Efeu - Die Kulturrundschau

Und Jesus wippt mit der Dornenkrone

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23.12.2016. Der Standard betrachtet die weibliche Perspektive der französisch-amerikanischen Experimentalfilmerin Babette Mangolte. Die FAZ erfreut sich über Weihnachten an Winnetous idealer Nacktheit. Die taz feiert eine Compilation mit deutschsprachiger Kirchenrockmusik aus den Siebzigern als sensationell tanzbar. Und das Blog Fandor stellt seine liebsten Videoessays 2016 vor.

Kunst


Babette Mangolte, photograph for Trisha Brown, "Roof Piece", dance performance, 1973. © Babette Mangolte, 1973

Im Standard stellt Roman Gerold die französisch-amerikanische Experimentalfilmerin Babette Mangolte und ihre Ausstellung "I = Eye" in der Kunsthalle Wien vor. Mangolte studierte in Paris Fotografie, arbeitete in New York mit Tänzern zusammen und drehte in Frankreich mit Chantal Akermann Filme. "Verbunden sahen sich die Europäerinnen im Versuch, eine neue 'Sprache' zu entwickeln, die der weiblichen Perspektive gerecht würde. Und es ist nicht zuletzt dieser feministische Ansatz, der dann auch Mangoltes eigene Filme prägte, die immer wieder um Fragen des subjektiven Kamerablicks kreisen - etwa in 'The Camera: Je or La Camera: I', wo der Fokus auf das Machtverhältnis zwischen Regie und Darstellern rückt. Immer wieder traten dabei Protagonisten der New Yorker Szene auf, wurden deren Performances inszeniert oder reflektiert." Hier eine Tanzszene von 1978, Trisha Brown in Babette Mangoltes "Watermotor".

Johann Georg Pinsel, Samson im Kampf mit dem Löwen (Detail), wohl spätestens 1758 © Lviv National Art GalleryJohann Georg Pinsel, Samson im Kampf mit dem Löwen (Detail), wohl spätestens 1758 © Lviv National Art Gallery
Almuth Spiegler (Presse) ist hin und weg von den expressiven Holzfiguren eines Lemberger Barock-Bildhauers mit Namen Pinsel, dessen Werk (von dem die Sowjets einen guten Teil verheizt haben) gerade im Belvedere in Wien zu sehen: "Es geht nicht anders, man muss sich unter die rauen Fittiche dieses mächtigen Engels begeben, der hier im ersten Ausstellungsraum des Winterpalais plötzlich, ja, schwebt. Trotz seiner überlebensgroßen Monstrosität und hölzernen Masse, trotz seiner michelangeloesken Muskeln am nackten Oberkörper. Ganz einsam steht man hier, nur dieser über 250 Jahre alte Engel und man selbst, unter dem linken auskragenden Flügel in emotionaler Aufwallung erstarrt wie sein in fast kubistischen Zacken sich hinter ihm aufbauschendes Gewandtuch. Der Blick schweift zögerlich nach oben, nur wenige Zentimeter weit, in dieses so unendlich sanftmütige Gesicht mit dieser so unendlich großen Nase. Schön? Ist etwas anderes. Aber es ist die wildeste barocke Bildschnitzerei, die man in Wien bislang gesehen hat."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel schlägt Simone Reber einen letzten Besuch im wunderschönen Museum für Asiatische Kunst in Berlin-Dahlem vor, bevor es geschlossen wird. Und art gibt gleich eine ganze Reihe Ausstellungstipps für die Feiertage. Im TagesAnzeiger erklärt Hans Joachim Müller, warum die schönsten Madonnen oft die hässlichsten Jesus-Babys auf dem Arm tragen.

Besprochen werden eine Ausstellung mit Zeichnungen und Bildern des belgischen Comic-Zeichners Hergé im Grand Palais in Paris (Welt), eine Ausstellung zum Motiv der Kerze im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (art), eine Ausstellung des Fotografen Bernard Larsson mit Bildern aus dem geteilten Berlin in der Berliner Galerie Poll (Tagesspiegel) und eine Ausstellung im Kunstzeughaus Rapperswil über das Kunstschaffen in der Ostschweiz (NZZ).
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Film


Idealerweise nackt: Krautwestern-Dreamteam schießt an historischer Akkuratesse lässig vorbei. Foto: RTL / Nikola Predovic.

RTL
bringt Winnetou und Old Shatterhand über die Weihnachtsfeiertage in einer dreiteiligen Neuauflage in die Wohnstuben. Ursula Scheer hat sich den nostalgischen Spaß für die FAZ vorab angesehen und findet das Ergebnis recht passabel: "Die Neuinterpretation bietet alles auf, was ein lässig an ethnologischer und historischer Akkuratesse vorbeischießender Western braucht, um seine Story auszuschmücken: Schlägereien im Saloon, versoffene, abgrundtief hässliche und böse Bleichgesichter, edel dreinschauende oder zähnefletschend Verwünschungen ausstoßende Indianer in Fantasiekostümen. Winnetou selbst tritt bevorzugt ohne Oberbekleidung auf, also oberhalb des Gürtels in idealer Nacktheit."

Weiteres: Im SWR2-Forum diskutieren die Filmemacherinnen Corinna Beltz und Nicolette Krebitz mit der Filmkritikerin Heike-Melba Fendel unter Gesprächsleitung von Rüdiger Suchsland über das Kinojahr 2016, in dem in diesem Jahr vor allem die Frauen punkten konnten. Im IndieWire-Interview gibt Guillermo del Toro Auskunft über seine für Netflix produzierte Animationsserie "Trollhunters".

Besprochen werden Tom Fords "Nocturnal Animals" (Welt, SZ, unsere Kritik hier), der neue Animationsfilm "Vaiana" von Disney (Tagesspiegel) und Wolfgang Petersens nach Ansicht von Welt-Kritiker Hanns-Georg Rodek ziemlich missglückte Gangsterklamotte "Vier gegen die Bank", deren geballte Besetzung mit Til Schweiger, Matthias Schweighöfer, Jan Josef Liefers und Michael "Bully" Herbig ja schon nichts recht gutes verspricht.

Außerdem viel, sehr viel Videomaterial für die Feiertage und die Zeit zwischen den Jahren: Fandor hat zahlreiche Experten darum gebeten, ihre liebsten Videoessays 2016 vorzulegen. Mehrfach genannt wurde unter anderem Allison de Frens Videoessay "Fembot in a red dress":


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Literatur

Im Logbuch Suhrkamp schreibt Friedrich Ani eine kleine Splitternotiz über seinen neuen Roman "Nackter Mann, der brennt" im Bezug auf den Roman Noir. Der Nachlass von Imre Kertesz geht an die regierungsnahe ungarische Stiftung für die Erforschung der Geschichte und Gesellschaft Mittel- und Osteuropas, meldet der Standard.

Besprochen werden Klaus Nüchterns Buch über Heimito von Doderer (Standard), Bi Feiyus "Sehende Hände" (NZZ), Ernst Burrens Mundartroman "Dr Chlaueputzer trinkt nume Orangschina" (NZZ), Gomes' und Thermanns Roman "Berge, Quallen" (Zeit), ein Abend mit Max Goldt (FR), Paul Dinis und Eduado Rissos Comic "Dark Night" (Tagesspiegel),Tim Parks' "Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen" (SZ) und eine Ausstellung in Paris über die Geschichte von André Franquins beliebter Comicfigur Gaston (FAZ). Außerdem räumt Arno Widmann im Perlentaucher wieder Bücher vom Nachttisch, darunter Wu Cheng'ens Klassiker "Die Reise in den Westen".

Mehr aus dem literarischen Leben in unserem literarischen Metablog lit21.
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Bühne

In der NZZ schreibt Marion Löhndorf zum Sechzigsten des Royal Court Theatre in London, das jährlich zwölf Stücke produziert, für die man Autoren sucht: "Deren Entwicklung und Förderung dient weder akademischen noch altruistischen Zielen. Campbell und ein zehnköpfiges Team von freiberuflichen Lesern sichten die Stücke nach 'Zeichen von Leben'.  Die ersten drei Theaterstücke zu verfassen, sei einfach, erklärte der britische Dramatiker Richard Bean einmal. Doch danach versiege die eigene Vita als Quelle für Inhalte. Christopher Campbell bestätigt das. Ein einziges gutes Drama geschrieben zu haben und sich einzubilden, man wisse nun alles: So läuft es eben nicht."
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Stichwörter: Royal Court Theatre

Architektur


Ein neuer Glastempel für die Erforschung der Geschichte der Arbeiterbewegung (Bild: Filippo Romano / Fondazione Feltrinelli)

Henning Klüver besucht für die NZZ einen Anbau des Basler Architekturbüros Herzog & de Meuron für die Fondazione Feltrinelli in Mailand: "Das fast 200 Meter lange und 32 Meter hohe Gebäude mutet mit einem spitz zulaufenden Dach und angewinkelter Fassade gotisch an - und wird doch, da nach allen Seiten verglast, ganz zeitgemäss von Licht durchflutet. Eine 'laizistische Kathedrale' nennt Jacques Herzog das Glashaus, dessen erstes Drittel die Fondazione belegt, während im größeren hinteren Teil im Februar Microsoft Italien seinen Hauptsitz eröffnet."
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Musik



Passend zum kommenden verlängerten Wochenende lässt die taz Jan Paersch eine Compilation mit deutschsprachiger Kirchenrockmusik aus den Siebzigern besprechen. Die hat es aber ziemlich in sich, was deren Kurator, dem unermüdlichen Pop- und Musikärchaologen Günter Stöppel aka DJ Scientist (hier und hier seine diversen Mixe und Shows) zu verdanken ist: "Von den unheilvollen Fuzz-Gitarren von Peter Janssens' 'Die Rocker' bis zum Bizarro-Funk-Pop des Overbacher Jugendchors - total abgespacet klingt diese Sacro-Pop-Zusammenstellung. Man gibt es nur ungern zu: Viele der Songs sind sensationell tanzbar, aber auch befremdlich ... Vom Groove her könnte [Heike Tittmanns 'Wie ein Baum'] glatt als Nummer der Mitsiebziger-Disco-Dandies Bee Gees durchgehen. Wenn Tittmann über einen slicken Disco-Grooves lasziv 'Ich will Früchte bringen, ganz nach deinem Plan / Herr, ich bin bereit, fang an' säuselt, kriegen zölibatäre Katholiken unter ihren Rollkragenpullis Schweißausbrüche. Und Jesus wippt mit der Dornenkrone." Hier kann man die Compilation anhören.

Weiteres: In der Spex porträtiert Philipp Rhensius den südafrikanischen Rapper Smiso Zwane. Udo Badelt schreibt im Tagesspiegel über den Jazzpianisten Ferenc Snétberger. Madonna und Björk (etwa hier) äußerten sich in letzter Zeit vermehrt feministisch, meldet Nadine Lange im Tagesspiegel.

Besprochen werden eine 200 CDs umfassende Ausgabe des Gesamtwerks Wolfgang Amadeus Mozarts (Standard), ein Wagner-Abend mit den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle (Tagesspiegel), das mit fiesen Texten durchsetzte Easy-Listening-Album "Spanky und seine Freunde" von Jacques Palminger und dem 440 Hz Trio (Zeit, hier im Stream), das neue Album des Britpoppers Pete Doherty (taz), das Dreamsludge-Album "The Stone is not Hit By the Sun, nor Carved with a Knife" der Band Nadja (taz) und Martin Gecks "Kürzeste Geschichte der Musik" (FR).
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