltung wurde gewissermaßen durchgehend auch vom Parlament und der Exekutive unterstützt. Einmal war ein angeklagtes Mitglied des Geheimdienstes daran interessiert, ein Geständnis abzulegen, aber nur für eine Gegenleistung. Ich hatte ihm nichts anzubieten."
Im Interview mit Ronen Steinke erklärt der Leiter der Gedenkstätte Buchenwald, Jens-Christian Wagner, seine Position zum Tragen von Palästinensertüchern. Er geriet in die Kritik, als eine interne Handreichung veröffentlicht wurde, die pro-palästinensische Symbole verbot. Diese Handreichung sei von ihm nicht abesegnet worden, versichert er und Kufijas seien auch nicht generell verboten: "Unerwünscht ist die Instrumentalisierung des historischen Ortes für menschenfeindliche Ziele (...) Inzwischen gibt es eine neue interne Handreichung, in der ausschließlich Symbole der extremen Rechten vorgestellt werden, um unseren Mitarbeitern und der Security eine Hilfestellung zu geben, Personen, die so etwas tragen, nicht in die Gedenkstätte hineinzulassen und die Opfer verhöhnen zu lassen." Gleiches fürchtete Wagner allerdings bei der nun verbotenen Veranstaltung "Kufiyas in Buchenwald" zum Jahrestag der Befreiung am 19. April, denn "hinter dieser Kampagne steckt eine kleine Gruppe, die sogenannte Kommunistische Organisation, die das Massaker vom 7. Oktober 2023 als palästinensische Befreiungstat feierte und zuletzt auch das massenhafte Morden durch das iranische Regime rechtfertigte."
Buch in der Debatte
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ein extrem düsteres Kapitel in Buchenwald beleuchtet zugleich Ines Geipel in der FAZ: die Frage ob die Kommunisten im Lager aktiv mit der SS kollaborierten - unter anderem von dieser Frage hanelt auch ihr neuestes Buch. Sie waren es in großem Maße, die in der Endphase des Lagers vor 1945 entschieden, wer leben durfte und wer sterben musste, so Geipel. Das war die Zeit, als die Todesmärsche aus Auschwitz ankamen und sich die Bedingungen für die Buchenwald-Häftlinge ebenfalls nochmal drastisch verschlimmerten. Probates Mittel war "Abspritzen", tödliche Injektionen, die oft von Insassen verabreicht wurden, die der im Lager sehr starken Kommunistischen Partei angehörten, so Geipel. "Die Hierarchie der Opfer, die Giftexzesse, die in der Endphase aufkeimende Hoffnung, das Lager doch noch zu überleben. Aber wer durfte leben? Das Revier als Notstand, rettendes Nadelöhr, als Liquidierungsmaschine. Helmut Thiemann, Pfleger im Revier, ab 1953 Stasichef von Sachsen, gab in seinem Bericht über die Buchenwald-Zeit zu Protokoll: 'Da unsere Genossen mehr wert waren als alle anderen, mussten wir also einen Schritt gemeinsam mit der SS gehen, und zwar in der Vernichtung von aussichtslos kranken und kollabierenden Menschen ...'"
Die Historikerin Hanna Radziejowska und der Soziologe Mateusz Fałkowski, beide Leiter des von der PiS gegründeten Pilecki-Instituts in Berlin, widersprechen in der FAZ Grzegorz Rossoliński-Liebes These vom "transnationalen Völkermord" an den Juden im besetzten Polen, an dem laut Rossoliński-Liebe antisemitische polnische Bürgermeister ebenso beteiligt waren wie Deutsche (unsere Resümees). Doch er verzerre damit den Kollaborationsbegriff und setze "die polnische Besatzungserfahrung mit der Situation in den Niederlanden, Norwegen, Frankreich oder Dänemark gleich. ... Im besetzten Polen waren dauerhaft zwischen 600.000 und einer Million deutsche Soldaten, Polizisten und SS- und Gestapo-Funktionäre stationiert. Das entspricht statistisch etwa 50 Einwohnern pro bewaffnetem deutschen Soldaten. Von freien 'Handlungsräumen' der polnischen Gesellschaft, welche Rossoliński-Liebe betont, kann daher kaum die Rede sein." Und anders als in Deutschland sei in Polen die Hilfe für Juden tatsächlich mit dem Tod bestraft worden, schreiben die beiden, die auch fürchten, die politische Verantwortung Deutschlands für die Nazi-Verbrechen solle "auf andere Staaten und Nationen" verschoben werden.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Im Feuilleton der FAZ wird seit einigen Wochen über den Bedeutung der Kollaboration im Judenmord gestritten (unsere Resümees). Auslöser ist das Buch "Polnische Bürgermeister und der Holocaust" des Historikers Grzegorz Rossoliński-Liebe, das diese Kollaboration untersucht und zu dem Ergebnis kommt, dass sehr viel mehr polnische Juden hätten gerettet werden können, wenn die nicht-jüdische Bevölkerung nicht mit den Nazis kollaboriert hätte. Eine Veranstaltung über das Buch in Berlin wurde auf Druck der polnischen Botschaft abgesagt. Ayala Goldmann und Michael Thaidigsmann unterhalten sich für die Jüdische Allgemeine mit dem polnischen HistorikerJan Grabowski und seinem deutsche KollegenStephan Lehnstaedt. Grabowski wirft deutschen Kollegen vor zu suggerieren, es gehe in der Geschichte nur um "die Deutschen" und "die Juden": "Sie müssen verstehen, dass die polnische Historikervereinigung in den letzten dreißig Jahren kein einziges Papier, kein einziges Panel der Vernichtung der polnischen Juden gewidmet hat. Das Thema kommt gar nicht vor, denn es wird nicht als Teil der polnischen Geschichte angesehen. Die Werke deutscher Historiker tragen ihren bescheidenen Teil zu dem falschen Bild bei, der Holocaust sei ausschließlich eine deutsche und eine jüdische Angelegenheit gewesen." Lehnstaedt äußert allerdings auch seine Befürchtung, dass in öffentlichen Veranstaltungen in Deutschland die Frage nach der Kollaboration "nicht aus echtem Interesse heraus gestellt wird, sondern weil man die Schuld der Deutschen am Holocaust relativieren möchte", allerdings sei das ein Problem der Vermittlung, nicht der Wissenschaft.
Auch der HistorikerChristhardt Henschel setzt sich in der FAZ mit Rossoliński-Liebes Buch auseinander. Er kritisiert vor allem, dass dieser "die realen Machtverhältnisse außer Acht" lässt, wenn er den polnischen Bürgermeistern "primäre Täterschaft" beim Mord an den polnischen Juden vorwirft: "Um es klar zu sagen: Grzegorz Rossoliński-Liebe ist sich der 'politischen Asymmetrie der Beziehungen zwischen Deutschen und anderen Gruppen' durchaus bewusst und akzeptiert auch, dass Polen zugleich Opfer und Täter sein konnten. Das hält ihn jedoch nicht davon ab, eine Definition von Kollaboration zugrundezulegen, die diese eingrenzt auf die 'Zusammenarbeit zwischen Besatzern und Besetzten, die der besetzten Bevölkerung schadete und im Wesentlichen eine Mittäterschaft darstellte'", was laut Henschel jede Abstufung verhindere. "Letztendlich akzeptiert Rossoliński-Liebe nur den Rücktritt vom Bürgermeisteramt als Alternative zur Kollaboration; andere Handlungsoptionen zieht er nicht in Betracht."
Der Göttinger Historiker Franz Walter erinnert auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite der FAZ an den Ur-Sozialdemokraten Wilhelm Liebknecht, Vater des fatalen Karl, der um 1874 eine entscheidende Rolle bei der Fusion verschiedener Arbeiterparteien zur späteren SPD spielte: "Der Entwurf für die programmatische Plattform einer fusionierten Partei stammte von Liebknecht, der die Verhandlungen auch sonst vorantrieb und dirigierte. Damit hatte er schon Fakten geschaffen, ehe er Marx und Engels über seine Vorstellungen informierte. Liebknecht dürfte es geahnt haben: Die Londoner waren außer sich vor Empörung über dieses, wie sie fanden, unlogische, konfuse, schlichtweg blamable Elaborat. Doch Liebknechts Leistung bestand darin, dass er die Parteifusion unbeirrt vorantrieb, dass er sich nicht vom Primat des Theoretischen blockieren ließ, sondern wie ein Anführer handelte, dem es in einer historischen Situation um den entscheidenden praktischen Schritt ging."
Die Debatte um Grzegorz Rossoliński-Liebe und die Kollaboration in Polen unter den Nazis (unsere Resümees), sollte dazu anregen, den Blick zu weiten, regt der HistorikerStephan Malinowski in der FAZ an. Kollaboration ist eine Herrschaftstechnik, die die Eroberten ins System einbezieht und gern auch kompromittiert: "Das Muster ist mindestens so alt wie der europäische Kolonialismus. Als Hernán Cortés um 1520 mit wenigen Hundert Spaniern gegen das Aztekenreich zog, standen ihm Zehntausende indigene Verbündete zur Seite. Der transatlantische Sklavenhandel interagierte mit afrikanischen und arabischen Akteuren, die Menschen jagten und verkauften. Deutsche Kolonialkriege in Ostafrika oder britische Feldzüge in Indien wurden zu großen Teilen von lokal rekrutierten Truppen geführt. Das mindert nicht die Gewaltförmigkeit europäischer Imperien, macht aber deutlich, dass auch sie ohne kollaborative Strukturen nicht funktionsfähig gewesen wären."
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