Efeu - Die Kulturrundschau

Vorbereitung feurigerer Stimmungen

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.09.2016. Im Berliner Ensemble lädt Claus Peymann mit Achim Freyer zum "Abschiedsball": Die FAZ erkennt auf selbt gewollte Agonie. Die FR findet den Abend irgendwie "angeschafft". Mit Roger Vontobels "Gilgamesh"-Inszenierung genießt die SZ im Düsseldorfer Zirkuszelt dagegen echtes Jungs-Theater. Warum müssen italienische Autoren immer irgenwo dazugehören?, fragt Tim Parks im Blog der NYRB. Die Welt geht noch einmal vor John Coltrane auf die Knie.

Bühne


Lauter Untote im Kulturgut-Sack: Achim Freyers "Abschiedsball". Foto: Hans Jörg Michel.

Am Berliner Ensemble hat Achim Freyer Peymanns Abschiedssaison mit "Abschiedsball - Ein Lamento in Bildern" eingeläutet. Die Kritiker sitzen jedoch weitgehend ratlos im Saal angesichts dieses Konvoluts lose nebeneinander stehender Zitate und einem prächtigen Kostümereigen. Dieser Abend ist so "so gestelzt, so manieriert, so angeschafft", klagt Dirk Pilz in der FR, der sich immerhin ein paar während der Aufführung gerissene Flachwitze notieren konnte und sich ansonsten in den Spott flüchtet "vor diesem Pseudo-Theater", das einen ganzen Reigen an Untoten, Zombies, Gespenster auftreten lässt? "Es bedeutet nichts, das ist es ja." Diesem Abend ist alles "egal, egal", seufzt auch Peter von Becker im Tagesspiegel.

Aber es gibt auch Gegenpositionen: "Die Inszenierung überschlägt sich bewusst vor Impulsen und Materialien, ist chaotisch in Bewegung und gezielt überladen", mahnt Irene Bazinger in der FAZ ihre Kollegen und sieht hier unsere selbst gewollte Agonie zum Ausdruck gebracht: "So ist der Schluss ein einziger allegorischer Zerfall, folgt einer mit Feuerprojektionen und schrillen, misstönenden Begleitgeräuschen ausbrechenden Apokalypse, deren Windböen bis in den Saal hinein fauchen. Alle Farben und fast alle Helligkeit sind danach verschwunden, die Figuren kauern erstarrt und still auf der leeren Brache."


Echtes Jungs-, großes Zampano-, munteres Körpertheater: Roger Vontobels "Gilgamesh" im Zirkus. Foto: Thomas Rabsch

Da das Düsseldorf Schauspielhaus erst in zwei Jahren wieder bezugsfertig ist, hat die aktuelle Saison mit Roger Vontobels "Gilgamesh"-Inszenierung im Zirkuszelt begonnen, berichtet Egbert Tholl in der SZ. Dabei ging es durchaus deftig zu, erfahren wir: Der Regisseur macht aus der Vorlage in der Version von Raoul Schrott "echtes Jungs-Theater. Im Mythos gibt es Frauen nur als Hure oder Mutter; erstere verschwindet in Gestalt der blass-glatten Minna Wündrich bald im Chor, Michaela Steiger jedoch hat als Mutter erhabene Momente großer Ruhe, wenn die Aufführung ihr diese Ruhe auch gönnt. Die Jungs jedoch veranstalten erst einmal großes Zampano-Theater, graben in der Mitte des Zirkus im Lehm, schmieren sich voll, raufen, tanzen, sind allesamt, nicht nur die ausgewiesenen Tänzer, von großer physischer Elastizität und machen eine Zeit lang munteres Körpertheater." Für die Nachtkritik berichtet Andreas Wilink.

Einen Coup nennt Elisabeth Richter in der NZZ die Uraufführung von Saverio Mercadantes nie zuvor gespielter Oper "Francesca da Rimini" aus dem Jahr 1831 beim Festival della Valle d'Itria im apulischen Martina Franca durch Zürichs Generalmusikdirektor Fabio Luisi: "Stilistisch kann man 'Francesca da Rimini' zwischen der italienischen Belcanto-Oper à la Rossini, Donizetti oder Bellini und dem späteren Melodramma Verdis positionieren. Manche Harmoniewendungen sind ungewöhnlich für die Zeit; phantasiereich ist die Instrumentation mit einem recht opulenten Orchester. Vieles weise hier auf Verdi voraus, meint Luisi: 'Man spürt eine Vorbereitung feurigerer Stimmungen, weg von der idealisierten Romantik eines Bellini oder Donizetti.'"

Weiteres: Schade, dass Stephan Kimmig mit seiner Zürcher "Dogville"-Inszenierung nur bellen, aber nicht auch zubeißen wollte, meint ein im übrigen höchst eingenommener Daniele Muscionico in der NZZ. Als sehr musikalisches Theater lässt sich Peter Falk in der Nachtkritik Sebastian Nüblings Verbindung von Elfriede Jelinek und Simon Stephen zu "Wut/Rage" am Hamburger Thalia gefallen: "Da wird gekotzt und gepinkelt, da treibt ein dumpfer Beat die Figuren in den Untergang." Gemeldet wird unter anderem in der FR der Tod des amerikanischen Dramatikers Edward Albee, der drei Pulitzer-Preise bekam, aber ausgerechnet keinen für sein Stück "Wer hat Angst vor Virginia Wolf?".

Besprochen wird auch die Uraufführung von Thomas Arzts Stück "Die Neigung des Peter Rosegger" im Grazer Schauspielhaus (Standard, Presse).
Archiv: Bühne

Literatur

Im Blog der NYRB wundert sich Tim Parks über den Hang der Italiener zur Fraktionsbildung. Auch Schriftsteller müssen immer irgendwie dazugehören: "Lyrik in lokalen Dialekten steht in Italien noch immer hoch im Kurs, auch Romane, die wie jene des sizilianischen Krimi-Autors Andrea Camilleri, vor lokalen Eigenheiten strotzen. Auf die eine oder andere Weise enthält Prosa in Italien immer eine Geste der Verbundenheit und Zugehörigheit, zr Elite, Jugendkultur, Ideologie oder Klasse. Das einzige absolut neutrale und hyperkorrekte Italienisch kann man nur in den unzähligen Übersetzungen finden, vor allem in amerikanischen Romanen, die 50 Prozent der in Italien gelesenen Belletristik ausmachen. Man stört sich nicht so leicht an dem, was von Außen in die Konflikte gebracht werden, die das italienische Leben elektirisieren. Die Leser können sich viel eher auf einen Jonathan Franzen oder eine Toni Morrison einigen als auf Umberto Eco oder Roberto Saviano."

Auf ZeitOnline fühlt sich Matthias Lohre von Donald Trumps Aufstieg an Sinclair Lewis' vor 80 Jahren erschienene Roman "It Can't Happen Here" erinnert, der von einem Populisten als Präsident der USA handelt. Uwe Ebbinghaus begibt sich für die FAZ auf Spurensuche in den Schwarzwald, wo Vladimir Nabokov im August 1925 eine ausgedehnte Wanderung unternahm. In der SZ berichtet Lothar Müller von seinem Treffen mit der Kinderbuchautorin Judith Kerr. Jürgen Kaube gratuliert in der FAZ dem Literaturhistoriker Hermann Bausinger zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden Philipp Winklers "Hool" (taz), Peter Sloterdijks "Schelling-Projekt" (FR), Steven Uhlys "Marie" (taz), Anna Weidenholzers "Weshalb die Herren Seesterne tragen" (taz), Arnold Stadlers "Rauschzeit" (SZ) und Henning Mankells letzter Roman "Die schwedischen Gummistiefel" (FAZ). Mehr aus dem literarischen Leben auf unserem Metablog Lit21.
Archiv: Literatur

Film

Für die taz plaudert Andreas Hartmann mit Graf Haufen, den Betreiber der legendären Berliner Programmvideothek Videodrom. In der Jungle World denkt Roger Behrens über 50 Jahre Star Trek nach.

Besprochen werden Serpil Tuhans Porträtfilm über den Filmemacher Rudolf Thome (Tagesspiegel, unsere Besprechung hier), Fatih Akins "Tschick" (FR, Freitag, unsere Kritik hier), die HBO-Serie "High Maintenance" (ZeitOnline), die Romanze "My First Lady" über Barack und Michelle Obama (SZ) und Karoline Herfurths romantische Komödie "SMS Für Dich" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Film

Musik

In der Literarischen Welt huldigt der Schriftsteller Martin Kluger dem großen John Coltrane, der vor neunzige Jahren geboren wurde und am 2. November 1963 ein legendäres Konzert im Audimax der FU in Berlin gab: "Nur ein paar Meter von mir entfernt, die Augen beim Spielen weit geöffnet und über unsere Köpfe hinweg durch die Mauern des Audimax starrend, war ein massiger, sanfter Riese, seine Haltung, seine Ausstrahlung ganz und gar stoisch und friedvoll. Nicht so seine Musik."

In der SZ schreibt Joachim Hentschel über Jack White, der dieser Tage das (auf Pitchfork besprochene) Doppelalbum "Acoustic Recordings 1998 - 2016" veröffentlicht. Für die SZ porträtiert Andrian Kreye Yo-Yo Ma, dessen Silk Road Ensemble Gegenstand eines neuen, im Tagesspiegel besprochenen Kino-Dokumentarfilms ist.

Besprochen werden Mykki Blancos Album "Mykki" (taz), ein Konzert der Berliner Philharmoniker mit John Adams (taz, FAZ), eine neue Kino-Dokumentation über die Beatles (ZeitOnline) und Trentemøllers "Fixion" (Spex),
Archiv: Musik

Kunst

In den sanitären Anlagen des New Yorker Guggenheim Museums kann man sich jetzt an einer von Maurizio Cattelan errichteten Toilettenschüssel aus 18-karätigem Gold erfreuen, meldet Catrin Lorch in der SZ. Laut Guardian hat das Guggenheim das Werk mit Donald Trump in Verbindung gebracht: "'Die Ästhetik dieses Throns erinnert an nichts so sehr wie an die Gold-Exzesse von Trumps Immobilien-Geschäften und privaten Wohnhäusern', heißt es in einer Pressemitteilung."

Besprochen werden Gordon Parks' Fotoausstellung "I am You. Selected Works 1942-1978" im C/O-Berlin (taz), Fiona Tans "Geografie der Zeit" im MMK Frankfurt (FR) und die Ausstellung "Dada Afrika!" in der Berlinischen Galerie (SZ).
Archiv: Kunst