Außer Atem: Das Berlinale Blog

Melodram aus Jakutiens: Milko Lazarovs "Aga" (Wettbewerb)

Von Thekla Dannenberg
23.02.2018.


Der Name Nanook hat Bedeutung in der Filmgeschichte. Angeblich ist er Wort für Mensch. "Nanook of the North" hieß der erste Dokumentarfilm des Amerikaners Robert Flaherty von 1922. Es ist ein großartiges Werk, voller Abenteuerlust und Entdeckerdrang, aber in seinem exotisierenden Blick auf die kanadischen Inuit auch von einer Unbedarftheit, die heute niemandem mehr verziehen wird.

Nanook heißt auch der Rentierjäger in Milko Lazarovs jakutischem Melodram "Aga". Nanook lebt mit seiner sterbenskranken Frau Sedna allein im ewigen Eis, in dieser Landschaft aus Himmel und Schnee, die umso malerischer wird, je mehr sich der Horizont verschiebt. Imposante grafische Linien lassen sich her ziehen, und wir folgen Nanook, wenn er mit seinem Schlitten zum Angeln an Eislöcher zieht, Fallen für die Schneehasen aufstellt, die Kondensstreifen am Himmel betrachtet.

Das gleißende Licht der eisigen Kälte kontrastiert mit dem warmen Licht in der aus Hölzern und Fellen gezimmerten Jurte, in der sich, fast konstruktivistisch, die Linien zu geometrischen Figuren fügen. Nanook und Sedna sind ein reizendes Paar, fürsorglich um einander bemüht, in etliche Schichten von Ledern und Fellen gewickelt. Immer wieder strahlen ihre gegerbten Gesichter in den Himmel, in die unendliche Weite, in die Kamera. Sedna kann auch noch die Maultrommel schlagen.

Doch Sedna vermisst ihre Tochter, die wie der Sohn fortgegangen ist, es ist kein ja anderes Leben um die Jurte herum. Der Vater hat das der Tochter nicht verziehen, und mit Sednas melancholischen Träumen unter dem polaren Sternenglanz nimmt der Film eine abrupte Wendung ins Laute, Pompöse. Wo eben noch die Stille des Schnees herrschte, oder allenfalls ein eisiger Wind fauchte, tönen nun die Streicher in den soßigsten Klängen. Der Mensch ist klein und unbedeutend, sagt uns der Film in einer ziemlich seltsamen Form sowjetischer Melodramatik, wenn er sich nicht fügt, wird der Fortschritt über ihn hinwegstampfen. Ein schlimmer Film.

Milko Lazarov. Mit Mikhail Aprosimov und Feodosia Ivanova. Bulgarien / Deutschland / Frankreich 2018 (Vorführtermine)

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Schlimm war auch Adina Pintilies Film "Touch me not", aber anders schlimm. Pintilie wusste genau, was sie wollte, und hat ihr Ding mit eiserner Konsequenz durchgezogen. Das verlangt einem auch Respekt ab. In einem Mix aus Dokumentarischem und fiktiven Sequenzen stellt sie die extremsten und eigentlich auch abstoßendsten Seiten der Körperlichkeit aus: Sie erzählt von einer Frau um die fünfzig, deren Gefühle erkaltet sind. Sie ist von ihrem Körper ebenso entfremdet wie von ihrer Umwelt und sucht Abhilfe, indem sie einen jungen Callboy mit tollen Body vor sich masturbieren lässt, dann darf ein Transsexueller seine wirklich kläglichen Striptease-Fantasien vor ihr ausleben. Es sind absolut klinische, kalte Szenen, total verkopft in ihrer Konstruktion.

Die ungeheure Nähe dieser Körper ohne jede Sinnlichkeit ist schwer zu ertragen. Noch mehr Abwehr, nein, einen körperlich kaum auszuhaltenden Ekel  erzeugen die Szenen aus der Sexualtherapie, in der Menschen mit schwersten Missbildungen sich und uns näher kommen sollen. Pintilie präsentiert das mit gnadenlosem Ernst. Ihr Film ist ein Exerzitium. Sie zwängt einen in einen Schraubstock und fragt schulmeisterlich: "Warum habe ich Dir nicht erzählt, wovon dieser Film handelt? Und schlimmer noch: Warum hast Du nie gefragt?"

"Touch me Not". Regie: Adina Pintilie. Mit Laura Benson, Tómas Lemarquis und Christian Bayerlein (Vorführtermine)