Magazinrundschau - Archiv

La vie des idees

181 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 19

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - La vie des idees

Nicolas Delalande begibt sich mit dem Historiker Louis Warren, einem Spezialisten für den amerikanischen Westen, auf die Spur des "kalifornischen Traums". Ohne Kulturindustrie wäre der nicht entstanden, so Warren. "Es sind die Filme, die der kollektiven Vergangenheit und Zukunft Sinn geben, Filme, die in ihrem schwankenden Licht auf der Leinwand stark den Träumen ähneln. Man vergleicht diese Filme mit den Träumen, die Leute fangen in den Zwanzigern an, über den Hollywood-Traum zu sprechen, vom Traum nach Kalifornien zu gehen, ein Filmstar zu werden. Dies ist der Beginn der Idee, dass man einen Traum braucht, um in der modernen Welt erfolgreich zu sein." Der eigentliche kalifornische Traum in Ergänzung zum amerikanischen Traum beginnt für Warren allerdings erst in den Sechzigern, mit dem wunderbaren Lied "California Dreaming"von den Mamas und den Papas.

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - La vie des idees

Der Politologe Stéphane François und der Historiker Adrien Nonjon liefern ein nützliches und ausführliches, wenn auch nicht gerade grundstürzendes Porträt über Alexander Dugin. Erstaunlich nahe stehe der international bestens vernetzte Rechtsextreme zu Putin, auch wenn die beiden Autoren wie alle Experten betonen, dass er nicht nicht Putins "Rasputin" sei. Um so nützlicher womöglich für beide Seiten ihre weitgehende ideologische Übereinstimmung, vor allem beim Thema Ukraine: "Im Einklang mit seiner imperialen geopolitischen Doktrin bestreitet Dugin die Unabhängigkeit der Ukraine. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Erstens, weil die Ukraine in seinen Augen eine wichtige geografische und strategische Komponente Eurasiens darstellt...; zweitens, weil er der Ansicht ist, dass sie historisch zum imperialen Russland gehört, worin er sich mit der Putinschen Sichtweise deckt. Seiner Meinung nach sollte die Ukraine daher natürlich in der russischen Welt verbleiben. Seit den 2000er Jahren hat er seine Positionen immer weiter verschärft und ist beispielsweise der Ansicht, dass die 'Orange Revolution' von 2004 den Wechsel Kiews ins atlantische Lager bedeutete. Seitdem stellt die Ukraine eine Bedrohung für Russland dar, die es zu neutralisieren gilt. Als Reaktion darauf befürwortete er die Schaffung eines von Moskau abhängigen 'Neurussland' (Novorossia) in der Ostukraine. Auch hier stimmen Dugins geopolitische Vorstellungen mit denen Putins überein. Daher ist es nur folgerichtig, dass er die Invasion der Ukraine am 24. Februar 2022 entschieden unterstützt."

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Über die Ideologie des "Eurasianismus", die Dugin in der Tradition anderer rechtsextremer russischer Autoren entwickelt hat, sei immer wieder Charles Clovers faszinierende Studie "Black Wind, White Snow" empfohlen.

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - La vie des idees

Zur Kunst von Geschichtsschreibung gehört es, die Vergangenheit als Gegenwart denken zu können und den eigentlichen Ausgang nicht als Schicksal zu begreifen. Was Jérémy Guedj in seinem Buch "Les Juifs français et le nazisme, 1933-1939" unternimmt, klingt faszinierend: Er versucht die Wahrnehmung Hitlers und der Nazis durch Juden in Frankreich in den Jahren 1933 bis 1939 nachzuzeichnen, ohne in die Falle einer falschen Zwangsläufigkeit - oder wie Emmanuel Droit das in seiner Besprechung nennt, einer "lecture rétrodictive" zu tappen. Was sich herausstellt, ist, dass die Juden das Phänomen zwar mit gesteigerter Sensibilität und aus den Mustern ihrer Religion und Geschichte wahrnahmen, dass sie aber zumindest in einer ersten Phase dem weit verbreiteten Missverständnis aufsaßen, dass Hitler es nicht so ernst meine, wie er es proklamierte: Aber "Hitler war eine Herausforderung an den gesunden Menschenverstand. Es dauerte bis spätestens 1935 und zu den Nürnberger Gesetzen, bis die schreckliche Erkenntnis reifte, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. In Kapitel 4 mit dem metaphorischen Titel 'Das Schloss und die Schlüssel' zeigt Guedj, wie die oftmals vom Messianismus durchdrungenen französisch-jüdischen Intellektuellen (Raymond Aron, Jean-Richard Bloch, Emmanuel Levinas) in den 1930er Jahren in der Lage waren, eine Analyse des Nationalsozialismus im Sinne einer Religion zu erstellen, die den Lauf der Geschichte umkehren und sich gegen die moderne europäische Zivilisation richten könnte. Der Autor zeigt also, dass die französischen Juden über den Schrecken und die Erschütterung hinaus die Bedrohung durch den Nationalsozialismus sehr ernst nahmen und begannen, 'Mein Kampf' und seine ideologischen Grundlagen zu studieren und zu diskutieren. Sie waren sich der Gefahr bewusst und führten in Frankreich den Kampf gegen die Infiltration durch die Nazis, die von 'Agenten' wie Darquier de Pellepoix, Louis-Ferdinand Céline oder Jean Boissel verkörpert wurde. Die Seiten über den Einfluss der Nazis sowohl in Nordafrika als auch im Elsass und die Reaktionen für das Engagement der jüdischen Autoren sind sehr instruktiv."

Die Soziologin und Demografin Marie Ladier-Fouladi erzählt eine im Grunde noch zu kursorische Geschichte des Widerstands der Frauen im Iran gegen das Mullah-Regime. Aber eines macht sie klar: Dieser Widerstand begann noch vor der Instituierung der Islamischen Repubilik mit dem Dekret zum Verschleierungszwang vom 6. März 1979, gegen das die Frauen zum ersten Mal am 8. März 1979, am Tag der Frau also, protestierten. Ihr Slogan damals: "Die Freiheit gehört weder dem Westen noch dem Osten, sie ist universell." Seitdem gingen die Proteste mit Unterbrechungen weiter, bis hin zum Aufbäumen der gesamten iranischen Jugend unter dem Slogan "Frau, Leben, Freiheit". Dass dieser schönste Slogan, den eine Revolution je hatte, möglich wurde, ist laut Ladier-Fouladi auch einem stillen Protest zu verdanken, einer Art Gebärstreik der iranischen Frauen: "Die Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit war ihr Mittel, sich den religiösen Anordnungen und dem traditionellen Familienmodell, das vom theokratischen Regime propagiert wurde, zu widersetzen. Die Verhütung führte zu einem raschen Rückgang der Fertilität von durchschnittlich 7 Kindern pro Frau am Vorabend der Revolution von 1979 auf 6,4 Kinder im Jahr 1986 und 1,6 Kinder im Jahr 2021. Der dramatischste Rückgang ereignete sich zwischen 1986 (6,4) und 2000 (2), was einem Rückgang von 70 Prozent innerhalb von 15 Jahren entspricht und den demografischen Übergang im Iran zu einem der rapidesten in der Geschichte macht. (...) Der Rückgang der Fertilität und die damit einhergehende Verkleinerung der Familiengröße haben überall die emotionalen Beziehungen zwischen Ehepartnern sowie zwischen Eltern und Kindern verändert. Dieser Wandel bedeutet auch eine Erschütterung der patriarchalischen Ordnung, die auf der Unterordnung der Frauen unter die Männer und der Jüngeren unter die Älteren beruhte. Die Familienbeziehungen basieren nun auf Dialog und gegenseitigem Respekt."

Magazinrundschau vom 26.03.2024 - La vie des idees

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Yann Schmitt ist laut La Vie des idées "Professeur de philosophie en khâgne", und das ist so ungefähr die vornehmste Position, die ein Philosoph in Frankreich haben kann, denn die "khâgne" ist die Vorbereitungsklasse für die "großen Schulen" in Frankreich, vor allem für die Ecole normale supérieure. Man kann nicht sagen, dass der Philosoph, über den er schreibt und den er als einen der berühmtesten Philosophen Großbritanniens der letzten Jahrzehnte darstellt, in deutschen Feuilletons bisher Spuren hinterlassen hat. Derek Parfit heißt er, und hat Bücher geschrieben, die trügerisch einfache Titel haben, "Reasons and Persons" und "On What Matters". Anlass für Schmitts Artikel ist David Edmonds Biografie "Parfit - A Philosopher and His Mission to Save Morality" - Parfit ist im Jahr 2017 gestorben. Was Schmitt über Parfit erzählt, klingt, als wäre er eine nützliche Lektüre angesichts unserer erbitterten ideologischen Debatten. Parfit habe sich, auf eine vielleicht etwas abstrakte Weise, die Frage gestellt, ob eine "objektive" Moral denkbar ist. Geschickt exponiert Schmitt das in einem Absatz über Parfits Kindheit: "Parfit wurde in China als Sohn christlicher englischer Missionare geboren, deren Glaube schwankend geworden war. Mit acht Jahren lehnt er die Vorstellung ab, dass ein Gott Menschen in die Hölle schicken kann. Damit sind bereits zwei Grundgedanken präsent: die Ablehnung des moralischen Wertes von Leid und die Notwendigkeit einer säkularen Ethik." Die moralischen Fragestellungen Parfits erläutert Schmitt an einem anderen Beispiel: "So betont Parfit, dass individuelle Handlungen heutzutage oftmals ihre moralische Bedeutung in Gesellschaften erlangen, in denen die Menschen zusammen handeln, ohne sich zu koordinieren oder sich der kumulativen Auswirkungen ihrer Handlungen bewusst zu sein. Man denke nur an die Tatsache, dass man aus Zeitersparnis mit dem Auto fährt, anstatt öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen (falls es solche überhaupt noch gibt). Jede einzelne Handlung scheint moralisch unwichtig oder folgenlos zu sein, da das Auto einer Person allein keine Krebserkrankungen auslösen kann. Aber gemeinsam schaden die Autofahrer allen und sich selbst. Dann gilt es, den Schaden solcher Aktionen sorgfältig abzuwägen."

Magazinrundschau vom 16.01.2024 - La vie des idees

Die Zola-Experten Aurélie Barjonet und Timo Kehren decken im Gespräch mit Ivan Jablonka eine nicht so bekannte Seite des französischen Romanciers auf. Dieser war nämlich nicht zuletzt auch ein Marketingstratege: " Émile Zola, der von seiner Feder leben wollte und früher Werbeleiter bei Hachette war, erkannte schnell die Bedeutung dieses internationalen Marktes, der ihm auch die Möglichkeit bot, Nachahmer zu finden und - was noch wichtiger war - zur Institutionalisierung der Literatur in vielen Ländern beizutragen. Mit seinen Übersetzungen wollte er nicht nur Geld verdienen, sondern auch eine gewöhnliche Leserschaft erreichen, nicht nur die Elite, die ihn in sehr vielen Ländern auf Französisch lesen konnte… Während Zola keine Fremdsprache sprach, verwaltete er ab 1881 seine Rechte im Ausland allein, obwohl er befreundete Schriftsteller hatte, die ihm halfen, wie George Moore (der die Herausgabe seiner Werke auf Englisch förderte), Ivan Turgeniev (der unter anderem dafür sorgte, dass 'Au Bonheur des Dames' an eine russische Zeitschrift verkauft wurde), Ivan Franko (der seine Werke selbst ins Ukrainische oder Polnische übersetzte) oder Clarín (der Travail ins Spanische übersetzte). Er hatte sogar 'Agenten' wie Ernst Ziegler für die deutschsprachige Welt. Dieser internationale Erfolg ist den Literaturwissenschaftlern zwar bekannt, insbesondere seit der Veröffentlichung von Zolas Korrespondenz und des 'Dictionnaire des naturalismes' (herausgegeben von Colette Becker und Pierre-Jean Dufief im Jahr 2017), doch man tut sich noch schwer damit, sich ein konkretes Bild von der Verbreitung von Zolas Werk zu machen. Kurzum, während die naturalistische Bewegung oft als antiliterarisch angesehen wird, insbesondere weil sie mit den vorherrschenden Ästhetiken brach, knüpfte sie in Wirklichkeit - durch die literarische und kulturelle Zirkulation, die sie hervorrief - an das wiedergeborene Ideal der Republik der Buchstaben an."

Magazinrundschau vom 12.12.2023 - La vie des idees

In einem leider etwas drögen Text erinnern Lola Avril und Antoine Vauchez, an ein eigentlich spannendes Thema, das "Qatargate" in Brüssel vor einem Jahr: Es stellte sich damals bekanntlich heraus, dass einige wichtige Abgeordnete des EU-Parlaments, darunter eine stellvertretende Parlamentspräsidentin, von Katar großzügig geschmiert worden waren, damit das Scheichtum seine Fußball-WM in seinem Glanz und mit seinen Toten abhalten konnte. Obwohl die Bestochenen alle Linke waren, machen die Artikelautoren den "Neoliberalismus" für die Korruption in der EU verantwortlich. Aber eine Beobachtung ist sicher nicht falsch: Der Grund für den Einfluss der Lobbys und noch finsterer Mächte in der EU ist "die strukturelle Schwäche der 'Zivilgesellschaft' in der EU, die die Mobilisierungsfähigkeit der europäischen Bürger angesichts von Skandalen untergräbt. Da es keine europaweiten Medien gibt, die die Interessen einer 'europäischen Öffentlichkeit' sichtbar machen könnten, scheint die kleine Gruppe der auf öffentliche Ethik spezialisierten NGOs (Corporate European Observatory, Transparency International, Follow the Money und so weiter) in der 'Brüsseler Blase' ziemlich isoliert zu sein, und alles deutet darauf hin, dass ihre Fähigkeit, die politische Agenda zu beeinflussen, begrenzt bleibt. Korruptionsskandale eröffnen ihnen zwar immer wieder Gelegenheitsfenster, aber nur von kurzer Dauer, wie Katargate gezeigt hat, das nur kurzzeitige Aufmerksamkeit erregte, wobei die Medien der 'direkt' betroffenen Länder aufgrund der Nationalität der Angeklagten (Belgien, Griechenland, Italien) ausgeschlossen waren." Lola Avril und Antoine Vauchez wären keine Franzosen, wenn sie nicht eine neue Behörde forderten, um des Problems Herr zu werden, ein "Observatoire de l'intégrité de la démocratie".

Magazinrundschau vom 12.09.2023 - La vie des idees

In diesen Zeiten könnte es nicht schaden, mal wieder Gramsci zu lesen. Nicht so sehr, weil Linke Hoffnungen aus seinen Schriften ziehen könnten - die klassische Linke, die sich auf Gramsci bezog, ist verschwunden - , sondern weil Rechtsextreme es tun und von Gramscis Strategien lernen. Yohann Douet bespricht Romain Descendres und Jean-Claude Zancarinis "L'Œuvre-vie d'Antonio Gramsci", eine Art Werkbiografie, in der Gramscis Schriften ausführlich neu studiert werden. Es geht natürlich unter anderem um den Begriff der Hegemonie, den die Rechten so gern benutzen, und den hohen Stellenwert, den Gramsci der "Kultur" gab. Ein wichtiger Punkt ist auch Gramscis Opposition gegen Stalins katastrophale Politik der "Klasse gegen Klasse": "In diesem Zusammenhang wird auch Gramscis berühmte These erwähnt, dass es in Ländern mit einer komplexen Gesellschaftsstruktur (insbesondere mit einer entwickelten Zivilgesellschaft) wichtig sei, den politischen Kampf in Analogie zum 'Stellungskrieg' (langer Kampf um Hegemonie) und nicht zum 'Bewegungskrieg' (oder Frontalangriff) zu denken." Damit hätte sich Gramsci gegen die Ideen der Kommunistischen Internationale gestellt. Durch den Kampf um eine einer verfassungsgebende Versammlung seien mehr Menschen für eine neue Hegemonie zu gewinnen, "als es die Perspektive der sozialistischen Revolution (die jedoch das Endziel blieb) vermochte".

Magazinrundschau vom 11.07.2023 - La vie des idees

Der Südostasienexperte Christophe Jaffrelot erzählt ausführlich, aber übersichtlich die Geschichte vom aufhaltsamen Aufstieg des Narendra Modri. Staat und Gesellschaft waren offenbar marode genug, um es mit sich geschehen zu lassen. Modri entfaltet das ganze abstoßende Repertoire des Nationalpopulismus, bis hin zum Pogrom gegen Muslime in seiner Zeit als Chief Minister von Gujarat. Danach folgte die Gleichschaltung der Institutionen, zunächst in seiner Heimatregion: "Ab 2002 fördert er jene Vertreter der Ordnungskräfte, die das Pogrom ermöglicht haben und stellt stattdessen die anderen kalt. Parallel macht er sich die Beamten dienstbar, die er für die Stärkung seiner Autorität umso mehr braucht, als er den Führern seiner eigenen Partei wenig Vertrauen entgegenbringt. Einige Staatsdiener waren sehr hilfreich, um die Beziehungen zu Konzernen zu festigen, die in bisher unbekanntem Ausmaß Vetternwirtschaft betreiben. Neben der Verwaltung haben auch andere Institutionen an Autonomie verloren, allen voran das Justizsystem, das Einschüchterungen und Infiltrationen ausgesetzt war - und durch viele unbesetzte Stellen geschwächt wurde."
Stichwörter: Indien, Modi, Narendra, Pogrom

Magazinrundschau vom 20.06.2023 - La vie des idees

Keine deutsche Zeitung hat vermerkt, dass Alain Touraine am 9. Juni im Alter von 97 Jahren gestorben ist. Er galt neben Pierre Bourdieu als einer der wichtigsten französischen Soziologen der Nachkriegszeit, hat eine ganze Schule begründet und an allen großen Kontroversen seit 1968 teilgenommen. François Dubet und Michel Wieviorka, zwei Schüler Touraines, widmen ihm einen sehr freundschaftlichen und ausführlichen Nachruf. In einem nur auf den ersten Blick abstrakt wirkenden Absatz skizzieren sie seine differenzierten, sowohl durch Studien vor Ort als auch durch Reflexion gewonnen Einsichten: "In 'Critique de la modernité' zeigt Touraine, dass die Moderne trotz des Siegs der Vernunft immer wieder von Nationen, vom Markt, von Identitäten und von inneren, subjektiven Brüchen unterminiert wird, die eine unüberwindliche Distanz zwischen 'wir' und 'ich' und mehr noch mehr innerhalb des 'ich' oder zwischen Moral und Ethik herstellen. Auch darum gelingt es demokratischen Systemen nie, soziale Bewegungen vollständig zu institutionalisieren. Nie ist der Akteur dem System adäquat. Die Moderne hat das Subjekt hervorgebracht. Aber Touraine macht sich Sorgen, weil es ihm heute durch die Herrschaft des Marktes, den Narzissmus, den Drang nach Identitäten und den Niedergang des demokratischen Universalismus, der doch die notwendige Voraussetzung für die Bildung des Subjekts ist, bedroht erscheint." Die beiden Nachrufautoren betonen Touraines in Frankreich so seltene sozialdemokratische Orientierung: Touraine war viel mehr ein Mann Michel Rocards als François Mitterrands, und er war in den sozialen Konvulsionen, die Frankreich sei Jahrzehnten mit deprimierender Regelmäßigkeit heimsuchen, der Antipode Bourdieus. In der großen Krise des Streiks von 1995 predigte Bourdieu wie Sartre auf der Tonne, aber Touraine sah klarer. Perlentaucher Thierry Chervel, damals Kulturkorrespondent der SZ in Paris, zitierte Touraine mit der Diagnose von der "permanenten Unfähigkeit der französischen Gesellschaft, den Wandel anders als in einem dramatischen Klima des Kampfes zu verwirklichen". Aber viel Wandel war dann nicht mehr: Statt dessen eine immer giftigere Polarisierung im Zeichen des Front national und einer "linken Linken", die dem Rechtspopulismus alles zuordnet, was ihr nicht passt. Touraine zählte zu den ersten Seismografen dieser Entwicklung.

Magazinrundschau vom 06.06.2023 - La vie des idees

Das Gespräch zwischen Ivan Jablonka und dem Architekten Cyrille Hanappe bietet interessante Informationen darüber, mit welchen Problemen sich der französische Zentralstaat sonst noch so herumschlagen muss. Hanappe versucht, die Wohnsituation in den Slums von Mayotte zu verbessern. Die Insel Mayotte ist heute ein Übersee-Departement Frankreichs, gilt also als integraler Bestandteil des französischen Territoriums, gehört aber geografisch zum Komoren-Archipel, das seit 1975 unabhängig ist. Die Insel ist flächenmäßig halb so groß wie Hamburg, mit 250.000 Einwohnern, und ist historisch wie der ganze Raum des indischen Ozeans auch geprägt vom arabischen Sklavenhandel. Die Bewohner wollten nach einem Referendum explizit zu Frankreich gehören. Das Problem: Die Beziehungen zu den anderen Komoren-Inseln sind nach wie vor sehr eng. Es gibt viele illegale Immigrantinnen aus den Nachbarinseln - ja, Immigrantinnen, insistiert Hanappe, denn es handelt sich meist um Zweitfrauen, die sich die Männer vor allem von der Insel Anjouan holen. Deren Kinder wiederum sind Franzosen, wie jedes Kind, das auf französischen Boden geboren wird. Die Mütter werden nicht selten wieder ausgewiesen, was zu einem sehr spezifischen Problem mit den Kindern führt: "Während die Abschiebungspolitik unvermindert fortgesetzt wird, werden Tausende Kinder ohne Eltern auf die Straße gesetzt. Man spricht mittlerweile von Kinderdörfern, die in den Wäldern entstanden sind und nur Diebstahl und Raub als Überlebenstechniken haben. Die Sicherheitslage hat sich derart verschlechtert, dass es gefährlich geworden ist, nach Einbruch der Dunkelheit auf die Straße zu gehen, da die Gefahr besteht, auf eine gewalttätigen Straßensperre zu treffen, die von jungen nomadisierenden Männern errichtet wurde. Diese Situation der Spannung und Angst wird durch die sozialen Netzwerke noch verschärft, die alle live über jede noch so kleine Begebenheit auf der Insel informieren."