Ein Kafka, der die vierte Wand durchbricht: Idan Weiss in Agnieszka Hollands "Franz K." Die Filmkritik ist sich uneins über AgnieszkaHollandsKafka-Biopic "Franz K.". SZ-Kritikerin Kathleen Hildebrand etwa ist völlig hingerissen und lobt die polnische Autorenfilmerin dafür, "dass sie Kafka bei all seiner Seltsamkeit als modernenMenschen verständlich macht. Dass sie seine Wunderlichkeit zeigt, ohne sie absurd zu finden. Manchmal schaut ihr Kafka, gespielt von dem ihm erschreckend ähnelnden IdanWeiss, direkt aus einer Szene heraus in die Kamera: Als könnte vom Zuschauer Verständnis kommen für sein Hadern mit der Verlobung mit Felice Bauer aus Berlin. Ein Kafka, der die vierteWanddurchbricht: was für eine Idee." Die Regisseurin "verzichtet aufs Erzählen und belässt es bei einer anspielungsreichen wie bestürzenderkenntnisarmenCollage", stöhnt hingegen Jens Hinrichsen im Tagesspiegel. "Auf längere Sequenzen, die Sinnzusammenhänge herstellen, wartet man vergeblich." Für den Filmdienst hat Hinrichsen mit der Regisseurin gesprochen.
Weiteres: Der Filmdienstgibt die Shortlist für den Willy-Haas-Preis bekannt, mit dem besonders verdienstvolle Filmbücher und Heimkino-Editionen ausgezeichnet werden. Besprochen werden GuillermodelToros "Frankenstein" (taz), ScottCoopers Biopic "Deliver me from Nowhere" über Bruce Springsteen (Standard) und Ben StillersApple-Doku über seine Eltern (SZ).
Geht all in: August Diehl als Josef Mengele Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche wird aus KirillSerebrennikows Schwarzweiß-Adaption von OlivierGuez' ohnehin schon "etwas rätselhaftem" Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele" nicht recht schlau: "Interessant an dem Roman ist im Grunde all das, was Serebrennikow weggelassen hat. Das kleinbürgerliche, von Menschenverachtung und Ressentiments zerfressene Milieu der Nazis, die sich in Südamerika in konspirativen Sitzungen treffen und über einen gewaltsamen Umsturz in Deutschland sprechen - während die Deutschen längst am Wirtschaftswunder partizipieren. ... Im Kino funktioniert der innere Monolog allerdings nur bedingt, darum bedarf es schon eines exaltierten Darstellers, um diesen Un-Charismatiker zu verkörpern. Und AugustDiehl legt sich gewaltig ins Zeug: Je tiefer Mengele sich im Leid seines Schicksals suhlt, desto rumpelstilzchenhafter wirkt seine Performance. Er flucht, schreit, tobt. Diehl geht, anders kann man es nicht beschreiben, all in." Doch "als Psychogramm bleibt 'Das Verschwinden des Josef Mengele' zu sehr auf die Schauwerte reduziert. Es gibt an der Figur Mengele letztlich nichts zu erklären."
Außerdem: Valerie Dirk spricht für den Standard mit der Filmemacherin JohannaModer über deren auf der Viennale gezeigtes Mutterschaftsdrama "Mother's Baby". In der FAZgratuliert Jan Brachmann dem Filmregisseur NikitaMichalkow zum 80. Geburtstag. Besprochen werden AzizAnsaris Komödie "Good Fortune" mit Keanu Reeves als Schutzengel (Jungle World) und die Amazon-Serie "Gen V" (FAZ).
Mariam Schaghaghi spricht für die Welt mit LucaGuadagnino über dessen MeToo-Uni-Drama "After the Hunt", in dem sich JuliaRoberts als Philosophieprofessorin immer tiefer in in einem Netz aus Lügen und Intrigen verstrickt (mehr zum Film hier, außerdem dort unsere Kritik). Für den Regisseur hat der Film auch mit der Meinungs- und Diskurskultur der Gegenwart zu tun: "Das20. Jahrhundertistvorbei, und mit ihm die Vorstellung, dass der moralische Kompass von Intellektuellen geprägt wird. Heute ist jede Meinung valide, auch wenn sie von der unsichtbaren Hand und einem Konsens der Mehrheiten gesteuert wird. ... Unsere Identitäten werden von der Allgegenwart des Digitalen so stark geformt, dass wir nicht bemerken, dass wir nur noch 'agiert werden' anstatt zu agieren. Mit künstlicher Intelligenz wird es noch brisanter: Wir sehen ein Video und wissen nicht mehr, ob es echt ist oder KI. Die Grenzen zwischen Wahrheit und Unwahrheit verschwimmen und verwirren immer mehr. Noch hinterfragen wir. Aber morgen vielleicht nicht mehr."
Weiteres: "JosefMengele war der perfekte Psychopath", sagt der Schauspieler AugustDiehl im SZ-Gespräch mit David Steinitz über seine Titelrolle in KirillSerebrennikows Verfilmung von OlivierGuez' gleichnamigem Roman. Christiane Lutz und Roman Deininger reisen für die SZ nach Salzburg, um herauszufinden, warum hier kaum einer den Kitschklassiker "The Sound of Music" kennt, obwohl er der Region zahlreiche Touristen aus aller Welt beschert.
Besprochen werden CarrieRickeys Biografie über die Autorenfilmerin AgnèsVarda (FAZ) und Kelly Reichardts "The Mastermind" (Jungle World, mehr dazu bereits hier).
Vollkommen hingerissen ist der Filmkritiker Rüdiger Suchsland in seiner Kino-Kolumne auf Artechock von einem großen Gespräch, das HertaMüller dem Dlf gegeben hat. Die Schriftstellerin "formuliert in nuce, worum es uns heute gehen muss: Die Rückgewinnung des Ästhetischen. Das ist die wichtigste Forderung für unsere Zeit. Das Ästhetische muss unter all dem Wust der Zuschreibungen, unter all den politischen Pamphleten und Manifesten, unter all der Indienstnahme für soziale und ökologische, Gerechtigkeits- und Gleichstellungs-Anliegen wieder hervorgezerrt werden und für-sich herausgestellt. Das heißt ausdrücklich nicht, unpolitische Kunst zu fordern - ganz im Gegenteil! Es heißt, von der Kunst zu fordern, dass sie mehr ist, als nur ein politisches Pamphlet. Und dies herauszuarbeiten. Es heißt, dass Kunst nicht dadurch besser oder schlechter wird, dass sie 'die richtige' oder 'die falsche' Ideologie und politische Meinung ausdrückt. Es heißt das Ästhetische als etwas Besonderes im politischen Diskurs, der nicht notwendig ästhetisch ist, herauszustellen."
Außerdem: Josef Nagel gratuliert im Filmdienst der Cinémathèquefrançaise zum 90-jährigen Bestehen. Mariam Schaghaghi spricht für die FAZ mit RebeccaMiller über MartinScorsese, über den sie für Apple eine Dokuserie gedreht hat. Jan Küveler spricht für die WamS mit GuillermodelToro über dessen "Frankenstein"-Adaption, die kommenden Donnerstag in die Kinos kommt. In Berlin wurden Filme aus Jakutien gezeigt, eine tief im Osten Russlands liegende Region, von der selbst Russen im Westen nicht genau wissen, wo sie liegt, berichtet Yelizaveta Landenberger in der taz. Valerie Dirk sieht für den Standard auf der Viennale Filme über Mutterschaft. Axel Timo Purr führt auf Artechock durchs Programm der AfrikanischenFilmtageMünchen. Rüdiger Suchsland schreibt auf Artechock einen Nachruf auf DianeKeaton (weitere Nachrufe hier). In der FAZgratuliert Jürgen Kaube dem Schauspieler JohnLithgow zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden WernerHerzogs "Ghost Elephants", der auf der Viennale gezeigt wird (Standard), ScottCoopers Biopic "Springsteen: Deliver Me From Nowhere" (taz), KellyReichardts "The Mastermind" (Artechock, mehr dazu bereits hier), LucaGuadagninos MeToo-Thriller "After the Hunt" (Artechock, critic.de, unsere Kritik), EdwardBergers "Ballad of a Small Player" (Artechock, SZ), LauraPianis "Jane Austen und das Chaos in meinem Leben" (Artechock, Standard), die ARD-Doku "Calmeyers Dilemma - Juden retten im Schatten der Nazis" (FAZ), AgnieszkaHollands Kafka-Film "Franz K." (WamS) und FlorianFrerichs' gleichnamige Verfilmung von ArthurSchnitzlers "Traumnovelle" (FAZ).
In der critic.de-Reihe zum deutschen Genrefilm widmet sich Robert Wagner (der auch für den Perlentaucher tätig ist) ausführlich der Reportfilm-WellederSiebziger: Aufgrund ihrer Defizite und ihres einschlägig spekulativen Charakters zwar leicht zu verdammen, "lauerten hinter dem Aufklärungsgestus nicht selten grelle Satiren und bittere Grotesken. ... Es geht in den Reporten selten um feine gesellschaftliche Analysen, die soziologische und sexual-psychologische Wahrheiten vermitteln wollen, aber doch immer wieder um Unschönes und Derbes im Gewand einer bitteren Gaudi. So zu verallgemeinern ist selbstredend unlauter. Die Filme sind schon jeder für sich grundlegend disparat, voller Stimmungs- und Qualitätsschwankungen, ein Panoptikum aus teutonischemHolzhammerhumor, spritzigenFrivolitäten, Ringen um Verständnis und Lässigkeit, völlig überzogenen Porträts einer gesellschaftlichen Enge, die Fassbinderfilme im Vergleich entspannt wirken lässt." Die Reportfilme "machen es einem nicht einfach, in ihnen finden sich aber Teile einer Gesellschaft, Teile von uns, die andere Filme sich nie getraut haben zu zeigen".
Außerdem: Valerie Dirk bespricht im Standard die auf der Viennale gezeigten Regiedebüts der Schauspielerinnen KristenDunst und HarrisDickinson. John C. Reilly kommt in einem italienischen Western als BuffaloBill zur Viennale, berichtet Marian Wilhelm im Standard. David Steinitz spricht in der SZ mit dem Schauspieler JeremyAllenWhite.
Besprochen werden KellyReichards "The Mastermind" (Welt, mehr dazu bereits hier), LucaGuadagninos "After The Hunt" (Perlentaucher, Tsp, mehr dazu bereits hier), KentJones' Schnitzler-Adaption "Late Fame" mit WillemDafoe (Standard) und die auf Sky gezeigte Serie "The Iris Affair" (FAZ).
Handelt von gesellschaftlichen Verwerfungen: "After the Hunt" von Luca Guadagnino Mit "After the Hunt" hat der italienische Autorenfilmer LucaGuadagnino ein MeToo-Drama im akademischen Elfenbeinturm gedreht: JuliaRoberts gibt eine so charismatische wie karrieristische Philosophieprofessorin, die sich zu Lasten einer Studentin immer tiefer verstrickt. "Bisher hat sich Guadagnino eher für die Unstillbarkeit des Begehrens interessiert", schreibt Marie-Luise Goldmann in der Welt, doch nun lenke er "den Blick auf die Schattenseiten der Leidenschaft: auf den Konsens und darauf, was es mit Menschen anrichten kann, wenn er fehlt." Doch will "der Thriller weder unterhalten noch voyeuristisch fesseln" und wirkt in seiner Schilderung des akademischen Milieus auch "stark übertrieben und teilweise unplausibel". Er "strahlt jene kühle Distanz aus, die wir von 'Tár' und 'Anatomie eines Falls' kennen. Das dauerpräsente gegenseitige Misstrauen und die von den Figuren ausgestellte Bereitschaft zum Missverstehen machen fast jede Szene unerträglich."
MeToo, Diversity, Identitätspolitik, Cancel Culture, Wokeness: An Reizthemen ist der Film übervoll, bezieht aber kaum eindeutig Stellung, stellt Arabella Wintermayr in der taz fest. Er "zeigt vielmehr die gesellschaftlichen Verwerfungen, die entstehen, wenn derlei Argumente nicht aus Überzeugung von ihrer Richtigkeit, sondern als strategischeWaffe ins Feld geführt werden. Hierin erweist sich 'After the Hunt' letztlich doch unübersehbar als ein Film von Luca Guadagnino: Im Kern geht es um eine Abrechnung mit der Heuchelei selbst."
FAZ-Kritiker Andreas Kilb fühlt sich hier schon im Vorspann zuhause: "Da laufen der Titel und die Namen von Cast und Crew in derselben weißen Schrifttype über die Leinwand, mit der WoodyAllen seit Jahrzehnten seine Kinogeschichten einleitet, und dazu läuft eine passende, höflich einlullende Jazznummer." Guadagnino beziehe sich dabei aber nicht auf den eher etwas traurigen Woody Allen der Gegenwart, sondern auf den "Meisterregisseur der Achtzigerjahre, der in Filmen wie 'Hannah und ihre Schwestern' und 'Verbrechen und andere Kleinigkeiten' seinem großen Vorbild IngmarBergman gehuldigt hat. In diesen Filmen gab es keine Unschuldigen und kein Gut und Böse. Sie machten nicht einer Figur den Prozess, sondern allen. Und so geschieht es auch in 'After the Hunt'." Zeit-Kritikerin Julia Lorenz kann hingegen mit dem Film wenig anfangen: "Wertiges Dekor wird flankiert von vielen wertigen Gedanken", stöhnt sie. Erzählt vom statischen Scheitern: "The Mastermind" von Kelly Reichardt Auf KellyReichardts in den Siebzigern angesiedelten "The Mastermind" um einen schluffigen Kunstdieb hatten wir gestern schon hingewiesen, heute kommen weitere Kritiken. Dieser Dieb "reiht sich ein in das Ensemble von Slackerfiguren, die das Werk der Independent-Filmemacherin Kelly Reichardt bevölkern", schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz. "Menschen, die in den Lücken und an den Rändern existieren - aber nicht mit dem Glamour der überzeugten Außenseiter, sondern weil sie nicht anders können." Und so gerinnt der Film nach dem glücklosen Heist: "Wo vorher ein Heist-Plot die Struktur vorgegeben hat - Planung, Durchführung, Konsequenzen -, gibt es jetzt nur noch einen statischen Zustand zu sehen, der bedächtig ausgemalt wird: ruheloses, irreversiblesScheitern." Patrick Holzapfel vom Perlentaucherstellt sich mit fortlaufender Spieldauer schon die Frage, "worin der Sinn liegt, einen Film so aussehen zu lassen, als wäre er vor fünfzig Jahren gedreht worden. Die Freude an der Sache allein kann es nicht sein, dazu ist der Film zu freudlos. ... Als sich aus den bisherigen Arbeiten der Regisseurin fortsetzendes Werk über das US-amerikanische Scheitern und die damit verbundenen Ästhetiken männlicher Romantik aber kommt der Film bei aller dahintröpfelnder Stille zu einer erstaunlich wütenden Feststellung, die unter der Regie einer weniger versierten Filmemacherin wohl zu einer simplen Anklage männlicher Verfehlungen geführt hätte, hier aber in einem paradox entspannten Ton davon erzählt, dass es nicht one battle after another gibt, sondern one delusion after another." Für die FR hat Daniel Kothenschulte mit der Regisseurin gesprochen.
Weitere Artikel: Valerie Dirk porträtiert im StandardChristianPetzold. Katja Nicodemus schreibt in der Zeit zum Tod von DianeKeaton (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden AlexandreKoberidzes "Dry Leaf" (Standard), Laura Pianis "Jane Austen und das Chaos in meinem Leben" (FR), EdwardBergers "Ballad of a Small Player" (Tsp) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Murdaugh: Mord in der Familie" (FAZ).
Antriebsloser Totalverweigerer: "The Mastermind" zeigt keinen solchen Für Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist KellyReichardt "die beste Chronistin eines Amerikas an der gesellschaftlichen Peripherie". Ihr neuer, in den Siebzigern angesiedelter Film "The Mastermind" ist ein Heist-Movie - aber eines, das quasi auf links gedreht ist, denn kein Gauner-Gentleman tüftelt hier ein Meisterstück im Hinblick auf einen kreativen Eigentümerwechsel aus, sondern ein slackender Drifter. Und "ein Mastermind ist dieser J.B. Mooney eben nicht, auch wenn er seinen Plan für unfehlbar hält". Die Regisseurin "hat ein Herz für solche schrägen Gestalten, die im Grunde die Sollbruchstellen eines fragilen Gemeinschaftskonstrukts verkörpern. Insofern ist es programmatisch, dass 'The Mastermind' in den frühen 1970er Jahren spielt - jener amerikanischen Ära, die nicht zuletzt in der Popkultur für den Aufbruch steht. ... Doch Reichardts Sympathien für diesen antriebslosenTotalverweigerer der gesellschaftlichen - und letztlich auch kapitalistisch-optimierten - Sinnstiftung hat ihre Grenzen. Sie hat für J.B. die bisher böseste Schlusspointe in ihrem an armen Träumern wahrlich reichen Gesamtwerk parat."
Außerdem: Bert Rebhandl spricht im Standard mit EdgarReitz über dessen aktuellen Film "Leibniz". Josef Schnelle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf DianeKeaton (weitere Nachrufe bereits hier).
Besprochen werden FatihAkins "Amrum" (Jungle World), AzizAnsaris "Good Fortune" (FAZ), Nadav Lapids Groteske "Yes" über Israel nach dem 7. Oktober, die in Deutschland allerdings erst Mitte November startet (NZZ), StefanHauptsMax-Frisch-Verfilmung "Stiller", die in Deutschland erst Ende Oktober startet (NZZ), die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (Welt), die Arte-Doku "Geraubtes Wirtschaftswunder - Die übertünchte Vergangenheit der Deutschen" (FAZ), die auf Artegezeigte, isländische Krimiserie "Reykjavík 112" (taz)und LauraPianis romantische Komödie "Jane Austen und das Chaos in meinem Leben" (SZ).
Im Parcours der Gewissensbisse: Radu Judes "Kontinental 25" (Grandfilm) RaduJude ist der Vieldreher unter den rumänischen Autorenfilmern des Gegenwartskino, kein Jahr ohne nicht mindestens einen neuen Film von ihm. "Kontinental '25" ist denn auch schon wieder sein vorletzter Film, bei der Berlinale wurde dieser Versuch einer Korrespondenz mit Rossellinis "Europa '51" mit dem Silbernen Bären prämiert. Erzählt wird von einer Gerichtsvollzieherin, die Gewissensbisse (und ein Shitstorm) plagen, weil ein Obdachloser sich bei einem Räumungsversuch das Leben genommen hat. Rossellinis Film als Orientierungspunkt ist "eine bedrückende, fast gespenstische Lektion in Demut", schreibt Fritz Göttler in der SZ. "Judes Film ist dagegen aufregendsarkastisch." Tazler Fabian Tietke ist ebenfalls beeindruckt: "Mit großer Eleganz führt das Drehbuch die Protagonistin durch ihren Parcours der Gewissensbisse und arbeitet in ihren eigenen, hilflosen Versuchen, ihr Gewissen zu beruhigen, und in den Reaktionen ihrer Umgebung ein menschlich ethisches Problem heraus: die Spannung zwischen individuellem Handeln, moralischer Schuld und systemischen Zwängen und dem oft etwas kindischen Versuch, dieser mit symbolischen Handlungen zu entkommen, einerseits und andererseits dem Unwillen, sich in kapitalistischen Konsumgesellschaften solche ethischen Fragen auch nur zu stellen."
Weitere Artikel: Leo Geisler denkt im Filmdienst über KellyReichardts aktuellen Film "The Mastermind" und dessen Position im Genre des Heist-Movies nach. In der FAZ rät Marc Zitzmann zu einem Ausflug nach Paris, wo die Cinémathèque OrsonWelles mit einer Ausstellung und Retrospektive ehrt. Ulrich Kriest führt im Filmdienst durch die Arbeiten von HarkBohm, dessen "Amrum" von FatihAkin fürs Kino adaptiert wurde. Esther Buss empfiehlt im Standard die zwei auf der Viennale gezeigten Filme der portugiesischen Regisseurin MaureenFazendeiro. Zeit Onlineverabschiedet sich mit einer Bilderstrecke von DianeKeaton (hier unser Resümee zu den Nachrufen auf sie).
Besprochen werden die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (taz) und KnutElstermans Buch über BachimFilm (FD).
Die Feuilletons trauern um DianeKeaton, die im Alter von 79 Jahren gestorben ist. International bekannt wurde sie in der Rolle der Geliebten und Ehefrau von Michael Corleone in "Der Pate", aber die Herzen (und schließlich auch den Oscar) eroberte sie als Annie Hall in Woody Allens gleichnamigem Film (hierzulande "Der Stadtneurotiker") von 1977 - acht Filme drehte sie insgesamt mit Allen, mit dem sie (wenngleich zu "Annie Hall" schon nicht mehr) auch privat liiert war. "Ihre Annie Hall zählt ohne Zweifel zu den vier, fünfprägendstenFrauenfiguren der amerikanischen Kulturproduktion des 20. Jahrhunderts", schreibt Patrick Wellinski, Filmredakteur beim Dlf Kultur, auf seiner Facebook-Seite. "Sie war ein völlig neuer Typus Frau, eine Figur, die aus dem Nichts kam und sofort alles veränderte. ... Keaton spielte nicht eine Rolle, sie ließ eine Haltung entstehen. Und diese Haltung war nichts anderes als eine Revolution: DasWeibliche, dasIntellektuelle, dasChaotische - alles durfte plötzlich gleichzeitig existieren. Annie Hall musste nicht perfekt sein, um begehrenswert zu sein. Sie musste nicht kämpferisch sein, um frei zu wirken. Sie war einfach sie selbst, und genau das war damals das Radikalste überhaupt. Diane Keaton hat in dieser Figur das Paradox der Moderne aufgelöst: dass man sich selbst finden will, ohne sich dabei zu verlieren. Ihre Gesten - das fahrige Lachen, die zu großen Anzüge, dasewige 'La-di-da' - sind Ausdruck einer neuen Haltung des Ungefähren."
"Die Möglichkeit der Liebe, des Verstehens, der Menschlichkeit, oder zumindest der Gelassenheit, eben das verkörperte Keaton", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Ihr Markenzeichen: das makellose Gesicht, der offene, unverwandte Blick, das feine Sensorium, die Natürlichkeit, die schlanke Gestalt. Und die Männerkleidung: Mit Weste, Krawatte, Bundfaltenhosen, großer Brille und Melone wurde sie seit 'Annie Hall' zur Stilikone." Und sie liebte Komödien, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, "und das gab sie unumwunden zu: 'Ich liebe es, unbeholfen zu sein oder mich zu verlieben und zu lachen oder jemandes Gesicht zu berühren und es zu genießen. Ich liebe den Spaß, den man hat, wenn man in einem Komödienfilm mitspielt.' Das hat ihr geholfen, mit über 50 im Geschäft zu bleiben, nichtnurNebenrollengroßmütter zu spielen, sondern große Parts."
Auch auf dem Regiestuhl nahm Keaton Platz, erinnert David Steinitz in der SZ. "Selten erwähnt, trotzdem wahr, zum Beispiel bei einer Episode von David Lynchs Kultserie 'Twin Peaks' (1991). Man müsse selbst Regie führen, sagte Keaton, um zu kapieren, dass all die Schauspieler, die unbedingt selbst Regie führen wollen, einem falschen Traum aufsitzen: Denn dieser Job sei schlicht und einfach jedes Mal ein Albtraum. Ebenfalls als Albtraum erlebte sie, dass Hollywood für Frauen jenseits der 40 nur noch sehr wenige Rollen zu bieten hat, wenn die Zeit vorbei ist, in der man den jungen love interest spielt. Weil Keaton aber nie jemand war, der sich allzu lange mit Meckern aufhielt, entschied sie sich eben einfach, den alten love interest zu spielen. Zum Beispiel an der Seite von Jack Nicholson in der hübschen Komödie 'Was das Herz begehrt' (2003)."
Weiteres: Bert Rebhandl sieht für den Standard auf der Viennale gezeigte Filme zum 7. Oktober und zum Gazakrieg. Das Filmteam des Standardgibt außerdem Tipps zum Festival. Jannis Holl erinnert in der FAZ an NicolasWindigRefns frühen Film "Pusher". Besprochen wird die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Remnick" (taz).
Helene Röhnsch wirft für die FAZ einen Blick auf die Dlf-Recherchen zu angeblichen Missständen hinter den Kulissen des Filmfestivals Köln, deren Leitung die Vorwürfe abstreitet. Valerie Dirk stimmt im Standard auf die Viennale ein. Rahel Zingg erinnert in der NZZ an die Aufenthalte AlfredHitchcocks in der Schweiz. Besprochen werden RaduJudes "Kontinental '25" (Zeit Online), FatihAkins "Amrum" (Standard) und die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (FAZ).
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