Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

3701 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 371

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.11.2025 - Musik

Kennen Sie ein Instrument namens Oktokontrabassklarinette? Vermutlich nicht, und zwar, weil es bislang nur ein einziges Exemplar dieses kurz Okto benannten Geräts gibt, dessen tonaler Umfang noch eine Oktave tiefer reicht als bei der Kontrabassklarinette. Gebaut hat sie, berichtet Ralf-Thomas Lindner in nmz, Martin Foag, und jetzt hat dessen Konstrukt einen ersten Praxistest bestanden. Mit Bravour: "Es war ein erster zärtlicher bis kraftvoll-wechselhafter Kuss zwischen Instrument und Musik. Der in Freiburg lebende Komponist Tobias Eduard Schick hat das Werk 'New Holland Drive' für Okto und Zuspielband geschrieben. Er schreibt dazu: ''New Holland Drive' reflektiert das oftmals als Gegensatzpaar konzipierte Spannungsfeld zwischen dem Natürlichen und dem Maschinellen. […] Die Körperlichkeit des Interpreten als unhintergehbarer Ausgangspunkt der Komposition durchläuft das Medium eines ausgeklügelten mechanischen Apparats mit Hilfsklappen, Baudenzügen und vielem mehr, der umso beeindruckender ist, da er die physikalischen Bedingungen der klanglichen Tiefe mit den physischen Begrenzungen des menschlichen Körpers vereinbaren muss.'"

Jens Balzer geht im Aufmacher des Zeit-Feuilletons geradezu auf die Knie vor der katalanischen Pop-Sängerin Rosalia, die auf ihrem vierten Album "Lux" achtzehn Songs in nicht weniger als dreizehn Sprachen singt (darunter Deutsch, Latein, Hebräisch und Arabisch) und mit wuchtigen Orchesterklängen nicht weniger sucht als Erlösung vor einem Gott jenseits der Amtskirchen. "Es geht um Schmerz und Verzweiflung - und um die Liebe und um den Glauben, mit dem man den Schmerz und die Verzweiflung vielleicht überwinden kann. Es geht hier also um alles, und es geht auch darum, dass Rosalía alles will, und zwar am besten gleichzeitig. Sie will Erleuchtung und Gnade, sie will ihren Geist in den Himmel erheben, aber sie will andererseits auch nicht den irdischen Freuden entsagen". Wir hören rein:



Weitere Artikel: In der NZZ erklärt Stefan Ender, wie es überhaupt zu dem Vorschlag kam, dem Dirigenten Teodor Currentzis die höchste Kulturauszeichnung Österreichs zu verleihen. In der Welt erinnert Elmar Krekeler an den heute vergessenen Beethoven-Schüler Ferdinand Ries. Ebenfalls in der Welt findet Manuel Brug: Justus Frantz war ohnehin immer nur ein Musiker zweiter Klasse. Ein aus Anlass ihrer nun auch auf Deutsch erscheinenden Biografie "Bread of Angels" führt Peter Kümmel (Zeit) ein großes Gespräch mit Patti Smith über ihr Leben als Musikerin und Schriftstellerin, ihre Freundschaften mit Klaus Biesenbach, Wim Wenders und Christoph Schlingensief und ihre nie versiegende Hoffnung.

Besprochen werden das bombastische Lady Gaga-Konzert in Berlin (taz, Tagesspiegel, Zeit Online), das Album "Batakari" des ghanaischen Rappers Ata Kak (taz), ein 22-stündiger Orgel-Marathon in der Leipziger Thomaskirche, wo Johannes Lang das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach spielte (FAZ), der Auftakt der Radiohead-Tour in Madrid (SZ) und ein Konzert der Wiener Symphoniker mit Werken von Beethoven und Mahler in der Alten Oper Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2025 - Musik

Wieso, fragt sich Joachim Hentschel in der SZ, ist es heutzutage so schwer, an Konzertkarten zu kommen? Zumindest, wenn es um Shows von Hypekünstlern von internationalem Format geht? Ein paar Antwortversuche: "Im Vergleich zur Beatles-Zeit leben schlicht mehr Menschen auf der Welt, die am Kulturleben teilnehmen. Soziale Medien haben den PR-Drall verschärft, auf dem Veranstaltungen heute segeln. Es gibt Tiktok-Hypes wie die Recklinghausener Sängerin Ayliva, die um ein Vielfaches stärker wirken als der alte 'Wetten, dass ..?'-Effekt, mit dessen Hilfe es die 'Riverdance'-Tanztruppe 1997 schaffte, mit einem einzigen TV-Auftritt ihre Deutschlandtour praktisch auszuverkaufen. Zudem sind viele logistische Hürden verschwunden, die Leute früher davon abhielten, auf Konzerte zu gehen. Zum Beispiel, weil sie dort wohnten, wo man eh keine Tickets kaufen konnte."

Der deutsche Dirigent Justus Frantz, seit langem als Putin-Sympathisant bekannt (siehe hier), erhält vom russischen Staatschef einen Orden, berichtet unter anderen Spiegel Online. Auf Backstage Classical wendet sich Axel Brüggemann direkt an Frantz: "Als Sie keiner mehr in den Arm nahm, haben Sie die Musik verraten. Und dann verrieten Sie sich selber. Sind die Leute an ihren Tafelrunden wirklich Ihre Freunde? Sie füttern Sahra Wagenknecht und Alice Weidel. Und Ihren Klassik-Escort-Service übernimmt Hajo Frey. Er lockt Leute wie Sie und AfD-Mann Matthias Moosdorf nach Russland. Und nun hat sein Kumpel, Vladimir Putin, Ihnen auch noch den russischen Freundschaftsorden mitten ins Herz gestochen. Merken Sie denn nicht: Leonard Bernstein hat Sie geliebt, Vladimir Putin benutzt Sie! Lieber Justus Frantz, wenn es in Hamburg regnet, sind das die Tränen von Lenny und Helmut. Tutto nel mondo è burla? Nein, Sie haben unsere Liebe verspielt."

Außerdem: Gregor Dotzauer porträtiert im Tagesspiegel den Jazz-Virtuosen Christopher Dell. Margarete Affenzeller erklärt im Standard, weshalb die Haftbefehl-Doku auf Netflix gerade einen Reinhard-Mey-Hype auslöst. 

Besprochen werden eine von Teodor Currentzis dirigierte Aufführung von Wagners "Ring ohne Worte" an der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel; "Und plötzlich fühlt man sich dem abdankenden Gottvater Wotan nahe, der nur noch eines herabsehnt: das Ende"), ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko in der Alten Oper Frankfurt (FR) und "Soiz" ein Album der österreichischen Dialekt-Popperin Anna Buchegger (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2025 - Musik

Maurice Summen berichtet in der taz vom Jazzfest Berlin 2025. In der FAZ annonciert Vanessa Fatho eine Konzerttour der Originalband von Falco. Besprochen werden ein Konzert des Israel Philharmonic Orchestra in Frankfurt (FR) und Anna Bucheggers Album "Soiz", die mit ihrer poppigen Mischung aus "Clown, Couture und Tracht" Standard-Kritiker Christian Schachinger nicht unbeeindruckt gelassen hat.

Hier was zum Reinhören:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2025 - Musik

Mit "Sitzkissen und teils sogar mit Schlafsack" ausgerüstet kamen Bach-Enthusiasten am Samstag in die Leipziger Thomaskirche, wo der Organist Johannes Lang 22 Stunden lang das komplette Orgelwerk von Bach spielte, das heißt "235 Stücke nonstop"- "das ist irre", ruft SZ-Kritiker Helmut Mauró: "Die großen Fugen sind natürlich das Beste von Bach, von den bescheidensten Titeln - Präludium und Fuge - kann man das Größte erwarten. Wie das durch die engmaschig verwobenen Melodiefäden donnert und pfeift und strahlt und zirpt, man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und wenn die ganz tiefen Register kommen, dann knattert das in die Magengrube, als schwebte ein Helikopter über der Kirche.Solche Klangwucht würde man von einer Barockorgel nicht unbedingt erwarten, aber die Bach-Orgel in der Thomaskirche ist ein besonderes Instrument, ein historisch bestens informierter Neubau." 

Hier eine etwas ältere Aufnahme von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll, die Lang auf der Bachorgel in der Thomaskirche spielt:



Weiteres: Jan Brachmann stellt in der FAZ den neuen Chefdirigenten der Deutschen Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern, den Katalanen Josep Pons, vor. Harry Nutt hat sich die Bootlegserie Nummer 18 "Through the Open Windows" mit den allerersten Songs von Bob Dylan angehört. Rolf Thomas war für die FAZ beim Jazzfest Berlin und hat die Auftritte von Marc Ribot und Mary Halvorson angesehen. In der SZ schließt sich Anna Weiß dem Jubel über das neue Album von "Florence + the Machine" an (unser Resümee).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2025 - Musik

Einen großen Wurf legt die Band Florence + the Machine mit ihrem neuen Album "Everybody Scream" vor, findet Zeit-Online-Autor Torsten Groß. Frontfrau Florence Welch verarbeitet diesmal vor allem ein persönliches Trauma: eine Fehlgeburt, die sie nur mit knapper Not überlebte. Herausgekommen ist musikalische Wucht ohne Ende. Der Song "Drink Deep" etwa ist "eine wirkmächtige Beschwörung mit dramatischen Wehklagen in den von gewaltigen Fanfaren ornamentierten Refrains, die als moderne Dorian-Gray-Abhandlung in Songform funktioniert. Pop als verwunschener Zaubertrank, drunter macht Florence Welch es nicht: In dem Liedtext erzählt Welch davon, wie alle anderen Leute aus ihrem persönlichen Umfeld älter werden, Kinder bekommen, ihr Leben führen, sie selbst hingegen einfach immer weiter der Popstar bleibt - ausgesaugt wie von einem Vampir in den alten Horrorsagen."

Auch Nadine Lange (Tagesspiegel) hält sich gern in Welchs düsteren Soundscapes auf: "Auf 'Everybody Scream' packt Florence Welch noch mehr Düsternis in ihren Markenzeichen-Sound, lässt mythische Elemente einfließen, spielt mit Mittelalterbezügen. Sie selbst nennt das Doom Folk. Es ist kein Zufall, dass die Platte, an der unter anderem Mitski, Mark Bowen von Idles und Aaron Dessner von The National mitwirkten, an Halloween erscheint. So lädt die Sängerin zusammen mit einem weiblichen Chor zum 'Witch Dance', der mit einer spannungsgeladenen wogenden Dramaturgie in den Bann zieht und entfacht im Finale von 'Sympathy Magic' einen wild lodernden Synthie-Scheiterhaufen."

Man höre selbst:



Ein anderes tolles Album stellt Mathis Raabe auf Zeit Online vor: Oklous "Choke enough" arbeitet mit den Werkzeugen des Hyperpop a la Charlie XCX und macht daraus etwas anderes, eigenes. Im Refrain des Songs "obvious" etwa "setzt ein knarzender Bass ein, und ein heller Synthesizer, der entfernt an ein Blasinstrument erinnert, spielt eine Melodie, die so ähnlich auch in einem EDM-Track vorkommen könnte. Ganz klar sind das Versatzstücke von Clubmusik. Aber nie setzt ein ganzer Drum-Beat ein, und alles klingt ein bisschen dumpf und weit weg, so als würde die Party unter Wasser stattfinden, oder eher noch: in einem Traum. Nur Oklous Stimme klingt nah und beruhigend, so als würde sie einen an der Hand durch die Traumdisco leiten und auch sagen, dass es gar nicht schlimm ist, dass man peinlicherweise seinen Schlafanzug anhat."

Auch da hören wir rein:



Außerdem: Detlef Diederichsen blickt in der taz wieder zurück in die Popmusikgeschichte und schreibt über die "Dämmerung der Majors". Ljubiša Tošić schaut im Standard voraus auf das Festival "Wien Modern". Wilhelm Sinkovicz berichtet in der Presse vom 125. Geburtstagskonzert der Wiener Symphoniker im örtlichen Musikverein. Jürgen Kesting empört sich in der FAZ über allgegenwärtige Phrasen der Marke "Musik ist Emotion pur" in der Musikpublizistik - die längst nicht mehr nur in PR-Texten zu finden sind, sondern auch die Musikkritik heimsuchen.

Besprochen wird außerdem Tame Impalas Album "Deadbeat" (taz; "der geile Wumms wird mitten im Song zerstört durch Ambient-Gewaber, irgendwann folgt dann wieder Unz Unz Unz, aber der Flow ist flöten gegangen").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2025 - Musik

Nach neun Jahren seit ihrem letzten Album melden sich die Chicagoer Postrock-Pioniere Tortoise mit ihrem neuen Album "Touch" zurück. Wie in ihren goldenen Zeiten, den Neunzigern, zeigt sich die Band sehr in sich und in ihren komplex montierten Soundbezügen ruhend, schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz, und vielleicht sogar ein Mü zu ruhig. "Das Zusammenspiel der fünf Musiker wirkt fast körperlos traumwandlerisch, keine Hektik oder Dringlichkeit, nichts Forciertes. Tortoise gelingt es fast durchweg, ästhetisch-schöne Oberflächen und hintergründige Details zusammen zu strukturieren. Man kann das Album im Sinne von Erik Satie als Tapete oder als Kopfhörermusik hören. ... Nach all den Jahren wird es allerdings manchmal langweilig: Dann, wenn Tortoise sich allzu sehr auf einen stoisch-endlos-repetitiven Neu!-Beat verlassen." Doch "im glücklicherweise häufigeren Fall driftet die Musik dabei mitsamt den Hörerinnen ins Tiefenentspannte und Abgeklärte. 'Promenade à deux' etwa, mit unerwartet romantischer Anmutung im Titel, gehört zu den schönsten Instrumentalballaden der Bandgeschichte. 'A Title Comes' basiert auf einem statisch pulsierenden Bass, über den Jeff Parker eine smoothe Jazz-Gitarre legt, bevor dann eine schillernde Synthie-Melodie das ganze Gebilde ins Flauschige schubst."



Jan Brachmann erinnert in der FAZ an unter anderem von Thomas Mann geführte historische Kontroversen um das deutsche Lied und dem damit verbundenen "Musikchauvinismus" rund um die "deutsche Innerlichkeit" in Abgrenzung zur "bloß äußerlichen Zivilisation Frankreichs." Dabei steckt "hinter der vermeintlich exklusiv deutschen Innerlichkeit romantischen Wesens ein Engländer italienischer Herkunft als wichtigster Impulsgeber. Eine Geschichte musikalischer Romantik ist ohne Muzio Clementi nicht zu schreiben.... Es ist Zeit, dass wir mit dieser Sonderstellung des deutschen Liedes aufräumen, dass wir seine Vergötzung und Fetischisierung beenden, um uns danach, erleichtert und klüger geworden, wieder an ihm zu erfreuen."

Weiteres: Die kenianische Blackmetalband Chovu musste ihre Europa-Tour absagen, weil ihr die Deutsche Botschaft mit dem Verdacht auf Migrationsabsicht die Visa verweigerte, berichtet Nicolai Kary in der taz
Besprochen werden Meredith Monks Album "Cellular Songs" (FR), ein Konzert von Dee Dee Bridgewater beim Schweizer Festival Jazznojazz (NZZ), ein Konzert der Wiener Symphoniker unter Petr Popelka (Standard), ein Auftritt von Yungblud in Wien (Standard), eine Netflix-Doku über die Kokainsucht des Rappers Haftbefehl (NZZ), Rosalías Single "Berghain" (SZ) und das neue Album von Lily Allen, die darauf mit ihrem Ex-Ehemann, dem Schauspieler David Harbour, abrechnet (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2025 - Musik

Im VAN-Gespräch mit Merle Krafeld gibt der Komponist Luc Döbereiner Einblick in seine Arbeit an dem Seniorenchor-Stück "Rekonstruktion für Chor", für das er auch auf Künstliche Intelligenz zurückgreift. Ihn interessiert die Frage, "wie Technologie unser Hören strukturiert, unser Miteinander-Spielen, das Musikmachen, das Notieren und so weiter, alles, was zum Musizieren dazugehört. Technologie kann da auch ein Sinusoszillator sein, also ganz einfache Technologie. Bei KI sind zwei Sachen anders als sonst in elektroakustischer Musik oder elektronischer Musik: Man kann mit sehr vielen Daten arbeiten, sie durchsuchen und so Dinge entdecken, die man als Mensch sonst nicht entdecken oder wahrnehmen könnte. Und: Die Modelle können sich anpassen, das ist ja der Grundmechanismus des maschinellen Lernens, das hat man zum Beispiel bei einem Sinusoszillator nicht, der erzeugt einen bestimmten Ton, passt sich aber nicht an."

Merle Krafeld berichtet im VAN-Magazin vom Stand der vom Kulturstaatsministerium beauftragten Provienzprüfungen der sieben im Staatsbesitz befindlichen Streichinstrumente, die einst von den Nationalsozialisten angeschafft wurden, um sie unter anderem an "gottbegnadete" Musiker zu verleihen: Die Nazis kauften "die fünf Geigen, eine Bratsche und ein Cello zwar von Instrumentenhändlern, ihre Vorgeschichte stuft die aktuelle Studie allerdings in zwei Fällen als 'bedenklich' und in den fünf weiteren als zumindest 'klärungsbedürftig' ein. ... Wie mit den sieben 'Meistergeigen' des aktuellen Forschungsprojekts umzugehen ist, bleibt - zumindest, solange weder bewiesen noch widerlegt ist, dass sie im Kontext nationalsozialistischer Verfolgung entwendet oder erworben wurden - vorerst ungeklärt."

Weitere Artikel: Bei einer Veranstaltung in Berlin trafen ukrainische und deutsche Poeten und Musiker aufeinander, berichtet Katja Kollmann in der taz. Für die Welt spricht Manuel Brug mit der Cellistin Julia Hagen, die schon mit 30 Jahren "zu den herausragenden Musikerinnen auf ihrem Instrument gehört". Dorothea Walchshäusl erinnert in der NZZ an den "Tango Jalousie", den Jacob Gade vor hundert Jahren geschrieben hat. Das VAN-Magazin bringt eine Chronik der Ereignisse nach der Absage der Essener Philharmoniker, eine neue Auftragsarbeit von Clara Iannotta aufzuführen (unser Resümee), was im Nachhinein alles als eine große Kaskade des Aneinander-Vorbeiredens erscheint. Christian Schachinger erinnert im Standard an den vor 60 Jahren erschienenen The-Who-Song "My Generation".

Besprochen werden Konzerte von Uriah Heep (FR) und Slavka Zámečníková (FR) sowie das Album "Plays the Breadminster Songbook" von The Alien Dub Orchestra (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2025 - Musik

Theodor Currentzis, 2016. © Olya Runyova, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Der von Gazprom finanzierte griechisch-russische Dirigent Teodor Currentzis soll die höchste österreichische Kunstauszeichnung erhalten. Verschiedene Medien berichteten bereits. Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler (SPÖ) selbst hat Currentzis zur Aufnahme in die "Kurie der Kunst" vorgeschlagen. Die Auszeichnung gilt Künstlern, "die sich durch besonders hochstehende schöpferische Leistungen auf dem Gebiete der Wissenschaft oder der Kunst allgemeine Anerkennung und einen hervorragenden Namen erworben haben". Bundespräsident Alexander Van der Bellen muss dem Vorschlag formell zustimmen. Aufgebracht hatte die Meldung mal wieder der Online-Dienst backstageclassical.com. Axel Brüggemann spricht den Kulturminister in seinem Kommentar direkt an: "Ihr vollkommenes Unwissen offenbaren Sie, wenn Sie uns schreiben: 'Dass Currentzis es vorzieht, zum russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu schweigen, ist bedauerlich, aber kein Kriterium.' Doch, es IST ein Kriterium! Eines der wesentlichen Aufnahmekriterien in die Kurie sogar: 'Gefragt ist eine wechselseitige geistige Interaktion durch die Diskussion von aktuellen Problemen... ebenso die Förderung von Kunst...  durch Meinungsäußerungen zu aktuellen und relevanten Anliegen.' Herr Babler, Sie kennen Ihre eigenen Regeln nicht!" Mehr Hintergrund im Standard.

Anne-Catherine Simon von der Presse hat gegen die Auszeichnung dagegen nichts einzuwenden: "Alles wäre klar, würde man endlich die beharrliche Überhöhung und Selbsterhöhung der Kunst entsorgen. Würde man endlich aufhören, die menschliche Kompetenz zum 'Schönen', also zum ästhetisch Gelungenen, diese spezifische Art von Ausdruckskraft, aufblähen zur Meisterschaft im 'Wahren' und 'Guten'."

Mit neuen Geigenbögen aus dafür besonders gut geeignetem Fernambukholz aus Brasilien könnte es bald ein Ende haben, schreibt Stefan Schickhaus in der FR: In einem Monat entscheidet die 20. Vertragsstaatenkonferenz des Washingtoner Artenschutzabkommens darüber, ob sie dem Antrag Brasiliens folgt und den Nationalbaum Paubrasilia echinata unter besonderen Schutz stellt. "Für die Bogenbauer wäre die Verschärfung des Schutzstatus ein ernstes Problem." Für den Geigenbauer Florian Leonhard "liegt die noch größere Bedrohung jedoch woanders: Der internationale Handel mit historischen Meisterbögen - teils mehrere Hundert Jahre alt - stünde vor dem Aus. Das wäre aus seiner Sicht eine kulturhistorische Katastrophe, vergleichbar mit dem Handelsverbot für Elfenbein. ... Der Bau neuer Bögen ist also das eine Thema - das andere, in Leonhards Augen gravierendere ist die Einschränkung des alltäglichen Verkehrs mit Fernambukholzbögen. 'Es kann ja nicht sein, dass eine Spitzengeigerin wie Anne-Sophie Mutter mit ihrem Bogen, der seit 200 Jahren in Geigerhand ist, nicht mehr unterwegs sein darf.'"

Weiteres: Maxi Broecking porträtiert in der taz den New Yorker Saxofonisten David Murray, der beim Jazzfest Berlin auftritt. Robin Passon resümiert in der FAZ die Bohuslav-Martinů-Festtage in Basel. Karl Fluch spricht für den Standard mit dem österreichischen Schlagersänger Fuzzman. Torsten Groß redet in der SZ mit der Popmusikerin Florence Welch. Wolfgang Sandner schreibt in der FAZ einen Nachruf auf den Jazzschlagzeuger Jack DeJohnette (weitere Nachrufe hier). In der FR gratuliert Stefan Michalzik Martin Lejeune zum Jazzstipendium der Stadt Frankfurt. Der Podcast "Und dann kam Punk" spricht mit Westbam mehrere Stunden über dessen Punkwurzeln.

Besprochen werden das neue Blood-Orange-Album "Essex Honey" (taz, mehr dazu bereits hier), der Konzertfilm "M" von Depeche Mode (Welt) und Cat Stevens' Autobiografie (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2025 - Musik

Der Jazzschlagzeuger Jack DeJohnette zählte zu den letzten großen Legenden des Jazz - er spielte mit Miles Davis, Thelonious Monk, John Coltrane, Bill Evans, Keith Jarrett und vielen weiteren, die, wie er, Rang und Namen hatten. Nun ist er im Alter von 83 Jahren gestorben. In den späten Sechzigern, frühen Siebzigern stieß er vom Jazz aus das Tor zur Rockmusik mit auf: "In den befreiten Improvisationen des Jazz zu dieser Zeit steckte genug Psychedelik, um auch bei Konzerten zu wirken, auf denen nach ihnen Band wie die Grateful Dead spielten", schreibt Andrian Kreye in der SZ. "Immer größer wurden die Ensembles und Festivals, immer lauter die Musik. DeJohnette passte ideal dazu, weil er sich mit seiner offenen Spielweise auch gegen elektrische Gitarren und Keyboards durchsetzen konnte." Später bei ECM Records "konnte sich Jack DeJohnette immer wieder neu erfinden und entwickeln. In seinen Gruppen New Directions und Special Edition entwickelte sein Schlagzeugspiel eine Zentrifugalkraft, die sich Generationen zum Vorbild nahmen."



"Diese Subtilität. Diese Kraft. Diese Präzision", schwärmt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel, "dieser Sinn für perkussive Klanglichkeit, die sich ihren Raum nicht von der Notwendigkeit abkaufen lässt, das rhythmische Gerüst zu liefern. ... Ob er Hardbop-Bands einen Drive verlieh, der sie über ihre Grenzen hinaustrieb oder in Fusionsexperimenten wie Compost groovte, ob er seiner eigenen Band Special Edition Schachtelrhythmen verordnete oder sich den Fliehkräften eines freien Jazz hingab, wie ihn die afroamerikanische Association for the Advancement of Creative Musicians (AACM) seiner Heimatstadt Chicago pflegte: Er war von einer seltenen Vielseitigkeit und blieb, anders als viele Kollegen, dabei doch immer er selbst." Ja, "DeJohnette konnte alles - auch abseits des Feinnervigen Substanz liefern", schreibt auch Ljubiša Tošić im Standard. Einen weiteren Nachruf schreibt Ueli Bernays in der NZZ.

Weitere Artikel: Gregor Dotzauer porträtiert im Tagesspiegel den Jazz-Kontrabassisten Felix Henkelhausen. Wolfgang Sandner resümiert in der FAZ das Deutsche Jazzfestival 2025 in Frankfurt. Yuval Weinberg ist der künftige Leiter des Rundfunkchors Berlin, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Tobias Langley-Hunt ist im Tagesspiegel ratlos, warum die neue Single von Rosalía ausgerechnet "Berghain" heißt - jedenfalls lassen weder Text, noch Video einen Bezug zu dem Berliner Club erkennen. 

Besprochen werden das neue Album von Lily Allen, die darauf laut Zeit-Online-Kritikerin Juliane Liebert "die zeitgenössische Dialektik des Persönlichen bespielt", eine Netflix-Doku über die Kokainsucht des Rappers Haftbefehl (Welt), ein Johann-Strauß-Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard) und das neue Album des Berliner Schlagersängers Tristan Brusch (Zeit Online).

Stichwörter: Jazz, Dejohnette, Jack

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2025 - Musik

Maxi Broecking porträtiert in der taz Angelica Sanchez, die beim Jazzfest Berlin in zwei unterschiedlichen Formationen auftritt und sich dafür interessiert, "wie die Verästelungen der Nervenbahnen in Klangsysteme übersetzt werden können". Anna Weiß spaziert für die SZ mit dem Berliner Chansonnier Tristan Brusch durch Neukölln bis zum Tempelhofer Feld. Stefan Michalzik resümiert in der FR das Deutsche Jazzfestival 2025 in Frankfurt. "Die Popwelt hat plötzlich Spaß an der Ehe", schreibt Julian Theilen in der Welt angesichts dessen, dass mit Taylor Swift, Lana Del Rey, Dua Lipa und Charli XCX gerade ein ganzer Schwung millionenschwerer Popstars vor den Traualtar zieht. Im Standard erinnert Christoph Irrgeher an Johann Strauß, der vor 200 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Maria Kanitz' und Lukas Becks Buch "Lauter Hass" über "Antisemitismus als popkulturelles Ereignis" (FR), eine Netflix-Doku über den Rapper Haftbefehl und dessen Kokainsucht (SZ), ein Auftritt von Diana Krall in Wien (Standard) und Wolfgang Muthspiels Album "Tokyo" (Standard).

In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Uwe Schütte über den "Cold Song" von Klaus Nomi: