Szilard Borbely

Die Mittellosen

Roman
Cover: Die Mittellosen
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
ISBN 9783518424506
Gebunden, 350 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Heike Flemming und Laszlo Kornitzer. Als der Ladenbesitzer Mózsi von der Zwangsarbeit ins Dorf zurückkehrt, hat er keine Ähnlichkeit mehr mit einem Juden. Er wird nie wieder einen schwarzen Kaftan tragen. Auch kein weißes Hemd. Er fragt nicht, wohin seine Ware sich verflüchtigt hat: "Aus dem Haus sind die Möbel verschwunden, aus den Regalen die Bücher, aus den Herzen das Erbarmen."
In diesem Dorf wächst Jahrzehnte später, in den 1970er Jahren, ein Junge auf, der Erzähler des Romans. Der Elfjährige muss schwere körperliche Arbeit verrichten, er friert und hungert. Nur in der Beschäftigung mit den Primzahlen findet er sich selbst - und etwas wie das Glück der Distanz. Mit seiner älteren Schwester versucht er, die Mutter vom Suizid abzuhalten. Der Vater, Traktorist in einer LPG, versäuft das Geld und prügelt. Die Familie ist stigmatisiert. Über die Vergangenheit darf nicht geredet werden. Sind sie Juden? Aus Rumänien vertrieben orthodoxe Christen? Warum werden sie ausgegrenzt? In der Selbstbeobachtung des Außenseiters wächst dem Jungen ein unerhörter Scharfblick zu.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 01.04.2015

Die Perspektive des Elfjährigen, die Szilárd Borbély für seinen Roman "Die Mittellosen" gewählt hat, gibt dem Buch eine anthropologische Tönung, findet Ina Hartwig. Der Junge schildert die Enge des ungarischen Dorflebens, wo jeder, der über das Dorf spricht oder es verlässt, als Verräter geächtet wird, und jeder, der "nicht dort stirbt, wo er geboren wurde" und eine Spur zu intelligent ist, als Jude gilt und Anfeindungen ausgesetzt ist, fasst die Rezensentin zusammen. Und dennoch gelingt es weder dem Großvater, der "das absurde Vokabular des Sozialismus" verweigert, noch der Mutter, die kaum lesen kann und häufig droht, sich umzubringen, das Dorf zu verlassen, berichtet Hartwig. Erst der Erzähler schafft den Aufbruch, dem Gymnasium sei Dank, verrät die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 03.01.2015

Zutiefst erschüttert hat Rezensent Andreas Breitenstein Szilard Borbelys Roman "Die Mittellosen" gelesen. Der ungarische Autor, der sich kurz nach Erscheinen seines Buches das Leben nahm, erzählt hier von seiner Kindheit in den späten sechziger Jahren in der rückständigen ungarischen Provinz, in der es keine Würde, Liebe, Hoffnung; dafür aber umso mehr Grausamkeit, Demütigung, Armut und Alkoholismus gibt. So liest der Kritiker in den meisterhaft lakonisch erzählten Schilderungen, wie der junge Ich-Erzähler die Gewalt und Verzweiflung der Dorfbewohner, die hysterisch-depressive Mutter und den trinkenden, prügelnden, desillusionierten Vater erlebt, bald schließlich - in den abgetragenen Kleidern der Schwester - selbst zum Mann im Haus werden muss, Tiere schlachtet und die Fäkalien der Erwachsenen beseitigt. Wenn Breitenstein hier erfährt, wie die Dorfbewohner mit Ausgegrenzten, etwa Juden oder Kommunisten, umgehen, möchte er am liebsten die Augen verschließen. Mit angehaltenem Atem liest er auch, wie die Familie mit ihrer eigenen nie ausgesprochenen Herkunft umgeht. Dieser herausragende Roman, der nicht nur exzellent übersetzt worden ist, einen äußerst ergreifenden Essay des Autors enthält und als "epochales" ungarisches Werk gelten kann, hat den Kritiker nachhaltig beeindruckt.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 29.11.2014

Die Freude darüber, dass dieser Roman bleiben wird, auch wenn sein Autor sich erhängte, ist Carmen Eller anzumerken. Szilárd Borbélys Buch hält sie für ein besonderes Ereignis, schockierend, traurig, durch seine bloße Existenz aber auch tröstlich. Denn der Autor zeigt der Rezensentin eine Welt, die Welt einer Kindheit in Ungarn, voller Gewalt und Monotonie, die für viel mehr steht als für das geschilderte Dasein und die autobiografischen Anteile daran. Für Eller handelt es sich um die persönliche Befreiung des Autors aus einem finsteren Teil seiner Biografie und zugleich um Weltliteratur, die das Zerstörungspotenzial verordneten Schweigens beschreibt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2014

Rezensentin Nicole Henneberg kann ihre Bewunderung für Szilard Borbelys nun auch hervorragend ins Deutsche übertragenen Roman "Die Mittellosen" kaum in Worte fassen. Ebenso virtuos geschrieben wie "verstörend" erscheint der Kritikerin die Geschichte, die der ungarische Schriftsteller hier über seine Kindheit mit Armut und Leiden in den abgelegenen Dörfern Ungarns erzählt. Aus den Augen des Kindes erfährt Henneberg, was der Erwachsene jahrelang verdrängte: Erinnerungen an das Erschlagen von Katzen neben den schlafenden Kindern, um ihre Träume zu zerstören, das Prügeln mit nach Verwesung und Fäkalien stinkenden Putzlappen, aber auch seltene Liebkosungen der Mutter, die die Kinder rettete. Die Kritikerin fühlt sich während der Lektüre an Lars von Triers "Dogville" erinnert - so sezierend und heranzoomend erzähle Borbely von der Lust der Menschen am Quälen. Zugleich liest sie in diesem so brillant und eindrucksvoll erzählten Roman die Suche nach der Identität des Schriftstellers, der sich kurz nach der Fertigstellung des Buches das Leben nahm.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.10.2014

Vom Unglück der Menschen, ob in Ungarn oder anderswo, lernt Judith von Sternburg in diesem im ungarischen Original 2013 erschienenen Roman von Szilárd Borbély. Der Autor beschreibt die brutale Enge einer Dorfwelt und einer kaputten Familie um 1970 aus der Sicht eines Jungen. Die Atemlosigkeit, der Ekel, die Angst und die Verzweiflung des Kindes werden Sternburg zugänglich, nicht zuletzt durch die gelungene Übersetzung. Effektvoll erscheint ihr Borbélys achronologisches Erzählen, seine sprachliche Originalität und die Verbindung aus Unmittelbarkeit schaffenden Szenen und Reflexion. Für Sternburg entsteht so eine "woyzeckhafte" Abgründigkeit, die das Buch für die Rezensentin zum Ereignis des Herbstes macht, zum weltliterarischen Wurf.
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