Heike Behrend
Gespräche mit einem Toten
Gustaf Nagel, Prophet vom Arendsee

Matthes und Seitz, Berlin 2025
ISBN 9783751820738
Gebunden, 312 Seiten, 28,00 EUR
ISBN 9783751820738
Gebunden, 312 Seiten, 28,00 EUR
Klappentext
Als die Ethnologin Heike Behrend nach der Wende das Haus ihres Großvaters besucht, stößt sie am Arendsee in der Altmark auf den christlichen Propheten Gustaf Nagel, der 1874 im Kaiserreich geboren wurde und 1952 in einer Irrenanstalt in der DDR starb. Als Teil der Lebensreformbewegung war der deutschnationale Prophet sein Leben lang vielfältiger Verfolgung ausgesetzt. Anhand seiner Selbstbilder auf Postkarten und seiner Texte, die lokale Heimatforscher bereits zu DDR-Zeiten gesammelt und archiviert haben, sowie in Gesprächen mit ihnen und dem Toten entwirft Heike Behrend Gustaf Nagels Biografie.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 05.01.2026
Gustaf Nagel war ein "Kohlrabiapostel", hält Rezensent Matthias Heine fest: Um 1900 schossen Menschen wie er im Deutschen Kaiserreich förmlich aus dem Boden, sie wollten die Bevölkerung vom industriell-bürgerlichen Zwang befreien und auf den rechten Weg leiten, "Lebensreform" nannte sich das. Ethnologin Heike Behrend hat nun ein Buch über den "Heiler, Wanderprediger und Künstler" verfasst und schildert, wie er sich nach einer durchstandenen Krankheit als erleuchteter Prophet sah und inszenierte. Er wusste, wie ihn diese Besonderheit zu Geld und Aufmerksamkeit führen konnte, lesen wir, ging barfuß ins heilige Land, hat vegetarische und völkische Ideale flexibel kombiniert, ist in der Psychiatrie und im KZ gelandet, lernt Heine. Ein durchaus bemerkenswerter Mensch mit "starkem Ego" und speziellem Anspruch auf die Wahrheit, den Heike Behrend hier porträtiert, schließt er.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Rezensentin Sonja Asal erfährt von der Ethnologin Heike Behrend Wissenswertes über die Werdung des Naturtapostels Gustaf Nagel im Spannungsfeld zwischen Lebensreformbewegung und Ausgrenzung. Wie Behrend in ihrem Personen- und Epochen-Porträt verfährt, indem sie eigene Forschungserkenntnisse aus Südafrika und Familiengeschichtliches einbringt, gefällt Asal gut. Nicht zuletzt, weil Behrend über ein Sensorium für Selbst- und Fremdzuschreibungen verfügt und über Beobachtungsgabe, wie Asal versichert. Der Essay erscheint Asal klar und souverän in seiner Handhabung von Theorie und Interpretation.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2025
Man spürt, dass dieses Buch den Rezensent Ronald Düker sehr berührt hat. Das liegt zum einen an seinem tragischen Helden, dem Lebensreformer und selbst ernannten Propheten Gustav Nagel, der erst im KZ Dachau und später in einem Stasi-Gefängnis landete: Eine so verrückte widersprüchliche Figur, wie sie nur das 20. Jahrhundert hervorbringen konnte. Vom Vater als junger Mann verstoßen, sich im Wald als Prophet neu erfindend, mit "altbackensten Ansichten" zu Heimat, Frauen, Homosexuellen und Familie, der selbst jedoch mit langer Mähne und fließenden Gewändern die traditionellen Rollen aufhob. Düker ist fasziniert. Zum anderen liegt es aber auch an der Autorin, einer Ethnologin, die nicht nur wunderbar lebendig erzählen kann, sondern auch ihre eigene Geschichte mit Nagel einbezieht oder Rituale ostafrikanischer Propheten, der beeindruckte Rezensent.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 02.10.2025
Als ein faszinierendes Buch beschreibt Rezensentin Katharina Teutsch Heike Behrends Annäherung an Gustaf Nagel, einen einst am Arendsee ansässigen Lebensreformer, der von 1874 bis 1952 lebte. Behrend, die als Ethnologin vor allem in Afrika arbeitete, hat familiäre Wurzeln in derselben Region und nähert sich im neuen Buch in diesem Sinne auch dem Eigenen mit ethnografischen Methoden. Teutsch folgt hier zunächst Nagels Lebensweg: Der Naturfan finanzierte sich durch eine Selbstinszenierung als neuer Jesus, war Antisemit aber auch gegen die Nazis, wurde von diesen und später auch in der DDR inhaftiert. Interessiert liest die Kritikerin zudem, wie Behrendt eine Analogie zwischen dem "Erstarken volkskundlicher Aktivitäten" und dem "ostdeutschen Bedürfnis aus, die Geschichte der DDR dem Vergessen" ausmacht.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 08.09.2025
Ein reichhaltiges, vielseitiges Buch hat Heike Behrendt über Gustaf Nagel geschrieben, versichert Rezensent Nico Bleutge. Nagel war ein christlicher Prophet, der sich selbst als Nachfolger Christi inszenierteBehrendt zeichne den Lebensweg Nagels nach, den Bruch mit der Familie und einem bürgerlichen Lebensweg sowie die Einflüsse der Lebensreformbewegung auf das naturmystische Denken des Propheten. Geschickt verknüpft die Autorin Ethnologie mit erzählerischen Techniken, auch die abstrakteren Überlegungen verlieren sich nie in bloßer Begriffsartithmetik - und vor allem nimmt sie Nagel durchweg ernst, auch in seinen fragwürdigen Ansichten, die unter anderem Frauen und Deutschtümelei betreffen. Sie zeichnet das Porträt eines Menschen, der in kein politischen System, vom Wilhelminismus bis in die DDR, wirklich hineinpasste. Nicht zuletzt gelinge es ihr die Aktualität Nagels aufzuzeigen und außerdem deutlich zu machen, wie Geschichtsschreibung immer Lehrstellen schafft. Besonders toll findet der Rezensent das Schlusskapitel, das sich der Nagel-Forscherin Christine Meyer und allgemeiner den "Heimatforschern" widmet, einer Gruppe von Wissenschaftlern, die vom Rest der akademischen Gemeinschaft nicht ernst genommen werden. Insgesamt also ein großer Wurf!
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