Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3634 Presseschau-Absätze - Seite 19 von 364

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.07.2025 - Bühne

Répétitions de "La Calisto" de Cavalli, nouvelle production du Festival d'Aix-en-Provence à découvrir du 7 au 21 juillet 2025 au Théâtre de l'Archevêché. Festival d'Aix-en-Provence 2025 © Jean-Louis Fernandez

Viel Freude hat Welt-Autor Manuel Brug auf dem Aix-en-Provence Festival mit Francesco Cavallis Barockoper "La Callisto", die dort als szenische Premiere zur Aufführung kommt. Nichts Menschliches ist diesem über dreieinhalb Jahrhunderte alten Stück Musiktheater fremd, auf dem Programm stehen unter anderem: "Teilzeitlesben, Crossdresser, Metrosexuelle, Transen, Immergeile, Dauerkeusche, Verliebte, Verrückte". Ausstattung und Choreographie sind hochklassig, und doch: "So fein ziseliert sich hier die subtile Personenregie von Jetske Mijnssen entfaltet und so edel es aussieht - die Bestie Mensch im feinen Gewand geht sich trotzdem beständig im Liebeswahn an die Gurgel. Und am Ende ersticht diesmal Kallisto ihren Verführer Jupiter." Peter Sellars an gleicher Stelle aufgeführtes Multimedia-Stück "The Nine Jewelled Deer" lässt Brug derweil kalt.

Anja-Rosa Thömig ist ebenfalls in Aix-en-Provence und schreibt für die FAZ über eine Kammerfassung von Benjamin Brittens "Billy Budd" sowie über Christoph Loys Charpentier-Inszenierung "Louise". Auf nmz schließlich bespricht ein weiterer Aix-Besucher, Joachim Lange, die dortige "Don Giovanni"-Aufführung.

Hambuger Ballett-Tage - Die kleine Meerjungfrau © Kiran West

Wiebke Hüster ist in der FAZ sehr angetan von John Neumeiers Stück "Die kleine Meerjungfrau", das die Hamburger Ballett-Tage eröffnet. Die Besetzung ist, wie in Hamburg gewohnt, absolut makellos. Die Titelfigur wird von Xue Lin gegeben. Sie "tanzt den Schmerz der auf ihren neuen Füßen unbeholfenen Meerjungfrau an Land sehr bewegend. Neumeier setzt sie sogar in einen Rollstuhl, später zeigt er sie in einer Kammer gefangen, ein Bild für ihre Einsamkeit unter den Menschen und ihre unerwiderte Liebe. Das sind großartige Momente. Sie sind deshalb so ergreifend, weil Neumeier seine ganze Empathie diesem Wesen schenkt, das sich wünscht, tanzen zu können."

Weitere Artikel: Michael Bartsch fragt sich in der taz, warum die Neue Bühne Senftenberg in Südbrandenburg ihren Leiter Daniel Ris loswerden will und vermutet: Er könnte sich zu deutlich gesellschaftskritisch positioniert haben. Shirin Sojitrawalla geht gerade im Sommer gerne ins Theater, lernen wir in der nachtkritik. Für Backstage Classical unterhält sich Axel Brüggemann per Podcast mit Katharina Wagner, der Chefin der Bayreuther Festspiele über die angespannte Finanzlage.

Besprochen werden das von Paula Romy am Berliner Renaissance-Theater mit Katja Riemann inszenierte ein-Frau-Science-Fiction-Stück "Division" (BlZ, nachtkritik), das von Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst bestückte Programm "Freshhh 2025" (FR) und "Die Lauchhammer Files" am TD Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2025 - Bühne

Szene aus "Don Giovanni". Bild: Monika Rittershaus

In der Welt wundert sich Manuel Brug: Der britische Theaterregisseur Robert Icke ist inzwischen bekannt für seine radikalen Klassiker-Neuentdeckungen, seine Inszenierung des "Don Giovanni" beim Festival d'Aix-en-Provence erscheint aber wie ein Versatzstück aus anderen "Don-Giovanni"-Inszenierungen: "Einen während der ganzen letzten Nacht sterbenden Verführer gab es schon in Claus Guths von Salzburg weit gereister Produktion. Ebenso stellte schon Martin Kušej in seiner weitgereisten Version Frauen permanent als Objekte, Schaufensterpuppen oder Miss-Wahl-Statistinnen aus. Mit alles nur wiederholenden Videobildern ist die internationale Operngemeinde längst so hinreichend versorgt wie mit Doppelgängern, einem Verführer als mieses MeToo-Würstchen und sich durch vermutlich missbrauchte Kinder spiegelnde Protagonistinnen."

Szene aus "Wasserfälle von Slunj" © Lalo Jodlbauer

Als "Glücksfall" wertet Nachtkritikerin Gabi Hift Nicolaus Haggs Dramatisierung von Heimito von Doderers Roman "Die Wasserfälle von Slunj" bei den Festspielen in Reichenau: "Man kann nicht unterscheiden, wo es sich um originale Doderer-Dialoge handelt und wo etwas von Hagg dazu erfunden ist. (...) Doderers Figuren kommen aus ganz verschiedenen Schichten, haben unterschiedliche Nationalitäten, sehr verschiedene erotische Vorlieben, herrliche Marotten und seltsame Strategien, um durchs Leben zu kommen. Doderer macht sich gnadenlos über seine Figuren lustig, ist aber auch ein brillanter Seelensezierer. Weil er einem die Figuren bis in die kleinsten Verästelungen zeigt, versteht man sie besser als sie sich selbst und fühlt mit ihnen mit. .... Hagg hat das ausgezeichnet in Dialoge übersetzt, und die vielschichtigen Figuren machen denen, die sie spielen, ganz offensichtlich viel Freude."

Besprochen werden Hofesh Shechters Choreografie "Theatre of Dreams" beim Tanzfestival Colours in Stuttgart (FR), Marcus Boschs und Vera Nemirovs Kombination aus Puccinis Komödie "Gianni Schicchi" und Richard Strauss' Tragödie "Elektra" bei den Opernfestspielen in Heidenheim (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.07.2025 - Bühne

Szene aus Ibsens "Die Wildente", Inszenierung von Thomas Ostermeier, 2025. Foto © Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon

Das Festival d'Avignon zeigt in Koproduktion mit der Berliner Schaubühne in diesem Jahr Henrik Ibsens "Die Wildente", inszeniert von Thomas Ostermeier. Nachtkritiker Joseph Hanimann befindet: Das titelgebende Tier ist in dieser Darbietung leider irgendwie  "überflüssig geworden. Hedwig füttert sie zwar gelegentlich und schaut zu ihr rein. Wenn Hjalmar beim Erfahren der Wahrheit um sich brüllt, er möchte dem Tier am liebsten den Hals umdrehen, denn es gebe gewisse Ideale und er wolle unter seinem Dach kein Vieh haben, das von seinem verhassten Gönner Werle komme, antwortet Hedwig gelassen: 'Du redest von einer Ente.' Halt nur eine Ente. Als Spannungsbogen des Stücks trägt das nicht mehr. ... Die Aufführung gerät mit ihrem Realismus zusehends zur Posse, mit gezielt eingesetzten Lachern."

Weitere Artikel: Die Mailänder Scala will ihren Dresscode von nun an strikter durchsetzen und Menschen in Flipflops vor die Tür setzen, ist dem Standard zu entnehmen.

Besprochen werden Stas Zhyrkovs Inszenierung des "König Lear - Der letzte Gang" von Pavlo Arie nach Shakespeare am Theater Heidelberg (nachtkritik), Nicole Schneiderbauers Inszenierung von Tine Rahel Völckers "Gesänge vom Überleben" am Staatstheater Augsburg (nachtkritik), Robert Ickes Inszenierung von Mozarts "Don Giovanni", beim Opernfestival in Aix (FAZ) und Christian Stückls Inszenierung von Shakespeares "Romeo und Julia" beim Passionstheater Oberammergau (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.07.2025 - Bühne

In der FAZ ist Wiebke Hüster spürbar fasziniert von dem amerikanischen Tänzer und Choreografen Trajal Harrell, der im Rahmen des Holland Festivals in Amsterdam seine Ideen vorgestellt hat, wie sich die Ideen Tatsumi Hijikatas, Mitbegründer des Modernen Tanzes in Japan, für den Tanz der Gegenwart nutzen lassen: "Der assoziative und poetische Umgang mit Gegenständen auf der Bühne, die Entrücktheit von Gesichtsausdrücken, der Gedanke, dass 'etwas' durch einen hindurchtanzt im Prozess, dass der gegenwärtige, lebendige Körper zum Instrument eines anderen, bereits Verstorbenen wird, alle diese Versuche mit nicht westlichen Konzepten von Tod und Tradition, Seele und Körper sind ein lohnendes Experimentierfeld, aber auch eine Hommage. Wie eine Reverenz an die Vorausgegangenen, die Denker, die Tänzer. Die Idee der Selbstvergewisserung, der Rückversicherung spielt auch eine Rolle. Denn es ist nicht unwichtig zu wissen, dass man unter den Zeitgenossen isoliert sein mag, es aber nicht wäre, wenn der Tod abgeschafft wäre."

Hier stellt sich Harrell selbst vor:



Besprochen wird außerdem Alexandra Liedtkes Adaption von Joseph Roths "Hiob" bei den Festspielen Reichenau (nachtkritik).
Stichwörter: Harrell, Trajal, Tanz

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.07.2025 - Bühne

Szene aus "Hiob". Bild: Lalo Jodlbauer

"Theater schafft Räume für Träume" lautet das diesjährige Motto der Reichenauer Festspiele, die mit Alexandra Liedtkes Dramatisierung des Romans "Hiob" von Joseph Roth eröffneten. Zum Träumen angeregt wird Nachtkritikerin Gabi Hift allerdings nicht, denn: "Liedtke hat sich gegen eine naturalistische Umsetzung der Geschichte entschieden, eine für Reichenau ungewöhnliche Entscheidung. Roth schrieb, das Wesentliche des Romans seien weder die Handlung noch die Gefühlsmomente, sondern Rhythmus und Melodie der Sprache, die 'biblische Musik'. Um die Magie dieser Sprache zu erhalten, bewahrt Liedtke die Erzählstimme Joseph Roths und wandelt sie nicht in Dialoge um. Das ist ein interessanter und kluger Ansatz - leider ist die Umsetzung unentschieden. Alle Darstellerinnen sind mal Erzähler mal Figur. Sie gleiten aus der Erzählerposition in die Figuren hinüber, als würden die Figuren sich gegenseitig ihre Geschichten erzählen. Das zerstört aber das Faszinosum der Erzählung, die von weit außerhalb in rauschhaften Bildern das einfache, schlichte Leben einer Familie besingt."

Weitere Artikel: Für die FR spricht Judith von Sternburg mit dem Schauspieler Peter Schröder, der das Schauspiel Frankfurt nach knapp 15 Jahren verlässt, über seine Karriere. Besprochen wird außerdem Kuluk Helms' Inszenierung des Tucholsky-Stücks "Kolumbus oder Die 'Entdeckung' Amerikas" am Theater Lübeck (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.07.2025 - Bühne

Die Berliner Kulturinstitutionen stöhnen unter den Budgetkürzungen, aber die Leitung der Komischen Oper scheint öffentliche Gelder dennoch mit vollen Händen zu verschwenden, wie Hartmut Welscher und Merle Krafeld in einer detaillierten Hintergrundrecherche für Van nahelegen. Es geht um ungenehmigte, zum Teil gegen den Denkmalschutz verstoßende Umbauten an der Interimsstätte, dem Schillertheater, außerdem um den teuren Erwerb eines nun ungenutzten BVG-Busses, hohe Beraterhonorare, unter anderem für Barrie Kosky und Unregelmäßigkeiten bei Reisekostenabrechnungen, so die Autoren: Nach Van vorliegenden Unterlagen unternahmen die beiden Ko-IntendantInnen Susanne Moser und Philip Bröking "allein zwischen März und Oktober 2023 Dienstreisen unter anderem nach Straßburg, Turin, Basel, Valencia, Frankfurt, Amsterdam, Buenos Aires, Zürich, Hamburg, Glyndebourne, London, Bad Kissingen, München, Aix-en-Provence, Bregenz, Salzburg, Paris und Kopenhagen - zum Teil mehrfach an denselben Ort. Die entsprechenden Abrechnungen, die Van einsehen konnte, summieren sich, inklusive Ausgaben für Anreise, Unterkunft und Bewirtung, teilweise auf mehrere Tausend Euro pro Monat." Die Leitung der Komischen Oper möchte sich dazu nicht äußern, stattdessen wurde der Promi-Anwalt Christian Schertz mandatiert.
Szene aus "Voice Killer". Bild: Karl Forster

In der Zeit gewinnt Christine Lemke-Matwey den Glauben an die zeitgenössische Oper zurück, nachdem sie mit Unsuk Chins "Die dunkle Seite des Mondes" in Hamburg, Rebecca Saunders "Lash - Acts of Love" in Berlin, Maeckes' "Der rote Wal" in Stuttgart und Philippe Manourys "Die letzten Tage der Menschheit" in Köln gleich fünf Uraufführungen gesehen hat, die die Gegenwart "seismografisch-sinnlich" erfahrbar machen. Der Höhepunkt ist dabei für die Kritikerin die Oper "Voice Killer", komponiert von dem tschechischen Komponisten Miroslav Srnka, geschrieben von dem australischen Dramatiker Tom Holloway, uraufgeführt am Theater an der Wien. Es geht um "drei Frauenmorde Anfang der Vierzigerjahre in Melbourne, der Täter, ein dort stationierter US-Soldat namens Edward Leonski, wurde gefasst und hingerichtet. (…) Dabei ist die Konstruktion nicht unverzwickt, natürlich vertont der Tscheche nicht einfach nur drei Frauenmorde. Vielmehr wird das Töten in der Oper von der Oper als Kunstform mitreflektiert. Durch eine moderne Rahmenhandlung (…) und durch die so simple wie dankbare Tatsache, dass Leonski seine Opfer vor den Taten singen ließ. Er wollte sich ihre Stimmen einverleiben, um nicht allein zu sein, heißt es. Welch treffliche Definition für jeden Opernbesuch!"

Besprochen wird außerdem Rainald Grebes Inszenierung "Musikantenstadl" mit dem RambaZamba Theater in der Berliner Kulturbrauerei (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.07.2025 - Bühne

Turning of Bones - © Jeanette Bak

Beglückt bespricht FR-Kritikerin Sylvia Staude Akram Khans Tanzstück "Turning of Bones", das im Rahmen des Stuttgarter Tanzfestivals "Colours" zur Aufführung kam. Der Titel bezieht sich unter anderem auf ein Totenritual aus Madagaskar, wobei die Handlung des Stücks lediglich Andeutung bleibt. Symbole, Gefühle und Rituale mischen sich bei Khan mit außerordentlicher Präzision, so Staude: "Die Armschwünge vor allem sind bei Akram Khan so lidschlagschnell, dass man ihren Einzelheiten mit den Augen nicht mehr folgen kann. Doch ihre Linien, ihre Wucht sind wahrnehmbar. Die mönchisch-indischen Kostüme Gudrun Schretzmeiers - auch die Männer tragen Hosenkleider - verstärken die optische Geschlossenheit. Im doppelten Sinn des Worts fächert man sich auf. Dies vor einem schiefergrauen Vorhang-Halbrund, das die Theaterhaus-Bühne etwas verkleinert. Und das am Ende, wenn Gallelli auf die andere Seite geschlüpft ist, mittels sattgelbem Licht durchsichtig wird."

Till Briegleb verabschiedet sich in der SZ von Joachim Lux, der 16 Jahre lang das Hamburger Thalia-Theater leitete. Was bleibt von dieser Ära? Unter anderem die Erinnerung an "zwei der größten und vielseitigsten Charaktere des deutschsprachigen Theaters der letzten Jahrzehnte, Jens Harzer und Barbara Nüsse". Sie "bildeten die durchaus gegensätzlichen Pole einer komplexen Imaginationskraft. Nüsse, verschlagen, weise und frech, beseelte Pippi Langstrumpf wie greise Männer, sensible Königinnen wie ätzende Mütter mit so einer Freude bringenden Präsenz, dass jeder Banause in Publikum Sehnsucht nach dem Schauspielerberuf bekommen musste. Und Jens Harzer, der aus dem Kern vorgeblicher Naivität sein Spiel der Täuschungen so virtuos entwickelt hat, dass Pointen hinter jeder Geste lauern, die dann aber doch als Bedeutung erscheinen, hat Dank seines Ausnahme-Talents nie kämpfen müssen, Erster unter Ersten zu sein"

Weitere Artikel: Rüdiger Schaper schreibt im Tagesspiegel über einen Abend für die Theaterlegende Carl Hegemann an der Volksbühne. Atif Mohammed Nour Hussein denkt auf nachtkritik über Kunst und KI nach.

Besprochen werden Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" in der Inszenierung Jule Renstedts bei den Bad Hersfelder Festspielen (FR; "Rezas Dramaturgie ist so elegant, dass man sich auch nach Jahren noch daran freut") und "Eurotrash" nach Christian Kracht am Landestheater Linz (Standard; "Es dauert, bis" die Inszenierung "an Fahrt gewinnt, und zum Ende zieht sie sich hin").

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.07.2025 - Bühne

Szene aus "Die letzten Tage der Menschheit". Foto: Sandra Then

Nicolas Stemann hat Philippe Manourys Musiktheaterstück nach Karl Kraus' Weltkriegs-Drama "Die letzten Tage der Menschheit" auf die Bühne der Kölner Oper gebracht, dem SZ-Kritiker Egbert Tholl ist das dann aber doch zu viel der Düsternis: Kraus zeichnete "ein Panoptikum einer Gesellschaft, die besoffen vor Patriotismus in den Krieg und damit ihren Untergang taumelt" - "Die Oper meint alle Kriege: Der zweite Teil ist ein knapp einstündiger Totentanz, den Stemann mit einer Videobilderflut ausstattet, antike Schlachten, moderne Kriege, Ukraine, Vietnam - deshalb der Hubschrauber-Sound. Allerdings ist da der Film 'Apocalypse Now' beeindruckender. Alles scheint richtig, aufrichtig, doch alles wirkt vorgeführt, man konstatiert ungerührt, wie scheiße der Mensch sein kann. Am Ende bei Kraus hört man die Stimme Gottes, er habe das nicht gewollt. Hier endet es auch so, allerdings folgt noch ein seltsam schwebender Chor der ungeborenen Kinder. 'Lasset nimmer uns entstehen.' Hoffnung? Nein."

Von der bombastischen Inszenierung mit Riesenchor, vollständigem Orchester, Live-Videos und Stars wie Anne Sofie von Otter wird auch Eleonore Büning in der NZZ nicht recht ergriffen: "Manourys polystilistische Musik ist, selbst in ihren elektronischen Zutaten im zweiten Teil, einfach zu naheliegend schön. Sie schafft es, Kraus zu entkrausen und den Wiener Schmäh zu entwienern. So verwandeln sich die 'Letzten Tage' ungewollt in Kriegskitsch - durchaus pathosfähig, aber ironiefrei. Tatsächlich gibt es Szenen, auch einzelne Sätze oder Wörter, bei denen das Blut in den Adern gefriert. Karl Kraus hat bekanntlich nichts frei erfunden. Er hat nur beobachtet, aufgeschnappt, zitiert und montiert. Er stellte fest: Der Mensch ist eine Fehlkonstruktion. Im Kriegszustand kommt es zur kollektiven Entmenschlichung." Manoury und Stemann ist ein "theatralisches Äquivalent für die Journalismuskritik mit journalistischen Stilmitteln von Kraus" gelungen, auch musikalisch, meint indes Patrick Bahners in der FAZ, dennoch mangelt es ihm an Impulsen zum Nachdenken.

Szene aus "Malditos Benditos". Foto: Jesús Vallinas

Wehmütig verabschiedet Dorion Weickmann den Choreografen und Ballettdirektor Goyo Montero, der das Nürnberger Opernhaus nach siebzehn ausgelasteten und skandalfreien Spielzeiten verlässt, nicht ohne mit "Malditos Benditos" nochmal sein ganzes Können zu zeigen: "Tänzer und Tänzerinnen thronen darauf, während der Zeremonienmeister Goyo Montero hohepriesterlich die Bühnenmitte beansprucht, den Rücken zum Auditorium gekehrt. Von dort aus beobachtet er die temperamentvollen Soli und zärtlichen Duette, die sich vor seinen Augen abspielen, allesamt eigene Schöpfungen. Unter den sechzehn Bildern in 'Malditos Benditos', die Montero zu einem Medley von Dowland bis Dylan choreografiert hat, ist diese Episode namens 'Ohne Punkt und Komma' eine der stärksten. Zugleich dient sie als Rampe für den nächsten Gedankensprung, eine Meditation über Federico García Lorca, den Dichter, dem die homophobe Gesellschaft des Faschismus zum Verhängnis wurde. Zwei Männer, sich leidenschaftlich küssend, bis der eine den anderen von sich stößt und dem Mob preisgibt."

Weitere Artikel: Für die taz porträtiert Sabine Leucht den Münchner Choreografen Moritz Ostruschnjak, dessen Produktionen "Non + Ultras" gerade in der Münchner Muffathalle und "Trailer Park" im Berliner Radialsystem zu sehen sind.

Besprochen werden David Hermanns Inszenierung des "Don Giovanni" bei den Münchner Opernfestspielen (Welt) und das Festival "Ein Stück: Tschechien" des Vereins Drama Panorama im Berliner Theater unterm Dach (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.06.2025 - Bühne

"Don Giovanni." Bild: Geoffroy Schied.


SZ-Kritiker Reinhard Brembeck genießt bei den Münchner Opernfestspielen mit Mozarts "Don Giovanni" - inszeniert von David Hermann, dirigiert von Vladimir Jurowski - eine lebendige Verführungs-, Rache- und Männlichkeitsgeschichte. Die Inszenierung hat "von allem etwas: Burleskes, Komisches, Barockes, Empfindsames und Sexsüchtiges, ein Ständchen, einen zum Saufexzess animierenden Kraftprotzsong, Protestlieder, Libertinagefeiern. Dass diese disparaten Elemente im 'Don Giovanni' stecken und ihn brüchig machen, das musizieren Jurowski und sein Staatsorchester unüberhörbar heraus. Dazu verdeutlicht der Regisseur eine Kernthese des Stücks: dass es unmöglich ist, das Alpha-Übermänner-Machotum zu überwinden und durch eine neue Gesellschaftsform zu ersetzen, in der alle die gleichen Rechte, keine erotischen und sonstigen Übersteigerungen mehr Platz haben."

Christian Gohlke kommt in der FAZ zu einem gänzlich anderen Urteil: Für ihn reiht sich die Mozart-Oper in eine Kaskade von Enttäuschungen unter der Intendanz von Serge Dorny ein: "Die wenig überzeugend gezeichneten Figuren bewegen sich in einem Umfeld nackter Tristesse. Der Bühnenbildner Jo Schramm bringt das Kunststück fertig, bei zahlreichen und technisch durchaus raffinierten Verwandlungen die Anmutung monströser Hässlichkeit konsequent beizubehalten: Ob in Annas Schlafzimmer, auf dem Amt, in Giovannis Palais - überall dominiert der Sichtbeton unbarmherzig die niederdrückende Szenerie. Nicht minder lastend sind die trägen, spannungslosen Tempi, die Vladimir Jurowski als Chef des Bayerischen Staatsorchesters wählt. Und schwerer noch wiegt: Mozarts Musik verliert bei ihm alles Sprechende. Begleitende Streicherfiguren, exponierte Bläserstellen, Tempowechsel ergeben sich nicht organisch aus der dramatischen Situation. Sie bleiben bedeutungslos."

Weiteres: Von Leos Janaceks Oper "Das schlaue Füchslein", die Theresa Steinacker am Staatstheater Mainz inszeniert, ist Bernhard Uske in der FR ganz begeistert, Björn Hayer berichtet für die Taz von den Schillertagen in Mannheim.

Besprochen werden "Confronting the Shadow" vom Kyjiwer Left Bank Theater unter der Regie von Tamara Trunova beim Festival "Performing Exiles" (Taz), "Der Spiegel" von Andrei Tarkowski, inszeniert von Bülent Özdil am Deutschen Theater Temeswar (Nachtkritik), "Kolumbus oder die 'Entdeckung' Amerikas" nach Kurt Tucholsky, Walter Hasenclever und Jura Soyfer, inszeniert von Cilli Drexel am Theater Lübeck (Nachtkritik), Schillers "Räuber" unter der Regie von Gil Mehmert auf den Bad Hersfelder Festspielen (Nachtkritik) und Shakespeares "Wie es euch gefällt", inszeniert von Milena Paulovics bei den Vilbeler Burgfestspielen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.06.2025 - Bühne

Clemens Haustein kann sich in der FAZ prinzipiell für Agostini Steffanis Oper "Orlando generoso" auf den Musikfestspielen Potsdam erwärmen, aber die Regie ist ihm doch ein Dorn im Auge. Der Protagonist Orlando wird vor lauter Liebeskummer zum Gewalttäter, was die Regisseurin Jean Renshaw in aller Deutlichkeit ausstellt: "Erst aus dem Klima der Angst, aus dem ständigen Eingreifen der Tyrannen in die Gefühlswelt der Untergebenen, ergibt sich das emotionale Chaos der Handlung. Keiner darf so lieben, wie er gerne möchte, die repressiven Eingriffe treiben die Protagonisten nach und nach in den Wahnsinn. Ob die explizite Darstellung auf der Bühne dabei so hilfreich ist? Der Hintergrund tritt in den Vordergrund; während bei den Produktionen der vergangenen Jahre die Einheit von Musik und Inszenierung beeindruckte, öffnet sich nun eine gewaltige Schere. Denn in Steffanis Musik geht es um nichts anderes als das Innenleben der Figuren."

Besprochen wird Gil Mehmerts Inszenierung von Schiller "Die Räuber" bei den Bad Hersfelder Festspielen (nachtkritik).