Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.11.2024 - Kunst

Besprochen werden die Ausstellung "Parrot Territories" im Tieranatomischen Theater der Humboldt Universität (taz) und die Gustav-Metzger-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2024 - Kunst

Schwebendes Haus von Leandro Erlich © Leandro Erlich Studio

"Schwerelos" fühlt sich taz-Kritikerin Bettina Maria Brosowsky in der gleichnamigen Ausstellung mit Werken Leandro Erlichs im Kunstmuseum Wolfsburg. Erlichs "hyperreale Skultupren" sind verständlicherweise ein Publikumsmagnet, lobt die Kritikerin, die hier die Chance bekommt, dem Mond ganz nah zu sein: "Der trägt auf seinem Scheitel eine kleine Plattform mit Treppe, die Spitze lässt sich also erklimmen. Dazu muss man ins Innere des Mondes eintreten. Dabei verliert man sich erst einmal unter einer Kuppel in einer 360-Grad-Rundumprojektion aus Sternenkonstellationen und Bildern nächtlich hell erleuchteter Städte mitsamt ihren Straßennetzen. Die verspiegelte Bodenfläche dieser Kuppel verunsichert das Gleichgewicht, sphärische Klänge begleiten die Bildfolgen, für die sich Erlich unter anderem aus Nasa-Archiven bedient hat. Nach einigen Minuten geht der Mond auf. Er rast bedrohlich auf die Betrachter zu - und der Loop beginnt von vorne. Diese mehrfache Umkehrung der Betrachtungsperspektive - befinde ich mich im Inneren des Mondes? Schaue ich aus dem Weltall auf die Erde? - spielt an auf die überwältigenden Erfahrungen, die in den 1960er-Jahren von Astronauten wie William Bill Anders geschildert wurden."

"Noch nie gab es in Italien so viele Ausstellungen über den Futurismus in öffentlichen Museen und privaten Galerien wie in diesem Jahr", hält Karen Krüger in der FAZ fest. Er droht damit zum "Aushängeschild" der Rechten zu werden: "Tatsächlich hat das Kulturministerium von Giorgia Meloni den Scheinwerfer auf den Futurismus gerichtet, schon kurz nachdem die rechtsgerichtete Regierung im Oktober 2022 ihre Arbeit begann. Es war sofort klar, dass man dem Futurismus wieder neues politisches Gewicht beimisst." Der ehemalige Kulturminister Sangiuliano attestierte ihm laut Krüger "'eine Idee von Modernität, die aus dem Alten, aus der Vergangenheit kommt'. Zusammen mit dem damals noch von Giuli geleiteten MAXXI-Museum werde man eine 'neue italienische Vorstellungswelt' erschaffen." In Kürze eröffnet die von Sangiuliano angekündigte Ausstellung "Die Zeit des Futurismus" in der Galleria Nazionale d'Arte Moderna in Rom. Krüger "kann nur hoffen, dass der Futurismus nicht auf die italienische Identität festgelegt werden soll".

Besprochen wird eine Ausstellung von Noah Davis im Kunsthaus Minsk (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2024 - Kunst

Nathan Coleys Installation "There will be no miracles here". Hier ausgestellt von der Scottish National Gallery Of Modern Art (Modern Two). © Studio Nathan Coley.

Eine besonders "fluide" Kunstbiennale erlebt FAZ-Kritikerin Alexandra Wach in Lyon: "Les voix des fleuves" ("Die Stimmen der Flüsse") lautet denn auch der Titel, der sich auf die beiden Flüsse Rhône und Saône bezieht, wie auch auf das Thema Wasser, das laut Wach eine wichtige Rolle spielt und zeigt, "wie Kunst Barrieren überwinden kann". Auch wurden ganz neue Ausstellungorte erschlossen, freut sie sich: "Erstmals als Bühne fungiert Les Grandes Locos, eine monumentale Brachfläche, auf der sich von 1846 bis 2019 ein SNCF-Wartungs- und -Reparaturzentrum für Lokomotiven befand. Hier überwiegen Werke, die auf das industrielle Umfeld reagieren und mit Blick auf heutige gesellschaftliche Spaltungen die Erinnerung an die sozialen Kämpfe von einst hochhalten. Und das mitunter sogar mit Humor, wenn wütende Schnellkochtöpfe zur Revolution aufrufen. Die Portugiesin Pilar Albarracín erinnert mit der Installation an die Arbeiter, die hier für ihre Rechte kämpften. Die Geräte geben im Takt der Internationale buchstäblich Dampf ab, während die Lichtinstallation von Nathan Coley verkündet: 'Hier wird es keine Wunder geben.'"

In der wochentaz gibt Carmela Thiele Einblicke in die Ausstellung "Fellow Travelers. Kunst als Werkzeug, die Welt zu verändern" im ZKM Karlsruhe, in dem vor allem "politisch" engagierte Werke, unter anderem vom Konzeptkünstler Renzo Martens zu sehen sind. Mitkuratiert hat die Schau die kubanische Künstlerin Tania Bruguera (unser Resümee), die in einem Video zusammen mit dem neuen ZKM-DirektorAlistair Hudson erklärt, was sie politische Kunst ausmachen sollte: "Im spanischen útil stecke nicht nur der Aspekt des Nützlichen, auch das Wort Werkzeug. Gemeint ist also Kunst als Tool, um verhärtete Strukturen aufzulösen, Missstände zu beheben. 'Ethisch und ästhetisch' solle sie sein, sind sich Hudson und Bruguera einig." Nichts gegen Kunst, die die Welt verändern will, findet Thiele. Es ist aber Vorsicht geboten: "Politischer Aktivismus von Kunstschaffenden, etwa die Forderung von der Gruppe Art Not Genocide Alliance (ANGA), Israel aufgrund des Kriegs in Nahost von der diesjährigen Biennale von Venedig auszuschließen, bedient sich ausschließlich der Mittel des Protests. Das kann man machen, ist aber keine Kunst. Hier zumindest lässt sich eine rote Linie ziehen, um sich in dem unübersichtlich gewordenen Feld künstlerischer Einmischungen noch ein paar letzte Elemente autonomer, freier Kunst zu bewahren."

Außerdem: Laura Helena Wurth unterhält sich für die FAS mit den zwei Freiwilligen Gaby Frey und Luca Klett, die in der Zürcher Retrospektive Marina Abramovics Performance "Imponderabilia" nachstellen: Sie stehen also nackt in einem Türrahmen, die Besucher müssen sich an ihnen vorbeischieben. Besprochen wird die Ausstellung "Country bin pull'em" im Weltkulturen Museum Frankfurt (FR), eine Ausstellung mit Werken der Finalisten des Losito-Kunstpreises in di Galerie in Berlin (tsp), die Ausstellung "This is feeling all of it" mit Werken von Ryan Gander in der Galerie Esther Schipper in Berlin (tsp) und die Ausstellung "Eccentric - Ästhetik der Freiheit" in der Pinakothek der Moderne in München (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2024 - Kunst

Adrian Ghenie, Weltwehmut 1, 2024. Foto: Infinitart Foundation


Karoline Heinzl wandert in der Wiener Albertina maßvoll inspiriert durch eine Ausstellung des rumänischen Künstlers Adrian Ghenie, der sich von den "Schattenbildern", den verloren gegangenen Bilder Egon Schieles, von denen einige nur durch ein paar Fotografien dokumentiert sind, hat inspirieren lassen. Nur dass er seine Figuren noch stärker zergliedert als Schiele, erzählt sie in der FAZ: "Schon Schieles Figuren entsprangen keinem Naturalismus und entsprachen noch seltener der 'Realität': Meist äußerst hager, wirken die Extremitäten oft insektenhaft. Ghenie scheint diese Evolution des Grauens im 21. Jahrhundert um einen weiteren Faktor zu erweitern, namentlich die Technologie. Laptops, Smartphones, moderne Laufschuhe und andere Insignien der Jetztzeit finden sich in den Gemälden wieder. Ghenies Werke spiegeln damit nicht nur den Grundgedanken Schieles wider, nach dem man manchmal suchen muss, sondern auch wie bei diesem eine verzerrte Darstellung der Gegenwart. Er erweitert den menschlichen Körper damit um die Komponente der technologischen Entwicklung; das Smartphone wird zu einem eigenen Körperteil."

Weitere Artikel: Ebenfalls in der FAZ kann Hubertus Butin nachvollziehen, warum die Beratende Kommission NS-Raubgut keinen Grund sah, zwei Bremer Bilder George Grosz' an dessen Nachfahren zu restituieren.

Besprochen werden Egidio Marzonas Sammlung an Künstlerbüchern in der Neuen Nationalgalerie Berlin (Tsp), Folke Köbberlings Ausstellung "Mash & Heal" im Stadtraum München (taz) und Cordula Ditz' Video-Installation "They Speak to Us in Dreams" im Kunsthaus Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2024 - Kunst

Rudolf Wacker: Das Fenster, 1931 © vorarlberg museum. Foto: vorarlberg museum/Robert Fessler

Nicht mal in Österreich ist der Name von Rudolf Wacker sonderlich bekannt - zu Unrecht, wie Standard-Kritiker Michael Wurmitzer im Wiener Leopold-Museum feststellt, das dem 1939 gestorbenen Voralberger Maler der Neuen Sachlichkeit mit "Magie und Abgründe der Wirklichkeit" eine Ausstellung widmet, die die "bezaubernd schönen" Wimmelbilder ebenso zeigt wie sie in Wackers "politisch abgründiges" Werk blickt: "Davon fasziniert, wie Objekte in der mittelalterlichen Kunst über sich hinausdeuten können, bannen Wacker … viele kleine Gegenstände, die er im echten Leben sammelt und in seinen Bildern zu Arrangements mit symbolischer Aufladung kombiniert: Muscheln, Vasen, Holzvögel, Spielkarten, Heiligenschnitzereien, Volkskunst, Kinderzeichnungen. ... In altmeisterlicher Technik zeitaufwendig gemalt, lassen sie sich mit etwas Bildvokabellernen gut dechiffrieren: Kakteen tauchen immer wieder als Phallussymbol auf, eine Kartonschachtel steht fürs Gefangensein, eine angeschnittene Tomate für Gewalt, Knoblauch dient der Dämonenabwehr und so weiter. In den artifiziellen, analytisch nüchtern gehaltenen Anordnungen drückt sich Wackers Sorge um den Zustand einer Gesellschaft angesichts von Wirtschaftskrise und Faschismus aus."

Weitere Artikel: Die im Jahr 1989 von dem unabhängigen Kurator Andrej Jerofejew in Moskau gegründete Abteilung für zeitgenössische Kunst wird nun der neu gegründeten Abteilung für russische Kunst des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts der Tretjakow-Galerie zugeschlagen, berichtet der ukrainische Kunsthistoriker Konstantin Akinsha in der FAZ: Diese bewacht die 72-jährige Natalja Alexandrowa, eine "Spezialistin für den sozialistischen Realismus, der in Putins Russland zu neuen Ehren kommt". Die Beratende Kommission NS-Raubgut hat der Freien Hansestadt Bremen empfohlen, zwei Gemälde von George Grosz nicht an die Erben zu restituieren, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel: Grosz habe die Bilder "Pompe Funèbre" von 1928 und "Stillleben mit Fisch und Muschel" (auch Stillleben mit Okarina) von 1931 wegen zu hoher Schulden weggegeben, argumentiert die Kommission.

Besprochen werden eine Ausstellung im Kurhaus Kleve des von den Nazis als "entartet" verfemten Bildhauers Ewald Mataré, der mit seinen avantgardistischen Skulpturen für Soldatenfriedhöfe, Kirchenausstattungen und Brunnen in der BRD eine zweite Karriere starten konnte (taz), die Noah-Davis-Ausstellung im Kunsthaus Minsk in Potsdam (Tagesspiegel, mehr hier), die Albert-Oehlen-Ausstellung "Computerbilder" in der Hamburger Kunsthalle (SZ) und eine Marina Abramovic-Retrospektive im Kunsthaus Zürich (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2024 - Kunst

Neda Saeedi, Two Shades of Green, 2021, Ausstellungsansicht. Unterstützt von der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, Courtesy the artist, Neda Saeedi, Kunsthalle Tirol, 2024. Foto: Günter Kresser


Schön, aber auch abgründig und in der Tendenz gesellschaftskritisch sind die Installationen der iranisch-deutschen Künstlerin Neda Saeedi, freut sich Ivona Jelčić im Standard, die die Saeedi gewidmete Ausstellung "in fire yet we trust" in der Kunsthalle Tirol besucht. Zum Beispiel die Arbeit "Two Shades of Green": "Der gläserne Garten, den Neda Saeedi in der Kunsthalle im Innsbrucker Taxispalais angelegt hat, ist zwar an die Idee des Paradiesgartens angelehnt, aber er ist schockgefroren: Die Pflanzen sind in künstlicher Perfektion erstarrt, die als Einfriedung dienenden Gartendarstellungen sind ihrer Farbigkeit beraubt und auf schlichte geometrische Formen aus kaltem Stahl reduziert. Die auf Glastischen arrangierten Schneekugeln halten kleine grüne Männchen gefangen, die sich als Avatare aus einem Videospiel entpuppen. 'Echte' Natur? Sprießt einzig und allein aus einer Ecke des Ausstellungsraums, es handelt sich um ein getrocknetes Büschel Unkraut."

Anna und Bernhard Blume, Mahlzeit, Ausschnitt. Courtesy Buchmann Galerie
Angeregt flaniert Hannes Hintermeier für die FAZ durch zwei Fotoausstellungen in der Kunsthalle Krems. Gabriele Engelhardt zeigt in ihrer Serie "Kremser Berge" für die Kamera arrangierte Schrotthaufen. Die Arbeiten von Anna und Bernhard Blume hingegen nehmen in "Komplizenschaften (A=B)" geschickt und ohne Angst vor großen Gesten die kleinbürgerliche Lebenswelt aufs Korn: Das "traute Heim entpuppt sich als abgründig. So sieht man in der achtteiligen Serie 'Mahlzeit' (1985/86) die Blumes in unscharfen Aufnahmen wie geknebelt mit einem Styroporwürfel im Mund. Auch der Titel der Arbeit ist aus Styroporbuchstaben geformt, und allzu groß ist die Begeisterung über die Plastiknahrung offensichtlich nicht - Bernhard Blume speit die Hartschaumteile in großem Bogen wieder aus. In 'Küchenkoller' aus dem gleichen Jahr jongliert Anna Blume mit Dutzenden Kartoffeln und einem Sieb, bis sie samt Küchenstuhl nach hinten kippt."

Besprochen werden außerdem die Schau "Act I: In-Between-Space" in der Galerie 1-06 Berlin (taz Berlin), eine Dora-Hitz-Ausstellung in der Berliner Villa Liebermann (Tagesspiegel), die dem Zeichner Dieter Goltzsche gewidmete Schau "Ohne Bitterstoffe" in der Berliner Galerie Amalienpark (BlZ) und Hito Steyerls Ausstellung "Normalität" im Heidelberger Kunstverein (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2024 - Kunst

Helena Uambembe: "Standard Issue (A meditation on things we do not care), 2024. Installationsansicht Kunsthalle Bremen. Foto: Carolin Weinkopf / Kulturkreis der deutschen Wirtschaft

Ihre Kunst soll alle Sinne erreichen, erfährt Jonathan Guggenberger in der taz von der südafrikanischen Künstlerin und Tochter eines angolanischen Soldaten Helena Uambembe, der die Kunsthalle Bremen anlässlich der Auszeichnung mit dem Ars Viva Preis eine Ausstellung widmet. Guggenberger selbst fährt dann doch lieber mit Derrida und Freud das große Besteck auf, um Uambembes Werke zu erläutern: "In 'Das Unbehagen in der Kultur' schildert der Psychoanalytiker einen Spaziergang durch Rom. Was er an der römischen Architektur erkennt: Geschichte gestaltet sich in 'Schichten' - genauso die menschliche Psyche. Eine architektonische Epoche legt sich über die andere, eine Erfahrung über die nächste, und verändert die Oberfläche. In Werkserien wie 'Commander Nel's Archive' (2020) oder 'Ghost of my Parents Past' (2018/19) sind es Foto- und Lithografien archivarischer Bilder, die Uambembe neu beschichtet. Mit Zeichnungen, Beschriftungen oder Scherenschnitten des eigenen Körpers. Es sind Fotos aus Kolonialarchiven, schwarz-weiße Bilder, die Momente der Geschichte des Bürgerkriegs in Angola zeigen. Ein Krieg, der mit Unterbrechungen von 1975 bis 2002 andauerte. Uambembe versucht sich einzuschreiben in diese Momente, 'Interventionen in Geschichte' nennt sie das. Man könnte auch sagen: Eine postkoloniale Aneignung der eigenen Geschichte, die immer auch eine der Fremdherrschaft, der Entfremdung ist."

Bild: Maître de 1537, Portrait de fou regardant à travers ses doigts. Anciens Pays-Bas, vers 1548. The Phoebus Foundation © The Phoebus Foundation

Unter dem Titel "Figures du Fou", zu deutsch: "Figuren des Verrückten" zeigt der Pariser Louvre derzeit "Inkarnationen des Irren" in der abendländischen Kunst zwischen Spätmittelalter und Romantik und FAZ-Kritiker Marc Zitzmann bewegt sich äußerst angetan zwischen männlichen und weiblichen Narren und Erleuchteten. Seinen ikonografischen Triumph feierte der Irrsinn "zur Renaissancezeit, von Bruegel dem Älteren bis zu Hieronymus Bosch, wo Narren von Bäumen plumpsen oder durch Riesenhennen ausgebrütet werden, wo man ihnen den 'Narrenstein' aus dem Schädel operiert, wo aber auch der Krieg (in der Gestalt der holländischen 'Dulle Griet', einem rabiaten Mannweib) oder die vermeintliche Häresie (verkörpert durch die von Thomas Murner attackierten Anhänger des 'großen lutherischen Narren') als Schwachsinnige karikiert werden. Im 17. und 18. Jahrhundert vertrieb die Vernunft den Narren aus der Bilderwelt. In Figuren wie Don Quichotte und Pulcinella lebte etwas fort von seinem (Un-)Geist; Gemälde wie Tiepolos 'Zahnzieher', das Karneval und Kurpfuscherei verquickt, gemahnen an flämische Genreszenen mit närrischer Anmutung."

Weitere Artikel: In der taz berichtet Jürgen Gottschlich von einer Petition, initiiert von Zahi Hawass, ehemaliger Direktor der Ägyptischen Antikenverwaltung, und unterzeichnet von inzwischen 21.000 Menschen im In- und Ausland, die fordert, die Nofretete von Berlin ins neue Pharaonenmuseum in Kairo zu schaffen.

Besprochen werden die Ausstellung "Gottweißwo" mit Werken von Martin Assig in der Berliner Kunstkirche St. Matthäus (FR), die Achim-Freyer-Retrospektive im Schloss Biesdorf (Tsp) und die Ausstellung "Flowers forever", die vergangenes Jahr in der Kunsthalle München (unser Resümee) und nun im Bucerius-Kunst-Forum in Hamburg zu sehen ist (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2024 - Kunst

Besprochen werden die Ausstellungen "Aber hier leben? Nein danke. Surrealismus und Antifaschismus" im Lenbachhaus München (SZ) und "Monet and London. Views of the Thames" in der Courtauld Gallery London (NZZ).
Stichwörter: Surrealismus, Antifaschismus

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.10.2024 - Kunst

Gustave Caillebotte, Les raboteurs de parquet, 1875. © Musée d'Orsay, Dist. RMN-Grand Palais / Patrice Schmidt

Keine Seerosen oder vergoldeten Stadtansichten hier im Musée d' Orsay. Den Mäzen der Impressionisten und Maler Gustave Caillebotte "interessierten Parkettschleifer. Kräftig anpackende Burschen, die in einem leeren, in Brauntönen gehaltenen Raum vor sich hin schuften. Spärliches Licht, das vom Fenster her auf ihre freien Oberkörper fällt, bringt nur den Glanz einer Schweißschicht hervor, während bei anderen Impressionisten der Glanz flatternde Fahnen, bunte Markisen, rauschende Damenroben aufblitzen lässt", schreibt in der Welt ein hingerissener Tilman Krause, der nur kurz davor Halt macht, eine Neuschreibung der Geschichte des Impressionismus zu fordern. "Doch die Parkettschleifer werden nun in der Ausstellung 'Männer malen' in einen ungemein fesselnden Kontext gestellt. Sie sind Teil einer lebenslangen Faszination des Malers für das, was man die neue Männlichkeit von 1880 nennen könnte. Sie zeugen aber auch von einer frühen Krise der Maskulinität in einer Gesellschaft, in der der Bourgeois zur dominierenden Figur geworden war."

Ivan Padalka, Tomatenpflücken, 1932. Fünf Jahre später wurde Padalka zusammen mit anderen Bojtschukisten im Rahmen der Stalinschen Säuberungen erschossen. Bild: ArtHive, Gemeinfrei


Jens Malling stellt in "Bilder und Zeiten" (FAZ) die ukrainische Künstlerbewegung um Mychajlo Bojtschuk vor, die in den dreißiger Jahren Stalins Terror zum Opfer fiel. "Von der Ermordung der 'Bojtschukisten' und der Auslöschung ihres Werks führt eine direkte Linie zum Versuch des heutigen russischen Regimes, die Kultur der Ukraine zu beseitigen", so Malling. "Es waren oft epische, viele Quadratmeter messende Kompositionen für Sanatorien oder Theater, die das sowjetische Projekt verherrlichten, so wie Bojtschuk und seine Anhänger es verstanden. 'Ihre Kunst war sowjetisch und proletarisch, aber stets mit lokalen Motiven. Die Fresken sprachen ein ukrainisches Publikum an - insbesondere die Schicht der Bauern, die damals den größten Teil der Bevölkerung ausmachte', so [die ukrainische Kunsthistorikerin Katia] Denysova." Heute sind davon fast nur noch schwarz-weiß-Fotos geblieben, "denn seit Ende der Dreißigerjahre wurden die Malereien der Bojtschukisten systematisch zerstört. Sowjetische Kommissare ließen sie von den Wänden abkratzen, mit Hämmern abschlagen oder übermalen." Die prominentesten Mitglieder der Bewegung wurden hingerichtet. Warum? Stalin, der in den Dreißigern die ukrainischen Bauern verhungern ließ, wollte sie wohl nicht als Hauptdarsteller monumentaler Gemälde, und der nach Lenins Tod wiederaufblühende russische Chauvinismus ließ eine ukrainische Version sowjetischer Kunst wohl auch nicht zu, erklärt Denysova.

Weitere Artikel: Bettina Wohlfahrt besucht für die FAZ im Pariser Vorort Chatou das erste Museum für Kunst und Kultur des Sufismus: "Der Ausstellungsparcours über drei Stockwerke versteht sich als Erfahrung des spirituellen Aufstiegs, der bei der dritten und letzten Etappe symbolisch zum Raum der Veränderung und des reinen Lichts führt. Plastiken des marokkanischen Künstlers Younès Rahmoun begleiten diese Aufwärtsbewegung in der Initiation des Besuchers." In der NZZ zeichnet Philip Meier den künstlerischen Werdegang Marina Abramovics nach, der das Kunsthaus Zürich gerade eine Retrospektive widmet. Michaela Nolte stellt im Tagesspiegel die Sammlerin Helene Kröller-Müller vor und ihr Kröller-Müller Museum im niederländischen Otterlo.

Amoako Boafo, White Nail Polish, 2021. Bildausschnitt. Foto: Roberts Project
Besprochen werden die Alison Knowles Retrospektive im Museum Wiesbaden (FR), eine Ausstellung der Malerin Dora Hitz in der Villa Liebermann am Wannsee (Tsp) und eine Ausstellung des ghanaischen Künstlers Amoako Boafo im Wiener Belvedere (Standard-Kritiker Michael Wurmitzer ist begeistert! "Diese Bilder knallen. Sie wirken ganz direkt. Überlebensgroße Protagonisten schauen von ihnen aus dem Betrachter entgegen und oft geradewegs in die Augen. Selbstbewusste Individuen einer schwarzen Kultur. Ob sie eine coole Kappe aufhaben, einen großen Sonnenschlapphut, ihre Haare kurz abgeschnitten und blondiert haben oder kess ihre Brille mit spitzen Fingern die Nase herunterziehen. 'Wollen Sie was von mir?'").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2024 - Kunst

Rosa Loy: Die andere Seite, 2009. Bild: Museum der schönen Künste.


Ingeborg Ruthe ist für die FR nach Tschechien gereist, um im Museum der schönen Künste in Liberec die Ausstellung "Verwobene Sphären" des Leipziger Künstlerpaars Neo Rauch und Rosa Loy zu sehen. In einem ehemaligen Schwimmbad, das nun das Museum beheimatet, fangen die Bilder an, miteinander zu kommunizieren: "Mit ihren märchenartigen Motiven flankiert die Malerin Rauchs verstörende 'Krönungs'-Zeremonie. Als wolle sie sagen, dass die Kunst eine Hoffnungsmaschine bilden kann. Als schaffe sie mit ihren farbleuchtenden weiblichen Figuren, die sich in keinem der Motive unterkriegen lassen, eine lebensfrohe, trotzige Unterströmung zu Neo Rauchs tiefsinniger Melancholie. Diese in den Tür-an-Tür-Ateliers der alten Leipziger Baumwollspinnerei entstandenen Werke, all diese frei fließenden mythologischen und märchenhaften Elemente, sind sehr intim. Doch sie lassen jeden Betrachter freundlich ein in diese Zeit-Raum-Ebenen zwischen Realem und Traum, auch Albtraum, zwischen Emotion und Flucht in die Distanz. Darauf angesprochen, wird Neo Rauch auf einmal witzig: 'Unsere Ausstellung ist total uncool; es entsteht Hitze durch emotionale Reibung.'"

"Keine Angst vor Francis Bacon", ermutigt Eva Ladipo in der FAZ, angesichts der Ausstellung "Francis Bacon: Human Presence" in der National Portrait Gallery in London. Bacon, vor allem als Chronist des Verstörenden bekannt, zeigt sich hier von einer anderen Seite, etwa in den Porträts, die er von Nahestehenden angefertigt hat: "Kein Modell sieht sich in Bacons Werken ähnlich, alle werden hässlich verzerrt. ... Ihn interessierten die körperlichen Ausströmungen und das 'Pulsieren'. Doch gerade deshalb zeugen die Bilder auch von Vertrauen, Loyalität und Kameradschaft innerhalb von Bacons berüchtigtem Freundeskreis." Manchen Bilder erscheinen Ladipo fast zärtlich, andere humorvoll: "Ein großes, farbenfrohes Gemälde zeigt seinen Liebhaber George Dyer mit dem untypischen Detail einer goldenen Armbanduhr. Der Legende nach soll Dyer dem Maler die gestohlene Rolex an ihrem ersten gemeinsamen Abend geschenkt haben. Fast zwangsläufig kulminiert die Ausstellung in dem berühmten Triptychon, auf dem der Selbstmord von Dyer dargestellt ist. Der animalisch verformte, bereits aufs Fleischliche reduzierte Geliebte übergibt sich, sitzt auf der Toilette und bricht zusammen. Doch selbst dieses rohe Abbild des Leids vermittelt mehr als Entsetzen, denn das dreiteilige Bildnis ist auch eine überwältigende Liebeserklärung an Dyer."

Weiteres: Eine Online-Petition fordert die Rückgabe der Nofretete nach Ägypten, berichtet der Tagesspiegel, bislang gibt es mehr als 21 000 Unterschriften. Monopol ist auf der Kunstmesse Contemporary Istanbul unterwegs.