
Zur Kunst von Geschichtsschreibung gehört es, die
Vergangenheit als Gegenwart denken zu können und den eigentlichen Ausgang nicht als Schicksal zu begreifen. Was
Jérémy Guedj in seinem Buch
"Les Juifs français et le nazisme, 1933-1939" unternimmt, klingt faszinierend: Er versucht die Wahrnehmung Hitlers und der Nazis durch
Juden in Frankreich in den Jahren 1933 bis 1939 nachzuzeichnen, ohne in die Falle einer falschen Zwangsläufigkeit - oder wie Emmanuel Droit das
in seiner Besprechung nennt, einer "
lecture rétrodictive" zu tappen. Was sich herausstellt, ist, dass die Juden das Phänomen zwar mit gesteigerter Sensibilität und aus den Mustern ihrer Religion und Geschichte wahrnahmen, dass sie aber zumindest in einer ersten Phase dem weit verbreiteten Missverständnis aufsaßen, dass Hitler es nicht so ernst meine, wie er es proklamierte: Aber "Hitler war eine
Herausforderung an den gesunden Menschenverstand. Es dauerte bis spätestens 1935 und zu den Nürnberger Gesetzen, bis die schreckliche Erkenntnis reifte, dass nichts mehr so sein würde wie zuvor. In Kapitel 4 mit dem metaphorischen Titel 'Das Schloss und die Schlüssel' zeigt Guedj, wie die oftmals vom Messianismus durchdrungenen französisch-jüdischen Intellektuellen (Raymond Aron, Jean-Richard Bloch, Emmanuel Levinas) in den 1930er Jahren in der Lage waren, eine Analyse des
Nationalsozialismus im Sinne einer Religion zu erstellen, die den Lauf der Geschichte umkehren und sich gegen die moderne europäische Zivilisation richten könnte. Der Autor zeigt also, dass die französischen Juden über den Schrecken und die Erschütterung hinaus die Bedrohung durch den Nationalsozialismus
sehr ernst nahmen und begannen, 'Mein Kampf' und seine ideologischen Grundlagen zu studieren und zu diskutieren. Sie waren sich der Gefahr bewusst und führten in Frankreich den Kampf gegen die Infiltration durch die Nazis, die von 'Agenten' wie Darquier de Pellepoix, Louis-Ferdinand Céline oder Jean Boissel verkörpert wurde. Die Seiten über den Einfluss der Nazis sowohl in Nordafrika als auch im Elsass und die Reaktionen für das Engagement der jüdischen Autoren sind sehr instruktiv."
Die Soziologin und Demografin
Marie Ladier-Fouladi erzählt eine im Grunde noch zu kursorische Geschichte des
Widerstands der Frauen im Iran gegen das Mullah-Regime. Aber eines macht sie klar: Dieser Widerstand begann noch vor der Instituierung der Islamischen Repubilik mit dem Dekret zum
Verschleierungszwang vom 6.
März 1979, gegen das die Frauen zum ersten Mal am 8. März 1979, am Tag der Frau also, protestierten. Ihr Slogan damals: "Die Freiheit gehört weder dem Westen noch dem Osten, sie ist
universell." Seitdem gingen die Proteste mit Unterbrechungen weiter, bis hin zum Aufbäumen der gesamten iranischen Jugend unter dem Slogan "
Frau,
Leben,
Freiheit". Dass dieser schönste Slogan, den eine Revolution je hatte, möglich wurde, ist laut Ladier-Fouladi auch einem stillen Protest zu verdanken, einer Art
Gebärstreik der iranischen Frauen: "Die Kontrolle ihrer Fruchtbarkeit war ihr Mittel, sich den religiösen Anordnungen und dem traditionellen Familienmodell, das vom theokratischen Regime propagiert wurde, zu widersetzen. Die Verhütung führte zu einem
raschen Rückgang der Fertilität von durchschnittlich 7 Kindern pro Frau am Vorabend der Revolution von 1979 auf 6,4 Kinder im Jahr 1986 und
1,6 Kinder im Jahr 2021. Der dramatischste Rückgang ereignete sich zwischen 1986 (6,4) und 2000 (2), was einem Rückgang von 70 Prozent innerhalb von 15 Jahren entspricht und den demografischen Übergang im Iran zu
einem der rapidesten in der Geschichte macht. (...) Der Rückgang der Fertilität und die damit einhergehende Verkleinerung der Familiengröße haben überall die
emotionalen Beziehungen zwischen Ehepartnern sowie zwischen Eltern und Kindern verändert. Dieser Wandel bedeutet auch eine Erschütterung der patriarchalischen Ordnung, die auf der Unterordnung der Frauen unter die Männer und der Jüngeren unter die Älteren beruhte. Die Familienbeziehungen basieren nun auf Dialog und gegenseitigem Respekt."