Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2025 - Kunst

Die 6. Kyiv Biennale findet aktuell unter dem Motto "Near East, Far West" in Warschau statt und der FAZ-Kritiker Bernhard Schulz findet den Titel klug gewählt, zeigt die Schau doch, wie sehr die gegenwärtigen Weltkonflikte miteinander verwoben sind: "So sind die Ruinenfragmente von der ukrainischen Frontlinie, die der in Kiew gebürtige Nikita Kadan unter dem Titel 'Ruhe im Klassenzimmer' auf schlanke Gestelle platziert und zu einem bildhauerischen Ensemble von hohem ästhetischen Reiz arrangiert hat, die Zeugnisse der fürchterlichen Zerstörungskraft heutiger Waffen, gleich wo sie eingesetzt werden. Die Schwarz-Weiß-Fotografien, die Documenta-Teilnehmer Artur Żmijewski vom Denkmal auf dem Sowjetischen Soldatenfriedhof seiner Vaterstadt Warschau gemacht und dann zu der Arbeit 'Recomposition 2024-2025' überblendet hat, lassen dessen konkrete Aussage als Erinnerung an eben die Armee der Sowjetunion verschwinden. Was bleibt, ist die latente Gewalt, die jedem Kriegsdenkmal eigen ist, gelte es den Siegern oder den Opfern."

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Farbprächtige Fantasiewesen und -landschaften strahlen Sylvia Staude (FR) von den Wänden des Weltkulturenmuseums in Frankfurt entgegen - und doch geht es auch immer politisch zu in der Schau "Sheroes", die sich Comic-Kunst aus Afrika widmet. Etwa im Sachbuch-Comic "Crossroads", "mit dem trotzigen Untertitel 'I Live Where I Like'. Crossroads hieß eine Siedlung in Kapstadt, dort lebende Frauen organisierten sich in den 1970ern, also im Apartheidsregime, mit Erfolg gegen die Zerstörung der Siedlung, die Vertreibung und für bessere Bildung und guten Wohnraum. Die südafrikanische Historikerin Koni Benson hat über Crossroads und den mutigen Aufstand der Frauen geforscht, sich dann mit Zeichnern zusammengetan, um dieses historische Ereignis so munter zu erzählen, dass es jeder und jede anschauen und lesen möchte."

In der FAS läutet der Schriftsteller Alexander Schimmelbusch ein "neues Zeitalter der Worte" ein, denn dank Künstlicher Intelligenz reiche es künftig, nur noch die Idee zu einem Kunstwerk zu formulieren: "Schon bald wird auf dem Campus einer jeden Kunsthochschule ein prachtvoller Universal-Generator stehen, der auf Sprachbefehle der Studentinnen hin Resultate in Wachs, Fiberglas, Stahl, Bronze, Gummi, Ton und Porzellan wird liefern können und natürlich in Marmor, das geht schon heute, da Jeff Koons mit seinen Technikern den Prototyp einer Maschine entwickelt hat, die mit seinen Ideen gefüttert werden und dann meterhohe Skulpturen aus tonnenschweren Steinblöcken fräsen kann, mit einer Präzision im Detail, die jenseits der Fertigkeit eines jeden menschlichen Bildhauers liegt - man siehe nur die Wogen aus bauschigen Tüllfalten im Tutu seiner 'Pink Ballerina'."

Weitere Artikel: Für die Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ besucht Leander Berger die Comic-Zeichnerin Anna Haifisch in Leipzig. Ebenfalls auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ erzählt Georg Imdahl, wie er versuchte Bruce Nauman in Berlin zu treffen. Die Choreografin Florentina Holzinger wird Österreich bei der Kunst-Biennale in Venedig vertreten, meldet der Tagesspiegel.

Besprochen werden außerdem die Ausstellung Mario Schneiders Bildband "New York Short Stories" (FAZ), die Biennale in Istanbul (Welt, mehr hier) und und die große Gerhard-Richter-Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris (NZZ, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2025 - Kunst

Museum Kunstpalast. Foto: Melanie Zanin

SZ-Kritikerin Marie Schmidt kann gar nicht fassen, dass der Duft nicht längst zur Kunst erhoben worden ist. Umso dankbarer ist sie, dass das Düsseldorfer Museum Kunstpalast nun mit dem Duftdesigner Robert Müller-Grünow die Ausstellung "Die geheime Macht der Düfte" umgesetzt hat. Ein mit Regenbogenfarben markierter Pfad führt in achtzig Düften durch die Sammlung: "So lernt man, wie im 18. Jahrhundert Lavendel, Orangenblüte und Veilchen zusammen den Gestank am absolutistischen Hof von Versailles überdecken halfen und was im 19. Jahrhundert die Segnungen der Chemieindustrie brachten, Vanillin, Zimtaldehyd und das Zuckeraroma von Cumarin. Duftstoffe, die in der Parfümindustrie heute vorkommen, wenn etwas Hautnahes, Menschelndes künstlich geschaffen werden soll, Hedion und Galaxolide kann man hier einmal isoliert wahrnehmen. (…) Sogar wo etwas Unangenehmes, Stinkendes gemeint ist: Straßen von Paris im 18. Jahrhundert, 'symbolisch nachempfunden' in einer synthetischen Molekülkomposition, riechen wie ein gefegter Heuschober, an dem vielleicht ein müder Gaul vorbeimarschiert ist." Ein schöner Anlass, um an die Duft-Kolumne "Essenzen" zu erinnern, die Claus Brunner für den Perlentaucher geschrieben hat.

Georges de la Tour. Le Nouveau-Né. Rennes, Musée des beaux-arts. © Rennes, Musée des beaux-arts

Ganz andächtig kommt Nicola Kuhn (Tagesspiegel) aus dem Pariser Musée Jacquemart André, das dem lange vergessenen Barockmaler Georges de La Tour eine überfällige Ausstellung widmet. Der Maler, einer der führenden Caravaggisten des Nordens, machte gewöhnliche Menschen zu Figuren der Bibel, weiß Kuhn: "Da wäre Hiob, dessen Frau ihn verspottet. Von oben beugt sie sich über ihn herab und lamentiert. Wie die Maria mit dem Neugeborenen trägt sie ein rotes Kleid, das ebenfalls durch eine brennende Kerze besonders prachtvoll zur Geltung kommt und einen umso größeren Kontrast zur klapprigen Gestalt ihres am Boden hockenden Ehemanns bildet. Oder der reuige Petrus, der mit verheulten Augen die Hände ringt, weil er begriffen hat, dass Jesu Vorhersage eingetreten ist. Der Hahn neben ihm verweist darauf, dass er Christus noch vor dessen morgendlichem Krähen verleumdet hat. Eine kleine Komik birgt die tragische Szene dennoch durch die parallelen Linien der vom Licht angestrahlten Apostelstirn und dem Kamm des Hahns."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel begrüßt auch Rolf Brockschmidt die Wiedereröffnung des Staatlichen Museums Schwerin (unser Resümee). Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Die Scharf Collection: Goya - Monet - Cezanne - Bonnard" in der Alten Nationalgalerie (FR, mehr hier), die immersive Ausstellung "Nightcrawlers" in der Malzfabrik in Schöneberg (taz), die Ausstellung "Asta Gröting: Ein Wolf, Primaten und eine Atemkurve" im Frankfurter Städel (SZ) und das von Olafur Eliasson kuratierte "Festival of Future Nows" in der Neuen Nationalgalerie (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2025 - Kunst

Pierre Bonnard, Stillleben mit Katze, 1924, Öl auf Leinwand © The Scharf Collection, Foto: Klaus Ruland Photography

Schon wieder eine Impressionismus-Ausstellung, denkt sich Tilman Krause zunächst in der Welt, stellt aber schnell fest: Das, was die Alte Nationalgalerie derzeit aus dem reichen Bestand der Scharf-Collection präsentiert, ist einzigartig. Denn die Sammlung, die seit vier Generationen im Besitz der Familie ist, bleibt dem Konzept ihres Begründers Otto Gerstenberg treu, so Krause: Man setzt darauf, den Kernbestand zu kontextualisieren, wozu auch die Gesellschaftskritik der Impressionisten gehört. Und das eröffnet "subtile und subversive" Einblicke, staunt der Kritiker, der beispielsweise vor Pierre Bonnards Bild "Die große Badewanne" feststellt: Bonnard war keineswegs, wie häufig behauptet, ein Maler des Glücks. "Eine Frau liegt in der Badewanne, und natürlich handelt es sich um Marthe. Oder sollte man besser sagen: Es handelte sich einst um sie? Ist dies vielleicht eher ihre Leiche? Wie eingelegt in eine trübe Lake wirkt jedenfalls der gesichtslose, feingliedrige Körper, gefangen in sich selbst und seiner sinistren Aura. Selten ist die depressive Störung eines Menschen so beklemmend dargestellt worden wie in diesem merkwürdigen Porträt, das Bonnard von seinem Lebensmenschen malte, der sich in der Badewanne die Pulsadern öffnete."

Ausstellungsansicht: "Minimal". Bourse de Commerce - Pinault Collection, Paris. Foto: Florent Michel / 11h45 / Pinault Collection

Ein wenig verloren und zusammenhanglos wirken die minimalistischen Werke von Künstlern aus Amerika, Europa und Asien aus den 1950er- bis 2010er-Jahren in der riesigen Pariser Bource de Commerce, die seit einigen Jahren die Sammlung Pinault beherbergt, schon, findet Adrian Searle im Guardian. Die einzelnen Positionen faszinieren ihn dennoch - etwa die Gemälde des Amerikaners Robert Ryman, "deren weiße Pigmentfelder aneinanderstoßen, sich aneinander schmiegen und an den Rändern ihrer farbigen Leinwandträger entlanggleiten. Weiß singt gegen Rostrot, ein schmutziges Khaki, ein gedämpftes Grün. Ryman hat mit so wenig so viel erreicht. In seiner Kunst dreht sich alles um Oberfläche und Volumen, Nuancen und Berührung und das Wissen, wann man aufhören muss."

Weitere Artikel: Nun also doch: Lucas Cranachs Marienaltar, der von dem Künstler Michael Triegel neu geschaffen wurde (unser Resümee), musste den Naumburger Dom nach heftigen Protesten deutscher Denkmalschützer verlassen, berichtet Evelyn Finger auf den Glauben-und-Zweifeln-Seiten der Zeit.: Asyl findet er zwei Jahre lang in Rom, in der Kirche des Campo Santo Teutonico, einer deutschsprachigen Enklave an der Südseite des Petersdoms. In der taz gratuliert Tom Mustroph der staatlich finanzierten "Anti-Institution" Savvy Contemporary, einem Berliner Kunstort, der sich vor allem dem Thema "Dekolonialisierung" widmet, zum fünfzehnjährigen Bestehen. Für die NZZ trifft sich Mark von Huisseling mit dem Lichtkünstler Christian Herdeg, dessen 1995 im Verwaltungsbau des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) errichtetes Kunstwerk "Lichtsegel" und seine 1986 für den Zürcher Flughafen gestaltete Lichtröhren-Installation "So near - so far" spurlos verschwunden sind.  Das EWZ teilte immerhin auf Nachfrage mit, man habe das Werk "entsorgen" müssen.

Besprochen werden außerdem die große Gerhard-Richter-Retrospektive in der Fondation Louis Vuitton in Paris ("So schön, so umfassend wurde sein Werk noch nie gezeigt", findet Zeit-Kritiker Hanno Rauterberg, mehr hier), die Ausstellung "Italien in Linien. Meisterzeichnungen von Christoph Heinrich Kniep" im Museum Casa di Goethe in Rom (FAZ) und die Ausstellung "David Weiss. Der Traum von Casa Aprile" im MASI Lugano (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2025 - Kunst

Carel Fabritius - Die Torwache. © Staatliche Schlösser, Gärten und Kunstsammlungen Mecklenburg-Vorpommern, Foto: E. Walford

Hanno Rauterberg freut sich in der Zeit über die Wiedereröffnung des Staatlichen Museums Schwerin, das aufgrund einer Generalüberholung vier Jahre geschlossen war, und unternimmt einen kleinen Streifzug durch die außergewöhnlich reichhaltigen Bestände des Hauses. Ganz besonders angetan hat es ihm Carel Fabritius' Gemälde "Die Torwache", das "einen Mann mit Gewehr und Säbel zeigt. Einen aber, der nicht strammsteht, niemandem gehorcht. Denn sein Reich ist die Stille. (…) Es passiert nichts auf diesem Bild, es gibt auch keine Moral, die ergründet, keine Botschaft, die beherzigt werden will. Es ist ein Gemälde des 17. Jahrhunderts - und doch bis heute wunderbar unergründlich. In einem Augenblick des Nichtstuns öffnet sich die Kunst, und alle sind eingeladen, ihren inneren Bildern nachzuspüren.

Klaus Rössler macht sich in der FAZ Sorgen um das Überleben digitaler Kunst. Gar nicht so sehr in technischer Hinsicht: Ansätze zu einer Archivkultur auch für Online-Kunstwerke gibt es durchaus. Aber "was fehlt, ist oft die emotionale, soziale Pflege. Wie bei einer Skulptur, die restauriert werden muss, verlangt auch digitale Kunst Zuwendung, nicht nur technischen Erhalt. (…) Die Kunst der Renaissance liebte die Ruine. Sie war Zeichen vergangener Größe, aber auch Projektionsfläche für neue Ordnung. In der Romantik wurde sie zum Inbegriff des Erhabenen, als Symbol des Vergehens und der Ewigkeit zugleich. Vielleicht braucht auch die digitale Kunst eine solche Perspektive."

Außerdem: Till Fellrath und Sam Bardaouil unterhalten sich mit monopol-ler Felix von Boehm über die von ihnen kuratierte Taipeh-Biennale. Ebenfalls bei monopol porträtiert Elke Buhr Ken Nwadiogbu, der für den hauseigenen Young Generation Art Award 2026 nominiert ist.

Besprochen werden die Schau "Die Pazzi-Verschwörung. Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance" im Berliner Bodemuseum (FAZ), "Mensch Maschine: Return to Earth" im E-Werk Luckenwalde (taz), "Diane Arbus: Konstellationen" im Gropius Bau, Berlin (Welt) und die Ausstellung "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2025 - Kunst

"Ein unvergleichliches Panorama der surrealistischen Bewegung von den 1920ern bis in die Nachkriegszeit" wird FR-Kritikerin Judith von Sternburg in der Ausstellung "Netzwerke des Surrealismus" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin präsentiert. Die Schau zeige eine exquisite Auswahl von Werken aus der Sammlung von Ulla und Heiner Pietzsch und legt den Fokus auf die Provenienz der Kunstwerke - und so kann man hier den ein oder anderen "Kunstkrimi" verfolgen, so Sternburg: "Einer der Glücksfälle betrifft Massons aus Farbe und Sand gemaltes abstraktes Motiv 'Jäger': Es war in Paris beschlagnahmt worden, Hitlers Kunstagenten hatten es mit der Registriernummer KA 108 und einem Kreuz markiert, was 'Vernichten!' bedeutete. Aber es fand sich nach dem Krieg im Sammellager des Museums Jeu de Paume, wurde 1947 an die emigrierte jüdische Sammlerfamilie Kann zurückgegeben. Die brachte das Bild in den Kunstmarkt, wo Ulla und Heiner Pietzsch es Jahre später erwarben."

Auch FAZ-Kritiker Andreas Kilb begeistert sich für die Geschichte(n) hinter den Werken: "Am Eingang der Schau hängt Joan Mirós Gemälde 'Der Pfeil durchstößt den Rauch' von 1926, auf dem eine käferartige rote Figur auf tiefblauem Grund neben einem Gebilde aus schwarzen Punkten, Strichen und Flächen schwebt. Miró schenkte das Bild dem Choreographen Serge Lifar, der ab 1930 das Ballett der Pariser Oper leitete und auch dem Einmarsch der Wehrmacht im Amt blieb. 1945 erhielt er als Kollaborateur ein Jahr Berufsverbot. Nach dem Krieg kam 'Der Pfeil . . .' in die Sammlung des Galeristen Paul Pétridès, der ebenfalls wegen Kollaboration angeklagt worden war und sich nur durch umfangreiche Rückgaben entlasten konnte. Ulla und Heiner Pietzsch kauften das Bild in den Achtzigerjahren, es gehört zu ihren frühesten Erwerbungen."

Weiteres: Brigitte Werneburg führt uns für die taz durch die Sammlung der Fondation Cartier in Paris. In der NZZ fragt Philipp Meier, warum sich Taylor-Swift-Fans für den Ophelia-Mythos begeistern und in der Folge dem Museum in Wiesbaden die Türen einrennen, wo die "Ophelia" des kaum erinnerten Künstlers Friedrich Wilhelm Theodor Heyser hängt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2025 - Kunst

Der Ärger mit der Sammlung Bührle geht weiter, wie Hubertus Butin in der FAZ kommentiert: Gerade wird sie im Kunsthaus Zürich ausgestellt, aber ob sie dort bleiben wird, ist unklar, hat sich das Haus doch darauf verpflichtet, keine Raubkunst auszustellen. Möglicherweise bleibt der eigens für die Sammlung initiierte Neubau bald leer und die unter Raubkunstverdacht stehenden Kunstwerke ziehen ab, ohne ein klares Ziel zu haben: "Jedes potentielle Museum wird sich bewusst sein, dass es ein vergiftetes Angebot bekommt. Der Makel der NS-Raubkunst wird weiterhin an der Sammlung Bührle haften, solange die Stiftung sich nicht ihrer Verantwortung stellt und die unabhängige Untersuchung der Herkunft ihrer Bilder nicht umfassend unterstützt. Ansonsten wird diese Werke wohl niemand haben wollen, seien sie auch noch so wertvoll."

Weiteres: Martina Meister interviewt Chris Dercon, den Direktor der Fondation Cartier, für die Welt. Zwei der mutmaßlichen Louvre-Diebe wurden festgenommen, meldet die FAZ. Die Zeit fasst noch einmal alles zu dem großen Raub zusammen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2025 - Kunst

In "Bilder und Zeiten" (FAZ) denkt der Literaturwissenschaftler Wolfgang Matz über Giacometti und die Dichter nach und überhaupt das besondere Verhältnis von Künstlern und Dichtern in Frankreich: "Dass die beiden bedeutendsten Monografien über Giacometti aus dem Kreis der französischen Poesie hervorgingen, ist immerhin bemerkenswert. Zu fragen bleibt, ob in seiner Kunst eine besondere Affinität liegt zur Poetologie des Schreibens. ... Menschliche Gestalt, Ausdruckswut - in [Philippe] Jaccottets Worten finden sich wohl die wesentlichsten Motive für Giacomettis Anziehungskraft auf die Dichter. In der französischen Kunst ist die gegenständliche Darstellung - Landschaft, Porträt, Stillleben - viel lebendiger geblieben als in der deutschen, so wie, vielleicht analog, Versmaß und Reim im Gedicht. Giacometti hat diese figürliche, gegenständliche Darstellung als radikale Befragung des Individuums betrieben und zugleich jedem einzelnen Menschengesicht in Skulptur, Gemälde, Zeichnung jene Dimension der Abstraktion gegeben, die hinausweist über das individuelle Porträt; seine Kunst gewinnt trotz ihrer radikalen Konzentration einen Grad des Universellen, nach dem auch die Poesie strebt."

Eva-Christina Meier macht für die taz in Berlin einen Atelierbesuch bei der chilenischen Künstlerin Sandra Vásquez de la Horra, deren Schau "Soy Energía" (dt. "Ich bin Energie") ab 14. November im Haus der Kunst in München gezeigt wird: "Wie in chilenischen Familien der Ober- und Mittelschicht lange Zeit üblich, wurde auch Sandra Vásquez de la Horra von einer indigenen Hausangestellten aufgezogen. Durch diese lernt sie eine andere Vorstellungswelt kennen, welche die nativen Kulturen ihres Heimatlandes repräsentiert. Láscar, Licancabur, Lonquimai, das sind nur einige Namen der unzähligen Vulkane, die sich entlang der Kordilleren, der andinen Gebirgskette aneinanderreihen und die Landschaft Chiles auf einmalige Weise prägen. Sie gelten als spirituelle Orte und energetisches Symbol. Vásquez de la Horra greift dieses Motiv vielfach und in großformartigen Leporellos auf. Die objekthaft aufgefalteten Zeichnungen, in leuchtenden Farben des Regenbogens, zeigen liegende, teilweise verschlungene Frauenkörper, deren äußere Silhouette die schlafenden Gipfel der Anden abzubilden scheinen."

Sarah Schumann. Installationsansicht. Meyer Riegger, Berlin


Enthusiastisch bespricht Gesine Borcherdt in der Welt die Sarah-Schumann-Ausstellung in der Berliner Galerie Meyer Riegger - dort werden unter anderem bisher unbekannte Collagen gezeigt: "Es scheint, als hätte der Geist von Sarah Schumann nur darauf gewartet, vom Dachboden herabzuschweben und eine Schockwelle durch einen von Identitätsdebatten gelähmten Kunstbetrieb zu schicken." Eine weitere wichtige Retrospektive bespricht Peter Truschner im Perlentaucher: Vera Mercer in der Zitadelle Spandau.

Weitere Artikel: Hannes Hintermeier freut sich in der FAZ über die Wiedereröffnung der frisch renovierten Villa Stuck in München. Edo Reents fragt ebendort, warum alle Welt so ein Geschrei macht um die aus dem Louvre gestohlenen "Klunker": Das verrät in seinen Augen "eine beachtliche Identifikationsbereitschaft mit royalen Angelegenheiten", die jedes republikanische Bewusstsein vermissen lässt. SZ-Kritiker Nicolas Freund lässt es kalt, dass die Bührle Sammlung derzeit nicht gezeigt wird und vielleicht sogar aus dem Kunsthaus Zürich abgezogen wird, solange die Provenienz der Bilder nicht geklärt ist. Und Jörg Häntzschel berichtet von einem Kunstfälscher, den das bayerische LKA verhaftet hat.

Besprochen werden die Ausstellung "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" im Potsdamer Museum Barberini (taz, Tsp, Zeit) und Gemälde von Sibylle Springer in der Berliner Hoto Galerie (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2025 - Kunst

Gerhard Richter, Tisch, 1962 (CR 1) © Gerhard Richter 2025. Foto: © Jennifer Bornstein


Die Pariser Fondation Louis Vuitton zeigt gerade die bisher größte Retrospektive von Gerhard Richter mit 270 Werken aus sechzig Jahren. Wer kann, sollte sie unbedingt ansehen, wer weiß, ob man das so noch mal zu sehen bekommt, meint ein überwältigter Boris Pofalla in der Welt: "In der Zusammenschau fängt man an, sich Fragen zu stellen, die man vor dem einzelnen Bild vielleicht nicht hatte. Das erste farbige, verwischte Richter-Bild von 1964 zeigt Angehörige der Nuba in Afrika; es basiert laut Hinweistafel auf einer Aufnahme von Leni Riefenstahl - Hitlers Lieblingsregisseurin, die sich im Nachkriegsdeutschland über den Umweg exotisierender Dokumentationen zu rehabilitieren suchte. Zu was das ein Kommentar ist? Muss man selbst entscheiden. 'Stadtbild D' heißt die Luftaufnahme von Düsseldorf, 1968 abgemalt in Grau, Schwarz und Weiß. Darin stecken natürlich auch die Luftbilder zerbombter deutscher Städte. Aber man wird nicht gezwungen, das so zu sehen, und auf Riefenstahl gibt es im Bild gar keinen direkten Hinweis. Das Gemälde macht sich, wie immer bei Richter, mit keiner Deutung gemein, es gibt Fragen zurück an den Fragesteller."

Die Bührle-Stiftung scheint ihre Leihgaben ab 2034 - wenn der Vertrag mit dem Kunsthaus Zürich endet - abziehen zu wollen. In der NZZ wundert das Philipp Meier nicht: "Die Kritik, die ihr rund um die Kunst aus ehemaligem jüdischem Besitz und die Waffengeschäfte ihres Gründers mit Hitlerdeutschland entgegenschlug, wollte kein Ende nehmen. ... Die historische Aufarbeitung und Kontextualisierung wurde zum zentralen Gegenstand dieser Kunstsammlung, die Werke selber und ihr künstlerischer Wert traten dabei zusehends in den Hintergrund. Heute ist die Ausstellung ganz geschlossen - zwecks abermaliger Überarbeitung der Art und Weise, wie sie am besten zu vermitteln sei. Erst 2027 soll sie wieder eröffnet werden. Das erweckt den Eindruck, dass das Kunsthaus Zürich nicht recht weiß, wie mit dieser Sammlung umgehen. Man lässt es zu, dass die Kritiker einen vor sich hertreiben, und tut alles, um im Umgang mit den historisch befrachteten Werken als besonders vorbildlich zu gelten. Am Schluss bleiben dann die Türen zur Sammlung geschlossen."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Verborgene Moderne. Faszination des Okkulten um 1900" im Wiener Leopold Museum (FAZ), "Solastalgie. Spaziergänge durch veränderte Landschaften" im Frankfurter Museum Giersch (FR), "Herausgeforderte Gemeinschaft" im Kunstmuseum Magdeburg (FR), "Apropos Sex" im Berliner Museum für Kommunikation (BlZ), "Wege zu einem verzauberten Land" mit Fotos des amerikanischen Fotografen Robert McCabe in der griechischen Botschaft in Berlin (BlZ), "Out of the Box" mit Glanzstücken aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste (Tsp) und "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" mit Arbeiten von 2000 v. Chr. bis Rebecca Horn im Potsdamer Museum Barberini (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2025 - Kunst

"Traumatische Fehlfunktionen" prägen die Kreaturen von Amelie von Wulffen, die Georg Imdahl (FAZ) im Kölnischen Kunstverein betrachten kann: "Seltsame Wesen wie Untote gestrandet, triggern Assoziationen von Verwesung und Moder, sind zudem auch noch flankiert von allerlei Insekten, die die Szenerie nicht einladender machen. Wenn Kunst auch mal hässlich sein darf, um eine desillusionierende Gegenwart von allgemeiner gesellschaftlicher Regression, von Klima, Krieg, heraufziehendem Faschismus zu beschreiben, dann erfüllt sie hier ebendiese Funktion. Das ist mutig. Zumal auch die Landschaftsmalereien, Veduten, Stillleben, die diesen Gestalten aufkaschiert sind, als kleine Fluchten in eine schönere Welt nicht wirklich funktionieren."

Die Aufregung über den Kunstraub im Louvre ist groß. In der Zeit schildern Hanno Rauterberg und Tobias Timm den Hergang der Tag, geprägt von "der Dreistigkeit der Siegesgewissen" (unser Resümee). Zunächst gelangten sie mit einem ausfahrbaren Lastenaufzug auf einen Balkon des Gebäudes, das Museum war schon geöffnet: "Auf dem Balkon angekommen, hatten sie mit Trennschleifern eine große Öffnung ins Glas der Balkontür geschnitten. Eine Tür übrigens, die vom Wetter und der Zeit recht mitgenommen wirkt, man sieht ihr den Renovierungsbedarf deutlich an. Was dann geschah, lässt sich auf einem kurzen, verwackelten Video besichtigen, aufgenommen von einem Museumsbesucher. Zu sehen ist einer der maskierten Täter in schwarzer Kleidung und gelber Warnweste, der sich ganz unaufgeregt, als würde er hier tun, was er immer tut, an einer der durchaus stabilen Vitrinen in der Mitte der Galerie d'Apollon zu schaffen macht. Die mit Trennschleifern bewaffneten Täter ahnten offenbar, dass die vier Wärter, die den Saal an diesem Vormittag bewachten, nicht sofort einschreiten würden (...) Und so konnten die Täter zehn der ungemein wertvollen Schmuckstücke aus der Vitrine reißen."

Man muss mehr tun, um die gestohlenen Schmuckstücke wiederzufinden, meint der Anwalt und "Kunstdetektiv" Christopher A. Marinello in der NZZ: "Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft hätte eine Belohnung ausgesetzt. Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft wäre ins öffentliche Fernsehen gegangen und hätte gesagt, dass die Kriminellen, wenn sie gefasst werden und die Juwelen zerbrochen haben, mit der zwei- oder dreifachen Gefängnisstrafe belegt werden. Um eine Botschaft zu senden, diese Stücke nicht aufzubrechen und zu zerstören. Gegenwärtig arbeiten etwa sechzig Beamte an dem Fall. Man hat auch eine israelische Ermittlungsfirma engagiert, die bereits beim Dresdner Diebstahl 2019 an den Untersuchungen beteiligt war. Man weiß es nie. Am Louvre-Raub waren vier Personen beteiligt. Vielleicht entscheidet sich einer von ihnen, die anderen drei zu verpfeifen. Kriminelle sind nicht für ihre Loyalität bekannt."

Außerdem: Für die taz sieht sich Ingo Arend auf der Istanbuler Biennale um (unser Resümee).
Stichwörter: Wulffen, Amelie von, Louvre

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.10.2025 - Kunst

Sonam Wangchuk, On Water. Ein sogenannter Eisstupa ist ein künstlich aufgeschichteter Eiskegel, der im Himalaya zur Speicherung von Schmelzwasser dient und so Wasserknappheit lindern soll.© Lobzang Dadul, Courtesy of Sonam Wangchuk

Harry Nutt blickt für die FR interessiert auf die Ausstellung "On Water" im Berliner Humboldt Forum. Die Schau vereint wissenschaftliche und künstlerische Zugänge zum nassen Element: "In Gestalt eines immersiven Entrees tritt man unter einen kuppelartigen Baldachin, in den die Bewegungsarten von Quallen projiziert werden, die sich bezeichnenderweise sehr gut mit mathematischen Modellen berechnen lassen. Einen ganz anderen Zugang zum Wasser haben die Künstlerin Mirja Busch und der Anthropologe Ignacio Farias gewählt, indem sie eine Klassifikation von Pfützen vorgenommen haben, von denen es bislang keine wissenschaftliche Definition gab, die aber hinreichend Aufschlüsse über ökologische Zusammenhänge zu liefern vermögen. (…) Die Pfütze als Sinnbild des vernachlässigten Rests. Ein Verzeichnis der Pfützen der Stadt böte in diesem Sinne so etwas wie die soziale Kartographie eines Gemeinwesens."

Neues zum Louvre-Kunstraub gibt unter anderem der Standard durch. Bereits gestern wurde bekannt, dass die Sicherheitsvorkehrungen im Pariser Museum zu wünschen übrig lassen und zum Beispiel nur in einem kleinen Teil der Räumlichkeiten Überwachungskameras verbaut sind. Ebenfalls im Standard interviewt Daniel Retschitzegger den Kunstmarktexperten Stefan Koldehoff, der darauf verweist, dass es gar nicht so schwer ist, auch in andere, vergleichbare Häuser einzusteigen. Zudem können sich Diebe auch juristische Regularien zunutze machen: "Man könnte sich beispielsweise vorstellen, kleine Knopfkameras in die Vitrinen solcher Stücke einzusetzen. Diese könnten die Gesichter der Besucherinnen erkennen. Das ist aufgrund des Datenschutzes aber nicht überall möglich. (…) In vielen Häusern hängen Überwachungskameras nur unter der Decke. In diesem Fall müssen Sie nur eine Basecap aufsetzen und sind nicht mehr erkennbar." Philipp Meier stellt derweil in der NZZ Spekulationen darüber an, ob französische Drogenbosse oder gar der Kreml hinter dem Diebstahl stecken könnten.

Wie steht es um die Gegenwartskunst in Erdoğans Türkei? Die Istanbuler Biennale jedenfalls, so Sabine B. Vogel in der NZZ, muss viele Kompromisse eingehen, um überhaupt zu überleben. Als Chefkuratorin war ursprünglich Defne Ayas vorgesehen, die den Posten nicht antreten durfte, nachdem bekannt wurde, dass in einem von ihr verantworteten Katalog der Völkermord an den Armeniern erwähnt wird. Stattdessen wurde Christine Tohmé berufen. Und jetzt? Ömer M. Koç, Vorsitzender des Hauptsponsors Koç Holding, sprach auf der Pressekonferenz die Konflikte nur indirekt an. "Im anschließenden Gespräch verwies er darauf, dass es gerade schwierig sei, weil es 'am Ende des Tages um Realpolitik' gehe. Aber darin sehe er auch Herausforderungen. Ähnlich reagiert Tohmé mit ihrem Biennale-Titel: Mit 'Dreibeinige Katze' wählt sie eine Metapher für Überlebensfähigkeit trotz Unvollständigkeit. 'Instabilität wird ins Positive gewendet', wie sie sagt." Die ausgestellten Künstler immerhin, fährt Vogel fort, üben sich in leiser Kritik an den Zuständen.

Weiteres: Elke Buhr spricht auf monopol mit Ann Carolin Prazan über die Ausstellung "Straight to the Heart", die in der Pariser Maison Guerlain, wo Prazan als Kulturdirektorin arbeitet, zu sehen ist und die sich der Liebe widmet. Lisa-Marie Berndt macht sich ebenfalls auf monopol Gedanken darüber, wie Taylor Swift Kunstgeschichte popularisiert. Besprochen wird die Schau "Genossin Kuckuck und andere Gestalten" der Comic-Künstlerin Anke Feuchtenberger im Schweriner Schleswig-Holstein-Haus (taz).