Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2024 - Kunst

Sophia Süßmilch: "Then I'll huff and puff and I'll blow your house in." 2024. Courtesy of Sophia Süßmilch. Foto: Lee Everett Thieler.

Es gibt Zoff um eine Ausstellung in der Kunsthalle Osnabrück, die sich mit dem Thema Erziehung und Kindsein beschäfigt, berichtet kopfschüttelnd Harff-Peter Schönherr in der taz. Der CDU-Kreisverband und Fraktion riefen nach einem Besuch der Ausstellung "Kinder, hört mal alle her" zum Boykott auf. Es sei inakzeptabel "dass unter dem Deckmantel der Kunst derartige groteske und verstörende Darstellungen öffentlich gezeigt werden", zitiert Schönherr das Statement. Besonder erzürnt hat die Politiker wohl eine Performance der Künstlerin Sophia Süßmilch in der ehemaligen Dominikanerkirche, die "auf kannibalische Szenografien einer Hexenversammlung zurückgreift". Zur Schau gehören außerdem, so der Kritiker "'Kannibalistische Choräle', in denen böse und komisch von 'Säuglings-Sauerbraten' und 'Steak aus Stiefkind' die Rede ist. Auch kann, wer ein Fernglas zur Hand nimmt, in 20 Metern Höhe Meerschweinchenrezepte lesen. Riesige Rattenschwänze hängen von der Decke, zudem das 'Guinea Pig of Death' zum Anbeten. Auf schwarzen Stoffbahnen liegen Kugelobjekte, wie aus Haut genäht. Ein paar Püppchen wirken creepy. Aber schockierend? Eher nicht."

Weiteres: In der FAZ informiert Hubertus Beutin über den jünsten Stand bei der Sammlung Bührle (mehr bei der NZZ). Nicola Kuhn meldet im Tagesspiegel, dass das Brücke-Museum in Berlin den Preis "Museum des Jahres 2023" der deutschen Sektion des Kritikerverbands Aica bekommt. Besprochen werden die Ausstellung "Poesie der Zeit" in der Akademie der Künste Berlin (taz) und die Ausstellung "Sarah Lucas. Sense of Human" in der Kunsthalle Mannheim (taz) und die Andy-Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2024 - Kunst

FAZ-Kritiker Stefan Trinks spaziert beglückt durch die Säle des Schloss Belvedere in Weimar, wo die Klassik-Stiftung Werke des Bildhauers Olaf Metzel zeigt. Wie kaum jemand schafft es Metzel "hiesige historische Umbrüche, gesellschaftliche Schieflagen und Ungerechtigkeiten derart scharf zu benennen und in formal starke Werke zu gießen", so Trinks. Hingerissen betrachtet er zum Beispiel die ironisch mit "Turkish Delight" betitelte Skulptur im Grünen Salon, eine nur mit Kopftuch bekleidete Frau: "Der fürs Belvedere gefertigte Guss glänzt samtig schwarz. Wochenlang modellierte er die leicht unterlebensgroße Figur nach einem realen Akt, dem schließlich nach kräftezehrendem Modellstehen die Kraft für weitere Körperspannung fehlte und der ins Hohlkreuz verlagerte. In genau diesem Moment hielt der Bildhauer sie fest. Dass die Figur in ihrer Fragilität und ironischen Betitelung als beliebte osmanische 'Süßigkeit' gerade in der Türkei nicht falsch verstanden wird, zeigt sich schon daran, dass die beiden ersten Versionen nach Istanbul gingen und dort heute in all ihrer Erschöpfung und Hinfälligkeit auf den Bosporus blicken."

Ellie Davies, Stars 9, 2014-15
© Ellie Davies / Courtesy of A.galerie, Paris @agelerieparis

"Waldbaden" geht FR-Kritikerin Sylvie Staude im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg. Wie immer hat sich das Museum einem Naturthema gewidmet und dabei eine reizvolle Mischung aus traditioneller und moderner Kunst zusammengestellt, so Staude: "Dank eines schweizerischen Forschungsprojekts und dem daraus entstandenen VR-Kunstwerk 'Atmospheric Forest' von Rasa Smite und Raitis Smits wissen wir nun, dass in jedem Wald um uns herum flüchtige Teilchen, 'Volatile Organic Compounds', in zarten Wolken schweben. Und dass sie umso dichter sind, diese Teilchenwolken, je gestresster die Bäume sind - sie 'atmen' dann stärker, produzieren mehr Harz, sondern mehr Duftstoffe ab. Zaubrische Glühwürmchen-Schwärme zwischen Stämmen, so stellt sich für uns das Leben und eben auch Leiden der Bäume dar. "

Weitere Artikel: Peter Laudenbach besucht für die SZ die kleine Galerie der "Freunde aktueller Kunst" in Zwickau, in der schon Größen wie Neo Rauch und Pipilotti Rista ausstellten - und die sich permanent gegen Angriffe von Neonazis zur Wehr setzen muss. Für die taz schaut sich Beate Scheder auf der Art Basel Kunst aus Afrika an. Ebenfalls in der taz weist Louis Berger auf die öffentlichen Kunstwerke des Künstlers Manfred Henkel hin, die man an unterschiedlichen Orten in Berlin betrachten kann.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.06.2024 - Kunst

Die Auto-Perforations-Artisten / Spitze des Fleischbergs / 1986 / Foto: Andreas Rost


Nicola Kuhn stellt im Tagesspiegel die "Auto-Perforations-Artisten" Else Gabriel, Michael Brendel, Rainer Görß und Via Lewandowsky vor, deren provozierende Auseinandersetzung mit der Realität der DDR in den Achtzigern der Berliner Kunstverein Ost in einer Ausstellung dokumentiert: "Wer sich heute die Filme anschaut, erahnt den Schock, den sie damals auslösten, spürt die Verve, mit der sich die Vier auf der Bühne ausagierten. ... Die Ausstellung zeigt Videos, Stasi-Berichte, Zeitungsartikel, Plakate, Fotos, vor allem eine rekonstruierte Installation aus der Ausstellung 'Menetekel', die Anfang 1989 in der Dresdner Galerie Nord stattfand. Unter dem Titel 'Umkleide' wurde dafür an die Wände eines schmalen Raums die abgezogene Tapete einer verlassenen Wohnung geklebt, deren Bewohner 'rübergemacht' hatten. Zwölf aufeinander gerichtete Rotlicht-Strahler ließen darin die Temperatur steigen. Deutlicher ließ sich kaum darstellen, was die vier Künstler von den permanenten sozialistischen Belehrungen - ob im Schulunterricht oder an der Universität - hielten, im Volksmund 'Rotlicht-Bestrahlung' genannt."

Paris ist alte neue Kunsthauptstadt der Welt, versichert Peter Richter in der SZ und zählt auf, was Paris - im Gegensatz zu Berlin - zu bieten hat: Internationale Direktflüge von zwei Flughäfen, eine interessierte und spendable Politik, stinkreiche und ebenfalls spendable Unternehmer und einen lebendigen Kunstmarkt. "Maike Cruse, die sich jetzt als neue Chefin der Art Basel über die Expansion nach Paris freuen kann, hatte zuvor das Gallery Weekend und die letzte Kunstmesse in Berlin geleitet. 'Wenn wir hier in Paris wären', habe sie damals schon gesagt, 'dann würdet ihr mir das beste Haus der Stadt zur Verfügung stellen, und die Bundeskanzlerin würde es eröffnen.' Stattdessen hatte nicht einmal der Berliner Bürgermeister so richtig Notiz von der eigenen Messe genommen." Immerhin: Der aus Berlin vertriebene Chris Dercon, der seitdem als Präsident der staatlichen Museumsgesellschaft Grand Palais die Art Basel nach Paris geholt hat, jetzt Direktor der Fondation Cartier ist und "schon in Gedanken auf der Flucht vor dem Reisechaos in der Olympia-Stadt Paris, bemüht sich auch hier konziliant um Trost: 'Ich mag den Flughafen von Berlin. Man ist dort immer ganz allein und hat seine Ruhe.'"

Weitere Artikel: Die Stiftung Bührle bewegt sich plötzlich in Sachen Restitution, meldet Philipp Meier in der NZZ. Ingeborg Ruthe stellt in der Berliner Zeitung die Künstlerin Henrike Naumann vor, die derzeit zwei Installationen im Mauer-Mahnmal in Berlin zeigt. Christine Meixner schlendert für den Tagesspiegel über die Fotobiennale Düsseldorf. Und Niklas Maak besucht für die FAS die Art Basel und findet neben viel teurer Kunst auch einen "Parcours" in der Clarastraße, einer Einkaufsstraße mit einigen leer stehenden Geschäften. Hier werden die Fragen nach der Zukunft des Landes gestellt, meint Maak: "Wird es nur noch der Versorgungsraum sein, in dem das Essen und die Energie für die Stadtbevölkerung hergestellt werden und einige Nostalgieinseln als Erholungscamps dienen - oder könnte es eine neue 'Oikologie' geben, bei der auch die Städter auf dem Land mehr Zeit verbringen und anders mit Tieren und Natur umgehen; und welche Rolle könnte Kunst bei dieser Ruralutopie spielen?"

Besprochen werden die erstaunlichen Blumenbilder der Anna Zemánková, derzeit in der Berliner Galerie Albrecht zu besichtigen (Welt), die Andy-Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie (Welt, FR) und die Sarah-Lucas-Ausstellung "Sense of Human" in der Kunsthalle Mannheim (FAZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.06.2024 - Kunst

So richtig glücklich ist Georg Imdahl mit der Austellung 'In Motion' des Deutschen Fußballmuseums Dortmund nicht. Von Warwara Stepanowa bis Josephine Henning werden 175 Arbeiten ausgestellt, die den Fußball zum Thema haben - aber nur als digitale Reproduktionen: "Sicherlich alles gut gemeint. Wahrscheinlich sollte man aber gar nicht mit den Erwartungen eines Fußballfans in dieses 'Raumerlebnis für alle Sinne' eintauchen, kommt aber auch als Kunstfan nur bedingt auf seine Kosten, weil man Malerei eben doch lieber im Original sieht. Immerhin, das Aufgebot steht, und im hervorragenden Katalog wird es kompetent und detailliert erklärt. Es gäbe eigentlich eine großartige Ausstellung her, wenn die Kunst ganz einfach Kunst sein dürfte."

In Frankreich sorgt eine Auktion mit Kunstwerken aus der Sammlung des Autoherstellers Renault für Empörung, Bettina Wohlfarth erklärt in der FAZ wieso: "Die Sammlung Renault ist nicht mit anderen Unternehmenskollektionen zu vergleichen, die in erster Linie prestigevolles Investment sind. Sie geht auf die späten Sechzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurück, als ein kunstbegeisterter Abteilungsleiter bei Renault, Claude Renard, in den Vereinigten Staaten die Idee von Kunstwerken am Arbeitsplatz entdeckte und nach Frankreich brachte." Unter anderem holte er Victor Vasarely ins Unternehmen, der das Rauten-Logo des damals staatlichen Unternehmens schuf, "das wie kein anderes in Frankreich die Idee einer sozial ausgerichteten französischen Industriekultur verkörperte." Den Künstlern war einst zugesichert worden, dass die Werke im Sammlungsverbund verbleiben, eine rechtliche Überprüfung der Veräußerung hat diesbezüglich allerdings nichts ergeben. Die Sammlung ist nun also nicht mehr vollständig, sondern in alle Himmelsrichtungen verstreut, beklagt Wohlfarth.

Die Staatlichen Museen Berlin geben vierzig Jahre nach dem Erwerb nun mehr als zwanzig antike Vasen an Italien zurück, berichtet Nikolaus Bernau im Tagesspiegel : "Der Grund nach der einstigen Euphorie: Für vier Hauptstücke lässt sich durch Polaroidfotos ziemlich eindeutig belegen, dass sie einer Raubgrabung vor 1972 wohl im nördlichen Apulien entstammen. Auch für die anderen Objekte aus den fragwürdigen Geschäften des 1995 aufgeflogenen Antikenhändlers Giacomo Medici muss von einer Raubgrabung ausgegangen werden." Die italienischen Antikenbehörden übersenden nun Leihgaben nach Berlin, die stattdessen ausgestellt werden können.

Weiteres: Monopol gibt Tipps, was man bei der Art Basel nicht verpassen darf, und führt ein Interview mit dem Galeristen Anton Janizewski.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.06.2024 - Kunst

Bilder von LEAK. Das Ende der Pipeline. Courtsey: Oleksiy Radynski



Im Museum der bildenden Künste in Leipzig zeigen der ukrainische Filmemacher Oleksiy Radynski und Hito Steyerl ihr filmisches Kunstprojekt "LEAK. Das Ende einer Pipeline", das sich den Gasgeschäften zwischen Deutschland und Russland widmet. Im taz-Gespräch erläutern sie die historischen Hintergründe der Gasgeschäfte, kritisieren den Nordstream 2 Deal, der auch die historische Gastransitinfrastruktur in der Ukraine überflüssig machte, und erklären, warum sie ihr Projekt als antikolonial verstanden wissen möchten: "Wir nennen den Film auch einen antikolonialen Roadmovie. Er besteht aus Filmmaterial der 1980er Jahre, das ich im Kyjiwer Wissenschaftsfilm-Archiv gefunden habe. Ukrainische Filmemacher hatten damals Reisen nach Sibirien und in die Arktis unternommen. Für mich ist es wie Rohmaterial für einen Roadmovie, der noch fertigzustellen ist. Aber es birgt eine komplexe Kolonialdynamik. Es wurde in der Sowjetukraine produziert, die damals eine Kolonie Sowjetrusslands war. Und die Filmemacher aus der Ukraine wurden in eine andere Kolonie der Sowjetunion geschickt, um Propagandafilme zu produzieren. Ukrainer waren also auch Kolonisator" der Indigenen in Sibirien. Steyerl erläutert am Beispiel Sibiriens auch ihren Begriff von Kolonialismus: "Wenn wir über diese Situation sprechen, unterscheidet sie sich stark von den Standarddefinitionen von Kolonialismus, in der es eine Kolonialmacht und eine unterworfene Entität gibt. Wir haben es mit vielen verschachtelten Ungleichheitsbeziehungen zu tun. Ich spreche lieber von einem 'fraktalen Kolonialismus'. Da gibt es Kolonisierte und die sind eine Ebene tiefer selbst Kolonisatoren mit anderen Kolonisierten, und diese unterdrücken wiederum andere usw."

 Moebius: Starwatcher. 1986  © Moebius Production

In der FAZ ist Andreas Platthaus hingerissen: Das Centre Pompidou verhilft dem Comic in der Ausstellung "La BD à tous les étages" zu seiner verdienten Anerkennung. Nicht nur die großen Künstler werden gezeigt, zum Teil macht die Ausstellung auch die Nachbarschaft zu Werken der bildenden Kunst sichtbar: "Die größten Überraschungen hier bieten ... Anna Sommer neben Francis Picabia (die Schweizer Collagekünstlerin wird dadurch zum Weltstar befördert) und Emmanuel Guibert neben Fotografien von Robert Doisneau. Das sind zusammen mit David B.s Auftritt die schlüssigsten Interventionen, weil sie nicht einfach direkte Übernahmen durch den Comic dokumentieren, sondern künstlerische Geistesverwandtschaften und damit die Bildergeschichten-Gäste vollwertig ins Museum einziehen lassen. Der Franzose Guibert ist denn auch kürzlich als erst zweiter Comic-Künstler nach Catherine Meurisse in die Académie des Beaux-Arts aufgenommen worden."

Weiteres: Zwischen all den langweiligen Kunstausstellungen zu den Olympischen Spielen in Paris sticht Matthew Barneys Arbeit "Secondary" in der Fondation Cartier hervor, lobt Heinz Peter Schwerfel in der Zeit: Die Arbeit erzählt von einer der "brutalsten Episoden in der Geschichte des American Football: Es war 1978, als ein junger, unerfahrener Fänger namens Darryl Stingley bei einem Bodycheck derart schwer verletzt wurde, dass er lebenslang gelähmt war." Ebenfalls in der Zeit wirft Tobias Timm einen Blick auf die Art Basel. Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Transferfenster" im Kunstmuseum Gelsenkirchen, die Trophäen, Fotos und Fundsachen zur Geschichte von Schalke 04 aus der Sammlung des Künstlers Peter Piller zeigt (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.06.2024 - Kunst

Diana Copperwhite - Neural © Diana Copperwhite,
Courtesy of Flowers Gallery

Jonathan Jones besucht für den Guardian die Sommerausstellung der Londoner Royal Academy. Glaubt man ihm, hat die Academy abgewirtschaftet wie sonst nur ihre konservativen Brüder im Geiste, die Tories: "Hier hängen genügend matte Landschaften, um ein echtes Feld zu füllen: bauschige Wolken, gepflegte Gärten. Baumstümpfe bis hinauf zum Pavillon. Es ist, als ob die Auswahlkommission in jeder südlichen Pendlerstadt und jedem Dorf an die Türen geklopft hätte, um Einsendungen zu erbitten. Ach, und vergessen wir nicht die Haustiere. Überall verwöhnte Hunde und Katzen. Einige ansehnliche Werke tauchen wie zufällig auf. Anselm Kiefers kolossaler Holzschnitt von Sonnenblumen mit schwarzen Zentren, Albtraumblüten, die tief ins Papier geritzt sind, durchdringen die Vorstellungskraft wie Geister auf einem Schlachtfeld, die aus den Knochen toter Soldaten sprießen. Lächerlich allerdings, wie das Werk gehängt ist - neben einer Reihe kleiner Stillleben-Blumenarrangements. Diese deutsche Brillanz, umgeben von britischer Leere im 'Fawlty Tower' der Ausstellungswelt. Man fragt sich: Wie haben wir überhaupt den Krieg gewonnen?"

Außerdem: Bernhard Schulz berichtet in monopol über einen Restitutionsstreit um eines der "Sonnenblumen"-Bilder van Goghs.

Besprochen werden die Hanns Schimansky gewidmete Ausstellung "gehen wir mal zu Schimansky rüber" in der Berliner Galerie Inga Kondeyne (Tagesspiegel), die Schau "Note - Mechanismen der Soundvisualisierung" in der Berliner Galerie Schau Fenster (taz), die Gewinnerausstellung des Preises der Berliner Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof (FAZ), die Sex-Ausstellung "Jüdische Positionen" im Jüdischen Museum Berlin (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.06.2024 - Kunst

Installationsansicht, Lucas Cranach d. Ä., Venus, um 1530. Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Foto: Claus Cordes; Benedikte Bjerre, Lisa's Chicken (Farm Life / German Version) (Ausschnitt), 2016/2021. Kunstmuseum Wolfsburg. © Benedikte Bjerre, Foto: Marek Kruszewski

Das Kunstmuseum Wolfsburg feiert dreißigjähriges Bestehen und dem Haus geht es dank der Volkswagen-Connection prächtig: Dank finanziell üppiger Ausstattung umfasst die Sammlung inzwischen rund 900 Werke, von denen eine Auswahl in der Ausstellung "Welten in Bewegung" neu arrangiert wird, freut sich Alexander Menden in der SZ: "Sein niederländischer Gründungsdirektor Gijs van Tuyl, der das Museum von 1994 bis 2005 leitete, kaufte als allererstes Werk den 'Tisch der Fruchtbarkeit' (1976) von Mario Merz. Dieses Werk, eine Art Füllhorn im Querschnitt, das auf einem spiralförmigen Tisch Obst und Gemüse in zunehmender Menge zeigt, ist bei 'Welten in Bewegung' die zentrale Arbeit des Saals mit dem Themenschwerpunkt 'Formen der Natur'. Dieser abstrakte Zugang zur Natur steht in einem interessanten Gegensatz zur 'Italienischen Flusslandschaft' des Flamen Guilliam van Nieulandt. Merz' Abstrahierung, basierend auf dem Prinzip der Fibonacci-Zahlenreihe, trifft auf ein idealisiertes Barock-Capriccio. Beide Darstellungen haben weit weniger mit Natur an sich als mit dem menschlichen Blick auf sie zu tun."

Einen "luftig-leichten" Parcours unternimmt Uta Appel Tallone (NZZ) im MASI in Lugano, das dem amerikanischen Bildhauer Alexander Calder, der das Mobile in die Kunst holte, eine Retrospektive widmet. Zahlreiche Werke aus Museen in New York und Dänemark sind hier zu sehen, freut sich Tallone: Mit seinen "Objekten aus Gestänge, Drähten und ausbalancierenden Elementen hat Calder in den 1930er und 1940er Jahren die Kunstwelt revolutioniert. Er brachte die Bewegung - buchstäblich - mit ins Spiel und verblüffte mit seinen dynamischen Konstruktionen. Von seinen Zeitgenossen wurde Calder nicht selten als 'großes Kind' wahrgenommen. Im Internet kann man Kurzvideos anklicken, welche Originalaufnahmen zeigen: Alexander Calder, ein Koloss von Mann, auf dem Boden kauernd, inszeniert mit der Ernsthaftigkeit eines Buchhalters eine Miniatur-Zirkusshow vor Publikum. Er lässt seine aus Draht und rezykliertem Material gefertigten Puppen zu beschwingter Musik halsbrecherische Kunststücke vorführen, geleitet von seiner Hand. Jongleure und Akrobaten tanzen auf Seilen, vollführen Sprünge in die Luft und stecken den Kopf in den Rachen eines Löwen."



Durch Industriegebiete, über Mietshaustreppen und Parkplätze führt die Biennale Glasgow International die Guardian-Kritikerin Hettie Judah, die dennoch glücklich ist, dass die diesjährige Ausgabe weniger überfordernd ist als ihre Vorgänger. Politisch geht es dennoch zu, vor allem das Grauen in Gaza spielt eine Rolle, etwa im Werk von Cathy Wilkes: "Wilkes stellt die Frage, was es bedeutet, eher zu den Verletzten als zu den Toten zu gehören, anhand des Falles von Emma Groves, einer Frau aus Belfast, die erblindet ist, nachdem sie in ihrem Haus von einem Gummigeschoss ins Gesicht getroffen wurde. Wilkes schleudert ein Gummigeschoss - dick und stämmig - durch die Galeriewand, das in der Luft vor einer zurückweichenden weiblichen Gestalt hängen bleibt, die von einer verschnörkelten Haushaltslampe beleuchtet wird."

Weitere Artikel: Ab dem kommenden Jahr werden deutsche Galerien und Kunstkäufer wieder steuerlich entlastet, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Nach zehn Jahren dringlicher Forderung, den 2014 von der EU drastisch erhöhten Mehrwert-Steuersatz für Kunst-Verkauf von 19 Prozent wieder zurückzusetzen auf sieben Prozent, stimmte das Bundeskabinett der Rückkehr zum Moderaten zu."

Besprochen werden die die 40. Ausgabe des Kurzfilmfestivals Hamburg, die den künstlerischen Dokumentationen der sudanesischen Revolution unter dem Titel "Fragile Spuren: Archive im Konflikt" eine eigene Ausstellung widmet (taz), die Sommerausstellung "Frischer Wind. Impressionismus im Norden" im Museum der Westküste auf der Insel Föhr (Tsp) und Marianna Simnetts Videoinstallation "Winner" im Hamburger Bahnhof, die sich mit Gewalt im Fußball auseinandersetzt (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.06.2024 - Kunst

Die NZZ bringt einen Kunst-Schwerpunkt zur Art Basel: Susanna Koeberle bewundert Simone Fattals Keramikkunst, die bei der Biennale in Venedig im Frauengefängnis auf der Giudecca zu sehen ist: "Ihre Keramikskulpturen sehen wie natürlich gewachsen aus. Wenn Fattal auf Darstellungen von architektonischen Strukturen zurückgreift, dann haben diese meist etwas von Tempeln oder Ruinen. Doch egal wie versehrt diese erscheinen mögen: Die Künstlerin nennt diese Architekturen stets 'maisons'; sie bleiben für sie Häuser, mit anderen Worten Schutzstätten. Sogar ihre menschlichen Figuren haben etwas von Architekturen: Die Beine haben Ähnlichkeiten mit Säulen. In den stehenden Keramikskulpturen kommen der mineralische Ursprung von Bauwerken, die Erde als Urmaterie sowie die Figur des Menschen zusammen." Außerdem in der NZZ: Daghild Bartels ergründet die Geschichte des Berliner "Gallery Weekend". Roman Hollenstein schreibt zur boomenden Kunstszene Abu Dhabis. Madeleine Schuppli besucht vier aufstrebende Galerien in Rom, Annegret Erhard schreibt über das Museum der Sammlerin Helene Kröller-Müller in den Niederlanden.

Weiteres: Rüdiger Schaper taucht für den Tagesspiegel ein in eine Welt aus gläserner Kunst in der Fondazione Berengo in Murano. Besprochen werden die Ausstellung "Frischer Wind. Impressionismus im Norden" im Museum Kunst der Westküste im Alkersum/Föhr (tsp), Die Andy Warhol-Austellungen "Velvet Rage and Beauty" in der Neuen Nationalgalerie und "After the party" im Fotografiska Berlin (tsp), die Installation "Bunker - Realer Raum der Geschichte" von Andreas Mühe im Berliner Kunsthaus Dahlem (Welt), die Retrospektive "Die Auto-Perforations-Artisten (F.A.Q.)" im Kunstverein Ost in Dresden (taz) und die Ausstellung "Painting as Prop" mit Werken von  Wilhelm Sasnal im Amsterdamer Stedelijk (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.06.2024 - Kunst

Eine derart explizite Warhol-Schau gab es selten zu sehen - und besser noch: Die Ausstellung "Andy Warhol. Velvet Rage and Beauty" in der Berliner Neuen Nationalgalerie zeigt einen unbekannten Warhol, jenseits der Pop Art, freut sich Boris Pofalla in der Welt. Stattdessen zeigt die Schau, wie die Sexualität des schwulen Künstlers, der sich nie outete, sein Werk prägte. Mitunter äußerst offenkundig, wie in der Serie "Sex Parts", die fast die Grenze zur Pornografie überschreitet: Die Serie "zeigt Geschlechtsteile, Hintern, gefesselte Handgelenke und verschiedenste Formen der Penetration, was die Neue Nationalgalerie für die nächsten Monate zu einem herausfordernden Ort für den sonntäglichen Familienbesuch macht. (…) Die 'Sex Parts' sind aber dennoch Kunst. Der leichthändige Strich, mit dem Warhol einst anfing, war Ende der 1970er immer noch da, als habe es die glatten Kommerzarbeiten nie gegeben. Zu Lebzeiten ausgestellt wurden die 'Sex Parts' zwar, dann aber in den früheren Warhol-Retrospektiven unter den Teppich gekehrt." Eine "enorm erhellende Ausstellung, die viel über die Wechselbeziehung von Begehren und Kreativität aussagt, vor allem über den Umgang mit Homosexualität im 20. Jahrhundert", sieht Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Ob man den Kuratoren der Ausstellung, Direktor Klaus Biesenbach und Lisa Botti, darin folgen muss, dass sich durch das Wissen um Warhols Sexualität etwas an der Wahrnehmung der Kunst ändert, bezweifelt FAZ-Kritiker Stefan Trinks allerdings. Nicht alles muss auf "anhaltende Sublimation" zurückgeführt werden, meint Trinks. In einigen Phasen erscheinen Warhols Werke subtiler, bei aller Obsession mit Männern taucht "schwule Nacktheit" insgesamt eher selten offensichtlich auf. Seit den Sechzigerjahren etwa wendet Warhol die Methode an, "Momente sexueller Lust im Gewande alter Hochkunst zu camouflieren": "1964 zeigt er in einem Video 35 Minuten lang ausschließlich das orgastisch entrückte Gesicht des idealschönen DeVeren Bookwalter, der innerhalb dieser Zeitspanne, für den Betrachter unsichtbar, einen 'Blowjob' erhält - was der Arbeit auch ganz unverblümt den Namen leiht. Der schräg gelegte, zusätzlich stark beleuchtete Kopf wirkt im harten Schwarz-Weiß des Videobildes wie ein Marmorhaupt. Die Assoziation mit dem ebenfalls ekstatisch verzückten Gesicht der marmornen Teresa von Avila von Bernini, deren Körper unter der Gewandfülle verschwindet, sodass ihr Gesicht die Szene beherrscht, ist mehr als plausibel." In der FAS empfiehlt Niklas Maak parallel zu Warhol die Ausstellung "Picabias Frauen" in der Berliner Galerie Werner.

Bild: Atul Dodiya, Volunteers at the Congress House - August 1931, 2014. Courtesy of the artist and Chemould Prescott Road. © Anil Rane

Nach fünf Monaten Schließzeit eröffnet das Wiener Mumok mit der Ausstellung "Avant-Garde and Liberation" - und Standard-Kritiker Stefan Weiss ackert sich durch viele arg theoretische Kunst und Texte aus und über den Globalen Süden. Aber er lernt hier auch, "wie sehr die Theorien des französischen Dekolonisierungsvordenkers Frantz Fanon noch heute Kunst aus Nordafrika (Mohamed Bourouissa) beeinflussen, welchen Stellenwert Mahatma Gandhi nach wie vor in Indien hat (Atul Dodiya) oder wie stark das schriftstellerische Werk des US-Bürgerrechtlers James Baldwin nachwirkt: Die amerikanische Künstlerin Zoe Leonard hat 53 Exemplare von Baldwins Buch The Fire Next Time von 1963 zu einem als Tipping Point betitelten Stoß aufgestapelt - Symbol für die ewige Wiederkehr der immer gleichen Kämpfe, wenn man etwa an die Polizeigewalt gegen Schwarze denkt, die an mehreren Stellen Thema ist."

Weitere Artikel: Mark Siemons resümiert für die FAS die Tagung des Kulturausschusses des Bundes zur Documenta (Unser Resümee). Im Tagesspiegel spricht Nobert Bisky, der ein Plakat zur Europawahl gestaltet hat, über politische Kunst, den Erfolg der AfD im Osten und das Männerbild von Rechtsextremen: "Die Gewalt in Ostdeutschland hat bis 1989 nie eine Unterbrechung gefunden. (...) Die DDR basierte auf der Unterdrückung von Abweichlern, schrägen Vögeln, Schwulen, Spinnern, Künstler:innen." In der SZ weiß Kathleen Hildebrand nun, wie es sich anfühlt, morgens im Louvre Sport zu machen. Der in Lagos aufgewachsene und in Berlin lebende Fotograf Akinbode Akinbiyi erhält den Hannah-Höch-Preis für sein Lebenswerk, die Berlinische Galerie richtet ihm ab heute unter dem Titel "Seeing. Seeing. Wandering" eine große Retrospektive aus. Für den Tagesspiegel porträtiert Elke Linda Buchholz Akinbiyi. Die NZZ lässt ihre heutige Ausgabe von der Schweizer Künstlerin Pamela Rosenkranz gestalten. Philipp Meier porträtiert die Künstlerin, die die Schweiz im Jahr 2015 auf der Biennale in Venedig vertrat. Benedict Neff spricht mit Rosenkranz über Louise Bourgeois, Bücher und politische Kunst.

Besprochen werden die Ausstellung "spring show" mit Arbeiten von Ann Veronica Janssens in der Berliner Galerie Esther Schipper (Tsp), die Ausstellung "Expressionists: Kandinsky, Münter and The Blue Rider" in der Londoner Tate Modern (SZ) und die große Martha-Jungwirth-Retrospektive im Guggenheim Museum in Bilbao (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.06.2024 - Kunst

Lisa Berins ist für die FR zum Kulturausschuss des Bundes nach Berlin gereist, der mal wieder die Documenta zum Thema hatte. Der hessische Kunst- und Wissenschaftsminister Timon Gremmels, der Kasseler Bürgermeister Sven Schoeller und Claudia Roth haben sich jetzt darauf geeinigt, dass offene Kommunikation und Möglichkeiten zur "Kontextualisierung" die bisherigen Probleme schon lösen werden: "Was tun, wenn antisemitische Bildsprache trotz der Bekenntnisse auf der nächsten Documenta auftaucht? Gremmels: 'Unser Ziel ist es, dass wir 2027 im Sommer eine Documenta haben, auf der zeitgenössische Kunst im Mittelpunkt der Diskussion steht. Wohlwissend, dass es bei allen Beschlüssen, die wir treffen, nie auszuschließen ist, dass am Ende des Tages diese Ausstellung nicht für andere Zwecke missbraucht werden kann.' Man sei jetzt aber so aufgestellt, dass es 'im Fall der Fälle' die richtigen 'Instrumentarien' gebe. Vor allem bestehe die Möglichkeit zur Kontextualisierung, wie Schoeller ausführt."

Vincent van Gogh: Sternennacht, 1888. Musée d'Orsay/Fondation Vincent van Gogh.


Endlich kehrt Vincent Van Goghs 'Sternennacht' an ihren Entstehungsort zurück, freut sich Marc Zitzmann in der FAZ. Für drei Monate wird das Gemälde in der Fondation Vincent van Gogh in Arles gezeigt und in einen Dialog mit zahlreichen anderen Künstlern gebracht: "'Van Gogh et les étoiles' ist eine Ausstellung, die Epochen und Medien übergreift. Derlei Schauen sind auch in Frankreich seit geraumer Zeit beliebt; allzu häufig zeitigt Assoziationswut darin sterile Beliebigkeit", was man von der Direktorin der Fondation Vincent van Gogh Arle Bice Curiger nicht sagen könne: "Sie hat dem Haus ein ureigenes Profil verliehen."

Weitere Artikel: Till Briegleb greift in der SZ noch einmal die Debatte um die Schau "Survival of the 21st Century" in den Hamburger Deichtorhallen auf (unsere Resümees): Für ihn ist das "Machtspiel" des Kollektivs "New Red Order" zwar ärgerlich, begräbt aber nicht die ganze Ausstellung unter sich. Künstlerinnen und Künstler aus dem Osten machen mit einer Plakataktion auf die anstehende Europawahl aufmerksam (FR). Das Kasseler Documenta-Archiv erhält mit Boris Nieslonys "Schwarzer Lade" eine wichtige Schenkung im Bereich der Performance-Kunst (FR).

Besprochen wird: "Ich bin ich/I am me", die erste Paula Modersohn-Becker-Retrospektive in den USA, in der New Yorker Neuen Galerie (FR).