9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.04.2026 - Geschichte

Eigentlich hatte ein Gericht verfügt, dass eine Ausstellung über Sklaven in George Washingtons Haus in Philadelphia wieder aufgebaut werden muss, nachdem die Bundesregierung ihren Abbau verlangt hatte. Doch zwei Monate nach dem Urteil kann von einem Status quo ante keine Rede sein, berichtet Judith Lembke in der FAZ: "Von den ursprünglichen Paneelen hängt nur etwa ein Drittel wieder an ihrem ursprünglichen Platz, und auch die meisten Bildschirme bleiben dunkel. Wieder aufgehängt wurden diejenigen, die eher allgemeine Informationen vermitteln und nicht den Widerspruch berühren, dass mitten in der Independence Mall, dem Ort, der wie kaum ein anderer für den amerikanischen Freiheitskampf steht, Sklaven gehalten wurden. Der größte Teil der roten Ziegelmauer bleibt nackt. An manchen leeren Stellen kleben Zettel mit politischen Botschaften, die vom Kampf für die Rückkehr der Ausstellung zeugen: 'We the people can handle the whole truth about our nation's history and leaders!" heißt es an einer Stelle'". Warum die Verantwortlichen nach ihrem Sieg eingeknickt sind, verrät uns Lembke allerdings nicht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2026 - Geschichte

Was geschah mit den Juden im Zweiten Weltkrieg? Das wird immer unklarer in Osteuropa, denn "je länger der Krieg vergangen ist, desto aggressiver wird versucht, die Geschichte umzuschreiben", erklärt im Interview mit der NZZ der polnisch-jüdische Historiker Jan Grabowski. "Der Staat fördert einerseits eine Geschichtsschreibung, in der so getan wird, als habe es in Polen nach dem Überfall der Nazis nur noch Deutsche und Juden gegeben, während die Polen als eine Art Aliens erscheinen, die bloß zuschauen. Gleichzeitig betreibt man eine groteske Verklärung der eigenen Bevölkerung." Wenig hilfreich findet er die Bemühungen beispielsweise des früheren Außenministers Heiko Maas und des Historikers Andreas Wirsching 2020, den Holocaust zu einer rein deutschen Angelegenheit zu erklären. "Ja, der Holocaust war ein deutsches Projekt, aber in jedem Land haben sie willfährige Komplizen gefunden, von Bordeaux bis Stalingrad. Maas und Wirsching wollten wohl sagen: Wir sind gute Deutsche, wir haben unsere Arbeit gemacht, wir nehmen die Schuld auf uns. Sie wollten der AfD und anderen Rechtsradikalen die Argumente wegnehmen", aber es geschehe genau das Gegenteil: "Sie geben damit allen Neonazis, Faschisten und Nationalisten in Osteuropa recht. 'Seht her, die Deutschen sagen es ja selbst, dass sie allein schuld seien', bekommen wir Historiker dann zu hören. Wer so spricht wie Maas, legitimiert genau die Leute, die Europa spalten wollen."

Vor hundert Jahren erfand der Historiker Carter G. Woodson den "Black History Month", der in den USA in den letzten Jahrzehnten immer intensiver begangen wurde. Der Politologe Nicki K. Weber erinnert in geschichtedergegenwart.ch an die Theorien Woodsons und besonders an seinen Begriff der "Miseducation", gegen die ein neues Bewusstsein für schwarze Geschichte ankämpfen solle. "Woodsons Konzept der Miseducation erfährt in der Gegenwart eine neue Dringlichkeit. Was in den USA geschieht, ist kein kulturpolitischer Ausrutscher. Die Trump-Regierung hat die Smithsonian Institution scharf angegriffen, Überprüfungen angeordnet und das Diversitätsbüro schließen lassen. Die Begründung: Institutionen verbreiteten antiamerikanische Propaganda und konzentrierten sich zu stark auf die Geschichte der Versklavung, Ausbeutung und Unterdrückung nichtweißer Bevölkerungsgruppen. Der BLM-Schriftzug nahe dem Weißen Haus wurde entfernt, DEI-Programme aufgelöst, Google strich den Black History Month aus dem Kalender. Schwarze Geschichte wird von der Trump-Regierung auf ein 'Kapitel in der großartigen amerikanischen Geschichte' reduziert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2026 - Geschichte

Böhmen und Mähren waren mit ihrer deutschen, eigentlich von der Sozialdemokratie geprägten Bevölkerung einer der Entstehungsorte des Nationaloszialismus, erzählt der tschechische Historiker Jan Vondráček in der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ. In Prag versuchten überdies tschechische Faschisten zu putschen. Aber die Tschechoslowakei wusste 1933 noch zu reagieren. "Vor diesem Hintergrund verschärfte der Staat sein Vorgehen gegen extremistische Bewegungen. Gerichte behandelten den Ruf 'Heil Hitler' als Angriff auf die republikanische Verfassungsordnung. Ein Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs bezeichnete ihn 1933 als öffentliches Bekenntnis zu einer Bewegung, deren Programm die Vereinigung aller Deutschen in einem Reich vorsah und damit die territoriale Integrität der Tschechoslowakei bedrohte. Gleichzeitig verwiesen die Richter auf das Führerprinzip des Nationalsozialismus, das mit der parlamentarischen und republikanischen Ordnung unvereinbar sei. Der Ausruf 'Heil Hitler' galt damit als politischer Akt, der sowohl die staatliche Integrität als auch die demokratische Verfassungsordnung der Republik angriff." Später wurde die tschechoslwakische Demokratie, so wie es bis heute üblich ist, von anderen Demokratien im Namen der Realpolitik geopfert.
Stichwörter: Tschechoslowakei

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2026 - Geschichte

In der FR erinnert Anne Lemhöfer an den Genozid an den Armeniern vor 111 Jahren in der Türkei. Bei Historikern sind die "gut dokumentierten Massaker und Deportationen, denen bis zu anderthalb Millionen Menschen zum Opfer fielen", kaum noch umstritten. Die Türkei allerdings verweigert die Anerkennung eines Genozids bis heute. Dabei wusste die Welt von Anfang an, was geschah: "Schon im Februar 1919 feierte 'Ravished Armenia' in New York Premiere. Der dreistündige Stummfilm thematisiert nicht weniger als die Ermordung von 1,5 Millionen Armenierinnen und Armeniern. Er basiert auf den erschütternden Tagebuchaufzeichnungen der 19-jährigen Arshaluys Mardiganian. Sie wurde in die armenischen Berge verschleppt und gefoltert, bevor sie auf den unwahrscheinlichsten Umwegen über Tiflis, St. Petersburg und Oslo in die USA flüchten konnte. Was für eine Geschichte, was für ein Drehbuch - warum erfahren die meisten Besucher des Genozid-Museums in der armenischen Hauptstadt Jerewan erst vor einer Vitrine in einer spärlich beleuchteten Ecke davon, mehr als 100 Jahre später? Auch das Vergessen ging schnell."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2026 - Geschichte

Das Verhältnis der Deutschen zum Wal war nicht immer so traulich, wie die Bemühungen um den armen, in der Ostsee gestrandeten "Timmy" nahezulegen scheinen, erzählt Claus Leggewie in der FR. Vielleicht kriecht bei "Timmy" eine alte Schuld wieder hoch? Die Nazis gehörten zu den grausamsten Ausbeutern der Südmeere. Die Wale wurden (nicht nur von den Nazis) gejagt, bis sie ausgerottet waren: "Der Hintergrund war die im Streben des 'Dritten Reichs' nach Autarkie konstatierte 'Fettlücke'. Die deutsche Landwirtschaft lieferte nicht genug Speisefette aus pflanzlicher Produktion, also rüstete Hermann Görings Vierjahresplan zum Krieg gegen die Wale in der Südantarktis. Mehr als die Hälfte der damaligen globalen Produktion ging ins Deutsche Reich, die Zahl der damals erlegten Tiere übersteigt die der heute noch insgesamt vorhandenen Wale."

Unterdessen verzeichnet das ZDF-Liveblog zu "Timmy" für den heutigen Morgen: "Der Wal vor der Insel Poel atmet noch, doch die Lage bleibt kritisch. Während dem Tier weiter mit Tüchern und Baggern geholfen wird, sorgen Konflikte im Rettungsteam für zusätzliche Unsicherheit."
Stichwörter: Walfang

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.04.2026 - Geschichte

Deutsche Ferienhäuser in Italien sind nicht gefährdet, aber deutsches staatliches Eigentum in Italien darf gepfändet werden, hat ein italienisches Gericht entschieden. Es geht um die Entschädigung von Nachfahren griechischer Kriegsopfer, die in Italien geklagt hatten. Der Kassationsgerichtshof in Rom hat im Sinne der griechischen Nachfahren enschieden, berichten Ferry Batzoglou und Michael Braun in der taz: "Damit hält Italiens Justiz an ihrem Kurs auch gegen die eigene Regierung fest. Nach dem deutsch-italienischen Entschädigungsabkommen von 1962 stellten sich alle Regierungen in Rom auf den Standpunkt, Deutschland habe alle Ansprüche aus der Zeit des Nationalsozialismus abgegolten. Mehr noch: Es greife das Prinzip der 'Staatenimmunität', nach dem Privatbürger nicht den deutschen Staat verklagen können, da solche Fragen allein zwischen den Staaten zu regeln seien. Italiens Justiz warf diese Sicht in zahlreichen Entscheidungen über den Haufen. Für sie gilt: Bei schweren Verbrechen gegen die Menschlichkeit steht der Schutz der Menschenrechte über der Staatenimmunität." Wie sehr die Nazis in Griechenland gewütet haben, ist in Deutschland wenig bekannt: "Nahezu eine Million Menschen starben während der NS-Besatzung zwischen 1941 und 1945 in Griechenland, das Land war total zerstört, archäologische Schätze wurden gestohlen."

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Der Medienhistoriker Siegfried Weischenberg hat für sein Buch "Schuld und Geheimnis - Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik" die Memoiren deutscher Publizisten und Journalisten gelesen, die sich natürlich auch an die Nazizeit erinnern - bei nicht-jüdischen Autoren lesen sich die Erinnerungen häufig doch geschönt, konstatiert Oliver Jungen in der FAZ, der das Buch gelesen hat und einer Buchvorstellung in Köln zuhörte. Aber "dass Fakten von Erfindungen in solchen Erinnerungen oft schwer zu trennen sind, fällt bei dieser Herangehensweise nicht sehr ins Gewicht, denn auch Letzteres charakterisiert die Erfinder. Erstaunlich ist aber doch, dass Profis der Recherche bei der Selbstdarstellung so sehr auf Ästhetisierung setzen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.04.2026 - Geschichte

Die Münchner Historiker Matthias Kaltenbrunner und Kiran Klaus Patel arbeiten an einem Forschungsprojekt über das Nachleben aufgelöster internationaler Organisationen. In einem sehr interessanten Hintergrundartikel auf der "Ereignisse-und-Gestalten"-Seite der FAZ erzählen sie die Geschichte der "Druschba"-Pipeline, mit der die Sowjets Öl an die Länder des Ostblocks lieferten. "Das billige Öl hielt den Ostblock zusammen, wobei Moskau einen großen Teil der Zeche zahlte", so die beiden Autoren. Die Pipeline war ein Projekt des "Rats für Gegenseitige Wirtschaftshilfe" (RGW), mit dem die Länder hinter dem Eisernen Vorhang auf die Globalisierung antworten wollten. Wie absurd Wirtschaft im Sozialismus lief, geht aus dem Artikel auch hervor: "Der Handel innerhalb des Ostblocks war durch gegenseitige Warenlieferungen geprägt, wobei informell zwischen 'harten' und 'weichen' Waren unterschieden wurde: 'Harte' waren auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig, 'weiche' nur innerhalb des Ostblocks. In der Praxis tauschten die zentraleuropäischen Ostblockstaaten 'weiche' Maschinen oder Konsumgüter gegen 'harte' sowjetische Rohstoffe, inklusive Erdöl. Da die Währungen der RGW-Staaten untereinander nicht konvertibel waren, wurde im Handel eine komplizierte Recheneinheit zwischengeschaltet, der 'Transferrubel'." Europa hat sich übrigens bis heute nicht ganz von dem System gelöst, warnen die Autoren: "Trotz 19 Sanktionspaketen seit Februar 2022 ist Europa in manchen Fragen immer noch erschreckend abhängig von Putins Reich und zeigt nur in ausgewählten Bereichen wirkliche Bereitschaft, das zu ändern."

Im Krieg mit dem Iran bekommt eine jahrhundertealte Feindschaft zwischen Persern und Arabern wieder Aufwind, die auf die Eroberung Persiens im 7. Jahrhundert zurückgehen, erklärt Kacem El Ghazzali in der NZZ. Der "kulturelle Machtkampf", das "Aufbegehren nichtarabischer Völker gegen die arabische Vorherrschaft innerhalb des Islam" nennt man im Arabischen "schuʿūbiyya": "Wer verkörpert den 'wahren Islam' - der arabische Wüstenkrieger, der ihm Sprache und erstes Reich gab, oder der persische Intellektuelle, der ihn mit Philosophie, Mystik und Staatskunst füllte? Die Schuʿūbiten reklamierten, ohne Persien wäre der Islam kulturell arm geblieben; die Anti-Schuʿūbiten halten dagegen, ohne Araber gäbe es den Islam überhaupt nicht. Der Riss verläuft mitten durch das Haus des Islam - entlang von Sprache, Ethnie und Erinnerung. In Europa ist heute die 'mission civilisatrice', also die kulturelle Assimilation indigener Völker in den Kolonien, weitgehend als rassistisch anerkannt. Im arabischen Mainstream bleibt eine vergleichbare Selbstkritik bezüglich der islamischen Expansion eine Randerscheinung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.04.2026 - Geschichte

Die Slawistik-Professorin Anna Artwińska schildert in der FAZ den Streit um den Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto in Polen. Zwei Petitionen wurden im Vorfeld lanciert: Die erste, initiiert von der Historikerin Beata Lewkowicz, richtet sich gegen den Autor Mariusz Szczygieł, der in den Sozialen Medien Israel des Genozids an den Palästinensern bezichtigt und als einer von mehreren "Botschaftern" ausgewählt wurde, die am Gedenktag in der Stadt über die Ereignisse von 1943 informieren sollen und symbolisch Narzissen in der Stadt verteilen. Die 600 Unterzeichner halten die Wahl für unangemessen und befürchten die Verstärkung antisemitischer Ressentiments. Eine zweite Petition, iniitiert unter anderem vom Philosophen Adam Lipszyc, richtet sich nun gegen das Hissen der israelischen Flagge während der Feierlichkeiten. Artwinska kritisiert vor allem die zweite Petition: "Die Erinnerung an die jüdischen Opfer des Warschauer Ghettos muss verbunden werden mit Interventionen gegen heutige Gefährdungen von Juden. Sie lässt sich nicht im postkolonialen Sinne als bloße Chiffre allgemeiner Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen deuten. Deswegen zielt die Kritik der Unterstützer der ersten Petition zu Recht auch auf die Selbstinszenierung Mariusz Szczygiełs, der sich sowohl im T-Shirt mit der Aufschrift, alle zehn Minuten sterbe ein Kind in Gaza, als auch mit der gelben Narzisse in den sozialen Medien präsentiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2026 - Geschichte

Deutschland (naja, zunächst mal die Bundesrepublik) hat nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 80 Milliarden Euro als "Wiedergutmachung" an Opfer des Naziregimes gezahlt. Zumeist gingen die Gelder an Holocaustüberlebende, erzählt der Historiker Stephan Lehnstaedt auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ. Es ging dabei für die deutsche Politiker vor allem darum "wieder ein respektiertes Mitglied der westlichen Welt zu werden. Erst in zweiter Linie, und im Grunde nur für wenige deutsche Akteure des Wiedergutmachungsdiskurses, ging es tatsächlich um eine Wiedergutmachung für die Opfer, eine Abbitte", so Lehnstaedt. Ein weiteres Problem: "Die hochbürokratischen Abläufe, die als Hürden und Verweigerungshaltung galten und bis heute gelten, konterkarieren dabei die Intention der Wiedergutmachung: Die Überlebenden fühlen sich als Anspruchsberechtigte, doch Deutschland vermittelt ihnen den Eindruck, seinen Verpflichtungen nur ungern nachzukommen. So kritisieren die von uns befragten Menschen die Entschädigungsbürokratie viel stärker als die Höhe der Zahlungen."

Die SZ druckt die Rede Hape Kerkelings zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald. Er erinnert an seinen Großvater Hermann Kerkeling, der 1942 dort inhaftiert wurde, weil er Flugblätter gegen die Nazis verteilte. Hermann Kerkeling überlebte und wurde 1945 befreit, aber Jahre der Zwangsarbeit und Gewalt ließen ihn als "gebrochenen Mann" zurück, erzählt sein Enkel: "Eine echte Wiedergutmachung hat er nie erhalten; man hat ihn nach dem Krieg mit ein paar Mark abgespeist. Und das Bitterste: Die Aufhebung seines Unrechtsurteils wegen 'Hochverrats' hat es zu seinen Lebzeiten nie gegeben. In den Augen der Bürokratie blieb der Verfolgte ein Vorbestrafter." Wenn "heute wieder Kräfte erstarken, die unsere Erinnerungskultur diffamieren, dann ist das ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Nachfahren. Buchenwald ist eine steingewordene Warnung. Wer heute wegschaut oder jenen applaudiert, die die Geschichte umschreiben wollen, macht sich mitschuldig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2026 - Geschichte

Diese Mädchen wurden am 20.11.1941 aus dem Lager Milbertshofen bei München nach Kaunas im besetzten Litauen deportiert und dort ermordet. Fotocredit: Fotograf*in unbekannt, Stadtarchiv München DE-1992-FS-NS-00013. Initiative "Last Seen".

Wieviel wussten die Deutschen
, fragt eine Ausstellung in der "Topographie des Terrors", wenn auch merkwürdig spät. Klaus Hillenbrand hat sich die Ausstellung für die taz angesehen. "Der Massenmord war geheim, die Deportationen der Jüdinnen und Juden aus deutschen Städten waren es nicht. Sie geschahen unter aller Augen. Die Initiative 'last seen' hat in jüngster Zeit eine ganze Reihe Fotos von solchen Deportationen zu Tage befördert, auf denen auch das Vergnügen der Zuschauenden kenntlich ist. Das ist in der Ausstellung seltsamerweise kein großes Thema, obwohl doch gerade diese Bilder beweisen, wie offen diese Austreibungen vonstattengingen. Mehr Raum ist den Briefen gewidmet. Darunter befinden sich auch Kartengrüße einer deportierten Jüdin aus dem KZ Majdanek. Hier hätte man sich gewünscht, dass die Aussteller deutlicher machen, dass dies eine Ausnahme darstellt und im Gegenteil das Schreiben von Briefen aus Konzentrationslagern fast immer strikt verboten war."

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Gustav Seibt schreibt in der SZ über die Ausstellung und zieht dazu Götz Alys Gedanken zur Frage: "Wie konnte das geschehen?" hinzu. So erscheint es unrealistisch, dass die deutsche Bevölkerung nichts von den Verbrechen wusste, oder sich einwandfrei in "Täter" und "Beobachter" einteilen lässt. "'All das musste sich in Millionen deutschen Familien herumsprechen, und, wie ich meine, sollte es sich nach dem Willen der deutschen Führung ab Herbst 1941 auch herumsprechen', erklärt Aly der SZ. (...) Diese Dimension wird in der Ausstellung nicht sichtbar, man könnte fast glauben, beobachtende Gesellschaft und Täter seien kategorisch getrennt gewesen. Doch nein, diese Täter kamen in größten Teilen aus ihrer Mitte."

In der FR erinnert Arno Widmann an das Totengedenken an den ehemaligen chinesischen Ministerpräsidenten unter Mao Zedong Zhou Enlai im April 1976, das zu Demonstrationen auf den Tiananmen-Platz führte. Als die Polizei die Totengaben wegräumte, kamen immer mehr empörte Menschen zusammen. "Es sollen hunderttausend gewesen sein. Sie stürmten auf die umgebenden Regierungsgebäude. Die Polizei intervenierte. Am Abend gab es keine Demonstranten mehr auf dem Platz. Am 7. April enthob der todkranke, aber immer noch allmächtige Mao Zedong Zhou Enlais jahrelang engsten Mitarbeiter und Nachfolger Deng Xiaoping (1904-1997) all seiner Partei- und Staatsämter. (...) Die Trauerfeiern für Zhou Enlai hatten sich nicht gegen das kommunistische Regime gestellt - Zhou war ja eine der tragenden Stützen des Systems gewesen -, sondern waren für Zhou Enlai eingetreten als einen der 'Vernünftigen' in der Partei. Das empörte die 'Unvernünftigen', die jetzt von Mao Zedong unterstützt, gegen die 'Vernünftigen' vorgingen." Auch wenn sich am Ende die "Vernünftigen" durchsetzten, kam es dreizehn Jahre später auf dem Tiananmen-Platz zu Massakern gegen friedliche Demonstranten.