Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.11.2025 - Musik

Ausführlich und recht positiv resümiert Peter Blaha in der FAZ das "Wien Modern"-Festival. Helmut Lachenmann konnte hier seinen Neunzigsten feiern. Aber es gab auch neue Stimmen, etwa die Avantgardistin Francesca Verunelli, deren siebzigminütige Komposition "Songs and Voices" zum Angedenken an ihre Schwester den Rezensenten beeindruckte - unter anderem gerade durch die lange Abwesenheit der Stimmen: "Dadurch entsteht eine Leerstelle, die symbolisch für die verstorbene Schwester steht. Die menschlichen Stimmen - mit Liegetönen, Flüstern, Hauchen und allenfalls rudimentärem Gesang - treten überhaupt erst nach rund zwanzig Minuten zum Instrumentalensemble hinzu. Wellenartig baut sie große Steigerungen auf, die von relativ simplen Motiven ihren Ausgang nehmen, deren konstruktives Potential und Ausdruckskraft sich erst allmählich offenbart."

Hier Verunellis Werk "Cinemaolio":



Außerdem: Obwohl der israelische DJ Avichai Partok doch schon ein "erklärter Gegner des israelischen Besatzungsregimes" ist, wird er von internationalen Clubs immer noch boykottiert, muss Jessica Ramczik  in der taz feststellen. Ebenfalls in der taz befasst sich Henrik von Holtum mit den künstlerischen Schwierigkeiten von ebenfalls nicht mehr jungen Kindern berühmter Popstars wie Baxter Dury oder Moon Unit Zappa. In der FR gratuliert heute Bernhard Uske Helmut Lachenmann zum Neunzigsten. Besprochen werden das neue Blawan-Album "SickElixir" (FR) und eine CD der türkischen Pomusikerin Peki Momés, die Iggy Pop in seiner Radiosendung "Iggy Confidential" vorstellte.

Stichwörter: Neue Musik, Wien Modern

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.11.2025 - Musik

VAN hatte das Thema im Juni bereits aufgegriffen: Der Pau Brasil, Brasiliens Nationalbaum, ist vom Aussterben bedroht - aus seinem Holz, dem Fernambuk, werden Streichbögen für Geigen oder Cellos geschnitzt (unser Resümee). Brasilien will den Baum nun unter die vollständig geschützten Arten aufzunehmen, berichtet Michael Stallknecht, der für die SZ mit dem Bogenmacher Thomas M. Gerbeth, der auch Vorsitzender der deutschen Gruppe der IPCI, der International Pernambuco Conservation Initiative, die bereits seit 1997 eigene Plantagen in Brasilien finanziert, ist: "Gemeinsam mit anderen Initiativen hat man inzwischen mehr als drei Millionen Bäume neu gepflanzt, nach vierzig Jahren gelten sie als ausgewachsen. Der gesamte internationale Bogenbau benötige nur 30 bis 50 Bäume pro Jahr, rechnet Gerbeth am Telefon vor. Höchstens 50.000 Bäume seien damit in den vergangenen 250 Jahren in Streichbögen verbaut worden, gleichzeitig 50 bis 70 Millionen für andere Zwecke abgeholzt. 'Unser kleines Handwerk wird zum Sündenbock gemacht für alles, was in dieser Zeit schiefgelaufen ist.'"

Zum Neunzigsten von Helmut Lachenmann schaut Reinhard J. Brembeck (SZ) bei dem Komponisten in Stuttgart vorbei. Viel zitiert Brembeck nicht aus dem stundenlangen Gespräch, das die beiden auch über die gesellschaftskritischen Positionen führten, die immer auch in Lachenmanns Musik Eingang fanden: "Die deutsche Wiederbewaffnung, die Notstandsgesetze, der Mauerbau, dann die RAF: All das fand einen Weg in Lachenmanns Denken und Komponieren. Seine Arbeit beschreibt der in der Autostadt Stuttgart geborene so: Sie sei wie ein Auto bauen und es gleichzeitig dabei zerstören. Lachenmann bricht immer aus, er ist immer auf Suche nach dem Apfel, der das Entweichen aus dem Paradies ermöglicht." An ein schönes Bonmot des Luigi Nono-Schülers, der Melodien für etwas "Überlebtes, ja Reaktionäres" hielt, erinnert indes Marco Frei in der NZZ: "'Ich hasse Humor. (…) Humor ist einfach lachhaft. Meine Stücke sind heiter. Ich mache einen scharfen Unterschied zwischen heiter und humorvoll.'"

In der FAZ gratuliert Max Nyffeler dem Komponisten, der der Neuen Musik ganz neue Horizonte eröffnete: "Im Zentrum seines Schaffens stand stets die Erforschung des Klang- und Geräuschspektrums der Instrumente jenseits des von ihm als korrumpiert empfundenen 'schönen Tons'. Gemeinsam mit Eduard Brunner erkundete er deshalb die Schönheiten des Geräuschs auf der Klarinette, vom tonlosen Blasen bis zum Klappenschlag. Das Resultat ist im Solostück 'Dal niente' von 1970 zu hören. Im Cellosolo 'Pression' wandte er seine Kompositionsmethode erstmals auf ein Streichinstrument an. Damit war ein neuer Typus von Instrumentalmusik geboren. Lachenmann kreierte dafür den Begriff 'Musique concrète instrumentale'." In der taz gratuliert Tim Caspar Boehme. Wir erinnern uns gern:



Besprochen wird ein Haydn-Konzert von András Schiff mit dem Orchestra of the Age of Enlightment in der Alten Oper Frankfurt (FR).
Stichwörter: Fernambuk, Lachenmann, Helmut

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.11.2025 - Musik

Margareta Kosmol berichtet für die taz aus den Techno-Clubs Tbilissis, die sich zu einem Zentrum der antirussischen Protestbewegung entwickelt haben. Unter anderem lernt sie den queeren jungen Aktivisten Gleb kennen: "Die Techno-Philosophie ist für Gleb provokativ und revolutionär: 'Ich finde es faszinierend, wie sie in Berlin groß wurde, als die Mauer fiel. Heute ist Techno in Berlin leider mehr Kommerz. Hier in Georgien spürt man das Feuer in den Menschen. Sie verteidigen ihren Raum! Das ist ein Ort, an dem wir uns vor dieser Welt verstecken können, die versucht, uns zu zerstören.' Der Boden vibriert vom Bass, rote und gelbe Strahlen schneiden den Raum wie Laser. Gleb sagt, hier fühle er sich vollkommen frei: 'Aber irgendwann merkst du, dass diese Wände des Clubs auch dein Gefängnis werden, weil du dahinter keinen anderen Ort hast, dich sonst nirgendwo akzeptiert fühlst.'"

Ingeborg Ruthe besucht für die FR eine Ausstellung in der Berliner Akademie der Künste, die dem Paul-Robeson-Archiv gewidmet ist. Das liegt in Berlin, weil der schwarze amerikanische Blues-Sänger Robeson in den 1960er Jahren Kontakte in die DDR geknüpft hatte. Wie überhaupt die DDR-Führung einige Versuche machte, Robeson für ihre Sache einzugemeinden: "Die Staatsführung machte sich den Kampf der Afroamerikaner für die Bürgerrechte einseitig zu eigen in der politischen Polemik gegen das imperialistische System. Blues, Gospel, Spiritual, Soul galten als Leidensmusik der Diskriminierten, Unterdrückten. Das Melancholische, aber auch Widerständige fand sich dann wieder in der Musik von Ost-Bands wie Hansi Biebl, Freygang, Monokel, Kerth, Engerling, Distelmann und bei den Konzerten von Manfred Krug und Günther Fischer. Da ging es aber weniger um den antiimperialistischen Klassenkampf, eher um den eigenen Protest gegen einen bornierten Sozialismus, gegen die beschnittene Individualität und Reisefreiheit."

Ein Robeson-Klassiker auf Youtube aus dem Hollywoodfilm "Showboat" (1936):



Weitere Artikel: Begeistert berichtet Wilhelm Sinkovicz in der Presse von einem Schubert-Abend im Wiener Musikverein. Der Sänger Matthias Goerne und der Pianist Daniil Trifonov widmeten sich dem "Winterreise"-Zyklus. Harry Nutt trauert in der FR um den Reggae-Star Jimmy Cliff. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Trompeter Randy Brecker zum 80. Merle Krafeld fasst auf van eine Studie zusammen, die vor Fachkräftemangel in Musikschulen warnt. Michael Pilz beschäftigt sich in der Welt mit dem aktuellen Vinyl-Boom. Helene Slancar besucht für die taz das queere Metalfestival "Loud and Proud" im Wiener Club Flucc. Christoph Wagner schaut sich für die NZZ zwei Konzerte der Jazz-Pianistin Marilyn Crispell an.

Besprochen werden Holly Golightlys Album "Look Like Trouble" (FR), "Firedove", die neue CD der Star-Organistin Anna Lapwood (Zeit Online), ein Klavierabend im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie mit Bruce Liu (Tagesspiegel), ein Gastkonzert der Cellistin Alisa Weilerstein bei der Staatskapelle in der Berliner Philharmonie (Tagesspiegel), ein Konzert des Rappers Kontra K in der Berliner Uber Arena (Tagesspiegel) und das Album "Adieu Unsterblichkeit" der österreichischen Band Kreisky (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.11.2025 - Musik

In der NZZ ist Marco Frei sehr froh, dass Sebastian Nordmann, designierter Leiter des Lucerne Festivals, auch am spätherbstlichen "Forward"-Festival für zeitgenössische Musik festhalten will, das gerade zum letzten Mal unter der Leitung von Michael Haefliger stattfand. "Kein anderes Festival dieser Größe und dieser internationalen Ausstrahlung bietet einen derart geschützten, selbstbestimmten Raum", in dem nicht immer alles gleich gelingen muss, so Frei. "Manches darf auch verstören oder irritieren, belustigen oder verärgern - wie etwa bei 'Hirn & Ei'. So lautet der Titel eines Werks von Carola Bauckholt für Schlagquartett, das die diesjährigen 'Forward'-Konzerte einläutete. Die einstige Schülerin von Mauricio Kagel zählt zu den führenden Stimmen für musiktheatralische Klangperformance, und in 'Hirn & Ei' werden selbst Regenjacken Teil der performativen Aktion. Glücklich, wer Humor besitzt - in diesem Sinn hat das Werk sinnstiftend in den Eröffnungsabend eingestimmt. Über das skurril-virtuose Tuba-Solo 'Ruinen' von Georges Aperghis ging es schließlich bis zur Uraufführung von 'other spaces' für Ensemble von Neo Hülcker. Das neue Werk machte aus der Luzerner Theater-Box eine Art Kleintierzoo, in dem gefaucht und geschnurrt, gequietscht und gekratzt wurde."

Weitere Artikel: Lotte Thaler berichtet in der FAZ über die Herbstfestspiele "La Grande Gare" in Baden-Baden. In der FR schreibt Harry Nutt zum Tod des Reggae-Musikers Jimmy Cliff, in der NZZ Jean-Martin Büttner, in der FAZ Edo Reents. In der taz möchte Benjamin Moldenhauer Musiker wie Konstantin Wecker und Til Lindemann, die mit sehr jungen Mädchen geschlafen haben, nicht dämonisieren: Dies verstelle "den Blick auf das leider Sturznormale, das Gängige des ganzen Falls".

Besprochen werden eine Palestrina-Konzertreihe mit den Tallis Scholars unter Peter Phillips in Berlin ("Drei Abende hintereinander Palestrina zu hören, lässt ahnen, was den Polyphonie-Kritikern wirklich sauer aufstieß", bekennt Katharina Granzin in der taz. "Diese Musik hatte sich so weit verselbständigt, dass sie die Sprache nurmehr als Klangmaterial benutzte und sich ansonsten selbst genug war. Palestrina schrieb unter anderem 104 ganze Messen, 104-mal auf denselben Text. Das musste ja irgendwann zur absoluten Musik werden. Aber kann die noch gottgefällig sein?"), ein Konzert von Roxette in Frankfurt (FR), ein Sibelius-Konzert des Helsinki Philharmonic Orchestra unter Jukka-Pekka Saraste in Frankfurt (FR) und das neue Album von Kreisky, die "wieder Richtung gepflegter Argwohn abgebogen" sind, wie Jannik Eder im Standard schreibt. Wir hören rein:

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.11.2025 - Musik

Valeriia Semeniuk stellt im Tagesspiegel den ukrainischen Chor "Homin" aus Lwiw vor. Nachdem dieser mit einem kurzen TikTok-Clip viral ging, tourt er nun durch ganz Europa und wird auch in Berlin auftreten: "Im Mittelpunkt des Programms stehen ukrainische Schlagermelodien des 20. Jahrhunderts - einige fast vergessen, andere Evergreens, die vor dem Krieg auf keinem Fest fehlten. Viele kennen diese Lieder auswendig. In den neuen Arrangements klingen sie überraschend frisch: hier ein Hauch Jazz, dort ein verschobener Rhythmus. Es bleibt Retro - aber ohne eine Spur Staub. Auch wenn auf der Bühne ein Teppich mit traditionellem ukrainischen Muster liegt, der als eine Art Talisman mitreist und scherzhaft als 25. Mitglied des Ensembles bezeichnet wird." Ein "weiteres Feld sind die Partes-Konzerte des 17. Jahrhunderts, ein einzigartiges ukrainisches Genre des vielstimmigen liturgischen Gesangs."




Weitere Artikel: Frank Keyl besucht für die taz das "Heintje"- Archiv des Künstlers Dieter Glasmacher. Ueli Bernays war für die NZZ beim Jazzfestival "Unerhört" in Zürich. In der FR ist Stefan Michalzik begeistert von einem Auftritt des Jazz-Musikers Jakob Manz im Mozartsaal in Frankfurt.
Stichwörter: Ukrainische Musik

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2025 - Musik

Im Interview mit der Welt spricht der Filmkomponist James Newton Howard über seine Arbeit. Howard hat ein beeindruckendes Oeuvre vorzuweisen. Er schrieb etwa die Filmmusiken zu Garry Marshalls "Pretty Woman", Peter Jacksons "King Kong", die "Tribute von Panem", Terrence Malicks "The Hidden Life" und die Titelmusik zu "Emergency Room". Filmmusik komponieren ist vor allem Handwerk, lernt Interviewer Elmar Krekeler: "'Als Filmkomponist muss man - erste Regel - vor allem zuhören können', sagt er. Das verkürzt die Arbeit, weil die Vision des Regisseurs die entscheidende ist, ungemein. Dann setzt er sich hin. Improvisiert. Findet Melodien. ... Dann entsteht  der Film, und der Moment kommt, für den ein klassisch ausgebildeter Komponist -  der James Newton Howard wahrscheinlich zu seinem Glück gar nicht ist - besonders stark sein muss. 'Es geht', sagt er, 'bei Filmmusik weniger ums Schreiben als ums Umschreiben.' Das Intro zu 'Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind' hat er 43-mal umgeschrieben."

Weiteres: Joachim Hentschel trifft für die SZ in Paris Amanda Lear und plaudert mit ihr über dies und das und ihr neues Album. Manuel Brug begleitet für die Welt Simon Rattle auf einer Konzerttour durch England mit dem Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks: Im Eurostar plaudert der Dirigent dann über seine Erinnerungen und seine Beziehung zu England. In der FAZ gratuliert ein bewundernder Robin Passon der Pianistin Elisabeth Leonskaja zum Achtzigsten, ohne dabei zu verschweigen, dass sie heute für russische Soldaten spielt. Besprochen wird der neue Song "Dünya garip" von Haftbefehl (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2025 - Musik

Thomas Wochnik (Tsp) erinnert sich in der Ausstellung "Elegantly Wasted" im Urban Spree wehmütig an eine Clubkultur vor Corona und vor dem 7. Oktober, der die Gesellschaft wohl "unwiederbringlich" gespalten habe, wie Kurator Max Dax ihm gegenüber äußert. So unbeschwert wie auf den Fotos, die Ben de Biel zwischen 2006 und 2019 im Ritter Butzke geschossen hat, wird es vermutlich nicht mehr, glaubt auch Wochnik: "Vieles von dem, was die Kamera festhielt, hat man längst wieder vergessen. Wer erinnert sich nach einer langen Clubnacht schon speziell an die Garderoben-Boys - und auch das ist einer der Gründe, aus denen sich das Fotografieren in Clubs grundsätzlich verbietet - in einer durch und durch auf den ausgelassenen, ungezwungenen Glücksmoment und seine unbedingte, von allen Konsequenzen freie Flüchtigkeit zugeschnittenen Welt."

In der SZ ist Joachim Hentschel mit Blick auf den Fall Konstantin Wecker gar nicht ganz so überrascht, ist in den Songs deutscher Liedermacher doch rückblickend eines augenfällig: "Wie oft die Frauenrollen in diesen Liedern nicht von Frauen, sondern von Mädchen gespielt werden - von Minderjährigen. Über Udo Lindenbergs 'Ob du 14 oder 40 bist, ist dann alles total egal' über '17 Jahr, blondes Haar', das Udo Jürgens mit 30 zum ersten Mal sang und später immer wieder. Wie manche Protagonisten im links-alternativen Lager zu der Zeit über Sexualität mit minderjährigen Menschen dachten, auch darüber gibt es bis heute eine nicht zufriedenstellend abgeschlossene Debatte." In der Welt fragt sich auch Hannah Bethke, wann die Linke beginnt, strukturellen Machtmissbrauch und Gewalt in den eigenen Reihen aufzuklären.

Weitere Artikel: Für die FR spricht Arne Löffel mit der Singer-Songwriterin Tuva Hellum Marschhäuser alias Tuvaband, deren neues Album "Seven Ways Of Floating" gerade erschienen ist. Für die taz porträtiert Yelizaveta Landenberger die russische Popsängerin Monetochka, die seit 2022 im litauischen Exil lebt, sich gegen den Krieg und für ukrainische Geflüchtete einsetzt und nun für drei Konzerte nach Deutschland kommt. Jonathan Fischer reist für die Welt nach Lagos, um den Erfolg von Afrobeats zu ergründen. In der NZZ freut sich Corina Kolbe, dass die russische Cellistin Anastasia Kobekina, die 2022 allein aufgrund ihrer Staatsangehörigkeit von der Kartause Ittingen ausgeladen wurde, nun beim Lucerne Festival debütiert.
Stichwörter: Wecker, Konstantin

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2025 - Musik

Die SZ erscheint heute mit einer großen Exklusiv-Reportage, in der Konstantin Wecker die Beziehung mit einer Minderjährigen vorgeworfen wird. Wecker ließ über seinen Anwalt eine Entschuldigung ausrichten. In der Zeit berichtet Christina Reitz von den Zweifeln, ob Johann Sebastian Bach tatsächlich der Komponist der beiden neu aufgetauchten Stücke ist. So sei etwa der Bach-Schüler Salomon Günther John, der als Kopist der beiden Partituren gilt, zum Zeitpunkt der Niederschrift höchstens zehn bis zwölf Jahre alt gewesen. Die Zeit erscheint heute außerdem mit einer kleinen Musik-Beilage, die ein Interview mit dem Gitarristen Jeff Parker über das neue Tortoise-Album und ein Porträt der britischen Organistin Anna Lapwood enthält.

Besprochen werden das neue Sudan Archives-Album "The BPM" (FR) und ein Konzert des Quartetts von Charles Lloyd beim Enjoy-Jazz-Festival in der Christuskirche von Mannheim (FAZ).
Stichwörter: Wecker, Konstantin

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.11.2025 - Musik

Zwei neu aufgetauchte - oder zumindest erst jetzt dem Komponisten gesichert zugeschriebene - frühe Kompositionen Johann Sebastian Bachs werden weiterhin eifrig kommentiert, unter anderem von Manuel Brug in der Welt, von Michael Stallknecht in der NZZ und von Regine Müller in van. Im Tagesspiegel winkt Frederik Hanssen hingegen ab. Für ihn sind die "zwei jetzt aufgetauchten Frühwerke nichts als Staubkörner der Musikgeschichte, Fingerübungen eines Minderjährigen. Geschrieben für ein Instrument, das einst als 'Königin' galt, aber im öffentlichen Musikleben längst ein Schattendasein fristet, gerade in einer gottlosen Metropole wie Berlin. Hand aufs Herz: Wann waren Sie zuletzt in der Kirche bei einem Orgelkonzert? Und wann haben Sie in irgendeinem journalistischen Organ - diese Zeitung eingeschlossen - eine Kritik gelesen oder gehört über so eine Veranstaltung? Na also."

Gerald Felber scheint anderer Ansicht zu sein und rekonstruiert in der FAZ die "akribische Entschlüsselungsarbeit", die zur Aufnahme der beiden Stücke ins Bachwerkeverzeichnis führte: "Dass die beiden schwungvollen Stücke nach 1700 im mitteldeutschen Umkreis Bachs entstanden waren, ließ sich aus kalligraphischen Eigenheiten und den Wasserzeichen des benutzten Papiers ableiten; dass ihr Schreiber an anderen Stellen Kopien nach verbürgten Bach-Werken hinterlassen hatte, verdichtete, ebenso wie das Vorliegen bestimmter stilistischer Eigenheiten, die sich damals außer bei Johann Sebastian bei keinem anderen Komponisten finden, die Vermutung, dass auch die Originale der beiden in Brüssel überlieferten Stücke Kompositionen Bachs sein könnten." Ein weiteres wichtiges Puzzlestück lieferte dann die Gesprächsabschrift eines ehemaligen Bach-Schülers, in dem die Werke Erwähnung finden.

Hören Sie selbst (ab 15:20):



Weiteres: In der Welt widmet sich Manuel Brug Leben und Werk der verstorbenen Kessler-Zwillinge: "Sie waren das schöne Deutschland". In der FAZ gedenkt Wiebke Hüster der Kesslers. Mehr zum Freitod der Kesslers im heutigen 9punkt. Klangmaschinen, auf denen legendäre Kraftwerk-Songs entstanden, werden in den USA versteigert, berichtet Josef Engels in der Welt. SZler Harald Eggebrecht würdigt die koreanische Star-Violinistin Hyeyoon Park anlässlich des Erscheinens ihres ersten Konzert-Albums. Daniel Gerhardt besucht für Zeit Online ein Marilyn-Manson-Konzert in Berlin - und ist ziemlich entgeistert ob der offensichtlichen Lustlosigkeit auf und vor der Bühne. Helene Slancar liest für den Standard ein Buch des Musikers Parov Stelar über seine Karriere und das wilde Musik-Biz. Max Dax spricht in der FR mit Stefan Hantel alias Shantel über dessen aktuelles Völkerverständigung-durch-Musik-Projekt "Mentsh United". Die Berliner Zeitung begleitet weiterhin, warum auch immer, Till Lindemanns Solotour und beschäftigt sich heute mit einem nichtssagenden Instagram-Kommentar seines Tour-Drummers Joe Letz. Journalismus am Limit.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2025 - Musik

Die Kessler-Zwillinge sind gestorben. Die beiden gehörten zu den wenigen internationalen Stars, die Deutschland in der Nachkriegszeit hervorgebracht hat. Alice und Ellen Kessler, geboren 1936 in Nerchau (Grimma), nach dem Zweiten Weltkrieg DDR, machten eine Tanzausbildung und zogen mit 18 Jahren nach Paris, wo die beiden blonden, langbeinigen, bildschönen jungen Frauen am Lido eine rauschende Karriere machten. "Von 1954 bis 1960 tanzten sie im Lido, später im Olympia, und natürlich war man auch im Wirtschaftswunderdeutschland auf den doppelten Exportschlager aufmerksam geworden", schreibt Arno Frank im Spiegel. "Die Kesslers drehten bald einen Film nach dem anderen, in Deutschland, Frankreich und Italien, durchweg Massenware à la 'Solang' es hübsche Mädchen gibt'." Sie tanzten "auf Bühnen von New York bis Las Vegas, von London bis Hongkong, von Buenos Aires bis Sydney. In der populären 'Ed Sullivan Show' waren sie 14-mal zu Gast und liefen dort Leuten wie Frank Sinatra, Harry Belafonte, Dean Martin oder Bing Crosby über den Weg. Unterdessen schrieben sie in Deutschland mal eben Fernsehgeschichte ('Klimbim', 'Dalli Dalli'), zeigten - eine Premiere für das Land - im italienischen Fernsehen ('Studio Uno') erstmals Bein." Die beiden haben nie geheiratet und nahmen offenbar gemeinsam "begleitete Sterbehilfe" in Anspruch, erzählt Elke Heidenreich, die auf Zeit online einen kurzen Nachruf schreibt. In der taz schreibt Jan Feddersen. 

Hier singen sie 1968 ein kleines Gebet bei Ed Sullivan:



In der SZ berichtet Max Florian Kühlem von dem dreitägigen, internationalen "Ideenfestival zur Zukunft der Klassik", das die Kulturstiftung des Bundes veranstaltet hat. Klassik ist schwierig, weiß Kühlem, das "merkt man genau hier, an dieser Stelle: Bespricht das Feuilleton eine Opernpremiere im Münchner Raum nicht, hagelt es umgehend Protestbriefe. Gleichzeitig gehören solche Besprechungen zu den am wenigsten gelesenen Texten. Es ist also eine kleine, aber stabile Gruppe, die Klassik liebt und verteidigt - Teil der bildungsbürgerlichen Mittelschicht."

Weitere Artikel: Der Musiker Parov Stelar spricht im Interview mit dem Standard über sein Buch "Trip", das vom Leben als Künstler erzählt und die Abgründe der Musikindustrie nachzeichnet. In der SZ berichtet ein enthusiastischer Helmut Mauró über die Entdeckung zweier Orgelstücke von Johann Sebastian Bach durch den Musikwissenschaftler Peter Wollny: "Der erste Eindruck: Knapp konzentrierte, hochambitionierte kontrapunktische Figuralkunst, die zu einem 17-jährigen Hochbegabten passt. Eines ist klar: Bach hat nicht allzu klein angefangen." Auf Zeit online berichtet dazu Christina Rietz. In der FR schreibt Harry Nutt zum Tod des Countrymusikers Todd Snider.

Besprochen werden ein Konzert mit Beethoven, Schönberg und Schubert in der Alten Oper Frankfurt (FR) und ein Konzert der schwedischen Metalband Sabaton in der Uber Arena in Berlin ("Die Musik von Sabaton kann man sich grundsätzlich als symphonisch angedickten Metal mit pseudogregorianisch gegurgelten Chor-Einlagen vorstellen. Daneben fanden sich beim Berliner Konzert viele Stücke, die an den in Deutschland derzeit äußerst populären Shanty-Rock von Santiano erinnerten, mit gleichermaßen geschunkelt wie gestampft wirkenden Rhythmen und Männerchorgesängen; man bekam sofort Lust, dazu ein paar Taue zu straffen oder sich um eine Ankerwinde zu drehen", resümiert ein animierter Jens Balzer bei Zeit online).