Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.02.2026 - Film

Viel Aufsehen gab es kürzlich, als Matt Damon im Podcast von Joe Rogan erzählt hat, dass Netflix die Vorgabe aufstellt, bei Filmen möglichst zu Beginn große Actionszenen zu platzieren (damit die Leute nicht gleich wieder wegzappen) und den Plot möglichst oft und einfach verständlich im Dialog zu erklären (weil die Leute beim Filmschauen lieber auf dem Handy daddeln, als den Film zu sehen). Werden Filme also immer dümmer? Philipp Bovermann hat sich für die SZ mal in der Branche umgehört. Deutsche Produzenten berichten ihm tatsächlich von einem Treffen mit "Frontalunterricht", bei dem ihnen von Netflix die besten Strategien vorgebetet wurden: Bei einer Serie "müsse sofort klar sein, um welches Genre es sich handelt, welche Tonalität, wer die Figuren sind, was sie wollen. Die Erzählung solle 'auf der Spur bleiben'. 'Wow-Effekte' bieten. 'Spice'. Keine Genre-Mixes. Keine 'ungewöhnlichen' Erzählstrukturen. Alles solle möglichst deutlich und zugleich einfach aussehen, sagt ein Produzent, weshalb ihnen bis in die Farben von Haaren und Pullovern reingeredet worden sei - in einem Maß, das sie so noch nie erlebt hätten. ... Seit ein, zwei Jahren, heißt es aus der Branche, gebe es vereinzelt sogar die Vorgabe, 'blockartig' zu erzählen, in je für sich abgeschlossenen Handlungssequenzen. An Filmhochschulen wird so das Schreiben von Kinderstoffen gelehrt."

Angesichts dessen ist es vielleicht gar nicht so erstrebenswert, dass die Streamer in Deutschland mit der nun beschlossenen Reform der Filmförderung künftig per Zwang in den deutschen Filmmarkt investieren müssen (hier unser Resümee)? Thomas E. Schmidt ist auf ZeitOnline von dem Beschluss allerdings aus ganz anderen Gründen nicht überzeugt: Die gerade mal acht Prozent, die die Streamer von ihrem Netto-Umsatz in Deutschland in deutsche Produktionen packen müssen, entsprächen ohnehin in etwa dem, was sie eh schon investieren. "Deutsche Produzenten hatten wenigstens zwölf bis fünfzehn Prozent gefordert, damit sich eine spürbare Marktbelebung einstellt. Das wird nun nicht der Fall sein. ... Die Alternative dazu, ein Steueranreiz-Modell, das Investitionen in den Film wirklich finanziell attraktiv machen würde und das in Frankreich oder Großbritannien erfolgreich angewendet wird, kommt nicht. Man wird darüber sicher bald wieder reden."

Jan Küveler (Welt) ist mit der Gesamtsituation unzufrieden: Hollywood geht gerade wirtschaftlich und kreativ völlig vor die Hunde. Und Europa? Dreht zwar einen beachtlichen Arthouse-Film nach dem anderen - die dann aber überall laufen, nur nicht auf der Berlinale. "Den Wettbewerb dominieren schwere Stoffe leidlich bekannter Autorenfilmer", die dann auch noch alle ähnlichen Mustern folgen und humorlos zu Werke gehen. Alternativen gäbe es reichlich, meint Küveler und nennt Josh Safdies "Marty Supreme" mit Timothée Chalamet, Maggy Gyllenhalls Horrormusical "The Bride" und "Project Hail Mary" mit Ryan Gosling und Sandra Hüller. Diese "laufen in den kommenden Wochen in Deutschland an, man hätte sie ohne Probleme zeigen können. Oder wollten die Produzenten nicht? Ist ihnen die Berlinale nicht wichtig genug, weder im Festivalreigen noch in Zeiten, in denen Social Media mehr Rummel macht als eine Wettbewerbsprogrammierung?"

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Weitere Artikel: In der FAS porträtiert Bert Rebhandl den deutschen Regisseur İlker Çatak, der auf der Berlinale seinen neuen Film "Gelbe Briefe" im Wettbewerb vorstellt und nach seinem insbesondere auch internationalen Erfolg mit "Das Lehrerzimmer" (unsere Kritik) aktuell an einer Adaption von David Szalays mit dem Booker Prize ausgezeichnetem Roman "Was nicht gesagt werden kann" arbeitet. Seit Anfang des Jahres boykottieren deutsche Synchronsprecher die Zusammenarbeit mit Netflix, da der Streamer Knebelverträge vorgelegt hat, die vorsehen, dass Netflix anhand der Tonaufnahmen eine KI trainieren darf, meldet Theresa Hannig in der FAZ. Jens Balzer spricht für ZeitOnline mit dem Schauspieler Noah Wyle über dessen Hit-Serie "The Pitt". Besprochen wird Park Chan-wooks "No Other Choice" (Standard, Jungle World, unsere Kritik).
Stichwörter: Filmförderung, Netflix, Berlinale

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2026 - Film

"Der Film-Booster kommt", verkündet Kulturstaatsminister Wolfram Weimer im FAZ-Gespräch. Und tatsächlich: Auf einmal ist sich Schwarz-Rot in der seit Monaten zermürbenden Debatte um Investitionen von Streamingdiensten nun doch einig - und wählt den Weg der Zwangsinvestitionen, wenn auch mit Kompromissen. Es soll laut Pressemitteilung eine "Investitionsverpflichtung mit Öffnungsklausel" geben. "Demnach sollen Streamer und Sender zu einer 'Basis-Quote' in Höhe von acht Prozent der Netto-Vorjahresumsätze verpflichtet werden", erklärt David Steinitz in der SZ diesen "kleinen Coup" kurz vor der Berlinale. "Die Basis-Quote sei der Sockel für 'freiwillige Selbstverpflichtungen derjenigen Streamer und Sender, die bereit sind, sich stärker zu engagieren'. Denn wer sich freiwillig dazu verpflichte, mindestens zwölf Prozent des Umsatzes zu reinvestieren, dürfe von 'den detaillierten gesetzlichen Vorgaben', wie diese Mittel anzulegen sein, abweichen." Kulturstaatsminister Weimer hatte zuvor das Modell einer "freiwilligen Selbstverpflichtung" präferiert, das Finanzministerium unter Lars Klingbeil - auch aufgrund von Staatssekretär Björn Böhning sehr produzentennah - hatte sich für Pflichtinvestitionen ausgesprochen. 

Es ist eine nur "auf den ersten Blick salomonische Lösung", kommentiert Andreas Busche im Tagesspiegel. Doch kann er sich kaum vorstellen, dass damit große Produktionen nach Deutschland zu holen sind. "Ohne das von ihm selbst ad acta gelegte Steueranreizmodell (etwas anderes als die nun implementierte Anreizförderung), das unter seiner Vorgängerin Claudia Roth noch als tragende dritte Säule der Filmförderreform ausgearbeitet worden war, werden sich die großen Hollywoodstudios nicht so leicht locken lassen. Länder wie Tschechien, Ungarn und Großbritannien mit ihren inzwischen teuer ausgebauten Produktions-Infrastrukturen bieten immer noch deutlich bessere steuerliche Konditionen."

"Ein ganz entscheidendes Element des Gesetzesentwurfs ist die Frage der Rechte", schreibt Hanns-Georg Rodek in der Welt. "Bisher mussten die Produzenten alle Rechte an den von ihnen hergestellten Filmen an den Auftraggeber abtreten, ob der Netflix oder ZDF hieß." Der vorliegende Entwurf "sieht nun den Rechterückfall als Normalzustand an. Auch diese Regelung ist gestaffelt. Wenn der Produzent mehr als 50 Prozent des Budgets selbst einbringt (Filmförderung inbegriffen), fallen die gesamten Rechte nach drei Jahren an ihn zurück; bei 30 bis 50 Prozent nach fünf Jahren und bei unter 30 Prozent nach sieben Jahren. Die Rechtefrage ist von ungeheurer Bedeutung für die Produzenten, die nicht nur in der Lage sein müssen, einen Film zu drehen und abzuliefern, sondern die eine Eigenkapitalbasis brauchen (was bisher den wenigsten gelungen ist)."

Besprochen werden Park Chan Wooks "No Other Choice" (NZZ, Zeit Online, mehr dazu hier), Francis Meletzkys Adaption von Theodor Storms "Schimmelreiter", an der FAZ-Kritiker Tilman Spreckelsen ziemlich verzweifelt, die in Berlin angesiedelte und auf Netflix gezeigte Agentenserie "Unfamiliar" (Welt), das auf Disney+ gezeigte Special der Muppet Show (SZ, mehr dazu bereits hier), die HBO-Serie "Heated Rivalry" (SZ) und die auf Amazon gezeigte Krimikomödie "Fabian und die mörderische Hochzeit" mit Bastian Pastewka (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.02.2026 - Film

Ihm ist jedes Mittel recht, denn er hat "No Other Choice"


2004 hat bereits Costa-Gavras Donald E. Westlakes Roman "The Ax" verfilmt, nun verlegt der koreanische Genrefilm-Auteur Park Chan-wook den Stoff nach Südkorea und kleidet ihn ins Gewand eines satirischen Thrillers: In "No Other Choice" setzt sich ein Mann mit allen teils drastischen Mitteln dagegen zur Wehr, von seinem Arbeitgeber in den sozialen Abstieg wegrationalisiert zu werden. "Die eindeutige kapitalismuskritische Parabel, die der Inhalt vorgibt", ist dabei allerdings nicht entstanden, stellt Michael Kienzl im Perlentaucher fest. "Tatsächlich ist nicht immer klar, was genau Park an dieser Geschichte interessiert. Virtuos und elegant inszeniert ist sie zweifellos. Ständig dreht die Kamera Pirouetten, während die Bilder mit schrägen Perspektiven, Spiegelungen und Überblendungen neu in Schwingung versetzt werden." Aber "für die Zeit und Umwege, die sich 'No Other Choice' über seine ausladenden 140 Minuten Laufzeit hinweg gönnt, wirkt die Handlung aber letztlich ein wenig zu schlicht und vorhersehbar. Holprig erscheint mitunter auch der Wechsel zwischen ernsthafter Dramatik und überzeichneter Farce." 

"Nirgends ist der Klassenkampf so treffend und trotzdem unterhaltsam wie im südkoreanischen Kino", freut sich derweil Sofia Glasl in der SZ. Auf critic.de bescheinigt Anton Schroeder dem Film, "in seinem strengen narrativen Korsett luftdicht, fast klinisch" zu sein, was aber "doch zum Sujet" passe, nämlich dem "Tunnelblick seiner Figur". FR-Kritiker Daniel Kothenschulte erinnert der "makabre Fatalismus", in den diese Abwärtsspirale führt, an "französische Thriller" von einst, "von Chabrols böser Bourgeoisie bis zu Jeanne Moreaus Rächerin in Truffaus 'Die Braut trug schwarz'." Für epdFilm blickt Marcus Stiglegger auf die Filmografie von Park Chan-wook. Die Welt hat ihr Gespräch mit dem Regisseur online nachgereicht.

Narzissmus statt Selbstironie: Die "Muppet Show" im ursprünglichen Format

Sehr bekümmert reagiert Georg Seeßlen (Zeit Online) auf das Muppet-Revival auf DisneyPlus, bei dem für ein Special, das womöglich noch in eine Wiederaufnahme des Formats münden könnte, das alte Vaudeville-Setting der ursprünglichen Show aus den Siebzigern wieder aufgegriffen wurde. Aber, ach, der alte Charme ist dahin: "Dass es statt der Show-Schicksalsgemeinschaft mehr um sozialen Sadismus, statt der Selbstironie mehr um Narzissmus, statt der muppet-menschlichen Komödie mehr um aus derberen Kontexten bekannte Zoten geht - dafür können die Muppets nichts, vielleicht nicht einmal ihre Autoren und Produzenten. Die Zeiten haben sich geändert, und diesmal wollen sich die Muppets ihnen, wenigstens ein bisschen, anpassen, ... aber auch irgendwie die Alten bleiben. ... Dass es dazwischen keinen harmonischen Kompromiss gibt, zeigt vielleicht ein wenig von der kulturellen Bruchlinie, die von den Medien in den Alltag reicht. Nicht einmal mithilfe der Muppets können wir so tun, als ginge irgendetwas immer weiter."

Weitere Artikel: Irene Genhart resümiert im Filmdienst die Solothurner Filmtage. Karl Gedlicka empfiehlt im Standard die Jarmusch-Retro im Wiener Metro-Kino. Christian Schröder (Tsp) und Andreas Kilb (FAZ) gratulieren Charlotte Rampling zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Koya Kamuras gleichnamige Verfilmung von Elisa Shua Dusapins Roman "Ein Winter in Sokcho" (FR, taz), Hasan Hadis irakischer Film "Ein Kuchen für den Präsidenten" (FAZ, Artechock, mehr dazu bereits hier), die DVD-Ausgabe von Larry Yangs Actionthriller "Shadow Chase" mit Jackie Chan (taz), Francis Meletzkys "Der Schimmelreiter" (Artechock), Lauro Cress' "Ungeduld des Herzens" (Artechock), Stefan Jungs "Lydia - Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus" über die Tochter von Alfred Escher (NZZ), Lauro Cress' "Ungeduld des Herzens" (critic.de), Brett Ratners "Melania" (critic.de), Katarina Schicklings 3sat-Doku "Das Kentler-Experiment - staatlich finanzierter Kindesmissbrauch" (taz) und die Netflix-Serie "Unfamiliar", in der deutsche und russische Agenten in Berlin aufeinander prallen (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.02.2026 - Film

Düster und doch voller Licht: "Ein Kuchen für den Präsidenten"

"Ein Kuchen für den Präsidenten" ist der in Cannes preisgekrönte Debütfilm des irakischen Regisseurs Hasan Hadi und erzählt von einem jungen Mädchen in der irakischen Provinz der frühen Neunziger, das inmitten der Kriegs- und Sanktionswirren dazu verdonnert wird, eben einen Kuchen für Saddam Hussein backen zu müssen. Der Stoff taugt zu Arthaus-Schmalz, doch der Film ist "gleichzeitig düster und voller Licht, unheimlich wie ein Märchen und hochaktuell, eine bildgewaltige Erzählung über die Flüchtigkeit des Lebens in der Diktatur und über den totalen Zugriff einer Herrschaft, die nicht rechtzeitig aufgehalten wurde", schwärmt Sonja Zekri in der SZ. "Die bizarre Grausamkeit des Films geht auf" die Kindheit des Regisseurs zurück: "Ein Junge in Hadis Schule hatte keinen Kuchen zustande gebracht, daraufhin sei er nicht nur von der Schule geworfen, sondern in Saddams 'Kinder-Armee' gesteckt worden, erinnert sich der Regisseur. 'Ich wollte keinen Film über meine Erinnerungen machen, sondern über meine Fragen an diese Zeit: Was bedeutet Schweigen im Angesicht einer solchen Ungerechtigkeit? Darf man in einer so aussichtslosen Situation lügen?Gibt es überhaupt noch moralische Grenzen?'"

Von einer spektakulären Premiere im MoMA berichtet Frauke Steffens in der FAZ. Gezeigt wurden Filme von Andy Warhol, die der Künstler selbst nie in Augenschein nehmen konnte, da die betreffenden "45 Rollen 16-Millimeter-Film" erst jetzt gefunden und entwickelt wurden. "Zu sehen ist Rohmaterial aus Filmen wie 'Sleep', 'Kiss' und 'Couch', außerdem gibt es Szenen von Partys in Warhols 'Factory' und verwackelte Aufnahmen einer Fahrt mit den Bandmitgliedern von Velvet Underground nach Ann Arbor zu sehen." Manche Filme setzen zwar sehr auf Warhols künstlerisches Konzept der zerdehnenden Langeweile. "Hellwach sind die meisten Zuschauer im MoMA dagegen, als die Outtakes aus den diversen expliziten Filmen, die Warhol machte, dran sind. Da onaniert ein muskulöser junger Mann, während er ab und an in einen Apfel beißt, einmal herausfordernd in die Kamera schaut. Hier wird nichts der Vorstellung überlassen. Das vermeintlich Obszöne, das Geschlechtsteil in der einen Hand, der Apfel in der anderen, die freundliche Ruhe des Mannes gegenüber sich selbst, alles wird gewöhnlich."

Weitere Artikel: Arno Widmann erinnert in der FR an Charlie Chaplins Klassiker "Moderne Zeiten", der morgen vor neunzig Jahren Premiere feierte. Besprochen wird Park Chan-wooks "No Other Choice" (taz, FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.02.2026 - Film

Dierk Saathoff ist in der Jungle World eher ein bisschen genervt von Morgan Nevilles auf Netflix gezeigtem Doku-Essay "Breakdown 1975", der vorgibt, das US-Krisenjahr 1975 mit der Filmproduktion von 1975, dem Höhe- und Scheitelpunkt von New Hollywood, abzugleichen - und dabei doch an mehreren Stellen schummelt (das Jahr 1975 umfasst offenbar einen Zeitraum mehrerer Jahre) oder sich gleich nostalgisch selber in die Tasche lügt. "So arbeitet das Material selbst immer wieder gegen die talking heads, zum Beispiel auch gegen den Filmkritiker Wesley Morris, der pathetisch sagt, die Filme Mitte der Siebziger seien 'wirklich bereit gewesen, uns mit uns selbst zu konfrontieren'. Doch wer erkennt sich schon in einem Psychopathen wie Travis Bickle wieder, dem von Robert De Niro gespielten Protagonisten in Martin Scorseses 'Taxi Driver'? ... Dem Eindruck, dass damals jeder Film irgendwie progressiv, aufklärerisch oder gesellschaftskritisch war (der stellt sich nämlich irgendwann ein), stellt sich die Doku zum Glück in den Weg: 'Death Wish', der auf die exorbitante Kriminalität reagierte und die Geschichte eines Mannes (gespielt von Charles Bronson) erzählt, der in New York City Kriminelle erschießt (die meisten von ihnen sind Afroamerikaner), ist ein absolut reaktionärer Film - ein in der Doku eingespieltes Interview mit Bronson, der darin erklärt, in 'Death Wish' habe es nur 'saubere Gewalt' gegeben, und dann dazu übergeht, sich über Cartoons zu beschweren, ist die wohl bizarrste Szene im Film."

Die Filmkritiker werden von "Melania" in Beschlag genommen: In der NZZ staunt Andreas Scheiner darüber, dass Amazons fürs Weiße Haus produzierter PR-Film über Trumps Ehefrau trotz Unkenrufen über schleppende Ticketvorverkäufe den besten US-Kinostart eines Dokumentarfilms seit zehn Jahren hingelegt hat. Regisseur Brett Ratner ist bei ihm noch "wegen #MeToo-Vorwürfen in Hollywood in Ungnade gefallen", unerwähnt bleibt, dass am Wochenende Bilder von Ratner in den Epstein-Files aufgetaucht sind, die ihn gemeinsam mit Epstein beim Kuscheln mit mutmaßlich Minderjährigen zeigen. Nicht nur wegen dieser Personalie wollen zwei Drittel der an dieser Produktion beteiligten Belegschaft im Abspann nicht genannt werden, schreibt Krsto Lazarević in der taz. Philipp Bovermann liest in der SZ mit nicht wenig Amüsement die Kritiken seiner Kollegen zu diesem Film.

Besprochen wird außerdem Marie-Elsa Sgualdos Historiendrama "À bras-le-corps", das für den Schweizer Filmpreis nominiert ist (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.02.2026 - Film

"Die Berlinale darf kein in der Zeit festgefrorenes Festival werden, das sich nur an die ältere Mittel- und Oberschicht richtet", sagt Festivalintendantin Tricia Tuttle im Tagesspiegel-Gespräch - und sieht gute Chancen darin, dass etwa auf der Plattform Letterboxd eine neue Generation von Cinephilen heranwächst, und auch Social Media verfolgt sie mit regem Interesse. "Ich bin überzeugt, dass man, wenn man junge Menschen erreichen will, eben dorthin gehen muss, wo sie sind. ... Die positiven Auswirkungen, die TikTok auf Musik- und Buchverkäufe hat, sind gut dokumentiert, und das erhoffen wir uns natürlich auch für die Berlinale und das Kino generell." Ein gutes Beispiel ist für sie die Musikerin Charli XCX: Die postet "einmal im Monat, welche Filme sie gesehen hat, und das sind sehr interessante Listen mit Filmen von Ingmar Bergman bis M. Night Shyamalan. Damit erreicht sie extrem viele Menschen." Eher nebenbei erteilt sie auch BDS-Kampagnen eine Absage: "Die Berlinale wird unter meiner Leitung jedenfalls niemals ein Land oder Menschen aufgrund ihrer Nationalität boykottieren."

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass der iranische Drehbuchautor Mehdi Mahmoudian verhaftet wurde. Mahmoudian hat am Drehbuch für Jafar Panahis oscarnominierten Film "Ein einfacher Unfall" (unsere Kritik) mitgewirkt. Josef Nagel wirft im Filmdienst einen Blick voraus auf kommende Film-Ausstellungen. David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Catherine O'Hara.

Besprochen werden Carrie Rickeys Biografie über die französische Autorenfilmerin Agnès Varda (taz), Simon Verhoevens Verfilmung von Joachim Meyerhoffs Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (NZZ), Kaouther Ben Hanias "Die Stimme von Hind Rajab" (Standard) sowie Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snail" (FAZ, unsere Kritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2026 - Film

Szene aus Park Chan-wooks "No Other Choice"


Mit seinem neuen Film "No Other Choice" setzt Park Chan-wook einen Thriller von Donald E. Westlake aus den Neunzigern um, den er aber zu einer Farce über den international verstrickten Kapitalismus im KI-Zeitalter umgebaut hat. Jan Küveler spricht in der WamS nicht nur darüber mit dem international hochdekorierten Genre-Auteur, sondern auch über die Lage des koreanischen Kinos, das zwar seit bald dreißig Jahren verlässlich die namhaften Festivals beliefert und auch zu Oscar-Ehren gekommen ist, sich aktuell aber trotzdem in einer Krise befindet: "Besonders verwirrend ist, dass diese Krise nach dem internationalen Erfolg von Werken wie 'Parasite' oder 'Squid Game' einsetzt. Während man im Ausland das koreanische Kino feiert, haben viele Menschen innerhalb der Branche das Gefühl, dass alles auseinanderfällt. Die Kinos sind leer, und solange wir dieses Problem nicht lösen, wird sich die Situation kaum verbessern."

Als Branchenvertreter schlagen Michelle Müntefering und Achim Rohnke in der FAZ in der festgefahrenen Debatte um die Reform der Filmförderung - Investionsverpflichtung oder freiwillige "Selbstverpflichtung" für Streamer? - einen "dritten Weg" vor, nämlich "eine gesetzliche Verpflichtung zu Investitionen mit Rechterückbehalt, die aber mit klar definierten Öffnungsklauseln flexible und marktgerechte Lösungen zwischen den Marktpartnern zulässt". Was das konkret bedeutet, bleibt für den Laien von außen allerdings eher unklar. Jedoch versprechen sich die beiden davon "ein Modell, das alle Marktteilnehmer fair behandelt und zugleich die gesamte Wertschöpfungskette in Deutschland stärkt".

Außerdem: Marian Wilhelm sichtet für den Standard neue Filme über Afghanistan. Leonie Brünker blickt für den Filmdienst gespannt auf die ersten Produktionen des internationalen Kollektiv-Netzwerks Cinema of Disobedience. David Steinitz schreibt in der SZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Catherine O'Hara.

Besprochen werden ein von Marc Siegel herausgegebener Band mit Texten über den Underground-Filmemacher Jack Smith (taz) und Bret Ratners für Amazon gedrehter PR-Film über Donald Trumps Ehefrau Melania Trump (Standard, Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2026 - Film

Filme wie "Qui Vit Encore" und "Die Stimme von Hind Rajab" legen zwar einen Schwerpunkt auf das Leid der Palästinenser, "aber sie haben eine entscheidende Leerstelle", schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ. "Ein Akteur bleibt völlig unbenannt - die Hamas. Kein Wort über die Verursacher des Krieges, keine Andeutung über die politische Führung im Gazastreifen. 'Der schlimmste Tag' sei 'der 13. Oktober' gewesen, sagt einer. Was zuvor passiert ist, als die Terroristen unter dem Jubel der Bevölkerung die geschundenen israelischen Geiseln öffentlich präsentierten, wird verschwiegen. Die politische Kontextlosigkeit ist frappant: Die Bomben fallen, als ob es unabänderliches Schicksal wäre, dass sie fallen. ... Dabei finden sich selbst in Gaza Mutige, die die Hamas für das Elend verantwortlich machen, die trotz Repression gegen die islamistischen Herrscher demonstrieren."

Weitere Artikel: "Es ist erstaunlich, wie sehr sich das Finanzministerium um die Produzenten kümmert und sich für letztzuständig erklärt", schreibt Helmut Hartung in der FAZ angesichts der anhaltend ergebnislosen Gespräche in der Regierungskoalition zur Reform der Filmförderung. Philipp Bovermann hört sich für einen SZ-Longread in der Branche um, wie sie es mit der KI hält: Sehr viele sind sehr interessiert, sehr viele experimentieren bereits - nur so richtig und wirklich losgehen will es noch nicht. "Die diesjährigen Oscar-Nominierungen sind ein Gipfel an Uniformität", ärgert sich Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Kinokolumne auf Artechock. Der Tages-Anzeiger bringt ein ursprünglich in La Repubblica veröffentlichtes Gespräch mit Liv Ullmann. Joachim Valentin unternimmt für den Filmdienst einen Streifzug durch die Geschichte der Filmmusik.

Besprochen werden Lukas Röders "Scham" (Artechock), Urska Djukics "Little Trouble Girls" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Simon Verhoevens "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" nach dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff (Artechock), Sam Raimis Robinsonade "Send Help" (critic.de, SZ, unsere Kritik), Vince Gilligans neue Serie "Pluribus" (Jungle World), die vierte Staffel von "Bridgerton" (gut zum "Hirnausschalten" und ist dabei auch noch "gesünder als Alkohol", schreibt Elmar Krekeler in der Welt) und Angel Manuel Sotos auf Amazon gezeigter Actionfilm "The Wrecking Crew" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2026 - Film

Grimmiges Menschenbild, heiter serviert: "Send Help" von Sam Raimi

Mit rustikalen Horror-Grotesken wie dem hierzulande insbesondere aufgrund eines langjährigen Verbots berüchtigtem "Tanz der Teufel" ist Sam Raimi groß geworden, später drehte er Aufsehen erregende Spider-Man-Filme. Mit "Send Help" widmet er sich nun den geschlechtspolitischen Dynamiken einer Robinsonade: Wer behält in der Wildnis die Oberhand, Chef oder Angestellte, Mann oder Frau? Im Grunde bleibt Raimi seinen Wurzeln treu, notiert Karsten Munt im Perlentaucher: Der Film funktioniert "ebenfalls mit dem Holzhammer, teilt allerdings in einem ganz anderen Genre aus. Raimi macht Horrorfilme, auch wenn er mal keinen Horrorfilm macht." Die satirischen Aspekte sind vielleich etwas fade geraten, aber das ändert sich im Laufe: "Wenn 'Send Help' über die Stränge schlägt, dann nicht in seiner Klassenkampf-Allegorie, sondern dort, wo hektoliterweise Körperflüssigkeit spritzt, närrische Match Cuts Erzählmotive verschnüren und ein Crash Zoom oder eine über den Dschungelboden gleitenden Kamera Unheil verkünden." Tazler Benjamin Moldenhauer sieht in dem Film das "äußerst grimmige Menschenbild" aus Raimis frühen Filmen am Werk. Zu sehen sind Menschen "in ihrer Unterwerfungskompetenz, Eitelkeit und Karriere- oder schlicht Geldgeilheit." Doch der Film "kippt nicht ins Misanthropische. Einfach, weil seine doch radikale Negativität eine ausgesprochen heitere ist." Weitere Kritiken in FR und Standard.

Außerdem: Rosalba Vitellaros zum Holocaust-Gedenktag im EU-Parlament gezeigter Animationskurzfilm "La Storia di Sergio" erinnert an die Ermordung von Kindern in Auschwitz im Zuge von Menschenexperimenten, berichtet Nicholas Potter in der taz. Besprochen werden Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snails" (Perlentaucher, mehr dazu bereits hier), Simon Verhoevens gleichnamige Verfilmung von Joachim Meyerhoffs autobiografischem Roman "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (Standard, Tsp, Welt, FR) und Teona Strugar Mitevskas "Mother" mit Noomi Rapace als Mutter Theresa (NZZ).
Stichwörter: Raimi, Sam, Robinsonade

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.01.2026 - Film

Mädchenfreundschaften unter dem Blick der Nonne: "Little Trouble Girls" von Urška Djukić

Katharina Böhm ist in der taz sehr fasziniert von Urška Djukićs Debütfilm "Little Trouble Girls", der vom sexuellen Erwachen eines Mädchens unter den strengen Augen einer Nonne und unweit "schwitzender Bauarbeiter" erzählt. Was die Slowenin "daraus macht, ist dann erstaunlich frei von Nonnen- wie Bauarbeiterklischees und handelt weniger von Sex als von Sinnlichkeit." Deswegen "ist es kein Zufall, dass ihr Ohr das Erste ist, was man von ihr sieht. ... Es ist die Chorprobe, in der Lucija und Ana Maria sich das erste Mal begegnen, und Lucijas Sinne sind voll auf Empfang gestellt. Sie guckt das fremde Mädchen nicht nur an, sie studiert es. Hört nicht nur den Bibeltext, der vorgelesen wird, sondern bemerkt das Summen der Fliege auf dem Kronleuchter. Wie Haarsträhnen um Finger gewickelt und heimlich SMS getippt werden. Es passiert viel zu selten, dass die Tonebene im Film die gleiche Zuwendung erfährt wie das Bild. ... Die Szenen zwischen den Schülerinnen erzählen in jedem Fall Schönes und Schmerzhaftes davon, wie komplex Mädchenfreundschaften sein können."

Leonard Krähmer von critic.de war weniger angetan: "An botanisch-plakativer Metaphorik findet Djukić sichtlich Gefallen. Von der Nahaufnahme eines Mädchennabels schneidet sie auf eine Blüte, die von einer Biene bestäubt wird. Mehrfach zeigt 'Little Trouble Girls' mit Musik unterlegte Blumen in Nahaufnahme. ... Obwohl Djukić eine beeindruckende und taktile Sensibilität für die Erfahrungsräume weiblicher Adoleszenz beweist, laboriert 'Little Trouble Girls' am typischen Debütfilm-Syndrom, möglichst viel von dem anzudeuten, was nach Beherrschung der filmischen Form aussieht", was dazu führt, "dass sich die großen Bilder, die am Ende reihenweise aufgefahren werden (Achtung: Chornonnen am Wasserfall), in ihrem Formwillen gegenseitig abnutzen."

Weitere Artikel: Wolfgang Hamdorf resümiert im Filmdienst das Filmfestival Max Ophüls Preis, wo der deutsche Filmnachwuchs vor allem seine Sorgen zum Ausdruck brachte: "Der satirisch-poetische Blick auf die Gesellschaft der Zukunft korrespondierte in Saarbrücken mit dem düsteren Blick junger Filmemacher auf die Gegenwart." Ulf Lippitz spricht im Tagesspiegel mit Simon Verhoeven, der in seinem neuen, auf Zeit Online besprochenen Film "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" (nach dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff) seine Mutter Senta Berger inszeniert hat.

Besprochen werden Elsa Kremsers und Levin Peters "White Snails" (critic.de, mehr dazu bereits hier), Koya Kamuras "Winter in Sokcho" (critic.de) und Sam Raimis Survivalthriller "Send Help" (FAZ).