Marius Goldhorn

Die Prozesse

Roman
Cover: Die Prozesse
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2025
ISBN 9783462007800
Gebunden, 288 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Brüssel im Spätsommer 2030, die Stadt ist in Aufruhr. Die Peripherie, die Marktplätze, Museen und Boulevards, überall kommen Menschen zusammen, protestieren und feiern, unerwartete Gemeinschaften entstehen, alte Ordnungen zerfallen.Der Erzähler und sein Partner Ezra machen Urlaub in Ostende. Bei ihrer Rückkehr nach Brüssel werden sie von den Ereignissen mitgerissen, die bald auch ihre Beziehung auf eine harte Probe stellen. Als Ezra, der einen politischen Blog betreibt, Opfer eines Anschlags wird, verlassen sie Brüssel und machen sich auf den Weg nach Norditalien. Auf dem entlegenen Hof einer mysteriösen Gärtnerin wollen sie zur Ruhe kommen. Doch ihr Rückzug wird zur surrealen Höllenfahrt - zu einer schicksalhaften Reise durch die Welt der Toten und Geister.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 30.12.2025

Rezensentin Zelda Biller ist sich uneins über die betuliche Romantik, die der deutsche Schriftsteller in seinem bewusst wirr erzählten, zweiten Roman ausbreitet. Vor der Kulisse eines zerfallenden Europas im Jahre 2030 reist ein deutsches, schwules Pärchen aus dem Urlaub zurück in ein von Scharmützeln durchsetztes Brüssel, fasst die Kritikerin zusammen. Um der Besetzung ihres Viertels zu entkommen, fliehen die beiden nach Italien, wo sie in einem entlegenen Garten Unterschlupf finden und einer der beiden, Ezra, an Denguefieber stirbt. Biller erkennt in dieser verwirrenden Handlung eine deutliche, bis in die Details gehende Abwandlung von Christian Krachts Roman "1979", da sich auch hier der identitätslose Erzähler nach dem Tod seines Partners und aufgrund der Überforderung durch seine Umwelt der Fremdregulierung und Autoritätsanhimmelung hingibt, beobachtet die Kritikerin. Sie liest beide Texte jedoch weniger als Kritik an einer Form von westlicher Dekadenz, sondern vielmehr als deren privilegierten, bildungsbürgerlichen Ausdruck. 

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 15.10.2025

Eine bemerkenswerte Gesellschaftsutopie ist dieses Buch, das eine "pop-melancholische Liebesgeschichte mit KI-Spekulationen" und "Klima-Apokalypse" verbindet, lobt Rezensent Jan Drees. Der "diagnostische Roman" spielt im Jahr 2030, in einer postapokalyptischen, zerfallenden, hoffnungslosen Welt. Im Zentrum steht ein schwules Liebespaar - der namenlose Erzähler und sein Partner Ezra -, die in Brüssel-Molenbeek leben und versuchen, in einer untergehenden Zivilisation einen Ort der Nähe, Schönheit und Bedeutung zu finden. "Eingebettet in die uralte Form der Heldenreise" wirft Goldhorns Buch einen Blick auf die  Zukunft aller Menschen. Die inhaltliche Schwere wird von "überraschend robusten Sprachpfeilern" getragen, meint ein beeindruckter Kritiker, während andere Autoren wie Leif Randt an Grenzen stoßen, geht Goldhorn weiter: Er verknüpfe poetische Sprache mit nüchterner Zukunftsvision und thematisiert die unaufhörliche Gewalt und Zerstörung in der menschlichen Geschichte. Goldhorn ist für Drees ein außerordentlich talentierter Autor und dieses Buch auf jeden Fall ein Lektüre wert. 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.09.2025

Rezensent Felix Stephan verortet Marius Goldhorns Roman im Umfeld des "berufshedonistischen" Magazins Das Wetter. Der in Brüssel spielende Roman handelt von einem Volksaufstand gegen die EU-Institutionen, der Stephan an den Sturm auf das Kapitol erinnert, und davon, wie die Beziehung eines Webdesigners und eines Online-Predigers darüber in die Brüche geht. Feinsinnig gemacht, findet Stephan. Ob es sich um eine Utopie oder eine Dystopie handelt, vermag er aber nicht zu sagen.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 10.09.2025

Einen "herausragenden" Roman, der einen Platz auf der Longlist verdient hätte, hat Marius Goldhorn mit seinem neuen Roman "Die Prozesse" laut Rezensent Maximilian Mengeringhaus geschaffen. Die Geschichte startet im Jahr 2030 in Brüssel - 70 Jahre nachdem der Kongo sich von der Kolonialherrschaft der belgischen Krone befreien konnte - mit einer Gruppe von Aufständischen, die in Brüssel das Haus der Europäischen Geschichte einnehmen und zu einer autonomen Kommune erklären. Im Folgenden kann man miterleben, wie Ezra, der Freund des Ich-Erzählers, in seinem Blog die Geschehnisse mit immer rechteren Tendenzen kommentiert: Mengeringhaus ist klar, dass sich Goldhorn für diese Figur an dem "abgedrifteten Kulturtheoretiker" Ezra Pound orientiert, der, erst ein "Fixstern" am Literaturhimmel seiner Zeit, immer mehr in antisemitischen Wahn verfiel. "Atmosphärisch stark und doch aufs Wesentliche verdichtet" seziert der Autor für den Kritiker die gesellschaftspolitische Situation der Gegenwart, indem er einerseits die Macht rechter Thinktanks aufzeigt, anderseits das "Ringen um historische Gerechtigkeit" von Aufständischen schildert, mitsamt dem Bemühen, eine Revolution nicht in Terror abgleiten zu lassen. All diese Komponenten zu einer stimmigen Geschichte zu verbinden, sei nicht einfach, doch sei es Goldhorn mehr als nur gelungen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.08.2025

Zwei mögliche Lektüreweisen dieses Buches Marius Goldhorns stellt uns Rezensent Johann Voigt vor. Zunächst eine geradlinige: Nimmt man die Handlung beim Wort dann geht es hier um einen anonymen Erzähler, der durch ein von Dürre, Verelendung und Kriegen gezeichnetes Europa driftet und schließlich ins Fahrwasser einer Protestbewegung gerät, die einen Neustart der Geschichte versucht. All das sei in einer sehr exakten Sprache verfasst, die auf alle unnötige Ausschmückung verzichte. Die zweite Lesart führt Voigt weniger deutlich aus, es geht wohl um Querverbindungen zwischen Goldhorns Roman und intellektuellen Strömungen wie dem Akzelerationismus, der Rezensent nennt Namen wie Mark Fisher und Reza Negarestani, insgesamt handelt es sich ihm zufolge um ein Werk wider den "kapitalistischen Realismus". Auch Christian Krachts "1979" und Peter Weiss' "Die Ästhetik des Widerstands" finden in der gegen Ende schwer durchdringlichen, aber klar positiv gemeinten, Rezension Erwähnung.