Dystopien auf allen Ebenen

Von Rüdiger Wischenbart
02.06.2019. In den letzten Monaten manifestierte sich ein Paradigmenwechsel, der die Mitte - in Gestalt der traditionellen Parteien in Deutschland oder Österreich, aber auch in Gestalt der Buchbranche - recht alt aussehen lässt. Sie ist umstellt von entfesselten Rechten und einer "Generation Z", die sich plötzlich politisch betätigt.
1.

Die Rückkehr der Nationalismen, die Gefahr des Populismus für den demokratischen Rechtsstaat, all die Angstformeln der letzten paar Jahre hatten eine fundamentale Schwäche: Sie starrten wie gebannt nur auf eine Seite. Betrachtet wurde nicht, was sich alles in unseren Gesellschaften in wenigen Jahrzehnten verschoben hatte. Was genau Ängste oder Verlustgefühle auslöste. Die Welt schien zu kippen. Wie ein großer, schwerer Topf mit nur einem Henkel. Wie soll man den halten, ohne die Suppe gleich auszuschütten!

Aber jetzt ist klar: Der andere Henkel, das sind viele junge Menschen, über die zwar viel geredet wurde. Voreilige Generations-Etiketten wurden ihnen angeheftet, von "Millennials" bis "Gen Z". Die bange Frage war wie so oft: Weshalb sind die anders? Aber es wurde über sie geredet, und weniger ihnen zugehört. Ihre unterschiedlichen Profile wurden zwar ausführlich in Marketing-Studien kategorisiert, analysiert und bewertet: Die starren bloß auf ihre Handys, haben aber sonst keine Ahnung! Mein Lieblings-Tweet eines Politikers in den letzten Tagen: Wenn die nur mal ihre eigene Kohle verdienen, dann werden die schon noch vernünftig.

Mit ein paar scheinbar unzusammenhängenden Aktionen der letzten paar Tage und Wochen aber wurde sichtbar: Die sind ja real. Sie handeln. Sie schaffen sich eigene Ordnungen. Und, Überraschung, sich in die bestehenden Hackordnungen einzufügen hat dabei eher keine Priorität.

Das sichtbarste Beispiel: Bei den unter 30-Jährigen in Deutschland haben mehr die Grünen gewählt als irgendeine andere Partei. In Österreich übrigens ebenso. Echt jetzt: Ösistan ist gar nicht so anders als es bisher schien!

Vor weniger als zwei Jahren, 2017, waren die Grünen bei den unter 30-Jährigen in Deutschland noch die Nummer vier, hinter schwarz, rot und den Liberalen. In Österreich flogen damals die Grünen aus dem Parlament, gescheitert an der 4-Prozent Hürde. Welcher Wahlforscher hätte damals, im Pleistozän, solche eine Volatilität in der Wählerschaft zweier immer noch vergleichsweise wenig aufgewühlter Gesellschaften wie Deutschland und Österreich innerhalb von so kurzer Zeit für möglich erachtet?

Das wundersamste Beispiel dazu danken wir AKK. Sie hat verstanden, dass so ein Youtuber, der zur Zerstörung der CDU aufruft, mehr Aufmerksamkeit bekommt als die Bild-Zeitung. Und wenn dann siebzig Youtuber den Zerstörungsappell verstärken, weil aufgreifen, abwandeln, damit spielen und ihn siebzig Zillionen Mal verstärken, dann muss die zukünftige Bundeskanzlerin drüber nachdenken, wie sich das "regulieren" lässt. Weil siebzigmal Bild, ey, das ist krass. So argumentiert jemand aus dem Pleistozän. Und was soll man vom Abgang einer SPD-Vorsitzenden halten, die keine Antwort auf das akute Schrumpfen ihrer Partei mehr fand?


2.

Wenn ich mich bei komplizierten Fragen wie Gesellschaft und Politik nicht mehr zurechtfinde, denke ich an die mir besser vertraute Nische von Büchern, "Buchbranche", Verlagen, Leserinnen und Lesern, Buchhändlerinnen und Buchhändlern. Weil irgendwie auf eine immer wieder erstaunliche Art und Weise spiegelt sich in der kleinen Nische das Große dann doch wieder.

Vor ein paar Monaten fand sich da ein solcher Youtuber auf einmal an der Spitze der Spiegel-Bestsellerliste. Mit einem Roman über "Minecraft". Mit einem Co-Ghostwriter. In einem extra von Bastei Lübbe und einer Marketing Agentur für solche neuen Leute und Genres gegründeten Verlagsmarke. Okay, der Programmchef war gerade im Urlaub, als der Durchbruch geschah. Kann passieren. Aber er rief zurück, hatte aber nicht viel zu sagen. Er schien selbst recht überrascht von dem Erfolg. Die andren Verlage der "Buchbranche" beschlossen daraufhin ebenfalls, jeweils eine "Influencer"-Reihe zu starten.

Und umgekehrt, am anderen Ende der Skala, verkündete der Traditionsverlag S. Fischer nun wieder hochwertigere, na klar, deshalb auch etwas teurere Bücher zu machen. Okay, die Idee wurde mit so genannten "rechtefreien" Titeln vorgestellt, bei denen die Autoren lang genug tot sind, so dass der Verlag keine Tantiemen mehr zu bezahlen braucht.

Also alles gut: Influenzer-Bücher und gute Bücher. Wir haben's im Griff. Wie AKK.


3.

Alter ist allerdings keine wirklich zuverlässige Kategorie, um die konfusen Dinge zu ordnen.

In Wien wurde Anfang letzter Woche die Regierung des total jungen Bundeskanzlers Kurz durch ein Misstrauensvotum im Parlament gestürzt. Und der alte (1944 geborene, im übrigen ehemals grüne!) Bundespräsident fand dennoch Zeit, sich in dem ganzen Polit-Trubel auch noch für ein paar Minuten freizuspielen und zu verneigen vor einer kleinen jungen Frau von nur 16 Jahren (mehr hier).

Einen Tag nach dem Regierungssturz trifft Greta Thunberg, die Klima- und Schulstreik-Aktivistin, in Wien dann auch noch Arnold Schwarzenegger, und sicher auch nochmals den Präsidenten. Beide Ereignisse, der Regierungssturz und der Greta-Arnie Gipfel gehen nun in Bildern um die Welt.

Schwarzenegger startete seine Karriere vor vielen Jahren, im tiefsten Pleistozän, in meiner Heimatstadt Graz, als Bauarbeiter bei der "Fernwärme". Mein Vater, ein Baumeister damals, erzählte mir von ihm, der plötzlich aus seiner vorgesehenen Rolle ausbrach, über Bodybuilding (und die Unterstützung eines Gemeinderats) plötzlich berühmt wurde, erst in Graz, dann in der Welt des Bodybuilding. Und irgendwann schließlich, nachdem er nach Amerika ausgewandert war, erst als "Conan der Barbar", und dann als Gouverneur des Staates Kalifornien, der fünftgrößten Wirtschaftsmacht weltweit.

Jemand, der solche Wechsel durchlebte, hat ein Sensorium für Neues - und für neue Kräfte, wie sie Greta repräsentiert. "I'll be back!"

Was sagt dies alles aus über die Verschiebungen in den Hierarchien nicht nur unserer medialen Aufmerksamkeiten und Eitelkeiten, sondern in den Gefügen realer Macht?


4.

Zum einen haben sich, schneller als dies vorgestern im Pleistozän noch für möglich gehalten worden wäre, die Themen verschoben, und zum andren auch das relevante Personal. Das ist ein Shift. Oder mit einem etwas älteren Begriff des Wissenschaftstheoretikers Thomas Kuhn (1922 bis 1966) gesagt: Wir erleben soeben einen Paradigmenwechsel.

Beispielsweise in der Welt der Bücher: Es geht einfach nicht darum, ob ein Youtuber mit einem Roman über "Minecraft" die Nummer 1 auf der Spiegel-Bestsellerliste ist. Es geht vielmehr darum, dass diese Spiegel-Bestsellerliste nur mehr eine Skala neben vielen andren darstellt. Zu den andren gehören all die vielen Amazon-Listen, wo ich jeden Titel nach vielen Kriterien plus User Kommentaren et cetera einordnen kann, und all das neben Youtube-Kanälen und angesagten Serien auf Netflix und ich weiß nicht was sonst noch allem ein vielschichtiges Milieu bildet, in dem ich mich bewege, im Austausch mit meinen Freunden (Freunden jeglicher Art, aus dem "richtigen" Leben oder den "sozialen Medien"), "bewege" im Sinn von "navigiere", und steuere indem ich hier ein Abo für ein paar Monate eingehe, und dort nicht, und danach auch wieder wechsle. Und so fort. Gen-Z-mäßig eben, volatil, vom Handy aus. Aber deshalb weder doof noch planlos.

Zwischenruf: Wie kommt es überhaupt, dass so viele relevante Geschichten, in so vielen relevanten und auch innovativen Ausgestaltungen, die plötzlich ihr mal großes, mal kleines (Nischen-) Publikum finden, nicht in Buchform in einem deutschen (oder österreichischen) Verlag zuerst erschienen sind, und selbst wenn doch, erst in der visuellen Erzählform groß und bedeutend wurden? "Berlin Babylon" etwa. Oder, noch ein Beispiel: Wo ist der Romananfang, der der ersten Folge von "Pose" standhielte?

Im Pleistozän gab es derlei durchaus auch bereits. Denken wir an Rainald Götz. Aber würde Rainald Götz heute mit einem Roman einsteigen? Und wenn, dann sicher nicht als Imitation eines Youtuber- oder Influenzer-Romans.


5.

Zwischen den beiden Henkeln am Gesellschaftstopf, zwischen den nationalistischen Angst-Mauer-Errichtern und den Beweglichen, denen ein neuer, eigener Blick auf die Dinge die Kompassnadel ist, also in der Mitte, herrscht mit einem Mal Orientierungslosigkeit.   

"Mit einem Mal ist der Klimawandel weltweit ein Thema", ließ sich vor ein paar Tagen ein deutscher Politiker zitieren, ich glaube von der CDU, aber das ist gar nicht so wichtig. Das Erstaunen, das in der Aussage lag, meinte: Wer hat das beschlossen? Keiner hatte zuvor die deutsche Auto-Industrie befragt. Keiner hatte die Parteigremien in der SPD eingebunden. Selbst die Position der AfD erschien in diesem Zusammenhang nur wenig relevant.

Die Wahlergebnisse der EU-Wahlen vom vorigen Sonntag indessen lassen sich nach dieser Klima-Frage recht schlüssig einordnen, in Deutschland, Österreich, und sogar in Großbritannien! Ich vermute mal, diese analytische Zuordnung fällt am Ende klarer aus als jene der verschiedenen Populisten-Parteien nach den realen Möglichkeiten eines rechtsradikalen Blocks im europäischen Parlament!

Das prekäre Dilemma in der Mitte besteht wohl am meisten darin, dass mittendrin kaum eine Perspektive bleibt - außer der Angst vor den kommenden Katastrophen der Veränderung! Dystopien auf allen Ebenen haben die sozialdemokratischen Utopien ebenso ersetzt wie die konservativen Selbstgefälligkeiten.

Dieses Dilemma in der Mitte beginnt in den banalsten Alltäglichkeiten: Was ist, wenn die Millennials und Gen Z gegen alle Prognosen mit dem Handy umzugehen gelernt haben, wenn sie den Youtubern, deren Kanäle sie abonniert haben, nicht verfallen - und wenn sie nun auch noch zu selbständig Handelnden werden? Nicht weil sie nun endlich ihr eigenes Geld verdienen. Sondern weil sie in einer tatsächlich fundamental neuen und unübersichtlichen, risiko-reichen, aber deshalb nicht notwendigerweise katastrophischen Gesellschaftsordnung navigieren. Nicht zuletzt, weil sie nur diese eine Welt und Gesellschaftsordnung und Umwelt für ihre Zukunft zur Verfügung haben.

Das wäre dann ein Paradigmenwechsel. Und eine Machtablöse. Plötzlich. Real.

Rüdiger Wischenbart

Blog: Booklab.info