Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2025 - Musik

Die Kessler-Zwillinge sind gestorben. Die beiden gehörten zu den wenigen internationalen Stars, die Deutschland in der Nachkriegszeit hervorgebracht hat. Alice und Ellen Kessler, geboren 1936 in Nerchau (Grimma), nach dem Zweiten Weltkrieg DDR, machten eine Tanzausbildung und zogen mit 18 Jahren nach Paris, wo die beiden blonden, langbeinigen, bildschönen jungen Frauen am Lido eine rauschende Karriere machten. "Von 1954 bis 1960 tanzten sie im Lido, später im Olympia, und natürlich war man auch im Wirtschaftswunderdeutschland auf den doppelten Exportschlager aufmerksam geworden", schreibt Arno Frank im Spiegel. "Die Kesslers drehten bald einen Film nach dem anderen, in Deutschland, Frankreich und Italien, durchweg Massenware à la 'Solang' es hübsche Mädchen gibt'." Sie tanzten "auf Bühnen von New York bis Las Vegas, von London bis Hongkong, von Buenos Aires bis Sydney. In der populären 'Ed Sullivan Show' waren sie 14-mal zu Gast und liefen dort Leuten wie Frank Sinatra, Harry Belafonte, Dean Martin oder Bing Crosby über den Weg. Unterdessen schrieben sie in Deutschland mal eben Fernsehgeschichte ('Klimbim', 'Dalli Dalli'), zeigten - eine Premiere für das Land - im italienischen Fernsehen ('Studio Uno') erstmals Bein." Die beiden haben nie geheiratet und nahmen offenbar gemeinsam "begleitete Sterbehilfe" in Anspruch, erzählt Elke Heidenreich, die auf Zeit online einen kurzen Nachruf schreibt. In der taz schreibt Jan Feddersen. 

Hier singen sie 1968 ein kleines Gebet bei Ed Sullivan:



In der SZ berichtet Max Florian Kühlem von dem dreitägigen, internationalen "Ideenfestival zur Zukunft der Klassik", das die Kulturstiftung des Bundes veranstaltet hat. Klassik ist schwierig, weiß Kühlem, das "merkt man genau hier, an dieser Stelle: Bespricht das Feuilleton eine Opernpremiere im Münchner Raum nicht, hagelt es umgehend Protestbriefe. Gleichzeitig gehören solche Besprechungen zu den am wenigsten gelesenen Texten. Es ist also eine kleine, aber stabile Gruppe, die Klassik liebt und verteidigt - Teil der bildungsbürgerlichen Mittelschicht."

Weitere Artikel: Der Musiker Parov Stelar spricht im Interview mit dem Standard über sein Buch "Trip", das vom Leben als Künstler erzählt und die Abgründe der Musikindustrie nachzeichnet. In der SZ berichtet ein enthusiastischer Helmut Mauró über die Entdeckung zweier Orgelstücke von Johann Sebastian Bach durch den Musikwissenschaftler Peter Wollny: "Der erste Eindruck: Knapp konzentrierte, hochambitionierte kontrapunktische Figuralkunst, die zu einem 17-jährigen Hochbegabten passt. Eines ist klar: Bach hat nicht allzu klein angefangen." Auf Zeit online berichtet dazu Christina Rietz. In der FR schreibt Harry Nutt zum Tod des Countrymusikers Todd Snider.

Besprochen werden ein Konzert mit Beethoven, Schönberg und Schubert in der Alten Oper Frankfurt (FR) und ein Konzert der schwedischen Metalband Sabaton in der Uber Arena in Berlin ("Die Musik von Sabaton kann man sich grundsätzlich als symphonisch angedickten Metal mit pseudogregorianisch gegurgelten Chor-Einlagen vorstellen. Daneben fanden sich beim Berliner Konzert viele Stücke, die an den in Deutschland derzeit äußerst populären Shanty-Rock von Santiano erinnerten, mit gleichermaßen geschunkelt wie gestampft wirkenden Rhythmen und Männerchorgesängen; man bekam sofort Lust, dazu ein paar Taue zu straffen oder sich um eine Ankerwinde zu drehen", resümiert ein animierter Jens Balzer bei Zeit online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.11.2025 - Musik

Die Feuilletons beschäftigen sich heute mit dem Rapper Haftbefehl: Sonja Zekri erläutert in der SZ, warum Haftbefehls Texte gerade "nicht Ausdruck mangelnder Sprachfähigkeit" sondern, "im Gegenteil, eine hochartifizielle Kunstsprache" sind - auf den Unterrichtsplan müssen sie aber trotzdem nicht gleich, findet sie. Alexander Menden und Joachim Hentschel waren ebenfalls für die SZ bei einem Haftbefehl-Konzert in Osnabrück. In der NZZ denkt Daniel Haas über die Gemeinsamkeiten zwischen Rap und Schlager nach. Besprochen wird das Album "Soiz" der österreichischen Künstlerin Anna Buchegger (taz).
Stichwörter: Haftbefehl

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2025 - Musik

Annekathrin Kohout nähert sich in der taz dem K-Pop-Hype an, der längst nicht mehr nur ein Nischenphänomen ist. Die koreanische Popindustrie setzte bereits früh auf Fanaktivierung via Onlineplattformen: "Wie Hollywood nicht ohne das Kino möglich geworden wäre, wäre K-Pop nicht ohne Social Media denkbar. Früh baute die koreanische Unterhaltungsindustrie ein Ökosystem, das auf digitale Interaktion ausgerichtet war. Plattformen wie Lysn ermöglichten direkte Idol-Fan-Kommunikation, Weverse schuf eigene Räume für Fandoms. Videos werden nicht nur geschaut - sie werden zigfach angesehen, geliked, geteilt, geremixt, in Fan Fiction fortgeschrieben oder in Reaction-Videos analysiert und interpretiert."

Hier ein Musikvideo, das dank des Films "K-Pop Demon Hunters" Furore macht:


Rap und Schlager: Das passt besser zusammen als man auf den ersten Blick meint, schreibt Daniel Haas in der NZZ mit Blick auf den von Haftbefehl ausgelösten Reinhard-Mey-Hype. Gemeinsam ist beiden Genres einerseits die Ironieferne, andererseits der habituelle Abstand zum Bildungsbürgertum: "Im Schulterschluss von Rap und Schlager verschränkt sich also ein Herkunfts- mit einem Klassenphänomen. Spätaussiedlerkinder und prekarisierte Migranten können sich, anders als abgesicherte Bildungsbürger, die Dekadenz der Ironie nicht leisten. Sie müssen und wollen Geld verdienen. Ihr Begehren zielt aufs reale, nichts aufs symbolische Kapital. Para, Massari. Nicht Buchmesse, ZDF. Die Kollaborationen von Rappern und Schlagersängern bilden so gesehen eine Querfront des Realismus. Gemeinsam ergeben sie den Klang unserer Gegenwart."

Weitere Artikel: Judith von Sternburg besucht für die FR ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters in der Alten Oper Frankfurt. Gegeben werden Werke von Brahms und Bruckner und die Rezensentin ist ziemlich begeistert. Ralf Niemczyk stellt in der FAS vier Fragen an die Musikerin Alli Neumann. Julian Weber bespricht in der taz eine unter anderem dem Sänger und Schauspieler Paul Robeson gewidmete Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste. Der Tagesspiegel blickt auf das Programm des Rejazz-Festivals, das in der Berliner Kunstfabrik Schlot stattfindet. VAN berichtet weiter über einen Streit, der in der Musikverlagszene schwelt - es geht um abwertende Äußerungen Nick Pfefferkorns, Leiter des Verlags Breitkopf & Härtel über gewisse Tendenzen in der Neuen Musik. Stefan Hochgesand schaut sich in der BlZ Gitarrentipps an, die Dani Sophia, ehemalige Begleitmusikerin Till Lindemanns, ins Netz stellt. Die Welt bringt ein von Xavi Sancho geführtes, ursprünglich in El País erschienenes Interview mit der Sängerin Rosalía. Gunda Bartels berichtet im Tagesspiegel über ein Konzert der Violinistin Agam Berger, die sich 482 Tage lang in den Händen der Hamas befand und nun die Berliner jüdischen Kulturtage in der Synagoge Rykestraße eröffnet (siehe auch das heutige 9punkt).

Besprochen wird ein Abend mit dem Schlagzeuger Alexej Gerassimez und dem Jazzpianist Omer Klein im Mozartsaal der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2025 - Musik

Schock in der Zürcher Tonhalle! "Gerade spielt das Tonhalle-Orchester unter seinem Musikdirektor Paavo Järvi eine besonders sehnsuchtsvolle, himmelstürmende Passage im Finale der sogenannten 'Auferstehungssinfonie', da bricht draußen im Foyer ein Tumult los. Unter lautem Stampfen und mit ordinärem 'Tschingbum!' marschiert eine offenkundig schwer angeheiterte Truppe vor den Türen auf und stört die andächtige Konzentration im Saal." Das gehört zu Mahlers Zweiter, versichert in der NZZ Christian Wildhagen, immer noch ganz hingerissen von dem Konzert. "Die Stelle ist der gewagteste Moment in diesem ohnehin kühnen Werk: Nie zuvor sind das Profane und das Erhabene in der Musik so unvermittelt aufeinandergeprallt; ... Es ist gerade der Mut zur drastischen Zuspitzung solcher Schlüsselmomente, der die Qualität von Järvis Interpretation ausmacht. Aus langjähriger Erfahrung weiß Järvi, wie sehr Mahler in der Zweiten die Traditionen der Sinfonie aufbricht, indem er sie um theatralische und oratorienhafte Elemente erweitert."

Weitere Artikel: Sylvia Prahl erzählt in der taz, wie die Compilation "Emmi Aid" entstand, mit der der Musikjournalist und -manager Martin Hossbach die Initiative zur Rettung des Emmauswalds in Berlin-Neukölln unterstützen wollte. Ebenfalls in der taz porträtiert Merle Zils die Chemnitzer Musikerin Gwen Dolyn.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2025 - Musik

Fünf Jahre ist es her, dass der Musiker Folkert Uhde bei VAN einen New Deal für die Musik- und Kulturszene forderte, der unter anderem faire soziale Absicherung und nachhaltige Strukturen mit einschließt. (Unser Resümee). Nun zieht er ebenda traurige Bilanz: Alles ist nicht zuletzt dank der Sparankündigungen viel schlimmer geworden, daher müsse die Kulturszene selbst anpacken, "Demut" zeigen und Angebote verändern, fordert er: "Wir brauchen viele verschiedene Formen und Formate, unterschiedliche Anfangszeiten, müssen Settings und Räume variieren und vor allem damit aufhören, das 'klassische Konzert' mit zwei Pausen, das mindestens 120 Minuten dauert, heilig zu sprechen. Wir haben alle weniger Zeit und mehr Arbeit, brauchen Babysitter, müssen vielleicht vor und nach dem Konzert noch etwas erledigen und neigen zu dauerhafter Erschöpfung. Deshalb: Weniger ist viel mehr! Und: Das repräsentative Zeitalter des Klassischen Konzerts neigt sich deutlich dem Ende zu. Wenn der Konzertbesuch aber als gesellschaftliche Verabredung zunehmend weniger funktioniert, müssen wir neue Gründe schaffen."

In der SZ atmet Harald Eggebrecht auf: Das Konzert des Israel Philharmonic Orchestra mit Chefdirigent Lahav Shani und Solopianist Igor Levit, die in der Münchner Isarphilharmonie das 5. Klavierkonzert in Es-Dur von Ludwig van Beethoven und die 5. Symphonie op. 64 von Peter Tschaikowsky gaben, verlief ohne größere Zwischenfälle dur. Zu erleben war stattdessen ein virtuoses Konzert: "Wer Lahav Shani und seinem Israel Philharmonic an diesem Abend zuhörte, erlebte eine orchestrale Glanzleistung, die davon geprägt war, selbst die dichtesten Klangballungen nicht als Lärm erscheinen zu lassen, sondern stets die Vielgliedrigkeit des Klangkörpers bis in feine Verästelungen hinein zu verdeutlichen. Der Eindruck, das symphonische Geschehen als groß angelegte Kammermusik zu verstehen, bei der alle gleichermaßen beteiligt sind, erfasste alle."

Weitere Artikel: In der FR schreibt Stefan Michalzik zum Tod des Jazzpianisten Christoph Spendel. In der SZ wird Andrian Kreye bei einem Kraftwerk-Auftritt in Nürnberg ganz nostalgisch. Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit der Komponistin, Performerin, Improvisations- und Klangkünstlerin und Instrumentenbauerin Viola Yip, die ein aufblasbares, robotergesteuertes Instrument entwickelt hat. Jörg Scheller (NZZ) hört das neue Album "Dissonance Theory" der Schweizer Heavy Metal Band Coroner und stellt fest: Heavy Metal ist bürgerlich geworden: "Im Fokus heutiger Metal-Rezeption stehen neben Gesellschaftsthemen wie Gender oder Race vermehrt Virtuosität, Metal-Geschichte, die Nähe zu Klassik und Jazz sowie das Spannungsverhältnis zwischen emotionaler Intensität und technischer Präzision." Das wollen wir selber hören:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.11.2025 - Musik

Die Feuilletons gratulierend Neil Young erwartbar wohlwollend zum 80. In der FAZ huldigt Edo Reents einem Musiker, der sich nie auf seinem eigenen Erfolgsmodell ausruhte und es fast schon zu seinem Markenzeichen erhob, sein Publikum vor den Kopf zu stoßen. In den 1970ern etwa war er derjenige, "der Akustik-Folk mit Country und elektrischem Rock auf noch einmal ganz andere Art amalgamierte, als dies Dylan zuvor getan hatte; jemand, der außergewöhnliche Empfindsamkeit und rockige, jederzeit zu deftiger Spielweise aufgelegte Härte gleichermaßen verkörperte, sensibler Hippie und Rock-Superstar, der seine von Sehnsüchten und Klagen über das verlorene amerikanische Paradies durchsetze Poesie mit einer bis dahin unüblichen, knabenhaft weichen Stimme vortrug und dem Genre damit einen geradezu femininen Einschlag gab. Nicht zufällig wurde er zur Mitte der Siebzigerjahre, die recht eigentlich sein Jahrzehnt waren, als 'Greta Garbo des Rock' bezeichnet." Für SZ-ler Willi Winkler ist Young schlicht "der beste Krachmeister im unvergänglichen Rock'n'Roll".

Eine tolle Wiederentdeckung präsentiert Katharina Granzin in der taz. Emilie Mayer war im 19. Jahrhundert eine angesehene, erfolgreiche und produktive Komponistin, später wurde ihr Werk kaum noch gespielt. Die Akademie für alte Musik hat in Berlin nun an drei Abenden alle erhaltenen Werke wiederaufgeführt. "Ein Festival für Emilie Mayer" heißt die Veranstaltung im Pierre-Boulez-Saal, und Granzin ist begeistert: "'Mitreißend' ist Mayers Musik sehr oft, von bezwingendem Schwung, gepaart mit Witz und Unerschrockenheit. Mitunter scheint sie sich selbst überbieten zu wollen im Erfinden immer neuer musikalischer Motive, die sie in provokantem Kontrast gegeneinander setzt. Oder sie zeigt, etwa in ihrer e-Moll-Symphonie, wie sich aus einem Null-Motiv, einem einzigen Ton, innerhalb nur weniger Takte eine musikalische Entwicklung generieren lässt, deren gewaltige Spannung sich in einem rasanten Tutti entladen muss. Ihre humoristisch zupackende C-Dur-Ouvertüre wiederum gehört in jede musikalische Hausapotheke als hochwirksames Mittel gegen Novemberblues."

Hören Sie selbst:



Außerdem: Graham Lack schreibt für nmz einen satirischen Brief ans ZDF anlässlich der Opus Klassik-Preisverleihung. Ebenfalls für nmz besucht Ralf-Thomas Lindner das PHŒNIX Festival im Hamburger MARKK. Christoph Irrgeher porträtiert im Standard den Jazz-Trompeter Thomas Gansch, der dieser Tage seinen 50. feiert. In der Presse erinnert Wilhelm Sinkovicz an den Wiener Komponist und Kulturmanager Thomas Schlee, der im Alter von 68 Jahren verstorben ist.

Besprochen werden ein Gastkonzert der Wiener Symphoniker in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel), ein Gastspiel des Gewandhausorchesters Leipzig im Wiener Musikverein (Presse), ein Wiener Konzert des Cloud-Rappers Yung Lean (Presse) sowie der den Neuköllner Emmauswald retten wollende Sampler "Tree Aid" (FR).
Stichwörter: Young, Neil, Mayer, Emilie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2025 - Musik

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1939 erschien erstmals Ulrich Alexander Boschwitzs Roman "Der Reisende" - allerdings nur auf Englisch. Vor sieben Jahren wurde er erstmals auf Deutsch veröffentlicht und war "eine sensationelle Entdeckung", erzählt in der SZ Egbert Tholl. Und jetzt hat Jan Müller-Wieland Boschwitzs Geschichte eines jüdischen Geschäftsmanns auf der Flucht in Nazideutschland im Auftrag der Dresdner Philharmonie als Melodram vertont. Das Libretto verknappt die Handlung natürlich stark, bemerkt Tholl bei der konzertanten Uraufführung in Dresden, aber die Musik macht das für ihn wett: "Das Orchester ahmt die Hetze der Flucht nach, in Zuspielungen treten Zuggeräusche hinzu, atemloser Strudel. Der Chor ist Kommentar, Masse, 'Du bist Jude', manchmal auch Trost, Erinnerung, etwa an die verlorenen Möbel, an das alte bürgerliche Leben. Müller-Wieland baut die Figur des Sohns, der in Paris lebt, aus, als Idee eines Sehnsuchtsortes, der unendlich unerreichbar weit weg ist. Die zweite Gesangspartie vereint den Schwager und den illoyalen Geschäftspartner, Michael Borth singt sie mit grandioser Klarheit." Boschwitz selbst erreichte auf der Flucht vor den Nazis noch England, wurde dann aber nach Australien deportiert. Er starb mit 360 weiteren Passagieren auf der Fahrt, als sein Schiff von einem deutschen U-Boot versenkt wurde.

In der NZZ stellt Christian Wildhagen den schwedischen Klarinettisten Martin Fröst vor, der nicht nur Musiker, sondern auch Performancekünstler ist. Und das ist noch nicht alles: "Fröst will vielmehr Kontinuitäten aufzeigen und die Geschichte der Musik als große Erzählung erlebbar machen, in der sich eines aus dem anderen ergibt", weshalb er viel mit zeitgenössischen Komponisten zusammenarbeitet. "Schon Ende November kehrt er im Rahmen der Migros-Konzerte in die Schweiz zurück, dann mit dem Schwedischen Kammerorchester, das Fröst seit 2019, wie nebenbei, auch noch leitet. Im Gepäck hat er das Orchesterstück 'Mirrors' von Hans Ek, der sich ebenfalls als Brückenbauer zwischen den Epochen und musikalischen Stilen versteht. Mit 'Mirrors' wollen Ek und Fröst einen neuartigen Hörzugang zu Beethovens 7. Sinfonie schaffen, dem Hauptwerk des Programms. Dessen Bezüge zu Vorbildern wie Bach, Händel, Rameau und Mozart fächert Ek in einer Collage auf, die das Bekannte in neues Licht tauchen soll."

Hier ein Konzertmitschnitt aus der Elbphilharmonie, wo Fröst - am Anfang des Konzerts - Anders Hillborgs "Peacock Tales" spielt:



Weitere Artikel: Der Standard meldet, dass die russische Musikerin Diana Loginowa wegen ihrer putinkritischen Protestlieder erneut festgenommen wurde. Der heißeste Scheiß in der Musik, wenn nicht sogar "ein bisschen revolutionär", ist zur Zeit "Sapphic Pop", annonciert Monika Rathmann in der SZ. Wer es sich nicht denken kann: Es geht um "Pop, der von queeren Frauen für queere Frauen geschrieben wird. Oft Indie- und Bedroom-Pop. Mit Songs, die sich nicht nur, aber häufig, um Beziehungen zwischen Frauen drehen." Und taz-Kritiker Tobias Damm genoss in vollen Zügen ein Berliner Festival, das an den Punk im Slowenien der frühen 1980er erinnerte.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2025 - Musik

Die russische Pianistin Elena Bashkirova, die das Jerusalem Chamber Music Festival leitet, und Michael Blumenthal, früherer US-Finanzminister unter Jimmy Carter und späterer Gründungsdirektor des Jüdischen Museums Berlin, wurden mit dem Internationalen Mendelssohn-Preis zu Leipzig ausgezeichnet, berichtet Jan Brachmann in der FAZ. In der NZZ resümiert Inna Hartwich die Kontroverse um den deutschen Pianisten und Dirigenten Justus Frantz und dessen Putin-Freundschaft (unsere Resümees). 

Besprochen werden das Album "John & Yoko / Plastic Ono Band: "Power To The People"" (FAZ) und Cyrille Dubois' Vertonung von "Gabriel Dupont: The Complete Songs" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2025 - Musik

15 Tracks in 13 Sprachen enthält "Lux", das neue Rosalía-Album (siehe auch hier), über das heute jedes Feuilleton, das etwas auf sich hält, berichtet. Der spanische Superstar fährt, so Bernjamin Stolz in der Presse, "schwere Geschütze auf: Bibelstellen und Rosenkränze, die Lebensgeschichten von Heiligen und die autobiografische Suche nach Transzendenz in einer sinnentleerten Welt, das Werk der französischen Philosophin Simone Weil und kryptische Texte auf Spanisch mit gelegentlichen Einsprengseln auf Hebräisch, Chinesisch, Arabisch oder Deutsch. Dieses zwischen babylonischer Sprachverwirrung und Pfingstwunder changierende Werk verlangt beim genauen Hören nicht wenig: Manchmal einen guten KI-Übersetzer, dann wieder eine gut sortierte Bibliothek, gegen Ende dann das eine oder andere Taschentuch und vielleicht sogar einen Priester."

Musikalisch orientiert sich das neue Album weniger an Latin Disco, als an der europäischen Klassik. Auf allerdings ziemlich exzentrische Art, findet Joachim Hentschel in der SZ, der der Musik in distanzierter Faszination zugetan ist: "Ob 'Lux' - dieses Ding aus Wolken, Fluff und Sumpf - den finalen Test besteht, muss sich erst zeigen. Die letzte Vollendung eines Popkunstwerks liegt bekanntlich nicht in flammenden Kritiken, sondern in der schieren Praxis. Dass die jungen Leute bald zu orchestralem Post-Fado und elektrifizierten Arien durch die Straßen gondeln und Partys feiern, ist heute noch schwer vorstellbar. Super wäre es natürlich." Für die FAS schreibt Ralf Niemczyk über den Rosalía-Hype, in der taz bespricht Ruth Lang Fuentes "Lux" und findet, dass Rosalías Hinwendung zur Hochkultur "auch was Koloniales" hat. Im Standard nimmt sich Christian Schachinger das Album vor.

Mit sonst eher aus Fußballstadien bekannten Rauchbomben haben propalästinensische Aktivisten ein Beethoven-Konzert in der Pariser Philharmonie gestört, das vom israelischen Dirigenten Lahav Shani geleitet wurde. Die Bilder der Aktion gingen um die Welt - damit haben die Aktivisten ihr Ziel, so steht zu fürchten, bereits erreicht. In der Welt rekonstruiert Martina Meister den Vorfall und weist darauf hin, dass Shani mehrfach, auch noch nach seiner viel kommentierten Ausladung in Gent (siehe unter anderem hier), sein Mitgefühl mit dem Leid in Gaza zum Ausdruck gebracht hat. Allein, es hilft alles nichts: "Verrückt ist nicht nur, dass sich israelische Künstler einer Gewissensprüfung unterziehen müssen. Noch verrückter ist, dass derartige Stellungnahmen keinen Wert mehr haben. Ein israelischer Pass allein reicht heute, um sich in den Augen der propalästinensischen Aktivisten schuldig zu machen. Dass dies Antisemitismus pur ist, wollen sie nicht wahrhaben." Mehr auch im heutigen 9punkt.

Weitere Artikel: Inga Barthels zeichnet im Tagesspiegel die einseitige Hassliebe nach, die Donald Trump mit Taylor Swift verbindet. Ebenfalls im Tagesspiegel hofft Jana Weiss, dass die Haftbefehl-Doku auf Netflix das Bewusstsein für Drogenprobleme im Musik-Business schärft. Auf van tobt eine Diskussion um den möglichen fehlenden Rückhalt zeitgenössischer Neuer Musik in Musikverlagen. Hartmut Welscher unterhält sich auf van mit Richard Loberer, der nach 20 Jahren die Tage Alter Musik in Herne, denen er als Leiter vorstand, verlässt. Bernhard Heckler trifft für die SZ einen 17-jährigen, der fordert, dass Haftbefehls Rap-Texte Schullektüre werden. Jan Brachmann gratuliert in der FAZ dem Cembalisten Lars Ulrik Mortensen zum Siebzigsten. Christian Gohlke besucht ebenfalls in der FAZ ein neues Carl-Orff-Museum in Dießen.

Besprochen werden "XXL", das Debütalbum der Party-Rapper PA69 (SZ) und das neue Militarie Gun-Album "God Save the Gun" (FR).
Stichwörter: Rosalia, Lux, Shani, Lahav

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2025 - Musik

Jedes Jahr im November findet in Wien das wunderbare Festival Wien modern statt mit, Sie ahnen es schon, neuer und neuester Musik. FAZ-Kritiker Peter Blaha hörte zum Auftakt das ORF Radio-Symphonieorchester unter dem Dirigenten Vimbal Kaziboni mit Werken dreier Komponisten aus der "afrodiasporischen Community": George Lewis, Hannah Kendall und Jessi Cox. Und natürlich gab es Konzerte des Arditti Quartetts mit einigen Ur- und Erstaufführungen: "Einen starken Eindruck hinterließ Clara Iannotas 'dead wasps in the jam jar (iii)' für präpariertes Streichquartett und Sinustöne, das auch durch den Einsatz von Büroklammern zwischen Griffbrett und Steg neue Klangbereiche erforscht. Knarrende Töne kombiniert mit Flageolett-Glissandi entwickeln im Zusammenspiel einen starken Sog, der für nie nachlassende Spannung sorgt. Einer herkömmlicheren Schreibweise bedient sich hingegen Hilda Paredes in 'Diálogos apócrifos', ein Werk, das durch seine Ökonomie des Ausgangsmaterials wie auch durch seine formale Stringenz begeistert."

Hier spielen Musiker der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst den toten Wespen auf:



Amina Aziz stellt in der taz die saudische Desertrockband Seera vor. Die Musik der vier Frauen gefällt ihr gut, aber den feministischen Ansatz nimmt sie ihnen nicht ganz ab: "Seera fühlen sich als Teil einer vielfältigen Musikszene, Rockbands wie 'Sound of Ruby' und 'Garwasha' mischen Saudi-Arabien auf. Jugendlichen soll damit der Soundtrack für ihr Coming-of-Age liefert werden. Aber ist das schon eine Kulturrevolution? Seera selbst sprechen lieber von 'Renaissance'. Nora erzählt, dass sie bei Auftritten in ihrer Heimat auch Schockmomente genießen. Wenn sie im Publikum beispielsweise einen Vater mit Kind auf den Schultern mitviben sehen, freuen sie sich. Ohne die lokale Unterstützung könnten sie auch gar nicht auf Tour gehen. Nun träumt die Band davon, als Vorgruppe der US-Metalband 'System of a Down' auftreten zu dürfen". Ob jedoch "die Freiheit, die Seera in Saudi-Arabien genießt, bald auch für weniger Privilegierte im Land gelten wird, bleibt im Land, in dem Geld und Patriarchat regieren, jedoch unklar."

Hier ein Stück zum Reinhören:



Besprochen werden Molly Nilssons Album "Amateur" (FR), ein Konzert von Erykah Badu in Frankfurt (FR) und Rosalías Album "Lux" (Standard, Tsp).