9. November, Gedenksaison. Sabine Seifert
besucht für die
taz die
Gedenkstätte Sachsenhausen. Es stellen sich die bekannten Fragen, etwa wie man ohne Zeitzeugen die Erinnerung wachhält. Aber auch den
Bezug zum Kolonialismus spricht Seifert an, die mit
Axel Drecoll, dem Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen gesprochen hat: Der neue Kulturminister Wolfram Weimer "hat angekündigt, dass er die Idee seiner Amtsvorgängerin Claudia Roth (Grüne), den deutschen Kolonialismus und die Geschichte der Einwanderungsgesellschaft inhaltlich in eine Neukonzeption einzubeziehen, ablehnt". Dem stimmt Drecoll zu: "'Der Kolonialismus ist ein Verbrechen gewesen, das dringend mehr Aufmerksamkeit braucht', sagt Axel Drecoll dazu. 'Nur ist es ein
Thema eigenen Rechts. Es hat andere Voraussetzungen als die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur.' Dazu gehöre, dass es
kaum Tatorte in Deutschland gebe, das verbrecherische System nicht von einer Diktatur im Inland ausgeübt worden sei und zeitlich bis ins preußische Königreich zurückreiche. 'Man muss mit Nachdruck dafür Sorge tragen, dass der Kolonialismus aufgearbeitet wird. Wenn es dafür ein eigenes Konzept gibt, fände ich das sinnvoll.'"
Sowohl die extreme Rechte, als auch die extreme Linke
stören sich am Gedenken, konstatiert der Historiker
Volker Weiß in der
SZ, beide beklagen einen "
Schuldkult", "German Guilt" scheine auf der Linken "dem Kampf für Gaza insgesamt im Weg zu sein". "Nicht immer wird die politische Herkunft der Attacken deutlich. Im hessischen Babenhausen wurde 2024 der Gedenkstein für die von den Nazis vernichtete jüdische Gemeinde mit roter Farbe übergossen. Über den Antisemitismus hinaus blieb der weitere weltanschauliche Hintergrund unklar. Im niedersächsischen Ahlem verschandelten Unbekannte eine Gedenkwand für jüdische Deportierte mit Aufklebern, die
israelfeindlich,
propalästinensisch und neonazistisch waren. Die Grenzen sind auf diesem Terrain fließend, auch international."
Die noch recht junge "Geschichtsinfluencerin"
Susanne Siegert spricht auf Instagram und Tiktok über die Nazizeit. Die
eigene Recherche vor Ort hat sie zu diesem Thema gebracht - und diese Vermittlung von Geschichte durch die
eigene Perspektive hält sie für essenziell. Das sagt sie auch auch an die Adresse von
Friedrich Merz, auf dessen emotionale Rede in der Münchner Synagoge (unser
Resümee) sie im
FR-Gespräch mit Valérie Eiseler zurückkommt: "Ich
glaube ihm sogar, dass er sehr emotional ergriffen war. Aber in diesem Moment werden die Jüdinnen und Juden im Raum sowie generell jüdische Verfolgte zu den Statist:innen seines Gedenkens. Wenn er über diese Rolle hinaus aktiv werden wollte, müsste er eigentlich auch offen über die
Rolle seines Großvaters sprechen und klar benennen, was man über ihn weiß. Das würde auch nichts von dem schmälern, was er bei dieser Gedenkveranstaltung gesagt hat. Aber es geht einfach nicht sehr gut einher, sich auf der einen Seite anzumaßen, mit den Opfern zu trauern, wenn man auf der anderen Seite für die
Tätervergangenheit der eigenen Familie keine klaren Worte findet. Er kann nach wie vor von seinem Großvater als liebendem Opa sprechen, das schließt sich nicht aus."
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, antwortet in der
FAZ schon im vorhinein auf die salbungsvollen Reden, die er sich morgen wird anhören müssen. "Wenn ich '
Nie wieder' höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, die ausgegrenzt werden. Nicht 1938, sondern jetzt. Der Dirigent
Lahav Shani wird mit den Münchner Philharmonikern von einem Festival ausgeladen. Der Student
Lahav Shapira wird brutal zusammengeschlagen. Ein Geschäft in Flensburg verhängt Hausverbot gegen Juden. 'Nichts Persönliches.'"
Ein Konzert der
Israel Philharmonics unter Lahav Shani wurde auch in Paris durch hooliganhaftes Abbrennen bengalischen Feuers gestört (
mehr in efeu). Das Orchester spielte die "Hatikwah", die israelische Nationalhymne, und das Publikum antwortete mit
stehenden Ovationen.
Außerdem: In der virtuellen Tiefdruckbeilage der
FAZ erinnert der Afrikanist Andreas Eckert an
Kwame Nkrumah, den ersten Präsidenten Ghanas und Heros der Dekolonisierung. Und in der
FR erinnert Christian Thomas an noch einen
anderen 9. November, den von 1918.