9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1584 Presseschau-Absätze - Seite 2 von 159

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2025 - Geschichte

Schätzungsweise 45.000 Armenier fielen dem sowjetischen Terror zum Opfer, darüber gesprochen wird in Armenien bis heute kaum, schreibt auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten der FAZ der Historiker und Kulturwissenschaftler Mikhail Ilchenko. Nicht zuletzt aus Angst vor Russland: "Jede Kritik an der sowjetischen Geschichte wird im Kreml mit Verärgerung aufgenommen. Mit dem Verlust von Bergkarabach hat Armenien die Prioritäten seiner Außenpolitik erheblich überarbeitet. Dennoch bleibt das Land in vielen Bereichen weiterhin von Russland abhängig. Daher ziehen es die armenischen Behörden vor, in ihren Beziehungen zum Kreml Konflikte zu vermeiden. 'Es hat sich so ergeben, dass jedes Wort über Repressionen als antirussisch, ja sogar als gegen Russland gerichtet wahrgenommen wird. Russland bezieht das Thema Repressionen auf sich...', sagt Hranush Kharatyan, eine der renommiertesten Forscherinnen zur sowjetischen Geschichte in Armenien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2025 - Geschichte

Buch in der Debatte

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Der britische Historiker Simon Sebag Montefiore hat ein Buch über große Familien-Dynastien und der Bedeutung für die Geschichte geschrieben. Im Interview mit der FR erklärt er, warum wir uns alle sehr viel ähnlicher sind als wir glauben: "Man muss sich bewusst machen, dass dynastische Genealogien im Grunde immer gigantische Netze sind. Wenn man im 9. Jahrhundert ansetzt, ist praktisch jeder Mensch in Europa, dessen Abstammung sich lückenlos verfolgen lässt, mit denselben Ursprungspersonen verbunden. Ein Beispiel: Fast jede Engländerin und jeder Engländer mit tiefen Wurzeln im Land stammt von König Edward III. ab. Er hatte zehn Kinder, die alle wiederum heirateten und Nachkommen hatten. Das summiert sich exponentiell. Oder nehmen Sie Dschingis Khan: In Zentralasien trägt ein großer Teil der männlichen Bevölkerung genetische Spuren, die auf ihn zurückgehen. Das ist ein schwindelerregender Gedanke und zugleich ein Beleg dafür, wie eng verflochten Menschheitsgeschichte ist."

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Ziemlich begeistert ist FAZ-Kritiker Andreas Isenschmid von der Ausstellung "Die Morgenländer. Jüdische Forscher und Abenteurer auf der Suche nach dem Eigenen im Fremden" im Jüdischen Museum Hohenems. Über die "jüdische Neugier für den Islam" lernt Isenschmid hier Interessantes: "Wer kannte schon die Fotos, mit denen der Ethnologe Erich Brauer, Scholems von ihm viel gescholtener Freund, die Alltagskultur jüdischer Gemeinschaften in Jerusalem erforschte? Wer seine ethnographischen Forschungen über die jüdischen Gemeinschaften des Jemens und Kurdistans? Wer Vambéry, der Theodor Herzl den Weg zum Sultan bahnte? Wer die verfemte Berliner Ägyptologin Hedwig Fechheimer, lange mit Carl Einstein liiert, deren bei 1914 Cassirer verlegte Schrift 'Die Plastik der Ägypter' nicht nur Alberto Giacometti inspirierte? Sie nahm sich 1942 das Leben, um der Deportation zu entgehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2025 - Geschichte

Gabriele Lesser erzählt in der taz, wie die Polen vor achtzig jahren ihre von den Deutschen fast vernichtete Hauptstadt Warschau wieder aufbauten. Ohne Konflikte, Widersprüche und historische Verdrängung ging das nicht ab. Zum einen gab es zwei verschiedene Architektenschulen - die eine wollte Tabula Rasa, die andere Wiederaufbau. Auch der Wiederaufbau, der dann folgte war dann alles andere als lückenlos. Das Ghetto wurde planiert, der Anteil der jüdischen Bevölkerung an der Geschichte der Stadt komplett verdrängt. Ähnliches galt für Jugendstilbauten, die von den Kommunisten als dekadent angesehen wurden. Aufgebaut wurde vor allem die Altstadt - mit Einschränkungen: "Die Kommunisten forderten, dass die christlichen Heiligenfiguren an den einstigen Fassaden durch Götter der Antike zu ersetzen waren. Statt der heiligen Maria schützt nun beispielsweise Diana, die römische Göttin der Jagd, ein Haus. Den Baumaterialien des Mittelalters - Ziegel und Holz - blieb man allerdings treu. Da es nur wenige Schwarz-Weiß-Fotos aus der Vorkriegszeit gab, griff Zachwatowicz auf die Veduten des königlichen Malers und Venezianers Canaletto aus dem 18. Jahrhundert zurück, ließ die Farben auf den Ölgemälden erneut anrühren und damit die Fassaden der neuen Altstadthäuser streichen. 1980 wurde Warschaus Altstadt auf die Unesco-Weltkulturliste aufgenommen. Bis heute trägt sie als einzige den Titel 'wiederaufgebaute Altstadt'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.12.2025 - Geschichte

Die Geschichtspolitik des neuen rumänischen Präsidenten Nicușor Dan ist eine herbe Enttäuschung, schreibt der deutsch-rumänische Lyriker Alexandru Bulucz in einem kleinen Essay für die FAZ. Er erinnert an zwei historische Umstände: Die Rumänen betrieben im Zweiten Weltkrieg sozusagen ihren eigenen Holocaust und brachten aus eigener Initiative Hunderttausende Juden um. Zweitens: Wie in alle kommunistischen Ländern wurden die Verbrechen an den Juden, sowohl die eigenen als auch zum Teil die der Nazis, im Sinne einer antifaschistischen Geschichtserzählung beschwiegen. Präsident Dan wendet sich nun zunächst gegen ein Gesetz zur historischen Aufarbeitung und wurde dafür von Vladimir Tismăneanu, dem ehemaligen Vorsitzenden der "Präsidialkommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur in Rumänien" kritisiert. Schlimmer noch ist "Dans Auszeichnung eines hundertsiebenjährigen Kriegsveteranen am rumänischen Nationalfeiertag 2025. Der Geehrte hatte an militärischen Operationen in Räumen rumänischer Beteiligung an Deportationen und Massenmorden teilgenommen. Tismăneanu nennt diese Ehrung 'in höchstem Maße verstörend'."
Stichwörter: Rumänien, Holocaust

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.12.2025 - Geschichte

Die Sparkassen feiern zwar bald ihren Zweihundertsten, sind aber bisher noch nicht besonders durch Aufarbeitung ihrer Geschichte aufgefallen. Nun berichtet Henning Bleyl in der taz über eine Studie des Historikers Harald Wixforth zur Sparkasse Bremen (viele andere Sparkassen wollten sich von ihm lieber nicht untersuchen lassen, so Bleyl). Aus den Akten der Bremer Sparkasse zeigt sich, wie Gleichschaltung funktionierte: "Seit 1935 verschickte die Reichsbank Listen mit Personen, darunter viele politische Gegner, an die keine 'Registerguthaben zu Reisezwecken' ausgezahlt werden durften. Zunächst geschah dies noch eher verdeckt: 'Wir ersuchen ergebenst, die Aufstellung im Dienstgebrauch möglichst unauffällig einzusehen', heißt es in einer Anweisung. 'Über ihr Bestehen darf keine Auskunft erteilt werden. Insbesondere ist auch der Ausdruck 'schwarze Liste' unter allen Umständen zu vermeiden.' 1938 fielen solche Hemmungen: Auf die Kontokarten jüdischer Kund:innen musste auf Anordnung der Reichsbank mit roter Tinte 'Israel' oder 'Sara' geschrieben werden. Ab 1942 wurden die Guthaben an die Reichsbank abgeführt - ebenso der Schmuck aus den Schließfächern."

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Die Baumwolle ist das, was den Kapitalismus in seiner modernen Form begründete, meint der Historiker Sven Beckert, Autor einer monumentalen Globalgeschichte des Kapitalismus, im Gespräch mit Michael Hesse von der FR: "Die Geschichte des Kapitalismus ist beides - die Geschichte der Sklavenplantage - und die Geschichte der Lohnarbeit. Die Dynamik der Baumwolle macht das besonders sichtbar."
Stichwörter: Baumwolle, Beckert, Sven

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.12.2025 - Geschichte

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Wer waren die Nazis?, fragt der britische Historiker Richard J. Evans in seinem neuen Buch. Im SZ-Interview mit Joachim Käppner gibt er schon mal ein paar Antworten. Auffallend sei, dass in der oberen NS-Riege die Arbeiterschicht nicht vertreten gewesen sei, alle seien aus bürgerlichen Verhältnissen gekommen. Das widerlege den Spruch vom "Beefsteak-Nazi": "Er sei außen braun und innen rot, wie das Beefsteak. Aber das ist falsch. Es ist nicht das, was wir finden, wenn wir die entscheidenden Leute im Nationalsozialismus ansehen. Ehemalige Kommunisten gab es hier gar nicht. Nicht in der Breite, wohl aber an der Spitze war der Nationalsozialismus eine Bewegung der middle classes, der Mittelschichten. Selbst Ernst Röhm, der Führer der SA, der Sturmtruppen, inszenierte sich selbst als eine Art Landsknecht, als harten Soldatentypen, aber er kam aus einer bürgerlichen, monarchistisch gesonnenen Familie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.11.2025 - Geschichte

Die Berner Historikerin Hannah Einhaus blickt in der NZZ auf das Leben des einzigen Schweizers, "der ab 2001 bis zu seinem Tod 2008 auf der Terrorliste der USA stand": der Aktivist Ahmed Huber, der israelfeindliche Positionen in der Schweiz salonfähig machte. Geprägt durch die antisemitischen Ansichten des Großmuftis von Palästina, Mohammed Amin al-Husseini, verbreitete er seine Positionen unter anderem in der Schweizer Zeitung Neutralität, wie wir lesen: "'Ein Staat, der nicht unter islamischem Recht stehe, habe keine Aussicht auf Anerkennung und Frieden, schrieb er in der Ausgabe vom September 1967, kurz nach dem Sechstagekrieg. 'Wer sich im Dar-al-Islam (im islamischen Raum, Anm.d.Perlentauchers) mit List und Gewalt niederlässt und Moslems bedrängt oder vertreibt, gegen den schreibt Gott im Qur-ân den Jihad vor - den Heiligen Verteidigungskrieg des Islam.' Anders gesagt: Ein Staat unter jüdischer Souveränität ist für Islamisten inakzeptabel, ein Frieden undenkbar."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.11.2025 - Geschichte

Dass Stalin in der Ukraine Millionen Menschen umgebracht hat, kommt in den Lehrplänen deutscher Schulen nicht vor. Der Holodomor ist für deutsche Schüler ein weißer Fleck auf der Landkarte, berichtet Stefan Locke in der FAZ unter Rückgriff auf Recherchen des Schriftstellers Gottfried Böhme: "Bereits vor einem Jahr hatte er sich die Lehrpläne aller Bundesländer vorgenommen. Stalins Massenmord an den Ukrainern kam nur in Brandenburg im Geschichtsunterricht vor. 'Allerdings dort auch nur im Wahlbereich und als ein mögliches Beispiel für Völkermorde', sagt Böhme. Als er in diesem Jahr seine Recherche wiederholte, fand er das Thema im Lehrplan Mecklenburg-Vorpommerns als 'mögliche Vertiefung des Verständnisses stalinistischer Politik' erwähnt, während es in Brandenburg wieder gestrichen worden war. Sofern es kein Geschichtslehrer von sich aus in den Unterricht holt, bleibt das Thema an Deutschlands Schulen eine Leerstelle."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.11.2025 - Geschichte

Vor 50 Jahren endete die Herrschaft des spanischen Diktators Francisco Franco und sein Nachfolger, der spanische König Juan Carlos, rief bald darauf in Spanien die Demokratie aus. Thomas Ribi blickt in der NZZ auf diese beiden Figuren und welchen Einfluss sie auf Spanien hatten. "Franco hatte sich länger als jeder andere faschistische Diktator an der Macht gehalten - und durch die Wahl seines Nachfolgers Spanien wider Willen den Weg zur Demokratie geebnet. Was Juan Carlos tat, war nicht im Sinn seines Ziehvaters. Er tat es trotzdem. Zum Teil unter Druck, zum Teil aus Überzeugung. Die Spanier dankten ihm, indem sie während Jahrzehnten über seine privaten Eskapaden hinwegsahen. (...) Heute lebt er in Abu Dhabi. In seinem Land ist er zur Persona non grata geworden, die Spanier haben mit ihm abgeschlossen. Mit Franco auch. Aber die faschistische Vergangenheit ist bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Es gibt kein Museum, das den Franquismus behandelt. Und keine Gedenkstätte für die Opfer seines Regimes."

"Was für viele Opfer am schwersten wiegt, ist die Straffreiheit der Täter", schreibt Reiner Wandler in der taz. "Sie wurden nie gerichtlich verfolgt, denn die Verbrechen fallen für die spanische Justiz unter die Amnestie von 1977. Damals wurden diejenigen, die wegen antifranquistischer Aktivitäten eingesperrt waren oder verfolgt wurden, amnestiert, aber auch die Verantwortlichen für die knapp 40 Jahre dauernde Repression in Bürgerkrieg und Diktatur. Ein klarer Verstoß gegen internationales Recht. Denn Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nicht und können auch nicht amnestiert werden. Spanien hält dennoch daran fest."

Trotz der fehlenden Aufarbeitung der Franco-Ära hat sich etwas verändert, meint der Journalist Emilio Silva, der die erste Ausgrabung eines Massengrabes, in dem sein Großvater lag, veranlasst hatte, im Interview mit der taz. "Heute gibt es eine öffentliche Debatte über die Vergangenheit, die es so vor 25 Jahren nicht gab. Bis zum Jahr 2000 waren die Verschwundenen aus den Jahren des Bürgerkrieges und der Diktatur niemals Thema im Parlament. Gleichzeitig gab es Kommissionen, die sich mit den Diktaturen Lateinamerikas und den dort verschwundenen Spaniern beschäftigten. Das Land und seine Politiker schauten nach draußen. Unsere Ausgrabung und alle, die folgten, erreichten, dass Spanien auch nach innen, auf sich selbst schaute." Aber es gibt nach wie vor starke Kräfte, die davon nichts wissen wollen, so Silva: "Wir alle in diesem Land sind soziologisch ein wenig franquistisch. Sonst würden wir es nicht ertragen, mit Denkmälern wie jenem Triumphbogen zu leben, oder mit Tausenden von Straßen, die faschistische Namen tragen. Wir alle tragen den Schaden in uns, den 40 Jahre Diktatur hinterlassen haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.11.2025 - Geschichte

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Paul Ingendaay liest für die FAZ einige neue Biografien, die zu Francos fünfzigstem Todestag erschienen sind, darunter Till Kösslers Biografie "Franco - der ewige Faschist" und Giles Tremlettas "El Generalísimo Franco - Power, Violence and the Quest for Greatness". Unter anderem lernt er einiges über Korruption unter Franco - sein Clan bereicherte sich zum Beispiel an Vespa-Lizenzen für Spanien - und über Francos Aufstieg: "Anders als oft geschrieben wird, hat Franco den Putsch gegen die Zweite Spanische Republik im Sommer 1936 nicht angeführt, sondern sich bis eine Woche vor dem Aufstand der rechten Militärs schlau bedeckt gehalten. Danach betrieb er seinen Aufstieg durch dreierlei: das Kommando über die Afrika-Armee, seinerzeit das kampfstärkste Kontingent Spaniens; seinen direkten Kontakt zu Hitler, bei dem ihm ein Nationalsozialist aus Nordafrika namens Johannes Bernhardt wichtige Kurierdienste leistete; und sein überlegenes Vorgehen in den kritischen Momenten, als sich die Machtfrage unter den Aufständischen entschied."
Stichwörter: Franco, Francisco