Bücher der Saison

Romane

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Thomas Pynchons liefert eine metafiktionale Detektivgeschichte mit Jazz, Nazis und Agenten. Mit Verena Keßler werden wir zum wilden Grizzly im Gym. Nora Haddada erzählt von der unwahrscheinlichen Liebe zwischen einer propalästinensischen und einem proisraelischen Linken. András Visky führt uns ins stalinistische Rumänien.
Im Jahr 2025 hat der Perlentaucher bekanntlich seinen 25. Geburtstag gefeiert. Zu den 110.000 Kritiken, die wir seit unserer Gründung ausgewertet haben, sind in dieser Saison einige hundert hinzugekommmen. Wie gute alte Goldgräber das seit eh und je tun, haben wir sie für diese "Bücher der Saison" nochmals gesiebt und gewaschen, ein wenig Quecksilber unseres Witzes hinzugefügt (der in diesem Fall biologisch abbaubar ist), um ihnen eine Orientierung über diesen Herbst zu bieten. Unter den deutschen Roman scheint in diesem Jahr kein "Zauberberg", keine "Malina" und keine "Atemschaukel". Aber manchmal weiß man das ja auch erst später. Wer hätte mit den Ergebnissen unserer Kritikerumfrage nach den "prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" gerechnet?


Gastland Philippinen

Die Philippinen waren in diesem Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse. In Übersetzungen (gerade mal 32) und Kritiken hat sich das nicht groß niedergeschlagen, muss man leider sagen. Mehr als zwei, drei Überblicksartikel waren nicht zu finden. Vor allem Kleinverlage haben sich um Übersetzungen verdient gemacht, lobt in der FAZ Andreas Platthaus. Dabei ist die philippinische Literatur vielfältig und auch schonungslos: Nicht nur die Kolonialzeit, auch die Marcos-Diktatur und die blutigen Jahre unter dem Ex-Präsidenten Rodrigo Duterte werden beleuchtet, erzählt Katharina Borchardt, die in der NZZ einen kleinen Überblick über die literarische Produktion der Philippinen gibt. Das erfolgreichste Literaturgenre ist allerdings der Comic, informiert David Pfeifer in der SZ: Die einst sehr erfolgreichen Tageszeitungen enthielten immer kleine Comicstrips, in Folge wuchsen seit den 1960er Jahren "mehrere Generationen von exzellenten, schnellen Zeichnern" heran. Einen guten Einblick in die philippinische Comicszene liefern der Komiket-Verlag von Paolo Herras, den Pfeifer vorstellt, aber auch die Netflix-Serie "Trese" nach den gleichnamigen Comics von Budjette Tan.

Ein bisschen bezeichnend für die deutschen Kritiker ist es schon, dass der meist besprochene Roman über die Philippinen der eines deutschen Autors ist, der, ähm, die Geschichte dreier deutscher Paare erzählt, die in einem Resort auf den Philippinen aufeinandertreffen, wo der real existierende Wunderheiler Bon Sato den Krebs besiegen können soll. Davon erzählt Karl-Heinz Otts "Die Heilung von Luzon" (bestellen), den die Kritiker in den höchsten Tönen loben: Für Helmut Böttiger (Dlf) ist der Roman ein Wunderwerk, weil er mit "psychologischer Raffinesse" die Wohlstandsverwahrlosung seiner Figuren ausleuchtet - und zwar überraschungsreich und mit Tiefgang. Es ist letztlich das Leben mit dem Tod, das hier literarisch erprobt wird, erkennt eine beeindruckte Judith von Sternburg (FR). Einfach brillant, findet Rainer Moritz in der NZZ.

Und damit kommen wir zu den Originalen: In seinem neu aufgelegten Klassiker "Noli me tangere" (bestellen) erzählt der philippinische Autor und Nationalheld José Rizal in geradezu prophetischer Vorwegnahme seines eigenen Schicksals von dem nach langem Auslandsaufenthalt auf die spanisch besetzten Philippinen zurückkehrenden Unabhängigkeitskämpfer Don Chrisóstomo Ibarra, der dort als Verräter verfolgt wird, aber dem Tod entrinnen kann - anders als Rizal selbst: Er wurde, als Reaktion auf seinen rebellischen Roman, 1896 von den Spaniern hingerichtet, erzählt uns Andreas Platthaus in der FAZ. Für ihn ist der Roman ein sarkastisches Meisterwerk: Groteske Dialoge zwischen heuchlerischen Ordensleuten, böse Kommentare über Tote und eine Persiflage auf "Hamlet" sind zu erwarten. Kurz: Ein literarisch-begnadetes, von Annemarie del Cueto-Mörth toll übersetztes Werk, schwärmt der Kritiker.

Der philippinische Autor Allan N. Derain erzählt in "Das Meer der Aswang" (bestellen) eine Geschichte aus der Geisterwelt der philippinischen Visaya-Inselgruppe: Hauptfigur ist die 15-jährige Luklak, die sich in eine Aswang, ein mythisches krokodilartiges Wesen verwandelt, was die spanischen Mönche nicht gutheißen, während ihr Vater auf einer abenteuerlichen Reise ein Heilmittel gegen die Verwandlung sucht. Im SWR bewundert Katharina Borchardt den "unwiderstehlichen Witz" des Romans. Und: "Philippinos lieben Horror", lernt sie. Für FR-Kritikerin Andrea Pollmeier ist der Roman ein wildes Stück magisch-realistischer Literatur. Sie empfiehlt außerdem Katrina Tuveras Roman "Die Kollaborateure" (bestellen), der abwechselnd aus der Perspektive des sterbenden Carlos, seiner Frau und seiner Tochter von den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Siebzigern erzählt, als die Philippiner unter der Diktatur von Ferdinand Marcos litten. In dieser Zeit angesiedelt sind auch Lualhati Torres Bautistas "Die 70er" (bestellen) und Jessica Zafras "Ein ziemlich böses Mädchen", die beide in ihren Romanen nicht nur von der Kluft zwischen Arm und Reich erzählen, sondern auch starke Frauen in den Mittelpunkt stellen. Eine größere Liste mit aktuellen Übersetzungen haben wir für Sie in unserem Buchladen eichendorff21.de zusammengestellt.


Schwerpunkt Osteuropa

Eines der größten Mysterien der Menschheit sind die Ungarn, die seit Jahrzehnten eine Dumpfbacke wie Viktor Orban wählen und gleichzeitig schneller Autoren von Weltrang hervorbringen, als unsereins Nobelpreis sagen kann. Jüngstes Mitglied im Club ist der 1957 geborene ungarisch-rumänische Dramaturg und Essayist András Visky, der mit "Die Aussiedlung" (bestellen) sein Romandebüt abgeliefert hat. Er erzählt vom Schicksal einer Familie - zufällig seiner eigenen - im stalinistischen Rumänien: Der Vater, ein Pfarrer, wird zu 22 Jahren Haft verurteilt und in ein Arbeitslager deportiert, die Mutter mit ihren sieben Kindern bald auch, allerdings in ein anderes. Dass sie Furchtbares erleben, muss man nicht groß ausmalen. Groß ist auch die Angst, dass die Familie nie wieder vereint wird. Visky war damals zwei Jahre alt und sieben, als die Familie wieder zusammenkam. Autobiografisch ist der Roman nicht - woran kann sich ein Kind in dem Alter schon erinnern? - aber dann eben doch. Visky hat dafür eine geniale Form gefunden, schreibt ein völlig hingerissener Tilman Spreckelsen in der FAZ: Er erzählt die Geschichte in 822 unverbundenen Minikapiteln, jeweils ohne Großbuchstaben am Anfang und Satzzeichen am Ende. Wie Erinnerungsfetzen, "ein in viele Erinnerungssteinchen aufgelöstes Mosaik", das von Recherchen in den Archiven angereichert wird. Der Einfluss Imre Kertesz', und noch mehr der der Bibel, ist für Spreckelsen unverkennbar. "Die Aussiedlung" gehört mit alle seinen Paradoxen zu den Lagerromanen, in denen das Lager "die Welt außerhalb erkennen lässt", erklärt im Dlf Jörg Plath, der ausdrücklich auch die "lebendige" Übersetzung von Timea Tanko lobt.

Die in Jekaterinburg geborene Schriftstellerin Jegana Dschabbarowa musste Russland 2024 verlassen. In "Die Hände der Frauen in meiner Familie waren nicht zum Schreiben bestimmt" (bestellen) erzählt sie, wie sich eine junge Frau frei zu schreiben versucht: Aus den Zwängen, denen sie als Frau in der patriarchalen aserbeidschanisch-muslimischen Gesellschaft unterworfen ist, aber auch vom Rassismus, den sie als "Fremde" im Russland der Nachwendezeit erlebt. Der Clou des Romans ist dabei, dass Dschabbarowa eng am Körper entlang schreibt, in dem sie jedes Kapitel einem Körperteil widmet, und zwar mit subtiler Ironie und Präzision, wie Nico Bleutge im Dlf Kultur versichert. In der NZZ empfiehlt Ilma Rakusa ein "stilles und zugleich aufsehenerregendes" Buch, das poetisch von einer "doppelten Emanzipation" erzählt. Auf ganz andere Weise schlägt sich Herrenfriseurin Wera durch, die unkonventionelle Heldin, die uns die polnische Schriftstellerin Zyta Rudzka in "Lachen kann, wer Zähne hat" (bestellen) vorstellt: Nach dem Tod ihres Mannes und Verlust des Jobs muss sie Schuhe für den Sarg auftreiben, allein ihr fehlt das Geld. Wera streift durch die Stadt, begegnet alten Kundinnen und Weggefährten und beginnt auch ihre Sexualität kompromisslos auszuleben. "Zynisch, vulgär und gierig" ist diese Wera, freut sich Marta Kijowska in der FAZ, die auch bewundert, wie Rudzka bei aller Erzähllust auch immer wieder Tragik aufblitzen lässt.

In der Reihe "Ukrainische Bibliothek" wird der Wallstein Verlag ukrainische Klassiker auf Deutsch herausgeben, den Auftakt macht der Erzählband "Am Meer" (bestellen), der 1871 geborenen Schriftstellerin Leska Ukrajinka. In den sieben Erzählungen begegnen uns kämpferische Frauen, die häusliche Gewalt, späte Mutterschaft oder soziale Ungerechtigkeit erleben. Ein Meisterwerk, jubelt die FAZ, und der Dlf lernt eine große europäische Schriftstellerin kennen, die es in ihrer zugleich sensiblen und kritischen Sprache vermag, die Menschheit und ihre Hintergründe zu durchleuchten. Ein ganz "erstaunliches" Debüt empfiehlt uns der Dlf mit "Fische im Trüben" (bestellen), der in Kasachstan geborenen und in Süddeutschland aufgewachsenen Autorin Elli Unruh: Lebensnah erzählt sie vom Schicksal der Mennoniten, einer deutschsprachigen Minderheit im Russischen Reich, die in der Sowjetzeit zunehmend unter Druck geriet und schließlich von der Krim und aus dem Wolgagebiet, wo die meisten lebten, nach Sibirien und Kasachstan deportiert wurde. Sehr gut besprochen wurde außerdem Sergej Lebedews neuer Roman "Die Beschützerin" (bestellen) über den Abschuss des Passagierflugzeugs MH-17 im Jahr 2014: Eine "bildmächtige Parabel von Russlands gewalttätiger Geschichte -  und Gegenwart", empfiehlt die NZZ.


Preisgekrönt

Die diesjährigen national und international gekürten Preisträger wurden in größter Einstimmigkeit gefeiert: Allen voran natürlich der frisch gekürte Literaturnobelpreisträger Laszlo Krasznahorkai. Der Perlentaucher hat so gut wie jedes Buch des ungarischen Schriftstellers, der über 400 Seiten ohne Satzpunkt schreiben kann und mehr verrückte Figuren in einen Roman einbettet als Dostojewski, in seinen monatlichen Bücherbriefen empfohlen. Die meisten müssten jetzt - zumindest als Taschenbuch - wieder lieferbar sein (siehe unsere Liste bei eichendorff21). Pünktlich vor Weihnachten, am 10. Dezember, soll außerdem Krasznahorkais neuer Roman "Zsömle ist weg" (vorbestellen) erscheinen, der uns an der Seite eines geheimen Thronfolgers durch die ungarische Gegenwart führen wird. Zufrieden nickte die Kritik auch den Deutschen Buchpreis für Dorothee Elmigers Roman "Die Holländerinnen" (bestellen) ab, die sich dem "Verständnis von Literatur als Kuscheldecke für gestresste Gegenwartsseelen … radikal mit ihrem literarischen Plädoyer zum Rätselhaften" verweigert, wie Mara Delius in der Welt aufatmete. Und auch der diesjährige Booker Preis, verliehen an David Szalay für seinen gerade auch auf Deutsch erschienenen Roman "Was nicht gesagt werden kann" (bestellen), stieß nicht auf Widerspruch: "Szalays Kunst", meint etwa Christiane Lutz in der SZ, "liegt darin, Sprache auf ihr oft unschönes Gerüst zu reduzieren. Wie auf einem Röntgenbild nur die Knochen zu sehen sind, ist in dem Roman nur das zu lesen, was zwar alles zusammenhält, aber roh wirkt, unvollständig."


Against all odds

Wenn man sich die Diskussionen über den 7. Oktober und den Gazakrieg so ansieht, kann man sich eine solche Liebesgeschichte kaum vorstellen: Nora Haddada erzählt in "Blaue Romanze" (bestellen), anhand der Liebesgeschichte zwischen der französischen Doktorandin Myriam und dem deutschen Zeitungs-Volontär Julian sehr zeitgeistig von der Zäsur innerhalb der politischen Linken erzählt: Myriam promoviert über Postkoloniale Theorie, sie wirft Israel Genozid vor. Julian, dessen Großvater bei der Waffen-SS war, setzte sich indes schon früh mit der aus der Shoah erwachsenen Verantwortung auseinander. Myriams Umfeld wirft Julian Rassismus vor, sie wiederum gilt in Julians Milieu als Antisemitin. Die Dlf-Kultur-Kritikerin Undine Fuchs liest den Roman nicht nur als eine kluge literarische Analyse des Diskurses über Israel und Palästina, sie bewundert auch den Mut der Autorin, das heiße Eisen anzupacken. Und das Lebensgefühl der Millenials fängt der Roman auch bestens ein, versichert Fuchs.

Gegen Widerstände aller Art kämpfen auch die Heldinnen der folgenden Romane: Miku Sophie Kühmel erzählt uns in "Hannah" (bestellen) die Liebesgeschichte zwischen der Dadaistin Hannah Höch und der niederländischen Schriftstellerin Til Brugmann - SZ-Kritikerin Laura Weissmüller feiert den Wagemut der Autorin in jeder Hinsicht: "Federleicht hingetupft" erscheint ihr die Liebesgeschichte zwischen den Weltkriegen, ohne dass dabei das sich anbahnende Grauen ausgeblendet wird. Vor allem aber bewundert sie, wie virtuos Kühmel Höchs Collagetechnik mittels Typografie, Fettungen oder Gedicht-Einschüben in den Text übersetzt. Die kongolesisch-britische Autorin Christina Fonthes führt uns in "Wohin du auch gehst" (bestellen) ins Zaire der 1970er Jahre und ins London der Gegenwart: Mira, die die DR Kongo schwanger verließ, führt als Mitglied einer evangelikalen Kirche ein streng religiöses Leben in London, bis ihre lesbische Nichte Bijoux auftaucht. In der FAZ empfiehlt Tobias Döring ein großes Panorama der afrikanisch-europäischen Verflechtung, aber auch eine Familien- und Sozialgeschichte, die Fonthes sprachintensiv und wendungsreich erzählt. Empfohlen wird auch Inkeri Markkulas Roman "Wo das Eis niemals schmilzt" (bestellen), der die zarte Liebesgeschichte zwischen Unni, einer sámischen Gletscherforscherin aus Lappland, und Jon, einem Inuk aus Kanada, der in Dänemark aufwächst, vor dem Hintergrund der gemeinsamen kolonialen Erfahrungen der arktischen Völker aus Kanada, Dänemark und Finnland erzählt.


Magisch

Alle zehn Medien, die der Perlentaucher auswertet, haben sich in kürzester Zeit auf den neuen Pynchon gestürzt: Zwölf Jahre sind seit seinem letzten Roman vergangen und vermutlich ist "Schattennummer" (bestellen) der letzte Roman des 1937 geborenen Amerikaners, mutmaßen die Kritiker. Die Handlung lässt sich pynchongemäß kaum resümieren: Wir folgen Privatdetektiv Hicks McTaggart, der im Milwaukee der 1930er eine mit einem jüdischen Musiker durchgebrannte Käserei-Erbin wiederfinden soll. Hicks landet schließlich in Ungarn und gerät  in Verwicklungen mit Nazis, sowjetischen Agenten, britischen Gegenspionen und vielen anderen. FAZ-Rezensent Andreas Platthaus hat viel Spaß an dieser "lustvollen Vaudevillehandlung", die man keineswegs unterschätzen sollte. In der NZZ hebt Paul Jandl die virtuose Sprache hervor: Für die brillant ins Deutsche übertragenen "kunstvoll verwinkelten Dialoge" und "Milieuparodien" möchte er den Übersetzern Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren sofort Preise verleihen. FAS-Kritiker Thomas David folgt zunächst gespannt der Hard-Boiled-Handlung, stellt aber bald fest, wie viele Spuren und Verweise Pynchon in seinem metafiktionalen Spiegelkabinett auslegt. Erfahrene Pynchon-Exegeten werden ihre helle Freude haben an dem Buch, ist er sich sicher. Sylvia Staude bleibt in der FR ein wenig ermüdet zurück. 

Wer nach dem neuen Pynchon noch Kraft hat, kann sich mit Gustavo Faverón Patriaus Roman "Unten leben" (bestellen) direkt auf das nächste Epos stürzen, das ebenfalls kaum zusammenzufassen ist. Entsprechend rät Thomas Wörtche im Dlf den Roman des lateinamerikanischen Autors und Literaturprofessors gleich mehrfach zu lesen: So vielfältig sind die Handlungsstränge und so dicht das Netz aus Referenzen. Im Mittelpunkt steht George Bennett junior, ein Filmemacher, Serienmörder und Nachkomme eines brutalen Folterknechts von CIA, Nazis und südamerikanischen Diktatoren, der selbst als vermeintlicher Mörder gejagt wird. Bis in den Zweiten Weltkrieg führt die Handlung zurück, wir begegnen dabei unterschiedlichsten historischen Figuren wie Klaus Barbie oder dem bolivianischen Lyriker Jaime Sáenz. Eine horrorartige Gewaltgeschichte Lateinamerikas, die mit mit allen Finessen modernster Erzähltechniken dargeboten wird, staunt Wörtche. Fulminant findet Katharina Döbler im Dlf Kultur, wie Patriau originelle Figuren, schwarzen Humor, Grauen und Wahnsinn zu einem Spinnennetz verwebt. Knapp, aber nicht weniger magisch nimmt sich dagegen Anne Serres neuer Roman "Einer reist mit" (bestellen) aus, in dem uns die mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Französin an der Seite einer Schriftstellerin mit auf eine somnambule Zugreise von Paris nach Montauban nimmt. Sie ist auf dem Weg zu einem Literaturfestival, auf das sie wenig Lust hat - und wappnet sich mit der Lektüre ihres Lieblingsautors Enrique Vila-Matas. FAZ-Rezensent Cornelius Wüllenkemper ist verzaubert von den "unerschöpflich feuernden Fiktionskanonen", die Serre zündet. Erst recht, wenn Serres geschliffener Sprechgesang so brillant ins Deutsche übersetzt wird, wie von Patricia Klobusiczky.

Magisch und märchenhaft geht es auch im Roman "Amphibium" (bestellen) der amerikanischen Autorin Tyler Wetherall zu, der uns von Außenseiterin Sissy erzählt, die an der Schwelle zur Pubertät ihre Sexualität entdeckt und sich in das titelgebende Amphibium verwandelt. "Sensibel, eindrücklich, melancholisch" findet die Welt den Roman. Sehr gut besprochen wurden außerdem die neuen Erzählungen von Milena Michiko Flasar "Der Hase im Mond" (bestellen). Wie die japanisch-österreichische Schriftstellerin hier mit westeuropäischen Japan-Klischees spielt und die Leidenschaften und Abgründe hinter den Fassaden der zurückhaltend wirkenden Japanern zeigt, gefällt dem Dlf ausgesprochen gut, auch, weil sie das "universell Menschliche" dahinter erkennt. Die NZZ erinnert die Mischung aus Moderne und magischer Tradition manchmal an Murakami, doch Flasar ist eine Meisterin ganz eigenen Rechts im Beschreiben menschlicher Entfremdungen, meint er. Hingewiesen sei schließlich noch auf Samantha Schweblins Erzählungen "Das gute Übel" (bestellen), die laut Angela Schader im Perlentaucher-Vorwort fragen, was uns noch aus unserem "halbwachen Zustand" aufscheuchen kann, während rundum schreckliche Dinge geschehen.


Wir amüsieren uns zu Tode

Eines muss man dieser Saison zugestehen: So vielfältig und bunt war die thematische Auswahl selten! Oder wann wurden wir schon mal literarisch ins Gym geführt? Dorthin geht's mit Verena Keßlers gleichnamigem Roman (bestellen) und zwar an der Seite einer jungen Frau, die nach dem Verlust von Job und Mann derart unter Leistungsdruck steht, dass sie sich im Fitnessstudio zum wilden Grizzly aufpumpt. Eine erfreulich biestige "Fallstudie falschen Bewusstseins", lobt Zeit-Kritiker David Hugendick, und auch SZ-Rezensent Thore Rausch amüsiert sich prächtig mit diesem Roman, der "rasant, verschwitzt und keine Sekunde zu lang" sei. Anja Kampmann nimmt uns in ihrem Roman "Die Wut ist ein heller Stern" (bestellen) mit auf die Reeperbahn in den Jahren 1933 bis 1937. Dort tanzt Hedda im Varieté und erlebt, wie kommunistische Arbeitervereine und Nazis aufeinanderstoßen. In der NZZ staunt Paul Jandl, wie hier der Nationalsozialismus als eine Geschichte des Körpers erzählt wird, etwa, wenn beschrieben wird, wie Heddas Gebärmutter auf behördliche Anordnung hin entfernt wird.

An einen ganz anderen Ort entführt uns Marius Goldhorn in seinem Roman "Die Prozesse" (bestellen): Ins postapokalyptische Brüssel des Jahres 2030 nämlich, wo Aufständische das Haus der Europäischen Geschichte einnehmen und zur autonomen Kommune erklären. Im Mittelpunkt stehen Ezra, der einen rechten Blog betreibt und sein Partner, die Brüssel nach einem Anschlag bald in Richtung Norditalien verlassen. Die Kritiker sind allesamt angetan, bieten aber sehr unterschiedliche Lesarten an: Im Dlf Kultur gefällt Maximilian Mengeringhaus, wie der Autor die Gegenwart seziert, indem er etwa die Macht rechter Thinktanks aufzeigt. Im Dlf liest Jan Drees den Roman als "pop-melancholische Liebesgeschichte mit KI-Spekulationen", für die taz ist er ein Werk wider den "kapitalistischen Realismus". Noch zwanzig Jahre weiter, ins Jahr 2050 nämlich, dreht Fiona Sironic in ihrem Debütroman "Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Dinge in die Luft" (bestellen) die Zeituhr: Maja und Merle, Töchter von Mommy Bloggern, die ihre Kinder früh ins Internet zerrten, setzen alles daran, vergessen zu werden, während sie im Wald Gegenstände in die Luft jagen. "Hohe Zeitgenossenschaft" attestiert Judith von Sternburg in der FR dem thrillerartigen Roman.


Entwicklungsromane

Gleich mit ihrem Debütroman hat es die Schriftstellerin Jehona Kicaj auf die Shortlist geschafft - und zwar mit Recht, wenn wir den Kritiken glauben. Der Titel des Roman "ë" (bestellen) bezieht sich auf einen Buchstaben, der im Albanischen zwar stumm bleibt, aber doch den Klang des Wortes beeinflusst. Eine perfekte Metapher für die Geschichte, die uns Kicaj erzählt, handelt sie doch von Sprachlosigkeit auf verschiedenen Ebenen: Die namenlose Protagonistin, wie die Autorin im Kosovo geboren und in Deutschland aufgewachsen, leidet unter Bruxismus, also extremem Zähneknirschen - eine Spätfolge des Krieges, der der Familie die albanische Muttersprache zweimal nahm: Einmal aus Angst vor den Serben, einmal in der neuen Heimat, in der sie Deutsch lernen musste. Zeit-Kritikerin Sarah Pines empfiehlt das Buch nicht nur, weil es so wenige Fluchtgeschichten aus dem Kosovo gibt, sondern auch, weil Kikaj unaufgeregt von einer "stillen Diaspora" erzählt. Wie eine mit größter Sorgfalt und Rationalität konstruierte Maschine erscheint dem SZ-Rezensenten Hubert Winkels der Text: Szenen "antworten" aufeinander, Details spiegeln sich in anderen. Auch in FAZ, Dlf Kultur, FR und taz gibt es nur Lob.

Auf die Shortlist hat es auch Thomas Melles neuer, um das Thema Depressionen kreisender Roman "Haus zur Sonne" (bestellen) geschafft, den Jan Wiele in der als FAZ als "vertracktes Meisterwerk" beschreibt. Verdient hätte es auch der Debütroman "Botanik des Wahnsinns" (bestellen) des Psychologen und Schriftstellers Leon Engler, der laut FR-Rezensent Martin Oehlen spannend, klug und dabei in "angenehm leichten Ton" einen Erzähler begleitet, dessen Familiengeschichte von Depressionen, Wahnsinn und Alkoholismus geprägt ist. Der Erzähler kämpft schließlich gegen Agateophobie, die Angst, ebenfalls den Verstand zu verlieren. Oehlen gefällt vor allem die verschmitzte Ernsthaftigkeit, mit der Melle erzählt. Einen familiären Kampf anderer Art ficht die Heldin aus Ariana Harwiczs neuem Roman "Kopflos" (bestellen) aus. Die argentinische, mit dem Booker-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin stellt uns Lisa vor, eine Mutter, die unter anderem wegen häuslicher Gewalt angeklagt ist, das Sorgerecht für ihre Kinder verliert und diese schließlich entführt. Wie "ein 140 Seiten langer Punk-Song" erscheint Julia Schröder im Dlf der Roman, während Christoph Gurk in der SZ gefällt, wie Harwicz in diesem dichten inneren Monolog auch das Panorama von Regeln und Erwartungen ausbreitet, dem Frauen ausgesetzt sind.

Sehr gut besprochen wurden außerdem Gerti Tetzners ursprünglich 1974 in der DDR erschienener Selbstermächtigungs-Roman "Karen W." (bestellen) über Karen Waldau, die nach einer unglücklichen Ehe ihren Mann verlässt und mit ihrer Tochter Bettina ins ländliche Dorf Osthausen zieht. Auch die Filmdiva Jeanne Patou, die Nina George in den Mittelpunkt ihres neuen Romans "Die Passantin" (bestellen) stellt, bricht aus ihrer gewaltvollen Ehe aus - auf besondere Weise: Das Flugzeug, in dem ihr Mann sie wähnt, stürzt ab - nur war Jeanne nie eingestiegen. Originell und "durch kleine Volten und Schocks" spannend bis zum Schluss, findet die SZ. Gefangen ist auch Olivia, Hauptfigur aus Lina Schwenks Debütroman "Blinde Geister" (bestellen): Vater Karl hat die Traumata aus dem Zweiten Weltkrieg nie verarbeitet, noch in den 1960er Jahren zwingt er die Familie immer wieder, sich aus Angst vor den Russen tagelang im Keller zu verstecken. Eine feinfühlige Geschichte über das Schweigen zwischen den Generationen, meint die taz.


Gesellschaftspanoramen

Einige der großen Gesellschaftspanoramen dieser Saison haben wir bereits in unseren Bücherbriefen empfohlen, darunter etwa Jonas Hassen Khemiris Roman "Die Schwestern" (bestellen), der die Schicksale von drei Schwestern, die bei ihrer alleinerziehenden tunesischen Mutter in den Neunzigern in der schwedischen Drakenbergsiedlung aufwachsen, bis ins Jahr 2035 verfolgt. In einen ganz anderen Gesellschaftsbereich führt uns Karsten Krampitz mit seinem Roman "Gesellschaft mit beschränkter Hoffnung" (bestellen): Halb historisierend, halb fiktionalisierend widmet sich der Autor einer Subkultur der DDR, nämlich der christlich-sozialistischen Schwerbehindertenkommune Hartroda, die 1978 in Nordthüringen gegründet wurde, mit dem Traum, ein freies, selbstbestimmtes und unüberwachtes Leben zu führen - was auch etwa Punks oder Kriegsdienstverweigerer anzog, erzählt Cornelius Wüllenkemper im Dlf. Ihm wird's mitunter zwar zu "kokett direkt" oder "akrobatisch", wenn es um die Fiktionalisierungen geht, insgesamt aber lobt er das "leichtfüßige Parlando" und die Sachkenntnis des Autors. Mit Maya Rosas Roman "Moscow Mule" (bestellen) geht es ein Vierteljahrhundert weiter, ins Moskau der 2000er Jahr: Rosa, in Moskau aufgewachsen und in Berlin lebend, fängt am Beispiel von zwei Freundinnen die fiebrige Aufbruchsstimmung des Moskauer Studentenlebens ein, wie Kerstin Holm in der FAZ schreibt: Unter der grellen Oberfläche lässt die Autorin Ereignisse vom Tschetschenienkrieg bis zur Ermordung der Journalistin Anna Politkowskaja aufscheinen, die bereits den totalitären Kurs von Putin anzeigen. Für Holm ein übermütiges, bildverliebtes und humorvolles Denkmal einer "aus Not geborenen Frauenemanzipation".

Weit spannt Dimitre Dinev das Panorama in seinem gerade mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Zeit der Mutigen" (bestellen), der uns durch die Gewaltgeschichte Deutschlands, Österreichs, Russlands und vor allem Bulgariens führt. Man begibt sich am besten eine Woche in Klausur, um dieses "monumentale" und herausfordernde 1200-Seiten-Werk, meint die Zeit: Entlohnt wird der Leser aber reichlich mit einem prächtigen Ritt durch das 20. Jahrhundert, geschrieben in einem Stil, der zwischen "Derbheit und kargster Nüchternheit, blumigster Ironie und mystisch verwehtem Märchen" changiert. Im Standard bewundert Wolfgang Müller-Funk die "Erzählfreude" und "trockene Ironie eines Autors, "der große Ereignisse im Maßstab kleinen dörflichen Lebens" erzählt. Ins Ägypten der Sechziger nimmt uns indes Alaa al-Aswani in seinem Roman "Die Bäume streifen durch Alexandria" (bestellen) über eine Gruppe von Freunden, die unter der Nasser-Diktatur zerbricht, mit. Die FAZ lobt, wie al-Aswani einmal mehr die "komplexen, widersprüchlichen und mächtigen Unterströme" einer Gesellschaft freilegt. Hingewiesen sei unbedingt auch nochmal auf Kamel Daouds Roman "Huris" (bestellen), den wir bereits in unserem Bücherbrief des Monats September empfohlen haben.

Weitere Leseempfehlungen finden Sie in Angela Schaders "Vorworten" und in älteren Bücherbriefen.

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