9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1584 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.11.2025 - Geschichte

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Im FR-Interview mit Michael Hesse erklärt der Mediävist Peter Heather, wie das lateinische Christentum zur dominanten Religion Europas wurde. Tatsächlich spielte der Islam eine zentrale Rolle, meint Heather: "Wenn man in die Spätantike blickt, also in die Zeit, in der das Christentum sich formiert, stammen die meisten wichtigen theologischen Ideen aus dem griechischsprachigen Osten: aus Syrien, Palästina, Kleinasien, Ägypten. Das sind die intellektuellen Herzlandschaften des frühen Christentums. Mit dem Aufstieg des Islam aber werden diese Regionen - Jerusalem, Antiochia, Alexandria - islamisch. Und der lateinische Westen bleibt allein zurück. Das ist, im Grunde, ein Unfall der Geschichte. Wäre der Islam nicht so expansiv gewesen, wäre das Christentum vermutlich griechisch geblieben, östlich geprägt. So aber wurde der Westen - Rom, Paris, später Oxford - gezwungen, sich neu zu erfinden. Die Dominanz des lateinischen Christentums ist also nicht die Folge innerer Überlegenheit, sondern eine Folge der islamischen Expansion, die den Osten vom Westen abschnitt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.11.2025 - Geschichte

Eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum widmet sich dem intrikaten, aber so innigen Verhältnis der Deutschen zur Natur. SZ-Redakteur Gustav Seibt ist hingerissen und lernt unter anderem folgendes: "In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde der Rhein zwischen Basel und Worms begradigt. Schöne Landkarte dazu! Aus einer Auenlandschaft mit verschlungenen Flussarmen, Inseln und Sümpfen wurde ein straffer, schiffbarer Kanal, auf dem bald Dampfschiffe bequem bis Holland fahren konnten (der Verleger Cotta investierte nicht nur in den 'Faust', sondern auch in dieses faustische Projekt). Die Folge allerdings: Überschwemmungen, die nun in Straßburg ausblieben, fanden jetzt in Köln statt." Im Tagesspiegel bespricht Gunda Bartels die Schau.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.11.2025 - Geschichte

In der FAZ erinnert Christiane Heil an den ersten Schultag der sechsjährigen Ruby Bridges vor 65 Jahren, der wütende Proteste ausgelöst hatte, weil die Kleine zu den ersten Afroamerikanern gehörte, die auf eine weiße Schule ging. "Da sich Schulleitung und Eltern weigerten, weiße Kinder mit Ruby zu unterrichten, verbrachte sie die Tage allein mit Barbara Henry, einer weißen Lehrerin aus Massachusetts, in einem Klassenzimmer im ersten Obergeschoss. Die Pausen wurden so gelegt, dass Bridges auf dem Hof nicht auf andere, weiße Schüler traf. 'Frau Henry versuchte mit aller Kraft, von mir fernzuhalten, was sich draußen abspielte. Aber es gelang mir nicht zu verdrängen, dass es für mich keine anderen Kinder gab', erinnerte sie sich mehr als vierzig Jahre später bei einer Rede in der Memorial Church der Universität Harvard. Nach einem einsamen Schuljahr wurde in der zweiten Klasse plötzlich alles anders. Ruby wurde zusammen mit weißen und schwarzen Kindern unterrichtet."

Außerdem: In der Zeit schreibt Niklas Frank einen wütenden letzten Brief an seinen Vater, den als Kriegsverbrecher in Nürnberg verurteilten und hingerichteten Nazi Hans Frank, der als "Schlächter von Polen" berüchtigt war.
Stichwörter: Rassismus, USA, Frank, Niklas

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.11.2025 - Geschichte

9. November, Gedenksaison. Sabine Seifert besucht für die taz die Gedenkstätte Sachsenhausen. Es stellen sich die bekannten Fragen, etwa wie man ohne Zeitzeugen die Erinnerung wachhält. Aber auch den Bezug zum Kolonialismus spricht Seifert an, die mit Axel Drecoll, dem Leiter der Gedenkstätte Sachsenhausen gesprochen hat: Der neue Kulturminister Wolfram Weimer "hat angekündigt, dass er die Idee seiner Amtsvorgängerin Claudia Roth (Grüne), den deutschen Kolonialismus und die Geschichte der Einwanderungsgesellschaft inhaltlich in eine Neukonzeption einzubeziehen, ablehnt". Dem stimmt Drecoll zu: "'Der Kolonialismus ist ein Verbrechen gewesen, das dringend mehr Aufmerksamkeit braucht', sagt Axel Drecoll dazu. 'Nur ist es ein Thema eigenen Rechts. Es hat andere Voraussetzungen als die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Diktatur.' Dazu gehöre, dass es kaum Tatorte in Deutschland gebe, das verbrecherische System nicht von einer Diktatur im Inland ausgeübt worden sei und zeitlich bis ins preußische Königreich zurückreiche. 'Man muss mit Nachdruck dafür Sorge tragen, dass der Kolonialismus aufgearbeitet wird. Wenn es dafür ein eigenes Konzept gibt, fände ich das sinnvoll.'"

Sowohl die extreme Rechte, als auch die extreme Linke stören sich am Gedenken, konstatiert der Historiker Volker Weiß in der SZ, beide beklagen einen "Schuldkult", "German Guilt" scheine auf der Linken "dem Kampf für Gaza insgesamt im Weg zu sein". "Nicht immer wird die politische Herkunft der Attacken deutlich. Im hessischen Babenhausen wurde 2024 der Gedenkstein für die von den Nazis vernichtete jüdische Gemeinde mit roter Farbe übergossen. Über den Antisemitismus hinaus blieb der weitere weltanschauliche Hintergrund unklar. Im niedersächsischen Ahlem verschandelten Unbekannte eine Gedenkwand für jüdische Deportierte mit Aufklebern, die israelfeindlich, propalästinensisch und neonazistisch waren. Die Grenzen sind auf diesem Terrain fließend, auch international."

Die noch recht junge "Geschichtsinfluencerin" Susanne Siegert spricht auf Instagram und Tiktok über die Nazizeit. Die eigene Recherche vor Ort hat sie zu diesem Thema gebracht - und diese Vermittlung von Geschichte durch die eigene Perspektive hält sie für essenziell. Das sagt sie auch auch an die Adresse von Friedrich Merz, auf dessen emotionale Rede in der Münchner Synagoge (unser Resümee) sie im FR-Gespräch mit Valérie Eiseler zurückkommt: "Ich glaube ihm sogar, dass er sehr emotional ergriffen war. Aber in diesem Moment werden die Jüdinnen und Juden im Raum sowie generell jüdische Verfolgte zu den Statist:innen seines Gedenkens. Wenn er über diese Rolle hinaus aktiv werden wollte, müsste er eigentlich auch offen über die Rolle seines Großvaters sprechen und klar benennen, was man über ihn weiß. Das würde auch nichts von dem schmälern, was er bei dieser Gedenkveranstaltung gesagt hat. Aber es geht einfach nicht sehr gut einher, sich auf der einen Seite anzumaßen, mit den Opfern zu trauern, wenn man auf der anderen Seite für die Tätervergangenheit der eigenen Familie keine klaren Worte findet. Er kann nach wie vor von seinem Großvater als liebendem Opa sprechen, das schließt sich nicht aus."

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, antwortet in der FAZ schon im vorhinein auf die salbungsvollen Reden, die er sich morgen wird anhören müssen. "Wenn ich 'Nie wieder' höre, denke ich an Jüdinnen und Juden, die ausgegrenzt werden. Nicht 1938, sondern jetzt. Der Dirigent Lahav Shani wird mit den Münchner Philharmonikern von einem Festival ausgeladen. Der Student Lahav Shapira wird brutal zusammengeschlagen. Ein Geschäft in Flensburg verhängt Hausverbot gegen Juden. 'Nichts Persönliches.'"

Ein Konzert der Israel Philharmonics unter Lahav Shani wurde auch in Paris durch hooliganhaftes Abbrennen bengalischen Feuers gestört (mehr in efeu). Das Orchester spielte die "Hatikwah", die israelische Nationalhymne, und das Publikum antwortete mit stehenden Ovationen.


Außerdem: In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ erinnert der Afrikanist Andreas Eckert an Kwame Nkrumah, den ersten Präsidenten Ghanas und Heros der Dekolonisierung. Und in der FR erinnert Christian Thomas an noch einen anderen 9. November, den von 1918.
Stichwörter: Erinnerungspolitik

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.11.2025 - Geschichte

Martin Barzilais Fotobuch "Cimetière fantôme - Thessalonique" ist in den Editions Creaphis (hier) erschienen.
Ferry Batzoglou erzählt in der taz vom Fotografen Martin Barzilai, der in Thessaloniki, dem einstigen "Jerusalem des Balkans", nach Spuren des ehemaligen jüdischen Friedhofs der Stadt suchte. Die Nazis hatten die Gemeinde selbstverständlich mit rasender Brutalität fast ausgelöscht. Und "am 6. Dezember 1942 wurde der alte jüdische Friedhof, der größte jüdische Friedhof in ganz Europa, mit geschätzt über 300.000 Gräbern, im Herzen von Thessaloniki vollständig zerstört und eingeebnet. Das weitläufige Gelände wurde in einen großen Steinbruch umgewandelt, das Material für verschiedene Bauzwecke verwendet. Grabsteine, Grabeinlassungen und Grabplatten von unschätzbarem Wert wurden entfernt." So finden sich Grabsteine in vielen Gebäuden der Stadt, die Barzilai in einem Fotobuch dokumentiert hat. "Dass Deutschland den Bau eines Holocaust-Museums in Thessaloniki mit zehn Millionen Euro teilfinanziert, trage dazu bei, Wunden zu heilen, meint Barzilai."

Der 9. November naht. Die taz befasst sich mit Antisemitismus, wenn auch in seiner historischen Form. Armin Fuhrer, Autor eines Buchs zum Thema, erinnert an den 17-jährigen Herschel Grynszpan, der am 7. November 1938 einen völlig unbekannten Beamten in der deutschen Botschaft in Paris erschoss. Den Mord machten die Nazis zum Anlass der Pogromnacht vom 9. November. Grynszpan "lebte zur Tatzeit seit gut zwei Jahren an der Seine, war aber in Hannover geboren und hatte dort auch fast sein ganzes Leben verbracht. Allerdings war er kein deutscher, sondern polnischer Staatsbürger. Weil er wenige Wochen vor der Tat die polnische Staatsbürgerschaft verloren hatte, war er als nunmehr Staatenloser von der Ausweisung aus Frankreich bedroht. Grynszpan verfolgte mit zunehmenden Entsetzen die Geschehnisse in Deutschland. Als er schließlich von der sogenannten 'Polenaktion' las, stieg seine Wut auf das NS-Regime ins Unermessliche. Bei dieser Aktion handelte es um die Ausweisung von 17.000 Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit aus ganz Deutschland, die in den letzten Oktobertagen buchstäblich über Nacht mit Zügen vollzogen wurde."

Außerdem berichtet Klaus Hillenbrand aus der Gedenkstätte Ravensbrück, wo die Nazis Zehntausende Juden ermordeten - eigene Gedenktafeln dafür wurden nun eingeweiht. In der SZ erinnert Willi Winkler an ein berühmtes Transparent, das Studenten der Uni Hamburg am 9. Nobember 1968 hochhielten: "Unter den Talaren - Muff von tausend Jahren".
Stichwörter: Pogromnacht, 9. November 1939

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2025 - Geschichte

Die Deportierten am 25. 10.1941 vor Hamburgs Logenhaus. Foto: United States Holocaust Memorial Museum


Historische Bilder aus Hamburg, von denen lange angenommen wurde, dass sie die Evakuierung von Bombenopfern zeigen, entpuppen sich als Bilder aus dem Kontext des Holocaust und zeigen jüdische Menschen kurz vor der Deportation, berichtet Petra Schellen in der taz, die mit Alina Bothe von #lastseen gesprochen hat - #lastseen recherchiert nach Bildern von Deportationen in Deutschland. Verschiedene Umstände machen klar, dass die Bilder nicht nach Bombenangriffen aufgenommen wurden - unter anderem schlicht die Datierung auf 1941. "Zudem wurden die Fotos am helllichten Tag gemacht und bezeugen einmal mehr, dass die Deportationen vor aller Augen geschahen. 'Allerdings sieht man keine Bystander - anders als auf Fotos aus Eisenach oder Lörrach, wo die Nachbarn auf den Balkons standen und zuschauten', sagt Bothe, 'Aber auch in Hamburg muss es aufgefallen sein, wenn sich 1.300 Menschen zur Sammelstelle begaben und später in einer Kolonne von Polizeiwagen weggefahren wurden.' Es war einer der frühen Transporte ins Getto Litzmannstadt, das anfangs als Produktionslager unter anderem für Wehrmachtsuniformen diente. Später wurden die darin festgehaltenen Menschen ermordet und das Lager in mehreren Wellen aufgelöst."
Stichwörter: Hamburg, Holocaust, Deportation

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2025 - Geschichte

Wehrpflicht bedeutete ursprünglich nicht staatlichen Zwang, sondern im Gegenteil demokratische Partizipation, erinnert Gustav Seibt in der SZ: "Die Französische Revolution misstraute nicht zu Unrecht der von Aristokraten geführten, mit Zwang und Willkür eingezogenen Armee der alten Monarchie samt ihrer barbarischen Disziplin. Sie appellierte zu ihrer Rettung gegen feindliche Mächte zunächst an freiwillige Bürger und machte dann den Dienst fürs Vaterland verpflichtend. Dabei wurden Standesschranken abgeschafft und Karrierewege für die Tüchtigsten eröffnet. Einer von ihnen hieß Napoleon Bonaparte."

Und Kurt Kister erinnert im selben Kontext an Zeiten, als es noch viele junge Deutsche gab: "Wehrgerechtigkeit im engeren Sinne gab es in der Bundesrepublik nie. Es waren in jedem Jahrgang zwischen 1956 und 2011 immer zu viele junge Männer wehrdiensttauglich - nachdem man die Verweigerer, die Untauglichen und die aus anderen Gründen nicht Einziehbaren hinausgerechnet hatte. Die Bundeswehr hatte stets weniger Stellen für Wehrdienstleistende zu besetzen, als es potenziell Wehrdienstleistende gab."

Bundeskanzler Friedrich Merz hat neulich in einem FAS-Interview behauptet, früher sei es leichter gewesen zu regieren. Dem widerspricht der Historiker Frank Trentmann in der FR: "Die junge Bundesrepublik war konfliktgeladen, aufmüpfig und gespalten - sowohl die Parteien als auch die Gesellschaft."
Stichwörter: Wehrpflicht

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2025 - Geschichte

Otmar Lahodynsky erinnert in der NZZ daran, wie die mazedonische Nationalistin Mencia Carniciu am 8. Mai 1925 bei einer "Peer Gynt"-Aufführung im Wiener Burgtheater den bulgarisch-mazedonischen Aktivisten Todor Paniza ermordete: Beide waren Mitglieder der Inneren mazedonischen Revolutionären Organisation (IMRO), die jahrzehntelang Überfälle, Mord- und Bombenanschläge gegen die türkischen Besatzer im osmanisch besetzten Mazedonien verübte - sich aber bald in einen linken und einen rechten Flügel spaltete. Carnicius Tat "führte im in Genf ansässigen Völkerbund zur ersten internationalen Gesetzgebung gegen Terrorismus. Der nationalistische Flügel der IMRO wurde 1936 vom Völkerbund als erste Terrororganisation Europas verurteilt", erinnert Lahodynsky. Und: "Die einst verfeindeten Fraktionen der IMRO existieren bis heute - als politische Parteien. In Bulgarien tritt sie unter dem Namen VMRO als nationalistische Kraft auf. Vor fünf Jahren war sie Teil der Regierungskoalition und stellte den Verteidigungsminister. Nach den jüngsten Wahlen ist sie zwar aus dem Parlament ausgeschieden, verfügt jedoch weiterhin über beträchtlichen Einfluss und finanzielle Mittel."
Stichwörter: Vmro, Bulgarien

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2025 - Geschichte

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Im Interview mit der Zeit versucht der Historiker Norbert Frei die Widersprüche zu erklären, die Konrad Adenauer, über den er gerade eine Biografie geschrieben hat, ausmachten. Einerseits strikter Antinazi, der den Deutschen gegenüber immer misstrauisch blieb, weil sie sich hatten verführen lassen. Andererseits Realpolitiker, der einen Nazi wie Hans Globke als engsten Vertrauten zu beschäftigen: "Adenauer wusste, wie opportunistisch die Menschen sind. Unter den neuen, von ihm gesetzten Rahmenbedingungen würden sie schon funktionieren. Diese Denkweise zeigte sich auch in der berüchtigten Causa Globke ... Entscheidend war für ihn der Erfolg, den seine Politik des kalkulierten Beschweigens hatte. Die Bundesrepublik entwickelte sich zu einer funktionierenden Demokratie, und Leute, die eben noch Hitler zugejubelt hatten, jubelten nun ihm zu und wählten demokratische Parteien. Der Preis dafür war, Schluss zu machen mit der 'Nazi-Riecherei'. Adenauer handelte in dem Bewusstsein, Deutschland dieses Mal auf den richtigen Weg bringen zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2025 - Geschichte

In der FAZ erzählen ehemalige Schüler Karl Schlögels, von den Erfahrungen, die sie bei den Exkursionen machten, die Schlögel von der Europa-Universität Viadrina aus gen Osten organisierte - zum Marktplatz von Zamość, dem jüdischen Friedhof von Leżajsk, der Gedenkstätte Majdanek, zum Prospekt Statschek in Petersburg oder dem  Archipel Solowki. Jedoch: "Exkursionen müssen nicht zwingend in die Ferne führen. Manchmal genügt ein Stück Autobahn, ein staubiger Parkplatz, eine Verlangsamung des Blicks - und plötzlich öffnet sich ein ganzer Kontinent", lernte Sören Urbansky. "Im Frühjahr 2004, als die Europäische Union sich ostwärts öffnete, verlagerte Karl Schlögel seinen Blick auf einen unscheinbaren Ort: einen Lkw-Stellplatz an der A12 zwischen Berlin und Warschau, bei Frankfurt (Oder). Das Frankfurter Tor war kein Ort mit Aura, kein Denkmal oder Parlament. Und doch: Hier, zwischen Dieselschwaden und abgewetzten Trailern, ließ sich Europa beobachten - im Zustand des Übergangs. Eine Million Lkw passierten damals jährlich diesen unscheinbaren Ort, der Mitte der Neunzigerjahre zur Kanalisierung des Dauerstaus vor der damaligen EU-Außengrenze errichtet worden war. Für Schlögel entstand Europa nicht in Gipfelsälen, sondern im Alltag der Fortbewegung. In Zwischenräumen, wo Menschen sich begegnen, Waren umladen, Informationen fließen. Es waren Trucker, Spediteure und Händler, die, ob wissend oder nicht, an der Verfertigung Europas mitwirkten."

Außerdem: Konstantin Sakkas würdigt in der FR den Historiker Henning Koehler, der im Alter von 87 gestorben ist.
Stichwörter: Schlögel, Karl