Galt Popmusik einst als Medium der Emanzipation, scheint davon spätestens seit dem 7. Oktober nicht mehr viel übrig zu sein. Musiker*innen unterschreiben offene Briefe und Statements, die das Massaker der Hamas verharmlosen. Es wird zu Boykotten aufgerufen, Konzerte werden zu israelfeindlichen Kundgebungen. Das Massaker der Hamas war auch ein Angriff auf die Welt der Musik, auf Emanzipation und Freiheit. Die Weigerung weiter Teile der Popmusik, dies anzuerkennen, ist ebenso bemerkenswert wie die Selbstdarstellung einiger Musiker*innen als Freiheitskämpfer*innen. Maria Kanitz und Lukas Geck sehen den 7. Oktober als Anlass, antisemitische Entgleisungen in der Popkultur genauer unter die Lupe zu nehmen. Anhand zahlreicher Beispiele aus den letzten Jahren - etwa Roger Waters, Kanye West oder Macklemore - zeigen sie, in welchem Ausmaß Antisemitismus mittlerweile ins popkulturelle Repertoire eingesickert ist. Sei es die Unterstützung von Boykottkampagnen, Verschwörungsmythen in Liedern oder Konzerte bekannter Rockmusiker, in denen Musik lediglich der Verbreitung antisemitischer Propaganda dient. Bekannte nationale und internationale Musiker*innen nutzen ihre Reichweite, um ihren Hass auf Jüdinnen und Juden oder ihre Bewunderung für Hitler zu verbreiten. Im Ergebnis zeigen sie, wie breit und bereitwillig Antisemitismus popkulturell zelebriert wird.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 27.10.2025
Rezensent Klaus Walter empfiehlt das Buch von Maria Kanitz und Lukas Beck als Taschenlampe im Diskurschaos. Wie Pop und Antisemitismus zusammengehen, analysieren die Autoren laut Walter anhand recht eindeutiger Fälle wie Xavier Naidoo, Roger Waters oder Brian Eno. Welche Codes und Metaphern dabei verwendet werden, erläutern die Autoren ebenso wie sie nach den Motivationen hinter Geschichtsklitterung und Täter-Opfer-Umkehrung suchen. Die Frage im Untertitel wird im Buch leider nicht erschöpfend beantwortet, findet Walter - Was macht Antisemitismus zum popkulturellen Ereignis? Resultiert das Bedürfnis nach dem Finden eines Sündenbocks vielleicht aus einem Sinndefizit im Pop? Walter stellt abschließend eigene Überlegungen an.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 15.10.2025
Die Welt der Popmusik hat ein Antisemitismusproblem, entnimmt Rezensentin Rosa Budde den vielen Beispielen, die Lukas Geck und Maria Kanitz in diesem Buch zusammentragen. So wird ihr anhand der Konzerte von Roger Waters deutlich, wie sich etwa der Code der "Judensau" weiterhin durchsetzt: Er lässt einen Ballon in Form eines Schweins, bemalt mit einem Davidstern, über das Publikum schweben und nennt das dann 'Israelkritik'. Im chronologischen Aufbau des Buches, das Verschwörungstheorien nach 9/11 bis zum 07. Oktober 2023 abbildet, liest Budde auch von deutschen Beispielen wie dem Rapper Kollegah, der geschmacklose Auschwitz-Vergleiche anstellt. Trotz gelegentlicher Wiederholungen eine gute Überblicksdarstellung über Abgründe der Popkultur.
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