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Vom Nachttisch geräumt

Schönste Rollenprosa

Die Bücherkolumne. Von Arno Widmann
30.11.2004. Bilder von Blut und Lippenplatten, die Ironie des libyschen Diktators, die Flucht aus Lübchen, herrliche Bibeln, kreuz und quer durch Italien - Arno Widmann hat Bücher von Gianni Giansanti, Muammar al-Gaddafi, Hanns Tschirra und Klaus Wagenbach vom Nachttisch geräumt.
Exotismus

Es gibt eine Art von Exotismus, die ich für ausgestorben hielt. Die Vorstellung nämlich, es gäbe im Innern Afrikas wilde Stämme, deren Leben sich in den letzten einhunderttausend Jahren so gut wie nicht geändert hat. Als Kind träumte man von solchen Völkern und davon, sie zu entdecken. Dann begann man herumzureisen und kam dahinter, dass unsere Zivilisation längst auch noch in die entlegensten Winkel der Erde vorgedrungen ist. Vor allem aber lernte man, dass vieles von dem, was uns als jahrhundertealte Tradition erschien, erst in jüngster Zeit entwickelt worden war. Aufmerksame Beobachter entdeckten, dass bestimmte Tänze Importware waren wie auch die Muster der Hautbemalungen (siehe Bild: abstrakte Bemalung eines Suma).

Von solchen Zweifeln weitgehend unangekränkelt ist der Bildband "Völker des Morgens - Vom Verschwinden der traditionellen Kulturen Afrikas". Er sammelt großartige Farbfotos, die sich ganz auf das Exotische konzentrieren. Immer wieder Blut und Lippenplatten, Schmucknarben und Frisuren. Der Fotograf Gianni Giansanti ist verliebt in die Gewalt, die die Menschen ihren Körpern antun. Um der Schönheit, um des Prestiges willen. Giansanti geht ganz nahe an die Körper heran. Immer wieder sieht man kaum mehr als zwanzig Quadratzentimeter Haut, die aber mit allen Kratzern und allen Verletzungen. Alles in der Farbenpracht eines Werbekatalogs. Man kann angewidert davon sein und zugleich fasziniert. So hat der Exotismus schon immer funktioniert.

Gianni Giansanti: "Völker des Morgens - Vom Verschwinden der traditionellen Kulturen Afrikas". Übersetzung aus dem Italienischen von Gabriela Schönberger. Frederking & Thaler, München 2004, 504 Seiten, 360 Farbfotos, lam. Pb., 25,5 x 25,5 cm, 39,90 Euro. ISBN: 3-89405-631-2.
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Der Spaßmacher als Tyrann

Es ist eines der wichtigsten Bücher dieses Herbstes. Man möchte es jedem politisch interessierten Menschen in die Hand drücken und ihm sagen: "Lies! Lies es! Lies es genau! Lies!"

"Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde, und der Selbstmord des Astronauten" sind Erzählungen von Muammar al-Gaddafi, des libyschen Staatschefs. Der Herausgeber und Übersetzer Gernot Rotter, einer der besten deutschen Kenner der arabischen Gegenwart, seit 1984 Professor für Gegenwartsbezogene Orientwissenschaft an der Universität Hamburg, spricht von Essays. Man kann das sagen, wenn einem klar ist, dass damit "Versuche" und nicht etwa "Erörterungen" gemeint sind. Die Texte stammen aus einer Sammlung, die schon 1993 in Libyen erschien. Sie sind also lange vor der realpolitischen Wende Muammar al-Gaddafis entstanden. Dass wir sie jetzt erst auf Deutsch zu lesen bekommen, zeigt wie unsinnig es ist, vom "Informationszeitalter" zu sprechen. Es sind zwölf Texte, und fast jeder davon ist eine Offenbarung.

"Texte" ist nicht ganz richtig. Es sind Erzählungen auch in dem Sinne, dass Gaddafi seine Geschichten, seine Überlegungen nicht aufgeschrieben, sondern gesprochen hat. Man hat den Eindruck - und schon das ist sehr reizvoll - Gaddafi zuzuhören. Nicht etwa beim Diktat einer Geschichte, sondern beim Erzählen, auch beim Schwadronieren. Wer die Geschichten liest, sieht dem Erzähler zu, wie er unter seinen Hörern sitzt und ihnen erzählt, was er so denkt und wie er sich hineinsteigert in das, was ihm gerade eingefallen ist und wie es ihm Spaß macht, noch eins drauf zu setzen. Das sind nicht die Heiligen Texte eines Diktators, das sind die ironischen, Volten schlagenden, extemporierten Vergnügungen eines Spaßmachers. Schon das gibt dem Buch etwas Fremdes, Märchenhaftes, Orientalisches. Es gibt bei uns nicht ein einziges solches Buch.

"Der Selbstmord des Astronauten" zum Beispiel ist eine Geschichte mit einer einfachen Moral: der Astronaut wird verhungern, weil er nicht weiß, wie der Boden zu bearbeiten ist. Die Gesellschaft braucht also mehr Bauern als Astronauten. So liest sich die Geschichte, wenn man sie auf ihre Moral reduziert. Eine Fabel wie aus der chinesischen Kulturrevolution. Liest man dagegen auch die Geschichte selbst, dann bemerkt man die Ober- und die Untertöne. Man spürt den Spott für die großartigen astronomischen Kenntnisse des Astronauten, aber man bemerkt auch, mit welcher Verve der Erzähler diese Kenntnisse ausbreitet. Wenn Ironie heißt, aus Liebe verspotten, dann liebt Gaddafi den Astronauten. Wie auch der Leser sich freut an dessen Begeisterung über die Sternwanderungen und die titanischen Dimensionen, in denen der Astronaut sich mit der größten Selbstverständlichkeit bewegt. Die kleine, gerade einmal drei Seiten umfassende Geschichte besteht aus einer Reihe emphatischer Monologe, die man sich am besten gesungen vorstellt. "Der Selbstmord des Astronauten" ist eine Operette, die mit einem Satz beginnt, der über sechzehn Zeilen reicht, einer grandiosen Arie, die mit den Worten endet: "kehrte er mit Kopfschmerzen, schwindlig, sich erbrechend und halb tot auf die Erde zurück." Im Zentrum steht das Duett Bauer-Astronaut, bei dem der Astronaut die Rolle des Prinzen spielt, während der Bauer in der vertrauten erheiternden, aber im Kern doch unangenehmen Art das Realitätsprinzip vertritt. Natürlich gehört die Liebe des Erzählers und die seines Publikums den Ausschweifungen, den phantastischen Reisen des Astronauten.

Die letzten Erzählungen richten sich alle gegen islamischen Fundamentalismus. Es sind keine Traktate, sondern auch Geschichten und scheinbar beiläufige Überlegungen. Der Autor fährt keine großen Geschütze auf. Seine zentrale Waffe ist Spott. Um die Gemeinheit und seine Lust an ihr zu stärken, ist es gutmütiger Spott. Er macht sich lustig über die Korangläubigkeit der Fundamentalisten, über ihren Wahn, in alten Büchern die Wahrheit über die Gegenwart zu finden. Nichts scheint Gaddafi abwegiger als auf dem Umweg über das Studium der Heiligen Texte in die Moderne gelangen zu wollen. Sie werden so "nicht einmal Palästina befreien" oder "die Stützpunkte des Feindes zerstören", schreibt er. Es ist schönste Rollenprosa, und Gaddafi macht es Spaß, die unterschiedlichsten Rollen zu spielen.

Man muss das Buch lesen, wenn man eine Ahnung bekommen möchte, wie Gaddafi denkt. Man liest es gerne, weil es Spaß macht zu sehen, wie er denkt, und weil ihm diese Art zu denken sichtlich Vergnügen bereitet. Man muss das Buch auch lesen, um ein altes Vorurteil zu revidieren: Ironie ist nicht die Waffe der Unterlegenen. Ironie ist eine Haltung, die wenig damit zu tun hat, welche Rolle man im Leben spielt. Gaddafi ist das überzeugende Beispiel eines ironischen Diktators, eines Mannes also, der fähig ist, sich und sein Leben zu durchschauen und doch daran festhält, weil er weiß, dass er kein anderes hat.

Man muss dieses Buch auch lesen, weil es eines der aufregendsten Selbstzeugnisse zum Thema Masse und Macht enthält. "Die Flucht in die Hölle" heißt die Geschichte. Es sind neun Seiten Weltliteratur. Es gibt wahrscheinlich von keinem Autokraten der letzten dreitausend Jahre auch nur im entferntesten einen ähnlichen Text. Gaddafi ist der einzige, der einen kalten Blick auf die Liebe der Massen hat. Er ist so kalt, dass er auch etwas sagt über die Liebe überhaupt: dieselben Massen, "die dich geliebt haben, ohne dir einen Stuhl im Kino oder ein Kissen im Cafe zu reservieren". Er weiß aus seiner Jahrzehnte langen Erfahrung der Macht, dass die großen Gefühle auch Methoden sind, um sich vor den kleinen Aufmerksamkeiten zu drücken. Dass er das konsequent von der Seite des Herrschers aus betrachtet und nicht eine Sekunde lang - politisch korrekt - auch von der Seite der Beherrschten, das macht den Reiz und die Kraft dieses Textes aus.

Muammar al-Gaddafi: "Das Dorf, das Dorf, die Erde, die Erde und der Selbstmord des Astronauten". Herausgegeben, kommentiert und übersetzt von Gernot Rotter. Belleville, München 2004, 162 Seiten mit den farbigen Abbildungen der libyschen Ausgabe. 20 Euro. ISBN 3-936298-11-4. Bestellen.


Flucht aus Schlesien

Hanns Tschira (1899-1957) war Fotograf. Fünfzehnjährig übernahm er nach dem Tode seines Vaters dessen Fotobetrieb in Lörrach. Später arbeitete er als Bordfotograf der Reederei Norddeutscher Lloyd. 150 Mal überquerte er den Atlantik. 100.000 Fotos aus diesen elf Jahren sind erhalten. Der Ausbruch des Krieges zwingt den Fotografen zurück zu Ehefrau und Kindern nach Bremen. 1941 zieht die Familie um nach Berlin. Tschira eröffnet die Firma "TschiraBilderdienst". Als 1943 sein Büro ausgebombt wird - sein Archiv konnte er retten -, ziehen Familie und Firma um ins niederschlesische Lübchen, ein Dorf von 500 Einwohnern. Im Herbst 1944 erreichen erste Gerüchte vom Näherrücken der Roten Armee den Ort. Tschira schickt sein Archiv und den Großteil seiner Fotoausrüstung zu seiner Schwester an den Bodensee. Am 21. Januar 1945 formiert sich in Lübchen ein Treck. Die Bewohner fliehen vor der Roten Armee nach Westen. Hanns Tschira und seine Familie sind dabei. Tschira mit der Kamera.

Jetzt ist ein Buch erschienen, das diese mehr als vierwöchige Flucht aus Schlesien mit Tschiras Fotos dokumentiert. Jede der Aufnahmen wird genau erklärt. Zum Beispiel: "Das Ochsengespann der Familie Klose aus Korangelwitz, einem Ortsteil von Lübchen." Wer den Band betrachtet und liest, erkennt nach wenigen Seiten die Menschen wieder. Das gibt dem Band den Charakter eines Familienalbums, schafft also Nähe, Identifikation. Die Fotos erzählen nicht das Leid. Manche wirken wie von einem winterlichen Sonntagnachmittagsspaziergang. Es sind Bilder von Menschen unterwegs. Von lachenden Frauen und Männern, die Kinderwagen und Fahrräder mal leicht über Straßen, mal mühsam durch den Schneematsch schieben. Man sieht auch daran, wie beschränkt die Wahrheit der Fotografie ist.

Zu einem Foto hatte Hanns Tschira notiert: "In Niesky wurde der gesamte Treck in einer Holzbearbeitungsfirma untergebracht. Wir stellten dort fest, dass es sich auf Holzwolle besser liegen lässt als auf Heu. Der Inhaber des Unternehmens spielte den Flüchtlingen auf seiner Harmonika auf. Wohl die einzige Geste menschlicher Anteilnahme, die uns von 'besitzender Seite' auf dem ganzen Treck zuteil wurde." Eine bittere Anmerkung, die ein erhellendes Licht auf das Endstadium der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft wirft.

Hanns Tschira hinterlässt bei seinem Tod in Baden Baden ein Archiv mit 200.000 Aufnahmen.

Lucia Brauburger: "Abschied von Lübchen - Bilder einer Flucht aus Schlesien". Mit Fotografien von Hanns Tschira. Econ Verlag, Berlin 2004, 160 Seiten mit zahlreichen s/w Fotos, 24 x 26 cm., 24 Euro. ISBN 3-430-11568-X. Bestellen.


Nicht nur in Italien...

"Mein Italien, kreuz und quer" heißt der kompakte, 378 Seiten umfassende Band. Mehr als einhundert Texte hat der Herausgeber Klaus Wagenbach zusammengetragen. Vorwiegend aus der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Vor dem Buche sei gewarnt: Es fällt schwer, es wieder aus der Hand zu legen. Es hat Drogencharakter. Die Texte sind durchweg so reizvoll oder gar schön, dass man nicht aufhören möchte. Der nächste ist zudem stets so kurz, dass man ihn auch noch lesen kann. Allerdings kann es vorkommen, dass man aufhört weiter zu lesen, weil man ins Grübeln kommt, weil ein Text einen so aufstört, dass man das Buch hinlegt, aufsteht und in die Küche geht und sich zum Beispiel ärgert, dass die Menschheit noch immer mit den gleichen Problemen zu tun hat. Gleich der erste Beitrag, der allererste, der noch vor Flaianos sehr lesenswerter Stellungnahme "Der größte Fehler der Italiener" steht, hatte mich eine Woche lang am Weiterlesen gehindert. Es ist eine Notiz von Giacomo Leopardi aus dem frühen 19. Jahrhundert. Sie klingt harmlos, aber wer sie zum Zeitpunkt der Bekämpfung von "Parallelgesellschaften" liest, dem geben die wenigen Zeilen sehr viel zu denken:

"Die Italiener haben eher Gebräuche und Gewohnheiten als Sitten. Sie haben wenige Gebräuche und Gewohnheiten, die man national nennen kann, aber diese wenigen und die anderen, viel zahlreicheren, die man als provinzielle und städtische bezeichnen kann und muss, werden eher aus Gewöhnung befolgt als infolge irgendeines National- und Provinzgeistes oder einer Naturmacht, oder weil sie zu verletzen oder zu missachten große Gefahr von seiten der öffentlichen Meinung mit sich bringen würde. Aber in Wirklichkeit besteht diese Gefahr nicht, weil der öffentliche Geist in Italien jedem, abgesehen von dem, was die Gesetze und Verfügungen der Fürsten vorschreiben, beinahe vollständige Freiheit lässt, sich in allem übrigen so zu verhalten, wie es ihm gefällt, ohne dass sich das Publikum daran stört. Die Gebräuche und Sitten in Italien beschränken sich im allgemeinen darauf, dass jeder seine eigenen Gebräuche und Sitten befolgt, wie auch immer sie seien."

Man möchte Leopardi seufzend ergänzen: Nicht nur in Italien. Deutschland zum Beispiel war niemals so einheitlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Nationalsozialisten hatten alles, was ihnen nicht in den Kram passte, ausgerottet. Die Bundesrepublik ist jetzt erst dabei sich zu normalisieren. Es gibt überhaupt keinen Grund zur Panik. Deutschland könnte noch ein paar Hunderttausende, Millionen Ausländer aufnehmen, noch immer wäre es einheitlicher als jemals in seiner Geschichte. Niemals zuvor hat ein Viertel der Nation abends dieselbe Sendung gesehen. Niemals waren wir einheitlicher angezogen, niemals dachten wir ähnlicher. Das Leopardi-Zitat stammt aus einer Zeit, da es den italienischen Nationalstaat noch nicht gab, geschweige denn die Gewalt der Massenmedien. Unsere Gesellschaften sind - inklusive Ausländer - homogener als sie es vor einhundert Jahren waren. Daran erinnert uns Klaus Wagenbach mit dem Leopardi-Zitat, davon handeln viele Texte - nicht nur der Pasolinis, sondern natürlich auch all die Beschwörungen des italienischen Südens - in dieser Anthologie.

"Mein Italien, kreuz und quer". Herausgegeben von Klaus Wagenbach. Wagenbach Verlag, Berlin 2004, 378 Seiten, 14,50 Euro. ISBN 3-8031-3192-8. Bestellen.


Der Katalog

Nur ein Katalog - was ein Unsinn! Der Katalog 48 aus dem Antiquariat von Heribert Tenschert, "Biblia Sacra", ist eines der prächtigsten Bücher zur Bibelgeschichte. Auf 536 Seiten werden 180 Manuskripte und Drucke vom 13. bis zum 20.Jahrhundert vorgestellt. Man kann sie kaufen - wenn man kann. 240.000 Schweizer Franken kostet ein großartig erhaltenes Exemplar der complutensischen Polyglottenbibel aus dem Jahr 1520 in Kalbslederbänden des 17. Jahrhunderts. Die Ausgabe stand beim Duke of Sussex.

Die berühmte französische Bibelübersetzung von Le Maistre de Saci, erschienen während der französischen Revolution in einer reich illustrierten Prachtausgabe in zwölf Bänden, wird mehrfach angeboten. Eine Ausgabe stammt aus dem Besitz Napoleons. 128.000 Schweizer Franken kostet sie. Für die nach Ansicht des Antiquars schönste Ausgabe verlangt er 220.000 Schweizer Franken. Man blättert gerne in dem Band, vertieft sich in die Erläuterungen, die einem nicht nur die Geschichte der Bibelausgaben klar machen, sondern auch Einblicke in das Handwerk der Buchherstellung oder in die Kunst der Illustration bieten. Martin Walser beginnt sein Vorwort zu dem Katalog mit dem merkwürdig ablenkenden Satz: "Sollte Umberto Eco je diesen Katalog in die Hand kriegen, wird er einen Roman schreiben. Der Titel wird heißen: Der Katalog." Das hat etwas Rührendes, als fühle Martin Walser sich außerstande, diesen Roman selbst zu schreiben. Der letzte Absatz seines Textes klärt den verwirrten Leser auf:

"Alle Namen, Daten und Taten lässt der Katalog zusammenwirken zu einem Hohen Lied auf das Buch der Bücher. In einer Zeit, in der Voreilige dem Buch ein Ende aufschwatzen wollen, erfreut es einen, die Geschichtsträchtigkeit dieses Mediums zu erleben.Gut, die Pest konnte im 16. Jahrhundert in Lyon das Erscheinen einer Bilderbibel verzögern; auch wird von einer 1652er Bibel, dreiundzwanzigbändig, am Ende von Band VIII 'eine kleine Wurmspur im Unterrand' gemeldet; aber sonst nichts als Beständigkeit, Geschichtsträchtigkeit und Schönheit. Und ganz nebenbei eben: Europa. Also ein historischer Roman ist der Katalog. Genauer gesagt: ein großer historischer Roman. Es war voreilig, dafür noch einen wunderbar geeigneten Belletristen in Anspruch zu nehmen. Man liest den Katalog und erlebt dieses Traditionsgewebe aus Bibelstoff. Und Bibelgeist. Der Katalog ist schon alles selber. Eigentlich müsste er sich auch noch selber aufführen als das Buch des Buches der Bücher. Aber das unterlässt er. Eine Geste der Bescheidenheit, die nach soviel berechtigtem Stolz den Leser rührt."

600 Illustrationen hat eine deutsche Bibel aus dem Nürnberg des Jahres 1690: "die Summe der bildgestützten barocken Frömmigkeit", schreibt der Antiquar. 1.221 Seiten bietet der Schweinslederband über Holzdeckeln. Die Messingschließen stammen aus dem Jahr 1692. 85.000 Schweizer Franken. Der Durchschnittsleser, der schaut, ob er den neuen Roman zum Beispiel von Martin Walser sofort kauft oder auf die Taschenbuchausgabe wartet, weiß nichts von der Schönheit dieser alten Bücher. Er kann sich nicht einmal diesen Katalog leisten. Er weiß auch wenig davon, wenn er in Reprints sieht. Die Farben stimmen - das sei so apodiktisch gesagt - nie. Die einzige Chance des Normallesers ist, in eine Bibliothek zugehen, sich im Sonderlesesaal zum Beispiel die Zürcher deutsche Bibel mit Holzschnitten nach Hans Holbein (siehe Bild) aus den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts vorlegen zu lassen (46.000 Schweizer Franken bei Tenschert) und sich Zeit zu nehmen, die mehr als zweihundert rot-weißen Illustrationen aufmerksam zu betrachten. Er wird die Gefahr spüren, süchtig zu werden nach dieser stillen Kunst, die ihn, der hier vielleicht zunächst nur Zerstreuung gesucht hatte, zur Konzentration zwingt. Wenn er Glück hat, wird er süchtig und ein armer Mann oder reich werden wie sein Antiquar.

"Biblia Sacra - Das Buch der Bücher. Die Bibel vom 13. bis zum 20. Jahrhundert in ausgewählten Exemplaren". Vorwort von Martin Walser. Katalog Nr. 48 (2004). Text inDeutsch und Englisch. 536 Seiten, ca. 300 Farbabbildungen. Groß Folio. Illustrierter Pappband. 320 SFR.

Zu beziehen über: Antiquariat Bibermühle AG, Heribert Tenschert, Bibermühle 1-2, CH 8262 Ramsen/Schweiz. Oder über: www.antiquariat-bibermuehle.ch.

Archiv: Vom Nachttisch geräumt

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Arno Widmann: Sehnsucht nach dem Staub

08.01.2007. Er bewundert einen prächtigen Bildband über Indien, empfiehlt Alain de Libera und Al-Farabi als Impfung gegen christlichen Hochmut gegenüber dem Gott der Muslime, bewundert einen prachtvoll gewachsenen Krieger, jagt Gespenster mit einem echten Aufklärer und erliegt der Schönheit von George Steiners Melancholie. Mehr lesen