Magazinrundschau - Archiv

London Review of Books

569 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 57

Magazinrundschau vom 07.10.2025 - London Review of Books

James Meek beschäftigt sich mit den Konzeptionen einiger KI-Vordenker, die nach Möglichkeiten suchen, der künstlichen Intelligenz mit einer intrinsischen Antriebskraft und einem Wertesystem nach menschlichen Maßstäben auszustatten. Im Zuge seiner Argumentation malt er zwei Zukunftsvisionen aus: In der einen optimiert die KI die menschliche Gesellschaft zu ihrem Besten; in der anderen täuscht eine "unmenschliche" KI lediglich Menschlichkeit vor und führt uns alle in den Untergang: "Eine mögliche Auflösung des scheinbaren Paradoxons zwischen den 'KI-Untergangspropheten' und den 'KI-Optimisten' besteht darin, dass diese beiden Vorstellungen von AGI (Artificial General Intelligenz) oder Superintelligenz - die zufällig die Menschheit vernichtende Version, die etwas will, das wir nicht verstehen, und die wohlwollende Version, die will, dass wir glücklich sind - aus der Perspektive bestimmter Risikokapitalgeber oder neugieriger Wissenschaftler ein und dasselbe sein können: Werbeanzeigen für eine ungeheuer fähige und mächtige Maschine. Die Tatsache, dass die eine Version dieser Maschine gezügelt werden muss und die andere sich selbst zügelt, ist für sie ein technisches Detail. Die Warnung vor ihrer Gefährlichkeit ist ein Platzhalter für die Reichtümer oder die Flut an Wissen, die später folgen werden; die Bedrohung ist ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Sobald gezeigt wurde, dass KI tatsächlich nützlich und vermarktbar ist - auch wenn ihre Gefahr dadurch nicht geringer wird -, wird 'Superalignment', also die Anpassung der KI an menschlich integre Ziele, zu einem unbequemen Restproblem. Elon Musk begann, KI ernst zu nehmen, als Deep-Mind-Mitgründer Hassabis ihm sagte, dass es durchaus in den Kräften einer abtrünnigen KI liegen würde, die auf die Auslöschung der Menschheit aus ist, ihm bis zu seinem Fantasie-Versteck auf dem Mars zu folgen - und dort das Werk zu vollenden."

Magazinrundschau vom 23.09.2025 - London Review of Books

William Davie beschäftigt sich anlässlich von John Ganz' Buch "When the Clock Broke: Con Men, Conspiracists and the Origins of Trumpism" mit den intellektuellen Wurzeln des Trumpismus und stößt dabei auf eine Denktradition, die vor allem in den frühen 1990er Jahren proliferierte - und zwar, anders als vorherige dominante Paradigmen auf Seiten sowohl der Rechten als auch der Linken, größtenteils außerhalb des akademischen Systems. Eine der Figuren, für die er sich besonders interessiert, ist Murray Rothbard, der sich selbst als einen "Paläolibertären" bezeichnet. Der Unterschied zu älteren konservativen Strömungen ist offenkundig: "Neoliberale wie Friedman waren ausdrücklich in ein Projekt des 'Elite Capture' eingebunden, das darauf abzielte, die Orthodoxie der wirtschaftspolitischen Entscheidungsfindung zu verändern. Der Paradigmenwechsel vom Keynesianismus zum Neoliberalismus gelang über bestehende Kreisläufe akademischer Forschung, politischer Beratung, der Finanzpresse und multilateraler Institutionen. Rothbard hatte die gegenteilige Überzeugung. Seiner Ansicht nach waren es die übergebildeten Eliten, die im Begriff waren, Amerika den Sozialismus aufzuzwingen; das einfache Volk hingegen war ein Verbündeter des Kapitalismus, gemeinsam mit dessen zentralen Werten, Privateigentum und persönlicher Freiheit. Der Paläolibertarismus war ein ausdrücklich populistisches politisches Projekt, das darauf abzielte, dem Volk Freiheit und Selbstverwaltung zurückzugeben. Rothbards Rhetorik enthielt deutliche Hinweise auf die Gewalt, die notwendig wäre, um dies zu erreichen - Gewalt, die (paradoxerweise) manchmal von zentralisierten politischen Mächten gegen die Institutionen der Elitenherrschaft ausgeübt werden müsste. Die Doppelhelix von Libertarismus und Autoritarismus, die sich durch große Teile von Trumps Programm zieht, lässt sich zu Rothbards Werk zurückverfolgen. Ein Problem, mit dem alle Paläos in den frühen 1990er-Jahren konfrontiert waren, bestand darin, wie man eine Massenbewegung koordinieren und ein politisches Programm entwerfen kann, während man gleichzeitig die etablierte Regierung, die Medien und öffentliche Institutionen angreift, die zur Umsetzung eines solchen Programms nötig sind. Das Talkradio lieferte einen Teil der Antwort, indem es die Wut weißer Männer kanalisierte und befeuerte, die zu einer zunehmend prägenden Kraft in der amerikanischen Politik wurde. Zwanzig Jahren später stellten die soziale Medien die Werkzeuge für die Verbreitung eines auf Ressentiment basierenden Populismus bereit."

Magazinrundschau vom 30.09.2025 - London Review of Books

Das Problem an KI-Deepfakes, glaubt Claire Wilmot, ist nicht, dass sie alternative Fakten schaffen, die von den Menschen für bare Münze genommen werden. Vielmehr durchschaut die Zielgruppe in der Mehrzahl die Fälschungen - und verbreitet sie trotzdem enthusiastisch weiter: "Wie Deleuze und Guattari in 'Anti-Ödipus' schrieben, war der Faschismus der 1930er-Jahre nicht in erster Linie ein Problem der Unwissenheit: 'Die Massen waren keine unschuldigen Betrogenen; zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen, wollten sie den Faschismus, und es ist diese Perversion des Begehrens der Massen, die erklärt werden muss.' Ein Teil des Missverständnisses in Bezug auf die Bedrohung durch Deepfakes rührt daher, dass man sie als ein Problem faktisch falscher Informationen versteht, anstatt als ein Problem des Begehrens (oder der materiellen Bedingungen, die dieses Begehren formen). Die Deepfakes, die sich in den sozialen Medien der extremen Rechten vervielfältigen - einige davon wurden am 13. September bei einer Right-Wing-Demonstration in London sogar ausgedruckt und auf Bannern gezeigt -, sind faschistische Traummaschinen. Sie bieten klare, illustrative Diagnosen der angeblichen Probleme Großbritanniens (Islam, People of Colour, Migranten), eine Theorie des Wandels (abgeriegelte Grenzen, Masseninhaftierungen, Deportationen) und eine Vision der Zukunft (hegemoniale weiße Männlichkeit, christlicher Revanchismus)." Die Labour-Regierung hat dem wenig entgegen zu setzen, meint Wilmot.

Magazinrundschau vom 09.09.2025 - London Review of Books

Tom Stevenson besucht El Salvador, ein Land, das seit ein paar Jahren mit harter Hand von Nayib Bukele regiert wird - 2019 gelangte er an die Präsidentschaft, im Jahr 2022 rief er den nationalen Notstand aus und zerschlug die kriminellen Banden (siehe auch hier), die weite Teile des Landes im Griff hatten. El Salvador ist jetzt zwar sicherer, so Stevenson, aber der Preis ist hoch: Bukele setzt sich über alle rechtsstaatlichen Prinzipien hinweg, inzwischen befindet sich ein signifikanter Teil der männlichen Bevölkerung hinter Gittern, nur sehr wenige Gefangene landen tatsächlich vor Gericht. Freilich gibt es, verglichen mit anderen totalitären Regimes, einen Unterschied: "Der wesentliche Unterschied zwischen dem Gefängnisstaat unter Bukele und zum Beispiel dem ägyptischen besteht in seiner Sichtbarkeit. In Ägypten, wie auch im Syrien Assads, spielt sich die Brutalität im Verborgenen ab - schon Nachforschungen darüber sind gefährlich. Die Regierung Bukeles hingegen führt gerne social-media-Influencer durch das Gefängnis CECOT. Die US-Ministerin für Heimatschutz, Kristi Noem, ließ sich vor eingesperrten Häftlingen filmen. Auf YouTube finden sich Videos auf Spanisch, Arabisch und Englisch, die alle im Wesentlichen dieselbe Tour durch dieselben zwei Blöcke mit überfüllten, aber sauberen Zellen zeigen. Dutzende Männer in einer Zelle starren hinter Gittern hervor, ihre Gesichter von Tattoos bedeckt; in der nächsten Zelle tragen die Gefangenen Brillen und haben Bäuche. ... Der Zweck von CECOT besteht - wie der Name schon andeutet - darin, Bandenmitglieder wie Terroristen zu behandeln, auf eine Weise, die offensichtlich vom Gefangenenlager Guantánamo beeinflusst ist. Die sorgfältig inszenierten Führungen verraten wenig darüber, wie Gefängnisgewalt unterdrückt wird oder wie die Bedingungen in den Bereichen aussehen, die Besuchern nicht gezeigt werden."

Magazinrundschau vom 19.08.2025 - London Review of Books

Mit der Lage der Alawiten in Syrien vor und nach Assads Sturz setzt sich Loubna Mrie auseinander. Die Volksgruppe, der der Diktator selbst angehörte, hatte das Assad-Regime zwar lange unterstützt, aber zu den tatsächlichen Profiteuren der das gesamte politische System durchsetzenden Korruption zählten nur wenige. Ausgerechnet dieser innere Zirkel Assads kommt nun, da Islamisten die Regierung führen, ungeschoren davon: "Hochrangige Beamte des Assad-Regimes - Männer, die für unzählige Festnahmen und Todesfälle verantwortlich waren - bleiben unangetastet. Einer von ihnen ist Muhammad Hamsho, in ganz Syrien bekannt als der 'Schuttkönig'. Er hatte sein Vermögen aufgebaut, indem er aus zerbombten Stadtvierteln Schrott barg. In Qaboun, einst eine Hochburg der Opposition, sammelten seine Trupps Stahlstangen aus zerstörten Häusern. Der Stahl speiste seine Fabriken. Hamsho finanzierte zudem einige der brutalsten Milizen des Regimes. Dennoch bleibt er geschützt - offenbar aufgrund von Verbindungen nach Katar durch die Ehe seiner Schwester. Vielen anderen geht es wie ihm. Fadi Saqr, der Milizenkommandeur, dem vorgeworfen wird, das Massaker von Tadamon 2013 beaufsichtigt zu haben - bei dem 41 Menschen in einer Grube im Osten von Damaskus exekutiert wurden -, wurde bei Treffen mit der neuen Regierung gesehen. Während die Architekten der Gewalt abgeschirmt werden, richtet sich die Wut gegen diejenigen, die greifbar sind: Nachbarn, die im Verdacht standen, Informanten des Assad-Regimes gewesen zu sein. In einem Video wird ein angeblicher Informant an die Motorhaube eines Autos gefesselt. Ein Hammer wird ihm in den Schädel geschlagen."

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Ferdinand Mount ordnet Donald Trumps Vorliebe für Zölle in die Wirtschaftsgeschichte der USA ein. Es zeigt sich: Trumps Protektionismus hat durchaus jede Menge historische Vorläufer - ausgerechnet die Boomphase der amerikanischen Wirtschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts fällt aber mit einer konsequenten Freihhandelspolitik zusammen. Dennoch wirbt der amerikanische Anwalt Robert Lighthizer, der die US-Zollpolitik während der ersten Amtszeit Trumps maßgeblich mitprägte, in seinem 2023 erschienenen Buch "No Trade is Free" weiterhin für eine protektionistische Wende in der Handelspolitik. Aber "Lighthizer bleibt die Antwort darauf schuldig, warum er Zölle für das einzig wirksame Mittel hält, um die Schwachstellen der amerikanischen Wirtschaft zu schützen. Ebenso wenig kann er belegen, dass Trumps erste Zollrunde irgendeinen Nutzen brachte - oder erklären, welche zusätzlichen Belastungen sie für Konsumenten und für Hersteller verursachte, die sich plötzlich mit steigenden Preisen für Stahl, Seltene Erden und andere Rohstoffe konfrontiert sahen. Die 2018 verhängten Trump-Zölle führten jedenfalls nicht zu mehr Arbeitsplätzen in der heimischen Stahlindustrie. Im Gegenteil: Nach Berechnungen der unabhängigen Tax Foundation drückten ihre Folgewirkungen das langfristige Wirtschaftswachstum, die Löhne und die Beschäftigung - umgerechnet um rund 166.000 Vollzeitstellen. Schon die Stahlzölle unter Carter, Reagan und George W. Bush hatten sich als ebenso wirkungslos wie teuer erwiesen. Auch Trumps jüngstes Hin und Her zwischen Drohungen und vagen Ankündigungen von Deals dürfte kaum jemandem nützen - außer dem US-Finanzministerium. Dort sprudeln die Einnahmen kräftig: Laut einem Bericht für BBC Verify vom Juli nimmt es inzwischen 28 Milliarden Dollar monatlich an Einfuhrzöllen ein, dreimal so viel wie im Vorjahr. Den Amerikanern dämmert inzwischen, dass sie am Ende dieser zähen Zollgefechte wohl rund 15 Prozent mehr für ihre Importe zahlen werden."

Magazinrundschau vom 02.09.2025 - London Review of Books

Barbara Newman beschäftigt sich anlässlich zweier neuer Buchveröffentlichungen mit Boccaccio, zeichnet dessen Lebensweg nach und präpariert die diversen Bedeutungsschichten einiger Erzählungen des "Decamerone" heraus. Erstaunlich ist nicht zuletzt die Reflexivität seines Werks, findet sie: "In der Einleitung zu Buch 4 bietet Boccaccio ein frühes Beispiel für Rezeptionskritik. Obwohl das Werk noch lange nicht abgeschlossen war, hatten sich seine Erzählungen bereits verbreitet, und nicht jeder fand Gefallen an ihnen. Es scheint, dass prüde Kritiker sich über Boccaccios Wunsch beschwerten, den Damen zu gefallen, und seine literarischen Bemühungen als amouröse Eskapaden interpretierten. Boccaccio antwortet charmant, indem er ihre Kritik akzeptiert. Warum sollte er schließlich nicht Frauen lieben und Freude daran haben, ihnen zu gefallen? Die Musen sind schließlich auch Damen, und 'es ist eine Tatsache, dass Damen bereits Grund dafür waren, dass ich Tausende von Versen verfasste, lange bevor die Musen ins Spiel kamen.' Es ist nichts Schändliches, für Frauen zu schreiben; Dante tat es schließlich auch. Wo wäre die Commedia ohne Beatrice? Indem er den 'Decamerone' mit seiner eigenen Stimme beschließt, unternimmt Boccaccio einen revolutionären Schritt, indem er die moralische Verantwortung für die Literatur vom Autor ganz auf den Leser überträgt. 'Für die Reinen ist alles rein', wie es der heilige Paulus sagt, während ein korruptes Gemüt überall nur Verderbnis sieht. Sogar anstößige Erzählungen haben ihren Wert für diejenigen, die wissen, wie man sie richtig interpretiert. Wer sich jedoch an Kleinigkeiten stört, kann einfach die anstößigen Geschichten überspringen und sich auf die erbaulichen konzentrieren. Kurz gesagt: 'Die Dame, die ständig ihre Gebete spricht oder ... Kuchen für ihren Beichtvater backt, sollte sich von meinen Erzählungen fernhalten.' Dies ist Boccaccios größte Errungenschaft für die Literaturtheorie: Volkstümlichkeit, Unterhaltung, die Verantwortung des Lesers und die Autonomie der Fiktion sind miteinander verwoben und bekommen eine weibliche Färbung. Zum Guten oder Schlechten sollte diese Kette bestehen bleiben - besonders als immer mehr Frauen zu schreiben begannen. Es ist mehr als nur das Geschlecht, das die eleganten Erzählerinnen des 'Decamerone' mit der 'verfluchten Menge schreibender Frauen' verbindet, die Nathaniel Hawthorne in den 1850er Jahren verurteilte."

Magazinrundschau vom 05.08.2025 - London Review of Books

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Jonathan Parry vertieft sich in eine Geschichte der britischen Politik im Sudan 1882-98, geschrieben von Peter Hart. Eine zentrale Figur war General Charles George Gordon, der während des Mahdi-Aufstandes in Khartum getötet wurde, bevor eine britische Armee ihn und seine Männer erreichen konnte. Die Brutalität in diesem Krieg war sprichwörtlich, aber auch die Überheblichkeit des Generals: "In den Jahren nach seinem Tod war Gordon zu einem christlichen Märtyrer erhoben worden, der in den Sudan gegangen war, um sich gegen den Fanatismus und die Gewalt in Afrika, nicht zuletzt gegen den Sklavenhandel, zu stellen. Mit seiner Rache würde Großbritannien einen Schritt zur Beendigung dieser Übel tun. In Wirklichkeit war die Gordon-Affäre komplexer. Gordon lehnte den Sklavenhandel ab, aber sein Hauptfeind war die arrogante Misswirtschaft gieriger britischer und ägyptischer Beamter. Er unterschätzte den Mahdi und glaubte, ihn gegen andere Häuptlinge ausspielen zu können. Er ging davon aus, dass die Stammesführer des Sudan positiv reagieren würden, sobald korrupte Gouverneure durch Männer wie ihn ersetzt würden, die asketisch lebten und der arabischen Kultur wohlgesonnen waren. Aber er hatte ihnen nur sehr wenig zu bieten und verfügte ohne die Unterstützung des britischen Militärs über keine Autorität. Er verschmähte die Flucht und glaubte weiterhin, dass Unterstützung kommen würde, aber wenn dies nicht der Fall sein sollte, war die Vorstellung eines Märtyrertods angesichts seines starken Glaubens und seines Schicksalsbewusstseins nicht unattraktiv."

Magazinrundschau vom 22.07.2025 - London Review of Books

Gazelle Mba besucht den nigerianischen Bundesstaat Borno, der letztes Jahr, nach dem Kollaps eines Staudamms, von einer Flutkatastrophe heimgesucht wurde, die Hunderte Todesopfer forderte. Die Räumarbeiten in den Katastrophengebieten gehen nur langsam voran. Dennoch zeigen sich Mbas Gesprächspartner vorsichtig optmistisch. Die größte Bedrohung stellten für die Region noch bis vor wenigen Jahren die Angriffe der islamistischen Terrorgruppierung Boko Haram dar - und zumindest in dieser Hinsicht haben sich die Dinge, nicht zuletzt aufgrund lokaler Initiativen, zum Besseren gewendet. Insgesamt bleibt die Lage komplex: "Borno wird von vielen Nigerianern oft missverstanden. Es ist eine der am stärksten benachteiligten Regionen des Landes. Die multidimensionale Armutsrate im Bundesstaat liegt bei 72,5 Prozent, 9,5 Prozentpunkte über dem nationalen Durchschnitt. Wie bei der Bewältigung der Überschwemmungen mussten die Bürger selbst die Initiative gegen Boko Haram ergreifen. Habib wies auf einige Mitglieder der Civilian Joint Task Force (CJTF) hin, eine Art Bürgerwehr, die sich als Reaktion auf das Versagen der Regierung im Kampf gegen die Terroristen gebildet hatte. In den frühen Jahren der Aufstandsbewegung griffen zahlreiche Freiwillige aus allen Gesellschaftsschichten zu den Waffen - Macheten, lokal hergestellten Gewehren und so weiter -, um die Stadt zu verteidigen. Heute besteht ihre Aufgabe darin, den Frieden zu wahren. 'Selbst diese Straße' - Habib deutete auf den Weg, auf dem wir langsam entlangfuhren - 'konnte während der Zeit des Aufstands niemand benutzen. Sie war nicht sicher.' Während der Überschwemmung half die CJTF dabei, Familien in Notunterkünfte zu bringen und Hilfsgüter zu verteilen. Ein Hinweis darauf, dass die Stadt heute wieder sicher ist, sei die Präsenz von Fahrrädern, erzählte mir Habib. Die Aufständischen nutzten Motorräder, um sich zwischen Dörfern und Städten zu bewegen und Überfälle durchzuführen, während alle anderen - sofern möglich - mit dem Auto reisten. Jetzt, da das Leben wieder sicherer ist, können die Menschen Fahrrad fahren, und das Dröhnen von Motorrädern hört man nicht mehr."

David Trotter beschäftigt sich ausführlich mit Golf, einem Sport, dem seine Anhänger eine Form der natürlichen Eleganz zusprechen. Trotter ist ganz anderer Meinung: "Was den Golfsport von den vielen anderen Sportarten unterscheidet, bei denen man etwas mit oder an einem kleinen runden Objekt tut, ist der Grad seiner inneren wie äußeren Vermittlung. Die äußere Vermittlung findet im Raum des Golfplatzes statt; die innere Vermittlung ergibt sich aus der Qualität und Quantität der Ausrüstung, die zwischen dem Spieler - ob Amateur oder Profi - und seiner Fähigkeit steht, eine entscheidende Handlung auszuführen. Wenn ein Tennisspieler sich entscheidet, einen Schläger gegen einen anderen auszutauschen, der mit leicht unterschiedlicher Bespannung versehen ist, kann das durchaus Einfluss auf den Ausgang eines Spiels haben. Doch das ist kaum vergleichbar mit der Präsenz der vierzehn Schläger im Kopf und in den Händen eines Golfspielers - jeder ein kleines Wunderwerk der Technik, jeder dafür entworfen (in manchen Fällen sogar maßgeschneidert), eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen. ... Edward VII. besaß eine Golftasche, die aus der Haut eines Elefantenpenis gefertigt war - ein Geschenk eines Maharadschas. Diese Abhängigkeit von industrieller Herstellung ist mehr als nur ein bisschen paradox. Golf ist das pastoralste aller Spiele. Seine Wettkämpfe finden zwischen sanften Hügeln oder in üppigem Parkland statt... Doch die Leichtigkeit, mit der sich die typischen Kulissen ausstatten und gestalten lassen, macht Golf jenen Sportarten ähnlich, die sich an der Verdrängung der natürlichen Umwelt erfreuen."
Stichwörter: Golf, Nigeria, Borno

Magazinrundschau vom 01.07.2025 - London Review of Books

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Jonathan Meades bespricht - nicht besonders überzeugt - ein Buch Owen Heatherleys über den Einfluss europäischer Flüchtlinge im Zweiten Weltkrieg auf die britische Kulturszene. Aber zunächst mal hatten die Neuankömmlinge enorme Anpassungsschwierigkeiten: "Für [den in Hamburg geborenen Fotografen] Bill Brandt war England eine Nation von 'Träumern in einer surrealen Landschaft', eine Nation, zu der er nur schwer Zugang fand. Er sprach mit einem mysteriösen Akzent und beugte sowohl Sprache als auch Nation seinem Willen, indem er tableaux vivants inszenierte, die 'Puristen' - also die spröden Kunstverächter - als Betrug bezeichneten. ...  Brandt hat verändert, wie die Engländer sich selbst sehen. Er war kosmopolitisch. Sein Schüler Tony Ray-Jones war es nicht. Er ließ sich mit seinem ehemals provinziellen Blick von Brandt anleiten. Ray-Jones mag seine Themen mit Donald McGill oder Ken Russell geteilt haben, aber seine Kompositionen von gleichzeitigen Aktionen konkurrierender Spieler sind aus einer anderen Welt gestohlen." Meades interessiert sich vor allem für die dynamischen Wechselwirkungen zwischen den Migranten und in Großbritannien geborenen Künstlern: "Beide Gruppen leiden unter Entfremdung. Die längst Etablierten wie auch die vermeintlich bedrohlichen und bedrohten Neuankömmlinge - Flüchtlinge auf der Flucht - sind in gegenseitigem Misstrauen, Konfrontation, Provokation und komplettem Missverstehen gefangen. Hatherley schließt seine Einleitung zu seinem großen Panorama mit den Worten: 'Die Fremden haben uns alle ein bisschen fremd gemacht.'"

William Davies hat sich einen TikTok-Account zugelegt, um herauszufinden, warum (in Britannien) ausgerechnet Nigel Farages extreme Rechte auf der Plattform so erfolgreich ist. Tatsächlich werden auch Davies in seinem algorithmusbasierten "For You"-Feed jede Menge xenophobe, populistische Kurzclips angezeigt. In seinen Augen ist das Phänomen Symptom einer gesellschaftlichen Desorientierung: "Warum sind Grundbedarfsartikel plötzlich so viel teurer? Wie können sich junge Männer aus einer anderen Community so teure Autos leisten? Warum behauptet die Regierung, kein Geld zu haben, obwohl sie Milliarden in die Ukraine schickt und Ausländer in Hotels unterbringt? Das einfache, transparente Gleichgewicht des Marktes ist ersetzt worden durch das undurchsichtige Ungleichgewicht der Wertabschöpfung - oder, anders gesagt: durch Betrug. Das ist zumindest teilweise das, was in einer kapitalistischen Gesellschaft geschieht, wenn die Profite hoch bleiben, während Produktivität und Lohnwachstum stagnieren. Die Rechnung geht nicht mehr auf. Viele können nicht mehr durch Arbeit Eine Familie ernähren. Irgendjemand irgendwo wird ganz offensichtlich reicher - aber es ist nicht klar, wie oder warum. Auf TikTok findet man einen ständigen Strom praktischer Ratschläge, wie man das System austricksen kann: vermittelt Online-Shopping-Plattformen, von denen Supermärkte nicht wollen, dass man sie kennt, oder durch Investmentstrategien und Nebenjobs, die besser bezahlt sind als ein echter Beruf. Auf meiner eigenen 'For You'-Reise in den Faragismus fiel mir auf, wie oft vorausgesetzt wurde, dass der wahre Erfolg in irgendeiner Form von Ausstieg besteht: in Ruhestand mit passivem Einkommen oder in Auswanderung in eine weniger kaputte Gesellschaft mit besserem Wetter. Im Gegensatz zu den 'Win-Win'-Versprechen des marktwirtschaftlichen Liberalismus erinnert das alles stark an Trump'sche Nullsummen-Deals, bei denen einer nur gewinnen kann, wenn der andere verliert."

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - London Review of Books

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Andy Beckett bespricht ein Buch Philppe Sands' über Walther Rauff, einen NS-Kriegsverbrecher, der maßgeblich an der Ermordung von Juden durch Gaswagen beteiligt war und nach dem Krieg nach Chile floh, wo er den Rest seines Lebens von der deutschen Justiz unbehelligt verbringen konnte. Und unter anderem während der Pinochet-Diktatur für den chilenischen Geheimdienst DINA tätig war. In einer Funktion, die seiner Tätigkeit während des Dritten Reiches gespenstisch ähnlich war: "Ein Teil dessen, was Rauff für die DINA tat, wird durch das Buch klarer. Wie beim Holocaust waren Lastwagen im Einsatz, Menschen wurden in ihnen eingesperrt, und die Beseitigung der Leichen erfolgte mit industriellen Methoden. Die Lastwagen versorgten Folterzentren im ganzen Land: Londres 38, eine Adresse in einem vornehmen Teil des Zentrums von Santiago, war berüchtigt. Der Umfang der Operation und die Geschwindigkeit, mit der sie eingerichtet wurde - die Lastwagen und Rauffs Fischmehlfabrik wurden am Tag des Putsches vom Militär übernommen - deuten, wie Sands anmerkt, darauf hin, dass sie geplant und in Gang gesetzt wurde, als Chile noch eine Demokratie war. Wenn demokratische Politik ausreichend verbittert - wie es während Allendes Präsidentschaft der Fall war, als seine sozialistischen Maßnahmen viele lang etablierte chilenische Hierarchien zu beenden drohten -, kann die Grenze zwischen gewöhnlichem Konservatismus und einer autoritären 'Notstands'-Version so sehr verschwimmen, dass sie letztlich gänzlich verschwindet."

Außerdem: Blake Morrison liest Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel". Und Kevin Okoth kämpft sich durch Achille Mbembes "Brutalism", in dem der kamerunische Philosoph mit dem Neoliberalismus abrechnet.