Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…

Am 28. Oktober wurde die renommierte Literaturwissenschalerin und Soziologin Eva Illouz von der Uni Rotterdam ausgeladen. Sie hatte auf einem Kolloquium über "romantische Liebe und Kapitalismus" reden sollen. Aber, ach, leider, die Hörerschaft war zu sensibel, um die Anwesenheit der Franko-Israelin auszuhalten. Nicht das Thema ihres Vortrags hatte dies "Unwohlsein" ausgelöst, sondern die Tatsache, dass Illouz in ihrem kleinen Essay "Der 8. Oktober" (bestellen) als Linke Linke und ihre Reaktionen nach dem Terroranschlag der Hamas auf Israel kritisiert hatte. "Der 8.Oktober" hat europaweit eingeschlagen. Das mag auch daran liegen, dass die Entdeckung eines linken Antisemitimus für Illouz neu gewesen zu sein schien - und ihre Argumente darum so frisch wirken. Wir hatten das Buch schon im letzten Bücherbrief empfohlen, für uns bleibt es das wichtigste politische Buch der Saison. Ebenfalls lesenswert zu dem Thema sind die "Essays wider Zeitgeist und Judenhass", die Karl-Markus Gauß unter dem Titel "Schuldhafte Unwissenheit" (bestellen) in einem Band versammelt hat. Gauß, selbst klar im linken Lager verortet, erinnert darin Welt-Kritiker Marko Martin zufolge unter anderem an einen anderen Linken, Jean Améry, und dessen Enttäuschung über die Judenfeindlichkeit vieler seiner vermeintlichen Verbündeten.
Der Rechtsextremist Björn Höcke kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Um ein Phänomen wie dessen Rechtsextremismus zu verstehen, ist es nicht nur wichtig zu theoretisieren, wie es die meisten bekannten Bücher zum Thema tun, es ist auch wichtig sich mit konkreten Personen und Milieus zu beschäftigen. Höcke war ein ganz normaler, bei Schülern und Kollegen beliebter Geschichtslehrer. Ganz normal? Na, vielleicht nicht, denn er zeigte durch kleine Zeichen bereits in frühen Jahren seine Gesinnung, erzählt der Autor Frederik Schindler hier bei welt.de im Interview. Sein Buch "Höcke. Ein Rechtsextremist auf dem Weg zur Macht" (bestellen) hat gute Kritiken. Schindler hat durch seine Recherchen viel über Höcke herausgefunden - aber vielleicht ist es der Hauptverdienst des Buchs, ihn in eine Normalität eingebettet zu haben, die ihn zuließ, in der er beliebt war und die ihn nicht bremste. Interessant in diesem Kontext war eine FAZ-Reportage von Melanie Mühl, die Höcke bei einem Auftritt in Thüringen beobachtete und bemerkte, dass Höcke alles andere als ein Stammtischredner ist (unser Resümee): "Seine kältesten Sätze sagt er mit einem Lächeln."
Zu den wichtigsten theoretischen Versuchen, Rechtsextremismus zu verstehen, gehört die Studie "Zerstörungslust - Elemente des demokratischen Faschismus" (bestellen) der Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey. Es ist vielleicht das am intensivsten besprochene politische Buch der Saison. Es schneidet allerdings nicht immer so gut ab wie sein Vorgänger "Gekränkte Freiheit". Aber die beiden Autoren bleiben ihrem Ansatz treu: Sie wenden Methoden der Befragung aus der Kritischen Theorie auf die Gegenwart an. Die Rechtsextremen, sagen sie laut Oliver Weber in der FAZ, verfolgen nicht immer die gleichen Ziele, aber sie haben eine gemeinsame "Gefühlsstruktur" - die Lust an Zerstörung. Wo die eigene Zukunft blockiert scheint, werden eigene Frustrationen auf den Staat projiziert, der die wenigen verbliebenen Ressourcen an andere Gruppen zu verteilen scheint - und hier kommt Gewalt ins Spiel. Und der Faschismusbegriff. Auf die Frage des Zeit-Interviewers, ob man gerade in Deutschland diesen Begriff braucht, antwortet Amlinger: "Wir sind der Meinung, dass 'Rechtspopulismus' als Begriff nicht mehr ausreicht, denn dem Rechtspopulismus geht es letztlich um einen Austausch der Eliten und darum, dem vermeintlichen Volk zu seinem Recht zu helfen. Was wir aber jetzt erleben, ist der Versuch einer energetischen Erneuerung des Volks."
Die Linke kostümiert sich gern Vintage: Was steht uns besser als die Joppe des Antifaschisten? Vielleicht vollzieht sich aber auch ein viel tieferer Strukturwandel, der mit dem Rückgriff auf den guten alten Faschismusbegriff gerade nicht zu verstehen ist. Der Politikwissenschaftler Giuliano da Empoli reflektiert in seinem Essay "Die Stunde der Raubtiere - Macht und Gewalt der neuen Fürsten" (bestellen) den vielleicht unheimlichsten Aspekt der antidemokratischen Wende in den westlichen Demokratien, den vom Trumpismus vorgemachten Schulterschluss zwischen finsterster Reaktion (mit allen Ingredienzien bis hin zum kollektiven religiösen Wahn, wie ihn die Trauerfeier für Charlie Kirk vorführte) mit den avantgardistischsten Technologien aus dem Silicon Valley. Da Empoli, ehemaliger Berater Matteo Renzis, spielt eine wichtige Rolle in der brillanten französischen Zeitschrift Le Grand Continent. Europa vergleicht er in seinem Essay mit dem Aztekenreich im Moment des Einfalls der Spanier. "Konfrontiert mit Blitz und Donner des Internets, der sozialen Netzwerke und der KI, unterwarfen sie sich in der Hoffnung, ein wenig Feenstaub werde auch auf sie niedergehen." Allzuviel Auseinandersetzung gab es in den deutschen Feuilletons bisher noch nicht mit dem Buch - in der FR äußerte sich Da Empoli in einem der täglichen Interviews von Michael Hesse.
Nichts tun Sozialdemokraten lieber als andere Sozialdemokraten zu demontieren. "Der Herr badet gerne lau", rief Herbert Wehner den Journalisten von Moskau aus ins Mikrofon. Kurz darauf musste Willy Brandt zurücktreten (die Details der Anekdote sind umstritten, mehr hier). Jüngst sägten die Jungsozialisten den beliebten Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel ab - im Grunde genau für das, was ihn so beliebig gemacht hatte - nämlich weil er sich als Sozialdemokrat nicht scheute, Clankriminalität zu bekämpfen und es ablehnte, sich dem Begriff des "Antimuslimischen Rassismus" zu unterwerfen. In diesem Kontext mag es interessant sein, Michael Roths Memoir "Zonen der Angst - Über Leben und Leidenschaft in der Politik" (bestellen) zu lesen, das mehr ist als ein übliches Politikerbuch. Roth war quasi der einzige Sozialdemokrat, der eine solidarische Position zur Ukraine und vor allem eine kritische Position zu Russland vertrat - der Rest der Partei mag sich politisch, aber nicht emotional von der klassischen SPD-Schwäche für dieses Land entfernt haben. Er kandidierte 2023 erneut für den Parteivorstand, wurde von seinen Genossen aber abgestraft. Wenig später schmiss er hin. In seinem Buch, berichtet Rezensent Georg Ismander in der SZ, spricht Roth ungewöhnlich offen nicht nur über die Machtspiele in der Partei, sondern auch darüber, wie er sie psychisch immer weniger aushielt und letztlich einsah, dass er sich aus der Politik verabschieden musste.
Reinhard Bingener und Markus Wehner hatten in ihrem grundlegenden Buch "Die Moskau-Connection" bereits das epochale Versagen der deutschen Politik - besonders der SPD - vor der russischen Autokratie erzählt und analysiert. Hier schließt der durch das Fernsehen bekanntere Journalist Georg Mascolo zusammen mit seiner Frau und Stern-Redakteurin Katja Gloger in ihrem Buch "Das Versagen. Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik" (bestellen) an. Gut, dass sie es tun, das Thema dürfte bei weitem nicht ausrecherchiert sein. Die Autoren zeichnen mithilfe ausführlicher Archivarbeit - einige der Akten, die sie zu Rate ziehen, sind immer noch als Verschlusssache gekennzeichnet - nach, wie deutsche Politiker sich von Putin um den Finger wickeln beziehungsweise in windige Geschäfte einspannen ließen, erzählt Zeit-Rezensent Matthias Naß. Man erfahre einiges über dunkle Hintermänner: Zum Beispiel über Klaus Mangold, einen einflussreichen Russland-Lobbyisten, den Nord Stream 2-Geschäftsführer Matthias Warnig oder den SPD-Politiker Sigmar Gabriel, der Nord Stream 2 maßgeblich vorantrieb und natürlich nicht zuletzt über Gerhard Schröder. Auch Bingener und Wehner legen nach und schildern in "Der stille Krieg - Wie Autokraten Deutschland angreifen" (bestellen), wie es ist, in einem Krieg zu leben, den man noch gar nicht wahrgenommen hat - der von den Feinden aber längst geführt wird.
A propos. Zum unerklärten, aber realen Krieg, in dem wir leben, kann der russische, in Deutschland lebende Journalist Andrey Gurkov mit seinem Buch "Für Russland ist Europa der Feind - Warum meine Heimat mit dem Westen gebrochen hat" (bestellen) einiges beitragen. Spätestens seit dem Ukrainekrieg ist klar, dass Russland Europa als Feind betrachtet, auch wenn manche Russen gern in europäischen Läden einkaufen gehen, resümiert Yelizaveta Landenberger in ihrer sehr positiven taz-Besprechung. Gurkov unterfüttert diese Diagnose mit einem Blick in die Geschichte und zeichnet laut Landenberger die Spannungen zwischen europaphilen und slawophilen Kräften nach, die das Land schon lange bestimmen. Ebenso positiv Ulrich M. Schmid in der NZZ, der auch auf Gurkovs Pessimismus hinweist. Auch Maria Aljochina dürfte mit ihrem Buch "Political Girl - Pussy Riot - Leben und Schicksal in Putins Russland" (bestellen) zustimmen. Sie hat es selbst erlebt: "Wenn Sie mir vor 15 Jahren gesagt hätte: Dein Land wird die Ukraine bombardieren und es eine 'militärische Spezialoperation' nennen, man wird für einen Instagram-Post inhaftiert werden, das Regime wird deine Freunde zusammenschlagen, vergewaltigen und umbringen, dann hätte ich gesagt, das ist Schwachsinn." So bald dürfte der Krieg, von dem wir nicht wissen, dass wir mittendrin stecken, nicht aufhören.