Bücher der Saison
Sachbücher
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Arlie Russel Hochschild fragt, warum Menschen Trump wählen und findet Antworten im zweitärmsten Kongressbezirk der USA. Hito Steyerl denkt über KI nach. Amat Levin erzählt die Geschichte Schwarzafrikas. Und Ulrich Raulff nimmt uns mit auf eine Geschmacksreise durch die Jahrhunderte.Gesellschaft
Fassungslos steht ein großer Teil der Welt immer noch den Entwicklungen in den USA gegenüber: Ein wenig gebildeter Populist mit Solarium-Bräune und schlechter Frisur nimmt die doch von so vielen für unzerstörbar gehaltene Demokratie innerhalb von Monaten auseinander. Wie konnte es dazu kommen? Die Soziologin Arlie Russell Hochschild hat sich gegen abstrakte Analysen entschieden und statt dessen für ihr "Geraubter Stolz" (bestellen) Kohlebergbau-Arbeiter in den Apalachen, genauer gesagt in Pikeville, Kentucky, besucht. Die Menschen dort haben durch den Niedergang der Kohleindustrie viel verloren, Donald Trumps Politik bringt ihnen zwar konkret überhaupt nichts, trotzdem sind sie empfänglich für seine Propaganda, versteht taz-Kritikerin Renate Kraft, weil er sich als Opfer der Eliten inszeniert. Christoph Drösser ist überzeugt vom empathischen Ansatz Hochschilds, die präzise den komplexen Mix aus Scham und Stolz analysiert, mit dem die Menschen dort, im zweitärmsten Kongressbezirk der USA, der Krise begegnen.
Mit Klassenunterschieden setzt sich auch der Philosoph Hanno Sauer in seinem Buch auseinander, das schlicht "Klasse" (bestellen) heißt: In der modernen Gesellschaft kommt zu den üblichen Statussymbolen immaterielles Kapital hinzu, lernt ein interessierter Ijoma Mangold in der Zeit, zum Beispiel bei Medienmenschen, die ihren geringen Verdienst durch kulturelle Distinktionswut kompensieren - Mangold findet das ziemlich brillant. Gut lesbar ist das alles und auch nicht ideologisch engstirnig, versichert in der NZZ Guido Kalberer, und auch FAZ-Rezensent Nicolas Kurzawa scheint das Buch mit Gewinn gelesen zu haben.

Am 17. Februar 2026 erscheinen im Piper Verlag die Erinnerungen Gisèle Pélicots. Die Französin, die unzählige Male vergewaltigt wurde, setzte einen Markstein für Frauen, als sie das widerstrebende Gericht zwang, im Gerichtssaal Videos von ihren Vergewaltigungen anzusehen, die ihre Ehemann aufgenommen hatte: "Die Scham muss die Seiten wechseln", erklärte sie. Zwei Bücher sind vorab schon erschienen: Auch wenn die Kritiker nicht mit allem einverstanden waren, was die an der FU Berlin lehrende Philosophin Manon García über den Prozess gegen den Ehemann Pélicots schrieb, so empfahlen sie ihr Buch "Mit Männern leben" (bestellen) trotzdem eindringlich zur Lektüre. Katharina Teutsch (FAZ) blickt in den Abgrund einer "normalisierten Frauenverachtung", zu deren Kritik und Überwindung die Autorin mit den richtigen Fragen auffordert, wie sie schreibt. Viel Aufmerksamkeit bekam auch die Anklage von Gisèle Pélicots Tochter Caroline Darian an ihren Vater. "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (bestellen) ist für Marlen Hobrack in der Welt eine zum Teil "unfassbare" Lektüre, denn Darian zeigt den kaum zu begreifenden Gegensatz auf, zwischen den Erinnerungen an einen liebenden Vater und das Wissen um die monströsen Verbrechen, die er begangen hat.
Geschichte
Der Kolonialismus hat den afrikanischen Kontinent in vieler Hinsicht beraubt, auch seiner Historie. Zwar würde in der heutigen Geschichtswissenschaft niemand mehr vom "Kontinent ohne Geschichte" sprechen, gerade die vorkoloniale Geschichte Afrikas ist aber immer noch für viele ein blinder Fleck. Deshalb hat der schwedisch-gambische Journalist und Schriftsteller Amat Levin ein Buch über die Geschichte Schwarzafrikas für ein breites, historisch interessiertes Publikum geschrieben: "Black History. Die vergessene Geschichte Afrikas" (bestellen) nimmt ganze viertausend Jahre Geschichte in den Blick - da staunen die Kritiker nicht schlecht: Die taz findet hier alles interessant, besonders spannend sind ambivalente historische Figuren, wie Burkina Fasos Präsident Thomas Sankara, der während seiner Amtszeit progressive Neuerungen wie ein Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung einführte, gleichzeitig aber autokratisch regierte und politische Gegner aus dem Weg räumte. Martin Hubert betont im Dlf die Differenziertheit des Werks: Neben den europäischen Kolonialverbrechen behandelt Levin beispielsweise auch den innerafrikanischen Sklavenhandel. Auch der Afrikawissenschaftler Andreas Eckert fand in der FAZ die Komplexität der Geschichte Afrikas gut eingefangen.
Durch die postkoloniale Brille blickt auch die Historikerin Josephine Quinn in ihrem Buch "Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt" (bestellen). Den Mythos "Westen" will Quinn von seiner (angeblichen) Wurzel her entlarven: dem antiken Griechenland und Rom. Denn hier liegt nach allgemeinem Verständnis immer noch die "Wiege der westlichen Zivilisation" - ein großer Irrtum, meint Quinn. Insgesamt stark findet Martin Huber im Dlf, wie Quinn zeigt, dass die vermeintlichen Ursprungsgesellschaften des Westens in Griechenland und Rom durch Handelsbeziehungen stets eingebunden waren in ein breites Netzwerk, das insbesondere in den Nahen Osten und nach Afrika führte. Man fragt sich allerdings, wer das jemals bezweifelt hätte. Dennoch: ein kompetenter "Überblick über die Geschichte der antiken Mittelmeerkulturen", findet auch NZZ-Kritiker Clemens Klünemann.

Weg von der globalen Perspektive und hin zum deutschsprachigen Raum führen uns diese zwei Bücher auf ihre ganz eigene Weise: Dass die Germanen ganz anders waren, als wir es uns heute zum Teil noch vorstellen, kann man in Karl Banghards "Die wahre Geschichte der Germanen" (bestellen) nachlesen: völkischen Vereinnahmungen kommt Banghard mit archäologischen Funden bei, die beweisen, dass die Germanen mitnichten einer Ethnie angehörten, wie Ronald Düker von der Zeit mit großem Interesse liest. Köstlich amüsiert haben sich die Feuilletons außerdem mit György Dalos' "Neutralität und Kaiserschmarrn" (bestellen), einem Panorama der österreichischen Geschichte, das man nicht zu ernst nehmen sollte, wie Alexander Haneke in der FAZ verrät: statt fadem Geschichtsunterricht gibt es hier saftige Anekdoten aus der Nachkriegsgeschichte. Und auch Wolfgang Schneider kichert beim Dlf über Dalos feinen Humor und seinen Sinn für Sarkasmus.


Eines der interessantesten Bücher der Saison kommt von der Ethnologin Heike Behrend, die "Gespräche mit einem Toten" (bestellen) führt - und zwar mit dem selbst ernannten "Propheten" und Lebensreformer Gustav Nagel, der erst im KZ Dachau und später im Stasi-Gefängnis landete. Nagel ist eine schillernde, verrückte und problematische Figur, eine, wie sie nur das 20. Jahrhundert hervorbringen konnte, meint ein bewegter Ronald Düker in der Zeit: Der Naturfan finanzierte sich durch eine Selbstinszenierung als neuer Jesus, war Antisemit aber auch gegen die Nazis, gründete eine Tempel- und Kuranlage in Arendsee, reiste barfuß nach Palästina und passte in kein politisches System, vom Wilhelminismus bis in die DDR, wirklich hinein, wie im Dlf Nico Bleutge feststellt, der die sehr lebendige Erzählweise der Ethnologin Behrend lobt. Hingewiesen sei auch auf Karl Schlögels neues Buch "Auf der Sandbank der Zeit" (bestellen), für das der Osteuropahistoriker und frisch gebackene Friedenspreisträger nach dem "Schock" von 2014 und 2022 "noch einmal in die Schule" ging: nach Kyjiw, Charkiw, Donezk, Mariupol, Odessa. Die Texte, zwischen 2003 und 2025 entstanden sind, zeigen, wie Schlögel den Krieg im Osten Europas zu begreifen sucht. Schon in unserem September-Bücherbrief haben wir Götz Alys Opus magnum "Wie konnte das geschehen?" (bestellen) empfohlen, in unserem Podcast war Aly außerdem zum Gespräch eingeladen, und hier Leseproben bei Vorgeblättert.
Kunst
Hito Steyerl ist nicht nur eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart, sie ist auch eine wirkmächtige Intellektuelle, die immer wieder kritisch einen Kunstbetrieb hinterfragt, der oft lieber mit den Reichen und Mächtigen paktiert. In ihrem Essayband "Medium Hot" (bestellen) setzt sie sich mit den neuen Technologien zur Bildproduktion und -verbreitung auseinander, vor allem mit KI. Für sie nichts neues, erzählt Terry Nguyen in der Art Review: "'Medium Hot' beschreibt Steyerls Experimente mit der Bildgestaltung von 2017 bis 2024, als ihre zunehmende Vertrautheit mit KI sie dazu veranlasste, sich auf deren schädliche Folgen zu konzentrieren, da die Technologie begann, in alle Bereiche der Medienlandschaft einzudringen." Es geht in ihren Essays also darum, wie die Branche rund um KI nicht nur die Umwelt, sondern auch menschliche "Mikroarbeiter" massiv ausbeutet. Larissa Pham hätte sich das in Art in America noch kämpferischer gewünscht. FAZ-Kritiker Niklas Maak ist dagegen froh, dass ihre Analysen ohne aktivistische Posen auskommen, sie aber auch "nicht in einer kulturkritischen Depression versinkt": Schließlich ist Steyerl zuerst Künstlerin. Gegenentwürfe zu einer von Tech-Konzernen beherrschten Welt sollte man in ihrer Kunst suchen, nicht in ihren Texten, findet Maak.

"Queerness" und "Nazis" - zwei Begriffe, die nun wirklich nicht zueinander zu passen scheinen. Um so interessanter ist Nina Schedlmayers Buch "Hitlers queere Künstlerin" (bestellen) über die widersprüchliche Existenz der lesbischen Malerin Stephanie Hollenstein, die in Männerkleidung in den Ersten Weltkrieg zog, Männer wie Frauen liebte und zugleich Antisemitin und glühende Hitler-Verehrerin war - wobei Hollenstein das überhaupt nicht als Widerspruch empfunden hätte. Und auch die Nazis hatten kein Problem mit ihr, sie wurde sogar Vorsitzende der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreich (VBKÖ), lernt Arno Orzessek, der im Dlf Kultur geradezu hypnotisiert scheint von dieser schillernden historischen Figur, die ihm zeigt, dass progressive Labels noch lange keinen Heiligenschein machen. Ebenfalls lesenswert, wenn auch nicht ganz so spektakulär ist Mona Horncastles Peggy-Guggenheim-Biografie (bestellen), ein sensibles Porträt der Kunstmäzenin, das nicht nur ihr schillerndes Leben in Paris, sondern auch die Vorgeschichte ihrer Familie und den Antisemitismus zu ihrer Zeit in den Blick nimmt, lobt in der FAZ Rose-Maria Gropp.
Musik
Bis zu den Ursprüngen der Menschheit geht der Archäologe, Prähistoriker und Künstler Graeme Lawson in seiner Musikgeschichte "Soundtracks" (bestellen) zurück. Ein euphorischer FAZ-Rezensent Jan Brachmann lernt hier nicht nur, dass ein Menschenvorfahre namens Australopithecus bereits mehr als drei Millionen Jahre vor unserer Zeit Musik machte, sondern auch über die erstaunlich frühen Ursprünge des europäischen chromatischen Tonartensystems. Von der Geierknochenflöte bis zu bronzenen Hörnern - taz-Kritikerin Katharina Granzin liest sich mit Vergnügen durch diese musikalischen Collagen, geschrieben in einem spielerisch-forschenden Ton und mit Faszination für die handwerkliche Raffinesse früherer Epochen - verbunden mit der Einsicht, dass "primitive" Musik womöglich nie existiert hat.

Mit einem sehr aktuellen Phänomen setzen sich hingegen Lukas Geck und Maria Kanitz in ihrem Buch "Lauter Hass" auseinander, nämlich dem Antisemitismus in der Welt der Popmusik. Und ja, den gibt es ganz offensichtlich, wird taz-Kritikerin Rosa Budde an zahlreichen Beispielen vor Augen geführt: Da sind die Konzerte von Roger Waters, der einen Ballon in Form eines Schweins, bemalt mit einem Davidstern, über dem Publikum schweben ließ und das dann 'Israelkritik' nannte, der Rapper Kollegah, der geschmacklose Auschwitz-Vergleiche macht, Verschwörungstheorien, wie sie von Schwurbler Xavier Naidoo verbreitet werden undundund - eine Taschenlampe im Diskurschaos, ist der Band für FR-Kritiker Klaus Walter, der außerdem überlegt, ob die Rückgriffe auf antisemitische Codes vielleicht auch mit einem Sinndefizit im Pop zu tun haben. Außerdem eine Lektüre wert, nicht nur für eingefleischte Fans, versichern die Kritiker in NZZ und Welt: Ozzy Osbournes Erinnerungen "Last Rites" (bestellen), die er kurz vor seinem Tod vollendete.
Kulturgeschichte
Auf eine Geschmacksreise durch die Jahrhunderte nimmt uns Ulrich Raulff in seinem Buch "Wie es euch gefällt" (bestellen) mit, das die Kritik nun wirklich durchweg begeistert hat. Was ist das eigentlich, der "Geschmack"? Und liegt er nun im Auge des Betrachters oder nicht? "Hoch gelehrt, bisweilen preziös" flaniert der Autor durch die Jahrhunderte: Los geht es mit dem Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann, der im 18. Jahrhundert die antiken Statuen Roms beschrieben und einen wahren Boom des Klassizismus ausgelöst hat. Neben historischen Vignetten über das "Weinbeben" von 1976 stehen Porträts über den Stilpapst Winckelmann und die Stilikone Holly Goligthly, freut sich in der FAZ auch Daniel Damler. SZ-Kritiker Bernhard Heckler kommt außerdem bei Roland Barthes Geschmacks-Begriff des "Zartgefühls" vorbei und fühlt sich nach der Lektüre nicht nur "diffus erleuchtet", sondern sogar schöner als vorher. Auch Alexander Cammann schwingt in der Zeit mit Freude dieses "Schwert des guten Geschmacks", mit dem er sich gegen die allgegenwärtige Hässlichkeit verteidigen kann.
Literatur- und Sprachwissenschaft
Fragt man einen Franzosen, wie die deutsche Sprache klingt, dann bekommt man oft entweder ein harsches Gebrüll zu hören, dass an die Darstellung von Nazis in französischen Filmen erinnert oder ein abgehacktes Kauderwelsch mit zu vielen Konsonanten - kurz, die deutsche Sprache gilt als unschön. Wolfgang Krischke ist in der FAZ erleichtert, dass Roland Kaehlbrandt in seinem Buch "Von der Schönheit der deutschen Sprache" (bestellen) mit den Klischees aufräumt aufräumt. Dafür zitiert er nicht nur große Lyriker und Prosaautoren von Goethe bis Rilke an, sondern auch zeitgenössische Poplyrik und gelungene Beispiele aus der Wissenschaftssprache, die die "Vitalität und Musikalität" des Deutschen bezeugen, so Krischke. Ein gutes Gegengewicht zu jeder Form ideologisch begründeter Sprachverhunzung, findet Krischke.


Gut besprochen wurden außerdem Hans-Peter Kunischs Buch "Das Flimmern der Raubtierfelle" (bestellen), das der Frage nachgeht, ob Rainer Maria Rilke auf seine alten Tage eine Sympathie für den Faschismus entwickelte - eine "heiße Kartoffel" der Rilke-Forschung, wie uns Paul Jandl in der NZZ verrät. In hellwacher und stilistisch ausgefeilter Prosa, wie Christoph Vormweg im Dlf urteilt, lesen wir hier von der Bewunderung Rilkes für Mussolini, seine Begeisterung für autoritäre Herrschaft und seine frühe Begeisterung für Friedrich Nietzsche. Auf ganz knappem Raum nähert sich derweil Clemens J. Setz dem Dichter und erzählt in "Rainer Marie Rilke. 100 Seiten" (bestellen) in lose verbundenen, persönlichen Notizen vom Aufwachsen des Poeten - sein kleines Buch über den großen Rilke gefällt Thomas Steinfeld in der SZ ausnehmend gut. Laure Murat, Sproß einer adligen Familie, hat für ihren "Familienroman" über Proust (bestellen) recherchiert, wie die reichlich speziellen Romanfiguren Prousts auf ihren realen Vorfahren basieren und dazu im essayistischen Stil auch ihr kompliziertes Verhältnis zu Proust beschrieben - für Dirk Fuhrig (Dlf Kultur) ein interessanter neuer Zugang zu einem eigentlich bereits gut erforschten Werk. Schließlich hat der Briefwechsel von Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder (bestellen) Wolfgang Matz in der FAZ geradezu euphorisiert.
Philosophie
Wer hofft, hier etwas über die neue amerikanische Rechte zu erfahren, wird von Heinrich Meiers Biografie des deutschamerikanischen Philosophen "Leo Strauss. Zur Sache der poiltischen Philosophie" (bestellen) wohl eher enttäuscht werden, wie Jens Balzer (Dlf Kultur). Leo Strauss, 1973 gestorben, hat zwar viele prominente Anhänger in den USA - Peter Thiel gehört dazu - doch dafür interessiert sich Meier, selbst Strauss-Schüler, nicht. Ihm geht es vor allem darum, den Einfluss der Klassiker, aber vor allem Heideggers auf Strauss' Denken, zu erschließen. In der FAS hätte sich Jürgen Kaube gewünscht, dass Meier ein paar mehr Philosophen zur Kenntnis nimmt, aber alles in allem hat ihn Meiers Re-Lektüre der Klassiker enorm angeregt. In der NZZ zeigt sich Guido Kalberer unbeeindruckt von Strauss' Denken, vor allem wenn der darlegt, warum die Gesellschaft am besten dran ist, wenn sie von einer Elite geführt wird, die sich der Weisheit verschreibt.

Klimawandel, Autoritarismus, die Neue Rechte und die gespaltene Linke, ganz zu Schweigen vom neuen Taylor-Swift-Album - die Welt rutscht immer tiefer in die Krise, ein Ausweg scheint erstmal nicht in Sicht. Da hilft vielleicht ein Blick in diese beiden Bücher: FAZ Kritiker René Schlott lässt sich vom Philosophen Konrad Paul Liessmann gerne - mit Hilfe von Spinoza und Nietzsche - eine Antwort auf die Frage "Was nun?" (bestellen) geben. Liessmann schreibt gegen den Zeitgeist an, teilweise auch ganz schön provokant, so Schlott, etwa wenn er in Klimafragen vor Alarmismus warnt, die staatliche Finanzierung von zivilgesellschaftlichen Organisationen kritisiert oder Parteiverbote als undemokratisch brandmarkt. Der Philosoph Michael Hampe fragt sich, wie der "Krise der Aufklärung" (bestellen) beizukommen ist: Der Westen sei im Begriff, zivilisatorische Errungenschaften in Gefahr zu bringen, dem setze der Autor die drei Begriffe Wahrheit, Selbst und Fortschritt entgegen, erklärt Guido Kalberer in der NZZ.
Internet

Eine ganze Reihe von Büchern tauchen ab in die Untiefen von Social Media: Die Investigativ-Journalistin Emily Baker-White deckt in ihrem Buch "TikTok Time Bomb" (bestellen) einige Skandale rund um das chinesische Unternehmen auf: Vera Linß verfolgt bei Dlf Kultur gebannt, wie Baker-White ausgehend von internen Dokumenten, Interviews und Konferenzmitschnitten beispielsweise aufdeckt, dass TikTok seine amerikanischen Nutzerinnen zwecks der Algorithmusoptimierung gezielt ausspioniert und wie die Kommunistische Partei Chinas beim Konzern im Hintergrund die Fäden zieht. Wie die fiebrige Aufgeregtheit und Schnelligkeit von Social Media den öffentlichen Diskurs beeinflusst, schaut sich Annekathrin Kohout in ihrem Buch "Hyperreaktiv" (bestellen) an. Was in der alten Diskursweise das Argument war, wird in der Reaktionsökonomie zum provokanten Kommentar mit möglichst großem Knalleffekt, wird FAZ-Kritiker Kai Spanke bei der Lektüre klar. Empfohlen werden außerdem Tim Berners-Lees Autobiografie "This Is for Everyone" (bestellen). Und Elisa Hoven Auseinandersetzung mit dem Thema Fake News in "Das Ende der Wahrheit?" (bestellen).
Technik/Naturwissenschaften
Was fällt auf, wenn man die Tech-Giganten des Silicon Valley nebeneinander in eine Reihe stellt? Genau, da stehen nur Männer. Dabei wurde das erste Computerprogramm von einer Frau geschrieben, und zwar schon im 19. Jahrhundert! In "Ada Lovelace. Visionärin und Genie" (bestellen) widmet sich Vera Weidenbach dem Leben und vor allem den genialen Erfindungen der Mathematikerin, Gesellschaftsdame und, aber das nur nebenbei, Tochter von Lord Byron. Ada arbeitete mit dem Mathematiker Charles Babbage an dessen mechanischer Rechenmaschine, die als erster Schritt in Richtung Computer gilt. Anne-Kathrin Weber empfiehlt bei Dlf diese "Ode an das weibliche Genie", dem, wer hätte es gedacht, der Ruhm und der Zugang zu Universitäten ein Leben lang versagt wurde. Katharina Döbler (Dlf Kultur) hätte gerne noch etwas mehr über die visionäre Kraft von Lovelaces Entdeckungen gelesen und etwas weniger über ihre Benachteiligung als Frau in einer Männerdomäne.

Keine halben Sachen macht der britische Biologe Richard Dawkins in "Das große Buch der Evolution" (bestellen): Für ihn ist jedes kleinste äußerliche Detail in der uns umgebenden Welt ein Fenster zur Vergangenheit, das heißt beispielsweise, er kann aus der Bewegung von Delfinen ableiten, dass ihre Vorfahren schon einmal auf dem Land gelebt haben, erklärt Manuela Lenzen in der FAZ. Alle relevanten Informationen stecken für den Forscher in den Genen - diese Theorie wurde zwar schon in Frage gestellt, aber Dawkins verteidigt seinen Ansatz vehement. Die Rezensentin lässt das ein bisschen skeptisch zurück, aber ein passioniertes, unterhaltsames und außerdem toll illustriertes Werk ist das in jedem Fall, findt sie. Mit der Biologin Sophia Kimmig begeben wir uns derweil in "Move" (bestellen) auf Wanderschaft: Wie die spezifischen Fortbewegungsweisen von Tieren evolutionär entstanden sind, erzählt uns die Biologin in einer Mischung aus Prosa und Sachbuch. "Einfühlsam" denkt sich die Autorin in ihre tierischen Figuren ein, wenn sie einen Aal auf seinen verschlungenen Pfaden durch die Weltmeere begleitet oder die unwahrscheinlich weite Reise eines Polarfuchses von Spitzbergen nach Kanada schildert, lobt Christian Schwägerl in der FAZ.
Fassungslos steht ein großer Teil der Welt immer noch den Entwicklungen in den USA gegenüber: Ein wenig gebildeter Populist mit Solarium-Bräune und schlechter Frisur nimmt die doch von so vielen für unzerstörbar gehaltene Demokratie innerhalb von Monaten auseinander. Wie konnte es dazu kommen? Die Soziologin Arlie Russell Hochschild hat sich gegen abstrakte Analysen entschieden und statt dessen für ihr "Geraubter Stolz" (bestellen) Kohlebergbau-Arbeiter in den Apalachen, genauer gesagt in Pikeville, Kentucky, besucht. Die Menschen dort haben durch den Niedergang der Kohleindustrie viel verloren, Donald Trumps Politik bringt ihnen zwar konkret überhaupt nichts, trotzdem sind sie empfänglich für seine Propaganda, versteht taz-Kritikerin Renate Kraft, weil er sich als Opfer der Eliten inszeniert. Christoph Drösser ist überzeugt vom empathischen Ansatz Hochschilds, die präzise den komplexen Mix aus Scham und Stolz analysiert, mit dem die Menschen dort, im zweitärmsten Kongressbezirk der USA, der Krise begegnen.
Mit Klassenunterschieden setzt sich auch der Philosoph Hanno Sauer in seinem Buch auseinander, das schlicht "Klasse" (bestellen) heißt: In der modernen Gesellschaft kommt zu den üblichen Statussymbolen immaterielles Kapital hinzu, lernt ein interessierter Ijoma Mangold in der Zeit, zum Beispiel bei Medienmenschen, die ihren geringen Verdienst durch kulturelle Distinktionswut kompensieren - Mangold findet das ziemlich brillant. Gut lesbar ist das alles und auch nicht ideologisch engstirnig, versichert in der NZZ Guido Kalberer, und auch FAZ-Rezensent Nicolas Kurzawa scheint das Buch mit Gewinn gelesen zu haben.
Am 17. Februar 2026 erscheinen im Piper Verlag die Erinnerungen Gisèle Pélicots. Die Französin, die unzählige Male vergewaltigt wurde, setzte einen Markstein für Frauen, als sie das widerstrebende Gericht zwang, im Gerichtssaal Videos von ihren Vergewaltigungen anzusehen, die ihre Ehemann aufgenommen hatte: "Die Scham muss die Seiten wechseln", erklärte sie. Zwei Bücher sind vorab schon erschienen: Auch wenn die Kritiker nicht mit allem einverstanden waren, was die an der FU Berlin lehrende Philosophin Manon García über den Prozess gegen den Ehemann Pélicots schrieb, so empfahlen sie ihr Buch "Mit Männern leben" (bestellen) trotzdem eindringlich zur Lektüre. Katharina Teutsch (FAZ) blickt in den Abgrund einer "normalisierten Frauenverachtung", zu deren Kritik und Überwindung die Autorin mit den richtigen Fragen auffordert, wie sie schreibt. Viel Aufmerksamkeit bekam auch die Anklage von Gisèle Pélicots Tochter Caroline Darian an ihren Vater. "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (bestellen) ist für Marlen Hobrack in der Welt eine zum Teil "unfassbare" Lektüre, denn Darian zeigt den kaum zu begreifenden Gegensatz auf, zwischen den Erinnerungen an einen liebenden Vater und das Wissen um die monströsen Verbrechen, die er begangen hat. Geschichte
Der Kolonialismus hat den afrikanischen Kontinent in vieler Hinsicht beraubt, auch seiner Historie. Zwar würde in der heutigen Geschichtswissenschaft niemand mehr vom "Kontinent ohne Geschichte" sprechen, gerade die vorkoloniale Geschichte Afrikas ist aber immer noch für viele ein blinder Fleck. Deshalb hat der schwedisch-gambische Journalist und Schriftsteller Amat Levin ein Buch über die Geschichte Schwarzafrikas für ein breites, historisch interessiertes Publikum geschrieben: "Black History. Die vergessene Geschichte Afrikas" (bestellen) nimmt ganze viertausend Jahre Geschichte in den Blick - da staunen die Kritiker nicht schlecht: Die taz findet hier alles interessant, besonders spannend sind ambivalente historische Figuren, wie Burkina Fasos Präsident Thomas Sankara, der während seiner Amtszeit progressive Neuerungen wie ein Verbot der weiblichen Genitalverstümmelung einführte, gleichzeitig aber autokratisch regierte und politische Gegner aus dem Weg räumte. Martin Hubert betont im Dlf die Differenziertheit des Werks: Neben den europäischen Kolonialverbrechen behandelt Levin beispielsweise auch den innerafrikanischen Sklavenhandel. Auch der Afrikawissenschaftler Andreas Eckert fand in der FAZ die Komplexität der Geschichte Afrikas gut eingefangen.
Durch die postkoloniale Brille blickt auch die Historikerin Josephine Quinn in ihrem Buch "Der Westen. Eine Erfindung der globalen Welt" (bestellen). Den Mythos "Westen" will Quinn von seiner (angeblichen) Wurzel her entlarven: dem antiken Griechenland und Rom. Denn hier liegt nach allgemeinem Verständnis immer noch die "Wiege der westlichen Zivilisation" - ein großer Irrtum, meint Quinn. Insgesamt stark findet Martin Huber im Dlf, wie Quinn zeigt, dass die vermeintlichen Ursprungsgesellschaften des Westens in Griechenland und Rom durch Handelsbeziehungen stets eingebunden waren in ein breites Netzwerk, das insbesondere in den Nahen Osten und nach Afrika führte. Man fragt sich allerdings, wer das jemals bezweifelt hätte. Dennoch: ein kompetenter "Überblick über die Geschichte der antiken Mittelmeerkulturen", findet auch NZZ-Kritiker Clemens Klünemann. 
Weg von der globalen Perspektive und hin zum deutschsprachigen Raum führen uns diese zwei Bücher auf ihre ganz eigene Weise: Dass die Germanen ganz anders waren, als wir es uns heute zum Teil noch vorstellen, kann man in Karl Banghards "Die wahre Geschichte der Germanen" (bestellen) nachlesen: völkischen Vereinnahmungen kommt Banghard mit archäologischen Funden bei, die beweisen, dass die Germanen mitnichten einer Ethnie angehörten, wie Ronald Düker von der Zeit mit großem Interesse liest. Köstlich amüsiert haben sich die Feuilletons außerdem mit György Dalos' "Neutralität und Kaiserschmarrn" (bestellen), einem Panorama der österreichischen Geschichte, das man nicht zu ernst nehmen sollte, wie Alexander Haneke in der FAZ verrät: statt fadem Geschichtsunterricht gibt es hier saftige Anekdoten aus der Nachkriegsgeschichte. Und auch Wolfgang Schneider kichert beim Dlf über Dalos feinen Humor und seinen Sinn für Sarkasmus. 

Eines der interessantesten Bücher der Saison kommt von der Ethnologin Heike Behrend, die "Gespräche mit einem Toten" (bestellen) führt - und zwar mit dem selbst ernannten "Propheten" und Lebensreformer Gustav Nagel, der erst im KZ Dachau und später im Stasi-Gefängnis landete. Nagel ist eine schillernde, verrückte und problematische Figur, eine, wie sie nur das 20. Jahrhundert hervorbringen konnte, meint ein bewegter Ronald Düker in der Zeit: Der Naturfan finanzierte sich durch eine Selbstinszenierung als neuer Jesus, war Antisemit aber auch gegen die Nazis, gründete eine Tempel- und Kuranlage in Arendsee, reiste barfuß nach Palästina und passte in kein politisches System, vom Wilhelminismus bis in die DDR, wirklich hinein, wie im Dlf Nico Bleutge feststellt, der die sehr lebendige Erzählweise der Ethnologin Behrend lobt. Hingewiesen sei auch auf Karl Schlögels neues Buch "Auf der Sandbank der Zeit" (bestellen), für das der Osteuropahistoriker und frisch gebackene Friedenspreisträger nach dem "Schock" von 2014 und 2022 "noch einmal in die Schule" ging: nach Kyjiw, Charkiw, Donezk, Mariupol, Odessa. Die Texte, zwischen 2003 und 2025 entstanden sind, zeigen, wie Schlögel den Krieg im Osten Europas zu begreifen sucht. Schon in unserem September-Bücherbrief haben wir Götz Alys Opus magnum "Wie konnte das geschehen?" (bestellen) empfohlen, in unserem Podcast war Aly außerdem zum Gespräch eingeladen, und hier Leseproben bei Vorgeblättert.Kunst
Hito Steyerl ist nicht nur eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Gegenwart, sie ist auch eine wirkmächtige Intellektuelle, die immer wieder kritisch einen Kunstbetrieb hinterfragt, der oft lieber mit den Reichen und Mächtigen paktiert. In ihrem Essayband "Medium Hot" (bestellen) setzt sie sich mit den neuen Technologien zur Bildproduktion und -verbreitung auseinander, vor allem mit KI. Für sie nichts neues, erzählt Terry Nguyen in der Art Review: "'Medium Hot' beschreibt Steyerls Experimente mit der Bildgestaltung von 2017 bis 2024, als ihre zunehmende Vertrautheit mit KI sie dazu veranlasste, sich auf deren schädliche Folgen zu konzentrieren, da die Technologie begann, in alle Bereiche der Medienlandschaft einzudringen." Es geht in ihren Essays also darum, wie die Branche rund um KI nicht nur die Umwelt, sondern auch menschliche "Mikroarbeiter" massiv ausbeutet. Larissa Pham hätte sich das in Art in America noch kämpferischer gewünscht. FAZ-Kritiker Niklas Maak ist dagegen froh, dass ihre Analysen ohne aktivistische Posen auskommen, sie aber auch "nicht in einer kulturkritischen Depression versinkt": Schließlich ist Steyerl zuerst Künstlerin. Gegenentwürfe zu einer von Tech-Konzernen beherrschten Welt sollte man in ihrer Kunst suchen, nicht in ihren Texten, findet Maak.
"Queerness" und "Nazis" - zwei Begriffe, die nun wirklich nicht zueinander zu passen scheinen. Um so interessanter ist Nina Schedlmayers Buch "Hitlers queere Künstlerin" (bestellen) über die widersprüchliche Existenz der lesbischen Malerin Stephanie Hollenstein, die in Männerkleidung in den Ersten Weltkrieg zog, Männer wie Frauen liebte und zugleich Antisemitin und glühende Hitler-Verehrerin war - wobei Hollenstein das überhaupt nicht als Widerspruch empfunden hätte. Und auch die Nazis hatten kein Problem mit ihr, sie wurde sogar Vorsitzende der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreich (VBKÖ), lernt Arno Orzessek, der im Dlf Kultur geradezu hypnotisiert scheint von dieser schillernden historischen Figur, die ihm zeigt, dass progressive Labels noch lange keinen Heiligenschein machen. Ebenfalls lesenswert, wenn auch nicht ganz so spektakulär ist Mona Horncastles Peggy-Guggenheim-Biografie (bestellen), ein sensibles Porträt der Kunstmäzenin, das nicht nur ihr schillerndes Leben in Paris, sondern auch die Vorgeschichte ihrer Familie und den Antisemitismus zu ihrer Zeit in den Blick nimmt, lobt in der FAZ Rose-Maria Gropp.Musik
Bis zu den Ursprüngen der Menschheit geht der Archäologe, Prähistoriker und Künstler Graeme Lawson in seiner Musikgeschichte "Soundtracks" (bestellen) zurück. Ein euphorischer FAZ-Rezensent Jan Brachmann lernt hier nicht nur, dass ein Menschenvorfahre namens Australopithecus bereits mehr als drei Millionen Jahre vor unserer Zeit Musik machte, sondern auch über die erstaunlich frühen Ursprünge des europäischen chromatischen Tonartensystems. Von der Geierknochenflöte bis zu bronzenen Hörnern - taz-Kritikerin Katharina Granzin liest sich mit Vergnügen durch diese musikalischen Collagen, geschrieben in einem spielerisch-forschenden Ton und mit Faszination für die handwerkliche Raffinesse früherer Epochen - verbunden mit der Einsicht, dass "primitive" Musik womöglich nie existiert hat.
Mit einem sehr aktuellen Phänomen setzen sich hingegen Lukas Geck und Maria Kanitz in ihrem Buch "Lauter Hass" auseinander, nämlich dem Antisemitismus in der Welt der Popmusik. Und ja, den gibt es ganz offensichtlich, wird taz-Kritikerin Rosa Budde an zahlreichen Beispielen vor Augen geführt: Da sind die Konzerte von Roger Waters, der einen Ballon in Form eines Schweins, bemalt mit einem Davidstern, über dem Publikum schweben ließ und das dann 'Israelkritik' nannte, der Rapper Kollegah, der geschmacklose Auschwitz-Vergleiche macht, Verschwörungstheorien, wie sie von Schwurbler Xavier Naidoo verbreitet werden undundund - eine Taschenlampe im Diskurschaos, ist der Band für FR-Kritiker Klaus Walter, der außerdem überlegt, ob die Rückgriffe auf antisemitische Codes vielleicht auch mit einem Sinndefizit im Pop zu tun haben. Außerdem eine Lektüre wert, nicht nur für eingefleischte Fans, versichern die Kritiker in NZZ und Welt: Ozzy Osbournes Erinnerungen "Last Rites" (bestellen), die er kurz vor seinem Tod vollendete.Kulturgeschichte
Auf eine Geschmacksreise durch die Jahrhunderte nimmt uns Ulrich Raulff in seinem Buch "Wie es euch gefällt" (bestellen) mit, das die Kritik nun wirklich durchweg begeistert hat. Was ist das eigentlich, der "Geschmack"? Und liegt er nun im Auge des Betrachters oder nicht? "Hoch gelehrt, bisweilen preziös" flaniert der Autor durch die Jahrhunderte: Los geht es mit dem Kunsthistoriker Johann Joachim Winckelmann, der im 18. Jahrhundert die antiken Statuen Roms beschrieben und einen wahren Boom des Klassizismus ausgelöst hat. Neben historischen Vignetten über das "Weinbeben" von 1976 stehen Porträts über den Stilpapst Winckelmann und die Stilikone Holly Goligthly, freut sich in der FAZ auch Daniel Damler. SZ-Kritiker Bernhard Heckler kommt außerdem bei Roland Barthes Geschmacks-Begriff des "Zartgefühls" vorbei und fühlt sich nach der Lektüre nicht nur "diffus erleuchtet", sondern sogar schöner als vorher. Auch Alexander Cammann schwingt in der Zeit mit Freude dieses "Schwert des guten Geschmacks", mit dem er sich gegen die allgegenwärtige Hässlichkeit verteidigen kann. Literatur- und Sprachwissenschaft
Fragt man einen Franzosen, wie die deutsche Sprache klingt, dann bekommt man oft entweder ein harsches Gebrüll zu hören, dass an die Darstellung von Nazis in französischen Filmen erinnert oder ein abgehacktes Kauderwelsch mit zu vielen Konsonanten - kurz, die deutsche Sprache gilt als unschön. Wolfgang Krischke ist in der FAZ erleichtert, dass Roland Kaehlbrandt in seinem Buch "Von der Schönheit der deutschen Sprache" (bestellen) mit den Klischees aufräumt aufräumt. Dafür zitiert er nicht nur große Lyriker und Prosaautoren von Goethe bis Rilke an, sondern auch zeitgenössische Poplyrik und gelungene Beispiele aus der Wissenschaftssprache, die die "Vitalität und Musikalität" des Deutschen bezeugen, so Krischke. Ein gutes Gegengewicht zu jeder Form ideologisch begründeter Sprachverhunzung, findet Krischke. 

Gut besprochen wurden außerdem Hans-Peter Kunischs Buch "Das Flimmern der Raubtierfelle" (bestellen), das der Frage nachgeht, ob Rainer Maria Rilke auf seine alten Tage eine Sympathie für den Faschismus entwickelte - eine "heiße Kartoffel" der Rilke-Forschung, wie uns Paul Jandl in der NZZ verrät. In hellwacher und stilistisch ausgefeilter Prosa, wie Christoph Vormweg im Dlf urteilt, lesen wir hier von der Bewunderung Rilkes für Mussolini, seine Begeisterung für autoritäre Herrschaft und seine frühe Begeisterung für Friedrich Nietzsche. Auf ganz knappem Raum nähert sich derweil Clemens J. Setz dem Dichter und erzählt in "Rainer Marie Rilke. 100 Seiten" (bestellen) in lose verbundenen, persönlichen Notizen vom Aufwachsen des Poeten - sein kleines Buch über den großen Rilke gefällt Thomas Steinfeld in der SZ ausnehmend gut. Laure Murat, Sproß einer adligen Familie, hat für ihren "Familienroman" über Proust (bestellen) recherchiert, wie die reichlich speziellen Romanfiguren Prousts auf ihren realen Vorfahren basieren und dazu im essayistischen Stil auch ihr kompliziertes Verhältnis zu Proust beschrieben - für Dirk Fuhrig (Dlf Kultur) ein interessanter neuer Zugang zu einem eigentlich bereits gut erforschten Werk. Schließlich hat der Briefwechsel von Hugo von Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder (bestellen) Wolfgang Matz in der FAZ geradezu euphorisiert.Philosophie
Wer hofft, hier etwas über die neue amerikanische Rechte zu erfahren, wird von Heinrich Meiers Biografie des deutschamerikanischen Philosophen "Leo Strauss. Zur Sache der poiltischen Philosophie" (bestellen) wohl eher enttäuscht werden, wie Jens Balzer (Dlf Kultur). Leo Strauss, 1973 gestorben, hat zwar viele prominente Anhänger in den USA - Peter Thiel gehört dazu - doch dafür interessiert sich Meier, selbst Strauss-Schüler, nicht. Ihm geht es vor allem darum, den Einfluss der Klassiker, aber vor allem Heideggers auf Strauss' Denken, zu erschließen. In der FAS hätte sich Jürgen Kaube gewünscht, dass Meier ein paar mehr Philosophen zur Kenntnis nimmt, aber alles in allem hat ihn Meiers Re-Lektüre der Klassiker enorm angeregt. In der NZZ zeigt sich Guido Kalberer unbeeindruckt von Strauss' Denken, vor allem wenn der darlegt, warum die Gesellschaft am besten dran ist, wenn sie von einer Elite geführt wird, die sich der Weisheit verschreibt.
Klimawandel, Autoritarismus, die Neue Rechte und die gespaltene Linke, ganz zu Schweigen vom neuen Taylor-Swift-Album - die Welt rutscht immer tiefer in die Krise, ein Ausweg scheint erstmal nicht in Sicht. Da hilft vielleicht ein Blick in diese beiden Bücher: FAZ Kritiker René Schlott lässt sich vom Philosophen Konrad Paul Liessmann gerne - mit Hilfe von Spinoza und Nietzsche - eine Antwort auf die Frage "Was nun?" (bestellen) geben. Liessmann schreibt gegen den Zeitgeist an, teilweise auch ganz schön provokant, so Schlott, etwa wenn er in Klimafragen vor Alarmismus warnt, die staatliche Finanzierung von zivilgesellschaftlichen Organisationen kritisiert oder Parteiverbote als undemokratisch brandmarkt. Der Philosoph Michael Hampe fragt sich, wie der "Krise der Aufklärung" (bestellen) beizukommen ist: Der Westen sei im Begriff, zivilisatorische Errungenschaften in Gefahr zu bringen, dem setze der Autor die drei Begriffe Wahrheit, Selbst und Fortschritt entgegen, erklärt Guido Kalberer in der NZZ. Internet

Eine ganze Reihe von Büchern tauchen ab in die Untiefen von Social Media: Die Investigativ-Journalistin Emily Baker-White deckt in ihrem Buch "TikTok Time Bomb" (bestellen) einige Skandale rund um das chinesische Unternehmen auf: Vera Linß verfolgt bei Dlf Kultur gebannt, wie Baker-White ausgehend von internen Dokumenten, Interviews und Konferenzmitschnitten beispielsweise aufdeckt, dass TikTok seine amerikanischen Nutzerinnen zwecks der Algorithmusoptimierung gezielt ausspioniert und wie die Kommunistische Partei Chinas beim Konzern im Hintergrund die Fäden zieht. Wie die fiebrige Aufgeregtheit und Schnelligkeit von Social Media den öffentlichen Diskurs beeinflusst, schaut sich Annekathrin Kohout in ihrem Buch "Hyperreaktiv" (bestellen) an. Was in der alten Diskursweise das Argument war, wird in der Reaktionsökonomie zum provokanten Kommentar mit möglichst großem Knalleffekt, wird FAZ-Kritiker Kai Spanke bei der Lektüre klar. Empfohlen werden außerdem Tim Berners-Lees Autobiografie "This Is for Everyone" (bestellen). Und Elisa Hoven Auseinandersetzung mit dem Thema Fake News in "Das Ende der Wahrheit?" (bestellen).Technik/Naturwissenschaften
Was fällt auf, wenn man die Tech-Giganten des Silicon Valley nebeneinander in eine Reihe stellt? Genau, da stehen nur Männer. Dabei wurde das erste Computerprogramm von einer Frau geschrieben, und zwar schon im 19. Jahrhundert! In "Ada Lovelace. Visionärin und Genie" (bestellen) widmet sich Vera Weidenbach dem Leben und vor allem den genialen Erfindungen der Mathematikerin, Gesellschaftsdame und, aber das nur nebenbei, Tochter von Lord Byron. Ada arbeitete mit dem Mathematiker Charles Babbage an dessen mechanischer Rechenmaschine, die als erster Schritt in Richtung Computer gilt. Anne-Kathrin Weber empfiehlt bei Dlf diese "Ode an das weibliche Genie", dem, wer hätte es gedacht, der Ruhm und der Zugang zu Universitäten ein Leben lang versagt wurde. Katharina Döbler (Dlf Kultur) hätte gerne noch etwas mehr über die visionäre Kraft von Lovelaces Entdeckungen gelesen und etwas weniger über ihre Benachteiligung als Frau in einer Männerdomäne. 
Keine halben Sachen macht der britische Biologe Richard Dawkins in "Das große Buch der Evolution" (bestellen): Für ihn ist jedes kleinste äußerliche Detail in der uns umgebenden Welt ein Fenster zur Vergangenheit, das heißt beispielsweise, er kann aus der Bewegung von Delfinen ableiten, dass ihre Vorfahren schon einmal auf dem Land gelebt haben, erklärt Manuela Lenzen in der FAZ. Alle relevanten Informationen stecken für den Forscher in den Genen - diese Theorie wurde zwar schon in Frage gestellt, aber Dawkins verteidigt seinen Ansatz vehement. Die Rezensentin lässt das ein bisschen skeptisch zurück, aber ein passioniertes, unterhaltsames und außerdem toll illustriertes Werk ist das in jedem Fall, findt sie. Mit der Biologin Sophia Kimmig begeben wir uns derweil in "Move" (bestellen) auf Wanderschaft: Wie die spezifischen Fortbewegungsweisen von Tieren evolutionär entstanden sind, erzählt uns die Biologin in einer Mischung aus Prosa und Sachbuch. "Einfühlsam" denkt sich die Autorin in ihre tierischen Figuren ein, wenn sie einen Aal auf seinen verschlungenen Pfaden durch die Weltmeere begleitet oder die unwahrscheinlich weite Reise eines Polarfuchses von Spitzbergen nach Kanada schildert, lobt Christian Schwägerl in der FAZ.
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