Jörg Seewald liest für die FAZ den "German Entertainment & Media Outlook" der Unternehmensberater von PwC (hier als pdf-Dokument). Demnach wird immer noch munter Geld gemacht: "Der Markt für Bücher, Zeitungen und Zeitschriften erreichte 2023 einen Gesamtumsatz von 16,9 Milliarden Euro und bleibe damit der stärkste Markt in Europa. Den größten Anteil an diesem Markt halten die Buchverlage mit 45,9 Prozent, es folgen die Zeitungen mit 39 und die Zeitschriften mit 15,1 Prozent."
Für die Literarische Welt haben sich die Buchwissenschaftlerin Erika Thomalla und die Medienwissenschaftlerin Lea Kubeneck die Spiegel-Bestsellerlisten seit 2000 angeschaut, um Trend-Veränderungen im Buchmarkt abzulesen. Dazu ist es wichtig zu wissen, dass sich das Verfahren zur Erhebung immer wieder änderte, schreiben sie: Wurden anfangs Buchhandlungen befragt, werden die Absatzzahlen seit 2000 elektronisch erfasst - und erst seit 2016 werden auch Amazon-Verkaufszahlen berücksichtigt. Abzulesen ist, dass seit dem Erfolg von "Harry Potter" fast 70 Prozent aller Titel, den Genres Krimi und Thriller, Fantasy, Romance oder Historischer Roman angehören, in der Belletristik ist auch der Frauenanteil inzwischen überdurchschnittlich hoch, während das Sachbuch nach wie vor die "Gattung weißer Männer" ist, so die Autorinnen. Interessant ist auch eine weitere Beobachtung: Die Marktkonzentration, also die Übernahme unabhängiger Verlage durch große Konzerne, scheint seit den 1990er Jahren "dazu geführt zu haben, dass es kleine Verlage zunehmend seltener auf die Liste schafften. Im Zeitraum von 2000 bis 2023 verstärkte sich diese Tendenz. (...) Insgesamt ist nur etwa knapp ein Fünftel der erfolgreichsten Verlage auf den Jahresbestsellerlisten unabhängig, der Rest verteilt sich auf große Verlagsgruppen wie Penguin Random House, Bonnier und Holtzbrinck."
Vor acht Jahren war J. D. Vance' "Hillbilly Elegy" ein Erfolg, auch bei der Kritik, Netflix verfilmte den Stoff. Bei Ullstein wird das Buch nicht mehr angeboten, was allerdings weniger mit Zensur als mit der Tatsache zu tun hat, dass nach acht Jahren meist Lizenzverträge zwischen Verlagen und Agenturen auslaufen und sich das Buch laut Verlag nicht mehr besonders verkaufte, meint Felix Stephan in der SZ. Etwas anderes wäre es gewesen, hätte sich Ullstein die Rechte weiterhin gesichert - und das Buch vom Markt genommen, fährt Stephan fort: "Auf diese Weise sind die Rechte jetzt bei dem weitgehend unbekannten jungen Münchner Verlag Yes Publishing gelandet, der das Buch am 15. August neu herausgeben will. Wer es von da an bei den üblichen Stellen ordert, wird keinen Unterschied merken." Davon abgesehen hätte sich der Verlag "an der Meinungsfreiheit in Deutschland nicht vergangen, wenn sie das Buch eines Autors nicht veröffentlichen wollten, der sich im amerikanischen Wahlkampf zwar in aussichtsreicher Position befindet, inhaltlich aber in vielerlei Hinsicht rechts von der AfD."
Gegenüber dem Spiegel hatte Ullstein die Entscheidung allerdings nicht mit geringen Verkaufszahlen, sondern mit Vance' "aggressiv-demagogischer, ausgrenzender Politik" begründet. Zu einem anderen Schluss als Stephan kommt denn auch Mara Delius in der Welt, die es "bedenklich" findet, dass ein "großer Verlag wie Ullstein nicht an die innere Überzeugungskraft eines Buches glaubt": "Traut man im Ullstein Verlag den Lesern nicht zu, diese Differenzleistung zu erbringen, zwischen dem Autor, der heute Politiker ist, und seinem vor sieben Jahren auf Deutsch erschienenen Werk zu unterscheiden? Möchte der Verlag nicht dazu beitragen, Vances wirtschaftlichen Erfolg zu mehren oder einfach das eigene Image möglichst kontroversenfrei halten und nicht in Kontaktschuld-Verdacht geraten, weil man das Buch eines erzkonservativen Republikaners verlegt? Ist es undenkbar, dass ein populistischer Politiker ein aufschlussreiches Buch geschrieben hat?" Auch Simon Strauss meint in der FAZ: "Wer etwas liest, wird dadurch nicht gut oder böse, sondern im besten Falle erfahrener."
Bestellen Sie bei eichendorff21!In der tazsieht es Jörg Sundermeier, Verleger des Verbrecher Verlags, ähnlich wie Stephan in der SZ: "Wo genau ist also ein Problem? Das Problem ist: Viele Journalist:innen wie Social-Media-Powerposter:innen wittern einen Skandal, raunen von 'Zensur', sehen Vance gecancelt. Aber ist dem so? Ullstein will das Buch nicht mehr machen, Yes sagt Ja. Niemand wird also sterben müssen, ohne Vances Buch kaufen zu können." Bei den Ruhrbaronenschrieb Stefan Laurin bereits gestern: "Das Buch hat zwar nicht die Qualität von Arlie Hochschilds 'Fremd im eigenen Land', das, bei aller Empathie, wesentlich analytischer den Niedergang der weißen Arbeiterklasse in den USA beschreibt, ist aber als Lebensgeschichte eines Jungen, der in Ohio und Kentucky aufwuchs, trotzdem eine wichtige Quelle, um die heutigen USA und die Wähler Trumps zu verstehen." Wer das Buch auf englisch lesen will bekommt es übrigens für 6,99 Euro als Ebook.
Rosa Budde unterhält sich für die taz mit Klaus Farin und Annette Staib vom kleinen Hirnkost-Verlag, der gerade durch eine Soli-Aktion eine Pleite abwenden konnte. Sie klagen über den Zustand der Branche. 300 von 4.000 unabhängigen Buchhandlungen haben in den letzten drei Jahren geschlossen, so Staib. "Das ist eine Katastrophe. Ich bin ursprünglich Buchhändlerin und habe lange in Buchhandlungen gearbeitet. Aber es ist so schwierig geworden. Das liegt nicht nur an Corona und dem Krieg in der Ukraine. Der Buchhandel in Deutschland befindet sich in der Misere. Jede Buchhandlung muss jetzt mit dem Internet konkurrieren. Die Kunden kommen und bestellen viele Bücher zur Ansicht. Am Ende kaufen sie die Bücher dann bei Amazon, dabei kosten die ja überall das Gleiche. Die Buchhandlung muss die ganzen Bücher zurückschicken und bezahlt dafür."
Überall werden die neuesten Zahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels zitiert. Die Zahl der Menschen, die Bücher kaufen, nahm in Deutschland im vergangenen Jahr zwar erneut etwas ab, aber dafür steigen die Umsätze weiter, so dass die Zahlen des letzten Höchststands von 2010 wieder erreicht wurden - so das Fazit (hier die wichtigsten Zahlen in einer FAZ-Meldung). Dabei ist ein Trend ganz besonders erstaunlich, schreibt Felix Stephan in der SZ: "Deutsche Teenager kaufen in erheblichem Umfang Bücher und schultern die Wachstumsraten in der Branche nahezu allein." Und wiederum TikTok ist hier mit seinen Dynamiken der zentrale Anschubmotor: "Während die Rundfunkanstalten eine Literatursendung nach der anderen absetzen, richten die Buchläden ganze Regalwände danach aus, was auf Tiktok gerade am dringlichsten empfohlen wird" - spezifische Schmonzetten aus dem "Young Adult"-Genre nämlich. Mehr in der FR.
17 Autorinnen und Autoren aus der Sparte Pädagogik des Herder-Verlags haben sich in einem offenen Brief dagegen gewendet, dass der Verlag auch islamismuskritische Bücher, etwa von Susanne Schröter publiziert, und dass in dem Verlag auch einige Bücher gegen "woke" Ideologie polemisieren. Überdies sei die Zeitschrift Cicero (die bisher noch nicht als rechtsextrem aufgefallen ist) an einigen Büchern beteiligt. Der Verlag hat die Pädagoginnen zum Gespräch eingeladen, über das Matthias Meisner, selbst Autor der Herder-Verlags, in der FRberichtet. "Ist der Verlag aufmerksam genug für die von rechts ausgehende Bedrohung der Demokratie? Die 17 Kritiker, die die Debatte dazu angestoßen haben, waren sich nach dem Treffen mit den Programmleitern Politik und Geschichte sowie Pädagogik und Kinderbuch, Patrick Oelze und Jochen Fähndrich, weiterhin unsicher."
Außerdem: Fatina Keilani berichtet in der NZZ, dass der Börsenverein vom kleinen Lau-Verlag Corona-Fördermittel zurückfordert, weil ein Buch im Programm des Verlags unter dem Verdacht des Rechtsextremismus stehe.
Ähem: Ehrlicher sind der Medienwandel und die damit verbundene Machtverschiebung noch nie abgebildet worden. Aber Apple zieht diesen Werbespot nach harscher Kritik nun doch zurück, meldetSpiegel online mit Reuters. Der Spot zeigt, wie eine riesige Hydraulikpresse alle möglichen schönen oder auch nur liebenswerten Requisiten der Kultur wie Trompeten oder Flipperautomaten zerquetscht und am Ende das platteste Tablet aller Zeiten freilegt. Apple bittet um Entschuldigung.
Meet the new iPad Pro: the thinnest product we've ever created, the most advanced display we've ever produced, with the incredible power of the M4 chip. Just imagine all the things it'll be used to create. pic.twitter.com/6PeGXNoKgG
Heute abend eröffnet die Leipziger Buchmesse - und für die Veranstaltung geht es selbst um alles, schreibt Andreas Platthaus im Leitartikel der FAZ. Sie ist lädiert nach drei Jahren Corona und angesichts einer Branche in der Krise. Die neue Chefin der Messe, Astrid Böhmisch, die den langjährigen Chef Oliver Zille ablöst, "sofort unter scharfer Beobachtung", so Platthaus: "Nun kommt der Führungswechsel aber auch noch in einer Zeit, da auf den Prüfstand kommen dürfte, wofür Zille eingetreten ist: das Lesefest statt des Lesegeschäfts. Und in der heikle Themen en masse anstehen: Absatzkrise im Buchhandel, defizitäre Leseförderung in den Schulen, Künstliche Intelligenz in der Übersetzerbranche."
Hannes Hintermeier porträtiert für die FAZ die dtv-Verlegerin Barbara Laugwitz, die eine für die Verlage ziemlich untypische Leistung vorweisen kann: dtv wächst, und zwar recht erheblich! "Dabei ist das Buchgeschäft nicht einfacher geworden. 'Die Zeiten der Millionenseller wie Hirschhausen, Kehlmann, Schätzing oder Enders sind vorbei. Deshalb komponiere ich eine Dramaturgie. Ich setze auf wenige Titel - und auf die Chance, dass diese dann die anderen mitziehen.' Die gute alte Mischkalkulation, die immer ein Quäntchen Fortune benötigt."
Die renommierte Buchhandlung Proust in Essen soll seit vier Jahren verkauft werden, allein es findet sich kein Nachfolger. Ein grundsätzliches Problem in Deutschland, wie Max Florian Kühlem in der SZ erfährt. Zwar habe Deutschland mit rund 4.500 Buchhandlungen immer noch ein weltweit vorbildliches Netz, aber auf hundert Verluste pro Jahr kommen nur vierzig Neugründungen, erklärt Thomas Koch vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Das sei auch ein Problem "für die Vielfalt am Buchmarkt ganz generell. Denn Buchhandlungen wie Proust in Essen präsentieren mit Stolz ein handverlesenes Programm, in dem sich auch die Titel vieler kleiner Verlage wiederfinden. 'Wenn eine Buchhandlung wie Proust keinen Nachfolger findet, bedeutet es erst mal für alle Verlage, dass das Buch weniger sichtbar ist als Kulturgut', sagt Katharina E. Meyer von der Kurt-Wolff-Stiftung, die sich für Vielfalt in der Verlagsszene einsetzt und den kleinen Merlin-Verlag als Familienbetrieb betreibt. 'Der Buchhändler vor Ort ist unser engster Verbündeter. Er versteht sein Fach, hat Begeisterung und trägt sie an die Leute.' Gerade in einer Zeit des Umbruchs, wenn es in der Gesellschaft brodelt, seien kleine Verlage gefragt, die Ideen geben und Diskussionen anregen. 'Sie sind flexibler, probieren etwas aus, neue Stimmen, Genres, die nicht unbedingt marktgängig sind.'"
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Ciara Greene, Gillian Murphy: Das fühlende Gedächtnis Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Vergessen macht glücklicher: Wie unser Gedächtnis wirklich funktioniert. Unter Gedächtnis verstehen wir für gewöhnlich die Erlebnisse…
Dieter Burdorf: Dieses unruhige Ich Ingeborg Bachmann hat mit ihrer Lyrik, ihren Erzählungen, Hörspielen und Romanen die deutschsprachige Literatur nach 1945 geprägt wie wenige andere. Ebenso fesselnd sind…
Sherwood Anderson: Winesburg, Ohio Aus dem Amerikanischen von Eike Schönfeld, mit einem Nachwort von Daniel Kehlmann. Sherwood Andersons elegisches Midwest-Epos in der für seine Lakonie gerühmten Übersetzung…
Eckart Conze: Friedlos Deutschland in der Mitte Europas: 500 Jahre Ringen um Krieg und Frieden. Die deutsche Außenpolitik der Gegenwart steht in historischen Traditionen. Über Jahrhunderte war…
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