9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2024 - Wissenschaft

Nach der "Internationalen LGBT-Bewegung" hat sich das höchste Gericht der Russischen Föderation nun noch die "Antirussische Separatistische Bewegung" ausgedacht, eine fiktive Dachorganisation von 55 real existierenden unliebsamen Organisationen, die als "extremistisch" eingestuft werden, darunter fällt auch die "Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde" (DGO), schreibt der Osteuropa-Historiker Martin Schulze Wessel auf den Natur-und-Wissenschaften-Seiten der FAZ (unsere Resümees hier und hier). Nun "können sich Mitglieder der DGO in Russland oder einem mit Russland befreundeten Land nicht mehr sicher fühlen. Niemand kann sagen, ob sich der repressive Charakter des Regimes weiter verschärfen wird und welche Obsessionen die russische Innenpolitik noch entwickeln mag. Die Gelegenheit, einen ausländischen Wissenschaftler zu verhaften, kann in einer solchen Atmosphäre den Behörden gerade recht kommen, zumal in Situationen, in denen ein staatlicher 'Bedarf' an inhaftierten Ausländern besteht für einen internationalen Gefangenenaustausch mit dem Westen." Aber, so Schulze Wessel: "Russland bedroht die deutsche Russlandforschung existenziell, aber die deutsche Politik hält anscheinend unbeirrt an der bestehenden Russlandverbindung fest. Konsequent wäre eine entschiedene Aufwertung der institutionellen Förderung von Ukrainestudien."

Ebenfalls auf den Natur-und-Wissenschaften-Seiten der FAZ erinnert die französische Kunsthistorikerin Benedicte Savoy an den im September im Alter von 103 Jahren verstorbenen Amadou Mahtar M'Bow, den ersten afrikanischen Generaldirektor der UNESCO und eine "Ikone der afrikanischen Bildungs- und Kulturpolitik", der sich nicht nur "im Kampf für die Unabhängigkeit der kolonisierten Länder", sondern auch "im postkolonialen Bemühen um die Rechte marginalisierter Kulturen" einen Namen machte: "M'Bow war ein leidenschaftlicher Verfechter der Idee, dass Bildung ein Menschenrecht ist und dass alle Kulturen gleichwertig sind. Er setzte sich für den Erhalt des kulturellen Erbes ein und forderte die Rückgabe von Kunstwerken, die während der Kolonialzeit oft gewaltsam aus Afrika entwendet worden waren. Eines der bedeutendsten Vermächtnisse M'Bows ist zweifellos sein leidenschaftlicher 'Aufruf zur Rückgabe unersetzlichen Kulturerbes', den er 1978 am Sitz der UNESCO in Paris vortrug."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2024 - Wissenschaft

Die FAZ publiziert auf den Geisteswissenschaften-Seiten den Vortrag, den die Philosophin und während der "Fördergeldaffäre" (unsere Resümees) geschasste FDP-Staatssekretärin für Bildung und Forschung Sabine Döring an der Universität Erlangen im Rahmen der Veranstaltung "Grenzen der Vermittlung - Vermittlung von Grenzen" anlässlich des sechzigsten Geburtstags des Theologen und Ethikers Peter Dabrock gehalten hat. Döring denkt hier über die Abhängigkeit der Politik von der Wissenschaft und über Aktivismus und "Wissenschaftsfreiheit" nach: Es gehe ihr "ausdrücklich nicht um eine grundsätzliche Ablehnung von Aktivismus auf dem Campus und auch nicht darum, die mögliche epistemische Relevanz von Aktivismus infrage zu stellen, der mit seinem Nachdruck auch Erkenntnisprozesse in Gang setzen kann. Aber Aktivisten machen auch von disruptiven Protestformen Gebrauch und unterbinden so, teils durchaus robust, den Lehr- und Forschungsbetrieb und greifen selbstbewusst in die Rechte anderer ein. ... Polizeieinsätze zum Schutz vor Aktivisten grundsätzlich abzulehnen lässt die Möglichkeit unter den Tisch fallen, dass Wissenschaftsfreiheit durch Aktivisten eingeschränkt werden kann."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2024 - Wissenschaft

Physikerin Sabine Hossenfelder hat noch eine Frage an das Nobelkomitee:

Stichwörter: Hossenfelder, Sabine

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.10.2024 - Wissenschaft

Im vergangenen Jahr hatten die Sinologen Thomas Heberer und Helwig Schmidt-Glintzer, die als führende Kapazitäten gelten, einen derart China-freundlichen Text in der NZZ veröffentlicht, dass nicht nur innerhalb des Faches Empörung laut wurde. Unter anderem wurden offizielle Formulierungen der kommunistischen Partei übernommen, zum Beispiel in Bezug auf die Uiguren (Unsere Resümees). Nun fungieren die beiden mit weiteren Autoren als Herausgeber des Bandes "Xinjiang - eine Region im Spannungsfeld von Geschichte und Moderne", der kürzlich am zum großen Teil von Peking finanzierten Konfuzius-Institut an der FU Berlin vorgestellt wurde, berichtet Hinnerk Feldwisch-Drentrup auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ. Die Autoren verteidigten auf der Veranstaltung nicht nur die Reise, sondern legten, auch im Sammelband, nach: "'Dass ein Staat Separatismus und Islamismus bekämpft, vor allem wenn die Ziele mit terroristischen Methoden realisiert werden sollen, ist nicht verwunderlich', schreibt Heberer in seinem Kapitel. Er könne es nicht nachvollziehen, wenn Terror bloß als 'Narrativ' der Regierung klassifiziert werde: 'Dahinter verbirgt sich letztlich die Auffassung, nur 'demokratische Staaten' hätten ein Recht auf Terrorbekämpfung, nicht aber 'autoritäre Staaten'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.09.2024 - Wissenschaft

"Dekolonisierung im Kontext des Nahostkonflikts" ist nur "eine wissenschaftsförmige Chiffre für den Drang, die Judenfrage neu zu stellen" und Edward Said hat mit seinem Buch "The Question of Palestine" dafür den Grundstein gelegt, meint der Literaturwissenschaftler Marcel Matthies auf der Geisteswissenschaften-Seite der FAZ. "Indem Said den Zionismus zu einem blutrünstigen Kolonialrassismus umdeutet, relativiert er die Idee der jüdischen 'Autoemancipation' (Leo Pinsker), die auf die Pogrome im Zarenreich und das Scheitern der bürgerlichen Emanzipationsversprechen im ausgehenden neunzehnten Jahrhundert reagierte. In seinem Palästinabuch versteigt er sich zu der Feststellung, der Zionismus habe sich selbst niemals eindeutig nur als jüdische Befreiungsbewegung verstanden, vielmehr hätten die kolonialen Siedlungsprojekte im Orient Priorität gehabt. ... Said schießt weit über das Ziel hinaus, wenn er das zionistische Projekt zu einem Kolonialrassismus umdeutet. Der Zionismus kann schon allein deshalb kein Kolonialismus sein, weil die Zionisten das Land käuflich erwarben, ohne die einheimische Bevölkerung zu knechten und ohne von einem Mutterland zur Besiedlung aufgefordert worden zu sein."

Ebenfalls auf der Geisteswissenschaftenseite beklagt Markus Steinmayr in einem Text, den man sich etwas weniger akademisch, dafür deutlich länger gewünscht hätte, dass Literatur und Literaturwissenschaft "gegenwärtig beide Objekt der Zurichtung von Texten auf heteronome Zwecke" sind, während die "ästhetische Erfahrung" von Literatur überhaupt keine Rolle mehr spiele. Mehr Mut zu neuen Technologien wünscht sich Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, gesamtgesellschaftlich im Interview mit der FAZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2024 - Wissenschaft

Die "Förderaffäre" geht immer weiter. Professoren hatten nach Unibesetzungen durch israelhassende Studenten und Aktivisten bekanntlich Straffreiheit gefordert. Das stieß im Bundesbildungsministerium unter Bettina Stark-Watzinger (FDP) nicht auf Begeisterung. Als bekannt wurde, dass die Möglichkeit geprüft wurde, ob Förderung einstellbar ist, musste die Staatssekretärin Sabine Döring gehen - sie darf sich in der Öffentlichkeit nicht äußern. Nun zitiert Heike Schmoll in der FAZ aus Chats des internen Messengerdienstes "Wire", der zeigt, dass die Leitungesebene des Ministeriums tatsächlich stark über israelbezogenen Antisemitismus in der Professorenschaft und Konsequenzen daraus nachdachte. Die Chats wurden zuerst in der ARD veröffentlicht. "Vermutlich wurden die Wire-Chats von Whistleblowern aus der Arbeitsebene an die Öffentlichkeit gebracht, weil die Wut der Mitarbeiter steigt, dass die Leitungsebene die Verantwortung für die förderrechtliche Prüfung und die Zusammenstellung der Namenslisten Geförderter fortwährend der Arbeitsebene zuschiebt. Das sagt viel über die Schattenkommunikation in der Leitung und die Abkopplung der Arbeitsebene, die frühzeitig auf die rechtliche Unmöglichkeit förderrechtlicher Sanktionen hingewiesen hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2024 - Wissenschaft

Der Hamburger Senat hat der "Forschungsstelle zur Aufarbeitung von Hamburgs kolonialem Erbe" die Förderung gestrichen, berichtet Marta Ahmedov in der taz. Die Forschungsstelle soll stattdessen in die Universität eingegliedert werden: "Bisher ist jedoch unklar, welche finanziellen Mittel die Universität genau bereitstellen kann und will, um die Forschung zu fördern. Die aktuell bestehende Finanzierungslücke von über 60 Prozent der bisherigen Summe soll wohl zum Teil über Drittmittel gedeckt werden. 'Drittmittelfinanzierung bedeutet Drittmittellotterie. So eine wichtige Aufgabe kann man nicht darüber betreiben', sagt dazu Zimmerer. 'Ich fand die Äußerungen der Universität im Wissenschaftsausschuss sehr unpräzise und habe nicht den Eindruck, dass die Universität einen konkreten Plan hat, wie sie die Arbeit zu diesem Thema weiterführen will', kritisiert auch der Bürgerschaftsabgeordnete Norbert Hackbusch, der für die Linksfraktion Mitglied im Wissenschaftsausschuss ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2024 - Wissenschaft

Zweienhalb Monate Semesterferien waren Zeit, um an Universitäten für Frieden und Sicherheit zu sorgen, aber zu Semesterbeginn setzen sich die antiisraelischen Proteste an amerikanischen Unis fort, berichtet Franziska Sittig in der FAZ, etwa mit Blick auf die Columbia University, wo die "Students for Justice in Palestine" ebenso wie die Gruppe "Jewish Voice for Peace" zwar vom Campus verbannt worden waren: "Nichtsdestotrotz konnte sich am 2. September der von beiden Gruppen gemeinsam gegründete Ableger Columbia University Apartheid Divest in die Campuszugänge stellen, die Statue der Alma Mater mit roter Farbe bewerfen und Broschüren aushändigen, in denen die al-Aqsa-Märtyrerbrigade, der bewaffnete Arm der palästinensischen Fatah-Partei, zitiert wird: 'Wir werden auftauchen, wo du es am wenigsten erwartest.' In der Broschüre werden die Prinzipien der palästinensischen Widerstandsbewegung beschrieben, zu denen auch gehört, 'Allah den Gnädigsten' zu ehren und 'Ruhm dem Gazastreifen' zu verkünden, dessen Zweck es sei, eine weltweite Armee von Muslimen aufzubauen."

Bereits zum zweiten Mal musste Bettina Stark-Watzinger vor dem Bildungsausschuss in der Fördergeldaffäre aussagen, aber Neues erfuhr man nicht, meldet Thomas Thiel in der FAZ: "Die Ministerin blieb bei ihrer Mauertaktik, und ihren Kritikern fehlten die Mittel. Die Regierungsparteien hatten die Union zuvor hängen lassen bei dem Versuch, die ehemalige Staatssekretärin Sabine Döring und einen Abteilungsleiter gegen den Willen der Ministerin ebenfalls vor den Ausschuss zu laden, was die Ministerin in Bedrängnis hätte bringen können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2024 - Wissenschaft

Man möchte kaum glauben, was Ester Fuchs, Professorin an der Columbia-Universität im Zeit-Gespräch mit Kerstin Kohlenberg und Dr. Anna-Lena Scholz über antisemitische Anfeindungen berichtet, die im letzten Jahr an der Universität stattfanden. Jüdische Studierende beschrieben "Ausgrenzungen, Diffamierungen und körperliche Angriffe auf dem Campus. Eine Studentin, die an ihrer Zimmertür im Wohnheim eine kleine Mesusa befestigt hatte - eine jüdische Schriftkapsel -, erzählte etwa, sie sei jede Nacht aus dem Schlaf gerissen worden, weil Kommilitonen an die Tür schlugen. Sie sah sich gezwungen, auszuziehen. Studenten, die eine Kippa trugen, wurden auf dem Campus und der Straße angespuckt, einigen wurde der Davidstern, den sie am Hals trugen, abgerissen. Andere erzählten, sie seien gegen eine Wand gedrückt oder von AGs ausgeschlossen worden. ... Einige der Professoren forderten die jüdischen Studenten immer wieder auf, die Geschehnisse im Nahen Osten zu rechtfertigen. Aus der Universitätsverwaltung griff niemand ein, stattdessen riet man den jüdischen Studierenden, zum Psychologen zu gehen. Kein Witz!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.08.2024 - Wissenschaft

Vor vier Jahren gründete der Hamburger Reeder Erck Rickmers mit großem Brimborium das "New Institute", dem er gleich neun Alstervillen zur Verfügung stellte. Gründungschefin war die populäre Sachbuchautorin Maja Göpel, die bald mit nicht so großem Brimborium das Institut verließ. Nun erklärt Rickmers in der Zeit im Gespräch mit Oskar Piegsa und Anna-Lena Scholz, warum er das Institut im nächsten Jahr schließen wird - durchaus selbstkritisch: "Wir waren anfangs sehr laut, auch in den sozialen Medien, und die Inhalte hatten noch zu wenig Substanz. Das hat Ressentiments geschürt. In anderen Instituten schaute man sich das an und dachte: 'Da kommt einer und meint, er kann alles besser, was fällt dem denn ein?' Dabei lautet mein Credo als Unternehmer: 'Underpromise and overdeliver'. Weniger ankündigen, mehr liefern." Damit reagiert Rickmers vielleicht auch auf eine überraschend massive Attacke in der FAZ im Januar(unser Resümee). Da auch Jan Philipp Reemtsma sein Hamburger Institut für Sozialforschung schließt (unsere Resümees), sieht es mit mäzenatischer Förderung von Geistes- und Sozialwissenschaften neuerdings recht mau aus. Die taz-Nord berichtete bereits letzte Woche.
Stichwörter: New Institute, Göpel, Maja