Die brisanten Briefe des Dichters In den Briefen, die Rilke insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg mit der jungen Mailänder Fürstin Aurelia Gallarati-Scotti wechselte, offenbart der Dichter eine noch immer wenig bekannte und gern verdrängte Seite: Er zeigt offen Sympathien für den italienischen Faschismus und autoritäre Regime - Gallarati-Scotti widerspricht ihm mit humanistischer Klarheit, woraufhin sich Rilke nur noch tiefer verrennt Hans-Peter Kunisch gelingt in seiner Biografie mit erzählerischen Mitteln eine brillante Analyse, die das Werk eines der bekanntesten deutschen Dichter und seine politischen Überzeugungen in einen neuen Kontext stellt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.10.2025
Eine "heiße Kartoffel" der Rilke-Forschung stellen die "Lettres milanaises" dar, berichtet Rezensent Paul Jandl, jene Briefe, die der gesundheitlich schwer angeschlagene Dichter im Jahr 1926 an die italienische Adelige Aurelia "Lella" Gallarati-Scotti schrieb: Rilke lobt darin zunächst Benito Mussolinis rhetorisches Talent und steigert sich immer mehr in eine "Verherrlichung der Diktatur als Staatsform" hinein. Hans-Peter Kunisch stellt nun in seinem Buch laut Jandl die richtigen Fragen: Wurde Rilke am Lebensende zum "Salonfaschisten"? Die Briefe zeigen eine dramatische Wendung vom früher antinationalistischen, teils linken Rilke hin zu einem Bewunderer autoritärer Herrschaft. Der Dichter, gesundheitlich schwer angeschlagen und dem Tod nahe, propagiert Gehorsam gegenüber autoritären Führern und stellt menschliche Freiheit als unzureichend dar, lesen wir, Lella Gallarati-Scottis Einspruch gegen Rilkes Faschismus blieb wirkungslos. Das Buch beleuchtet damit ein wenig bekanntes, kontroverses Kapitel in Rilkes Leben und Werk, so der Kritiker.
Angetan folgt Rezensent Christoph Vormweg diesem 300-seitigen biografischen Essay über einen bisher unbeleuchtet gebliebenen Aspekt im Werk Rainer Maria Rilkes. Dieser schrieb von 1921 bis 1926 Briefe an die mailändische Herzogin Aurelia Gallarati-Scotti, in denen er sich als starker Sympathisant Benito Mussolinis zu erkennen gab. Bisher wurde dieser Rechtsruck des späten Rilke allzu leichtfertig als Konsequenz der Leukämie gedeutet, mit der er seit Beginn der 1920er Jahre zu kämpfen hatte, erfährt Vormweg. Doch Hans-Peter Kunisch enthüllt in seiner hellwachen und stilistisch ausgefeilten Prosa, dass es sich bei den Briefen nicht um die Hirngespinste eines kränkelnden Dichters handelt, vielmehr findet Kunisch Verbindungen zu Rilkes Antisemitismus aus anderen Briefwechseln und seiner frühen Begeisterung für Friedrich Nietzsche. All diese Querverweise bettet der Autor in einen "furios" konstruierten Plot, der überzeugend zwischen Zeitsprüngen und kondensierten Parallelbiografien wechselt, lobt der Kritiker. Dadurch entsteht für Vormweg ein wichtiges Porträt des späten Rilke, das als "Herausforderung für unser Hier und Heute" nicht ignoriert werden sollte, da Rilke eben nicht nur den Frauen, sondern auch dem "Salonfaschismus" zugewandt war.
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