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Yin, Yang, Yahoo

Zensur und Internettechnologie in China. Von Rüdiger Wischenbart
15.11.2005. Gerade die avanciertesten Technologien der Globalisierung werden von Untenehmen wie Yahoo feilgeboten, um die chinesischen Machthaber in ihrem Zensurwillen zu bedienen. Aber die subversiven Ideen werden in Köpfen gespeichert.
Jedes Ding hat zwei Seiten, und der Übergang von der einen auf die andre kann fließend erfolgen. Das weiß in China seit ein paar Jahrtausenden, jedes Kind.

Die Beobachter des Internets lernten diese Lektion in den vergangenen Monaten einmal mehr. Als gäbe es eine geheime, den Globus überspannende Regie - was natürlich Unsinn ist - geben einander zwei grundunterschiedliche Typen von Internet-Nachrichten aus China neuerdings die Hand.

Da sucht der erfolgreiche amerikanische Publishing-on-demand Dienst iUniverse einen Artdirector mit Dienstort Shanghai (oder die International Herald Tribune meldet, dass die flotten und billig entlohnten Textilwerker aus der Sonderwirtschaftszone Shenzhen bei Hongkong künftig nicht mehr nur westliche Couture-Entwürfe zusammennähen wollen, sondern planen, demnächst auch eigene Entwürfe zu produzieren und diese nach Europa und in die USA zu exportieren; oder Motorola, der China-Pionier unter den großen Mobilfunkunternehmen, erschrickt über der Einsicht, dass man in Fernost, gerade weil man früher als alle andren da war, zum Wegbereiter der nunmehrigen chinesischen Handy-Hersteller-Konkurrenz geworden ist, die nicht nur billiger, sondern auch schneller produziert.)

Im nächsten Moment aber folgt die Nachricht, wie die chinesischen Behörden flächendeckend chinesische Internetcafes kontrollieren und nach Bedarf schließen, oder wie gegen Yahoo erhebliche Vorwürfe laut wurden, einen vermeintlich anonymen Internet Blogger durch Preisgabe seiner Zugangsdaten an die Behörden zur Strafverfolgung ausgeliefert zu haben.

Die härteste Koinzidenz war dann im Sommer, als einerseits der chinesische Web-Suchdienst Baidu an die New Yorker Technologie Börse Nasdaq ging und da einen der spektakulärsten Einstiege feiern konnte; zum zweiten tickerte die Meldung über alle Nachrichtendienste, dass Yahoo und die größte chinesische eCommerce Seite, Alibaba, zusammengingen: "China's largest e-commerce website Alibaba on Tuesday announced it had successfully acquired the entire assets of Yahoo! China and gained one billion US dollars of investment in the merger." (So die offizielle Meldung von Xinhua im Oktober).

Doch zwischen beiden Ereignissen ging auch die Meldung um die Welt, dass die chinesischen Zensurbehörden zunehmend lückenlos in der Lage seien, den Internetverkehr in China politisch zu kontrollieren. Gibt man in Suchmaschinen etwa unerwünschte Stichworte wie "Demokratie" ein oder wählt direkt Internetadressen kritischer tibetischer Organisationen an, dann bekommt man, im günstigsten Fall, eine Meldung, dass diese Informationen, weil die innere Sicherheit Chinas gefährdend, gesperrt seien.

Die Technologie, die dies ermöglicht - bei gleichzeitig atemberaubender Expansion der Internetnutzung in China - verdanken wir den Filtertechnologien jener Unternehmen wie Cisco, deren Produkte das weltweite technische Rückgrat der Netze bilden. Exakt jene neuen Entwicklungen, die Spam herausfiltern, Viren und Würmer in ihrer Ausbreitung hemmen und dennoch den reibungslosen Verkehr all der digitalen Informationspakete gewährleisten, sind es, die den Behörden ihre effiziente Zensur erst ermöglichen.

Übrigens erwerben die chinesischen Behörden diese Hochleistungstechnologien keineswegs auf krummen Wegen, sondern im Rahmen der großen Kooperationen, die auch dem Merger zwischen Yahoo und Alibaba oder zahllosen verwandten Deals zugrunde liegen.

Das impliziert, abgesehen von Handel und Wandel, einige recht prekäre Konsequenzen, die bedenkenswert sind.

Wie ein roter Faden zieht sich, schon seit Richard Nixons spektakulärem Besuch in Peking 1972, die Argumentation durch, der Einzug wirtschaftlicher Öffnung bringe huckepack auch eine politische Liberalisierung nach China. Das ist offensichtlich Unfug. Im Gegenteil, einige der importierten Schlüsseltechnologien garantieren dem autoritären Regime erst die gleichzeitige technologische Modernisierung wie das politische Beharrungsvermögen.

Zweitens bedeutet dies allerdings keineswegs, dass die Öffnung deshalb politisch folgenlos bleibt. Bei einem Besuch in Oxford zur Zeit der Graduierungen vor wenigen Wochen hatte ich den Eindruck, die halbe chinesische Jugend studiere bereits in England - was natürlich ebenfalls Unsinn ist. Es gibt noch viel mehr neugierige junge und ambitionierte Studierende aus China, genügend für alle guten Universitäten weltweit! Und dass die, wenn sie nach einigen Jahren Auslandsaufenthalt zurückkehren, gehörige politische Sprengkraft besitzen, das weiß man gerade in China, in Peking, Shanghai und Nanjing, aus den Revolutionszeiten des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts zur Genüge. In Menschen gespeicherte Erfahrungen lassen sich nicht so leicht filtern wie Daten in Netzen oder auf Servern.

Zum dritten aber sollten wir die aktuellen chinesischen Einsichten aber auch auf uns selbst anwenden. Denn die gleichen Technologien, die China erlauben, das Internet im Griff zu behalten, sollten uns doppelt und dreifach aufmerksam machen für den Missbrauch der Datenströme bei uns.

Das traditionelle chinesische Wissen über die gegenteiligen Aspekte aller Dinge, über das Yin und das Yang, und über die stetige Bewegung zwischen den Elementen und Aspekten hat in China zu keinem moralischen Relativismus geführt. Kein "Alles ist ohnedies einerlei" entstand, sondern, im Gegenteil, die rigide Moral des Konfuzius. Dem gegenüber steht allerdings der Pragmatismus der Daoisten (mitsamt ihren unüberblickbaren Geistern!) Diese Kombination aus strenger Moral mit Maßstäben und praktischem Hausverstand hielt China immer wieder zusammen. Vielleicht ist es genau das, was wir, übers Internet, umgekehrt aus China nach Hause mitnehmen können.