Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.07.2025 - Kunst

Andreas Kilb staunt in der FAZ über die Ausstellung, die die Berlinische Galerie Marta Astfalck-Vietz, einer außergewöhnlichen Fotografin der Weimarer Republik, widmet. Die allesamt vor 1933 entstandenen ausgestellten Werke sind zu weiten Teilen im Atelier entstanden - und zeigen nicht zuletzt immer wieder die Künstlerin selbst. Eine "Spannung von Seelendurchleuchtung und Ichverlust" macht Kilb in diesen Bildern aus: "Je öfter sie vor die eigene Kamera tritt, desto stärker wird sie selbst zur Spielfigur. Ihr Körper, den sie unter dünnen Seidengeweben verbirgt und zugleich entblößt, reiht sich zwischen die Frauenakte, die Tänzerinnen, die expressiv gekrümmten Hände und blühenden exotischen Pflanzen vor ihrer Kamera als eine von vielen Routinen aus ihrem visuellen Repertoire ein."

Die "berührende Innerlichkeit der Moderne" macht Monopol-Autor Simon Elson wiederum auf der Insel Föhr ausfindig. Dort, genauer im Museum Kunst der Westküste, Alkersum, ist derzeit die Ausstellung "Mittsommer" zu sehen, die sich der nordischen Landschaftsmalerei widmet und eine Reihe von Raritäten präsentiert, die für gewöhnlich in Privatsammlungen verborgen sind. Elson ist begeistert: "Die süße Robbe auf dem fast Cinemascope-breiten 'Seehund auf einem Felsen' (1897) des Schweden Bruno Liljefors war schon vor 150 Jahren vom Aussterben bedroht. Wobei der dramatisch rote Himmel sicher keine Warnung aussprechen, sondern Schönheit zeigen sollte. Auf den meisten Bildern der Ausstellung, deren Zuordnung zur 'Stimmungslandschaft' haargenau passt, gibt es sie nämlich noch. Es gibt sie für immer: die in malerisches Freudenfeuer gebannte Einheit von Kosmos, Natur und Mensch."

Außerdem: Ulrich Schmid bespricht Noemi Smoliks Buch "Malewitschs Ohrfeige dem modernen Geschmack", dessen zentrales Argument, dass die russische Avantgarde weniger westliche als lokale bäuerliche und religiöse Traditionen fortschrieb, den FAZ-Rezensenten nicht überzeugt. Ebenfalls in der FAZ freut sich Gerald Felber über die vielen ehrenamtlichen Helfer, die die Kulturhauptstadt Chemnitz in Schwung halten. Darius Kühner berichtet auf monopol von einer Kunstaktion an der Oder, die sich gegen eine Politik der Abschottung in Stellung bringt. Pia Pilsbacher hat im Standard sechs Tipps für Freunde der Outdoorkunst parat.

Besprochen werden die Stefan Bertalan gewidmete Schau "Ich habe 130 Tage mit einer Sonnenblume gelebt" im Badischen Kunstverein Karlsruhe (taz), Slater Bradleys Ausstellung "Dragon Slayer" in der Berliner Pariochialkirche (taz), die Schau "European Realities. Realismusbewegungen der 1920er und 1930er Jahre in Europa" im Chemnitzer Museum Gunzenhauser (monopol), Mika Rottenbergs Ausstellung "Antimatter Factory" im Kunsthaus Wien (Standard) und "Yoshimoto Nara" in der Londoner Hayward Gallery (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2025 - Kunst

Janet Dawson Moon at dawn through a telescope, January 2000, National Gallery of Australia © Janet Dawson


Eine Ikone der australischen Kunstszene feiert Guardian-Kritikerin Kelly Burke in der Art Gallery of New South Wales in Sydney. Janet Dawson, Pionierin der abstrakten Kunst in den Sechzigern, bekommt hier ihre erste Retrospektive gewidmet: "Dawsons frühe Beherrschung des tonalen Realismus zeigt sich im allerersten Werk der Ausstellung, einem exquisiten Selbstporträt, das sie im Alter von nur 18 Jahren malte. Unmittelbar rechts daneben ist eine Taube im postkubistischen Stil zu sehen, die ebenfalls etwa zur gleichen Zeit gemalt wurde und einen Vorgeschmack auf den wechselhaften Stil der Künstlerin gibt." Später entdeckte Dawson ihre Vorliebe für Naturphänomene, vor allem den Mond: "Bei einigen Werken malte sie das, was sie sah, mit Hilfe der Technik, wie zum Beispiel bei dem Werk 'Moon at Dawn through a Telescope' aus dem Jahr 2000: 'Dem Mond wohnt ohnehin eine wunderbare Poesie inne, aber Janet macht aus ihm etwas wunderschön Glühendes und Energetisches', sagt die Kuratorin Denise Mimmocchi."

Viel Streit gab es um das Deutsche Fotoinstitut (unsere Resümees): Nun wurde ein 5-Punkte-Plan für den Standort Düsseldorf festgelegt, berichtet Freddy Langer in der FAZ. Einiges ist aber noch unklar: "Noch aber ist nicht einmal die Trägerform geklärt. Und die finanziellen Mittel von jeweils gut vierzig Millionen Euro von Bund und Land stehen nur noch bis 2028 bereit, unter der Bedingung, dass bis dahin ein überprüfungsfähiges Angebot steht. Die Stadt Düsseldorf hingegen kann keine finanziellen Zusicherungen geben, will aber ihren Beitrag leisten, dass das Institut 'gedeihen kann'. Wie überhaupt auch noch nicht geklärt ist, wer für die jährlichen Ausgaben aufkommen wird. Bei den Nachlässen aber, so viel scheint klar, hofft man auf Schenkungen. Für Ankäufe ist kein Etat angedacht."

Weiteres: In der Welt berichtet Tilman Krause von den (sehr) erotischen Briefen, die Gustave Courbet an seine Bekanntschaft Mathilde de Svazzema geschrieben hat (und die diese erwiderte). Besprochen werden die Ausstellung "Fünf Freunde", die sich den New Yorker Künstlern Jasper Johns, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham im Museum Brandhorst in München widmet (SZ), die Ausstellung "Berlin, Paris und anderswo" mit Werken des Fotorafen Mario von Bucovich in der Kunsthalle Mannheim (FR), die Ausstellung "Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Pontus Hulten" im Grand Palais in Paris (NZZ) und das Kunstprojekt "From the Cosmos to the Commons" mit Ausstellungen an verschiedenen Standorten in Hamburg (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2025 - Kunst

Fast atemlos umkreist Ursula Scheer für die FAZ die Rebecca Horn-Retrospektive "Cutting Through The Past" im Turiner Castello di Rivoli in Turin, die ein ganzes Künstlerinnenleben zeigt, das sich auffallend oft mit dem Zirkelförmigen befasst hat: "Mit belebt, zuweilen fast beseelt wirkenden Maschinen, hat Horn die Grenze zwischen Objekten und Organismen der Anmutung nach schon vor Jahrzehnten verwischt - und vorausgedeutet auf digitale Entwicklungen unserer Tage. Zirkelbewegungen wiederum zeichnen ihr Werk auch dahingehend aus, dass die Künstlerin sich immer wieder im Rückgriff auf zuvor Erarbeitetes schöpferisch voranbewegte. Das vollzieht die Ausstellung nach. Die 1964 gefertigte Zeichnung 'Lippenmaschine' legt eine prothetische Erweiterung des Körpers nahe, wie sie Horn mit Freunden in Performances der Siebziger etwa als 'Einhorn' mit Flügeln unter den Armen oder 'Bleistiftmaske' realisierte."

Weiteres: Jan Kage interviewt für monopol die DDR-Künstler Beate Düber und Jan Kummer.

Besprochen werden die Ausstellungen "Die Entdeckung der Natur. Landschaftsbilder der Weimarer Malerschule in der Sammlung Rasmus" im Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin (FAZ) "Chinas Gold und Gothas Schätze" im Herzoglichen Museum Gotha (FAZ), "Für Kinder. Kunstgeschichten seit 1968" im Haus der Kunst in München (Zeit) und "Sigmar Polke" in der Fondation Vincent van Gogh in Arles (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2025 - Kunst

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Gern hätte Andreas Kilb (FAZ) auch etwas vom Spätwerk der deutsch-jüdisch-südafrikanischen Expressionistin Irma Stern gesehen, zudem macht es sich die aktuelle Ausstellung im Berliner Brücke-Museum zu leicht, wenn es um die innere Entwicklung der Künstlerin geht, die zwar einerseits rassistisch verfolgt wurde, anderseits aber "als bürgerliche Weiße im Apartheidregime ihrer Heimat auch in höchstem Maße privilegiert" war, so Kilb. Dennoch, die Ausstellung ist unbedingt sehenswert, zeigen doch schon ihre Porträts die Ambivalenzen der Künstlerin. Sie zeugen "vom Stolz und der Würde ihrer nicht weißen Modelle. Denn Irma Stern hat nicht nur Königinnen wie Rosalie Gicanda gemalt, sondern auch Hausangestellte, Näherinnen, Bananenpflückerinnen, Steinbrucharbeiter, junge Araber in Dakar und malaiische Musiker auf Sansibar. Die Ikone der Berliner Ausstellung ist das 1955 entstandene 'Maid in Uniform'. Es zeigt eine dunkelhäutige Frau mit weißer Schürze und Haube und verschränkten Armen. Das Gesicht ist, wie bei der 'Watussi Queen', expressionistisch gelängt, Mund und Augen übergroß, die Stirn durch einen Lichtfleck aufgehellt. Der Blick aber geht trotzig zur Seite, in eine Welt jenseits des Bildes."

Im Standard ist Stefan Weiss dankbar, dass die Wiener Albertina der 2022 verstorbenen "Lichtpoetin" Brigitte Kowanz eine erste überfällige Retrospektive widmet. Mit ihren Installationen aus Leuchtstoffröhren suchte Kowanz bei aller Technikbegeisterung stets die "Rückkoppelung zum Menschlichen", so Weiss: "Seit den 80er-Jahren war Kowanz von binären Codes aus Nullen und Einsen fasziniert, die allem Digitalen zugrunde liegen. Und vom Morsecode, jener Sprache aus langen und kurzen Zeichen, die akustisch, durch Licht oder als Striche und Punkte wiedergegeben werden kann. In ihren Spätwerken ließ sie die maßgeblichen technologischen Entwicklungen der letzten 30, 40 Jahre Revue passieren, betitelt mit Google, Wikipedia, iPhone oder fast schon antiquiert: Email. Auch das Internet selbst, 1989 erstmals am CERN vorgestellt, verarbeitet sie in einer Arbeit aus Spiegel und Neonröhre, die so gebogen wurde, wie sie es selbst zuvor handschriftlich skizziert hatte."

Budgetkürzungen, Attacken durch die AfD sowie durch eine offen israelfeindliche Kunstszene, nicht zuletzt die Restitutionsdebatte - Museen und Ausstellungshäuser stehen zunehmend unter Druck, schreibt Sophie Jung in einem taz-Zustandsbericht. Überhaupt seien Museen zur "Plattformen gesamtgesellschaftlicher Konflikte" geworden: "Öffentliche Kulturhäuser scheinen noch immer verunsichert zu sein, wie sich Grenzüberschreitungen erkennen und moderieren lassen - und neigen mitunter zu gefährlichen Verrenkungen. Bei der Berlin Biennale soll man gefürchtet haben, einen Text auszulegen, allein weil darin - und losgelöst vom Nahostkonflikt - der Begriff 'Genozid' fällt. (…) Um von einem gereizten Klima so nicht zerquetscht zu werden, haben manche Museen Verhaltenskodizes eingeführt. Der Kunstkritiker Carsten Probst vermutet jedoch in der aktuellen Texte zur Kunst, dass gerade solch softe Kontrollmechanismen die Institution 'erstarren' ließen, sie würden 'gezähmt'."

Weitere Artikel: Da die Porträts von Angela Merkel und Olaf Scholz in der "Ahnengalerie" im Kanzleramt ohnehin noch fehlen, fordert Julia Encke in der FAS, Schluss zu machen mit dieser unzeitgemäßen Tradition. Für die SZ sieht sich Laura Weissmüller im neuen East Storehouse des Victoria and Albert Museum in London um (mehr hier). In der Welt fragt sich Gesine Borcherdt, ob Candice Breitz bei ihrem jüngsten Auftritt in der Neuen Nationalgalerie (unser Resümee) "bei klarem Verstand war". Paul Jandl weist Breitz in der NZZ derweil auf die Komplexität von Schlingensiefs Arbeiten hin.

Besprochen werden Slater Bradleys Installation Dragonslayer in der Berliner Parochialkirche (Tsp), die Ausstellung "Euforia" im Museo Madre in Neapel, die das Werk der italienischen Künstlerin Bianca Menna zeigt, die unter dem männlichen Pseudonym Tomaso Binga Karriere machte (FAS) und die Ausstellung "Elisabeth Schrader. Lieber woanders" in der Berliner Galerie Esther Schipper (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2025 - Kunst

Katar ist der einzige Staat, der nach dreißig Jahren wieder einen Länderpavillon auf dem Hauptgelände der Giardini in Venedig bekommt, nun steigt das Emirat als Mitveranstalter der Art Basel ein, gleichzeitig verlagern Galerien, Auktionshäuser und Museen ihre Aktivitäten zunehmend in die kaufkräftige Golfregion. Zu den Verletzungen der Menschenrechte schweigt der Kunstbetrieb hingegen zumeist, kritisiert Gesine Borcherdt in der Welt. Sie verweist auf den Artikel "How Katar bought America" in der Online-Zeitung The Free Press, der die Lobbyarbeit Katars recherchierte: "Laut dem Artikel hat Katar 100 Milliarden Dollar in Politik, Medien und Universitäten investiert und 225 Millionen seit 2017 für Lobbyarbeit und PR in Washington. Noch nie wurde eine demokratische Supermacht so schnell und konsequent unterwandert, zumal von einer absoluten Monarchie, die, wie der Artikel argumentiert, dem radikalen Islamismus offenbar auch aus ideologischen Gründen nicht abgeneigt ist." Aber es ist nicht nur das Geld, das die Kunstwelt und den Golfstaat verbindet, so Borchardt, sondern auch der Antisemitismus: "Genau hier gibt es eine gruselige Überschneidung mit dem Kunstbetrieb. Dessen lauter, linker Teil, bestehend aus propalästinensischen Künstlern, Kritikern und Kuratoren zelebriert den Hamas-Terror als 'Widerstand' und will Israel von der Kunstlandkarte wischen. Mit Kufiyas und Palästinenserflaggen wird links dasselbe gefordert, was Katar mit hyperkapitalistischem Bling-Bling erreichen will." 

Geradezu beispielhaft dafür steht die südafrikanische jüdische Künstlerin Candice Breitz. Sie fiel zuletzt nicht nur mit Aktivismus gegen Israel auf, sondern warf Deutschland auch "McCarthyismus" vor und solidarisiert sich mit der antiisraelischen Boykott-Bewegung Strike Germany, erinnert Hannes Hintermeier, der in der FAZ nur den Kopf darüber schütteln kann, dass die Neue Nationalgalerie Breitz kürzlich zur Veranstaltung "Zerreißprobe Talks" lud: "Verkleidet ist sie an diesem Abend als Christoph Schlingensief - so, wie der 1999 in seiner Performance 'Deutschland versenken' aufgetreten ist, als orthodoxer Jude mit Schläfenlocken und Hut, dazu einen Deutschlandschal. Irgendwie, so stellt sich in der Fragerunde am Ende heraus, will Breitz damit das 'Jewfacing', wie sie sagt, also das gewaltsame Aneignen jüdischer Kultursymbole durch den vermeintlichen deutschen Nazitäter-Erben Schlingensief, kritisieren. Sie könnte aber auch als Mitglied der holocaustrelativierenden jüdisch-orthodoxen Messias-Sekte Neturei Karta durchgehen. Deren antizionistische Inhalte teilt Breitz online oft."

Bild: Ausstellungsansicht "Wotruba International", Belvedere 21. Foto: Johannes Stoll

Im Standard freut sich Katharina Rustler, dass das Wiener Belvedere 21 dem österreichischen Bildhauer Fritz Wotruba nach dreißig Jahren endlich wieder eine Ausstellung widmet. Selten ließ sich die stilistische Entwicklung Wotrubas so gut verfolgen: "Beispielsweise wie sich der Bildhauer nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil 1945 nach Wien vom klassizistischen Stil verabschiedete und einer kubischen Zerlegung des Körpers zuwandte. Während seine 1946 entstandene Stehende (Weibliche Kathedrale), die er angeblich aus einem Steinblock des schwer beschädigten Stephansdom schlug, noch einer realistischen Formensprache folgt, sind die Körperteile seines Denkers aus dem Jahr 1948 bereits in stereometrische Grundformen gestückelt. Die Abstraktion begann."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2025 - Kunst

Nach dem Besuch der 13. Berlin-Biennale, die sich dieses Jahr "Widerstand, Justizwillkür und Ökozid" widmet, platzt Cornelius Tittel in der Welt der Kragen: "Wann und warum wurden 'politische' Kunstvermeidungs-Ausstellungen wie die 13. Berlin Biennale mit Steuermillionen subventionierte Norm", fragt er angesichts dieses "qualvoll anzusehenden Erstickungstodes der Ästhetik zu Händen der Moral ... Grob gesagt beschäftigt sich die eine Hälfte der mehrheitlich aus dem 'Globalen Süden' stammenden internationalen Künstler damit, Artefakte und Erinnerungen ihrer vergangenen Proteste gegen diverse Unrechtssysteme zu sammeln und auszustellen, während die andere Hälfte in Koch-Tutorials, auf bestickten Küchenhandtüchern oder gleich in trockenen Archiv-Installationen die traumatischen Kolonialgeschichten ihrer Herkunftsländer aufarbeiten." Verantwortlich dafür macht Tittel auch die Bundeskulturstiftung - "Es ist ein offenes Geheimnis, dass auch hier die für jede Sonderausstellung dringend benötigten Zusatzgelder vor allem dann fließen, wenn in Förderanträgen Buzzwords wie Inklusion, Barrierefreiheit, Partizipation und Nachhaltigkeit vorkommen" - und ein akademisches Milieu, das den "intellektuellen Überbau" liefert.

Delcy Morelos: Madre, 2025. Ausstellungsansicht Hamburger Bahnhof. © Delcy Morelos, 2025. Courtesy die Künstlerin und Marian Goodman Gallery. Foto: Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / Jacopo La Forgia

Bei Monopol sieht sich Daniel Völzke nach der Ausstellung "Madre" im Hamburger Bahnhof, die einen großen nach Zimt und Nelken duftenden Wall aus Ton, Erde, Stroh, Heu, Gewürzen, Buchweizen, Chiasamen und Honig der kolumbianischen Künstlerin Delcy Morelos zeigt, mit einem anderen Problem postkolonialer Kunst konfrontiert: "Auffällig ist, wie oft man einem Ansatz begegnet, in denen jeglicher Widerspruch weggeatmet wird. Offenbar wird eine bestimmte - klischeebehaftete? - Vorstellung von Lateinamerika von europäischen Institutionen und Galerien gleichermaßen geschätzt. Darin geht es nicht um aktuelle drängende Probleme des Kontinents - etwa um Femizide, Drogenkartelle, Extraktion, Korruption, Rechtsruck, soziale Ungleichheit, das Erbe der Diktaturen -, sondern um eine vage Einheit mit der Natur."

Weitere Artikel: Am Sonntag feiert das C/O Berlin sein 25-jähriges Bestehen. Die Schauspielerin Charlotte Rampling, die als Ehrenmitglied im Kuratorium sitzt, schreibt zu diesem Anlass einen kleinen Gastbeitrag in der SZ über ihre Liebe zur Fotografie - und fordert auf, für das C/0, das als gemeinnützige Organisation eingetragen ist zu spenden. In der FAZ freut sich Andreas Kilb, dass die barocke Galerie Friedrichs des Großen im Neuen Palais in Potsdam, die auch zwei Gemälde von Artemisia Gentileschi zeigt, nach drei Jahrzehnten wieder öffentlich zugänglich ist.

Besprochen wird die große Yoshitomo-Nara-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery (Zeit, mehr hier), die Ausstellung "Berlin Eins - die Neunziger" im Berliner Haus am Kleistpark (taz, mehr hier), die Gruppenausstellung "Moonstruck" des Kunstkollektiv KUNZTEN im Berliner Flutgraben e. V. (taz), die Ausstellung "Overture" von Absolventen und Absolventinnen der Städelschule im Frankfurter Städel (FR) sowie die Leonora Carrington-Doku "Fantastische Surrealistin" in der Arte-Mediathek und der Film "Leonora im Morgenlicht" von Thor Klein (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.07.2025 - Kunst

Philip Guston, In Bed, 1971. 2016 Collection Centre Pompidou, Paris Musée national d'art moderne - Centre de création industrielle Crédit photo : © Centre Pompidou, MNAM-CCI/Philippe Migeat/Dist. GrandPalaisRmn, © The Estate of Philip Guston

FAZ-Kritiker Stefan Trinks versinkt begeistert in den Farben der Ausstellung "Colours! Masterpieces from the Centre Pompidou", die derzeit das Grimaldi Forum in Monaco präsentiert. Die Schau zeichnet nach, wie die Künstler der Moderne die teils als zu naturalistisch verschrieene Buntheit wieder für sich entdeckten. Zum Beispiel Philip Guston, dessen Werk "In Bed" für Trinks das "politisch aufgeladenste Gemälde der Schau" ist: "Auf dem extremen Querformat liegt ein Mitglied des Ku-Klux-Klan mit weißer Kapuze und voller Montur inklusive Schuhen im Bett, wobei die bis knapp unter die Augenschlitze hochgezogene Bettdecke und deren gestauchte Falten ihm etwas kafkaesk Raupenhaftes und zugleich Furchtsames verleihen. Durch den geöffneten Store eines Fensters dringt milchig-weiches Licht in das Zimmer und kitzelt die unter dem Weiß der Wände liegende, wie bei einem Palimpsest überstrichene Farbe umso stärker hervor: Rosé", also die Farbe der Barbie-Puppen. Toller hätte Guston den "faschistischen Terror-Fasching" des Klans nicht dekonstruieren können, findet Trinks.

Ngonnso' © Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum / Eric Hesmerg


Warum ist die Ngonnso, eine Statue, die dem Volk der Nso als Mutter, Göttin und Königin gilt, noch immer in Berlin? Dorthin kam sie durch Kolonisatoren, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hatte 2022 einer Rückgabe nach Kamerun zugestimmt. Das Problem nun, laut Paul Munzingers SZ-Reportage: In Kamerun ist man uneins darüber, wem genau die Ngonnso rückerstattet werden soll. Der Fon, der traditionelle Führer der Nso, erhebt Ansprüche. Deutschland verhandelt jedoch mit der kamerunischen Regierung. Hugues Heumen, der dortige Beauftragte für Beutekunst, erklärt Munzinger, warum sich die Sache in die Länge zieht: "Dass die Ngonnso noch immer in Berlin ist, habe einen einfachen Grund. Keiner der vier Landesteile Kameruns - darauf lege Präsident Biya größten Wert - solle bei den Rückführungen bevorzugt werden. Weder das Grasland im Westen, wo die Nso leben, noch die Küstenregion, das südliche Waldland oder die Sahelregion im Norden. Anders gesagt: Die Ngonnso werde man erst zurückfordern, wenn auch für andere Landesteile Rückgaben vereinbart sind. So weit sei man noch nicht. Aber fast."

Weiteres: Marina Abramovich erhält, wie mehrere Medien melden, den diesjährigen Praemium Imperiale für Kultur. Im Standard sind auch die anderen Preisträger nachzulesen. Besprochen werden die Ausstellung "Dokumentarfotografie. Förderpreis der Wüstenrot Stiftung" im Museum für Photographie, Braunschweig (taz) und "Rochelle Feinstein: The Today Show" im Ludwig Forum, Aachen (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2025 - Kunst

Oskar Kokoschka, Tigerlöwe, Belvedere, Wien © Johannes Stoll, Belvedere

Zoos als "Orte künstlerischer Inspiration" entdeckt Hannes Hintermeier (FAZ) in der Ausstellung "Die Moderne im Zoo" im Franz-Marc-Museum in Kochel. Um 1900 entdeckten Maler Tiergärten für sich, die sie auch faszinierten, "weil keine Konvention für die Darstellung von Hyänen, Zebus, Giraffen oder Mandrills" existierte, weiß der Kritiker: "Oskar Kokoschkas Hybridwesen 'Tigerlöwe' (1926) springt schier aus dem Rahmen, der Farbauftrag ist expressiv, mit blauen Striemen und rot-weißen Aufhellungen im gescheckten Fell. Die gerissene Antilope zu seinen Füßen wirkt wie eine zu klein geratene Fußnote, dem Betrachter des Bildes sollte es so ergehen wie Kokoschka vor dem Käfig im Londoner Zoo, der eine 'flammende, gelbe Bombe' auf sich zustürmen sah, die ihn 'in Fetzen reißen wollte'. Dabei kannte der Tigerlöwe von Geburt an nur das Leben hinter Gittern, war vermutlich lethargisch."

Weiteres: In der FR blickt Arno Widmann zurück auf siebzig Jahre documenta. Besprochen werden die Camille Pissarro-Ausstellung "Mit offenem Blick" im Museum Barberini in Potsdam (FR) und die Ausstellung "Irène Zurkinden. Die Liebe, das Leben" in der Kulturstiftung Basel H. Geiger (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2025 - Kunst

Nicht nur aufgrund der aktuell politisch ziemlich dunklen Lage findet Alexandra Wach für Monopol die Ausstellung "From Dawn Till Dusk - Der Schatten in der Kunst der Gegenwart" im Kunstmuseum Bonn spannend und brisant: So "schlägt die Videoinstallation der 2013 verstorbenen Iranerin Farideh Lashai düstere Töne an und liefert posthum den Kommentar der Stunde. Sie basiert auf Goyas ikonischer Druckserie 'Schrecken des Krieges'. Lashai entfernte die Figuren und ließ nur die Landschaftselemente übrig, um sie in einem abgedunkelten Raum mit animierten Bildern zu präsentieren, die von einem beweglichen Scheinwerfer darauf projiziert werden. Bei Beleuchtung erscheinen Goyas Figuren flüchtig auf den Drucken, dann verhüllt der Schatten wenige Sekunden später die Brutalität ihrer Taten. (…) Metaphysische Ängste des Individuums gilt es dagegen bei Vito Acconci durchzustehen. Wenn sich der Videokunst-Pionier dabei filmt, wie er verzweifelt gegen den eigenen Schatten boxt, scheint sich sein Körper in einem sinnlosen Kampf in der Tradition der Sisyphus-Sage zu verausgaben. Der gelenkige Schatten gewinnt immer."

Weiteres: Die taz besucht den kubanischen Künstler Michel Mirabal in seinem Atelier.

Besprochen werden: "Stand up! Feministische Avantgarde" im Sprengel Hannover (taz), "Peter Fischli: People Planet Profit" im Luma Arles (NZZ), "Art brut - Dans l'intimité d'une collection" im Grand Palais des Centre Pompidou (FAZ) und "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus mit Kunstwerken von DDR-Künstlerinnen und Künstlern (FR).
Stichwörter: Kunstmuseum Bonn

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2025 - Kunst

Doruntina Kastrati, And So We Lay New Stones Upon the Old (2025) im Gazi Mehmed Pasha Hammam bei der Autostrada in Prizren. Foto: Autostrada


Laura Helena Wurth (FAS) sieht die Zukunft der Kunst auf der "Autostrada Biennale" im kriegsgezeichneten südkosovarischen Prizren: Kein Wanderzirkus von Großkünstlern wird hier geboten, statt dessen geht es um den Ort selbst und die Menschen, die dort leben, so Wurth. "Die Ausstellungsorte liegen mitten in der Stadt, und wenn man von einem zum anderen geht, begegnen einem die Besucher der Biennale, aber auch die Bewohner immer wieder. Genau so ist das wohl gedacht: dass zwei ältere Frauen mit Kopftüchern vor der Arbeit von Doruntina Kastrati stehen, ihre Telefone zücken, sich am Kopf kratzen, ein Bild schießen und sich dann wieder mit großem Interesse den neu eingebauten Steckdosen im alten Hammam zuwenden. ... Kastrati zeigt hier "eine Neuproduktion, die sich so nahtlos in den Hammam einfügt, dass man einen Moment braucht, um zu verstehen, was Kunst ist und was Überbleibsel der Baustelle sind. Kleine, zerbrochene Amphoren und Krüge hat sie auf runden Tischen angeordnet, die auch als Sitzgelegenheiten funktionieren."

Warum nicht ein Ausflug nach Cottbus an diesem Wochenende? Wie gestern Freddy Langer in der FAZ (unser Resümee) ist heute auch taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller hin und weg von der Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus über Frauenbilder in der DDR: "Nicht nur, weil man viele wenig bekannte Künstler kennenlernt, sondern auch durch die Mischung von repräsentativen und metaphorischen Positionen." Flankiert wird die Ausstellung von einer Kabinettausstellung über Punk und jugendliches Rebellentum und einer Schau aus den Plakat- und Grafiksammlungen über Kommunikationsformen, "die unter dem Radar der staatlichen Kontrolle liefen".

Weiteres: Bettina Wohlfarth besucht für die FAZ den Garten des Künstlers Bernar Venets in Le Muy an der Cote d'Azur. Tilman Krause gratuliert in der Welt der Berliner Museumsinsel, die ihren 200. Geburtstag mit der Ausstellung "Grundstein Antike. Berlins erstes Museum" im Alten Museum feiert. Besprochen werden Ausstellungen der Fotografinnen Candida Höfer im Hessischen Landesmuseum Darmstadt (FR) und Petra Gall im Schwulen Museum Berlin (Tsp).