Magazinrundschau - Archiv

Tygodnik Powszechny

72 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 8

Magazinrundschau vom 19.08.2008 - Tygodnik Powszechny

Der Schriftsteller Marek Nowakowski spricht im Interview über seine Kindheit im Warschauer Vorort Wlochy, wo er sich unter den Kleinkriminellen am wohlsten fühlte, über seine Abneigung gegen elitäre Literatenzirkel und seine Anpassungsstrategie im Kommunismus: "In jeder Gesellschaft, nicht nur der totalitären, kann man seine Nische finden. Ich dachte nie ans Auswandern - als man mich nicht Reisen ließ, machte das auf mich keinen Eindruck, ich ging eben in den Karpaten wandern. (...) An Publikationsverbote dachte ich nie in apokalyptischen Dimensionen. Ich fühlte auch nie, dass ich für die Menschheit leide. Alles was ich tat, ging auf meine Rechnung, das Schreiben war meine Enklave der Freiheit. Im Guten oder im Schlechten - auf diesem Gebiet war ich souverän."

Weitere Artikel: Jussi Jalonen erinnert an Kaarlo Kurko, einen finnischen Antibolschewisten, der sich 1920 freiwillig zur polnischen Armee meldete, um gegen die Rote Armee zu kämpfen, die damals vor Warschau stand. Und Agnieszka Sabor lobt eine Krakauer Ausstellung von Fotografien, die Wilhelm Ze'ev Aleksandrowicz 1934 während einer Japan-Reise machte: "Der Wert dieser Bilder rührt vielleicht nicht aus ihrem künstlerischen Niveau - es sind schwarz-weiße Schnappschüsse, gleichzeitig statisch und grobkörnig. Sie halten aber diese besondere, wenn auch bekannte, gleichzeitig faszinierende und unerträgliche Erfahrung fest: die unüberbrückbare Grenze zu einer anderen Kultur; eine Grenze, die zur Unterscheidung in 'Wir' und 'Sie' zwingt."
Stichwörter: Auswanderer, Krakau, Rote Armee

Magazinrundschau vom 29.07.2008 - Tygodnik Powszechny

Die polnische Wochenzeitung widmet ein Dossier der Musealisierung des Sozialismus. Karolina Wichowska geht der Frage nach, warum in Polen noch keine entsprechende Einrichtung entstanden ist, obwohl mehrere Initiativen ins Leben gerufen wurden und sich namhafte Persönlichkeiten, u.a. Andrzej Wajda dafür eingesetzt haben (hier die Webseite des Projekts und hier ein virtuelles Museum). "Es gibt keinen Ort, an dem von diesem tragischen Kapitel der polnischen Geschichte im globalen Kontext erzählt würde. Es ist ein Paradox, denn Polen hat am meisten zum Fall des Kommunismus beigetragen und bleibt das einzige postkommunistische Land, das seinen Beitrag nicht entsprechend darstellt." Immerhin scheint aber der künftige Museumssitz jetzt geklärt: es wird der Kulturpalast in Warschau sein. Es wäre sinnlos, ihn abzureißen, aber man kann die Symbolik ändern. Das Museum der Erinnerung an den Kommunismus sollte zur Ikone der polnischen Hauptstadt werden, sagt einer der Initiatoren.

Magazinrundschau vom 01.07.2008 - Tygodnik Powszechny

Michal Olszewski staunt über das reichhaltige Angebot auf der Messe für Kirchenausstattung und Devotionalia "Sacroexpo" in Kielce. Es reicht vom Ornat in Tarnfarben, über Heiligenfiguren aus Bronzeimitat bis zur Friedhofsverwaltungssoftware. "Auf 250 Ständen mischen sich Schönheit und Kitsch, sacrum und profanum. Ein italienischer Verkäufer mit stark gegeltem Haar wirbt mit einer Lockerheit für seine Messekelche als wäre es Gemüse. (...) Die Messe repräsentiert eindringlich die äußere Form des polnischen Glaubens. Die Sakralkunst ist hier direkt, sie vermeidet Metaphern, komplexe Formen und Fragen. Unsere Vorstellung wird immer noch von Ablassstilistik und eindeutigen, bunten Bildern dominiert".

Eines der außergewöhnlichsten Fotografieprojekte der polnischen Nachkriegsgeschichte konnte man während des Festivals "Photomonth" in Krakau kennen lernen. "Zofia Rydets 'Soziologische Aufzeichnung' war einer der gewaltigsten Bilderzyklen mit einigen zigtausend Fotos - die genaue Anzahl kennt niemand. Im Alter von 68 begann die Arbeit daran, doch zu einer Publikation oder Ausstellung kam es nicht mehr." Fachkollegen waren dem Werk gegenüber etwas skeptisch, wegen seiner ausufernden Dimensionen und der kargen Ästhetik, schreibt Wojciech Nowicki. Gerade aber diese emotionale Ungezähmtheit und der titelgebende dokumentarische Charakter verleihen der Sammlung etwas Überzeitliches, so der Autor. (Einen deutschen Text zur polnischen Fotografie kann man hier nachlesen, einige Bilder von Rydet findet man hier).

Magazinrundschau vom 24.06.2008 - Tygodnik Powszechny

Beim Thema Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit wird in Polen oft die Tätigkeit der Birthler-Behörde als Beispiel angeführt. Dabei wurden dort bisher nur etwa 40 Prozent der Stasi-Akten geordnet, bemerkt der Historiker Jochen Staadt. Vehement widerspricht er der Feststellung, die Aufarbeitung gleiche einer Hexenjagd: "Mit diesem Vergleich tun wir den Hexen Unrecht - unschuldigen Frauen, die von religiösen Fanatikern verfolgt wurden. Würde man diese Analogie auf heute übertragen, wären die Stasimitarbeiter die Hexenjäger. Leider wurde diesen, genau wie den IMs nach 1989 kaum ein Haar gekrümmt. Nur die wenigsten wurden nach der Wende verurteilt."

Ähnliche Erfahrungen beschreibt der deutsch-rumänische Schriftsteller Richard Wagner. Aus den Akten des rumänischen Geheimdienstes Securitate erfuhr er, dass ihm seine Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit die Etiketten Faschist und Staatsfeind einbrachten. Einer der Spitzel, die Wagner ausspionierten, sei heute bei der Landsmannschaft der Banatschwaben in München aktiv!

Magazinrundschau vom 10.06.2008 - Tygodnik Powszechny

Nächste Woche erscheint ein Buch zweier Historiker des staatlichen "Instituts für Nationales Gedächtnis" (IPN), das Enthüllungen zur angeblichen IM-Tätigkeit Lech Walesas in den siebziger Jahren beinhalten soll. Schon die Ankündigung führte zu hitzigen Diskussionen, Polemiken und offenen Briefen der Befürworter und Gegner der sogenannten Lustration. Pawel Demirski, der ein Theaterstück über den "Solidarnosc"-Anführer inszeniert, skizziert die Bedeutung der Walesa-Legende für die junge Generation: "Ich wünschte, junge Polen würden keine Angst mehr vor Politik und politischen Diskussionen haben. Lech Walesa könnte eine Ikone der modernen Arbeiterbewegung sein, ein immerwährendes Gesprächsthema nicht nur für Intellektuelle, sondern auch für Fabrik- und Konzernmitarbeiter. Leider ist es nicht so, und nichts deutet darauf hin, dass sich das ändert. Politik ist für junge Polen uninteressant, also existiert Walesa vielleicht als Symbol in ihrem Bewusstsein, aber als totes Symbol, das nicht zur Weltveränderung motiviert." (Die englische Version des Interviews ist hier nachzulesen).

Weitere Artikel: Zum selben Thema äußert sich auch der Soziologe und Politiker Pawel Spiewak, der Walesa zwar respektiert, ihn aber nicht auf einen Denkmalsockel setzen will. Michal Nogas berichtet aus Drohobycz über das III. Internationale Bruno-Schulz-Festival (hier das Plakat und das Programm auf Englisch). Mit Interesse hat Dariusz Nowacki Krzysztof Vargas' Ungarnband "Gulasz z turula" gelesen: "Der polnische Leser erfährt, dass Polens historisches Pech noch relativ erträglich ist - es gibt Nationen, denen unvergleichlich mehr Unrecht widerfuhr. Beim Lesen möchte man über das Schicksal der Magyaren weinen, über ihren Nationalcharakter und ihre verkorkste Psyche, über ihre absurden Träume von der Macht, die lange vergangen ist und nie wiederkommen wird."

Magazinrundschau vom 27.05.2008 - Tygodnik Powszechny

"Bei Autorenlesungen höre ich oft, dass ich der letzte Romantiker bin. Für mich klingt das nicht wie ein Kompliment." Nach gut zwanzig Jahren Pause kehrte der Schriftsteller Eustachy Rylski 2005 mit einem historischen Roman über das alte Polen zurück. Im Interview spricht er von den guten, alten Zeiten der festen Werte, gesteht aber: "Manchmal ist es besser, wurzellos zu sein. Das Bewusstsein der eigenen Identität macht das Leben nicht unbedingt leichter. Die Tradition des polnischen Landadels ist aber die einzige, an die man anknüpfen kann. Sie ist nicht die beste, aber die beste, die zu haben ist."

Außerdem: Anita Piotrowska berichtet über das Dokumentarfilmfestival "Planete Doc Review", und Joanna Jopek sucht beim Krakauer "Photomonat" nach Sinn und Wahrheit der Fotografie.

Magazinrundschau vom 11.03.2008 - Tygodnik Powszechny

"Seien wir mal ehrlich: die französische Poesie weckt nicht mehr dieselbe Begeisterung wie vor einem halben Jahrhundert. Die Leser wissen kaum etwas über sie, Kritiker rümpfen die Nase, und polnische Dichter, jung und alt, gehen auf Distanz", schreibt Jacek Gutrow aus Anlass des Erscheinens einer Anthologie französischer Lyrik in Polen. "Es scheint, als ob in Paris niemand mehr Gedichte schreiben würde. Und hier scheint niemand darüber zu trauern oder eine Erklärung finden zu wollen. Dem Phänomen wird in Polen mit einer erstaunlichen Indifferenz begegnet."

Magazinrundschau vom 04.09.2007 - Tygodnik Powszechny

Die polnische Ausgabe der Erinnerungen Vaclav Havels, "Fassen Sie sich bitte kurz", wurde begeistert aufgenommen. Für Patrycja Bukalska gibt das Buch einen "einzigartigen Einblick in die Gedankenwelt eines Politikers, der nie Politiker werden wollte". Es ist "eine außergewöhnliche Kollage, die aus Tagebucheinträgen Havels aus den letzten Jahren besteht, Briefen an Mitarbeiter aus der Zeit als tschechischer Präsident und aus Antworten auf die Fragen des Journalisten Karel Hvizdala, mit dem er schon das legendäre Buch-Interview 'Fernverhör' vor zwanzig Jahren schuf". Nach vier Jahren Stille habe Havel mit dem Buch sein Comeback als Schriftsteller eingeleitet - statt in der Politik wird der Ex-Präsident wieder häufiger in Künstlerkreisen gesehen, so Bukalska.
Stichwörter: Havel, Vaclav

Magazinrundschau vom 28.08.2007 - Tygodnik Powszechny

Die neue Ausgabe der liberal-katholischen Wochenzeitung widmet sich dem Phänomen "Second Life". Unlängst hatte das Jesuitenmagazin "La Civilita Cattolica" zur Missionierung der virtuellen Realität aufgerufen, jetzt eröffnete Tygodnik Powszechny seinen Sitz im "Zweiten Leben". "Das ist mehr als ein Spiel", schreibt Michal Kuzminski (und sein Avatar Kuzmin Thorne). "Paradoxerweise sind in der virtuellen Welt die Emotionen echt: das Gefühl des Triumphs, des Scheiterns, die Freude über eine Entdeckung, Dankbarkeit und das Glück, einem Menschen begegnet zu sein. Der Unterschied besteht darin, dass wenn etwas schief geht, man jederzeit 'Exit' drücken und ein neues zweites Leben anfangen kann, ohne Konsequenzen. Das ist insofern gefährlich, als es nicht zeigt, wie man mit Problemen umgehen sollte, sondern wie man von ihnen flieht", zitiert Kuzminski einen Wissenschaftler.

"Das ist nur ein Spiel", kontert im Interview Jozef Kloch, Verantwortlicher für die Internetpräsenz der katholischen Kirche in Polen. "Unser reales Leben ist kein Spiel - wir begegnen realen Problemen, realen Menschen, wir müssen eine reale Familie ernähren, in dem wir real arbeiten. Unser tägliches Brot gibt es nicht für Linden-Dollar." Der Geistliche legt auch Wert auf die Unterscheidung: Beten über Skype - ja, aber eine Messe in "Second Life" - nein! "Ein Jesus-Avatar wäre nur ein Götze. Man kann SL als intelligentes Spiel hinnehmen, aber nicht als ein alternatives Leben. Es kann für einen Christen nicht zum Idealfall werden, sich vor der Außenwelt am Computer abzuschotten."

Magazinrundschau vom 21.08.2007 - Tygodnik Powszechny

Im wieder aufgeflammten deutsch-polnischen Streit um die "Beutekunst" sieht Nawojka Cieslinska-Lobkowicz Unwissen und Arroganz auf beiden Seiten wirken, wovon ihrer Meinung nach die Aussagen des "frustrierten Diplomaten" Tono Eitel ebenso wie die überhitzte Reaktion polnischer Medien zeugen. "Man sollte kompetent und ohne Emotionen die Öffentlichkeiten in beiden Ländern über dieses komplexe Problem informieren. Genau so wichtig ist aber, Kontakte und Kooperationen deutscher und polnischer Experten zu fördern. Sie unterscheiden sich von Politikern und Juristen insofern, als dass für sie das Wohl der Kulturgüter prioritär ist, und nicht rechtliche Hanteleien und ideologische Staatsräson. Sie könnten auch Modelle ausarbeiten, die von beiden Gesellschaften akzeptiert, und somit den Politikern den Weg weisen würden."