Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.02.2025 - Kunst

in der NZZ erklärt Minh An Szabó de Bucs den Unterschied zwischen Fälschung und Nachschöpfung am Beispiel eines Stadtviertels von Shenzhen, wo zwischen 5000 und 10 000 Maler aus ganz China im Akkord westliche Kunst nachmalen: "Nach der fernöstlichen Philosophie ist Schöpfung kein singulärer Akt, sondern ein Prozess, der einer permanenten Transformation unterliegt. Der Unterschied zwischen den Denkweisen zeigt sich bereits deutlich in der Sprache. Auf Chinesisch heißt Original 'zhenji' (真跡), wörtlich übersetzt die 'authentische Spur'. Dem Begriff der Spur, die etwas hinterlässt, sind ein Prozess und ein Wandel inhärent. Jedes Original ist stetigen Veränderungen unterworfen. Die Zeit nagt daran, je älter, desto blasser werden die Farben, der Bildträger wird brüchig. Nicht nur das: Je berühmter das Bild ist, desto mehr wird es aktiv verändert. Chinesische Sammler der klassischen Rollbilder lieben es, Gedichte oder Kommentare auf die Original-Bildrolle zu schreiben und daneben ihr rotes Namenssiegel zu hinterlassen. ... Man stelle sich vor, die jeweiligen Besitzer von Cézannes 'Die Kartenspieler' hätten über die Jahrhunderte ihre Kommentare und Gedanken auf die Vorderseite des Bildes gekritzelt - undenkbar in Europa!"

Weiteres: Die in Deutschland lebende iranische Künstlerin Parastou Forouhar erhält den Gabriele Münter-Preis, der mit 20 000 Euro dotiert ist, meldet die Berliner Zeitung.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.02.2025 - Kunst

Nicht nur der Zentralrat der Juden und die Jewish Claims Conference äußerten ihr Entsetzen nach dem SZ-Leak zum bayerischen Umgang mit NS-Raubkunst (unsere Resümees), auch der ehemalige deutsche Kulturstaatsminister Michael Naumann ist wütend: "Es handelt sich um ein museumspolitisches Gesindel. Sie sind absolut schamlos. Denen ist es ganz egal, ob Blut an ihren Sammlungen klebt oder nicht." So resümiert es Jörg Häntzschel heute in der SZ, inzwischen hat sich der SZ gegenüber auch der bayerische Minister für Kunst und Wissenschaft Markus Blume (CSU) geäußert, der "lückenlose" Aufklärung von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen fordert, so Häntzschel: "Er erwähnte dabei nicht, dass die Entscheidungen über Restitutionen von ihm selbst oder den Beamten seines Ministeriums getroffen werden. Im Fall von zwei Klee-Werken und einer Picasso-Bronze hatten die Chefs der Staatsgemäldesammlungen die Restitution beziehungsweise den Gang vor die Beratende Kommission empfohlen. Er hatte dagegen entschieden." In einem zweiten Text kommentiert Häntzschel das Statement der Gemäldesammlungen, die unter anderem schrieben, "sämtliche" Werke mit Raubkunstverdacht seien seit 2022 in der Online-Sammlung der Museen verzeichnet: "Tatsächlich fehlt aber in der Online-Sammlung mit wenigen Ausnahmen die Provenienzgeschichte oder sie ist verkürzt dargestellt."

Derweil berichtet Nicola Kuhn im Tagesspiegel von der von Susanne Kurz, Sprecherin der Grünen für Kultur und Medien im bayerischen Landtag, und den Anwälten der Erben eilig anberaumten Pressekonferenz, die der online zugeschaltete Generaldirektor der Staatsgemäldesammlungen Bernhard Maaz nach wenigen Minuten verließ. Dabei gilt die Kritik nicht den Museen, zitiert Kuhn Kurz: "Sie würden ihre Arbeit machen und Provenienzforschung betreiben. Die Kritik gilt der Politik. Die letzte Entscheidung über eine Restitution liegt beim Minister, er trägt die Verantwortung. (…) Den Museen sind die Hände gebunden, sie dürfen nur recherchieren. Die Bewertung der gewonnenen Erkenntnisse übernimmt eine übergeordnete Stelle, um sie dann dem Minister weiterzugeben, der entscheidet. Die kürzliche Empfehlung des Generaldirektors der Gemäldesammlungen, die Picasso-Büste an die Flechtheim-Erben zurückzugeben, wurde prompt von höherer Warte wieder kassiert." Auf Zeit Online schreibt Tobias Timm.

Andrew Testa, Allercombe tree village, on the route of the proposed A30 Honiton Bypass, Devon, December 1996. © Andrew Testa

Auf einhundert Jahre Widerstand, gebannt in Fotografien, blickt Adrian Searle (Guardian) in der Turner Contemporary in Margate in der von Steve McQueen kuratierten Ausstellung "Resistance" zurück. Erinnert wird Searle hier an "bekannte Proteste wie der Grunwick Dispute in den Jahren 1976-78, bei dem eine Gruppe meist indischer Arbeiterinnen aus Ostafrika die Filmverarbeitungsfabrik im Westen Londons verließ, wo sie unter niedrigen Löhnen, Einschüchterung und Ausbeutung litten, oder die Demonstration gegen die Wahlsteuer 1990, die Kämpfe für die Befreiung der Homosexuellen und gegen Section 28, treffen hier auch auf weitgehend vergessene Proteste; Mitglieder der Royal Society for the Protection of Birds protestieren 1911 bei einer Demonstration in London 'gegen die Verwendung von Reiherfedern in Hüten', und blinde Menschen marschieren 1920 aus Städten in ganz England und Wales nach London, um 'Gerechtigkeit statt Wohltätigkeit' zu fordern."

Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ erinnert Andreas Platthaus an den vor hundert Jahren geborenen amerikanischen Illustrator Edward Gorey. Für die Welt trifft sich Mara Delius mit Isolde Ohlbaum in deren Atelier. Minh An Szabó de Bucs blickt in der NZZ ins Gewerbe chinesischer Kunstfälscher.

Besprochen werden die Schau "Gustav Klimt - Pigment & Pixel" im Wiener Belvedere (Standard), die Ausstellung "Anselm Kiefer - Early Works" im Ashmolean Museum in Oxford (FAZ), die Art Karlsruhe (Tsp), eine Ausstellung mit Werken der DDR-Künsterin Christa Jeitner in der Berliner Galerie Volker Diehl (Tsp), die Ausstellung "An die Arbeit! Vom Schaffen und Schuften der Frauen" im Berliner Kupferstichkabinett (Tsp) und eine Schau mit Werken aus der Sammlung des niederländischen Grafikdesigners Richard Niessen im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.02.2025 - Kunst

Elias Sime: Veiled Whispers. Bild: Kunstpalast Düsseldorf.


"Geduld, Disziplin und Liebe zum Detail" ist für den äthiopischen Künstler Elias Sime die beste Medizin gegen die Zivilisationserkrankungen der Moderne, hält Alexandra Wach anlässlich seiner Ausstellung "Echo የገደል ማሚቶ" im Düsseldorfer Kunstpalast für Monopol fest. Seine "dreidimensionalen Mosaike, deren Zusammensetzung gemeinsam mit dem Team bis zu 20 Jahre dauern kann, bestehen aus Hunderten von Tasten, stehengebliebenen Armbanduhren oder Elektrokabeln, sind verwirbelt und in Farbfelder unterteilt, die man mit genug Distanz sogleich als Ackerland oder Pflanzenmotive identifizieren möchte. Andere funkeln wie eine Großstadt bei Nacht. 'Der Mensch ist die Brücke zwischen der natürlichen und der gebauten Umwelt. Wir können von keinem von beiden getrennt werden', sagt Sime." "Die ökologischen Auswirkungen der über den Globus wuchernden Technologie sind verheerend, der fatale Kreislauf durch Weiterverwertung im Kunstkontext natürlich nicht zu durchbrechen."

Das geleakte Dokument zu NS-Raubkunst in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, über das die SZ gestern berichtet hat (unser Resümee), wird von weiteren Medien aufgegriffen. Laut Tagesspiegel versucht sich der Münchner Museumverband aus der Schlinge zu ziehen: "Der geleakte Bericht legt nahe, dass die Staatsgemäldesammlungen das Gegenteil praktiziert und Informationen zurückhält, um nicht restituieren zu müssen. Dagegen verwahrt sich der Münchner Museumsverband und gibt an, der Bericht sei veraltet und habe nur als 'Arbeitsmittel' gedient. Er gebe lediglich einen 'Work-in-Progress-Stand' wieder. Gleichwohl entschuldigt dies nicht die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs." Für die immer noch nicht restituierten Teile der Sammlung des Kunsthändlers Alfred Flechtheim, die von der Gestapo konfisziert wurde, finden die Anwälte seiner Nachfahren deutliche Worte: "'Bayern hätte Hinterbliebenen von Opfern informieren, die Werke an öffentliche Datenbanken melden und Restitutionsverfahren einleiten müssen', so Markus H. Stötzel. 'Tatsächlich zeigt sich, dass Bayern sich von Anfang an nicht an diese Regeln halten wollte und die Ahnungslosigkeit vieler möglicher Anspruchsteller schamlos ausgenutzt hat. Hier wird ein massives Unrecht der Nazis auch mehr als 80 Jahre später aufrechterhalten.'" FR, NZZ, Standard und taz berichten ebenfalls.

Weiteres: Die vietnamesische Künstlerin Thuy Tien Nguyen erhält den ersten Young Generation Art Award, der mit 10.000 Euro dotiert ist, meldet die Berliner Zeitung. Ausgelobt wurde der Preis von Monopol und Degussa, in deren Berliner Niederlassung ihre Kunst nun ausgestellt wird.

Besprochen wird: Die Ausstellung "Radikal! Künstlerinnen und Moderne 1910-1950" in der Modernen Galerie Saarbrücken (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.02.2025 - Kunst

Max Beckmann: "Chinesisches Feuerwerk", 1927. Bayerische Staatsgemäldesammlungen; CC BY-SA4.0

Nur für den internen Gebrauch gedacht ist eine 900 Seiten lange Liste geleakt worden, auf der die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen knapp 200 Werke zählen, die als NS-Raubkunst eingestuft werden, darunter Werke von Picasso, Beckmann und Klee, berichtet in der SZ Jörg Häntzschel, der hier Einblicke in die Restitutionspolitik des bayerischen Staates erhält, die der Staat nie beabsichtigt hatte. Jahrzehntelange Debatten um Raubkunst in Bayern erscheinen nun in ganz neuem Licht, so Häntzschel: "Viele der Provenienzgeschichten enthalten Details, denen der spröde Fachjargon kaum gerecht wird. Die Rede ist von Gestapo-'Sicherstellungen', von arisierten Kunsthandelsunternehmen, von Notverkäufen und bei der Flucht zurückgelassenen Sammlungen. Es wird aus verzweifelten Briefen ebenso zitiert wie aus nüchternen Auktionsberichten. Etliche der fraglichen Kunstwerke stammen aus dem einstigen Besitz von NSDAP-Granden wie Herrman Göring, Martin Bormann oder Heinrich Hoffmann." Zudem offenbare die Liste, dass der Freistaat seit Jahren ein doppeltes Spiel spiele, so werde nach außen auf unbedenkliche Herkunftsverhältnisse verwiesen, "intern aber haben die eigenen Provenienzforscher, wie die Liste offenbart, längst definitive Urteile gefällt".

Mit Ausbruch des Jom-Kippur-Krieges beschloss die israelische Choreografin Noa Eshkol: Dies ist keine Zeit zum Tanzen". Von nun an nähte sie aus Stoffresten Wandteppiche von "dynamischer, knallfarbiger Ornamentik", erinnert Gesine Borcherdt, die in der Welt umso glücklicher ist, einige dieser Arbeiten nun in der Berliner Galerie Neugerriemschneider zu sehen. Sie erkennt hier, wie sehr Eshkol, deren "Vater Levi Eshkol 1914 aus der Ukraine in das damalige Völkerbundsmandat für Palästina emigrierte, dort den Kibbuz mitbegründete, in dem sie aufwuchs und ab 1963 Israels dritter Ministerpräsident war", und ihr Werk mit der Historie ihrer Heimat verbunden ist: "Man sieht es auch an den Stoffresten, die sie ihren Wandteppichen einschreibt: Sie sind eine liebevolle Hommage an die Häuser und Menschen ihrer Umgebung. Eshkol beließ die Fundstücke unverändert und entwarf daraus Bilder voller Bäume, Pflanzen, Wälder, Wirbel und Abstraktionen, die eine Art textile Bestandsaufnahme des Alltags in Israel sind, zugleich aber auch die Ornamentik der islamischen Kultur anklingen lassen."

Weitere Artikel: In der NZZ feiert auch Ulf Meyer das neu eröffnete PoMo in Trondheim (unser Resümee) - und stellt fest, dass "männliche zeitgenössische Künstler in der Sammlung und auch in der Ausstellung stark unterrepräsentiert sind": "Das PoMo-Haus hat sich selbst eine umgekehrte Geschlechterdiskriminierung zugunsten von Künstlerinnen zur Vorgabe gemacht." In der taz wundert sich Ingo Arend, dass Katar einen eigenen Biennale-Pavillon in den Giardini bekommt. Die 650.000 Euro, die der Berliner Senat den 37 kommunalen Galerien für Ausstellungshonorare zur Verfügung stellt, werden dieses Jahr ausgesetzt, berichtet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung. In der FAZ freut sich Peter Kropmanns, dass das Pariser Musee d'Orsay mit dem Werk "Projet d'observatoire astronomique" des Architekten Ferdinand Chanut, der die Kuppel der Pariser Galeries Lafayette entwarf, nun eine Ikone des Futurismus besitzt. Peter Richter schreibt in der SZ zum Tod des amerikanischen Konzeptkünstlers Mel Bochner.

Besprochen werden die Ausstellungen "Alexandraplatz" mit Werken von Alex Müller im ZAK in der Zitadelle Spandau (taz) und "Wasser. Gestaltung für die Zukunft" im Zürcher Museum für Gestaltung (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.02.2025 - Kunst

Matt Copson, Age of Coming, 2020. Courtesy the artist and Lodovico Corsini, Brussels, Photo: Benjamin Baltus.

Das KW Institute of Contemporary Art, Berlin, hat eine neue Leiterin: Emma Enderby, die sich nun mit vier parallel laufenden Ausstellungen vorstellt, die Werke von jungen Gegenwartskünstlern präsentieren. Unter anderem ist, berichtet Sophie Jung in der taz, eine "laseranimierte Oper" namens "Coming of Age. Age of Coming. Of Coming Age" des Briten Matt Copson zu sehen: "Nur ein Baby taucht auf Copsons sonst schwarzer Bühne auf. Der Kopf überzeichnet groß, süße Knopfaugen, räsoniert das Kleinkind singend im gläsernen Ton eines tatsächlichen Knabensoprans über die menschliche Existenz, Schaffen und Geschaffensein; 'Ich schaffe Großes / Ich bin eine große Schöpfung' singt das Kind auf Englisch, schwankt auf Copsons zitternden Lichtumrissen in einfachen Farben zwischen der Weisheit und dem Größenwahn kindlicher Unwissenheit hin und her, spielt mit einem Streichholz, brennt alles nieder, weint, pinkelt. Man wird hineingezogen in diesen drolligen Existenzialismus, das Laser-Anime ist Immersion in totaler Reduktion."

Auch Thomas Wochnik macht sich auf ins KW. Er begeistert sich, wie wir im Tagesspiegel lesen, vor allem für Jessica Ekomanes Klanginstallation "Antechamber". Wobei er klarstellt: "Voraussetzung ist, dass man sich in der Installation Zeit lässt. Es ist ein wenig so, als wären die neun Lautsprecher einzelne, im Warteraum Wartende. Und als hätte, wie etwa im Wartesaal beim Arzt, jeder seinen eigenen inneren Rhythmus. Nur, dass diese Rhythmen hier hörbar sind, einander überlagern, den Raum akustisch ausloten. Bewegt man sich durch dieses polyrhythmische Meer hindurch, verschieben sich unentwegt die Akzente und Richtungen - und mit ihnen auch die eigene Wahrnehmung von Dauer."

Peter Richter spaziert für die SZ durch die die Schau "Il Tempo del Futurismo" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna e Contemporanea in Rom, die bereits vor der Eröffnung für Schlagzeilen sorgte, weil Teile des Kuratoriums gefeuert wurden und auch zahlreiche ursprünglich eingeplante Ausstellungsstücke aus verschiedenen Gründen nicht den Weg in den Ausstellungssaal fanden (siehe hier). Ziel war eine Re-Italienisierung des Futurismus, erläutert Richter, außerdem sollten die intellektuellen Verbindungen zwischen futuristischen Künstlern und dem Faschismus möglichst wenig thematisiert werden. Das Ergebnis ist dementsprechend: "Wer sich an andere Ausstellungen zu dem Thema erinnert, reibt sich die Augen über so viel gut gelaunte Unbeschwertheit", meint Richter. Wo in anderen Futurismus-Ausstellungen "die Wolken von Faschismus, Krieg, Gewalt und Tod über allem hängen", läuft in der aktuellen Römischen alles "auf bemerkenswerten Katholikentagskitsch hinaus."

Besprochen werden die Schau "Kosmos Kandinsky" im Potsdamer Museum Barberini (FAZ), "Precious Okoyomon. One Either Loves Oneself or Knows Oneself" im Kunsthaus Bregenz (Welt), die Ausstellung "Illusion - Traum-Identität-Wirklichkeit" in der Hamburger Kunsthalle (taz), Nicole Heinzels Einzelausstellung "frgmntd lmnts / lmntl frgmnts" in der Berliner Galerie kajetan (taz) und die Liliane Lijn gewidmete Schau "Arise Alive" im Wiener Mumok (Tagesspiegel).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.02.2025 - Kunst

"Wer könnte auch nur fünf ... Gegenwartskünstler nennen, die in afrikanischen Ländern tätig sind?", hatte der britisch-ghanaische Kurator Osei Bonsu am Samstag im FAS-Interview gefragt (unser Resümee). Das dürfte sich dank der Schau "A world in common" im c/o Berlin über Fotografie aus Afrika ändern, glaubt Jens Hinrichsen im Tagesspiegel - etwa dank Khadija Sayes Serie "in this space we breathe": "In Selbstporträts zelebriert die britische Künstlerin eine Reihe von Ritualen mit Kultgegenständen aus Gambia, dem Herkunftsland ihrer Eltern. Afrikanische, christliche und islamische Traditionen mischen sich darin. Bei dem von Khadija Saye genutzten Kollodium-Nassplatten-Verfahren wurde der Bildprozess selbst zum Ritual, denn die Künstlerin überließ sich 'auf ähnliche Weise dem Unbekannten, wie es bei allen spirituellen höheren Mächten erforderlich ist: durch Hingabe und Opferbereitschaft', wie sie selbst einmal erklärt hat. 2017 kam die Fotografin mit ihrer Mutter beim Brand der Londoner Grenfell Towers ums Leben: ein Indiz der prekären Bedingungen, unter denen Schwarze in Europa häufig leben müssen."

Ein ähnliches Problem wie Tilman Krause mit Theatern hat Peter Truschner im neuen Fotolot mit  aktuellen (Foto-)Ausstellungen: "Nicht anders als bei den angesagten Schlagwörtern in den Medien und den Parametern der Kulturpolitik wird abseits von den klassischen Topoi der Kunstgeschichte konsequent Zeitgeist-Narrativen wie #femalegaze oder #postcolonial (nicht zuletzt auch finanziell) zugearbeitet, weshalb daraus hervorgehende Arbeiten dieses Spektrums (Ausstellungen, Theateraufführungen, Symposien) oftmals austauschbar sind."

Weitere Artikel: In der SZ blickt Tanja Rest auf eine besondere Absurdität: Weil diverse Discounter einige Birkenstock-Modelle nachahmen, haben die Anwälte des Sandalen-Fabrikanten vor Gericht Kunststatus der Schuhe beantragt: "Für die Mode wäre die Erhebung ihrer ikonischen Kleider und Accessoires in den Stand von Kunstwerken natürlich ein feuchter Traum - und nicht nur, weil sie das von Nachahmern abgezweigte Geld dann selbst einsammeln könnte." Im Tagesspiegel schaut Nicola Kuhn nach dem Einbruch entsetzt auf die leeren Vitrinen im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeusmuseum.

Besprochen werden die Ausstellung "Gravity's Rainbow" in der Galerie Nord in Moabit (taz), die Ausstellung "Liliane Lijn: Arise Alive" im Wiener Mumok (Tsp, mehr hier) und die große Kandinsky-Schau "Geometrische Abstraktion" im Potsdamer Barberini Museum (FR, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.02.2025 - Kunst

Henri de Toulouse-Lautrec (1864 - 1901), The Clown Cha-U-Kao, 1895. Image: The Swiss Confederation, Federal Office of Culture, Oskar Reinhart Collection "Am Römerholz", Winterthur

In der Londoner Courtauld Gallery dürfen erstmalig Bilder aus der Winterthurer Sammlung des Schweizers Oskar Reinhart ausgestellt werden, die seit Jahrzehnten dem Verleih-Verbot des Sammlers unterlagen, berichtet Michael Neudecker in der SZ. Echte Meisterwerke sind dabei, von Goya bis Henri Toulouse-Lautrec. Auch ein Bild des 19-jährigen Picasso ist dabei, der 1901 ein Porträt seines Freundes Mateu Fernández de Soto malte, das ein Überraschung bereit hielt: "An der Wand hinter de Soto sind rote Farbtupfer zu sehen, die dem Bild einerseits Tiefe geben, andererseits aber vermuten ließen, dass womöglich etwas dahinter läge. Der Sammlung in Winterthur fehlen Technik und Mittel für eine Untersuchung, die Galerie von Reinharts altem Zeitgenossen Courtauld aber verfügt darüber. Das Bild wurde also untersucht, und: Zum Vorschein kam eine Frau. Hinter dem Picasso liegt noch ein zweiter Picasso."

Dass der amerikanische Künstler Gary Hill ein echter "Videopionier" war, davon kann sich tazlerin Bettina Maria Brosowsky in einer Ausstellung im Kunstmuseum Wolfsburg überzeugen. "In 'The Psychedelic Gedankenexperiment' etwa, einer Installation von 2011, wurde ein Text zur bewusstseinserweiternden Kunsterfahrung durch LSD rückwärts eingesprochen und dann vorwärts laufend abgespielt: eine akustische Kakophonie, nur bedingt dem Verständnis einer Aussage dienend. Dazu operiert ein verwirrter Wissenschaftler an frei im Raum schwebenden Molekülen, auch das ohne plausible Effizienz, während die Zuschauer auf kippelnden, ultraleichten Styroporhockern verharren dürfen. Ein unterhaltsam narrativer, ja fast ein Slapstick-Charakter scheint dem Setting dann doch eigen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.02.2025 - Kunst

Felix Nussbaum, Angst (Selbstbildnis mit seiner Nichte Marianne). 1941. © Museumsquartier Osnabrück, Foto Christian Grovermann


Angst ist ein gutes Thema für eine Ausstellung, besonders jetzt, findet Tania Martini in der FAS mit Blick auf die aktuelle Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien. Und ein vielschichtiges: "Die Ängste der Mehrheitsgesellschaft sind oft andere als die der Minderheiten. Die Geschichte des Antisemitismus zeigt, wie die Phantasmen der Einen den Tod der anderen bedeuten können. ... Nackte Angst offenbart das düstere Gemälde 'Angst' des jüdischen Malers Felix Nussbaum. Das Selbstporträt im Stil der Neuen Sachlichkeit aus dem Jahr 1941 zeigt den Künstler in verzweifelter Erwartung des Bösen", das ihn 1944 einholte, als er mit seiner Frau nach Auschwitz deportiert wurde. "Das Angstthema wechselt abrupt an einer Vitrine mit einer Medikamentenschachtel. 'Ivermectin-biomo' ist darauf zu lesen. Es ist ein Medikament, das zur Parasitenabwehr entwickelt worden ist. 'Deutsch statt nix verstehn'-Kickl, jener rechtsextreme FPÖler, der gerade versucht, in Österreich Kanzler zu werden, und der der schlichten Idee anhängt, Eliten schützten nur sich selbst und verschwörten sich gegen das Volk, empfahl den Menschen das Medikament gegen Covid-19."

Dawit L. Petros, Untitled (Prologue III), Nouakchott, Mauritania, 2016 © Dawit L. Petros. Courtesy of the artist and Tiwani Contemporary


Ebenfalls für die FAS besucht Andreas Kilb die Ausstellung "A world in common" im c/o Berlin über Fotografie aus Afrika und unterhält sich mit dem britisch-ghanaischen Kurator Osei Bonsu. Denn mal im Ernst: Was wissen wir schon von der aktuellen Kunst und Kultur Afrikas? "Sosehr sich der Westen für sein eigenes Klischee von Afrika als eines Reichs von nachhaltigen Lehmbauten für Menschen ohne Schuhe, Maskenkunst und tribalem Wissen interessiert, so groß ist immer noch die Unkenntnis, was aktuelle Kunst und Theoriebildung aus Ländern wie Senegal, Marokko, Nigeria oder Kenia betrifft. Wer hat je ein Werk des Philosophen Souleymane Bachir Diagne studiert, eines der lesenswerten nigerianischen Theoretikerin Sophie Okuwole oder der Malerin und Philosophin Nkiru Nzegwu? Wer beschäftigt sich mit der politischen Theorie des in Nigeria lehrenden Olufemi Taiwo? Wer könnte auch nur fünf aktuelle Philosophen oder Gegenwartskünstler nennen, die in afrikanischen Ländern tätig sind?"

Besprochen werden außerdem drei Ausstellungen in St. Moritz, "Jean-Michel Basquiat. Engadin" bei Hauser & Wirth, "Wols" in der Galerie Karsten Greve und "Jordan Watson. Easier to Breathe" in der Dorfkirche (NZZ), die Daniel Neuberger gewidmete Schau "Wachs in seinen Händen" im Wiener KHM (Standard) sowie die Ausstellungen "Matthew Wong - Vincent van Gogh. Letzte Zuflucht Malerei" in der Wiener Albertina (Standard) und "Die Welt der Farben. Slowenische Malerei 1848-1918" im Unteren Belvedere in Wien (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2025 - Kunst

László Moholy-Nagy: Komposition Z VIII, 1924. Bildrechte: Staatliche Museen zu Berlin, Neue Nationalgalerie.


Die Wirkungsorte und Einflüsse von Wassily Kandinsky sind zahlreich, wie die Ausstellung "Kosmos Kandinsky. Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert" im Museum Barberini zeigt. Tagesspiegel-Kritiker Bernhard Schulz jedenfalls staunt angesichts der Vielfalt. Werke von rund 70 Künstlerinnen und Künstlern, von Mary Martin bis Victor Pasmore, sind vertreten und zeigen Kunst, die eine KI nie so geistreich kreieren könnte, ist der Kritiker überzeugt: "Der neutrale Hintergrund ist ideal gewählt, denn davor spielen sich regelrechte Eruptionen der Farbe ab. Es ist, als ob die Farbe endlich befreit worden wäre von der lästigen Aufgabe, dingliche Realität abbilden zu müssen. Kandinskys Werke - ein volles Dutzend in der Ausstellung - weisen den Weg, das Geistige selbst zur Erscheinung zu bringen. Gebändigt wird die Farbe im Verlauf des hier betrachteten 20. Jahrhunderts mehr und mehr durch Geometrie als einer rein abstrakten Ordnung des Raumes beziehungsweise der Fläche."

Ein offener Brief, unterschrieben von 5000 Kunstschaffenden, verlangt vom Auktionshaus Christie's, dass eine für den 20. Februar anberaumte Auktion abgesagt wird, berichtet Hanno Rauterberg auf Zeit Online. Grund für den Protest ist, dass nur Kunst verkauft werden soll, die mithilfe von KI erstellt wurde - diejenigen, mit deren Kunst die Generatoren trainiert worden sind, dabei jedoch aller Voraussicht nach leer ausgehen. Tricky, findet Rauterberg: "Appropriation Art, also die Kunst der kulturellen Aneignung, wurde zu einer eigenen Spielform, um sich im Kanon der Künstler mit Gesten der Ermächtigung und Eingemeindung hervorzutun. Die Moderne war immer auch Pastiche, Mimikry, Mash-up - und nicht selten fühlten sich Künstler von anderen Künstlern auf ungute Weise imitiert, wenn nicht bestohlen." Dass sich heute allerdings "Techkonzerne bei der Kunst bedienen, nur um ihre Maschinen und also ihre Profite zu mästen, hat mit kreativer Findigkeit nichts zu tun. Und immer noch wird viel zu selten über diese Form des Missbrauchs diskutiert. Nur muss man sich zugleich davor hüten, einen großen KI-Boykott verhängen zu wollen. Was Konzerne nicht dürfen, darf die Kunst sehr wohl. Man nennt es Freiheit."

Weitere Artikel: Der Leiter der Kasseler Museen, Martin Eberle, ist vom Land Hessen entlassen worden, nachdem er sich gegenüber dem Vorsitzenden des Kulturbeirats, David Zabel, rassistisch geäußert haben soll, berichtet der Spiegel. Besprochen wird noch die Ausstellung "Hierzulande" des Reportage-Fotografen Robert Lebeck in den Opelvillen in Rüsselsheim (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.02.2025 - Kunst

Überwältigend, oder? Obelix-Proportionsstudie von Albert Uderzo. © Asterix® Obelix® Idefix® /© 2025 Les Éditions Albert René/Goscinny-Uderzo


In der großen Ausstellung, die das Berliner Museum für Kommunikation dem Asterix-Zeichner Albert Uderzo widmet, glaubt Peter Richter (SZ) einen freundlichen Ernst Jünger (darunter machen sie es in der SZ nicht) aufzuspüren: "Uderzos Comics sind ja im Grunde auch alles sublimierte 'Stahlgewitter', eine einzige Abfolge von Kampfabenteuern mit kindgerechten Mitteln. ... die Onomatopoesie von Gewaltanwendung ist schon vor der Erfindung von Asterix und Obelix das, was die Sprechblasen in den Comics der beiden am prominentesten ausfüllt: 'POC!', heißt es zum Beispiel hinreißend kurz und trocken, als ein Indianer einen furchtbar albern mit dem Degen herumfuchtelnden Kolonialfranzosen mit der Friedenspfeife auf die Perücke klopft - und damit ausknockt. Das Gefuchtel wird übrigens zeichnerisch mit Mitteln wiedergegeben, die einst der Futurismus zur Suggestion von rasender Bewegung entwickelt hatte, eine ausgesprochen kriegsbegeisterte Kunstrichtung der Moderne." (Mehr zur Ausstellung hier)

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Julia Stellmann die bosnische Künstlerin Selma Selman vor, die gerade im Amsterdamer Stedelijk Museum ausstellt.
Stichwörter: Uderzo, Albert