Tausend britische Musiker, darunter sehr namhafte wie KateBush und die PetShopBoys, protestieren mit dem gemeinsamen Konzeptalbum "Is This What We Want" dagegen, dass ihre Regierung weitreichende Liberalisierungen für generative KI ermöglichen will - zu hören ist auf dem Album entsprechend: nichts, bzw. der Raumklang von leeren Studios. "Auf dem zugehörigen Video fährt die Kamera durch ein - bis auf einen mittig platzierten Flügel - leeres Aufnahmestudio, klappernde Geräusche im Hintergrund lassen vermuten, dass auch in den übrigen Räumen gerade ausgeräumt wird", schreibt Helmut Mauró in der SZ. "Dass man die Verwendung von KI grundsätzlich verhindern kann, glaubt indes niemand mehr. Sie ist längst in diversen Aufnahme-Tools verbreitet, und auch mit dem kompletten Ersatz des musizierenden Künstlers durch animierte Bühnenfiguren hat man sich abgefunden. ... Was kann ein stummer Protest von Musikern schon ausrichten?"
Außerdem: Klaus Walter porträtiert in der FR den Musiker Jörn EllingWuttke. André Boße schreibt auf ZeitOnline zum Tod von RobertaFlack (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden ein von AndrisPoga dirigiertes Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit SamuelHasselhorn (FR), ein Berliner Konzert von Bibiza (Tsp), Chers Memoiren (online nachgereicht von der Welt) und das neue Album von TateMcRae (Standard).
Die Feuilletons trauern um die Soul-Sängerin RobertaFlack, die im Alter von 88 Jahren gestorben ist. In ihrem Genre war sie eine "Außenseiterin", schreibt Edo Reents in der FAZ, und zwar "schon aufgrund der Zurückgenommenheit ihres Vortrags. Mit ihrem eigentümlich verschatteten, fast bitteren und eigentlich eher für Barjazz geeigneten Mezzosopran, ihrem streng klassisch geschulten Klavierspiel und mit dem sorgfältig ausgewählten Repertoire war sie es erst recht. Statt zum Äußersten zu gehen, verblieb sie in einer stillen Glut, die lange nachwirkte und die geradezu programmatisch auch Eingang in einige von ihren Titeln fand." Doch "sie hatte mehr als ihre sinnliche, wandlungsfähige Stimme", ergänzt Julian Weber in der taz: Sie "komponierte ihre Songs im Alleingang oder zusammen mit Künstlerkollegen und, sie arrangierte Coverversionen nach ihrer Façon am Keyboard. Flack setzte gegenüber dem Label stets ihre eigene Auswahl an Songs durch."
"Als Roberta Flack 1969 mit 'First Take' debütierte, reflektierte das Album die Bürgerrechtsbewegung, streifte Jazz, Folk, Klassik und Pop", schreibt Karl Fluch im Standard. "Eine Eigenheit, die ihr neben aller Begeisterung stets auch Kritik einbrachte, weil sie sich zu wenig festzulegen schien. Heute gilt das Debüt als eines der besten Alben seiner Zeit und Roberta Flack als einer ihrer größten Stars." Wir haben es oben eingebunden.
Ihr Durchbruch mit dem Album kam allerdings erst zwei Jahre später und über Umwege. Wie es dazu kam, erzählt Christian Schröder im Tagesspiegel: "Die innerhalb von zehn Stunden eingespielte, streckenweise sehr jazzige Langspielplatte enthielt auch 'The First Time Ever I Saw Your Face', das aber zunächst unbeachtet blieb. Das änderte sich, als Clint Eastwood das Lied im Autoradio hörte und daraufhin Kontakt mit Flack aufnahm. 'Er rief mich zuhause in Alexandria, Virginia an', erinnerte sich die Sängerin. 'Ich konnte nicht glauben, dass Eastwood mich anrief. Ich wäre fast ohnmächtig geworden.' Der Schauspieler nahm das Stück in den Soundtrack seines Regiedebüts 'Sadistico'. Der Thriller wurde ein Erfolg, Flacks Karriere bekam einen Schub." Hier die Szene aus dem Film, Eastwood spielte das Stück in voller Länge aus:
Weitere Nachrufe schreiben Adam Olschewski (NZZ), Samir H. Köck (Presse) und Andrian Kreye (SZ).
Weitere Artikel: Axel Brüggemann spricht im Podcast von BackstageClassical mit Keri-LynnWilson, die heute Abend in Warschau das UkrainianFreedomOrchestra dirigiert (Arte bietet einen Livestream an). Christian Schachinger schreibt im Standard zum Tod des Songwriters BillFay.
Besprochen werden LizPellys Buch "Mood Machine. The Rise of Spotify and the Costs of the Perfect Playlist" (NZZ), ein von KlausMäkelä dirigierites Konzert des OrchestredeParis in Wien (Standard), SamFenders Album "People Watching" (Standard), ein Bach-Album des Pianisten JonathanFerrucci (Welt) und neue Popveröffentlichungen, darunter RichardDawsons "End of the Middle" (Standard).
Völlig begeistert ist taz-Kritiker Sven Beckstette von einem Konzert der Jazzsaxofonistin Nubya Garcia, die am Wochenende im Berliner Metropol auftrat, um Stücke von ihrem neuen Album "Odyssey" zu spielen. Beckstette lauscht geradezu andächtig: "Garcia kündigt "Water's Path" an, eine rein aus Streichern bestehende, vierminütige Komposition, die sie für ihre Band komplett umarrangiert hat. Wie ein dünnes Rinnsal beginnt das Keyboard eine repetitive Melodie, die anderen Instrumente steigen nach und nach ein, es entstehen hin- und herfließende Wogen, bis sich am Horizont ein Wellenkamm abzeichnet. Er rollt unaufhörlich heran, türmt sich auf, bis er über die Menge tosend hereinbricht. Wie ein Fels in der Brandung steht Nubya Garcia mit ihrem Saxofon da. Aus dem Nichts heraus baut sie alleine neue Linien auf. Der volle, warme Klang ihres Instruments erfüllt den ganzen Raum, es herrscht andächtige Stille."
Weitere Artikel: Max Florian Kühlem schreibt in der SZ den Nachruf auf den Songwriter Bill Fay, der mit 81 Jahren verstorben ist. Im Tagesspiegel schwärmt Tye Maurice Thomas von einem Pierre Boulez-Konzertabend im gleichnamigen Saal in Berlin. Steffen Michalzik resümiert in der FR einen Konzertabend mit Robben Ford und der HR-Bigband im Frankfurter Sendesaal.
Im VAN-Gespräch hält der Publizist und Klassikfan WolfgangM. Schmitt absolut nichts davon, dass die Klassik sich mittels "Verzauberungs"-Rhetorik und jugendlich zugeschnittenen Formaten ein neues Publikum erobern und dabei auf die "Alles ganz leicht"-Karte setzt. "Es ist ein Problem, dass so wenige jüngere Menschen nachkommen", doch "die, die da sind, sind ja nicht das Problem." Er sorgt sich, "dass diese Klassik-Institutionen das tun, was die Schauspielhäuser gemacht haben. Die haben das Publikum verärgert - und ein neues Publikum ist trotzdem nicht gekommen. Und dann ist das Haus wirklich leer. Insofern kann ich nur davon abraten - und ich würde davon abraten, zu glauben, dass man auf der Klassik-Bühne etwas machen sollte, das einem irgendwie ausgedachten Jugend-Zeitgeist gerecht werden will. Wer lieber den Abend in einem Club verbringt, auf einem Hip-Hop-Konzert oder sich betrinken möchte, wird bei einer Klassik-Veranstaltung keine Ersatzbefriedigung dafür finden. ... Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, zu sagen: Nur weil jetzt ein junges Publikum adressiert werden soll, muss das Streichquartett durch die Gegend springen."
Außerdem: Elmar Krekeler porträtiert in der WamS die Komponistin LeraAuerbach. Louis Pienkowski hat für eine FAZ-Reportage die Clubs in Chemnitz besucht, die sich zum Teil gegen tätliche Angriffe von Rechtsextremen zur Wehr setzen müssen. Das SWRExperimentalstudio bleibt in Freiburg, meldet Georg Rudiger in der NMZ. Arnold Werner-Jensen erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den Instrumentebauer RainerSchütze, der dieser Tage 100 Jahre alt geworden wäre. Christian Schachinger hört sich für den Standard die einschlägigen Italopop-Klassiker von UmbertoTozzi an, der sich momentan auf Abschiedstour befindet.
Besprochen werden ein von JohnEliotGardiner dirigiertes Konzert des Tonhalle-Orchesters in Zürich (NZZ), ein Konzert der WienerSymphoniker unter der Leitung von Patrick Hahn (Standard) und der erste Teil von Chers Autobiografie (WamS).
Im taz-Gespräch mit Steffen Greiner bietet die georgische Elekto-Produzentin AnushkaChkheidze einen Einblick in den aktuellen Stand der Dinge zum ProtestinGeorgien, in den die lokale Musikszene fest eingebunden ist. Frédéric Schwilden erzählt in der Welt von seinem Treffen mit Tocotronic, die gerade ein neues Album herausgebracht haben. Christoph Irrgeher stellt im Standard das neue, ambitionierte Klassiklabel SupremeClassics vor. Frederik Hanssen weist im Tagesspiegel die Arbeit des Vereins "Konzertleben" vor, der Klassik-Nachwuchsmusikern Auftritte ermöglicht. Besprochen werden neue Alben von Soul-Legende CandiStaton (Standard) und BarryGuy (FR) sowie der erste Band von Chers Autobiografie (NZZ).
In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Thomas Combrink über EllaFitzgeralds Interpretation von ColePorters "Anything Goes":
Der Klassikbetrieb wird fürs Publikum immer niedrigschwelliger zugänglich, schreibt Frederik Hanssen im Tagesspiegel, der außerdem an dieser Stelle einen Nachruf auf BerndFeuchtner, den früheren Klassik-Redakteur seiner Zeitung, schreibt. Karl Fluch porträtiert im Standard den österreichischen Musiker Rian. Besprochen werden das neue Album der Delines (FR) und RichardDawsons Folk-Album "End of the Middle" (Tsp).
Ralf-Thomas Lindner berichtet in der NMZ ausführlich vom Hamburger Musikfestival Visions. MarkusPoschner wird neuer Chefdirigent des RSOWien, meldet Ljubiša Tošić im Standard. Im Standardgratuliert Karl Fluch dem österreichischen Country-Blues-Musiker AlCook zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden AlbertineSarges' neues Album "Girl Missing" (Tsp) und neue Popveröffentlichungen, darunter Merebas Album "The Breeze Grew a Fire" (Standard).
Italopop-Experte Erich Pfeil berichtet für die taz vom Musikfestival in Sanremo, dessen fünf Tage in Italien bekanntlich einem nationalen Lagerfeuer-Event gleichkommen, bei dem die Stars der Zukunft und mancher Sommerhit zu einem solchen gemacht wird. "Am Ende der 75. Ausgabe stehen zwei Einsichten: Die gute alte italienische Donnerballade lebt. Gleichwohl wärmte das Lagerfeuer unter der neuen Leitung spürbar weniger als in den Vorjahren." Denn unter dem neuen, "regierungsgenehmen" Leiter und Moderator CarloConti fiel das Festival nicht nur viel unpolitischer aus als in den Vorjahren, sondern auch viel weniger spielfreudig: "Die nahezu vollständige Abwesenheit anarchischer Momente sorgte trotz des erhöhten Tempos nicht selten für bleierneSchwere. Viele sahen ein Festival der Resignation, der Normalität, der Bravheit. ... Als herausragender Song wird 'Volevo essere un duro' in Erinnerung bleiben, ein Lied des toskanischen Cantautore Lucio Corsi, der in Glamrock-Gewandung und mit weiß geschminktem Gesicht an unschuldigere Zeiten gemahnte."
Weiteres: Dorothea Walchshäusl berichtet in der NZZ vom Festival Sommets Musicaux in Gstaad. Besprochen werden ein neues Album von AlexanderWinkelmann (taz), Konzerte der WienerPhilharmoniker unter RiccardoMuti und des BR-Symphonieorchesters unter SimonRattle (Standard), die Memoiren des Schweizer Musikers HardyHepp (NZZ) und das mit 100 Jahren veröffentlichte Solodebüt des Sun-Ra-Musikers MarshallAllen (er "beugt Zeit und Raum", stellt Christian Schachinger im Standard fest).
Rahel Zingg berichtet in der NZZ von Turbulenzen hinter den Kulissen des LucerneFestivals, wo sich zwei langjährige Mäzene aus der Förderung zurückziehen, weil ihre Personalienwünsche für den Stiftungsrat nicht umgesetzt wurden - damit verliert das Festival einen "mittleren sechsstelligen Betrag pro Jahr, wie Insider schätzen. ... Sibylle und Christoph M. Müller steht es frei, ihre Gelder zu streichen. Dass sie mit dem Rückzug des Sponsorings gedroht und ihre Unterstützung an Bedingungen geknüpft haben, ist ein schwer nachvollziehbares Manöver. Das Lucerne Festival reagierte mit einer Stellungnahme. Die finanzielle Lage sei solid."
Außerdem: Albrecht Selge resümiert in der Welt das Zürcher Festival Le Piano Symphonique. In der Jungle Worldbeerdigt Kolja Podkowik von der AntilopenGangPunk. Marc Beise berichtet in der SZ vom Schlagerfestival in Sanremo, das wie jedes Jahr ganz Italien in seinen Bann gezogen hat - gewonnen hat Olly mit dem Song "Balorda Nostalgia":
Wie DonaldRunnicle als neuer Leiter der DresdnerPhilharmonie das Gedenkkonzert zur BombardierungDresdens mit BenjaminBrittens "War Requiem" gestaltete, könnte den Weg zu einer künftigen, nicht auf Revanchismus und Chauvinismus abzielenden Gedenkkultur ebnen, findet Jan Brachmann in der FAZ. Der Dirigent "führt die etwa 250 Mitwirkenden ... nicht zusammen in einem Akt massiver Überwältigung, sondern des Innehaltens." Er "stimmt mit diesem Werk des Gedenkens an die Toten des Zweiten Weltkriegs, uraufgeführt bei der Wiedereinweihung der von der deutschen Luftwaffe zerbombten Kathedrale von Coventry 1962, keine pathetische Klage an. Er erzählt die Geschichte des Glaubensverlustes durch Kriegserlebnisse, die Geschichte des Sprachverlustes durch ein Trauma. Wir durchlaufen hörend einen Prozess, in dem Trauer durch Singen eine Sprache zurückgewinnt und sich der Ritus des Requiems nach apathischem Stammeln wieder mit Leben füllt. ... Form und Empfindung zueinander zu führen, Sprachlosigkeit zu lösen, nachdenklich zu werden, ohne sich zu rühmen oder zu exponieren - damit kann ältere Kunst künftigem Gedenken durchaus den Weg weisen."
Weiteres: Jens Uthoff plaudert für die taz mit Cher, deren Autobiografie eben auf Deutsch erschienen ist. Andreas Hartmann hat für die taz das neue Synthesizermuseumin Berlin besucht. Nadine A. Brügger und Ueli Bernays sprechen für die NZZ mit dem Schweizer Musiker BüneHuber. Besprochen werden eine Wiener Ausstellung von Musikerfotos von AntonCorbijn (Standard), ein Konzert des Kammermusikensembles LaPhilharmonica in Wien (Standard), BobSpitz' Buch über LedZeppelin (FAZ) sowie neue Alben von ShirinDavid (Welt, SZ) und den ManicStreetPreachers (FAS).