Gestern nun also wurde der wieder aufgebaute Turm der Potsdamer
Garnisonkirche eingeweiht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hielt die
Eröffnungsrede und verteidigte den Wiederaufbau: "Ein Ort, der nicht mehr da ist, würde das
kritische Erinnern nicht leichter machen. Wir aber stellen uns heute diesen Fragen; wir blenden die Schattenseiten der Vergangenheit nicht aus, sondern wir machen sie sichtbar,
um daraus zu lernen."
Draußen protestierten etwa hundert Menschen, der bekannteste Kritiker ist der Architekturhistoriker
Philipp Oswalt, der noch vor wenigen Tagen einen unter anderem von der Denkmalpflegerin
Gabi Dolff-
Bonekämper, der amerikanischen Judaistin
Susannah Heschel und dem britischen Historiker
Geoff Eley offenen Brief an den Bundespräsidenten gerichtet hatte, in dem er konkrete Forderung an die Stiftung stellte, erinnert Marcus Woeller in der
Welt, der genau hinhörte, ob Steinmeier in seiner Rede auf den Brief einging: "Auf den Wunsch, sie möge eine umstrittene Stelle ihrer
Satzung ändern, kann freilich auch der bürokratischste Bundespräsident in einer Festrede nicht konkret eingehen. So sagte Steinmeier, die Garnisonkirche dürfe 'nicht für den
Geschichtsrevisionismus missbraucht werden', und forderte: 'Lassen Sie uns zusammen daran arbeiten, dass dieser Ort etwas wird, was er über lange Strecken seiner Geschichte nicht war: ein
Ort der Demokratie.' Auch auf den zweiten Wunsch Oswalts, man möge doch auf die weitere
Verzierung des Turms mit militärischem Bauschmuck verzichten, ging Steinmeier nicht ein. Zwischen den Zeilen aber konnte man hören, dass eine Rekonstruktion ohne entscheidende Details für ihn der zukünftigen Rolle des Turms wohl nicht gerecht werde. Die Garnisonkirche sei ein 'zentrales Symbol für die
Macht Preußens' gewesen, das 'Symbol einer Allianz von konservativer Tradition und Nationalsozialismus' und ein Ort, an dem 'die Religion in den Dienst militärischer Propaganda genommen wurde', so Steinmeier."
"Es ist schon phänomenal, dass es
immer Sozialdemokraten sind, die die Rekonstruktion des preußischen Erbes wesentlich repräsentieren", beruhigt Peter Richter in der
SZ: "Das war schon beim Berliner Stadtschloss so, und hier im Turm der Garnisonkirche predigt Steinmeier geradezu eine
Theologie des hyperdialektischen Sowohl-
als-
auch, er verteidigt den Neubau gleichzeitig wegen seiner stadtbildheilenden und durchaus auch touristischen Wirkung und wegen seiner unheilvollen Geschichte, sozusagen als Wiedererrichtung eines
Mahnmals zur Warnung. Denn: 'Ein Ort, der nicht mehr da ist, würde das kritische Erinnern nicht leichter machen.'
Jubel brandete gar "im
Rechenzentrum auf, als Steinmeier in seiner Rede die
Erhaltung des Kreativhauses forderte", ergänzt Tobias Timm auf
Zeit Online: "Dessen Existenz ist nur bis 2026 gesichert. Ein Teil des Grundes gehört der Stiftung Garnisonkirche, die an dieser Stelle vor Jahren auch noch plante, das komplette Kirchenschiff wiederzuerrichten. Das scheint heute kaum mehr möglich, angesichts der Lebendigkeit des Rechenzentrums. Nicht nur Steinmeier, auch eine Mehrheit der Potsdamer Stadtverordnetenversammlung ist für dessen Erhalt. Und so bewirbt sich die Garnisonkirche nicht mehr mit der zukünftigen Expansion in die Breite, sondern vor allem mit der Aussicht, die man in der Höhe von der Spitze des
Turm-
Stummels hat."
Frederik Eikmanns und Julia Hubernagel waren für die
taz da und sind mit der museumspädagogischen Aufbereitung der
Ausstellung über den Turm soweit zufrieden. Dass der Wiederaufbau umstritten war, "lässt sich an den Infotafeln an der Wand nachlesen. Ein Zitat des Historikers
Martin Sabrow, wonach Befürworter:innen und Gegner:innen des Wiederaufbaus mehr vereint als trennt - beide würden sich 'aus Furcht vor der Zukunft an das, was gewesen ist', klammern - unterstreicht den Anspruch von Kurator
Jürgen Reiche, sich nicht von einer Seite vereinnahmen zu lassen. Dem Zitat Sabrows ist eins von Oberstleutnant a. D. Max Klaar zur Seite gestellt, der den Wiederaufbau einst angestoßen hatte. Dass es sich bei Klaar um einen
Rechtsradikalen handelt, ist auf den ersten Blick allerdings nicht ersichtlich."
Viel kritischer ist
FAZ-Redakteur Andreas Kilb mit der Ausstellung im Turm. Er findet zwar viel "
patriotisches Porzellan", aber die Ausstellung versäume, "
den Ort selbst auszuleuchten. In der Weimarer Republik war die Garnisonkirche ein Hotspot der Antidemokraten, ein zentraler Treffpunkt von Monarchisten-, Reichswehr- und reaktionären Reichstagsklüngeln. Dieses Netzwerk hätte
ein eigenes Kapitel verdient gehabt. Es fehlt."