Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2025 - Kunst

"Fulminant" findet Freddy Langer in der FAZ die Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich. Frauenbilder in der DDR" im Dieselkraftwerk Cottbus, die sich in mehr als neunzig Werken auf die Spur der "legendären Ostfrau" begibt: "Bei aller Vielfalt in der Auswahl, die mit prominenten Künstlern von Curt Querner und Max Lachnit über Wolfgang Peuker und Arno Rink bis Clemens Gröszer und Angela Hampel reicht und bedeutende Fotografen wie Tina Bara und Gundula Schulze Eldowy oder Eva Mahn und Günter Rössler mit einschließt, ist Caroline Kühnes (Kuratorin der Schau, Anm. d. Red.) Vorliebe für strenge, kantige, verhärmte Gesichter und Figuren bis an die Grenze der Zerrissenheit nicht zu übersehen. Damit dominiert eine gewisse Kälte, weit entfernt von der staatlich verordneten Glückseligkeit des sozialistischen Menschen. Mag sein, dass sich darin ein Leben in der Mangelwirtschaft und unter den Gängeleien einer Diktatur widerspiegelt. Möglich auch, dass das Bröselnde, Verfallende des Lands gemeint war."

Das Museum sei einer "Restitution gegenüber natürlich offen", sagt im Monopol-Gespräch Kathleen Reinhardt, Direktorin des Berliner Kolbe-Museums, der erstmals in der FAZ vorgeworfen wurde, sie verschleiere den Raubkunst-Hintergrund des berühmten Tänzerinnen-Brunnens (Unser Resümee). Die Vorwürfe hätten sie überrumpelt, sei sie es doch gewesen, die die Recherchearbeit angestoßen habe: "Seit Anfang dieses Jahres konnten wir direkten Kontakt aufnehmen, seit Mai dieses Jahres wissen wir von einem Anwalt, dass Teile der Nachfahren wahrscheinlich die Verzichtserklärung von 2001 nicht kennen oder ihr nicht zustimmen. Das Kolbe-Museum hat das, was Stahl nicht nur mit seiner faktischen Enteignung angetan wurde, auch immer als das bezeichnet, was es ist: ein unverzeihliches, maßloses Unrecht. Wir haben allerdings den Begriff 'Raubkunst' nicht benutzt. Rückblickend stelle ich fest, dass wir mit der Nutzung des Begriffes Unklarheiten hätten vermeiden können."

Weitere Artikel: Im taz-Gespräch mit Sophie Tiedemann erzählt die bosnische Künstlerin Sejla Kameric die Geschichte hinter ihrer berühmt gewordenen Arbeit "Bosnian Girl". Im Welt-Gespräch mit Martina Meister erzählt Didier Fusillier, Direktor des Verbunds der französischen Staatsmuseen und Schlösser, wie er das wiedereröffnete Grand Palais in Paris mit Tanzaufführungen, After-Partys und DJ-Sets populär machen will. In der FAZ schreibt Oliver Maria Schmitt den Nachruf auf den im Alter von 76 Jahren gestorbenen Maler und Karikaturisten Ernst Kahl. Nachdem die wohl bekannteste Kirchenstatue Spaniens, die María Santísima de la Esperanza Macarena Coronada aus Sevilla bei einer Renovierung verunstaltet wurde, ist sie nun an das Andalusische Institut für Historisches Erbe überstellt worden, um restauriert zu werden, berichtet Rainer Wandler in der taz. In der NZZ verkündet Marion Löhndorf erfreut, dass der 70 Meter lange Teppich von Bayeux, der zum Unesco-Welterbe gehört und in Frankreich aufbewahrt wird, ab kommendem Jahr als Leihgabe im British Museum zu sehen sein wird. Im Guardian schreibt Kim Willsher zum Thema.

Besprochen werden die Ausstellung "Fantasie und Vielfalt. Nordamerika in der Sammlung Kulturen der Welt" über "Indianerbilder" in Europa im Lübecker Museum für Natur und Umwelt (taz) und die Ausstellung "Mensch Berlin" im Bank Austria Kunstforum Wien (Standard)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2025 - Kunst

Erst im Alter von 80 Jahren begann die australische Aborigines-Künstlerin Emily Kame Kngwarreye zu malen - in nur sechs Jahren schuf sie mehr als 3000 Gemälde, staunt Adrian Searle (Guardian), der ihre Werke in einer Ausstellung der Londoner Tate Modern bewundert, wenn ihm letztlich auch der Zugang fehlt: "Pfeilformen entpuppen sich als die Fußabdrücke von Emus im Sand, die auf ihrem Weg von hier nach dort eine Pause einlegen, um Früchte, Getreide oder Insekten zu fressen. … Manchmal sind die Bilder akribisch geordnet, ein anderes Mal krabbelt eine Linie überall herum, rollt und schwenkt über die große Leinwand. Es gibt Schneestürme von Punkten, durchscheinende weiße Linien, die das Territorium der Leinwand kreuzen und wieder durchkreuzen, und nachdrückliche schwarze Linien, die eine weiße Oberfläche mit Zeichen durchziehen, die fast zusammenhängen - aber zu was?"

In der SZ kommt Jörg Häntzschel - nach Hubertus Butin in der FAZ (unser Resümee) - auf die Geschichte um Georg Kolbes Tänzerinnen-Brunnen für den in Theresienstadt ermordeten Versicherungsdirektor Heinrich Stahl zurück: Kathleen Reinhardt, Museumsdirektorin des Berliner Kolbe Museum, in dessen Garten der Brunnen steht, wollte in diesem Fall von Raubkunst nichts wissen, sondern veröffentlichte eine "ambitionierte 80-seitige Publikation ... Und ja, auch die Geschichte von Heinrich Stahl, seinem Tod im KZ und dem Zwangsverkauf wird detailliert erzählt. Doch so wortreich diese Texte sind, ein paar entscheidende Wörter fehlen, darunter 'geraubt' und 'verfolgungsbedingt entzogen'. Stattdessen heißt es, der Käufer habe die Villa samt Brunnen 'zu einem Spottpreis erworben'." Versäumnisse räumt Reinhardt der SZ gegenüber ein, die Publikation zurückziehen will sie nicht.

Dafür sieht Tobias Timm in der Zeit auch keinen Grund: "Recherchiert man dem vermeintlichen Skandal nach, zerbröseln die krassen Vorwürfe schnell. Das Museum selbst hat die Geschichte des Brunnens in den vergangenen Jahren akribisch aufgearbeitet. Und bereits vor Monaten wurde das Schicksal von Heinrich Stahl, der das KZ Theresienstadt nicht überlebte, in einem Ausstellungsraum thematisiert. Eigens erschien ein Katalogbuch, in dem mehrere Autorinnen alle greifbaren Informationen zum Tänzerinnen-Brunnen zusammengetragen und diskutiert haben."

Weitere Artikel: In der Zeit lässt Jolinde Hüchtker von dem US-amerikanischen Künstler Jordan Wolfson in der Fondation Beyeler einen Ganzkörper-Scan machen und sich die VR-Brille aufsetzen, um sich als Avatar von allen Seiten zu betrachten. In der FAZ hat Karlheinz Lüdeking wenig Freude daran, sich in der Ausstellung "Freischwimmen - Köpper in die Kunst" im Kunstmuseum Wolfsburg von einem "Activity-Guide" zum Haiku schreiben oder Roboter bauen animieren zu lassen.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2025 - Kunst

Peter Richter besucht für die SZ die große Schau in der Hamburger Kunsthalle zu dem vor fünfzig Jahren auf hoher See verschollenen Konzeptkünstler Bas Jan Ader (siehe auch hier). Die Schau präsentiert einen, der heute fehlt, findet Richter, nicht zuletzt, weil sich in vielen Arbeiten Spielerisches und Ernstes miteinander verbinden: "In Hamburg haben sie eine Installation wieder aufgebaut, bei der graue Betonblöcke an dürren Stricken bedrohlich über Blumentöpfen, Eiern, Geburtstagstorten, Porträts lieber Menschen baumeln: 'Light vulnerable objects threatened by eight cement bricks'. Das ist ein Sinnbild wie aus dem Barock, wo zum Beispiel die berühmten holländischen Stillleben ja auch nur deswegen die Daseinsfreude so herausstreichen, um etwas über die Todesnähe zu erzählen."

Weitere Artikel: Elke Linda Buchholz schreibt im Tagesspiegel zum 25. Jubiläum der Berliner Kunstkirche St. Matthäus. Silke Hohmann unterhält sich für monopol mit dem c/o Berlin-Gründer Stephan Erfurt. Harff-Peter Schönherr berichtet in der taz über ein partizipatives Projekt des Kunstorts M.1 in Hohenlockstedt.

Besprochen werden die Stundenbuch-Ausstellung "Les Très Riches Heures du Duc de Berry" im französischen Schloss Chantilly (FAZ), Marius Berceas Schau "New Tenant Sunshine Noir" in der Bukarester Jecza Galerie (monopol), die Ausstellung "European Realities" im Museum Gunzenhauser Chemnitz (taz) und "A Heart Beats - Queere ukrainische Kunst im Fokus" im Berliner Schwulen Museum (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2025 - Kunst

Gerhard Richter, Abstract painting, 2009 Huile sur toile, 180 x 180 cm Collection Carmignac © Gerhard Richter, 2025

In der Welt nimmt Martina Meister gern die Bootstour auf die französische Ile de Porquerolles an der Côte d'Azur auf sich, um die Ausstellung "Vertigo" in der Fondation des Kunstsammlers und Milliardärs Edouard Carmignac zu sehen. Gibt es hier doch eine exquisite Sammlung abstrakter Werke von Helen Frankenthaler über Otto Piene und Thomas Ruff bis Olafur Eliasson zu sehen. Die Ausstellung beginnt "mit einer Auftragsarbeit von Flora Moscovici, zu der man eine Treppe hinuntersteigt. Die Französin verwandelt gern Räume, die sie als zweite Haut bezeichnet, vom Fußboden bis zur Decke in begehbare Bilder. Auch dieses Mal hat sie in situ gearbeitet und sich von der Landschaft und den Farben der Mittelmeerinsel mit starken Blau-, Grün- und Lilatönen inspirieren lassen. Moscovici hat ihre Pigmente kaum verdünnt und wie ein impressionistisches Gemälde über einen rechten Winkel aufgetragen. Der Titel ihrer Wandmalerei - 'A la poursuite du rayon vert' (Auf der Suche nach dem grünen Strahl) - ist eine Anspielung auf den gleichnamigen Roman von Jules Verne, in dem eine junge Schottin vor einer Zwangsheirat flieht und auf der Suche nach dem Naturphänomen in einer Grotte das absolute Glück findet."

Mehtap Baydu, Mitgift-Çeyiz-Dowry, 2024-25

Migration und Identität, Herkunft und Heimat, Geschlecht und Körper sind die Leitthemen der deutsch-kurdischen Künstlerin Mehtap Baydu - und die bringt sie in eine poetische Form, stellt Ingo Arend (taz) in der Ausstellung "Lass deinen Regen regnen" in der Kunsthalle Baden-Baden fest: "Eines der ersten Beispiele dieser unnachahmlichen Fähigkeit zur poetischen Formgebung ist die von Baydu erfundene Person des Osman. Auf einer Fotografie verkörpert die Künstlerin selbst den fiktiven, Fotografien der 60er Jahre nachempfundenen, 'Gastarbeiter', den sie 2009 erfolgreich einige Jahre in der Westerwald-Gemeinde Hachenburg anmeldete. In einem winterlichen Schneefeld auf einem Stuhl sitzend, gekleidet in einen steifen, dunklen Männeranzug nach Art der frühen Gastarbeiter, repräsentiert die Figur einen sozialen Typus. Zugleich unterläuft sie aber dieses Rollenbild als verwirrender, androgyner Zwitter, dessen Lippen ein feines Lächeln wie das der Mona Lisa umspielt."

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Für die Welt spricht Michael Pilz mit dem vor allem für seine Kanzlerporträts von Helmut Kohl berühmt gewordenen Fotografen Daniel Biskup, dessen Bildband "Spuren" mit Aufnahmen von sozialistischen Wandbildern und Industrieruinen der Nachwendejahre gerade erschienen ist, über den Graben zwischen Ost und West: "Seit der Flüchtlingskrise fühlen sich manche sogar als Bürger dritter Klasse. Nach der Wahl 2017 war ich in Dorfchemnitz, dem ersten Ort, wo die AfD schon auf fast 50, auf 48 Prozent kam. Die einzige Politikerin, die dort war und mit den Leuten gesprochen hatte, war Frauke Petry. Dort hat sich auch das Narrativ verfestigt: Für die Flüchtlinge ist Geld da, für uns und unsere Orte nicht. Die AfD spielt solche Themen."

Weitere Artikel: Andreas Kilb betrachtet für die FAZ die Bronzen von San Casciano dei Bagni in der James-Simon-Galerie in Berlin. Besprochen wird außerdem die Ausstellung  "I'm searching" mit Werken des niederländisch-amerikanischen Künstlers Bas Jan Ader, der vor 50 Jahren auf einer Segeltour verschwand, in der Hamburger Kunsthalle (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2025 - Kunst

Die Hannoveraner Provenienzforscherin Annette Baumann hat ihre Recherchen zur umstrittenen Sammlung Doebbeke im Sprengel Museum veröffentlicht. Taz-Kritikerin Nadine Conti ist nicht ganz zufrieden, insbesondere weil die Vorwürfe, die Stefan Koldehoff im Deutschlandfunk-Podcast "Tatort Kunst" erhebt, nämlich mangelnde Kooperationsbereitschaft, kaum entkräftet werden: Als "die von vielen erwartete Frage nach dem Podcast kam, bürstete Museumsdirektor Reinhard Spieler sie mit drei Sätzen ab: Man hätte an diesem Podcast vieles zu kritisieren, wolle das hier aber jetzt nicht tun und auf gar keinen Fall würde man sich Restitutionen verweigern. Punkt. Aus. (…) Der unsouveräne Umgang mit Kritik ist auch deshalb schade, weil diese Geschichte nun erst recht Baumanns Arbeit überschattet. Dabei hat die Provenienzforscherin ja durchaus einen Punkt, wenn sie (…) sagt, dass sich der Erwartungsdruck in der Öffentlichkeit oft beißt mit den Bedingungen in der Provenienzforschung", die mit "gewaltigen Lücken in der Überlieferung" und Geldmangel zu kämpfen habe.

Steve McQueen: Bass. Bild: Pati Grabowicz.

NZZ-Kritikerin Maria Becker begibt sich "in eine verstörende Klanghöhle" beim Besuch von Steve McQueens Installation "Bass" im Schaulager Basel: In einem raumgreifenden Zusammenspiel aus Basstönen und Farblichtern widmet sich der Künstler der "middle passage", der Zeit also, in der Teile Europas durch Sklavenhandel reich wurden: "Zum Kalkül der Händler gehörte nicht nur die Nutzung der Sklaven als Ware, sondern auch der Verlust der Menschenwürde. Durch die Dunkelheit in den engen Räumen des Schiffsbauchs verloren die verschleppten Afrikaner ihr Zeitgefühl. Die ehemals freien Menschen wurden auf ihr Schicksal als Sklaven vorbereitet. Leid, Elend und Desorientierung waren Programm. McQueen hat die 'Middle Passage' einige Jahre als Idee mit sich herumgetragen. Es fasziniert ihn die Frage, wie diese Erfahrung der Raumlosigkeit durch ein bestimmtes Klangspektrum erzeugt werden kann. Sein Werk 'Bass' bringt sie in eine abstrakte und radikal reduzierte Form. Von der Beklemmung bleibt allein die Wahrnehmung des Orientierungsverlusts."

Weiteres: Monopol berichtet von der Trauerfeier für Günther Uecker.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2025 - Kunst

Gruppenporträt der Expeditionsteilnehmer Griaule, Lifshitz, Roux, Abba Jérôme, ein Sklave (Dasta), Leiris, ein Kind, am Eingang eines Dorfes in der Gegend von Gondar, Äthiopien, im Juli 1932 © Marcel Griaule / Pressedienst / Musée du Quai Branly - Jacques Chirac


Joseph Hanimann berichtet anlässlich der Ausstellung "Mission Dakar-Djibouti - Contre-enquête" im Pariser Musée du Quai Branly für "Bilder und Zeiten" (FAZ) über die Forschungsexpedition quer durch Afrika, die der Ethnologe Marcel Griaule von Mai 1931 bis Februar 1933 durchführte: Den Expeditionsbericht schrieb damals Michel Leiris, dessen Feldtagebuch "L'Afrique fantôme" in einer "exzellenten Edition" kürzlich unter dem Titel "Phantom Afrika" auf Deutsch erschien und der die teils sehr unfeinen Methoden der Aneignung von Artefakten nicht beschönigte: "So Anfang September 1931 in der Gegend von Kéméni, im heutigen Mali. Dort hatten die Franzosen an einer Opferstätte ein Fetischobjekt ausgemacht, das sie gern näher ansehen wollten. Die Unterredung mit dem Vorsteher des Orts zieht sich in die Länge, bis der Expeditionschef Griaule die Geduld verliert und diesem mitteilen lässt, man wolle sie da offensichtlich an der Nase herumführen, deshalb müsse das Ding ihnen unverzüglich ausgehändigt werden, andernfalls würden sämtliche Notabeln des Dorfs von den (angeblich) im Auto wartenden Polizisten zum Verhör abgeführt. Griaule und Leiris wickeln dann höchstselbst, da keiner der umstehenden Männer sich traut, den Fetisch in ein Tuch und verlassen den Ort 'wie Diebe', so Leiris in seiner Aufzeichnung."

Weitere Artikel: Hilka Dirks besucht für die taz den Berliner Kunstraum CCA. Hubertus Butin erzählt in der FAZ die Geschichte von Georg Kolbes Tänzerinnen-Brunnen für den in Theresienstadt ermordeten Versicherungsdirektor Heinrich Stahl, der im Garten des Berliner Georg Kolbe Museum steht, und er kritisiert die Museumsdirektorin Kathleen Reinhardt, die von Raubkunst in diesem Fall nichts wissen wolle.

Besprochen werden außerdem eine Ausstellung der Sammlung Christoph Müllers im Berliner Kupferstichkabinett (Tsp) und die Ausstellung "Wangechi Mutu: Black Soil Poems" in der Galleria Borghese in Rom (monopol).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2025 - Kunst

© Brecht Evens - Atelier Michael Woolworth, Paris

Andreas Platthaus (FAZ) ist ohnehin Fan des belgischen Comiczeichners Brecht Evens, und zwar nicht erst, seit der für die "Travel Books" von Louis Vuitton gemeinsam mit dem amerikanischen Künstler Michael Woolworth mit Lithografien experimentierte. Der Technik ist er für sein neuestes, bislang größtes Comicvorhaben "Le roi Méduse" treu geblieben, und die "Biennale du 9e art" in der französischen Hafenstadt Cherbourg widmet ihm nun eine große Einzelretrospektive im stadteigenen Musée Thomas Henry, freut sich Platthaus. Zu sehen sind nicht nur Evens' Lithografien, der Künstler fertigte auch ein Gemälde vor Ort an: "Neben einer dem Farbreichtum seines Comic-Stils entsprechend bunten Acryl-Palette hat Evens auch farbige Papierbögen mitgebracht, die er scheinbar wahllos zerreißt und die Fragmente auf die Leinwand klebt, um sie wieder teilweise zu übermalen. Innerhalb von kaum zwei Stunden entsteht so das Motiv, das Evens im Kopf hatte: eine vielbevölkerte regnerische Straßenszene, deren Schirmphalanx dem Genius Loci Tribut zollt: Seit Jacques Demys genauso farbenberauschtem Spielfilm 'Die Regenschirme von Cherbourg' aus dem Jahr 1964 hat die meist sonnige Stadt ihren Ruf weg, daraus jedoch ein positives Markenzeichen gemacht."

Hito Steyerl. Ausstellungsansicht. ©kunst-dokumentation.com/MAK

Tatsächlich ist es die erste Einzelausstellung, die das Wiener MAK der Multimedia-Künstlerin und Filmemacherin Hito Steyerl nun unter dem Titel "Der Menschheit ist die Kugel bei einem Ohr hinein und beim anderen herausgeflogen" widmet, staunt Hannes Hintermeier ebenfalls in der FAZ. Zu sehen ist etwa Steyerls Film "Mechanical Kurds", für den sie unterbezahlte sogenannte Microworker begleitete, die in nordirakischen Flüchtlingslagern mittels Datenanalyse Drohnen-Herstellern halfen, ihre Produkte zu optimieren: "Über die Hintergründe des Auftrags - der die Bilderkennungssysteme der KI verbessern sollte - wurden sie im Unklaren gelassen. Als die KI die Aufgabe erledigen konnte, waren die Microworker Geschichte. Um diesen Prozess geht es in den rund ein Dutzend Gesprächen, die Steyerl mit solchen Datenarbeitern geführt hat, nachdem sie es geschafft hatte, 2023 eine Einreisegenehmigung für den Irak zu ergattern. (…) Steyerl findet mit rhythmisierter Musik und Hall unterlegte Bilder, die das Elend des Lagers mit einer von Drohnen kontrollierten Phantasiewelt samt den Feuerbällen explodierender Tuk-Tuks und jungen Männern kontrastiert, die um brennende Autos herumtanzen."

© Nelly Rau-Häring, "Potsdamer Platz im Bau", November 1999 bis Juni 2000
Ein bisschen nostalgisch wird Gunda Bartels im Tagesspiegel schon, wenn sie im Berliner Haus am Kleistpark in der Ausstellung "Berlin Eins" mit Fotografien von Nelly Rau-Häring, André Kirchner und Peter Thieme das Berlin der Neunziger wieder sieht: "Die merkwürdige Leere, die die von André Kirchner in der Serie 'Vertikales Berlin' in Hochformate gebannte und die auch Peter Thiemes Querformate prägt, hat nicht nur damit zu tun, dass beide stets frühmorgens fotografiert haben. Sondern eben damit, dass etwa auf dem Bild 'Nordbahnhof, Invalidenstraße, 1990' die Brachen und der hohe Himmel einer Stadt im Wartezustand zu sehen sind. ... Sieht man ein Foto wie Kirchners Aufnahme eines runtergerockten Gründerzeitbaus in der Motzstraße von 1998, kommt prompt die Zuschreibung 'abblätternde Fassaden, ist also Osten' ins Wanken. Das hier in Schöneberg einst residierende 'Hotel Sachsenhof' hat offenbar keine Zukunft mehr für sich gesehen, so blind wie die Fensterscheiben aussehen."

Weitere Artikel: Anlässlich seines neuen Buches "Kunst in Sicht", für das Otto Waalkes Meisterwerke der Kunstgeschichte mit Ottifanten neu interpretiert hat, spricht David Steinitz in der SZ mit dem Comedian über Kiffen, Kunst, Kino und das Studium an der Hamburger Kunsthochschule. Besprochen werden die Ausstellung "Sehend denken - 100 Jahre Lucius und Annemarie Burckhardt" in der Universitätsbibliothek Basel (taz) und eine Henri-Cartier-Bresson-Ausstellung im Wiener Fotoarsenal (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2025 - Kunst

Bild: Tomasz Sikorski, RESISTANCE, 1981, London Video Arts & Air Gallery, Londyn

Die Relevanz von Kunst für die Widerstandskraft einer Gesellschaft ist meist in Osteuropa zu erleben, jüngst etwa in der Ausstellung "The Cynics Republic - Plac Defilad" des Warschauer Moderne-Museums, meint Regine Müller in der taz: Kunst aus dem politischen Widerstand gegen die sozialistischen Regime Osteuropas seit den 1960er Jahren wird hier derzeit Werken aus der österreichischen, auf Kunst aus Osteuropa spezialisierten Kontakt Sammlung gegenübergestellt, die vor allem Neo-Avantgarde-Kunst enthält: "Die besteht vor allem aus dokumentierten Performances. Deren kargen Materialien verdanken sie jener Zeit des Mangels, oft arbeiten sie mit Mitteln der Selbstironie und des Humors. Wenn etwa ein grobkörniges Video einem ernst Dreinschauenden beim rituellen Kürzen seines Bartes zuschaut. Oder wenn der kroatische Performancekünstler Slaven Tolj zwischen einer Wodka- und einer Whiskeyflasche sitzt und immer wieder aus einem Shaker nascht, in dem beide hochprozentige Stellvertreter zweier Welten ein explosives Gemisch ergeben. Das Ergebnis ist ein Ohnmachts-Rausch, der Titel des Videos lautet ziemlich visionär 'Globalisation'."

Pascal-Désir Maisonneuve: Sans titre. Crédit photographique : Centre Pompidou, MNAM-CCI/Audrey Laurans/Dist. GrandPalaisRmn

Sperrig sind sie, mitunter roh, doch Bernhard Schulz (Monopol) kann sich der Faszination der rund 400 Werke, die die Ausstellung "Art brut. Dans l'intimité d'une collection. Donation Decharme au Centre Pompidou" im Grand Palais in Paris derzeit zeigt, nicht entziehen: So "stoßen die Besucherinnen und Besucher auf ungemein detailreiche Zeichnungen, die aus Schachteln hervorgehen oder ursprünglich zusammengebunden sind; wie Logbücher der inneren Befindlichkeit. Es sind Werke, die nicht auf eine Betrachterin oder einen Betrachter zielen, sondern im Gegenteil verborgen bleiben, offenkundig nur ihrem jeweiligen Schöpfer. So von dem 2015 verstorbenen Zdenek Kosek, der sich nach einem traumatischen Erlebnis in seine eigene Welt zurückgezogen hatte. Von ihm stammt das im umfangreichen Katalog wiedergegebene Zitat, 'Wenn ich nicht versuchte, die Probleme der Welt zu lösen, wer sonst würde es dann machen?'"

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel annonciert Birgit Rieger ein Symposion am Berliner Georg Kolbe-Museum zur Provenienz von Kolbes Tänzerinnenbrunnen im Museumsgarten. 

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Welto and the Sacred Bush" in der Spore Initiative über karibische Gärten als Alternative zur Monokulturlandwirtschaft (taz) und die Ausstellung "Schweizer Schätze aus dem Museum Langmatt" im Wallraf-Richartz-Museum & Foundation Corboud in Köln (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2025 - Kunst

Ausstellungsansicht "Werner Tübke. Metamorphosen". Foto: Städel Museum - Norbert Miguletz

Das Frankfurter Städel ist durch die Schenkung Beaucamp an Zeichnungen Werner Tübkes gelangt - und präsentiert sie nun in einer spektakulären Schau. Beaucamp war bekanntlich FAZ-Kritiker und feierte jahrelang die handwerklich so versierten und konservativen DDR-Künstler als Alternative zum unordentlichen Betrieb im Westen. Stefan Trinks rekonstruiert in der FAZ die heterogenen, bis in die Kunst des Mittelalters zurückreichenden Einflüsse, die Tübkes Bilder amalgamieren und stößt anschließend zum inhaltlichen Kern des Werks vor: "Die spektakuläre Auswahl ermöglicht einen Gang durch Tübkes Œuvre von den Fünfzigern bis in die frühen Zweitausenderjahre, entlang seiner konstanten Zerrissenheit und lebenslangen Parteinahme für die Verlierer der Geschichte, wie die unterlegenen Bauern im Krieg von 1525 oder jene der unausgesetzten sozialen Aufstände von der französischen Revolution bis ins zwanzigste Jahrhundert. Die Erinnerungsarbeit und sympathetische Parteinahme konnte auch Tote umfassen, derer als Individuen jenseits staatlicher Rituale in der abstrakten Nachkriegskunst lange niemand gedachte, vor allem jene des Holocaust, denen Tübke die langjährige und vielgestaltige Bildfolge 'Lebenserinnerungen des Dr. jur. Schulze' als Opfern grausamster Willkürjustiz widmete."

Judith von Sternburg stürzt sich für die FR ebenfalls auf die in mehrere inhaltliche Blöcke aufgeteilte Tübke-Schau und ist besonders angetan von der "wirklich fabelhaften Abteilung 'Fabeln'". Hier "lässt sich gleich ein Einhorn mit verbundenen Augen erschlagen, der Mann holte schon mit dem Hammer aus. Die Umstehenden aggressiv und erpicht. Auf den Zeichnungen Tübkes tun Menschen furchtbare Dinge. Sie tun dies in unerklärlichen Situationen. Das wie getarnt Unrealsozialistische an Tübkes Bilderwelt besteht nicht zuletzt darin, dass man zunächst vieles erkennt und den Eindruck haben muss, hier werde eine Geschichte erzählt. Erst dann begreift man, dass diese Geschichte nicht zu erklären, dass sie ohne Worte ist."

Weitere Artikel: Alexandra Wach bespricht in der FAZ Anke te Heesens Buch über künstlerische Frauenzimmer. Rumänien erhebt Anspruch auch ein El-Greco-Gemälde, meldet Olga Kronsteiner im Standard. Dirk Schümer berichtet in der Welt über eine Gefängniskapelle in Soest, die zu einem Museum ausgebaut wird, das sowjetischer Kriegsgefangener gedenkt, die in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs "durch gezieltes Aushungern, medizinische Vernachlässigung, katastrophale Unterbringung und direkte Ermordungen" ums Leben kamen.

Besprochen werden die Ausstellung "Lenins Tod. Eine Sektion. Psychiatrie, Pathologie und Propaganda" im Medizinhistorischen Museum Hamburg (SZ), Nina Könnemanns Schau "BLOCKEN" im Berliner Haus am Waldsee (BlZ), "Happy Place", die dritte Freiburg Biennale für Gegenwartskunst (taz) und Pia Lanzingers Schau "Little Big Cha(lle)nges" im Berliner CLB (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2025 - Kunst

"Polympsest" ist die Serie von siebzehn neuen Bildern benannt, die Norbert Bisky zum Einstand der in Berliner Galerie Esther Schipper ausstellt und Ingeborg Ruthe bewundert in der FR die fragmentierten Gestalten, die auf mitunter roh belassenen Leinwänden zwischen urbanen Landschaften und ruinösen Plattenbauten umherirren und ihr die "Folgen der Polykrise für Psyche und Gesellschaft" zeigen: "Die scheinbar bunte und verspielte Ästhetik hat etwas Kämpferisches, nicht nur in ihren narrativen Anspielungen auf soziale Unruhen, sondern auch in ihrer Beharrlichkeit auf einer gesellschaftspolitisch kodierten Farbgebung. Vermeintlich Sicheres mischt sich mit Unsicherem, Tradition mit Moderne, Normalität mit dem immerfort alarmistischen Ausnahmezustand. Die Großstadt mit ihren eher disparaten Communitys und Parallelgesellschaften; Wohnviertel und Infrastruktur gentrifiziert oder aber gleichgültig und ideenlos dem Verfall ausgeliefert. Mal große Party, freizügig karnevalesk und zum friedlichen Demonstrieren bereit, oder aggressiver Proteste wütender Massen. Junge Männer in scheinbar konfrontativen Gruppen, vermummt, maskiert, schreiend, gestikulierend, die Finger zum Pistolenschuss geformt."

Jimmi Wing Ka Ho, The view of St. Michael's Cathedral, Qingdao, 2024

Nicola Kuhn (Tagesspiegel) kommt durchaus irritiert aus der Ausstellung "Invisible City" im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum, in der der Fotograf Jimmi Wing Ka Ho Aufnahmen aus der einstigen deutschen Kolonialstadt Qingdao an der Nordostküste Chinas, die heute als touristische Attraktion dient, zeigt: "Jimmi Wing Ka Ho brachte von seiner Reise unter anderem das schwankende Video aus dem Ausflugspark mit, welches nun seine Kölner Ausstellung 'Invisible City' eröffnet und suggestiv ein Gefühl der Verunsicherung auslöst. Auch den Künstler irritierte, wie herausgeputzt die deutsche Vergangenheit im Stadtbild erscheint, als wäre es nur eine harmlose Periode gewesen. Die Spuren der darauffolgenden japanischen Besatzung bis 1945 werden dagegen eliminiert. Der 32-Jährige kam noch rechtzeitig, um brüchige Häuser dieser Periode zu fotografieren, bevor sie abgerissen werden. An ihnen manifestiert sich für China das 'Jahrhundert der Demütigung', welches bei den Bauten der deutschen Kolonisatoren ausgeblendet bleibt."

Weitere Artikel: In der SZ gratuliert Elke Heidenreich dem Berliner Maler und Zeichner Michael Sowa zum Achtzigsten.

Besprochen werden die Ausstellung "Engel der Geschichte" im Berliner Bode-Museum (NZZ) und die Helsinki-Biennale (FAZ).