9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2025 - Geschichte

Hunderte Kinder sind in Lüneburg ermordet worden. Den Nazis galten sie wegen Behinderungen als nicht lebenswert. So erprobten sie an ihnen ihr "T4"-Programm. Nun hat in Lüneburg die "Euthanasie-Gedenkstätte Lüneburg" eröffnet, und taz-Autor Klaus Hillenbrand lässt sich von der offenbar recht charismatischen Leiterin Carola Rudnick, Jahrgang 1976, durch die Räume führen: "Zu jeder Schublade, zu jedem Bild und zu jedem Objekt erzählt sie eine Geschichte, atemlos schnell, engagiert bis in die Haarspitzen. Über Jahre, so berichtet sie, habe sie die ursprüngliche Schau begleitet und schließlich vom Kopf auf die Füße gestellt. Früher waren dort nicht nur die Opfer, sondern selbst die Täter anonymisiert. Bloß keinem auf die Füße treten. Nur nicht die Gefühle von Verwandten verletzen, die sich möglicherweise ihrer Vorfahren wegen genierten. Rudnick hat das geändert. 'Sollen sie mich doch verklagen', habe sie damals gedacht, sagt sie. Es kam keine einzige Klage."

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Heinrich August Winkler liest für die FAZ einen Band mit bisher unbekannten Dokumenten zu Adenauers Ostpolititk. Dass Adenauer mit dem Osten des eigenen Landes nicht allzuviel anzufangen wusste, geht aus folgender Passage hervor: "Auf den Beginn des Baus der Berliner Mauer am 13. August 1961 reagierte Adenauer zur Überraschung und Enttäuschung vieler seiner Landsleute äußerst zurückhaltend. Er bat 'alle Deutschen', den Maßnahmen der DDR 'mit Ruhe (...) zu begegnen und nichts zu unternehmen, was die Lage erschweren, aber nicht verbessern kann'. Am 16. August nannte der Kanzler im Gespräch mit Smirnow den Mauerbau 'eine lästige und unangenehme Sache, die über das Nötige hinaus hochgespielt worden sei. Er wäre der sowjetischen Regierung dankbar, wenn sie da etwas mildern könnte.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2025 - Geschichte

Die taz bringt eine große Hommage Gerd Koenens, selbst Autor eines großen Buchs über Deutschland und die Russen, auf seinen Kollegen Karl Schlögel, der am nächsten Sonntag den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält. Ausgezeichnet wird er für ein monumentales Lebenswerk, so Koenen. Schlögel hat uns zunächst durch zahlreiche Erkundungen die Sowjetunion und Russland nähergebracht und nach dem Mauerfall die Potenziale, die das Land wegen Putin wieder verschüttete, benannt. Ausgezeichnet wird er für Koenen aber auch wegen der "Bereitschaft des Osteuropa- und Russlandhistorikers zur schmerzlichen Selbstrevision, die er nach der Annexion von Krim und Beginn des Kriegs im Donbass 2014 bekundete". Auch die Ukraine habe Schlögel wieder auf die Landkarte gesetzt, indem er daran erinnerte, "wie sehr die Wahrnehmung der Ukraine als gestalt- und herrenloser 'Lebensraum', als Rohstoff- und Arbeitskraftreservoir den düstersten Erbschaften großdeutsch-imperialer Weltmachtansprüche entsprang. Durch die brennende Ukraine, vorbei an den Massengräbern ihrer jüdischen Bewohner und den verrottenden Leichen getöteter Rotarmisten und Zivilisten, sind viele unserer (Ur-)Großväter, Onkel und Väter im Zuge des 'Russlandfeldzugs' der Wehrmacht nach Stalingrad und weiter in den Kaukasus marschiert - Schlögels Vater ebenso wie Verwandte von mir. Von vielen derer, die heute um eines angeblichen 'Weltfriedens' oder 'deutscher Interessen' willen Kyjiw lieber den großrussischen Ansprüchen Putins als 'Reichsprotektorat' überlassen würden."

Wer auf die historischen Vorbilder der AfD blickt, lernt aus der Weimarer Zeit einiges für die Gegenwart - und erhält zugleich einen besseren Blick auf die Geschichte. Damals gab es in der extremen Rechten nicht nur die Nazis, die sich mit ihrer Brutalität durchsetzten, sondern mehrere Strömungen, etwa die erzreaktionäre und ebenfalls antisemitische "Konservative Revolution". Benno Stieber sieht hier im Spiegel mehr Parallelen mit der AfD als bei den Nazis: "Wenn heute die AfD-Bundesvorsitzende Alice Weidel im öffentlichen Gespräch mit Elon Musk sagt, Adolf Hitler sei eigentlich ein Linker gewesen, scheint das ein oberflächliches Ablenkungsmanöver zu sein. Aber es entspricht ungefähr der Haltung des damaligen rechts-nationalistischen Bürgertums zu den Nazis. Mit der NSDAP teilte man zwar die antidemokratische, autoritäre Ausrichtung, aber ansonsten war die Hitlerpartei den Erzkonservativen zu proletarisch, zu revolutionär, zu laut und, was das Sozialprogramm anging, auch zu links. 'Hitler war jung, wild und dynamisch', sagt Historiker Ulrich Herbert. Innerhalb des rechten Spektrums seien die Nazis 'die Abteilung Volksbewegung' gewesen." Auch die heute vergessene Deutschnationale Volkspartei, kurz DNVP, gehört für Stieber zum Fundus, aus dem sich die AfD bedient.
Stichwörter: Schlögel, Karl, AfD, Musk, Elon

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2025 - Geschichte

Die Identität des Täters vom Bild "Der letzte Jude von Winniza" ist bestätigt worden, wie die Jüdische Allgemeine unter Berufung auf eine Studie des Historikers Jürgen Matthäus schreibt. Das Bild entstand 1941 in Berditschew, wo beinahe die gesamte jüdische Bevölkerung getötet wurde. Der abgebildete Täter: "Jakobus Oehnen, Jahrgang 1906, war dem Bericht zufolge ursprünglich als Lehrer für Englisch, Französisch und Sport tätig, bevor er sich der SS anschloß. Er trat bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten der SA bei und wurde ein Jahr später SS-Mitglied." 1943 stirbt er dann als Soldat der Wehrmacht. "Die Forschung von Matthäus stützt sich unter anderem auf ein Foto-Negativ, das im Kriegstagebuch eines Wehrmachtsoffiziers namens Walter Materna entdeckt wurde. Materna beschrieb in seinem Tagebuch die Vorgänge des 28. Juli 1941 detailliert, darunter auch die Rolle ukrainischer Kollaborateure, die die SS unterstützten. Auf der Rückseite des Negativs hatte er notiert: '28. Juli 1941. Exekution von Juden durch die SS. Festung Berditschew.'" Die Identität des abgebildeten Juden bleibt weiterhin ungeklärt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2025 - Geschichte

Vor hundert Jahren erschien Hitlers "Mein Kampf". Der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg tut sich für die NZZ mit der kommentierten Ausgabe eine Re-Lektüre an und erklärt, warum uns das Werk heute noch eine Warnung sein sollte: "Die auffälligsten Passagen betreffen die Juden und die Propaganda. Vieles von dem, was Hitler über Propaganda sagt, sollte auch uns zu denken geben. Er schreibt, dass die NSDAP nicht 'Dienerin der politischen Interessen einzelner Bundesstaaten, sondern [. . .] Herrin der deutschen Nation' werden solle. Sein Angriff auf die Juden folgte einem klaren Kalkül. Hitler spürte sehr genau, dass sich die Einsamen, Verbitterten und Enttäuschten in Deutschland nach Gemeinschaft sehnten. Nichts schafft eine so starke Gemeinschaft wie ein gemeinsamer Feind, ein Sündenbock. In Frankreich war der Antisemitismus vor dem Krieg genauso virulent wie in Deutschland, aber Hitler schuf eine Glaubensgemeinschaft, in der Juden, sowohl Bolschewiken als auch Kapitalisten, Parasiten und Herren, sichtbar und unsichtbar waren, sie waren überall und nirgendwo, aber vor allem: allmächtig. Da nach Hitlers Ansicht das "Weltjudentum" eine Weltmacht war, musste auch der Antisemitismus zu einer Weltmacht werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.09.2025 - Geschichte

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Im Interview mit der FR spricht die Cambridge-Historikerin Josephine Quinn über ihr Buch "Der Westen". Damit will sie unter anderem auch der Vorstellung entgegentreten, der Westen sei ausschließlich ein Erbe Griechenlands und Roms: Das sei "schlicht nicht die ganze Geschichte. Ich unterrichte und schreibe viel über Griechen und Römer - aber was mich dabei frustriert: Wenn man sie isoliert betrachtet, versteht man sie nicht. Wir tun nicht nur uns, sondern auch den antiken Autoren selbst Unrecht. Herodot, Platon, die sogenannten 'Gründungsväter der westlichen Zivilisation' - sie wussten sehr genau, dass ihre Welt größer war. Sie waren fasziniert von Ägypten, sahen dort Vorbilder und Inspiration, vielleicht überschätzten sie deren Einfluss, unterschätzten aber zugleich den aus Persien oder Indien. Dass wir Griechen und Römer heute zum alleinigen Ursprung 'des Westens' erklären, ist fast beleidigend für sie, denn sie sahen sich selbst als Teil einer viel größeren Welt."

In der Welt berichten Sven Felix Kellerhoff und Berthold Seewald vom Kongress der deutschen Geschichtswissenschaft in Bonn, "dem die überragenden Gesprächsthemen fehlten". Am interessantesten fanden sie noch das Podium zur Großmachtpolitik: "Die ehemalige deutsche Botschafterin in den USA, Emily Haber, erklärte, die aktuelle Entwicklung habe im Fall Russlands, Chinas und der USA viel mit historischen Prägungen zu tun. Wenn Donald Trump eine 'neue US-Hegemonialerzählung' mit den Mitteln der 'Bilateralisierung und Unberechenbarkeit' statt der bewährten Systeme kollektiver Sicherheit anstrebe, bediene er sich aus dem außenpolitischen Reservoir des 19. Jahrhunderts. Das zu erkennen, falle - ein Seitenhieb auf das eigene Haus - deutschen Diplomaten jedoch schwer, weil der Geschichtsunterricht für angehende Attachés dramatisch zusammengekürzt worden sei. Wohl auch daran liege es, wenn Zölle nicht als Instrumente merkantilistischer Wirtschaftspolitik erkannt oder ein geschenktes Flugzeug aus Katar nicht in Traditionen der Frühen Neuzeit gesehen würden, ergänzte der Potsdamer Historiker Dominik Geppert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2025 - Geschichte

Letzte Woche fand unter großer Beachtung der Medien der 55. Deutsche Historikertag statt. Andreas Fanizadeh hörte sich für die taz Diskussionen über das Phänomen des Antisemitismus an und stieß auf bisher wenig bekannte Kontinuitäten: Avner Ofrath, Historiker von der Freien Universität Berlin, "zitierte ausgiebig aus dem 1935 veröffentlichten Manifest 'Die Juden in Algerien' und stellte dar, wie darin die jüdische Bevölkerung als Gruppe in Gänze stigmatisiert und rassifiziert wurde. Aus dem Diskurs der nationalen Befreiung wurden sie ausgeschlossen und als heimlich agierende 'mächtige Bourgeoisie' charakterisiert, als 'Profiteure' der französischen Kolonialherrschaft. Der Text ist, folgt man Ofrath, ein Beispiel dafür, wie die antisemitische Legende von der jüdischen Unterwanderung Algeriens und der islamischen Welt Verbreitung fand." In der SZ hatte am Samstag bereits Alexander Menden vom Historikertag berichtet, in der FAZ schreibt Patrick Bahners.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.09.2025 - Geschichte

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Am 18. September erscheinen die Erinnerungen des Historikers Heinrich August Winkler. Im Interview mit der FAZ spricht er über die Rolle der Historiker, die Westbindung Deutschlands und den neuen rechten Populismus, der nicht nur in der ehemaligen DDR beheimatet ist, sondern auch tief in den Westen reicht: "Die Wahlerfolge der AfD im Osten haben offenkundig ansteckend gewirkt. Die Breitenwirkung von Debatten wie dem Historikerstreit haben wir als Beteiligte offenbar überschätzt. Im Rückblick müsste man noch einmal untersuchen, wie kontrovers die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes aufgenommen wurde. Die Relikte des deutschnationalen Denkens im Westen sind offenbar stärker, als man aus einer intellektuellen Perspektive lange wahrhaben wollte."

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Die Wurzeln der MAGA-Bewegung reichen bis ins 19. Jahrhundert, konstatiert der Politikwissenschaftler und Historiker Bernd Greiner, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat, im Interview mit der FR. Eine große Rolle spielten zivilgesellschaftliche Akteure, die "Extremisten der Mitte". Es "ist eine amerikanische Besonderheit, dass sich über die Jahrzehnte buchstäblich Tausende solcher zivilgesellschaftlichen Organisationen herausgebildet haben. Deren Anhänger übersteigen zum Teil die Zahl der Mitglieder der großen Parteien." Man kann zeigen, "wie ökonomische Bedrängnis und Klassenkonflikte über die Jahrzehnte in kulturelle Auseinandersetzungen transformiert wurden. Diese Akteure haben sehr schnell gelernt, was der Schlüssel zu ihrem politischen Erfolg ist: Wer Erfolg haben will, muss wissen, wer wen hasst. Das wurde zum Maßstab. Zweitens haben sie es verstanden, Fragen der Wohlstandsverteilung immer als Nullsummenspiel zu definieren. Was ich bekomme, muss anderen weggenommen werden. Mein Status - als Vertreter des amerikanischen Mittelstands - bleibt nur erhalten, wenn anderen, den sogenannten Vordränglern, also Minderheiten, Einwanderern, Schwarzen, Teilhabe verweigert wird. Das erklärt die knallharte Opposition gegen einen Sozialstaat nach europäischem Vorbild."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Das Thema ist nicht neu, aber eine Studie der Historikerin Anne Sudrow hat eine Menge neuer Aspekte zutage gefördert, berichtet Andreas Speit in der taz: Die Anthroposophie und besonders auch deren prominente Firma Weleda standen den Nazis um einiges näher als sie selber je zugaben: "In ihrer Studie mit über 800 Seiten erhärtet Sudrow zudem die Kritik an der biologisch-dynamischen Landwirtschaft. Im Sommer 1933 beschlossen biodynamische Verbände die Eingliederung in den NS-Staat. Erhard Bartsch, ein prominenter Anthroposoph, gründete den 'Reichsverband für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in Landwirtschaft und Gartenbau', der das 'Führerprinzip' einführte und jüdische Menschen ausschloss. In einer Rede würdigte Bartsch, der in Brandenburg 1928 einen bis heute bestehenden Demeterhof gründete, Adolf Hitler: 'Deutscher Geist und deutsches Schwert werden dem kulturschaffenden Bauern die Zukunft sichern. Heil dem Führer.'" Übrigens gab es in der taz schon 1983 die "taz-Weleda-Kontroverse", merkt Speit an: Der Historiker und ehemalige tazler Götz Aly hatte KZ-Versuche der Firma nachgewiesen. Auch der Spiegel berichtete letzte Woche über Sudrows Studie.

Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz wird vielfach mit der Industriellen Revolution verglichen. Aber auch die verlief nicht ohne Schattenseiten, erinnert Alexander Wulfers auf der "Digitalwirtschaft"-Seite der FAZ. Er unternimmt einen historischen Ausflug um zu ermessen, welches die Kosten der KI-Revolution sein werden. Die Industrielle Revolution brachte den Arbeitern zunächst Arbeitslosigkeit und Elend - und sie führte zu den ersten Aufständen gegen "Big Tech", den Weberaufständen. "In Nottingham taten sich ab dem Jahr 1811 Textilarbeiter zusammen, um gegen die Automatisierung ihres Gewerbes gewaltsam zu protestieren. Die Aufrührer, die sich nach ihrem fiktiven Anführer Ned Ludd als Ludditen bezeichneten, zogen sich schwarze Masken über, marschierten zur nahegelegenen Textilfabrik und zerschlugen 60 Spinnrahmen. Weitere Attacken folgten in den nächsten Tagen. Nacht für Nacht fielen weitere Fabriken den Ludditen zum Opfer. Innerhalb weniger Monate verbreitete sich die Bewegung im ganzen Land. Zwei Jahre nach ihrem Beginn, im Jahr 1813, schlug die Regierung den Aufstand gewaltsam nieder." 


Weiteres: In der NZZ zeichnet der Historiker Ronald D. Gerste die Geschichte der politischen Attentate in den USA nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.09.2025 - Geschichte

In der NZZ gibt der Sozialwissenschaftler Matthias Messner Chinas Staatspräsident Xi Jinping, der bei der Militärparade auf dem Tiananmen-Platz vor einigen Tagen vom "80. Jahrestag des Sieges des chinesischen Volkes im Widerstandskrieg gegen die japanische Aggression und im weltweiten antifaschistischen Krieg" sprach, Nachhilfe in Geschichte: "Acht Jahre lang hatte China gegen das Kaiserreich Japan gekämpft. Allein hätte China gegen die industrielle, technologische und militärische Übermacht Japans kaum gewinnen können. Schließlich war es die japanische Kapitulation im Gefolge der amerikanischen Atombombenabwürfe, die diesen grausamen Krieg beendete. Andererseits waren es gerade die Japaner mit ihrem Angriffskrieg gewesen, die in China ein Vakuum geschaffen hatten, in das die Kommunisten eindrangen, als Chiang Kai-shek die Kräfte ausgingen. Der amerikanische Historiker und Diplomat George Kennan schrieb 1962: 'Es ist kaum anzunehmen, dass Mao Zedong ohne den Zweiten Weltkrieg erfolgreich gewesen wäre.' Die von den Potentaten Xi Jinping, Wladimir Putin und Kim Jong Un am diesjährigen 80. Gedenktag zelebrierte Solidarität im Zeichen des 'antifaschistischen' Sieges im Zweiten Weltkrieg ist blanker Zynismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2025 - Geschichte

In der Zeit warnt der Historiker Andreas Eckert vor einem Backlash für die Aufarbeitung des Kolonialismus. Vielleicht haben es die Kolonialismusforscher in den letzten Jahren ein bisschen übertrieben mit "überbordender Moralität" und auch die "fast zwanghafte" Konkurrenz mit dem Holocaust fand Eckert nicht hilfreich, aber das sei kein Grund, "kolonialkritische Positionen insgesamt zu desavouieren", meint er mit Blick auf Mathias Brodkorbs Buch "Postkoloniale Mythen": "Ein Rat des 2002 verstorbenen Soziologen Pierre Bourdieu könnte helfen: Man müsse sich bemühen zu verstehen, 'woran es gelegen hat, dass auch die Klarsichtigsten und Wohlmeinendsten [...] manches nicht verstehen konnten, was heute auch für die weniger Klarsichtigen und bisweilen sogar für die Böswilligsten evident ist'. Dieser Frage nachzugehen, würde vor manch überzogenem Urteil schützen - etwa im Streit über den Rassismus der Aufklärung. Häufiger zu beobachten ist gegenwärtig eine andere Tendenz: der Versuch, ein vermeintlich differenziertes Bild zu zeichnen durch eine Art historische Bilanzierung, die den 'schlechten Seiten' des Kolonialismus 'gute Seiten' entgegensetzt und darauf verweist, dass die Kolonisierten zum Teil auch selbst schlimme Finger gewesen seien."
Stichwörter: Rassismus