Efeu - Die Kulturrundschau

Ein violetter Mantel um akzelerierte Körper

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28.02.2018. Die SZ erinnert daran, wie uns die industrielle Moderne vor hundert Jahren die Industrienormen DIN-A4 und 08/15 bescherte. Außerdem begegnet sie den Bildhauerinnen der Berliner Moderne im Georg Kolbe Museum. Die NZZ schmilzt in Frankfurt zu den zartsüßen Trompetenterzen von Giacomo Meyerbeers "Vasco da Gama". Die taz plaudert mit Italo-Rockerin Gianna Nannini. Und die FAZ erkundet die kathartischen Klanggerüste des Cloud Rap.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.02.2018 finden Sie hier

Bühne


Meyerbeers "Vasco da Gama" in Frankfurt. Foto: Monika Ritterhaus

In Frankfurt hat Tobias Kratzer Giacomo Meyerbeers letzte Oper "Vasco da Gama" in den Weltraum verlegt. In der NZZ findet Eleonore Büning das vielleicht ein bisschen kitischig, aber doch bewegend und gibt zu: Sie hat unter Tränen gelächelt! "Die schöne Afrikanerin, die den portugiesischen Konquistadoren liebt und ihm die geheime Schiffspassage durch die gefährlichen Klippen verrät, damit er ihr Wunderland erobern kann, hat sich in Frankfurt in ein ulkiges Alien verwandelt, mit Saurierfrisur im avatarblauen Ganzkörper-Strampelanzug. Vasco ist ein schwerfällig-tapsiger Astronaut, mit Bleischuhen und an den Hosenlatz getackerter Schamkapsel. Zum tödlichen Finale aber tanzen dann Held und Heldin frei und leicht, von einem unsichtbaren Summchor und zartsüßen Trompetenterzen akkompagniert, ihren Pas de deux in Zeitlupe im luftleeren Raum, umgeben von der schwarzen Unendlichkeit des Alls. Das Orchester vibriert und swingt, alle Sterne zwinkern und blitzen." Reinhard J.Brembeck zeigt sich in der SZ gänzlich ungerührt, in der FR nennt Hans-Klaus Jungheinrich den Regisseur einen "Meister der klug arrangierten Metamorphosen".

Im taz-Interview mit Knut Henkel spricht die Dramaturgin Patricia Ariza über den Friedensprozess in Kolumbien und die Rolle des Theaters: "Ein Frieden muss gelebt werden, erzählt und besungen."

Besprochen werden Ferdinand Schmalz' Neudichtung des "Jedermann" für das Wiener Burgtheater (SZ), Richard Siegals "Ballet of Difference" im Kölner Schauspielhaus (SZ), Giacomo Meyerbeers "Vasco da Gama" in Frankfurt (SZ), Jette Steckels Inszenierung des "Sturm" am Thalia Theater Hamburg (FAZ) und Händels "Ariodante" an der Wiener Staatsoper (NMZ).

Design

Mit ihrem Feuilletonaufmacher gedenkt die SZ ganzseitig der Deutschen Industrienorm - DIN -, die vor hundert Jahren damit begann, Produkte und später auch Dienstleistungen zu normieren. Thomas Steinfeld erinnert unter anderem an den kriegshistorischen Hintergrund: Das erste genormte Produkt, der Kegelstift, diente der Waffenproduktion im Ersten Weltkrieg: "Benötigt wurden sie für ein in Spandau von der Firma Ludwig Loewe & Co hergestelltes schweres Maschinengewehr, das vor allem im Grabenkrieg verwendet wurde und die Bezeichnung '08/15' trug. Es war die erste Waffe, die einheitlich in allen Teilen des Deutschen Heeres benutzt wurde."

Lothar Müller befasst sich mit etwas literarischeren und bürohistorischen Gesichtspunkten mit der DIN: 1922 wurden schließlich auch die Papierformate verabschiedet, denen wir heute noch das DIN-A4-Format verdanken. "Mit seinen größeren und kleineren Nachbarn (...) gehört es zu den Grundbausteinen der industriellen Moderne und ist eines ihrer bekanntesten Objekte. Es ist nicht nur Schriftträger, es kann zugleich Bildträger sein, und es liegt keineswegs immer flach auf einem Schreibtisch, sondern kann auch vertikal genutzt werden, als Anschlagzettel, an die Wand geheftet wie ein Poster. Ein Kranz von weiteren Objekten hat sich um die Papierformate der Norm DIN 476 gelegt, Klarsichthüllen, Aktenordner, Locher, Briefumschläge und Ablagen."

Film

Im Freitag resümiert Matthias Dell die Berlinale. Hannah Mühlparzer wirft im Standard einen Blick ins Programm des Porn Film Festivals in Wien. In der FAZ freut sich Oliver Jungen über das von Pro7 ermöglichte Neunziger-Mystery-Revival mit neuen Staffeln von "Akte X" und "The Exorcist".

Besprochen werden Luca Guadagninos "Call Me by Your Name" (SZ, FAZ), Steven Spielbergs "Die Verlegerin" (Freitag, Filmgazette) und Seth McFarlanes "Star Trek"-Parodieserie "The Orville" (ZeitOnline, FAZ).
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Kunst


Emy Roeder, Freundinnen, 1940-41 / Milly Steger, Tänzerin, um 1921-22, Foto: Sammlung Karl H. Knauf. Georg Kolbe Museum

Als echte Offenbarung preist SZ-Kritiker Peter Richter die Schau "Die erste Generation", in der das Berliner Georg-Kolbe-Museum die Bildhauerinnen der Berliner Moderne versammelt. Käthe Kollwitz kennen ja alle, aber auch Milly Steger und Renée Sintenis, die den Berlinale-Bären entwarf? "Oder Emy Roeder, die Expressionistin, die nach frühem Ruhm in der Weimarer Republik unter den Nazis ebenfalls als entartete Künstlerin galt, sich nach Italien absetzte und zu ganz eigenen, ganz anderen Formen der Tierplastik fand als ihre Kollegin Sintenis. Andere müsste man eher unter Wiederentdeckung rubrizieren. Sophie Wolff zum Beispiel, die unter dem Eindruck Rodins von der Malerei zur Bildhauerei fand, einen subtilen Impressionismus pflegte und deren Karriere von den Nazis beendet wurde. Wie Christa Winsloe, deren Namen man heute vor allem als Autorin der Vorlage für den Film 'Mädchen in Uniform' kennt, deren bildhauerisches Werk aber weitgehend verloren gegangen ist."

Weiteres: Im Guardian stellt Fotograf Wolfgang Tillmans seine Arbeit zur Post-Truth-Ära vor, die in der neuen Ausgabe der Zeitschrift Jahresring erschient.  Standard-Kritiker Damian Zimmermann hat im Fotomuseum Den Haag die Schau "Life in Cities" des deutschen Fotografen Michael Wolf besucht (von dem der Standard ziemlich irre Bilder zeigt). Birgit Rieger stellt im Tagesspiegel die Berliner Künstlerin und Transgender-Frau Roey Victoria Heifetz vor.

Besprochen wird die die Schau "Sand fürs Getriebe", mit der das Folkwang Museum in Essen dem Plakatkünstler Klaus Staeck zum Achtzigsten gratuliert (taz, FAZ, im Tagesspiegel unterhält sich Rüdiger Schaper mit dem Granden).

Literatur

Schriftsteller Michael Kumpfmüller durfte mit dem Goethe Institut nach Sri Lanka reisen, was ihn etwas unvorbereitet traf: "Hat der Schrecken der Geschichte seine Lokalitäten erst mal verlassen - das kann man auch in Sri Lanka studieren -, kommt es zu überraschenden Beleuchtungseffekten", schreibt er im Freitext-Blog auf ZeitOnline. "Die formellen und informellen Zentren ehemaliger Macht, die britischen Klubs und Hotels, oder was immer vom Empire übrig geblieben ist, erstrahlen plötzlich in musealem Glanz, sie werden, man möchte sagen, gemütlich; man hält sich nur allzu gerne darin auf, mit einem etwas unbehaglichen Staunen, als marschiere man durch alte Filmkulissen."

Weitere Artikel: Manuel Müller schreibt in der NZZ über die neue, morgen in Zürich eröffnete Jesuitenbibliothek. In der NZZ gratuliert Roman Bucheli Schriftsteller Martin Suter zum 70. Geburtstag. Schriftsteller Norbert Gstrein gratuliert in der NZZ seinem Verleger Jo Lendle mit einer Anekdote zum 50. Geburtstag. Der BR bringt den dritten Teil von Thomas Bernhards "Städtebeschimpfungen". Und der Sozialismus hat schlussendlich doch gesiegt, erfahren wir im Tagesspiegel: Dort meldet Sophia-Caroline Kosel, dass die Abrafaxe aus dem DDR-Comic Mosaik im Zuge allgemein zurückgehender Käufe mittlerweile eine höhere Auflage erzielen als die gute alte Micky Maus. Dazu passend ein Fundstück aus den TV-Archiven: In diesem Beitrag von 1959 über die Lesegewohnheiten junger Leute werden die damals noch neuen Heftchen und Comics wunderbar verquast gegeißelt:



Besprochen werden unter anderem Marcel Le Comtes Neuübersetzung von Yves Chalands "Freddy Lombard" (taz), Fuminori Nakamuras Noir-Roman "Die Maske" (Standard), Burhan Sönmez' "Istanbul. Istanbul" (online nachgereicht von der FAZ), Máirtín Ó Cadhains "Der Schlüssel" (taz), Federico Vareses "Mafia-Leben. Liebe, Geld und Tod im Herzen des organisierten Verbrechens" (NZZ), Raphael Urweiders Gedichtband "Wildern" (NZZ), Friedrich Christian Delius' "Die Zukunft der Schönheit" (Tagesspiegel), Gert Loschütz' "Ein schönes Paar" (SZ), Frenk Meeuwsens "Zen ohne Meister" (Tagesspiegel) und Adam Hasletts "Stellt euch vor, ich bin fort" (FAZ).

Musik

Jan Knobloch erklärt in der FAZ das Phänomen Cloud Rap, das eigentlich niemand wirklich greifen, geschweige denn gut definieren kann - was schon beim Begriff anfängt: Bezeichnet Cloud nun den Distributionsweg, der in der Regel über das Internet läuft? Oder einfach nur den Kopf in den Wolken von zu viel die Synapsen verkleisterndem Hustensaft? Ästhetisch jedenfalls ist die Lage eindeutiger - da geht es um eine neue Fragilität, ein neues Phlegma und "nicht mehr darum, die Konkurrenz mit ausgefallenen Vergleichen und Punchlines aus dem Weg zu räumen. Gepflegt werden das Spontane, das Improvisierte, Atmosphäre und Textur. Dann legt sich Cloud Rap schützend wie ein violetter Mantel um akzelerierte Körper. Auf seinem grandiosen Album 'Eros' erfindet RIN eine aus Turnschuhen, Markennamen, Computerspielen und Rauschmitteln zusammengesetzte Privatmythologie, die peinlich wäre, verliefe sie nicht über derart kathartische Klanggerüste." Was dann so klingt:



In der taz plaudert Gaby Sohl mit Italo-Rockerin Gianna Nannini über die Psychiatrie und den Hass, aber auch über die "Amore Gigante": "Ich will dieses Brandzeichen homosexuell oder heterosexuell nicht haben. Heterosexismus, Ageism - die Welt ist voller Gefängniswörter. Worte können dich einsperren! Pansexualität steht für alle Formen der Liebe, sie ist so groß, dass keiner sie anrühren kann. Liebe sollte nie in eine bestimmte Ecke verbannt werden. Wenn wir das tun, dann drängen wir reale Menschen in die Ecke - wir spalten."

Außerdem: In der SZ-Popkolumne zeigt sich Jens-Christian Rabe verblüfft von Andrew W.K.s gediegen miesem Album "You're Not Alone", auf dem geradezu zwanghaft der Party als Form und Zweck des Daseins gehuldigt wird. Die FR meldet, dass einige Pussy-Riot-Mitglieder nach einer Portest-Aktion auf der Krim festgenommen worden sind. Für den Standard spricht Ljubiša Tošić mit Andrés Orozco-Estrada. Für The Quietus führt William Doyle durch das Pop-Universum von David Byrne. Für die NZZ wirft Hanspeter Künzler einen Blick nach Glasgow, wo sich aus dem Geist der DIY-Haltung des Punks eine florierende Musikszene selbst organisiert. In der FR gratuliert Hans-Jürgen Linke Musikkritiker Hans-Klaus Jungheinrich zum 80. Geburtstag. Außerdem präsentiert die Spex das neue Tocotronic-Video:



Besprochen werden das neue Album "Landfall" von Laurie Anderson und dem Kronos Quartet (Pitchfork), ein Tschaikowsky-Konzert des 16-jährigen Geigers Daniel Lozakovich (Tagesspiegel), Beethovens Neunte in einer Aufführung des Collegiums Vocale Gent und des Ensembles Anima Eterna Brugge (FR), Richard Russells Album "Everything Is Recorded" (Zeit), ein Konzert des Winterthurer Ensembles TaG (NZZ), ein Konzert der Bratschisten der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel) und ein Konzert der Synth-Popband Xul Zolar (Tagesspiegel).