Bücher der Saison

Frühjahrsbücher 2014: Reportagen, Essays, Erinnerungen, Lyrik

18.04.2014.
Romane / Reportagen, Essays, Erinnerungen, Lyrik / Sach- und politische Bücher


Reportagen, Essays, Erinnerungen, Lyrik

Reportagen

Man sollte denken, dass ein Band wie dieser in diesen Tagen ein stärkeres Interesse der Kritik hervorruft. Wir wissen längst nicht genug über Osteuropa, und je östlicher desto weniger. Da müsste "Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan" (bestellen) doch wie gerufen kommen. Stephan Wackwitz leitet das Goethe-Institut in Tiflis, war zuvor in Bratislava und kennnt sich bestens aus. Für dieses Buch reist er durch durch Georgien, Armenien und Aserbeidschan - immer entlang der Grenze zwischen Europa und Asien. Er offenbart dabei einen romantischen Blick auf diese Grenzregionen, der ihm selbst manchmal unheimlich wird, den Eva Behrendt in der taz aber höchst inspirierend findet - zumal Wackwitz politisch überhaupt nicht romantisch sei, sondern ganz klar für Demokratie und Aufklärung. Marko Martin fühlt sich durch Wackwitz im Dradio an einen in Deutschland seltenen Typus erinnert, "den feinnervigen Intellektuellen, der neugierig diverse Kulturen bereist, sich in großen Städten zu Hause fühlt, jedoch bei all dem institutionell abgesichert ist" - vergleichbar mit Ocatvio Paz oder Saint-John Perse. Dazu passt Oliver Rolins Reisebericht "Letzte Tage in Baku" (bestellen), dessen kluge und geistreiche Bemerkungen bei Antonio Malher in der SZ gut ankamen.

"Miss Jemimas Journal" (bestellen) über Jemima Morrells Reise durch die Alpen lag über hundert Jahre unentdeckt in einer Truhe, wurde dann wieder entdeckt und veröffentlicht und liegt nun auf Deutsch vor - sehr zur Freude von Stefan Fischer in der SZ. Es ist das Protokoll einer der ersten organisierten Reise in der Geschichte. Fischer gibt wieder, wie eine Gruppe viktorianischer Frauen zum Teil zu Fuß von Genf bis Luzern wanderte und fuhr, wacker, britisch und humorvoll. Es ist zugleich ein frühes Dokument des Tourismus. Die Wochenschau British Pathé brachte 1963 zum hundertsten Jahrestag der Reise einen Beitrag über "Jemima"s Journey Through Switzerland".


Essays, Feuilletons

Ein veritables kleines Juwel britischer Essayistik hat Joachim Kalka zutage gefördert. FAZ-Rezensent Hannes Hintermeier findet Charles Lambs unter dem Titel "Eine Abhandlung über Schweinebraten" (bestellen) erschiene Alltagsbeobachtungen so amüsant, witzig und reich an Einsichten in einer versunkene Zeit, dass er klagt: Mehr wäre mehr gewesen. Ihm ist Norbert Millers Nachwort über Lamb und Coleridge ein wenig üppig geraten. Aber vielleicht gibt es ja Ideen für einen zweiten Band? Auch Johan Schloemann ist in der SZ ganz hingerissen. Hier ein längerer Beitrag der Poetry Foundation über Lambs Lyrik. Sehr gut besprochen wurde auch Valeria Luisellis Essayband "Falsche Papiere" (bestellen). Dem Kunstmann Verlag gebührt das Verdienst, die junge mexikanische Autorin in Deutschland bekannt gemacht zu haben. Letztes Jahr erschien hier ihr Roman "Die Schwerelosen" (bestellen), der - ganz ohne Buchmessejahr oder ähnliche Vehikel - eine sehr positive Resonanz fand.


Briefe/Tagebücher, Erinnerungen

Marie Jalowicz Simon wurde nach dem Krieg Professorin für Antike Literatur- und Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. Thomas Medicus beschreibt Simon in der FAZ als nüchtern, mutig, wach und schlagfertig. Während des Zweiten Weltkriegs lebte sie versteckt im Untergrund - eine abenteuerliche Geschichte vor finsterem Hintergrund. Ihrem Sohn hat sie die Geschichte auf 77 Tonbändern erzählt, er machte das Buch "Untergetaucht" (bestellen) daraus. Und hoffen wir, dass irgendein Radiosender auf die Idee kommt, etwas aus den Tonbändern zu machen! Alle Rezensenten waren bisher beeindruckt. Götz Aly persönlich hat das Buch in der Zeit besprochen. Er gibt etliche Stationen von Simons abenteuerlichem Kampf ums Überleben wieder und findet es dabei besonders bemerkenswert, dass die Autorin hier keine Schwarzweiß-Malerei betreibt, sondern die Menschen, die ihr begegnen, mit all ihren "dunkleren und helleren" Facetten beschreibt. Barbara Knopf unterhält sich auf br 2 mit dem Sohn - bringt aber leider keinen Ausschnitt aus den Tonbändern.

Als eines der großen Bücher über das sowjetische Lagersystem neben Solschenizyn, Gustaw Herling und Schalamow feiern Kritiker Julius Margolins großen Band "Reise in das Land der Lager" (bestellen) über seine Deportation 1941 in ein Lager am Weißen Meer. Den sowjetischen Totalitarismus hat NZZ-Rezensent Andreas Breitenstein so, aus der Innenperspektive, noch nicht kennengelernt. Der Autor enthüllt dem Rezensenten nicht nur den ganzen Aberwitz des Schicksals eines polnischen Juden im Gulag, sondern auch dessen unsägliche Qualen, die Mechanismen des Terrors und die detaillierten Umstände des Lagerlebens. Dass der Autor sich in fünf Jahren Lagerhaft und Flucht eine Reflexions- und Ausdrucksmöglichkeit von solcher Wucht bewahren konnte, wie hier nachzulesen, grenzt für Breitenstein an ein Wunder. Für die FAZ hat Ingo Petz das Buch ebenso beeindruckt besprochen, Thomas Andre ebenso bei Spiegel Online (hier).

Zwei Lyriker haben "Juninovember" (bestellen), diese Fortsetzung der Notate Sarah Kirschs gelesen, Nico Bleutge für die SZ, Harald Hartung für die FAZ. Kirsch denkt da offenbar durchaus angstfrei ins Unreine. Bleutge findet die direkte tagespolitischen Notizen tendenziell stammtischhaft, bleibt aber bei der Sache, weil die Autorin halt immer wieder mit Sprache spielt. Besonders sind es aber die Beschreibungen der schleswig-holsteinischen Landschaft, in der die Lyrikerin bis zu ihrem Tod im letzten Jahr lebte und die jede Eintragung grundiert, die Bleutge in den Bann ziehen. Auch Hartung beobachtet das Kalauernde an den Notizen und findet eine wunderbar verzeihende Formulierung für diesen Hang: Kalauer seien die "Resignationsform des Alters". Sehr gut besprochen wurde eine Sammlung von Auszügen aus Max Frischs "Berliner Journal" (bestellen), das Sabine Vogel in der FR als "Zeitzeugenschaft vom Feinsten" lobte und damit allen anderen Kritikern gewissermaßen aus der Seele sprach.


Lyrik

Dass Gotteslästerung nicht nur etwas für Frömmler ist, erfährt Gustav Seibt in diesem Gedichtband (bestellen) von Yahya Hassan. Die Texte lassen Seibt nicht kalt. Das liegt für den Rezensenten daran, dass der junge dänische Lyriker aus palästinensischer Familie einerseits so offen wie nie über Ausgrenzung, Gewalt und die Welt eines gewaltsamen religiösen Patriarchats schreibt, seinen Wutschrei, der den Rezensenten an Ginsbergs "Howl" erinnert, andererseits jedoch imponierend lange durchhält, so Seibt, und rhythmisch überformt. Volker Weidermann (FAS) erlebte auf der Buchmesse in Leipzig einen keineswegs versöhnlich gestimmten Hassan. In der FAZ zeigt sich Heinrich Detering beeindruckt, wenn er auch wünschte, der deutsche Verlag hätte den Satzspiegel des Originals nicht völlig zerstört. Der Perlentaucher hatte bereits vor der Buchmesse einige Gedichte vorgeblättert.

Hier trägt er eines seiner Gedicht mit Musik vor:



Pünktlich zum 85. Geburtstag des Dichters erscheint Günter Kunerts neuer Gedichtband "Fortgesetztes Vermächtnis" (bestellen). Wulf Segebrecht begegnet darin zwar nicht mehr dem alten Warner und Bekenner Kunert, dafür aber einem, der die Heillosigkeit der Welt für eine ausgemachte Sache hält und davon kritisch berichtet. Ohne Selbstmitleid und Zorn, wie Segebrecht bewundernd schreibt. Der Rezensent liest Autobiografisches und Historisches in schöner Ausgewogenheit, chronologisch geordnet von 2005 bis 2013, wie gewohnt vertrackt, übermütig und vieldeutig variiert getönt, meisterlich zugespitzt und laut Segebrecht von stupendem Einfalls- und Kombinationsreichtum zeugend. Und dabei aphoristisch: "Der Chronist krankt an der Zeit / und zwar chronisch". FAZ-Rezensent Michael Krüger ist restlos begeistert: In Liedern, Sonetten und Sestinen erzähle Clemens J. Setz in seinem Gedichtband "Die Vogelstraußtrompete" (bestellen) etwa vom Schicksal des Roy C. Sullivan, der siebenmal vom Blitz getroffen wurde und überlebte, sich aber das Leben nahm, als seine Frau ihn verließ. Verzaubert vom "protokollarischen Ton und dem Buster-Keaton-haften Ernst" liest der Rezensent auch die Anekdote, wie Michelangelo im Innenhof des Medici-Palastes einen Schneemann baute. Ein unbedingt zu empfehlender Band, urteilt der Kritiker. Auch Insa Wilke schwärmt in der SZ, allerdings mit eine paradoxen Wendung: Keine guten Gedichte - aber gute Literatur!

Weitere Gedichtempfehlungen finden Sie in unserer Kolumne Tagtigall und beim Lyrischen Quartett.


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