Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.06.2025 - Bühne

"War Games." Bild: Judith Buss.


Was SKART da in der Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht hat, ist etwas ganz besonderes, befindet Nachtkritikerin Susanne Greiner. "War Games" geht mit seinen zwölf verschiedenen Szenerien an die Essenz dessen, was Krieg ist, die Gewalt: "Am linken Bühnenrand tropft es schleimig aus Fäden auf einen dort liegenden Körper in Tarnfarbenoptik. Zwei große Stoffbanner mit Greifvögel- und Tauben-Silhouetten hängen vom Bühnenhimmel herab. Rechts am Boden stehen Computer und Mischpult. Von hier aus wird der Sound von Noisekünstler Anton Kaun live eingespielt. Er lässt sanfte Melodien auf harten Beat knallen, erzeugt dystopische Dissonanzen, die an die Schmerzgrenze gehen: Klang, der einlullt und aggressiv macht. Und sich so anfühlt, als verstehe da einer das Menschsein in seinem tiefsten Inneren."
Stichwörter: Münchner Kammerspiele, SKART

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.06.2025 - Bühne

Nachtkritiker Christian Rakow stellt die Kostümbildnerin Leonie Falke vor: Sie entwirft "Kostüme für Ästhetiken der Entschleunigung". Besprochen wird: "Destination: Origin" von Mohammad Rasoulof auf den Berliner Festspielen (Zeit).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.06.2025 - Bühne

In der NZZ ist Christine Brinck fassungslos: Der Shakespeare Birthplace-Trust, der in Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon nicht nur ein riesiges Archiv aufgebaut hat, sondern auch ein Museum betreibt, hatte bereits 2022 die junge Doktorandin Helen Hopkins um eine Einschätzung gebeten. Hopkins kam zu dem Schluss, "wer Shakespeare schätzt, unterstützt 'weiße, anglozentrische, eurozentrische und überhaupt westliche Ansichten, die bis heute Elend in der Welt verbreiten'". Ihrer Forderung, die Ausstellung müsse von "Anglozentrik und kolonialistischem Denken gesäubert" werden, kommt das Museum nun nach, weiß Brinck und fragt: "Welche Arroganz verbirgt sich in diesem ideologischen Geschwurbel? Natürlich war Shakespeare anglozentrisch. Seine Dramen sind voll epistemischer Gewalt und böser Witze über Franzosen, Spanier, Italiener, Juden und Türken und nicht zuletzt über Schotten und Puritaner. Vieles ist politisch alles andere als korrekt. Shakespeare hat England nie verlassen. Kolonien, bis auf Virginia, gab es zu seiner Zeit allerdings noch kaum."

Weitere Artikel: Manuel Brug sieht für die Welt mit "Voice Killer" am Theater an der Wien, "Cassandra" sowie "Lash" an der Deutschen Oper in Berlin drei zeitgenössische Opern, und fragt sich nach viel Aktivismus und Kitsch: Warum fällt der zeitgenössischen Oper der Erfolg so schwer? Die bisherige Luzerner Theaterintendantin Ina Karr übernimmt die Generalintendanz der Deutschen Oper am Rhein, meldet die FR mit dpa.

Besprochen wird das Objekttheaterfestival "Figure it out!" im Leipziger Westflügel (taz) und Jessica Glauses Inszenierung von Mozarts "Zaide"-Fragment bei den Ludwigsburger Festspielen (FR).
Stichwörter: Shakespeare, Stratford

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.06.2025 - Bühne

Szene aus "Tosco". Foto:Xiomara Bender.

Eine kluge Inszenierung von Puccinis Oper "Tosca" sieht NZZ-Kritiker Christian Wildhagen bei den St. Gallener Festspielen. Regisseur Marcos Darbyshire verlegt die Handlungen "in einen historisch unbestimmten, aber eindeutig protofaschistischen Staat. Annemarie Bullas Kostüme nehmen Bezug auf die Verfilmung von Margaret Atwoods Dystopie 'Der Report der Magd' durch Volker Schlöndorff. Wie dort die Bewohner der fiktiven Diktatur 'Gilead' - gemeint sind die USA - werden die Menschen hier durch uniforme rote, graue oder schwarze Kostüme irgendwelchen 'Nutzanwendungen' für die Gesellschaft zugeordnet. Damit es für das Publikum nicht zu gemütlich wird, paradieren schon vor Beginn der Aufführung gesichtslose Schergen mit Ledermasken und Schlagstöcken über den Klosterplatz. Während der Pause werden einzelne 'Besucher' sogar verprügelt und abgeführt - zum Glück sind es Statisten."

Weitere Artikel: Elisabeth Bauer stellt in der taz die ukrainische Theatermacherin und Musikerin Iryna Lazer vor, die beim Beginn des Krieges aus einem Vorort von Kiew fliehen musste. Irene Bazinger erzählt in der FAZ von ihrem Besuch der "Langen Nacht der Autorentheatertage" am Deutschen Theater Berlin. Besprochen werden Christina Tscharyiskis Inszenierung von Ödön von Horvaths "Zur schönen Aussicht" am Schauspiel Stuttgart (taz), Mohammad Rasoulofs Inszenierung seines Stücks "Destination: Origin" beim Berliner Festival "Performing Exiles" (SZ) und Nicolas Sidiropulos und Mark Tumbas Performance von "Die Räuber" in der Box des Frankfurter Schauspiels (FR).
Stichwörter: Puccini, Giacomo, Tosca

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.06.2025 - Bühne

"Destination: Origin" von Mohammad Rasoulof auf dem Berliner Festival "Performing Exiles" zeigt Taz-Kritikerin Jenni Zylka, auf welch elementar erschütternde Weise sich das iranische Regime und die Fluchterfahrung in einen menschlichen Körper einschreiben: "So zeigt die vielleicht stärkste und eingehendste Szene einen Dialog zwischen einer Frau, die in einem aufgerichteten Bett steht oder auch dort angebunden ist, und einer Matratzenverkäuferin, die immer wieder fragt: 'Wie fühlen Sie sich? Ist Ihnen bequem?' Ob man je wieder ruhig schlafen kann, wenn man weiß, was im Iran mit Regimekritiker:innen passiert, die Tragweite der gesamten Flüchten-oder-Bleiben-und-Kämpfen-Problematik steckt in dieser Frage, ebenso wie der beängstigende aktuelle Krieg. 'Die Augen haben Angst, aber die Füße tragen mich weiter', ist ein Satz, der im Stück immer wieder fällt."

Auch Andreas Kilb ist in der FAZ beeindruckt: "Rasoulof, neben Jafar Panahi der derzeit bedeutendste Filmemacher Irans, stand vor der Wahl, ein drittes Mal ins Gefängnis zu gehen oder sich eine neue Heimat im Ausland zu suchen. Dass er dort innerlich schon angekommen ist, kann niemand erwarten. Insofern ist 'Destination: Origin' auch eine Selbstbefragung - und ein Notschrei. Irgendwann in der Mitte des Abends bitten die Schauspielerinnen das Publikum, ihnen bei der Wohnungssuche zu helfen. Das ist nicht nur wörtlich gemeint."

"Zur schönen Aussicht." Foto: Julian Baumann.


Für den Nachtkritiker Thomas Rothschild gibt es hingegen Anlass zur Freude, denn Christina Tscharyiskis Inszenierung "Zur schönen Aussicht" bringt am Schauspiel Stuttgart ein selten gespieltes Stück des Österreichers Ödön von Horvath auf die Bühne. Die Geschichte um Christine, die von dem Hoteldirektor Strasser geschwängert wird, steht in Stuttgart in einem produktiven Zwiespalt aus Naturalismus und Stilisierung: "Der bekannteste Satz aus dem Stück lautet: 'Ich bin nämlich eigentlich ganz anders, aber ich komme nur so selten dazu.' Er wird von Ada gesprochen und soll sie rehabilitieren. Man wird schwerlich eine zweite Stelle finden, die so sehr nach Horváth und seiner Demaskierung des Bewusstseins klingt. Bestünde 'Zur schönen Aussicht' nur aus diesem einen Satz: Es wäre ein Höhepunkt der deutschsprachigen Dramatik. Brecht eingeschlossen." In der SZ fehlt Egbert Tholl ein wenig der Witz an der Inszenierung, das Ende gefällt ihm dann aber doch. 

Besprochen werden: Milo Raus "Der Prozess Pélicot" bei den Wiener Festwochen (Welt), Shakespeares "Wie es euch gefällt" am Staatstheater Wiesbaden, inszeniert von Nurkan Erpulat (FR, Nachtkritik), Puccinis "Tosca" an den Festspielen St. Gallen, inszeniert von Marcos Darbyshire (NZZ) und die zehnstündige Mammut-Inszenierung "Musée Duras" von Julien Gosselin bei den Wiener Festwochen (Nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.06.2025 - Bühne

"Kabale und Liebe." Bild: Christian Kleiner.


Nachtkritiker Steffen Becker erlebt mit Charlotte Sprengers Inszenierung von Schillers "Kabale und Liebe" am Nationaltheater Mannheim eine ziemlich wild getunte Version der Geschichte um eine nicht standesgemäße Liebe zwischen Adel und Bürgertum. Dort trifft "Friedrich Schiller auf Pedro Almodóvar und ein im wahrstem Sinne des Wortes überwältigendes Set von Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, einen wilden Kostüm-Mix aus Rokoko, 'Charlie und die Schokoladenfabrik' und dem Style aus Donna Leon-Verfilmungen." Das ist allerdings manchmal fast zu viel des Guten: "Das bestimmende Element der Aufführung - der Wechsel zwischen Bühne und Video-Action - geht in der inszenatorischen Hektik nicht auf. Die gefilmten Szenen in den geschützten Räumen des Bühnenhintergrunds könnten die Menschen in ihrer echten Verfasstheit zeigen, während sie vorne theatralisch das zum Ausdruck bringen, was von ihren gesellschaftlichen Rollen erwartet wird. Kaum aber widmet man sich dem Gedanken, zack, wieder ein Schnitt, ein Raumwechsel, ein spitzer Schrei der Frau von Kalb und weg ist er."

Weiteres: Peter Laudenbach berichtet von den Budgetkürzungen im Berliner Gefängnistheater AufBruch (SZ). Manuel Brug trifft sich für die Welt mit dem Choreografen Jiří Kylián: "Es gibt keinen besonderen Anlass, außer dass es bei ihm immer einen gibt: Das Norwegian National Ballet ehrt mit einem Festival diesen längst zum Weltbürger der Kunst gewordenen tschechischen Tanzschöpfer, der sich in erster Linie als Prager versteht, der in Deutschland heranreifte, eine deutsche Frau heiratete, sieben Sprachen spricht, 120 Werke schuf, von den Niederlanden aus berühmt wurde und dort immer noch lebt: 'In Schevenigen am Meer, da höre ich in den Sirenen der Schiffe die Welt resonieren.'"

Besprochen werden Franz Xaver Kroetz' Neufassung von Franz von Kobells "Brandner Kaspar" am Münchner Residenztheater (NZZ), "Das Stillleben" von Carmen Jeß, Regie von Lisa Froschauer am Theater Lübeck (Nachtkritik) und Joseph Haydns "Schöpfung" am Staatstheater Wiesbaden unter der Regie von Franziska Angerer (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.06.2025 - Bühne

"Der Prozess Pelicot" bei den Wiener Festwochen. Foto: Nurith Wagner Strauss


Milo Rau hat die Wiener Festwochen zu einem "diskursiven Supermarkt" gemacht, "in dem man seinen Tagesbedarf an gesellschaftlich relevanten Themen decken kann", meint Verena Mayer in der SZ - hält das aber für nichts Schlechtes. Im Gegenteil, denn wenn Rau jetzt den "Prozess Pelicot" mehr als sechs Stunden lang in der Wiener Kirche Sankt Elisabeth vortragen lässt, erkennt die Kritikerin schnell den Mehrwert. Vom Prozess gab es keine Wortlaut-Protokolle, Rau wertete tausende Seiten an Mitschriften von Journalisten aus: "Man hört Gisèle Pelicot in ihren eigenen Worten, die Dorothee Hartinger gefasst, aber durchdrungen von Schmerz vorträgt. ... Und immer wieder geht es in diesem Kirchenschiff um sexualisierte Gewalt, um detailreiche Schilderungen von Vergewaltigungen. Stärker könnte der Kontrast zwischen Inhalt und dem Raum, in dem er verhandelt wird, nicht sein."

"Dass eine Kirche der richtige Ort für eine solche Aufführung ist, zeigt sich allein daran, dass immer wieder in den Redewendungen des Religiösen Zuflucht gesucht wird", hält Manuel Brug in der Welt fest: 'Ich bin auf dem Altar der Perversion geopfert worden', sind die Worte, die Gisèle Pelicot wählte. Von vielen Menschen auf der ganzen Welt wird sie als Ikone verehrt, wie eine frühchristliche Märtyrerin und Heilige. Ihr Vorbild, dass die Scham die Seite wechseln müsse, gibt nicht nur anderen vergewaltigten Frauen, sondern auch Folteropfern des 'Islamischen Staat' die Kraft, das eigene Leiden auszusprechen." Zu sehen ist laut Brug ein "ein vielstimmiges Mosaik des Grauens, das nicht dem grellen und reißerischen Voyeurismus verfällt, sondern mit unnachgiebiger Präzision den Blick auf das Gesamtbild lenkt: Erkenntnisinteresse statt Gewaltporno." Weitere Besprechungen in nachtkritik und Tagesspiegel.

Szene aus dem "Brandner Kaspar". Foto: Sandra Then

Franz Xaver Kroetz hat mit dem 1871 von Franz von Kobell veröffentlichten "Brandner Kaspar" ein bayerisches Kulturgut neu gefasst, Philipp Stölzl das Stück mit Günther Maria Halmer und Florian von Manteuffel in den Hauptrollen für das Münchner Residenztheater neu inszeniert - und die Kritiker sind sehr zufrieden: Hier wird "nichts modernisiert und angepasst, eher reduziert auf wichtige Figuren und Konflikte und gespart am barocken Himmelsgetöse und Jagdhalali", freut sich etwa Marie Schmidt in der SZ. Auch Bernd Noack zeigt sich in der NZZ angetan: "Kroetz bleibt in seiner Version erstaunlich sanft und fast glaubenstreu. Altersmüde könnte man das auch nennen, sehnsuchtsvoll verschreibt sich der bald 80-jährige Einstkommunist, der die bajuwarische Dumpfheit früher wie kaum ein anderer gescholten hat, dem ausklingenden Lebensabend und einem sanften Abgang ohne Groll." Nachtkritikerin Susanne Greiner lobt vor allem Stölzls Regie: "Ein Stück mit schlauem Humor, das Volkstheater ohne biedere Volkstümelei atmet." In der FAZ sieht es Hannes Hintermeier ähnlich.

Weiteres: In der Welt freut sich Manuel Brug auf einen Festspielsommer, in dem vor allem Georg Friedrich Händels italienische Jahre gewürdigt werden. Besprochen wird Martin G. Bergers Stück "Der rote Wal" an der Oper Stuttgart (SZ)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.06.2025 - Bühne

Hermann Nitsch, 2009. © Harald Peki. Quelle: Wikipedia. Lizenz: CC-by-sa 3.0.
Mächtig was los war, wenn man Julia Stellmann bei Monopol glauben kann, auf dem Schloss Prinzendorf in Prinzendorf an der Zaya bei Hermann Nitschs "6-Tage-Spiel". Das wagnerianisch-gesamtkunstwerkerische Performance-Musiktheater-Spektakel wurde in Prinzendorf womöglich zum letzten Mal überhaupt aufgeführt - die "Vollendung" der Aktion datierte laut Website auf den 7.-9. Juni diesen Jahres. Es scheint eine gute Gelegenheit für Grenzerfahrungen gewesen zu sein: "Nach einem weiteren Pfiff zerquetschten die Performer mit den Händen die glänzenden Lebensmitteln zu Brei, woraufhin  sich bei über 30 Grad ein penetranter Geruch breitmachte. Er sollte eine der eindrücklichsten Konstanten über die Dauer des gesamten Spiels bleiben: Metallisch und schwer hing Blut in der Luft, ließ sich gleichermaßen riechen wie schmecken. Wie aber riecht Blut? Wie schmeckt es? Nicht das Blut, das sich nach einem versehentlichen Schnitt mit dem Küchenmesser langsam aus der Wunde quält. Nein, literweise Blut, das Hände, Gesicht und Kleidung rot färbt. Das sich in grüne Wiesen einschreibt, die weiße Kleidung tränkt und in die Ritzen des Steinbodens sickert. Ein Geruch von frischem Blut, wie es beim Aufreißen der Beute durch wilde Tiere austritt"

Weitere Artikel: Theresa Schütz berichtet für die nachtkritik vom 19. Festival TransAmériques in Montréal. Janis El-Bira plädiert ebenfalls in der nachtkritik für ein individuelleres Applaudieren. Christian Spuck, der Intendant des Berliner Staatsballetts, erhält den Deutschen Tanzpreis, berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Michael Skasa wohnt für die Zeit der szenischen Lesung eines Franz-Xaver-Kroetz-Textes bei.

Besprochen werden Miroslav Srnkas Amoklauf-Oper "Voice Killer" im Theater an der Wien (FAZ, "bedient dann doch vor allem Klischees"), Katharina Birchs Inszenierung der Komödie "Dieses Stück geht schief" am Deutschen Theater Göttingen (taz, "schwer, beim chronischen Scheitern mitzuleiden und beim heldenhaften Weitermachen mitzufiebern") und Lia Rodrigues' Tanzstück "Borda", das auf den Wiener Festwochen zu sehen ist (Helmut Ploebst freut sich im Standard über ein Stück, das "künstlerische Arbeit und soziale Initiative" glücklich vereint).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.06.2025 - Bühne

Szene aus "Alcina" an der Oper Frankfurt. Foto: Monika Rittershaus. 

Nicht nur für die Ohren, sondern auch fürs Auge, bekommt FAZ-Kritiker Jan Brachmann bei Johannes Eraths Inszenierung der Händel-Oper "Alcina" an der Oper Frankfurt einiges geboten. Erath erzählt die Geschichte um die männerverführende Zauberin Alcina als vielschichtiges optisches Ereignis: Die "Bedeutungsschicht barock-höfischer Kultur wird überlagert durch Varieté und Zirkus. Katharina Magiera als Bradamante wird von Michael Porter als Oronte auf offener Bühne zersägt; danach gleitet der Kasten mit ihrem Kopf über den Bühnenboden - und sie singt weiter. In Tricks wie diesen erfährt die Tradition der Zauber- und Maschinenoper ihre gewitzte Aktualisierung. Varieté und Barock werden aber ihrerseits überschrieben vom Vokabular des Surrealismus: von Schwarz-Weiß-Videos blinzelnder Augen und der Deckzeichnung des Surrealisten André Masson zu Gustave Courbets Gemälde des weiblichen Genitals 'L'origine du monde'. Dazu kommen erlesene Kostüme: Alcinas blassrosafarbenes Paillettenkleid samt Umhang mit grauem Pelzbesatz ist haute couture für die Diva von heute."

"Händel so modern, wie er klingen kann", freut sich in der FR Judith von Sternburg, was nicht zuletzt an den tollen Sängerinnen liegt: "Katharina Magieras gar nicht so fülliger, aber ausdrucksstarker Alt gehört zu den individuellsten Farben des Abends, mit Alcina liefert sie sich auch darstellerisch ein grandioses Duell der Ausstrahlung und Energie. Die Frauen drücken das Objekt ihrer Begierde, den Ex-Helden, jetzt Alcina-Liebhaber Ruggiero, fast etwas zur Seite. Elmar Hauser, auch er ein Ausbund an Beweglichkeit, hat einen hochattraktiven Counter von maßvoller Durchschlagskraft. Das passt insofern. Es ist ein Abend der fitten, filigranen, bezaubernd jungen Stimmen."

Weiteres: FAZ-Kritiker Simon Strauß berichtet von der 53. Theater-Biennale in Venedig. Besprochen werden die Ausstellung "Die Macht von Theater im Kalten Krieg" über den Regisseur Benno Besson und seine Leidenschaft für das sozialistische Theater im Museum Strauhof in Zürich (NZZ) und Cordula Däupers Inszenierung von Miroslav Srnkas Oper "Voice Killer" im Theater an der Wien (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.06.2025 - Bühne

"You Came, You Saw". Bild: Sebastian Hoppe.


"Radikales politisches Theater" erlebt nachtkritiker Tobias Prüwer mit Ayşe Güvendirens "You came, you saw - Ein No Escape Room" am Staatsschauspiel Dresden. Güvendiren erzählt, wie die Opferfamilien den Terror des NSU erlebt haben und noch von staatlicher Seite weiter diskriminiert wurden: "Ein Opfer aus Hanau wurde ohne Information an seine Familie obduziert - einige Reste seines Körpers wurden ihnen kommentarlos erst Monate später in einer Kühlbox zugeschickt. Ein Gerichtsmediziner mit Fleischklopfer bearbeitet zur Illustration Steaks. Diese lebendigen Bilder funktionieren nicht als Spielszenen, sondern als Hingucker, damit man den Text aufsaugt. Und der ist nicht nur einfach Text: Stimmen der Hinterbliebenen sind beigefügt, die berichten, wie Staat und Medien mit ihnen umgingen. Wie sie allein gelassen oder selbst zu Mitschuldigen erklärt worden sind. Dass es sich um rassistische Motive hinter den Morden handeln könnte, wollte ihnen niemand glauben. Dass noch einmal von ihnen selbst zu hören, ist das wahrhaft erschütternde Moment des Abends. Pars pro toto zeigt sich hier eine gesellschaftliche Realität."

Weitere Artikel: Kai Bremer schaut sich für die Nachtkritik auf dem Langen Wochenende der Neuen Dramatik in Münster um. Zum Abschied von Joachim Lux als Intendant des Thalia Theaters in Hamburg lässt Jakob Hayner in der Welt noch einmal die letzten 16 Jahre Revue passieren.

Besprochen werden außerdem die Oper "Voice Killer" am Theater an der Wien mit Musik von Miroslav Srnka und einem Libretto von Tom Holloway (Standard), Jerome Robbins' Choreografie "Other Dances" am Amsterdamer Het Muziektheater (FAZ) und die "Ensslin-Fragmente" von Friederike Drews nach einem Roman von Stephanie Bart im Ballhaus Prinzenallee (Taz).