Efeu - Die Kulturrundschau

Porträt der Verführung

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28.07.2018. Noch als Puppe verkörpert Karl Böhm perfekt den Standesdünkel im klassischen Musikbetrieb, lernt die taz in Bregenz. Autor Viken Berberian stellt uns in der New York Review of Books Madame Moreau vor, die fallen konnte wie Pollock malen. Die FAZ guckt in zwei Mittelalter-Ausstellungen in eine Welt, ferner als der Mond. Die NZZ hört Musik mit künstlichen Ohren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2018 finden Sie hier

Literatur

Der amerikanische Autor Viken Berberian schreibt eine Kurzgeschichte für das Blog der New York Review of Books: Ein amerikanischer Dichter erinnert sich, wie er mit einem Stipendium nach Paris kam, um ein Gedicht zu schreiben, und als erstes durchs Centre Pompidou sauste, wo er eine immens wichtige Begegnung machte, die ihn dazu zwang, erstmals länger als drei Sekunden vor einem Bild stehen zu bleiben: "Ich wischte mit meinen Finger über mein Handy und merkte, dass ich schon fast zwei Stunden in Paris war. Ich hatte so wenig getan, so viel Zeit verschwendet. Wie ein Sturm schlug ich mich durch die Abstrakten Expressionisten und glitt wütend an einem Gorki vorbei. Das war der Moment, als sich alles auf einen Punkt konzentrierte. Die Unschärfe der Abstraktion um mich herum wich zurück, und das Leben bestätigte sich in seinen beruhigenden Formen und Falten. Eine alternde, schöne Frau, mit 165 Zentimetern Größe ungefähr so hoch wie die Leinwand, rutschte vor einen Jackson Pollock aus. Es war Madame Moreau, die hinfiel, ihre Gliedmaßen spreizten sich über den Boden in alle Richtungen. Ich kann die Flugbahn von Pollocks zufälligen, auf der Leinwand getrockneten Tropfen nicht nachvollziehen, aber ich werde nie das Porträt der Verführung vergessen, das vor mir lag."

Weitere Artikel: Daniel Kolitz besucht für The outline eine Konferenz über David Foster Wallace, wo man sich mit der Frage auseinandersetzt: "Können wir als Leser die Zeit rechtfertigen, die wir mit dem kreativen Schaffen von Künstlern verbringen, deren ethisches Handeln wir fragwürdig finden?" Im Logbuch Suhrkamp liest Miroslava Svolikova (in Ton und Text) Friederike Mayröcker. Paul Jandl stellt in der NZZ die dicksten Bücher des Herbstes vor. Im Interview mit der taz erzählt der Comiczeichner Flix, wie es dazu kam, dass er einen (in der DDR spielenden) Spirou-Comic zeichnen durfte. Wieland Freund besucht den Zeichner für die Welt. In der Welt stellt Richard Kämmerlings William T. Vollmanns bisher nur auf Englisch erschienenes zweibändige Werk zum Klimawandel, "Carbon  Ideologies" , vor. In der FAZ unterhält sich Karen Krüger mit der Schriftstellerin Lisa Halliday über deren Roman "Asymmetrie" und über Philip Roth. Die SZ empfiehlt in Kurzkritiken einige Bücher für den Urlaub.

Besprochen werden Hans Sarkowiczs Hörbuch "Die ungeliebte Demokratie" (taz), Natalie Buchholz' Roman "Der rote Swimmingpool" (taz), Madeleine Albrights "Faschismus" (taz), Alma M. Karlins Autobiografie "Ein Mensch wird. Auf dem Weg zur Weltreisenden" (taz), Thomas Hardys Roman "Jude Fawley, der Unbekannte" (NZZ), Wanda Marascos Roman "Am Hügel von Capodimonte (NZZ), Hans Magnus Enzensbergers "99 Überlebenskünstler" (Berliner Zeitung).
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Film

Besprochen werden eine Ausstellung aus dem Nachlass Helmut Dietls im Berliner Filmhaus (taz) und Drew Pearces "Hotel Artemis" (Welt).
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Bühne

Karl Böhm. Bregenzer Festspiele, Karl Foster.
Jenseits des Carmen-Spektakels bei den Bregenzer Festspielen lobt taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller das von Paulus Hochgatterer geschriebene und von Nikolaus Habjan inszenierte Puppen-Stück über den österreichischen Dirigenten Karl Böhm, das ihr Einblicke in einen von "Standesdünkel, elitärem Abgrenzungswahn und fast schon pathologischen Verehrungs- und Verklärungsbedürfnissen geprägten klassischen Musikbetrieb" gewährt - ohne dabei mit dem mit den Nazis kollaborierenden Böhm abzurechnen: "Das Stück erlaubt dem Zuschauer, die Sehnsucht danach, die Musik von der Politik frei halten zu können, zu teilen, und erzählt zugleich von den fatalen Folgen des Versuchs, das Reich der Noten über das der Menschen zu stellen. Böhm, wie er von Hochgatterer und Habjan dargestellt wird, war ein Zyniker. Man erlebt ihn bei Proben, wie er die Musiker runterputzt, gerne auch auf ihre Herkunft anspielt. Die Autorität des Dirigenten gilt ihm als unantastbar, er ist damit auch einer der Prototypen des gottgleichen Regisseurs, der Schauspieler und Musiker nur als Ausführende sieht." Und in der Neuen Musikzeitung meint Wolf-Dieter Peter: "Brecht hätte seine Freude über den perfekten Verfremdungseffekt gehabt."

Gescheiterte und fast gescheiterte Intendanten und Theatermacher sprachen beim Symposion "Actor/Performer" in Venedig über die Erneuerung des Theaters, meldet Astrid Kaminski in der taz. Neben Pawel Sztarbowski, Kodirektor des Teatr Powszechny in Warschau, führte vor allem Chris Dercon das Wort, der neben viel "Volksbühnen-Verarbeitungsoutput" auch Visionäres beitrug, so Kaminski: "Theater als Labor für Transformation, als postperformativer Ausweg aus einer nicht präsenten, sondern 'allgegenwärtigen monströsen Performativität' (Dercon)? Wie geht das? Welche Art von Übung braucht das?, fragt sich die Runde. Wie agieren, wenn sowohl Realität als auch Fiktion unbrauchbare Konzepte geworden sind? Mit Bezug auf die arabischen Revolutionen und den Soziologen Jeffrey Alexander wird eine 'useful fiction' ins Feld geführt, jedoch nicht gegen Ideologien abgegrenzt."

Weitere Artikel: Im Standard stellt Ronald Pohl die Regisseure der diesjährigen Salzburger Festspiele vor. Christine Dössel hat sich für die SZ mit dem holländischen Regisseur und designierten Intendanten des Schauspielhauses Bochum, Johan Simons getroffen und ihn zu seinen Plänen befragt: Mit Ensembletheater, interdisziplinärer Festivalvielfalt und wenigen Neuproduktionen will er das Haus zu "altem Glanz" aufpolieren, verrät er.

Besprochen werden Wagners "Parzival" in der Inszenierung von Uwe Eric Laufenberg und unter dem Dirigat von Semjon Bytschkow in Bayreuth ("Was hässlich ist an Wagner, wäscht Laufenberg ab", meint Jan Brachmann in der FAZ) und Johannes Eraths Inszenierung von Berthold Goldschmidts Oper "Beatrice Cenci" bei den Bregenzer Festspielen (FR).
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Musik

In der taz erinnert sich Frank Hermann an seine Begegnung mit Amanda Lear 1995. Jörg Thoman begleitet für die FAZ einen Workshop und ein Konzert von Paul McCartney in Liverpool.
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Kunst

Andreas Kilb besucht für die FAZ zwei Ausstellungen (hier und hier) über die Welt des Hochmittelalters und den Merseburger Bischof Thietmar. An Bildern aus der Zeit fehlt es leider, was die Ausstellungen eher zum Lektüreerlebnis macht. Andererseits ist der Stoff gut: "Die Welt des Thietmar von Merseburg mag uns ferner liegen als der Mond, sein Blick auf sie aber ist uns nah wie eine Kinderzeichnung. Überall, wo er hinschaut, sieht er Gründe zum Staunen, zum Fürchten, zum Zweifeln, mit einem Wort: zum Erzählen. Ein Mann kann nicht schlafen und läuft in die Kirche, wo die Toten eine Messe feiern; bald darauf stirbt er selbst. Eine Burg der Slawen ist mit hölzernen Idolen behängt wie ein Weihnachtsbaum. Heinrich I. beschläft am Gründonnerstag, 'vom Teufel getrieben, seine heftig widerstrebende Gemahlin' und löst damit den ewigen Familienzwist unter den Ottonen aus. Zwei Grafen tragen einen Zweikampf aus; der eine, scheinbar Sieger, bricht vom Schlag getroffen zusammen, worauf der andere enthauptet wird. Überall Wunder, Skandale, Kuriosa, und mittendrin Thietmar, ein Männlein mit gebrochener Nase und einer Fistel im Gesicht, 'ein Schlemmer und Heuchler, Geizhals und Verleumder', wie er von sich selber sagt".

Interessiert verfolgt Adrian Lobe in der NZZ, wie eine Gruppe von Forschern und Künstlern an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz auf Gesellschaft und Kultur untersucht: "Der Stuttgarter Künstler Vincent Herrmann etwa komponierte einen Sound, der aufzeigt, wie sich Musik in künstlichen Ohren anhört: psychedelisch, verrauscht, schrill, als würde man einer Konversation unter Wasser lauschen. Der Student hat die Stimmgabel an den Maschinenraum angelegt - und maschinelles Lernen vertont. In einem weiteren Projekt hat Michail Rybakov visualisiert, wie neuronale Netze Krebszellen erkennen, indem er sie mit einer algorithmischen Technik als monströse Kreaturen darstellte."

Weiteres: Auf Seite 3 der SZ erzählt Johanna Adorjan die Geschichte von Munchs "Schrei". Besprochen werden die Ausstellung "Entfesselte Natur" in der Kunsthalle Hamburg (taz) und die Ausstellung "Das Polaroid Project" im C/O Berlin (SZ).
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