Julian Barnes: Abschied(e)Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte…
Die Reportage der Saison ist ganz sicher Ronya Othmanns "Rückkehr nach Syrien" (bestellen). Othmann und ihr Vater, ein jesidischer Kurde, der 1980 aus Syrien geflohen war, haben wenige Wochen nach dem Sturz Assads Damaskus, Aleppo und Homs bereist und etwas später den Norden Syriens, wo der Vater herkommt. Die beiden besuchen unter anderem die Folterkeller des Saidnaya-Gefängnisses, Rakka, die Stadt, die der selbst ernannte "Islamische Staat", der Tausende Jesiden töten ließ, einst zum Zentrum seines Terrorregimes erklärte hatte, und Camp Al Hol, ein Gefangenenlager für Angehörige des IS. Othmann interessiert sich vor allem dafür, wie die zur Zeit regierenden Islamisten den Angehörigen der verschiedenen Minderheiten in Syrien, darunter Jesiden, Alewiten, Drusen begegnen, erklärt im br Niels Beintker, der dieses "wichtige" Buch mit großem Interesse gelesen hat. Immerhin werden Jesiden derzeit wieder aus Deutschland nach Syrien abgeschoben. Für deren Zukunft dort sieht Othmann eher schwarz. Auch FAZ-Kritiker Jobst Welge ist beeindruckt: Souverän bette Othmann Beobachtungen und Dialoge in politische und historische Kontexte, schildere anschaulich ihre eigenen Reiseerfahrungen und Empfindungen und gehe mit beeindruckender Kenntnis immer wieder ins Gespräch mit verschiedensten Menschen, lobt der Rezensent. Lob für Othmanns "intensive und facettenreiche" Reportage zollt auch Stephanie von Oppen im Dlf Kultur.
Andriy Lyubka beschreibt in seinen literarischen Reportagen über "Die Rückseite des Krieges" (bestellen) den Kriegsalltag in der Ukraine - vom Geschehen an der Front bis zu den zahlreichen Helfer im Hinterland, die die Stromversorgung aufrecht erhalten, die Krankenhäuser oder die Armee versorgen. Im Dlf Kultur wünscht Marko Martin dem Buch viele Leser, so "präzis wie emphatisch" mache Lyubka das große Leid der ukrainischen Zivilbevölkerung sichtbar. Die Verteidigung des Landes hält er für unabdingbar, aber von Hurra-Patriotismus ist Lyubka weit entfernt, versichert Martin, der statt dessen von ehemaligen Ärzte, Studenten, Ingenieuren und mittelständische IT-Experten liest, "die der russische Überfall aus einem ganz normalen europäischen Leben gerissen hatte. Und wie müde sie sind, wie sie sich sehnen nach ihren Familien". Fernanda Melchors unter dem Titel "Das hier ist nicht Miami" (bestellen) versammelten Crónicas beschreiben in einer Mischung aus subjektiver Reportage, Fakten und fiktiven Elementen die gewaltvolle Realität ihrer mexikanischen Heimatstadt Veracruz. Und das scheint so gut zu funktionieren, dass FAZ-Kritikerin Maria Wiesner Gänsehaut bekommt. Hier gehts um einen Flüchtling, der nach New York will, um die Mörder seiner Eltern zu töten, um Drogenbosse und korrupte Ermittler oder um Dreharbeiten für einen Mel-Gibson-Film und einen Statisten, der dafür nochmal sein ehemaliges Gefängnis betreten soll. Ein Buch wie ein Messerstich, findet Anne Kohlick im Dlf Kultur.

Empfohlen werden außerdem Joe Saccos vielstimmige Comic-Reportage "Indien" (bestellen) über einen tödlichen Konflikt zwischen verschiedenen Volksgruppen im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh. Domenico Quiricos Geschichte der "Kalaschnikow" (bestellen), deren Einsatz er an Kriegsschauplätzen von Gaza bis Grosny selbst miterlebt hat. Und Josephine W. Johnsons radikaler Klassiker des nature writings "Ein Jahr in der Natur" (bestellen) von 1969, den die Andere Bibliothek zur Freude der FAZ neu aufgelegt hat.