Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2025 - Film

Der türkisch-französische Schauspieler Tchéky Karyo  ist mit 72 Jahren gestorben. In der FAZ geht Andreas Kilb die Stationen seiner Karriere durch: "Als er seinen Ruhm in Frankreich in den Neunzigerjahren zu einer Hollywood-Karriere ausbaute, kehrte er auch bald wieder zu diesem Genre zurück, als Bösewicht im Bond-Film 'Golden Eye' ebenso wie neben Will Smith in 'Bad Boys', als böser Cop in 'Kiss of the Dragon' wie als guter Cop in Neil Jordans 'The Good Thief'. Doch davor und dazwischen gab es einige bemerkenswerte Ausnahmen. Etwa Luc Bessons 'Nikita', wo er den nur scheinbar hartherzigen Ausbilder der Profikillerin Anne Parillaud verkörpert. Oder seinen Auftritt als Molière in 'Der König tanzt'. Den Jäger in Jean-Jacques Annauds 'Der Bär'." 

"Wenn man ihn auf der Leinwand sah, war der Tod meist nicht fern", erinnert Christian Buß bei SpOn. Waffen brauchten seine Charakter nicht unbedingt, er "tötete vor allem mit Blicken". "Jemand wie Karyo brauchte keine langen Monologe, um Eindruck zu hinterlassen. Seiner Rolle als Nebendarsteller der Extraklasse huldigte er ironisch mit seinem Auftritt in 'Die fabelhafte Welt der Amélie' aus dem Jahr 2001, einem der erfolgreichsten französischen Filme aller Zeiten. Da war nur kurz sein Gesicht auf einem Passfoto zu sehen."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2025 - Film

Geheimagent Marcelo in Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent"

Voll des Lobes sind die Feuilletons für Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent", der im Jahr 1977 spielt, zu Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur. Im Zentrum steht Marcelo, ein Agent mit linker Vergangenheit. Vor allem, so Richard Kämmerlings in der Welt, brilliert der Noir-Thriller als Porträt einer Gesellschaft am Abgrund: "Die Solidarität und Menschlichkeit der verfolgten Opfer und ihrer selbstlosen Helfer bildet das Gegengewicht zu der restlos kaputten Sphäre von Politik und Medien. Der Karneval symbolisiert das Chaos, in dem die Vernunft eines Technikers wie Marcelo unterzugehen droht, die von Abgründen der Gewalt bedrohte Zivilisation. 'Ordem e Progresso', 'Ordnung und Fortschritt', lautet die Losung auf der brasilianischen Nationalflagge, die hier nur zynisch wirkt. Tatsächlich sind die Menschen getrieben von ihren Ängsten, ihrer Gier und irrationalen, postfaktischen Überzeugungen. Als Running Gag geistert ein abgeschnittenes, menschliches Bein durch den Film, das im Maul eines Hais gefunden wurde."

Bert Rebhandl trifft sich für die FAS mit Mendonça Filho und fragt ihn unter anderem nach der Bedeutung der Stadt Recife für seine Filme. Der Regisseur erläutert: "Recife war immer schon eine Stadt der Avantgarde. Hier gab es die erste juristische Ausbildung in Brasilien, hier gab es frühe Filmbewegungen." Rebhandl selbst ist ebenfalls außerordentlich angetan vom Film - und interpretiert ihn zumindest mit Blick auf die Rolle des Karnevals ganz anders als Kämmerlings: "Gegen die Identitätspolitik von rechts setzt 'The Secret Agent' auf eine Heterogenität, die im Karneval ihren höchsten Ausdruck findet." In der taz spricht Thomas Abeltshauser mit dem Regisseur.

Christian Meier zeichnet in der FAS die Kontroversen um Shai Carmeli-Pollaks "Das Meer" nach. Der Film über einen palästinensischen Jungen, der sich in Richtung Meer aufmacht und dessen Vater, der sich um seinen Sohn Sorgen macht, startet demnächst in den israelischen Kinos und muss sich schon im Vorfeld einer Kampagne von Seiten der politischen Rechten erwehren. Dabei hat Carmeli-Pollak keine politische Kampfschrift verfilmt, sondern setzt, in der Tradition des Neorealismus, auf universelle Werte. "Gleichzeitig", stellt Meier klar, "sind die Besatzung und die damit einhergehende Gewalt in 'Das Meer' stets präsent, auch wenn sie im Hintergrund bleiben. Je mehr der Film auf der Oberfläche so tut, als erzähle er eine Geschichte ohne nennenswerte Eskalation, desto mehr wird die Unnatürlichkeit der Besatzungssituation dadurch erst richtig scharf gestellt. (...) Die politische Botschaft von 'Das Meer' lautet: Selbst wenn alles vergleichsweise gut geht, bleibt doch eine grundlegende Ungleichheit zwischen Israelis und Palästinensern bestehen."

Außerdem: Sigrid Weigel beschäftigt sich in der FAS mit einem unverfilmten Drehbuch Pier Paolo Pasolinis, das sich um den Apostel Paulus dreht. Die Filmredaktion der Presse schaut sich diverse Filme und Serien zum Thema Beerdigungen an. Ebenfalls in der Presse unterhält sich Patrick Heidmann mit Ben Stiller über dessen neuen Film "Stiller & Meara: Nothing Is Lost", der sich den Eltern des Filmemachers widmet. Im Tagesspiegel wiederum spricht Kai Müller mit Richard Gere. Noch ein Interview: Jan Küveler redet in der Welt mit "Predator: Badlands"-Regisseur Dan Trachtenberg. Marius Nobach würdigt im Filmdienst den Stummfilmkomiker Max Linder zu dessen 100. Todestag. Die aktuelle Folge des critic.de-Podcasts "Framing" widmet sich Filmen von Paul Thomas Anderson, Kelly Reichardt und Kathryn Bigelow.

Besprochen werden Luc Bessons "Dracula" (Standard) und Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (critic.de, artechock).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2025 - Film

"It Was Just An Accident" von Jafar Panahi

Urs Bühler erzählt in der NZZ von seiner Begegnung mit Jafar Panahi beim Filmfestival Locarno, wo der Regisseur seinen neuen Film "It Was Just An Accident" präsentierte. Darin geht es um ein Opfer des iranischen Regimes, das meint, einen alten Peiniger wiedererkannt zu haben und diesen stellt (mehr zum Film bereits hier). "Als Inspirationsquelle nennt Panahi auch Vaclav Havels Essay 'Die Macht der Machtlosen', namentlich die Passagen über die Mechanismen totalitärer Regime: Die Gewalt gegen die Bürger führt zu Gegengewalt, die wiederum dem Staat als Vorwand dient, seine eigene Gewalt zu erhöhen. ... Paradox erscheint, dass" Panahi "partout nicht als politischer Filmemacher gelten will. ... Er verteidige keine Partei oder Ideologie, erklärt er. ... 'Als sozialer Filmemacher halte ich niemanden für grundsätzlich gut oder böse. Wer in diesem System weiterkommen oder überleben will, muss in einer Weise handeln, wie er es außerhalb niemals täte. ... Werden eines Tages die Regeln nicht mehr befolgt, wird das System zwangsläufig kollabieren. Und unsere Aufgabe als Filmemacher und Künstler ist es, die Dinge so weit zu bringen, dass diese Verletzungen stattfinden können, diese kleinen Revolutionen.'"

Außerdem: Fritz Göttler erinnert in der SZ an Pier Paolo Pasolini, der heute vor fünfzig Jahren ermordet wurde. Marc Beise berichtet in der SZ vom Andenken an Pasolini in Italien. Jörg Gerle resümiert im Filmdienst vom auf filmische Phantastik spezialisierten Festival im spanischen Sitges. Besprochen werden Ben Leonbergs Hundefilm "Good Boy" (Standard), Marcus H. Rosenmüllers "Pumuckl und das große Missverständnis" (SZ) und die "Simpsons"-Ausstellung im Deutschen Zeitungsmuseum in Wadgassen bei Saarbrücken (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.10.2025 - Film

Andauernd erregt: "Dracula" von Luc Besson

Dracula bleibt im Kino ein Dauerbrenner. Nun hat der auf effektreichen Bombast spezialisierte Franzose Luc Besson seine (allerdings von London nach Paris verlegte) Vision des Mythos auf die Leinwand gebracht. Den Kritiken nach zu urteilen stand für den Film aber offenbar nicht so sehr Bram Stokers Roman von 1897 Pate, sondern dessen Interpretation durch Francis Ford Coppola von 1992. Es ist "ein Film, der sich dezidiert als Spektakel ausweist", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. "Überall findet Besson exaltierte Bilder", seine "Kamera kopuliert mit seinen Erfindungen, er kennt nur eine andauernde Erregung. ... Besson arbeitet nicht auf der Ebene der Psychologie, sondern auf der von Klischees. Er trägt den Mythos Dracula ein in Vorstellungen von Europa und Moderne, die er aber nur als Zwischenstadium sieht für seine Wiederverzauberung der Welt. Sein Bezugspunkt ist nicht 'Die Traumdeutung', die 1900 erschien, er schürft vielmehr in den Träumen und extrahiert sie."

FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sieht in dieser Opulenz nicht viel mehr als Tand: "Fokussiert allein auf sein tragisch-unerfüllbares Liebesglück, fehlt dem Vampir die Komplexität früherer Verkörperungen. Und so gern man ihn in seinem dandyhaften Auftreten im Umfeld eines Oscar Wilde verorten würde, fehlen ihm wiederum die entsprechend feinsinnigen Dialoge. So folgt man seiner von ihm selbst einmal als gewundenem Leidensweg beklagten Existenz zwar durchaus mit ästhetischem Vergnügen, aber nicht unbedingt gefangen." Tazlerin Jenni Zylka zerfällt "aus Langeweile fast zu Staub". Robert Wagner hat auf critic.de Spaß an dem Film, auch wenn Dracula gelegentlich "gecockblockt" wird.

Immer mehr Neustarts prügeln sich zu immer teureren Ticketpreisen um immer weniger Leinwände und ein immer häufiger lieber zuhause bleibendes Publikum, stellt Rüdiger Suchsland auf Artechock nach einem Blick auf die aktuellen Startlisten fest: Alleine diese Woche gibt es annähernd 30 Kinostarts, im November drücken fast 90 hinterher. Eine Verschlankung des Angebots "wäre trotzdem falsch", findet er. "Umgekehrt wäre es nötig, im Prinzip viel mehr Kinos und neue Spielflächen zu schaffen", auch brauche es "dringend niedrigere Preise und eine bundesweite Kino-Flatrate. ... Das Kino sollte weg von der Tendenz, eine zweite Oper zu werden. Es muss ein Jahrmarkts- und Alltags-Vergnügen sein, das, was man schnell noch mal am Abend für zwei Stunden tut."

Außerdem verweist Suchsland auf einen Bericht in Variety, demzufolge das Internationale Dokumentarfilmfestival Amsterdam israelischen Branchenvertretern samt und sonders die Akkreditierung verweigert hat - und zwar mit fadenscheinigen Begründung, sei seien "am Völkermord mitschuldig", was nicht nur, aber insbesondere im Fall des linken, traditionell regierungskritischen DocAviv-Festivals komplett an den Haaren herbeigezogener Blödsinn ist. "Dies alles entspricht leider der unglücklichen Tendenz, dass sich Filmfestivals als Polit-Zensoren und Aktivisten aufspielen, anstatt einfach offene Bühnen für künstlerische und kulturpolitische Auseinandersetzungen zu sein", kommentiert Suchsland. "Damit maßen sich Festivals eine Expertise und Kompetenz an, die sie schlicht und einfach nicht haben. Sie werden zu Treibern einer Zensur durch die Hintertür, die demokratische Gesellschaften und Öffentlichkeiten nachhaltig beschädigt."

Weiteres: Silvia Hallensleben (taz) und Fabian Lutz (critic.de) resümieren die Viennale. Thomas Ribi schreibt in der NZZ einen Nachruf auf den Schauspieler Björn Andrésen. Besprochen werden Yorgos Lanthimos' "Bugonia" (Perlentaucher, ArtechockStandard, FR, Zeit Online, mehr dazu bereits hier), Kathryn Bigelows auf Netflix gezeigter Atomkriegs-Thriller "A House of Dynamite" (Standard, unsere Kritik), Kirill Serebrennikovs "Das Verschwinden des Josef Mengele" (Standard), Florian Dietrichs "No Hit Wonder" (Perlentaucher), Stefan Haupts Frisch-Verfilmung "Stiller" mit Paula Beer (Welt, Artechock), Claire Simons bei DOK-Leipzig gezeigter Dokumentarfilm "Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students" (Artechock), die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Down Cemetery Road" mit Emma Thompson (FAZ),  Marcus H. Rosenmüllers neuer Pumuckl-Film (Artechock), Reem Khericis "Miau und Wau" (Artechock), Ben Leonbergs "Good Boy" (Artechock) und Andy Muschiettis Stephen-King-Serie "Es: Willkommen in Derry" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.10.2025 - Film

Emma Stone gibt ihren Entführern Konferenzteflon-Paroli: "Bugonia" von Yorgos Lanthimos

Der griechische Autorenfilmer Yorgos Lanthimos nimmt in seinen jüngeren Filmen "den Umweg des Absurden, um in Areale vorzudringen, in denen sich die Konturen der Wirklichkeit bisweilen umso klarer zeigen", schreibt Arabella Wintermayr in der taz. Von der Fantastik macht er sich dabei mit jedem Film etwas mehr frei: "Wenn man so will, arbeitet sich Yorgos Lanthimos also zunehmend direkter zu den Gegebenheiten unserer Wirklichkeit vor - oder ist es andersherum, und eine immer entrückter wirkende Welt kommt Yorgos Lanthimos entgegen?" Sein neuer Film "Bugonia" jedenfalls widmet sich "den ganz realen Weltentrückten unserer Zeit, den Verschwörungsgläubigen, den Misstrauensmissionaren im digitalen Endzeitalter."

Emma Stone, die künstlerisch mittlerweile eng mit Lanthimos verbandelt und auch die Produzentin seiner Filme ist, gibt in diesem losen Remake von Jang Joon-Hwans südkoreanischer Groteske "Save the Green Planet" von 2003 eine smarte Pharma-Unternehmerin, die von Durchgeknallten entführt wird, die in ihr ein Alien erkannt zu haben meinen, das eine Invasion vorbereitet. Doch "gegenüber ihren Entführern behält sie den kühlen Ton der Businessfrau bei, die gewohnt ist, dass es nach ihrem Willen geht", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Sie antwortet auf Teddys Alien-Beweisargumentationsketten also mit: 'I hear where you're coming from, and I respectfully disagree.' An diesem Konferenzteflon perlt alles ab. Die Mauer der verdrehten Argumente des Fake-News-Gläubigen kann aber auch dieser neuartige Dialekt nicht einreißen. Wörter sind verdreht, Sprache ist ohnmächtig." SZ-Kritikerin Sofia Glasl beobachtet in diesem Film eine "Weltuntergangsstimmung", welche "sich kaum noch von der realen Gesamtsituation unterscheidet. ... Verschwörungsideologen und Tech-Milliardäre teilen die Welt offenbar nun schon lange genug untereinander auf."

Weiteres: Wolfgang Hamdorf spricht für den Filmdienst mit Eva Libertad über deren Film "Sorda", in dem eine gehörlose Frau ein Kind zur Welt bringt. Die Film und Medien Stiftung NRW gibt die fünf Nominierten für die besten Filmkritiken des Jahres bekannt: Auch unser Kritiker Lukas Foerster ist auf der Liste - wenngleich für eine Kritik beim Filmdienst. Wir wünschen viel Erfolg! 

Besprochen werden unter anderem Hong Sangsoos auf der Viennale gezeigter "What Does that Nature Say To You?" (Standard), Stefan Haupts Frisch-Verfilmung "Stiller" mit Paula Beer (Tsp), Marcus H. Rosenmüllers neuer "Pumuckl"-Film (Standard) und Florian Dietrichs "No Hit Wonder" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.10.2025 - Film

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Matthias Kalle verzweifelt auf Zeit Online über der Sky-Serie "Es: Welcome to Derry", die zwar auf Stephen Kings Horror-Epos "Es" basiert, zugleich aber auch ein Prequel zu dessen Verfilmungs-Zweiteiler von 2017 und 2019 darstellt. Kings Roman, unterstreicht Kalle, ist ein großes literarisches Meisterwerk, von dem Film- wie Serienschöpfer "Andy Muschietti, der von allem, was 'Es' tatsächlich ist, erstaunlich wenig zu verstehen scheint. Was den Roman so unvergleichlich macht, ist seine emotionale Topografie - das Ineinanderfallen von Kindheit und Erwachsensein, das Flirren zwischen Erinnerung und Angst, das Wissen, dass man das, was man liebt, nicht festhalten kann. In 'Es: Welcome to Derry' ist dieses Gefühl bestenfalls Kulisse. Die Serie weiß, wie Horror aussieht, aber nicht, wie er sich anfühlt."

Außerdem: Bert Rebhandl resümiert im Standard die Viennale. Andreas Kilb (FAZ) schreibt einen Nachruf auf den Schauspieler Björn Andrésen, den die Filmgeschichte seit Viscontis "Tod in Venedig" als schönsten Jungen der Welt kennt.

Besprochen werden Ben Stillers auf AppleTV+ gezeigtes Doku-Porträt über seine Eltern, das Komiker-Duo Stiller and Meara ("bisweilen wird all dies ein bisschen zu viel Selbstbespiegelung", meint Nina Rehfeld in der FAZ), Julien Colonnas "Kingdom - Die Zeit, die zählt" (taz), Stefan Haupts Verfilmung von Max Frischs Roman "Stiller", die laut dem ziemlich enttäuschten SZ-Kritiker Marc Hoch so "wirkt, als habe jemand versucht, Auszüge einer Wagner-Oper auf dem Klavier nachzuspielen", und die Netflix-Serie "Boots" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.10.2025 - Film

Jan Küveler spricht für die Welt mit dem Schauspieler August Diehl, der aktuell in Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" zu sehen ist. Ursprünglich hatte er kein Interesse, den fürchterlichen KZ-Arzt zu spielen, sagt er. "Warum sollte man jemandem wie Mengele eine Plattform geben? Warum sollte man sich an den erinnern?" Doch dann "dachte ich: Ist das nicht eigentlich gefährlich, so zu denken? Sich nicht erinnern zu wollen." Aber "vielleicht ist das gar nicht wahr. Dass zwar, was er getan hat, monströs ist, aber das ganze Problem doch darin liegt, dass diese Menschen eben nicht nur Monster sind, sondern Menschen" und "diese Menschen wären als Einzelpersonen gar nicht so groß geworden, hätte es nicht ein System gegeben, das sie gebraucht und auch nach dem Krieg unterstützt hat. Wir haben sehr viel darüber gesprochen, Kirill, Olivier und ich: dass bestimmte Systeme bestimmte Menschentypen brauchen. Oft Menschen, die leer sind, ohne Vision, ohne Empathie - Psychopathen. In solchen Systemen werden sie zu Ärzten, Polizisten, Richtern. Sie bekommen eine Funktion."

Überall sterben die Kinos, in Berlin werden welche gegründet. Oder zumindest vor zehn Jahren noch, denn da gingen Il Kino, Wolf und Kino Zukunft an den Start, die sich seitdem als feste Bank der Berliner Arthouse- und Indie-Kinolandschaft etabliert haben. Katharina Böhm hat für die taz mit Carla Molino, Verena von Stackelberg und Sven Loose gesprochen, die die drei unabhängigen Kinos jeweils betreiben - über Fallstricke und Risiken, aber auch unerfüllte Hoffnungen beim Kinomachen, etwa die, dass durch die Digitaliserung Klassiker greifbarer werden könnten: "Das ist kaum möglich, weil die Sachen nicht digitalisiert worden sind oder eine einmalige Vorführung um die 150 Euro kostet für Verschlüsselung und digitales Cinema Package. Dazu die Rechte für den Film selbst. Einen Klassiker einmal zu zeigen, kann bis zu 500 Euro kosten. Das macht meine Vorstellung davon, wie wir mit Filmgeschichte umgehen, schon etwas kaputt. ... An die analogen Kopien kommt man wiederum nicht ran, weil sie nur noch an Museen verliehen werden. Viele Kopien wurden zerstört, weil sie Platz brauchen und die Filmlager nicht mehr da sind. So passieren ständig kleine Tode und Neuentstehungen in der Kinowelt."

Weiteres: Marian Wilhelm fragt sich im Standard bange, wie lange das Wiener Hotel Interconti noch als Festivalzentrale für die Viennale genutzt werden kann. Besprochen werden Laura Poitras' auf der Viennale gezeigtes Porträt "Cover-Up" des Journalisten Sy Hersh (Standard), Agnieszka Hollands Kafka-Biopic "Franz K." (Standard) und Scott Coopers Springsteen-Biopic "Deliver Me From Nowhere" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.10.2025 - Film

August Diehl als Josef Mengele in dessen "Verschwinden" von Kirill Serebrennikov

Für den Filmdienst porträtiert Karsten Munt den Schauspieler August Diehl, der aktuell in Kirill Serebrennikovs (auf Artechock doppel-besprochenem) "Das Verschwinden des Josef Mengele" nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez zu sehen ist. Im Lauf der letzten knapp 30 Jahre hat Diehl international mit so ziemlich allen zusammengearbeitet, die in Arthaus und ambitioniertem Hollywoodkino einen Namen haben. "Die Faszination, die Diehls Spiel aus seinen Figuren holt, liegt dabei nicht in der Offenbarung, sondern im Verbergen. Bereits in seinem Kinodebüt '23 - Nichts ist so wie es scheint' (1998) unterlegt Diehl seine Figur, den Hacker Karl Koch, mit einer Melancholie, die sich zunächst nicht zeigen will. ... Als junger Aufsteiger und als dahinsiechender Choleriker zeigt Diehl seine erstaunliche Fähigkeit, das Innenleben seiner Figuren gegen den eigenen Körper anbranden zu lassen."

Jeremy Allen White denkt als Bruce Springsteen nach

"Es muss jetzt mal Schluss sein mit den Biopics", ächzt Joachim Hentschel in der SZ, nachdem er "Deliver Me from Nowhere" über den jungen Bruce Springsteen über sich ergehen lassen musste. Der Film fokussiert auf die Entstehung von Springsteens Früh-80er-Album "Nebraska": Aber "wer sich eine Filmgeschichte über einen kreativen Schaffensprozess vornimmt, sollte aber ein paar Ideen, Bilder oder Erzählstrategien zur Hand haben, um sichtbar zu machen, was im Kopf des geplagten Genies vor sich geht." Diesbezüglich scheitert der Film "spektakulär. ... So schauen wir Springsteen unendlich lange beim halbdunklen Denken zu, während der Fernseher weiß rauscht." Rüdiger Suchsland zeigt sich in seiner Artechock-Kolumne nicht weniger genervt vom Biopic-Trend.

Karen Krüger unterhält sich in der FAZ mit Alejandro G. Iñárritu über dessen Film "Amores Perros", der vor 25 Jahren in die Kinos kam und über den er nun in der Fondazione Prada in Mailand eine Installation eingerichtet hat. Zu diesem Zweck hat der mexikanische Autorenfilmer das Filmmaterial von damals noch einmal neu gesichtet: "Wir haben damals 304 Kilometer Filmmaterial gedreht. Die endgültige Fassung enthält weniger als zwei Prozent davon. ... Ich schaute mir alles an, und mir gefielen auf einmal Dinge, die ich früher nicht bemerkt hatte. Das Material kam mir vor wie eine Plazenta: Es hatte einen Film genährt, der vor 25 Jahren entstand. Aus diesem Fluss an Bildern entstand die Installation. Es gibt keine Erzählung, nur bildliche und akustische Fragmente. 'Sueño Perro' ist alles, was 'Amores Perros' nicht war, und doch trägt sie dessen emotionale DNA in sich und Bilder, Worte, Gefühle, die damals prägend für uns in Mexiko waren."

Weitere Artikel: Für die FAS unterhält sich Mariam Schaghaghi mit Christoph Waltz, der in Guillermo del Toros "Frankenstein"-Adaption (unsere Kritik) zu sehen ist. Katrin Hillgruber berichtet auf Artechock vom Filmfestival in Warschau.

Besprochen werden Claire Simons auf der Viennale gezeigter Dokumentarfilm "Writing Life: Annie Ernaux Through the Eyes of High School Students" (Standard), Pamela Hogans Dokumentarfilm "Ein Tag ohne Frauen" (Artechock), Guillermo del Toros "Frankenstein" (critic.de, Artechock, NZZ), Agnieszka Hollands "Franz K" (Artechock, Jungle World), Julien Colonnas "Kingdom - Die Zeit, die zählt" (Artechock), Bernd Sahlings "Ab morgen bin ich mutig" (Artechock) und die ARD-Serie "Schattenseite" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.10.2025 - Film

Oral History der linken USA: Der Film "Union Maids" von Jim Klein, Miles Mogulescu und Julia Reichert. USA 1976


Eine spannende Zeitkapsel: Das DOK Leipzig zeigt in der Retrospektive in diesem Jahr (soweit ermittelbar) alle amerikanischen Filme, die zu DDR-Zeiten auf dem Festival gelaufen sind. Kuratiert wurde die Schau von Perlentaucher-Kritiker Tilman Schumacher und Tobias Hering. Lukas Foerster hat für critic.de sehr ausführlich mit den beiden gesprochen. "Das Interesse" der DDR-Organisatoren "war tatsächlich grundsätzlich ein thematisches", sagt Hering, um eine "möglicherweise experimentelle Machart" ging es nicht. "Von Dokumentarfilmen aus den kapitalistischen Ländern wurde erwartet, dass sie dortige Missstände thematisierten und sich kritisch dazu positionierten. Das spricht aber noch nicht gegen die Filme. Missstände der eigenen Gesellschaft zum Thema zu machen, ihr den Spiegel vorzuhalten etc. ist ja ein weit verbreiteter und respektierter Selbstanspruch von Dokumentarfilmer*innen. Tendenziös wurde dann erst der Kontext, in dem diese Filme in Leipzig gezeigt wurden, denn in den Filmen aus den sozialistischen Ländern fand eine vergleichbar kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Gesellschaft nicht statt."

Weiteres: Yelizaveta Landenberger berichtet in der taz vom Ukrainischen Filmfestival in Berlin. Besprochen werden Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez (FAZ, mehr zum Film bereits hier), Agnieszka Hollands Kafka-Biopic "Franz K." ("Weitere Filmbiografien des Dichters aus Prag braucht niemand mehr", stöhnt Andreas Kilb genervt in der FAZ, Welt, mehr zum Film bereits hier), Guillermo del Toros "Frankenstein" (SZ, unsere Kritik) und Scott Coopers Biopic "Deliver Me From Nowhere" über den jungen Bruce Springsteen (Welt).
Stichwörter: Dok.leipzig, Filmgeschichte

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.10.2025 - Film

Szene aus Guillermo del Toros "Frankenstein". 

Als "alchemistischen Wahnsinnsakt" sieht Perlentaucher Kamil Moll Guillermo del Toros "Frankenstein" - Film: "Augenfällig und erfreulich vulgärpsychologisch verlagert er eines der Kraftzentren der Geschichte: Den inneren Antrieb, neues, unschuldiges Leben zu erschaffen verbindet der Film mit dem Bemühen Frankensteins, die eigene verlorene Kindheit wiederzuerlangen. Die früh verstorbene Mutter, von der für den jungen Viktor nur ein blutiger Handabdruck auf seinem Hemd bleibt, erscheint ihm Jahre später ersatzödipal in Gestalt der Verlobten seines Bruders William (Felix Kammerer) wieder. Beide Frauenrollen spielt die sonst für ihr wundersam expressives Spiel bekannte Schauspielgöttin Mia Goth erstaunlich zurückgenommen und ätherisch: ein unerreichbares Sehnsuchtsobjekt, das del Toro hintersinnig in zahlreiche farbsatte Gewänder kleidet, geschmückt mit blau gefärbten Federn im Haar oder einem strahlend roten Kruzifix aus Glas." Es gibt also viele tolle Ideen, allerdings droht der Film bisweilen unter dieser Fülle an Details und Einfällen erdrückt zu werden, so Moll. 

In der FR schwärmt Daniel Kothenschulte von der "malerischen Bildgestaltung" - sieht aber auch Schwächen : "Mit seiner schwelgerischen Ausstattung, traumhaften Kostümen und betörenden Filmsets sowie der lyrischen Sinfonik des Soundtracks von Alexandre Desplat hat sich del Toro nun selbst in die vorderste Reihe aller Shelley-Verfilmungen eingeschrieben. Ganz ohne Narben und Fehlstellen ist aber auch sein Monster nicht gelungen. Unentschlossen in der Balance zwischen Fantasy und Horror würzte er den Film mit selbstzweckhaft-blutrünstigen Szenen wie dem Auftritt eines Wolfsrudels, das in seiner Digitalanimation mit dem Reiz des Handgemachten bricht. Merkwürdig unentschlossen ist auch sein Verhältnis zur Sexualität: Einerseits deutet sich eine homosexuelle Lesart an. Andererseits verdeckt er jedes vermeintlich anzügliche anatomische Detail."

Weiteres: Antonia Baum hat sich für die Zeit die neue Haftbefehl-Doku auf Netflix angeschaut, in der FAZ schreibt Sebastian Eder dazu. In der taz sprechen drei BetreiberInnen von Independent-Kinos in Berlin, die von der Schließung bedroht waren, darüber, wie sie es geschafft haben, durchzukommen. Besprochen wird Scott Coopers Film "Deliver Me From Nowhere" über den jungen Bruce Springsteen (FAZ, NZZ), Agnieszka Hollands Film "Franz K." (unser Resümee) (taz) und Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" (taz).