Vom Nachttisch geräumt

Heimat und gotteslästerliches Exil

Von Arno Widmann
17.08.2017. Kratzt nicht an der Mythologie, klärt aber auch über differierende Standpunkte auf: "Basiswissen Judentum".
Auf sechshundertfünfundachtzig Seiten das "Basiswissen Judentum". Für Kenner ist das wahrscheinlich viel zu wenig. Für Laien zu viel. Aber das ist so wichtig nicht. Kaum jemand wird den Band von der ersten Seite, die sich mit der Frage beschäftigt "Wer ist Jude"  bis zur letzten, die von der interreligiösen Begegnung von Juden und Muslimen handelt, also wie einen Roman lesen. Die meisten Leser werden das Buch nutzen, um sich einzelne Sachverhalte erklären zu lassen. Also zum Beispiel "Wer ist Jude?" Der Leser erfährt, dass zwar ein Berliner Gemeinderabbiner 2012 erklärte, von jeher gelte, dass nur die Kinder jüdischer Mütter Juden seien, dass aber die biblischen Geschlechterfolgen immer den Sohn auf den Vater folgen lassen. Dann heißt es in dem entsprechenden Abschnitt: "Anders als die jüdische Reformbewegung in Nordamerika, die seit 1983 die väterliche Herkunft als gleichberechtigtes Merkmal jüdischer Identität anerkennt, können jedoch auch in den nichtorthodoxen Gemeinden in Deutschland nur Personen Mitglied werden, die Juden gemäß der Halacha (also Kinder jüdischer Mütter) sind. Das Rabbinergericht der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschlands ist aber darauf bedacht, Kindern jüdischer Väter den jüdischen Status und damit den Eintritt in die jüdische Gemeinschaft zu ermöglichen." Die Sache wird noch vertrackter, wenn man weiterblättert und erfährt, wie in Israel  die Frage "Wer ist Jude?" beantwortet wird. Dort galt zunächst einmal, "jeder Mensch, der nach gutem Wissen und Gewissen erklärt, dass er Jude sei, ist als Jude einzutragen, und keine andere Beweise sind von ihm zu verlangen". Inzwischen aber gilt die Vorschrift: Nur Kinder jüdischer Mütter sind Juden.

Herausgeber des Bandes sind Andreas Nachama, Rabbiner und langjähriger Direktor der "Topographie des Terrors", Walter Homolka, Rabbiner und Rektor des Abraham Geiger Kollegs der Universität Potsdam und Hartmut Bomhoff, wissenschaftlicher Mitarbeiter ebendort. Ein Kenner der innerjüdischen Auseinandersetzungen könnte jetzt sicher erklären, wo die drei Herren im weiten Feld der jüdischen Studien zu verorten sind. Ich kann nur sagen, dass ich die einzelnen Beiträge fast alle mit großem Interesse gelesen habe. Nicht zuletzt, weil ich immer wieder den Eindruck habe, auch über differierende Standpunkte aufgeklärt zu werden.

Als einigermaßen komisch empfinde ich allerdings Stellen wie diese: "Mose hatte die Israeliten in aller Eile aus Ägypten geführt…" Geradeso als sei diese Geschichte wirklich Geschichte und nicht nur einfach eine Geschichte.  Man könnte darauf mit einem lässigen Schulterzucken reagieren, aber es geht dabei um deutlich mehr. Eine Entmythologisierung darf nicht sein, denn sonst gäbe es keinen Anspruch auf das Land Israel. Wobei es natürlich auch nicht recht zu begreifen ist, warum, wenn es einen Gott gäbe und wenn der tatsächlich vor ein paar Jahrtausenden einem Volk ein Stück Land versprochen hätte, das einem Volk der Gegenwart - angeblich demselben - ein Recht geben sollte, dieses Stück Land seinen Besitzern streitig zu machen. Gottesrecht bricht Völkerrecht, ist, soweit ich weiß, keine von der UN anerkannte Generalkautel des Völkerrechts.


Mose (hier in Gestalt von Charlton Heston) führt die Israeliten durch das Rote Meer aus Ägypten hinaus

In dem Kapitel "Die Ererbung des Landes" zitieren die Autoren einige der entsprechenden Bibelstellen, um an Gottes Aufruf zur Vertreibung zu erinnern. Zum Beispiel 4. Buch Mose 33,50: "So ihr über den Jordan ziehet in das Land Kena'an, sollt ihr austreiben alle Bewohner des Landes vor euch… nehmet das Land ein, dass ihr darinnen wohnet, denn euch habe ich das Land gegeben, es zu besitzen." Die Autoren schreiben dann: "Das Gebot, das Land zu erben oder zu erobern, indem die bisherigen Bewohner vertrieben werden, wird wiederholt und mit dem warnenden Zusatz verknüpft, dass es den Israeliten niemals gelingen wird, im Land in Sicherheit zu leben, wenn es ihnen nicht gelingt, seine Bewohner zu vertreiben - Sätze, die sich heutzutage mit Bezug auf den andauernden Nahost-Konflikt nicht unbefangen lesen lassen, aber auch die Haltung mancher jüdischen Fundamentalisten erklären helfen."

Nun, sie erklären nicht die Haltung dieser Fundamentalisten, sondern diese biblischen Sätze sind die Erklärung, die die Fundamentalisten für ihre Haltung geben. Es ist diese Stelle, auf die sich mittelalterliche Gelehrte berufen, wenn sie erklären, "dass wir das Land nicht den Händen anderer Völker überlassen sollen". Auch die erklärten das schon mehr als eintausend Jahre, nachdem Juden das Land verlassen hatten. Der von den Autoren zitierte Nachmanides (1194 - 1270) ist ein besonders schönes Beispiel. Er wurde im katalonischen Gerona geboren, wo schon seine Vorfahren lebten. Er war auch Berater des Königs von Aragon. Als der Bischof gegen ihn vorzugehen begann, ging Nachmanides ins Exil: nach Palästina. Dort entstanden dann wohl seine Ausführungen darüber, dass die Juden nicht das Recht hätten, auf Eretz Israel zu verzichten, das Gott ihnen zugewiesen hatte. So wird aus einem Exil die wahre Heimat und aus der Heimat ein gotteslästerliches Exil.

Andreas Nachama, Walter Homolka, Hartmut Bomhoff: Basiswissen Judentum, Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien 2015, 685 Seiten, 40 Euro