Bedeutend zurückgenommener als die zeitgleich im Pariser Centre Pompidou stattfindende Wolfgang-Tillmans-Ausstellung (unser Resümee) erscheint die Schau, die das Haus Cleff dem Fotografen derzeit in seiner Heimatstadt Remscheid ausrichtet, bemerkt Lars Fleischmann (taz), der hier von Tillmans die Geschichte der Stadt Remscheid erzählt bekommt: "Er zeigt ihre Industrie, ihre Maschinen, ihre Arbeiter. Sinnlich und stofflich inszeniert er Schutzkleidungen, glühende Metalle, meterhohe Sägeblätter der ortsansässigen Firma Lennartz. Nah, aber nicht menschelnd, geradezu beiläufig wirken seine farbsatten Aufnahmen aus einer Produktionshalle der Montanfabrik Dirostahl. Ein Arbeiter schaut mit zusammengekniffenden Lippen und müden Augen in die Kamera, hat sich scheinbar gerade erst zu ihr hingewandt, sein Gesichtsschutz ist nach hinten geklappt, sitzt wie die goldene Mitra eines Bischofs über seinem Kopf. Tillmans' Dokumentarismen werden beständig durch seine Werbeästhetik hopsgenommen, manchmal meint man, die Fotografien entstammten einer Image-Kampagne des Bundeswirtschaftsministeriums für die Industrienation Deutschland, hätten die Bilder nicht auch ihre Ambivalenz."
Philip-Lorca diCorcia: "Marilyn, 28 years old, Las Vegas, Nevada, $30". Haus der Photographie/Sammlung F.C. Gundlach, Hamburg.
Frank Keil atmet indes in der taz auf, die Kunst von Nan Goldin mal wieder jenseits von BDS-"Getöse" zu sehen - und zwar in der Stadtgalerie Kiel, die in der Ausstellung "High Noon" Fotografien von Goldin, ihren langjährigen Wegbegleitern David Armstrong und Mark Morrisroe sowie von Philip-Lorca diCorcia zeigt, "der mit der Goldin-Clique nie etwas zu tun haben wollte, weshalb er für die Mehrzahl seiner Bilder einen separaten Raum bekommen hat. Dass er am Ende auf eigene Weise doch dazu gehört, sieht man, schaut man seine Serie über männliche Prostituierte in Los Angeles an, für die er 1992 ein Stipendium bekam. Das wiederum war an eine Bedingung geknüpft: Er dürfe von dem Geld keine so genannten obszönen Bilder erschaffen - es war das Zeitalter des Ronald Reagan. Doch diCorcia wusste sich zu helfen: Vordergründig bekleidet, offenbaren seine Protagonisten sorgsam inszeniert ihr Innerstes, dazu nüchtern der Name, der Ort, der Preis pro sexuelle Dienstleistung. Schlicht ikonisch sein Bild 'Marilyn, 28 years old, Las Vegas, Nevada, $30', weit mehr als ein visuelles Marilyn-Monroe-Zitat..."
Weitere Artikel: Mit Blick auf Meditationsräume und Achtsamkeitsübungen in Museen geht Astrid Mania in der SZ äußerst skeptisch der Heilkraft von Kunst nach.
Gaby Hartel schwebt für die taz nahezu durch die Werkschau "A K Dolven. amazon", die das Osloer Nationalmuseum der Künstlerin ausrichtet. Schon vor der Tür geht es los mit dem einmischenden Charakter ihrer Installationen: "In 'Untuned Bell' (2010-2020) geschieht dies im Dialog mit der Überwältigungsarchitektur, die den kleinen Osloer Jachthafen dominiert: der Festung, dem gigantischen Rathaus und dem gastgebenden Nationalmuseum selbst. (…) Vor diesem Dreieck städtebaulicher Selbstdarstellung demonstriert A K Dolvens große, elegante Soundskulptur, dass ein künstlerisches Statement im öffentlichen Raum dem Publikum zugewandt sein kann. Zwischen zwei Stahlpfeilern an einem Stahlseil hängt in 20 Metern Höhe eine große, schwere Glocke, die zum Klingen gebracht wird durch das entschiedene Niederpressen eines 'Cry Baby'-Fußpedals, eines Readymades aus der Rockgeschichte. Die Assoziation der englischen Redewendung 'putting your foot down' (etwa: 'den eigenen Standpunkt behaupten') ist durchaus erwünscht. Denn jede:r Passant:in ist eingeladen, das Pedal zu bedienen und durch diesen performativen Akt nicht nur spielerisch den normierten Alltagstrott zu unterbrechen, sondern mit dem Glockensound auch ein demokratisches Störgeräusch in die Stadtratssitzungen zu senden."
Weiteres: Die überbordende Kunst des mittelalterlichen Buches "Très Riches Heures du duc de Berry" ist nach 600 Jahren zum ersten Mal in Gänze im Chateau de Chantilly zu sehen, der Auftraggeber starb, bevor er das Werk je in voller Pracht erblicken konnte, weiß Dirk Schümer in der Welt.
In "Bilder und Zeiten" (FAZ) fragt sich Bernd Stiegler, woher das neue, durch zahlreiche Studien dokumentierte Interesse an der Arbeiterfotografie der Weimarer Republik kommt. Sie ist so wenig bildbandtauglich, denkt er sich, und eröffnet einen neuen Blick auf die Fotografie jener Zeit: "Man verlässt das Feld der Kunstgeschichte, in der Karl Blossfeldt, Albert Renger-Patzsch oder August Sander, um nur das Dreigestirn der Neusachlichen Fotografie zu nennen, mittlerweile fest etabliert sind, und betritt das der Visual Culture, das auch ohne Namen auskommt. Viele der seinerzeit publizierten Aufnahmen trugen nämlich keine Namen. Sie stammen von Arbeitern, nicht von Künstlern. Dadurch ergibt sich - und das dürfte ein zweites Faszinosum dieser Aufnahmen sein - eine andere Haltung zu den Bildern, die ganz bewusst auf eine emotional-solidarische Mobilisierung zielen. Nicht die politische Position der Fotografen ist entscheidend, sondern die emotionale Wirkung ihrer Bilder."
Weiteres: In der NZZberichtet Philipp Meier von der Arte Soazza im Misox, wo zehn Künstler Werke vor Ort geschaffen haben. Besprochen werden die Ausstellung "Fiona Tan: Monomania" im Rijksmuseum Amsterdam (Welt), eine Ausstellung mit Arbeiten von Ursula Sax und Renate Hampke in der Berliner Galerie Semjon Contemporary (Tsp), eine Ausstellung des österreichischen Künstlers und Umweltaktivisten Edgar Honetschläger im Nordico-Stadtmuseum in Linz (Standard) und eine Ausstellung des Maler-Ehepaar SOOKI und Mathias Koeppel in der Berliner Galerie Nierendorf (Tsp).
Birgit Dieker: All her Colours, 2025, Kleidung, situationsspezifische Installation. Courtesy the artist, Foto: Jürgen Baumann, Berlin Seit drei Jahrzehnten zieht das Ausstellungsprojekt "Rohkunstbau" durch verschiedene Schlösser in Brandenburg und hält dieses Jahr mit der Ausstellung "Ästhetische Wiederbewaffnung" mal wieder im Schloss Altdöbern in der Lausitz Einzug, freut sich Katrin Bettina Müller in der taz. Die Werke, die hier ausgestellt werden, tragen keine platten politischen Botschaften, sondern überzeugen durch "Verführung, Überschwang, morbide Schönheit, dramatisches Spiel, witzige Fiktionen, märchenhafte Elemente", staunt Müller. Etwa die Arbeit "All her Colours" von Birgit Dieker, die mit Textilien, Altkleidern und ihren Gebrauchsspuren arbeitet: Ihre Skulptur, "aus vielen Schichten Stoff gebaut, wölbt sich wie ein Mantel mit Kapuze über einem schwarzen Stamm mit Wurzeln, ebenfalls detailreich aus Stoffen geformt. Das Gewachsene und das Menschengemachte bilden zusammen eine hybride Figur. Umgeben ist sie von bukolischen Szenen in den alten Wandbildern. Was dort noch als Harmonie inszeniert ist, muss in Diekers Arbeit die Balance immer wieder neu tarieren."
Bernhard Schulz erinnert auf monopol an den verstorbenen Maler Herbert Brandl. Der spezialisierte sich auf Bergmotive, was schnell in belanglosen Ökokitsch hätte kippen können, aber der Maler verstand es, die Klippen der Klischees zugunsten einer reinen Malerei zu umschiffen, versichert Schulz: "Brandl konnte sehr wohl auch naturalistisch malen, und angesichts stiller Bergseen oder schneeglänzender Gipfel musste das Adjektiv 'romantisch' zwangsläufig fallen. Nur, dass Brandl nichts verklärte. Den Kampf gegen Naturzerstörung, den er politisch betrieb, trug er nicht auf die Leinwand. Und ein Riesenformat wie das Triptychon 'Apokalypse zur Schönen Aussicht' von 2020, knapp vier Meter hoch und drei mal jeweils sechs Meter breit, ist einfach nur die schiere Lust an roten, gelben und grünen Pinselstrichen und -hieben." In Österreich wird Brandl nun posthum honoriert.
Weitere Artikel: In Calbe sorgte die örtliche Denkmalschutzbehörde dafür, dass eine antisemitische Skulptur wieder an einer Kirche installiert wird, berichtet Ingeborg Ruthe in der BlZ. Die römischen Fresken von Sijena müssen das Nationalmuseum von Barcelona verlassen und finden, lesen wir bei Hans-Christian Rößler in der FAZ, nach einem Gerichtsurteil eine neue Heimat in einem Nonnenkloster. Ebenfalls in der FAZ bespricht Peter Kropmanns Robert Jüttes Buch über die Malerin Olga Meerson-Pringsheim. Im Tagesspiegel wiederum rezensiert Birgit Rieger "Die An- und Abwesenheit der Berliner Mauer", einen Fotoband der Fotografin Gesche Würfel. Ein Gemälde des Renaissancemalers Antonio Solario hängt bald wieder im Museum von Belluno, nachdem es eine veritable Raubkunstkarriere hingelegt hat, berichtet Marion Löhndorf in der NZZ. Ebenfalls in der NZZ schreibt Matthias Frehner zum Tod des Schweizer Künstlers James Licini.
Besprochen werden eine der Künstlerin Simin Jalilian gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie 68projects (taz), die Lovis-Corinth-Schau "Im Visier" in der Alten Nationalgalerie (Tagesspiegel, mehr hier), "From the Cosmos to the Commons" im Hamburger Planetarium und Stadtpark (Tagesspiegel), die Ausstellung "Kandinsky, Picasso, Miró et al. zurück in Luzern" im Kunstmuseum Luzern (NZZ) und Francis Offmans Schau "Weaving Stories" im Wiener secession (monopol).
Marlene Dumas, The Origin of Painting (The Double Room), 2018, courtesy Marlene Dumas, Foto: Peter Cox Eine solche Ausstellung wie "From Dawn till Dusk", die sich im Bonner Kunstmuseum dem Schatten in der Kunst der Gegenwart widmet, war lange nicht zu sehen, freut sich Stefan Trinks in der FAZ. Der "treueste Begleiter des Menschen" begegnet ihm hier nicht nur als trügerisches Abbild, sondern auch mit seinen "lichteren Aspekten": "Erst recht schafft das Hans-Peter Feldmann, wenn er dem Betrachter den Blick zugleich auf die Abbilder wie die Inbilder gewährt: Mit dem warm-nostalgischen Reiz eines Kinderkarussells kreisen die Dinge des Alltags vor uns, während ihre stark veränderten Schatten-Abbilder an der Wand einen Hexentanz aufführen, durch Schräglicht so übertrieben vergrößert, dass aus Mücken Elefanten werden. Feldmann bewirkt im abgedunkelten Museumssaal mit seinen ernsten Schattenspielen ein Nachdenken über das Scheinriesentum von Problemen und die Verzwergung von Realitäten, das man wider Erwarten mit einem Schmunzeln verlässt."
Museen, die in Russland nicht schließen mussten, werden zensiert und von fachfremden Managern geleitet, überhaupt herrscht ein "Klima der Angst", weiß Kerstin Holm, die sich für die FAZ unter anderem die erste - natürlich zensierte - Kunstbiennale in Nischni Nowgorod angesehen hat. Wie viele Ausstellungen derzeit in Russland ist sie dem Thema Ökologie gewidmet. Der Ukrainekrieg waren in der Schau tabu, es sei denn Kunstwerke verherrlichten die "militärische Spezialoperation": Unter dem der Johannes-Offenbarung entnommenen Titel 'Und ich sah eine neue Erde und einen neuen Himmel' versammelte sie religiös-realistische Monumentalgemälde von Xenia Tschchu-Galkina, die heroische Soldaten als unterirdische 'Atlanten' des zivilen Alltags darstellen, aber auch ein Porträt von Nationaldichter Puschkin, den der ultrapatriotische Künstler Dmitri Sarwa eine Pistole auf den Betrachter richten lässt. Im Mittelpunkt stand das Projekt 'Russischer Stil ist Stahl' (…), bestehend aus Metallplatten für schusssichere Westen, die Künstler aus vielen Regionen mit religiösen Symbolen dekorierten."
Weitere Artikel: Um den Besucherschwund während und nach der Corona-Pandemie aufzufangen, stampften Museen Kinderprogramme zwecks Inklusion aus dem Boden - nach den Kulturbudgetkürzungen fehlt jetzt schon wieder das Geld dafür, weiß Jonathan Guggenberger, der für die taz Kinderprogramme in Museen in Berlin und Hannover besucht hat. Derweil werden Museen zu "Schutzkammern im Klimawandel", freut sich Gerhard Matzig in der SZ: Der Dauerregen tut den Besucherzahlen gut.
Besprochen werden die Wang Bing-Ausstellung "The Weight of the Invisible" im Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen in Düsseldorf (taz) und die Installation "Ein ungedeuteter Traum ist wie ein ungelesener Brief" des Künstlers Olaf Nicolai in der Synagoge Stommeln bei Köln (NZZ)
Für die FAZ verfolgt Andreas Kilb den Weg, den die Gemälde von Lovis Corinth und seiner Frau Charlotte Berend in der Nazizeit gegangen sind, in der Ausstellung "Im Visier!" der Alten Nationalgalerie. Zum hundertsten Todestag des Malers zeigt das Museum auch einige der Gemälde, die in der berüchtigten Schau "Entartete Kunst" zu sehen waren: "Eine ästhetische Logik der Verschonung ist nicht erkennbar: Das 'Trojanische Pferd' trägt stark expressionistische Züge, die 'Donna Gravida', in der sich Corinths schwangere Ehefrau verbirgt, knüpft dagegen an frühe Porträts des Malers an, während Charlotte Berends 'Selbstbildnis mit Modell' eindeutig ein Werk der Neuen Sachlichkeit ist. Berend stammte aus einer jüdischen Familie; 'Toledo', das Selbstbildnis und ein Porträt des Architekten Hans Poelzig blieben dennoch in Berlin. Die Selektion durch die Kunstwarte des Regimes muss hastig und wahllos vonstattengegangen sei, ein kurzer Blick genügte offenbar, um genehme von 'entarteten' Bildern zu trennen."
Der rechte Blogger Curtis Yarvin träumt davon, die Venedig-Biennale zu kapern, schreibt Niklas Maak in der FAZ. Wie das aussehen könnte, zeigt er in dem KI-generierten Film "Venice Biennale Coup", in dem er seinen Vernichtungsfantasien freien Lauf lässt: "In Venedig würde Yarvin gern die aus seiner Sicht viel zu woke, liberale Kunstwelt versenken. Titel seines Pavillons wäre 'The Home Coming of DOGE and the Museum of Dark Enlightenment'. Man könnte den Film als schrillen Unsinn abtun, wenn er nicht ziemlich präzise die seltsame Mischung aus Apokalyptik, Hass auf Liberale, Antidemokratismus, Angst vorm Untergang des Abendlandes und irrer Fantasy auf den Punkt bringen würde, die Teile der amerikanischen Techwelt auszeichnet."
Edges made by finding leaves the same size. Tearing one in two. Spitting underneath and pressing flat on to another. Brough, Cumbria. Cherry patch. 4 November 1984, 1984. Cibachrome photograph. Andy Goldsworthy. Courtesy of the Artist. Das Leben im ländlichen Raum "schlägt einem ins Gesicht wie der Gestank von Kuhdung, sobald man die Royal Scottish Academy betritt", ruft Jonathan Jones im Guardian. Und das ist durchaus positiv gemeint, denn noch kaum jemand hat die Natur in seine Werke einbezogen und ihr gehuldigt, wie der Künstler Andy Goldsworthy, dem die Royal Academy eine Retrospektive widmet: "Es ist unsere Verbindung zur Natur, die er wiedererwecken möchte, nicht auf stille, kontemplative Weise, sondern als Schock. Erde und Blut sind dasselbe, suggeriert er im eindrucksvollsten Raum. Er wird dominiert von einer ganzen Wand aus rissigem rotem Lehm, den er in den Lowther Hills in Dumfriesshire von Hand gesammelt hat. Der gewaltige Umfang und die feurige Farbe wirken eher amerikanisch als schottisch. Goldsworthy zeigt, dass dies auch ein großes Land ist. Das Werk heißt 'Red Wall': Die Röte ist alles. Im selben Raum zeichnet ein Video mit drei Bildschirmen eine alchemistische Performance auf, bei der Goldsworthy einen Stein in einem Fluss in Dumfriesshire reibt, um eine Schicht eisenhaltigen, reinen Rots freizulegen; das Rot erscheint als blutige Wolken im grünen Wasser."
Weitere Artiel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ greift Bernd Eilert die Affäre um das ehemalige "Edith-Russ-Haus für Medienkunst" in Oldenburg auf: Stifterin Edith Russ war Mitglied der NSDAP, weshalb ihr Name zu Ostern 2025 aus dem Titel des Museums entfernt wurde. In der FAZ fragt Katja Petrowskaja, was KI-generierte Kriegsbilder mit unserer Wahrnehmung der Realität anstellen. Besprochen wird die Ausstellung "Toyin Ojih Odutola. U22 - Adijatu Straße" im Hamburger Bahnhof (tsp).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die britische Malerin Rebecca Ackroydist für Beate Scheder (taz) seit der letzten Biennale in Venedig keine Unbekannte mehr, spannender fast findet sie die Künstlerin, die Ackroyd in der Ausstellung "Tage und Nächte" im Zürcher Cabaret Voltaire gegenübergestellt wird: Es handelt sich um die Psychoanalytikerin Emma Jung, Gattin von Carl Gustav Jung, die gerade erst als Künstlerin entdeckt wird: "Im Fokus ihres beruflichen Interesses lag vor allem der Prozess der 'Individuation', der Entwicklung eines Menschen zur eigen- und selbstständigen Persönlichkeit also, was sich aus vielen ihrer Zeichnungen und Malereien herauslesen lässt. ... Einem Kind in blauem Kleid begegnet man da unter anderem, das an eine schwere Holztür klopft oder dunklen Krähen gegenübersteht, einer Schutzmantelmadonna, die jedoch keine Menschen, sondern einen Baum voller Vögel und blühende Blumen unter sich birgt, einem Vulkan unterm Sternenhimmel, aus dem tiefblaue Lava fließt, Mauern und Gitterstäben ... Als Kunst sind diese nicht entstanden, Jung zeichnete, malte, schrieb, um Zugang zu ihrem Unbewussten zu erlangen."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Paula Rego. The Personal and the Political" im Essener Folkwang Museum, die aus explizit feministischer Perspektive vor allem auf Regos "differenzierten Blick auf Geschlechter- und Machtverhältnisse" fokussiert, wie Hubert Spiegel in der FAZ schreibt.
taz-Kritiker Ulf Erdmann Ziegler wird ein bisschen verrückt, wenn er in einer Ausstelllung in der Fondation Beyeler die Werke der US-amerikanischen Malerin und Zeichnerin Vija Celmins betrachtet. Die detailgetreuen Bilder "vom Erdboden in der Wüste, von Sternenhimmeln, von fallendem Schnee, von Spinnennetzen, Ozean, Wüste" - findet er sehr faszinierend. Aber sie stellen ihn vor ein "bildtheoretisches Problem". "Wollte man alle Details anschauen, würde man irre; nimmt man das Bild als grafisches Ganzes, hat man es verpasst. Celmins' Nachtbilder sind opake All-overs, die - als Gemälde - mehr über den Gegenstand sagen als die ihnen zugrunde liegenden Fotografien: Emanationen von Licht, aber eben nicht als Empirie, sondern als leibhaftige Erfahrung. Diese sickert tief ein in die irrlichternde Oberfläche. Dabei kippt der Status der Gemälde ins Objekthafte."
Weiteres: Thomas E. Schmidt widmet sich in der ZeitRafaels Werk "Madonna mit den Nelken", das in der Londoner National Gallery hängt und sehr wahrscheinlich eine Kopie ist. Besprochen wird die Ausstellung "Cézanne au Jas de Bouffan" im Musée Granet in Aix-en-Provence (FAZ).
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