9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Wissenschaft

369 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 37

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.03.2025 - Wissenschaft

An die Verhältnisse in Orbáns Ungarn oder Putins Russland fühlt sich der in Stanford lehrende Literaturwissenschaftler Adrian Daub in der FAS erinnert, wenn Trump nun anordnet, dass die sogenannten "DEI"-Fächer ("diversity, equity and inclusion") an Hochschulen nicht mehr unterrichtet werden dürfen: "Es handelt sich um staatlich gelenkte Zensur. Ministerien werden gleichgeschaltet, Universitäten und NGOs üben verzweifelt Selbstzensur, der Staat droht und diktiert. (…) Hoffentlich wird denjenigen, die sich in den vergangenen Jahren über 'Wokeness' und 'Cancel Culture', über Trans-Aktivisten und Protest-Memes den Mund fusselig redeten, mittlerweile klar werden, dass die handfeste Bedrohung für die Meinungsfreiheit vom Staat, von den Mächtigen und von rechts ausgeht."

Weitere Artikel: Im FAS-Feuilleton-Aufmacher erinnert Niklas Maak an die Asilomar-Konferenz zur Sicherheit in der Molekularbiologie im Februar 1975, bei der über die Gefahren durch gentechnisch veränderte Organismen diskutiert und ein Moratorium beschlossen wurde. Maak fragt, ob das Moratorium nicht ein Vorbild für die heutigen Debatten um Künstliche Intelligenz sein könnte und, "damit zusammenhängend, den Stop autonomer Waffensysteme und der Vernetzung des menschlichen Gehirns mit den Datenschätzen des Internets, wie es Elon Musk mit seinem Projekt 'Neuralink' vorantreibt?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.03.2025 - Wissenschaft

Das Jahresgutachten der "Expertenkommission Forschung und Innovation" (EFI) stellt der scheidenden Bundesregierung ein vernichtendes Zeugnis aus, berichtet Gerald Wagner auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ: "Sowohl bei der Wachstumsdynamik als auch bei Forschung und Innovation (F&I) liegt Deutschland dem Gutachten zufolge mittlerweile weit hinter China, Japan, Südkorea und den Vereinigten Staaten. Selbst in der EU liegt man unter dem Durchschnitt." Der Grund: "Deutsche Langsamkeit" sowie "fehlender Wille, fehlender Mut, fehlendes Durchsetzungsvermögen. Schonungslos zählt das EFI-Gutachten die Versäumnisse der vergangenen Jahre auf. Vieles deute darauf hin, dass die für Deutschland so wichtigen Investitionen von den Unternehmen entweder gestoppt, verschoben oder ins Ausland verlagert worden seien. Es stelle sich längst die grundsätzliche Frage, ob deutsche Produkte und Technologien international überhaupt noch wettbewerbsfähig seien. Noch sei es nur eine Sorge, aber auch schon in dieser Gestalt wirke sich die Furcht vor der 'Deindustrialisierung Deutschlands' lähmend auf das Innovationsklima aus." Das Gutachten schlägt vor, "die F&I-Politik in einem Ministerium zu bündeln" und ein Digitalministerium zu schaffen.
Stichwörter: Südkorea

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2025 - Wissenschaft

Weniger beachtet wird in der europäischen Öffentlichkeit, dass mit Robert F. Kennedy Jr. ein Aluhut und Querdenker zum Gesundheitsminister der Trump-Regierung ernannt wurde. Er beginnt bereits damit, die Institutionen zu schleifen. Pia Heinemann unterhält sich in der FAZ mit dem Kinderonkologen Stefan Pfister, dem für sein Projekt bereits amerikanische Fördermittel gestrichen wurden. Paradoxerweise könnte Europa von der Entwicklung profitieren: Amerikanische Forscher sehen sich nach Stellen um. "Nie zuvor sind wir in Europa leichter an amerikanische Spitzenforscher herangekommen. Aber für die Wissenschaft und für unsere Patienten ist diese Entwicklung andererseits alles andere als positiv. Die Schlagkraft der internationalen Community wird ganz erheblich geschwächt." Pfister gehört zu den Initiatoren der Petition "Aufstehen für Demokratie".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2025 - Wissenschaft

Dass Autokraten und Diktatoren stets auch die Freiheit der Wissenschaften im Visier haben ist nichts Neues, was sich aber "mit den jüngsten Dekreten des Weißen Hauses abzeichnet, übertrifft nun alle Befürchtungen und kann nur als kapitaler Angriff auf die freie Forschung und Lehre charakterisiert werden", notiert Claus Leggewie auf den Natur und Wissenschaften-Seiten der FAZ: "Trumps totalitäres Manöver schwächt nicht nur die seit Langem diffamierte Forschung zu Klimawandel und Biodiversität, sondern auch den Gesundheitssektor, an dessen Spitze mit Robert Kennedy Junior ein jähzorniger Scharlatan installiert wurde. Und er gefährdet schon jetzt den Austausch wissenschaftlicher Forschungsergebnisse mit dem Rest der Welt, der geradezu in die Arme einer nicht minder kontrollierten Wissenschaft in der Volksrepublik China getrieben wird. Erste Reiseanträge sind bereits storniert worden, manche werden erst gar nicht gestellt, weil Forscher um ihren Job kämpfen und Widerstand gegen Donald Trump organisieren wollen, der offenbar nicht nur für einen Tag 'Diktator spielen' wollte, sondern sich als solcher auf Dauer entpuppt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2025 - Wissenschaft

In der FAZ macht Jochen Zenthöfer anhand verschiedener Fälle deutlich, dass eine rechtskräftige Entscheidung über die Lehrbefugnis der wegen verschiedener Plagiatsvorwürfe von ihrer Professorin entbundenen Soziologin Cornelia Koppetsch (unsere Resümees) möglicherweise bis zu ihrer Pensionszeit dauern könnte.
Stichwörter: Koppetsch, Cornelia

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.01.2025 - Wissenschaft

Dreißig Prozent aller vom BKA erfassten Straftaten in der Kategorie Hasskriminalität hatten im Jahr 2023 einen antisemitischen Hintergrund, gleichwohl nur drei Promille der Menschen in Deutschland jüdisch sind - der Anstieg betraf in besonderer Weise die Hochschulen, schreiben Haya Schulmann, Professorin für Cybersicherheit und Michael Waidner, Professor für Sicherheit in der Informationstechnologie auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ. Den Protest gegen die Resolution zum Schutz jüdischen Lebens an Hochschulen im Allgemeinen und gegen die IHRA-Definition im Besonderen können sie daher beim besten Willen nicht verstehen: "Die Behauptung, diese Definition verhindere auch faire Kritik an der Politik Israels, ist falsch. Jedem, der dies bezweifelt, sei die Lektüre der Definition empfohlen. Sie ist sehr kurz, im Kern sind es elf anschauliche und einleuchtende Beispiele von Antisemitismus, von denen sechs einen Israelbezug haben. Wer Israel fair kritisieren will, kann das problemlos tun, ohne antisemitisch zu werden. In Israel passiert das jeden Tag, die politischen Diskussionen sind oft deutlich intensiver und schärfer als bei uns in Deutschland. Insgesamt halten wir den Entwurf für wichtig, nützlich und ausgewogen."

Vor vier Jahren ging der Fall Cornelia Koppetsch durch die Medien. Der bekannten Soziologin, deren Buch "Die Gesellschaft des Zorns - Rechtspopulismus im globalen Zeitalter" gute Rezensionen erhalten hatte, wurde vorgeworfen, dass sie ganze Passagen aus Werken anderer Soziologen kompiliert hatte (unsere Resümees). Die Vorwürfe waren zuerst in der FAZ laut geworden. Nun meldet Heike Schmoll auf den politischen Seiten der FAZ: "Habilitation entzogen - Soziologin Koppetsch verliert Lehrbefugnis." Wenn die Habilitation aberkannt wird, so Schmoll, verliert eine Professorin auch ihre Lehrbefugnis, denn die Habilitation war "wesentliche Voraussetzung für ihre Berufung als Professorin". Auch Koppetschs Habil-Schrift "Das Ethos der Kreativen - Vom bürgerlichen Beruf zur Kultur des neuen Kapitalismus" wird somit Plagiat vorgeworfen. Schmoll hatte sich 2006 an der Leuphana in Lüneburg habilitiert. Dort ist "der Fakultätsrat der Fakultät der Kulturwissenschaften deshalb der einstimmig ausgesprochenen Empfehlung der Ständigen Habilitationskommission gefolgt, die Habilitation zurückzunehmen". Koppetsch kann gerichtlich gegen die Entscheidung vorgehen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.12.2024 - Wissenschaft

Laut einer neue Studie wird in Hannover doch nicht das beste Hochdeutsch gesprochen. Wie es überhaupt zu dem Mythos kam, erklärt im Welt-Gespräch der Studienleiter und Linguist Francois Conrad: Es liegt unter anderem daran, dass "früher im ganzen norddeutschen Raum Niederdeutsch gesprochen wurde, eben auch in Braunschweig und Hannover. Im Zuge der Reformation und mit Luthers Bibelübersetzung hat sich in ganz Deutschland die Ansicht ausgebreitet, das meißnische Sächsisch, eine spezielle Variante des Hochdeutschen, sei das beste Deutsch. Daraus hat sich dann das Hochdeutsch entwickelt, das wir heute kennen. Das Niederdeutsche war dialektologisch sehr von diesem Hochdeutsch unterschieden. Deswegen haben Norddeutsche Hochdeutsch als Fremdsprache erlernt. Wenn man eine Fremdsprache erlernt, will man die Sprache natürlich besonders perfekt aussprechen. Das heißt: Die Norddeutschen sprechen heute noch so nahe am Standardhochdeutsch, weil ihre ursprüngliche Sprache so weit davon entfernt war."
Stichwörter: Hochdeutsch, Conrad, Francois

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.12.2024 - Wissenschaft

In der FAZ berichtet Thomas Thiel von einer Frankfurter Antisemitismus-Konferenz des Tikvah Instituts zusammen mit der Frankfurt University of Applied Sciences, wo "Antisemitismusforscher, die sich wohl zumeist dem linken Spektrum zuordnen würden, aber keine Sympathie für den merkwürdigen Schulterschluss linker Kreise mit Islamisten und Judenhassern hegen", eben diesen Schulterschluss unter die Lupe nahmen. Zum Beispiel die israelische Soziologin Eva Illouz: "Illouz führte den schockierenden Mangel an Mitgefühl in einem furiosen Vortrag auf die akademische Dominanz der French Theory zurück, die mit ihrer überzogenen Aufklärungskritik und ihren labilen Begriffen einer Generation von Geisteswissenschaftlern den Realitätssinn ausgetrieben habe. Damit sei der Nährboden für eine akademische Priesterkaste entstanden, die überall unterdrückte Stimmen wittere, zu deren Anwalt sie sich aufschwingt, ohne sich in Wirklichkeit für sie zu interessieren."
Stichwörter: Antisemitismus, Illouz, Eva

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.12.2024 - Wissenschaft

Die Ökonomin Pauline Grosjean zitiert in Le Monde eine faszinierende Studie über das Aussterben der Geier in Indien, das in den betroffenen Regionen des Landes zu einem deutlichen Anstieg der Humansterblichkeit geführt hat. Geier seien äußerst effizient darin, die Überreste der 500 Millionen heiligen Kühe zu verspeisen, die frei in Indien herumlaufen, so Grosjean. In vierzig Minuten haben sie eine Kuh verspeist. Verschwinden die Geier, kommen Ratten und wilde Hunde, die weit weniger effizient sind und Krankheiten wie Tollwut verbreiten. Der Grund für die Geiersterblichkeit ist gefunden: Sie vertragen das Medikament Diclofenac nicht, das auch Tieren verabreicht wird, die sie essen. "Durch den Vergleich von indischen Distrikten, die mehr oder weniger geierfreundliche Ökosysteme darstellen, vor und nach Ablauf des Diclofenac-Patents, schätzen die beiden Ökonomen, dass der Rückgang der Geierpopulation mit einem Anstieg der menschlichen Sterblichkeit um mehr als 4 Prozent verbunden ist. Die Autoren dokumentieren außerdem die Zunahme der Population von Ratten und wilden Hunden sowie eine Verschlechterung der Wasserqualität in den Bezirken, die am stärksten vom Aussterben der Geier betroffen sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2024 - Wissenschaft

Was haben die amerikanischen Hochschulen zu befürchten, jetzt, da Trump wieder an der Macht ist? Thomas Thiel wägt in der FAZ die Möglichkeiten Trumps ab, die akademische Welt nach seinen Vorstellungen umzustrukturieren. Einfach "den Geldhahn abdrehen" kann er missliebigen Institutionen nicht, es könnte aber trotzdem zu einschneidenden Veränderungen kommen. Auch für Studierende aus dem Ausland: "Beschränkt werden dürfte nach den Erfahrungen von Trumps erster Amtszeit auch die Freiheit, in den Vereinigten Staaten zu studieren. Das gilt besonders für die geschätzt mehr als 400.000 Studenten, die sich dort illegal aufhalten, und für Akademiker aus muslimisch geprägten Ländern. Bei chinesischen Studenten und Wissenschaftlern, die den amerikanischen Hochschulen viele Gebühren und Publikationen einbringen, dürfte der ökonomischen Überlegungen prinzipiell aufgeschlossene Trump schon zweimal nachdenken. Obwohl die Universitäten sein Hauptgegner in der Kulturkampfarena sind, wird die Bildungspolitik trotzdem wohl nur eine Nebenrolle für ihn spielen. Viel wird davon abhängen, ob es ihm gelingt, die Positionen in Ministerien und Hochschulen so umzudefinieren, dass er das Führungspersonal ohne viel Aufhebens feuern kann. Das wäre dann aber schon das Extremszenario."
Stichwörter: Trump, Donald