Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.10.2025 - Film

Handelt von gesellschaftlichen Verwerfungen: "After the Hunt" von Luca Guadagnino

Mit "After the Hunt" hat der italienische Autorenfilmer Luca Guadagnino ein MeToo-Drama im akademischen Elfenbeinturm gedreht: Julia Roberts gibt eine so charismatische wie karrieristische Philosophieprofessorin, die sich zu Lasten einer Studentin immer tiefer verstrickt. "Bisher hat sich Guadagnino eher für die Unstillbarkeit des Begehrens interessiert", schreibt Marie-Luise Goldmann in der Welt, doch nun lenke er "den Blick auf die Schattenseiten der Leidenschaft: auf den Konsens und darauf, was es mit Menschen anrichten kann, wenn er fehlt." Doch will "der Thriller weder unterhalten noch voyeuristisch fesseln" und wirkt in seiner Schilderung des akademischen Milieus auch "stark übertrieben und teilweise unplausibel". Er "strahlt jene kühle Distanz aus, die wir von 'Tár' und 'Anatomie eines Falls' kennen. Das dauerpräsente gegenseitige Misstrauen und die von den Figuren ausgestellte Bereitschaft zum Missverstehen machen fast jede Szene unerträglich." 

MeToo, Diversity, Identitätspolitik, Cancel Culture, Wokeness: An Reizthemen ist der Film übervoll, bezieht aber kaum eindeutig Stellung, stellt Arabella Wintermayr in der taz fest. Er "zeigt vielmehr die gesellschaftlichen Verwerfungen, die entstehen, wenn derlei Argumente nicht aus Überzeugung von ihrer Richtigkeit, sondern als strategische Waffe ins Feld geführt werden. Hierin erweist sich 'After the Hunt' letztlich doch unübersehbar als ein Film von Luca Guadagnino: Im Kern geht es um eine Abrechnung mit der Heuchelei selbst."

FAZ-Kritiker Andreas Kilb fühlt sich hier schon im Vorspann zuhause: "Da laufen der Titel und die Namen von Cast und Crew in derselben weißen Schrifttype über die Leinwand, mit der Woody Allen seit Jahrzehnten seine Kinogeschichten einleitet, und dazu läuft eine passende, höflich einlullende Jazznummer." Guadagnino beziehe sich dabei aber nicht auf den eher etwas traurigen Woody Allen der Gegenwart, sondern auf den "Meisterregisseur der Achtzigerjahre, der in Filmen wie 'Hannah und ihre Schwestern' und 'Verbrechen und andere Kleinigkeiten' seinem großen Vorbild Ingmar Bergman gehuldigt hat. In diesen Filmen gab es keine Unschuldigen und kein Gut und Böse. Sie machten nicht einer Figur den Prozess, sondern allen. Und so geschieht es auch in 'After the Hunt'." Zeit-Kritikerin Julia Lorenz kann hingegen mit dem Film wenig anfangen: "Wertiges Dekor wird flankiert von vielen wertigen Gedanken", stöhnt sie.

Erzählt vom statischen Scheitern: "The Mastermind" von Kelly Reichardt

Auf Kelly Reichardts in den Siebzigern angesiedelten "The Mastermind" um einen schluffigen Kunstdieb hatten wir gestern schon hingewiesen, heute kommen weitere Kritiken. Dieser Dieb "reiht sich ein in das Ensemble von Slackerfiguren, die das Werk der Independent-Filmemacherin Kelly Reichardt bevölkern", schreibt Benjamin Moldenhauer in der taz. "Menschen, die in den Lücken und an den Rändern existieren - aber nicht mit dem Glamour der überzeugten Außenseiter, sondern weil sie nicht anders können." Und so gerinnt der Film nach dem glücklosen Heist: "Wo vorher ein Heist-Plot die Struktur vorgegeben hat - Planung, Durchführung, Konsequenzen -, gibt es jetzt nur noch einen statischen Zustand zu sehen, der bedächtig ausgemalt wird: ruheloses, irreversibles Scheitern."

Patrick Holzapfel vom Perlentaucher stellt sich mit fortlaufender Spieldauer schon die Frage, "worin der Sinn liegt, einen Film so aussehen zu lassen, als wäre er vor fünfzig Jahren gedreht worden. Die Freude an der Sache allein kann es nicht sein, dazu ist der Film zu freudlos. ... Als sich aus den bisherigen Arbeiten der Regisseurin fortsetzendes Werk über das US-amerikanische Scheitern und die damit verbundenen Ästhetiken männlicher Romantik aber kommt der Film bei aller dahintröpfelnder Stille zu einer erstaunlich wütenden Feststellung, die unter der Regie einer weniger versierten Filmemacherin wohl zu einer simplen Anklage männlicher Verfehlungen geführt hätte, hier aber in einem paradox entspannten Ton davon erzählt, dass es nicht one battle after another gibt, sondern one delusion after another." Für die FR hat Daniel Kothenschulte mit der Regisseurin gesprochen.

Weitere Artikel: Valerie Dirk porträtiert im Standard Christian Petzold. Katja Nicodemus schreibt in der Zeit zum Tod von Diane Keaton (weitere Nachrufe hier). Besprochen werden Alexandre Koberidzes "Dry Leaf" (Standard), Laura Pianis "Jane Austen und das Chaos in meinem Leben" (FR), Edward Bergers "Ballad of a Small Player" (Tsp) und die auf Disney+ gezeigte Serie "Murdaugh: Mord in der Familie" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.10.2025 - Film

Antriebsloser Totalverweigerer: "The Mastermind" zeigt keinen solchen

Für Tagesspiegel-Kritiker Andreas Busche ist Kelly Reichardt "die beste Chronistin eines Amerikas an der gesellschaftlichen Peripherie". Ihr neuer, in den Siebzigern angesiedelter Film "The Mastermind" ist ein Heist-Movie - aber eines, das quasi auf links gedreht ist, denn kein Gauner-Gentleman tüftelt hier ein Meisterstück im Hinblick auf einen kreativen Eigentümerwechsel aus, sondern ein slackender Drifter. Und "ein Mastermind ist dieser J.B. Mooney eben nicht, auch wenn er seinen Plan für unfehlbar hält". Die Regisseurin "hat ein Herz für solche schrägen Gestalten, die im Grunde die Sollbruchstellen eines fragilen Gemeinschaftskonstrukts verkörpern. Insofern ist es programmatisch, dass 'The Mastermind' in den frühen 1970er Jahren spielt - jener amerikanischen Ära, die nicht zuletzt in der Popkultur für den Aufbruch steht. ... Doch Reichardts Sympathien für diesen antriebslosen Totalverweigerer der gesellschaftlichen - und letztlich auch kapitalistisch-optimierten - Sinnstiftung hat ihre Grenzen. Sie hat für J.B. die bisher böseste Schlusspointe in ihrem an armen Träumern wahrlich reichen Gesamtwerk parat."

Außerdem: Bert Rebhandl spricht im Standard mit Edgar Reitz über dessen aktuellen Film "Leibniz". Josef Schnelle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Diane Keaton (weitere Nachrufe bereits hier).

Besprochen werden Fatih Akins "Amrum" (Jungle World), Aziz Ansaris "Good Fortune" (FAZ), Nadav Lapids Groteske "Yes" über Israel nach dem 7. Oktober, die in Deutschland allerdings erst Mitte November startet (NZZ), Stefan Haupts Max-Frisch-Verfilmung "Stiller", die in Deutschland erst Ende Oktober startet (NZZ), die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (Welt), die Arte-Doku "Geraubtes Wirtschaftswunder - Die übertünchte Vergangenheit der Deutschen" (FAZ), die auf Arte gezeigte, isländische Krimiserie "Reykjavík 112" (taz) und Laura Pianis romantische Komödie "Jane Austen und das Chaos in meinem Leben" (SZ).
Stichwörter: Reichardt, Kelly, Heist-Movie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.10.2025 - Film

Im Parcours der Gewissensbisse: Radu Judes "Kontinental 25" (Grandfilm)

Radu Jude ist der Vieldreher unter den rumänischen Autorenfilmern des Gegenwartskino, kein Jahr ohne nicht mindestens einen neuen Film von ihm. "Kontinental '25" ist denn auch schon wieder sein vorletzter Film, bei der Berlinale wurde dieser Versuch einer Korrespondenz mit Rossellinis "Europa '51" mit dem Silbernen Bären prämiert. Erzählt wird von einer Gerichtsvollzieherin, die Gewissensbisse (und ein Shitstorm) plagen, weil ein Obdachloser sich bei einem Räumungsversuch das Leben genommen hat. Rossellinis Film als Orientierungspunkt ist "eine bedrückende, fast gespenstische Lektion in Demut", schreibt Fritz Göttler in der SZ. "Judes Film ist dagegen aufregend sarkastisch." Tazler Fabian Tietke ist ebenfalls beeindruckt: "Mit großer Eleganz führt das Drehbuch die Protagonistin durch ihren Parcours der Gewissensbisse und arbeitet in ihren eigenen, hilflosen Versuchen, ihr Gewissen zu beruhigen, und in den Reaktionen ihrer Umgebung ein menschlich ethisches Problem heraus: die Spannung zwischen individuellem Handeln, moralischer Schuld und systemischen Zwängen und dem oft etwas kindischen Versuch, dieser mit symbolischen Handlungen zu entkommen, einerseits und andererseits dem Unwillen, sich in kapitalistischen Konsumgesellschaften solche ethischen Fragen auch nur zu stellen."

Weitere Artikel: Leo Geisler denkt im Filmdienst über Kelly Reichardts aktuellen Film "The Mastermind" und dessen Position im Genre des Heist-Movies nach. In der FAZ rät Marc Zitzmann zu einem Ausflug nach Paris, wo die Cinémathèque Orson Welles mit einer Ausstellung und Retrospektive ehrt. Ulrich Kriest führt im Filmdienst durch die Arbeiten von Hark Bohm, dessen "Amrum" von Fatih Akin fürs Kino adaptiert wurde. Esther Buss empfiehlt im Standard die zwei auf der Viennale gezeigten Filme der portugiesischen Regisseurin Maureen FazendeiroZeit Online verabschiedet sich mit einer Bilderstrecke von Diane Keaton (hier unser Resümee zu den Nachrufen auf sie).

Besprochen werden die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (taz) und Knut Elstermans Buch über Bach im Film (FD).
Stichwörter: Jude, Radu, Rumänisches Kino

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2025 - Film

Die Feuilletons trauern um Diane Keaton, die im Alter von 79 Jahren gestorben ist. International bekannt wurde sie in der Rolle der Geliebten und Ehefrau von Michael Corleone in "Der Pate", aber die Herzen (und schließlich auch den Oscar) eroberte sie als Annie Hall in Woody Allens gleichnamigem Film (hierzulande "Der Stadtneurotiker") von 1977 - acht Filme drehte sie insgesamt mit Allen, mit dem sie (wenngleich zu "Annie Hall" schon nicht mehr) auch privat liiert war. "Ihre Annie Hall zählt ohne Zweifel zu den vier, fünf prägendsten Frauenfiguren der amerikanischen Kulturproduktion des 20. Jahrhunderts", schreibt Patrick Wellinski, Filmredakteur beim Dlf Kultur, auf seiner Facebook-Seite. "Sie war ein völlig neuer Typus Frau, eine Figur, die aus dem Nichts kam und sofort alles veränderte. ... Keaton spielte nicht eine Rolle, sie ließ eine Haltung entstehen. Und diese Haltung war nichts anderes als eine Revolution: Das Weibliche, das Intellektuelle, das Chaotische - alles durfte plötzlich gleichzeitig existieren. Annie Hall musste nicht perfekt sein, um begehrenswert zu sein. Sie musste nicht kämpferisch sein, um frei zu wirken. Sie war einfach sie selbst, und genau das war damals das Radikalste überhaupt. Diane Keaton hat in dieser Figur das Paradox der Moderne aufgelöst: dass man sich selbst finden will, ohne sich dabei zu verlieren. Ihre Gesten - das fahrige Lachen, die zu großen Anzüge, das ewige 'La-di-da' - sind Ausdruck einer neuen Haltung des Ungefähren."



"Die Möglichkeit der Liebe, des Verstehens, der Menschlichkeit, oder zumindest der Gelassenheit, eben das verkörperte Keaton", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. "Ihr Markenzeichen: das makellose Gesicht, der offene, unverwandte Blick, das feine Sensorium, die Natürlichkeit, die schlanke Gestalt. Und die Männerkleidung: Mit Weste, Krawatte, Bundfaltenhosen, großer Brille und Melone wurde sie seit 'Annie Hall' zur Stilikone." Und sie liebte Komödien, schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt, "und das gab sie unumwunden zu: 'Ich liebe es, unbeholfen zu sein oder mich zu verlieben und zu lachen oder jemandes Gesicht zu berühren und es zu genießen. Ich liebe den Spaß, den man hat, wenn man in einem Komödienfilm mitspielt.' Das hat ihr geholfen, mit über 50 im Geschäft zu bleiben, nicht nur Nebenrollengroßmütter zu spielen, sondern große Parts."

Auch auf dem Regiestuhl nahm Keaton Platz, erinnert David Steinitz in der SZ. "Selten erwähnt, trotzdem wahr, zum Beispiel bei einer Episode von David Lynchs Kultserie 'Twin Peaks' (1991). Man müsse selbst Regie führen, sagte Keaton, um zu kapieren, dass all die Schauspieler, die unbedingt selbst Regie führen wollen, einem falschen Traum aufsitzen: Denn dieser Job sei schlicht und einfach jedes Mal ein Albtraum. Ebenfalls als Albtraum erlebte sie, dass Hollywood für Frauen jenseits der 40 nur noch sehr wenige Rollen zu bieten hat, wenn die Zeit vorbei ist, in der man den jungen love interest spielt. Weil Keaton aber nie jemand war, der sich allzu lange mit Meckern aufhielt, entschied sie sich eben einfach, den alten love interest zu spielen. Zum Beispiel an der Seite von Jack Nicholson in der hübschen Komödie 'Was das Herz begehrt' (2003)."

Weitere Nachrufe in FR, taz, Welt, Standard, FAZ und NZZ. Und eine Stilikone, blieb sie bis zuletzt, wie man auf ihrem Instagram-Account bestens nachvollziehen kann.

Weiteres: Bert Rebhandl sieht für den Standard auf der Viennale gezeigte Filme zum 7. Oktober und zum Gazakrieg. Das Filmteam des Standard gibt außerdem Tipps zum Festival. Jannis Holl erinnert in der FAZ an Nicolas Windig Refns frühen Film "Pusher". Besprochen wird die auf AppleTV+ gezeigte Serie "Remnick" (taz).
Stichwörter: Keaton, Diane

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.10.2025 - Film

Helene Röhnsch wirft für die FAZ einen Blick auf die Dlf-Recherchen zu angeblichen Missständen hinter den Kulissen des Filmfestivals Köln, deren Leitung die Vorwürfe abstreitet. Valerie Dirk stimmt im Standard auf die Viennale ein. Rahel Zingg erinnert in der NZZ an die Aufenthalte Alfred Hitchcocks in der Schweiz. Besprochen werden Radu Judes "Kontinental '25" (Zeit Online), Fatih Akins "Amrum" (Standard) und die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2025 - Film

Hanns-Georg Rodek spricht im Filmdienst mit dem israelischen Regisseur Navad Lapid, dessen neue Nahost-Satire "Yes" im November in die Kinos kommt. Eigentlich hätte der Film ohne weiteres in Cannes im Wettbewerb laufen können, Gerüchten zufolge wurde er aber wohl bewusst in eine Nebenreihe und ans Ende des Festivals gestellt. Der Regisseur ist sich sicher, "dass der bestimmende Faktor Angst war. Angst vor dem Film, Angst davor, dass er einen der großen Preise gewinnen könnte. Angst vor dem, was ich bei der Preisverleihung sagen könnte. Vor einem Eklat wie bei der Berlinale 2024. Ich hoffe nicht, dass sich die Regeln in Cannes geändert haben, dass man dort nur noch 'sichere' Filme über alte Konflikte sieht, von denen man schon in Geschichtsbüchern lesen kann. Zu Mut gehört auch Risiko. Wenn Cannes Jafar Panahis 'Ein einfacher Unfall" die Goldene Palme gibt, geht niemand ein Risiko ein - außer Panahi selbst. Das Festival hat keine Ayatollahs als Sponsoren, die es verlieren könnte. Die Entscheidung über 'Yes' hingegen beinhaltete ein Risiko, nämlich das erheblicher Kritik."

"Südsee" von Henrika Kull

Auf Artechock empfiehlt Rüdiger Suchsland den aktuell in der ARD-Mediathek stehenden Film "Südsee", den die Berliner Regisseurin Henrika Kull noch vor dem 7. Oktober in Israel gedreht hat. Mit dem Terroranschlag bekam man dann Bammel, der Film wurde von Festivals unter fadenscheinigen Begründungen ausgeladen (mehr dazu bereits hier). Eine Tendenz, die sich auch darin zeigt, dass "- unter dem Vorwand, es sei doch gerade so gefährlich dort unten -, versucht wird, deutschen Filmemachern das Drehen vor allem in Israel, aber mitunter auch in den arabischen Nachbarstaaten, madig zu machen, oder es gleich zu verhindern. Bei Hochschulfilmen kann man einen Israeldreh einfach verbieten, und genau das passiert gerade auch, so wie Austauschprogramme und Forschungsstipendien an den Universitäten gerade heruntergefahren und gestoppt werden, wo es nur rechtlich möglich ist. Der in vielem antiisraelisch bis antisemitisch gestimmte Wissenschaftsbetrieb leistet hier gerade ganze Arbeit für die eigenen politischen Ziele, und das viel wirksamer als bei jeder der täglichen Pali-Demos."

Weiteres: Valerie Dirk unterhält sich im Standard mit der Femen-Aktivistin Alexandra Shevchenko, die durch Arash T. Riahis und Verena Soltiz' Dokumentarfilm "Girls & Gods" über Religion und Feminismus nachdenkt. Gunnar Hinck freut sich in der taz, dass mit Fatih Akins (in der FAZ besprochenem) Film "Amrum" die nordfriesische Sprache im Kino zu hören ist. In der NZZ spricht Tobias Sedlmaier mit Christian Petzold über dessen aktuellen Film "Miroirs No. 3" (hier mehr zum Film).

Besprochen werden Hélène Cattets und Bruno Forzanis Italokino-Hommage "Reflections in a Dead Diamond" (Perlentaucher), Kathryn Bigelows Atomkriegsfilm "A House of Dynamite" (FAZ, unsere Kritik), Radu Judes "Kontinental '25" (Tsp) und Joachim Rønnings SF-Film "Tron: Ares" (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2025 - Film

Interessiert an Entscheidungsprozessen: Kathryn Bigelows "A House of Dynamite"

Actionfilm-Autorenfilmerin Kathryn Bigelow kehrt nach einer langen Pause mit "A House of Dynamite" zurück - und aktueller könnte ihr Sujet kaum sein: Atombomben nähern sich der USA, Absender unbekannt - was tun? Bigelow schildert die letzten Minuten vor dem Einschlag aus drei hintereinander geschalteten Perspektiven. "Seit 'K-19: The Widowmaker', einem Übergangswerk zwischen ihren klassischeren Studio-Genrearbeiten der 80er- und 90er-Jahre und den unabhängig produzierten prozessualen Thrillern im 21. Jahrhundert, arbeitet Kathryn Bigelow an einem Kino ohne heroisches Zentrum, einer Spannungskonzentration ohne Entladung oder Abschluss", schreibt Kamil Moll im Perlentaucher. "Die planspielartige Eskalation eines Nuklearkriegs erzählt der Film in seiner Unausweichlichkeit nicht als berufliches Versagen, sondern als ein Endspiel, das aufgrund einer Myriade von abzuwägenden Details nicht beherrschbar gemacht werden kann."

Chicago, soviel kann man verraten, muss in diesem Film dran glauben. Aber wie diese Erkenntnis im Film schlagartig klar wird - alleine dessentwegen muss man den Film "gesehen haben", schreibt Barbara Schweizerhof in der taz: "Wie sich von einem Moment auf den anderen alles verändert, die Stimmung kippt, eine Art Schockfrost einsetzt. Eben noch gab es die Illusion von Kontrolle, von Übersicht, von geregeltem Ablauf. ...  Wie schon in 'The Hurt Locker' (2008) und besonders in 'Zero Dark Thirty' (2012) interessiert sich Bigelow für Entscheidungsprozesse. Und zwar sowohl für die der Institutionen mit ihren Handbüchern, ihren Apparaten und Hierarchien als auch für die in den Köpfen der Menschen mit ihrem Wissen, ihren Erinnerungen und ihren hochschießenden Emotionen." Weitere Besprechungen auf Artechock sowie in SZ und Zeit, hier unser Resümee vom Filmfestival Venedig.

Außerdem: Elke Eckert empfiehlt auf Artechock Filme des durch Deutschland tourenden Festivals "Cinema! Italia!". Eckhard Haschen resümiert für Artechock das 33. Filmfest Hamburg. Jörg Seewald porträtiert in der FAZ den Schauspieler Max von der Groeben, der in Dustin Looses (hier in der FAZ besprochenen) ARD-Film "Die Nichte des Polizisten" zu sehen ist.

Besprochen werden Fatih Akins "Amrum" (FR, critic.de, Artechock), Gerd Kroskes Dokumentarfilm "Stolz & Eigensinn" über DDR-Industriearbeiterinnen, die nach der Wende aus ihren Berufen gedrängt wurde (BLZ), Tom Shovals Dokumentarfilm "A Letter to David" (critic.de), Hélène Cattets und Bruno Forzanis Italokino-Hommage "Reflections in a Dead Diamond" (taz), Radu Judes "Kontinental '25" (critic.de, Zeit), Jean-Baptistes Dokumentarfilm "Save Our Souls" über ein Rettungsschiff im Mittelmeer (taz), Julius Grimms "Zweigstelle" (Artechock), Julius Grimms Komödie "Zweigstelle" (SZ), Joachim Rønnings "Tron: Ares" ("ein verführerischer Stimmungsrausch", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR, ArtechockStandard, Welt), Jovana Reisingers "Unterwegs im Namen der Kaiserin" (Artechock), die DVD-Ausgabe von Rúnar Rúnarssons "Wenn das Licht zerbricht" (taz) und ein Netflix-Porträtfilm über den Schauspieler Charlie Sheen (FD).
Stichwörter: Bigelow, Kathryn, Atomkrieg

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2025 - Film

Sieht gut aus: "Tron: Ares"

FAZ-Kritiker Dietmar Dath hat durchaus Freude am dritten Teil der "Tron"-Kinosaga, um Hacker, die in Computer ganz buchstäblich eindringen und Programme, die sich im Zuge vermenschlichen. Freude hat er nicht nur, weil Jared Leto "glaubhaft" spielt, "wie sein Gesicht ein Gefühl lernt. ... Das Produktionsdesign von Darren Gilford ist eine Liebeserklärung ans Achtzigerjahre-Kinderglück und gleichzeitig dessen strömungstechnische Generalüberholung; die berühmten 'Recognizer', Panzer im Luftraum, sahen nie besser aus; Rennen mit Motorrädern aus Elektrofeuer auch nicht. Wer etwas von Physik versteht, soll nicht hochnäsig fragen, woher das Rohmaterial für die Vergegenständlichung von Datenströmen im Film kommt und wie sich das mit dem Satz von der Erhaltung der Energie verträgt, sondern 'Information-Powered Engines' (2024) von Tushar Kanti Saha lesen; willkommen im Wahnsinn."

Die österreichische Schauspielerin Lotte Ledl ist tot. Ihr Gesicht fand sie selbst "zu schirch für den Film", schreibt Samir H. Köck in der Presse. Doch gerade dies war ihr Vorteil: "Jedes Mal, wenn man hinschaute, entdeckte man neue Aspekte. Im Herben war Anmutiges, im vordergründig Strengen etwas sehr Menschliches." Schließlich reüssierte sie im Heimatfilm: "Stets stach sie aus dem begütigenden und harmonisierenden Einerlei heraus. Lotte Ledl übernahm mit Vorliebe die mehrdimensionalen Charaktere. Sie gab sich auf virtuose Art bissig, frech und, wenn es sein musste, auch besorgt oder blasiert. 'Sie gefallen mir, wenn sie so schnaufen', meinte sie als Kaiserin Mutter zu einem Feldmarschall. 'Ja, das ist der Blutdruck', so die Antwort. Solche Dialoge entsprachen ihrem Humor."

Bei "Derrick" trat sie mehrfach auf, darunter in dieser von Edgar-Wallace-Auteur Alfred Vohrer inszenierten Episode, die das ZDF entgegen vom Boulevard in Umlauf gebrachten Gerüchten keineswegs im Giftschrank versteckt hält, sondern offiziell bei Youtube hochgeladen hat: 



Außerdem: Alexander Menden verweist in der SZ auf eine Recherche des Dlf (hier zum Nachlesen, dort zum Nachhören) zu angeblichen Missständen hinter den Kulissen des Filmfestivals Köln. Jane Fonda trommelt die Hollywood-Garde zusammen, um sich gegen Donald Trumps Einschränkungen der Meinungsfreiheit zur Wehr zu setzen, meldet Frauke Steffens in der FAZ. Tobias Sedlmaier empfiehlt in der NZZ eine Zürcher Retrospektive mit den Filmen des italienischen Horror- und Thrillermeisters Dario Argento, der 85 Jahre alt wird. Besprochen wird Tim Mielants Netlix-Film "Steve" mit Cilian Murphy (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2025 - Film

Der US-Experimentalfilmer Ken Jacobs ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Einen ersten Nachruf liefert Sean Malin in der New York Times: "Ein geisterhafter Seiltänzer, der auf einer unsichtbaren Schnur über der tobenden Menge wandelt. Menschen, die vor laufender Kamera auf die Ermordung von Malcolm X im Audubon Ballroom reagieren. Mächtige Regenwolken, die über dem tosenden Meer ihre Farben wechseln. Dies sind nur ein paar wenige der unvergesslichen Bilder, die Ken Jacobs im Lauf von mehr als 65 Jahren heraufbeschworen hat, jener wegweisender Filmemacher, dessen Experimente mit der filmischen Form ihn zahlreichen Augen zur grauen Eminenz der amerikanischen Avantgarde machten."

In seinen letzten Jahrzehnten konzentierte sich Jacobs in seiner "Eternalisms"-Reihe auf die verblüffende Simulation von Dreidimensionalität auf zweidimensionalen Flächen ohne weitere Vorrichtungen wie Brillen oder ähnliches. Wer zur Epilepsie neigt, sollte sich das allerdings nicht ansehen: 



Außerdem: Michael Ranze schwärmt im Filmdienst von James William Guercios 1973 entstandenem Cop-Film "Electra Glide in Blue", den es als "Anti-'Easy Rider'" unbedingt wiederzuentdecken gilt. Dietmar Dath erinnert in der FAZ an den Film "Tron: Legacy", der 2010 in die Kinos kam und dessen Fortsetzung diese Woche startet.

Besprochen werden Tom Shovals Dokumentarfilm "A Letter to David" über den israelischen Schauspieler David Cunio, der von der Hamas am 7. Oktober entführt wurde (taz, SZ, unsere Kritik), Fatih Akins "Amrum" (Tsp), Paul Greengrass' auf AppleTV+ gezeigter Katastrophenfilm "The Lost Bus" mit Matthew McConaughey (Welt), die ARD-Serie "Naked" über Sexsucht (taz), die Netflix-Serie "Alphamännchen" (Zeit Online) und Jean-Pierre Améris' französischer Kaffeehausfilm "Wie das Leben manchmal so spielt" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2025 - Film

"Die Tochter" von Egor Olesov

Bert Rebhandl ist für die FAZ nach Kiew gereist, wo das seit der russischen Eskalation des Ukrainekriegs heimatlos gewordene Odessa Filmfestival auch in diesem Jahr wieder Unterschlupf gefunden hat. Dass Kiew 2022 doch nicht gefallen ist und die russischen Invasoren von der ukrainischen Haupstadt wieder weit zurückgedrängt werden konnten, wird in einigen neuen ukrainischen Filmen erzählt, "am markantesten sicher in 'Die Tochter' von Egor Olesov, einem rasanten Spannungsfilm, in dem die Invasion und die Befreiung auf eine lange Nacht in einem Haus in den Wäldern rund um Kiew zugespitzt werden. ... Der Krieg ist in 'Die Tochter' vollständig aus seinen historischen und politischen Dimensionen herausgelöst, er wird zum intensiven Ringen ums blanke Überleben auf dem Raum, in dem Menschen sonst eigentlich für sich sein möchten. Aber das ist es eben, was der Krieg auch bedeutet: Es gibt kein privates Leben mehr, wenn man im Schlafzimmer, unter der Bettdecke, die Alarm-Apps nie auf lautlos stellen kann."

Weitere Artikel: Pavao Vlajcic berichtet hier und dort auf critic.de vom Festival Européen du Film Fantastique in Straßburg. Dierk Saathoff erinnert in der Jungle World an die Serie "Gilmore Girls", die vor 25 Jahren an den Start gegangen ist.

Besprochen werden ein Interviewband mit Gespräch mit der Schauspielerin Judi Dench (online nachgereicht von der FAS), Paul Greengrass' auf AppleTV+ gezeigter Katastrophenfilm The Lost Bus" (FAZ), Pawel Talankins "Mr. Nobody Against Putin" (NZZ), Kogonadas "A Big Bold Beautiful Journey" mit Margot Robbie und Colin Farrell (SZ), Kathryin Bigelows Atombomben-Kriegsdrama "A House of Dynamite" (Tsp), die Apple-Serie "Die Schwestern Grimm" (taz) und eine Netflix-Serie über Ed Gein, den Serienmörder, auf dessen Taten Filme wie "Psycho", "Das Schweigen der Lämmer" und "The Texas Chain Saw Massacre" zurückgehen (Welt).