Magazinrundschau

Sadik al-Azm: Rushdie ist der neue Galilei

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag ab 10 Uhr.
04.09.2007. In der Internationalen Politik sieht der syrische Philosoph Sadik al-Azm in Salman Rushdie einen neuen Galileo Galilei. Al Ahram stellt erschrocken fest, dass die Masturbation in Ägypten den Sex ersetzt hat. Der Economist erklärt, warum die USA kein Problem mit Moscheebauten haben. L'Espresso begibt sich auf die Spur des Paten von San Luca, Ntoni Gambazza. In der Gazeta Wyborcza unterhalten sich Adam Krzeminski und Heinrich August Winkler über das verwickelte deutsch-polnische Verhältnis. Prospect beklagt die politische Apathie der indischen Mittelklasse. Outlook India fragt, was Menschen dazu bringt, einen Rekord im Ketchup-Schnelltrinken aufzustellen. Im Folio führt Nigel Barley durch die totale Überwachungsstadt London. In Nepszabadsag stellt Noam Chomsky klar, dass die USA sozialistischer waren als Osteuropa. Und die New York Times porträtiert Musikguru Rick Rubin.

Internationale Politik (Deutschland), 01.09.2007

In einem interessanten Heft zum Islam in Europa versucht sich der syrische Philosoph Sadik al-Azm die heftigen Konflikte zwischen Wissenschaft und Religion an den eigentlich völlig rückständigen Universitäten von Beirut, Kairo oder Istanbul zu erklären. Er fühlt sich an die Zeit der frühen Aufklärung in Europa erinnert und sieht frappierende Parallelen zwischen dem Fall Salman Rushdie und Galileo Galilei. "Mir scheint, dass Rushdis erster Widerruf ebenso erzwungen und utilitaristisch war wie der Galileos. Der verfolgte Vater der modernen Physik widerrief seinen Widerruf ja nicht nur, als er murmelte: 'Und sie bewegt sich doch!', sondern erst recht, als er der Welt sein reifstes Werk schenkte, die 'Discorsi e Dimostrazioni Matematiche intorno a due nuove scienze'. Er schrieb es hinter dem Rücken der Kirchenzensur, die jeden seiner Schritte verfolgte, und schmuggelte es nach Holland, um es zu publizieren. Genauso widerrief Rushdie seinen Widerruf faktisch auch, als er dem Terror der Fatwa widerstand und weiterhin satirisch, kritisch und kreativ vor allem über das Heilige schrieb... Ob auch der Islam weitere 300 bis 500 Jahre warten wird, bis er gegenüber Rushdie Zugeständnisse macht? Letztlich ist die Frage: Wird der Islam irgendwann in der Lage sein, sich mit dem herrschenden wissenschaftlichen Erkenntnismodell auszusöhnen?"

Al Ahram Weekly (Ägypten), 30.08.2007

Einem echten Tabuthema in der ägyptischen Gesellschaft widmet sich Karim El-Khashab - Sex vor und in der beziehungsweise ganz ohne Ehe: "Eine auf Familieninteressen basierende arrangierte Ehe, der es an Zuneigung und Verständnis fehlt, wird kaum zu einem gesunden Sexleben führen. Für Männer ist das Masturbieren zu Pornos oder gar arabischen Videoclips eine bequeme Alternative zu den in jeder Hinsicht absurd aufwendigen Anstrengungen und Ausgaben einer Ehe oder den moralischen Problemen von vorehelichem Sex - schließlich es ist nicht teuer, Satellitenfernsehen zu abonnieren oder, wie es der Soziologe Said Mustafa nennt, 'das Fernsehen zu heiraten'. (...) Masturbation mag an und für sich eine harmlose Sache sein, aber die Tatsache, dass sie inzwischen in Ägypten den Sex ersetzt, findet Mustafa alarmierend."

Außerdem zeigt sich ebenfalls Karim El-Khashab bemüht um eine neutrale Berichterstattung über den in Kairo lehrenden Soziologen Saadeddin Ibrahim, der in der Washington Post heftige Vorwürfe gegen die ägyptische Regierung erhebt. Salonaz Sami informiert über das bei den jungen Erwachsenen Kairos in Mode gekommene "Cruisen", d.h. das ziellose Herumfahren mit dem Auto durch den dichten Großstadtverkehr und hat sich mit ägyptischen DJs der jüngeren Generation getroffen.

Economist (UK), 31.08.2007

Der Economist berichtet über die Widerstände gegen den Moscheebau in deutschen und französischen Städten - und stellt fest, dass der Umgang damit in den USA sehr viel gelassener ist als in "Eurabien": "Obwohl es in den USA genug Islam-Gegner gibt, die nur zu gerne die Ängste der Menschen ausbeuten würden, bieten sie den Erbauern von Moscheen besseren Schutz. Die Verfassung, das Rechtssystem und die politische Kultur stellen sich in aller Regel auf die Seite der religiösen Freiheit... Wichtiger als der Buchstabe des Gesetzes ist ein Ethos, das sich für (den Mitbürgern) 'neue' religiöse Gemeinschaften einsetzt, die nur ihren Glauben ausüben wollen, ohne damit jemandem Schaden zuzufügen. In Amerika sind die Debatten über von religiösen Gruppen genutzte Bauten (oder Kulturzentren oder Friedhöfe) stets von der Annahme grundiert, dass die Sache der Freiheit im Fall eines Falles vor höchsten Gerichten obsiegen würde."

Auf der Titelseite fragt der Economist "Wer hat Angst vor Google?" und analysiert Chancen und Risiken für die Zukunft der Firma - und die Nebenwirkungen ihres Erfolgs auf Internet und Gesellschaft.

Weitere Artikel: Nachdem eine Investmentfirma große Teile des Strands von Coney Island aufgekauft hat, droht sich dessen Gesicht radikal zu verändern - die Firma plant, wie der Economist berichtet, Themenrestaurants, Hotel-Hochhäuser und einen High-Tech-Vergnügungspark. In den USA (freilich nicht in Texas) wächst, wie aktuelle Statistiken zeigen, die Skepsis gegenüber der Todesstrafe. Besprochen werden Yasmina Rezas Begleitbuch über den Wahlkampf von Nicolas Sarkozy, eine Amerigo-Vespucci-Biografie, das Theaterstück "A Disappearing Number" der Kompanie "Theatre de Complicite" und die Attraktionen des Festivals von Edinburgh.
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Espresso (Italien), 31.08.2007

Giuliano Foschini zitiert aus Untersuchungsberichten zur Verbreitung der Mafia in Deutschland, Fabrizio Gatti porträtiert den mächtigsten Clan-Chef von San Luca. "Ntoni Gambazza gibt es offiziell nicht. Im Einwohnerverzeichnis der Gemeinde von San Luca taucht er nicht auf. Ein bisschen weil die ungeschriebenen Regeln der Angst es verbieten, gewisse Persönlichkeiten öffentlich zu erwähnen. Aber auch deswegen, weil Ntoni Gambazza nur sein Beiname ist, der seit Jahren mit dem organisierten Verbrechen in Zusammenhang gebracht wird. Das quadratische Gesicht unter dem dichten Haarschopf ist dagegen unter Antonio Pelle registriert, ein Namen, den er sich mit vielen in der Gegend teilt. Geboren ist er am ersten März 1932, als man sich in der Region des Apsromonte noch ausschließlich zu Fuß fortbewegte. Mit dieser Identität führt ihn auch das Innenministerium als einen der dreißig gefährlichsten Verbrecher des Landes. Ntoni Gambazza hat sich diese Ehre verdient: seit dem Jahr 2000 ist er die Nummer eins der 'Ndrangheta von San Luca. Eine Art Bernardo Provenzano vor der Festnahme."

In seiner Bustina di Minerva erinnert Umberto Eco an Norman Cohn und dessen Thesen zu den angeblichen "Protokollen" der Weisen von Zion.
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Gazeta Wyborcza (Polen), 01.09.2007

Der polnische Publizist Adam Krzeminski befragt in der Gazeta Wyborcza im Interview den deutschen Historiker Heinrich August Winkler zum verwickelten deutsch-polnischen Verhältnis. Während Krzeminski hinter den aktuellen Spannungen eine gewisse "Ich-Schwäche" bei der polnischen Rechten vermutet, meint Winkler: "Auf der polnischen Seite fällt es schwer, Gruppierungen zu ignorieren, die antideutsche Ressentiments schüren. Sie nutzen die Organisationen deutschen Vertriebenen als ein Element im politischen Spiel... Wichtiger als nationalistische Ressentiments einiger polnischer Politiker scheint mir die Angst vor dem Verlust eines Teils der von Polen gerade wiedergewonnenen Souveränität zugunsten einer EU zu sein, die ein supranationaler Verbund von Staaten ist, die ihre Souveränität zum Teil gemeinsam, zum Teil sogar über supranationale Institutionen ausüben. Diese Ängste gibt es auch in anderen neuen Mitgliedstaaten der EU. Und die Altmitglieder sollten sehr behutsam mit diesen Ängsten umgehen. Deswegen finde ich auch, dass der Begriff 'europäische Verfassung' nicht wirklich durchdacht war. Er musste Widerstände nicht nur in Polen oder Großbritannien hervorrufen."

Prospect (UK), 01.09.2007

Die Titelgeschichte widmet sich der Wirtschaftsmacht Indien und dem Aufstieg der Mittelklasse - bedenklich findet Chakravarthi Ram-Prasad allerdings den Mangel an gesellschaftlicher Solidarität: "Die indische Mittelklasse hält Indiens neuen Status für selbstverständlich; sie setzt einfach voraus, dass Indien von den USA und dem Rest der Welt 'gleichwertig' behandelt werden muss; als nächstes geht es dann immer gleich um Geschäftsgelegenheiten. Diese Hingabe an die eigene Vorstellung von Indien und die Überzeugung von der Bedeutung, die man bei seinem ökonomischen Aufstieg spielt, machen die Mittelklasse sehr selbstgewiss. Auf der anderen Seite aber sind sie am Ganzen wenig interessierte Bürger: der Sinn für Solidarität mit den Armen ist schwach ausgeprägt; die Bedeutung des Staates für den eigenen Aufstieg oder für die Lösung der Probleme des Landes wird kaum anerkannt; insgesamt ist die Mittelklasse politisch apathisch."

Weitere Artikel: Am Beispiel einer Familie beschreibt Kim Sengupta das ganze Elend des Irak seit dem Einmarsch der westlichen Truppen. Edward Skidelsky porträtiert den 1923 geborenen Schriftsteller Nicholas Mosley, den moralische Fragen umtreiben und der mit dem Realismus jüngerer britischer Autoren wie Allan Hollinghurst oder Ian McEwan wenig anfangen kann.
Archiv: Prospect
Stichwörter: Irak, Ian McEwan

Outlook India (Indien), 10.09.2007

Shruti Ravindran versucht die indische Obsession für das Aufstellen von verrückten Rekorden mit Psychologen zu erklären. Letztlich bleiben Fälle wie der von Harprakash Rishi aber unerklärliche Einzelphänomene. Er ließ sich alle Zähne ziehen, um 555 Strohhalme in den Mund zu bekommen. "Rishis schaffte es vor zwanzig Jahren zum ersten Mal ins Guinnes Buch, als er zwanzigtausend Kilometer auf einen Luna-Moped zurücklegte. Er hat seitdem eine ganze Reihe von Anträgen eingeschickt, von denen 47 noch nicht anerkannt sind. Darunter gibt es den Rekord für das schnellste Ketchup-Trinken, den längsten Domain-Namen, das längste Testament, das längste Non-Stop-Tragen eines Ziegels, die weiteste Curry/Pizza-Lieferung, den Verzehr der meisten Chilis innerhalb von drei Minuten, und die meisten leeren Seiten in einem veröffentlichten Buch. Seltsamerweise auch den größten Büstenhalter. Seine Begeisterung ist ansteckend. Sogar seine Frau, Bimla Rishi, hat einen Rekord für das kürzeste Testament, das aus zwei Worten in Hindi besteht, die 'Alles dem Sohn' bedeuten."

Nach den Bombenattentaten von Hyderabad mit 41 Toten bezweifelt Saikat Datta die Theorie der Regierung, die Terrorgruppen aus dem Ausland verantwortlich macht: "Niemand hier gibt sich der Illusion hin, dass es einige Bangladeshis waren, die Tage und Nächte damit zugebracht haben, die Ermordung von indischen Bürgern in Hyderabad zu planen. Die meisten Menschen glauben, dass die Ursachen für diesen entsetzlichen Akt in der Stadt selbst liegen. Sie halten ihn für vielfach verwoben mit der komplexen politischen Matrix von Hyderabad, besonders der Altstadt... Sie ist arm, rückständig, ohne auch nur die einfachsten Annehmlichkeiten und in Quartiere unterteilt, von denen einige ganz von Muslimen dominiert werden, andere eine gemischte Hindu-Muslim-Bevölkerung haben."

Weiteres: Shefalee Vasudev kann die Feministinnen beruhigen: Die Diskussion ist nicht zu Ende, sie wird nur unspektakulärer, dafür aber auf breiter Front weitergeführt. Besprochen wird die erste gemeinsame westlich-indische Kunstausstellung in Delhi, in der Francis Bacon und Lucian Freud neben Francis Newton Souza und Tyeb Mehta hängen.

London Review of Books (UK), 06.09.2007

Der Autor Benjamin Kunkel schreibt über Leben und Werk des früh verstorbenen chilenisches Schriftstellers Roberto Bolano ("Die wilden Detektive"): "Er ist die Sorte Schriftsteller, für die das, was Nietzsche über die Musik sagte, sich für die Literatur von selbst zu verstehen scheint: ohne sie wäre das Leben ein Fehler. Es gilt aber auch - und Bolano demonstriert es wieder und wieder -, dass Bolano und seine Erzähler ohne Literatur sind, auf die verzweifelte Weise, auf die eine gläubige Person sich ohne Gott wiederfinden kann. Zum Teil liegt das daran, dass diese Geschichten und Romane, die fast ausschließlich von Dichtern geschrieben sind und handeln, mit einer wichtigen Ausnahme keine Beispiele der Dichtungen enhalten (...) Diese Bücher sind geprägt und getragen von einer Verehrung für die Literatur - und bieten doch kaum das, was wir für literarisches Schreiben halten. Bolanos Fiktionen tun so, als ob - aber nur als ob - die Literatur das wäre, worüber er schreibt, aber nicht das, was er tut."

Weitere Artikel: Ed Harriman rekonstruiert, wohin all die US-Gelder für den Irak-Aufbau fließen - in den tatsächlichen Aufbau, stellt sich heraus, nur zum geringeren Teil. Daniel Soar informiert über technische Hindernisse für die geheimdienstliche Überwachung der Telekommunikation. Fintan O'Toole berichtet, dass jüngst ein Spieler der gälischen Fußball-Liga wüst beschimpft wurde - und erklärt die komplizierten Familien-Hintergründe der Geschichte, die tief in die Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Protestanten führen. Peter Campbell bespricht eine Ausstellung mit italienischen Renaissance- und Barock-Werken in der Londoner Royal Collection.

Nepszabadsag (Ungarn), 03.09.2007

"In Osteuropa gab es noch nie einen Sozialismus, sogar die USA waren sozialistischer", meint Noam Chomsky im Interview: "In den 1970er Jahren hatte die USA die höchsten Gehälter und die kürzesten Arbeitszeiten der Welt. Heute ist es genau umgekehrt: die Amerikaner müssen am längsten für die niedrigsten Gehälter der Industrieländer arbeiten. Von den 1950er bis in die 1970er Jahre erlebten die USA eine beispiellose Steigerung des Lebensniveaus auf egalitärer Basis: die Besserverdienenden hatten jedes Jahr genauso viel mehr in der Tasche wie Arbeitnehmer des Billiglohnsektors. Die Statistiken zeigten eine rasche Entwicklung in der Gesellschaft, etwa was die Lebenserwartung und die Kindersterblichkeit angeht." Der Zerfall der Sowjetunion sei eine Chance gewesen, einen echten Sozialismus zum ersten Mal in der Weltgeschichte umzusetzen. Die Oktoberrevolution sei eine solche Chance gewesen, aber "die Bolschewiken zerstörten sie. Lenin und Trotzki vernichteten alle sozialistischen Institutionen, die vor der Revolution existierten und errichteten eine auf Tyrannei basierende kapitalistische Gesellschaft."

Nach der Gründung der rechtsextremen "Ungarischen Garde" hat Zoltan Pokorni, der stellvertretende Vorsitzende der konservativen Oppositionspartei Fidesz, erklärt, diese Gruppe sei ein "Marketinggeschenk" für die sozialliberale Regierung. György Bugyinszki urteilt, die Konservativen wollten die rechtsextreme Szene schönreden: "Sie haben nichts dagegen, dass die Neonazis die Flagge der ungarischen Nazis der 1940er Jahre verwenden: Die österreichische Nationalflagge hat ja die gleichen Farben. Auch die schwarze Uniform sei nichts Schlimmes: Rabbiner und Schornsteinfeger sind ja auch schwarz gekleidet. Und im Schießen üben dürfe sich heute jeder... Die rechtsextreme Partei Jobbik, aus der die 'Ungarische Garde' hervorgegangen ist, hat erst vor einigen Wochen ihre Gesinnungsgenossen aufgehetzt, die friedlichen Demonstranten des Budapester Gay Pride brutal zusammenzuschlagen. Es ist also völlig überflüssig, darüber zu diskutieren, ob Jobbik faschistisch ist, und es ist heuchlerisch zu fordern, man solle abwarten, was die 'Ungarische Garde' wirklich tun werde. Was Jobbik während des Gay Pride getan hat, ist per definitionem faschistisch."
Archiv: Nepszabadsag

Folio (Schweiz), 03.09.2007

Folio widmet sich diesmal dem Thema "Sicherheit". Der Ethnologe Nigel Barley bekommt es auf seinem Rundgang durch das komplett kameraüberwachte London mit der Angst zu tun. Nicht nur hat ihn die Kamerameute auf Schritt und Tritt im Blick, inzwischen werden ihre Bilder auch auf Fahndungsplakaten benutzt. "Die Fotos auf dem Plakat sind alle so unscharf, verwaschen und grobkörnig, dass es unmöglich ist, irgendjemanden mit Sicherheit zu erkennen. Viele der Bildchen sind schwarzweiß und erwecken die Sehnsucht vergangener Tage. Nur der atemberaubenden Ineffizienz des gesamten Überwachungssystems haben wir zu verdanken, dass unsere bürgerlichen Freiheiten nicht ernsthaft bedroht sind. Doch bei genauerer Betrachtung weist eine beunruhigende Anzahl von Fahndungsfotos, sogar von Frauen, eine verblüffende Ähnlichkeit mit mir selbst auf, wenn ich schlecht geschlafen habe. Wie es scheint, werde ich im Zusammenhang mit schwerer Körperverletzung in Wandsworth, einem Ladendiebstahl in Neasden und einer mitternächtlichen Attacke gegen U-Bahn-Beamte im Westend gesucht."

Heribert Prantl warnt davor, den Rechtsstaat dem ­"Monstrum Terrorismus zum Fraß" vorzuwerfen: "Wer hier den großen Kehraus veranstaltet, der kehrt, angeblich oder vermeintlich zur Verteidigung des Rechtsstaats, genau das weg, weswegen dieser Rechtsstaat verteidigt werden muss. Dann stirbt die Freiheit an ihrer Verteidigung. Was die westlichen Demokratien als Kampf gegen den Terrorismus bezeichnen, ist eher eine Flucht vor dem Terrorismus. Sie stellen sich der Bedrohung, indem sie vor ihr davonlaufen und dabei die Werte wegwerfen, auf die sie einst stolz waren. Der Westen ist, im canettischen Sinn, eine Fluchtmasse. Dem Terrorismus standhalten verlangt aber: an den Grundsätzen des Rechtsstaats festhalten. Der starke Staat ist der Staat, der seine Regeln verteidigt, nicht der, der sie aufgibt."

Weitere Artikel: Franz Zauner warnt in seinem Artikel vor infektiösen Computerviren, die "einen unersättlichen Appetit auf unsere Daten" haben. Anja Jardine spricht mit dem Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, der uns in einem "Angstkreis des Perfektionismus" gefangen sieht.
Archiv: Folio

Nouvel Observateur (Frankreich), 30.08.2007

Auch in Frankreich erscheint nun der neue Roman "Talk Talk" von T.C. Boyle. Aus diesem Anlass gibt der Autor in der Abteilung Reflexions Auskünfte über sich, seine Literatur und seine nächsten Projekte. "Den amerikanischen Traum gibt?s sehr wohl: Es ist der Traum von der sozialen Flexibilität. Ich bin ein lebendes Beispiel dafür. Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie und war der erste, der studiert hat. In meinem Leben hat es große Mentoren gegeben, Vaterfiguren. Die meisten von ihnen waren Schriftsteller und Lehrer. Sie haben mein Leben verändert. Ich zahle mit Vergnügen meine Schulden ab, indem ich weiterhin an der University of Southern California unterrichte. Das Unterrichten ist mein gesellschaftlicher Beitrag. Ich könnte diese Zeit mit Lesen oder Golfspielen verbringen, aber ich glaube leidenschaftlich an die Literatur."
Stichwörter: T.C Boyle

Guardian (UK), 01.09.2007

Die Schriftstellerin Zadie Smith erinnert sich an ihre Lektüre von Zora Neale Hurstons Emanzipationsklassiker "Their Eyes Were Watching God", das sie als altkluge Vierzehnjährige von ihrer Mutter aufs Auge gedrückt bekam. "Ich habe an diesem Tag viele literarische Schlachten verloren. Ich musste zugeben, dass Aphorismen von Zeit zu Zeit ziemlich kraftvoll sein können. Ich musste mich überzeugen lassen, dass Keats kein Monopol auf die Lyrik besitzt. Und ich musste zugeben, dass mythische Sprache erstaunliche Wirkung entfalten kann, wenn sie gut ist."

Der Kollege Jonatham Lethem erklärt den Pop und sein falsches Versprechen der Selbstverwirklichung zum großen Trostbringer unserer Gesellschaft. Erläutert wird das Ganze anhand Lethems eigener Tanzbiografie, die 1991 ihren Gipfel erreichte. "Mitten in einer ermüdenden Reihe von Songs kam "Kiss" von Prince, und als ich mich von diesem Lied ergreifen, es wie eine Droge durch meinen Körper strömen ließ, mit einem Tanzstil zwischen unausgegorenem Kalkül und stumpfer Ekstase, da war ich mir sicher, dass niemand je besser getanzt hat. Ich stellte mir damals vor, dass es irgendwo auf der Welt zwar jemanden gab, der meine Sätze schreiben konnte, und auch jemanden, der so tanzte wie ich, aber dass da eben keiner war, der zugleich so tanzen und schreiben konnte wie ich. Und ich glaube das beinahe bis heute."

Buch der Woche ist das laut Christopher Tayler unerwartet humorige "Diary of a Bad Year" von JM Coetzee. Besprechungen gibt es zu Kevin Jacksons Hommage an die britischen Dokumentarfilmer sowie unkonventionelle politische Essays von Eric Hobsbawm.
Archiv: Guardian

Tygodnik Powszechny (Polen), 02.09.2007

Die polnische Ausgabe der Erinnerungen Vaclav Havels, "Fassen Sie sich bitte kurz", wurde begeistert aufgenommen. Für Patrycja Bukalska gibt das Buch einen "einzigartigen Einblick in die Gedankenwelt eines Politikers, der nie Politiker werden wollte". Es ist "eine außergewöhnliche Kollage, die aus Tagebucheinträgen Havels aus den letzten Jahren besteht, Briefen an Mitarbeiter aus der Zeit als tschechischer Präsident und aus Antworten auf die Fragen des Journalisten Karel Hvizdala, mit dem er schon das legendäre Buch-Interview 'Fernverhör' vor zwanzig Jahren schuf". Nach vier Jahren Stille habe Havel mit dem Buch sein Comeback als Schriftsteller eingeleitet - statt in der Politik wird der Ex-Präsident wieder häufiger in Künstlerkreisen gesehen, so Bukalska.

HVG (Ungarn), 03.09.2007

Bei der Vereidigungsinszenierung der rechtsextremen paramilitärischen "Ungarische Garde" haben Priester der drei größten Kirchen - der römisch-katholischen, der evangelisch-lutherischen und der evangelisch-reformierten - der "Garde" ihren Segen erteilt. Kurz darauf erklärten führende Kirchenvertreter, dass die Priester nicht offiziell, sondern als Privatpersonen auf der Tribüne der Rechtsextremen aufgetreten sind. Zoltan Horvath fordert eine klare Stellungnahme: Die Kirchen erklärten, "dass sie an der Zeremonie, in der die Rechtsextremen gesegnet wurden, nicht als Körperschaft beteiligt waren. Heißt das, dass die auf der Tribüne erschienenen Priester von ihrer Kirchen völlig unabhängig agieren oder sogar als Priester verkleidete, tingelnde Laiendarsteller waren? Wir, in der zeremoniellen Ordnung unbewanderte Bürger, fragen uns: ist der Segen ohne die offiziellen Stempel der Kirchen gültig oder nicht?"
Archiv: HVG

New York Times (USA), 02.09.2007

Im Magazin porträtiert Lynn Hirschberg Rick Rubin, den legendären Produzenten von Public Enemy, Johnny Cash oder den Dixie Chicks. Nun wurde er von Columbia Records angeheuert, um die Musikindustrie zu retten. Offenbar wird Rubin nicht umsonst als Guru verehrt. "Rubin trägt seine übliche Uniform aus weiten Khakihosen und einem weißen Walle-T-Shirt, er hat die Sonnenbrille in der Tasche und ist barfuß. Durch seine Hände gleitet eine buddhistische Gebetskette, die seinem Träger Weisheit bringen soll. Da Rubins Bart und Haare fast sein Gesicht bedecken, wirkt seine Stimme, die weich und zuversichtlich ist, noch lebendiger. Er scheint eins mit dem Raum zu sein, der vom Boden bis zur Decke mit Büchern angefüllt ist, die meisten spiritueller Natur, ob nun über Buddhismus, Biblisches oder die New-Age-Suche nach Erleuchtung. Die Bücherei und das ganze Haus sind angefüllt mit religiösen Symbolen und Erinnerungen aus der Welt des Pop. Ein massiver Messingbuddha wird von ebenso großen Lautsprechern eingerahmt, alte Pappfiguren von John, Paul, George und Ringo sind rund um eine vielarmige Vishnu-Statue platziert."

Außerdem staunt Frederick Kaufmann über die Untiefen des Tierfuttergeschäfts. Und Michael R. Gordon zweifelt, ob der Fahnenwechsel einer Sunni-Rebellen südlich von Bagdad von Dauer ist.

Die Sunday Book Review wird grün: Noch einen Schritt weiter als Rachel Carson mit ihrem "Silent Spring" geht Alan Weisman mit seinem morbiden, aber laut Jennifer Schuessler faszinierendem Ökothriller "The World Without Us". Handelnde Personen gibt es hier nicht, es gibt überhaupt keine Personen mehr, die Menschheit ist auf einen Schlag ausgelöscht. "Sogar in den Zentren der besiedelten Welt würde der Verfall schnell einsetzen. Wenn niemand an den Pumpen steht, würden sich New Yorks U-Bahn-Tunnel innerhalb von zwei Tagen mit Wasser füllen. In 20 Jahren wäre die Lexington Avenue ein Fluss. Von Feuer und Wind gebeutelte Hochhäuser würden irgendwann umstürzen wie gigantische Bäume. Nur Wochen nach unserem Verschwinden würden die 441 Atomkraftwerke zu radioaktiven Haufen zusammenschmelzen, während die petrochemischen Anlagen, die auch heute schon 'tickende Zeitbomben' sind, sich auf Jahrzehnte hinaus in brennende und giftspuckende Geysire verwandeln würden. Abseits dieser Problemzonen schildert Weisman eine Welt auf ihrem langsamen Weg zurück in die Wildnis. Nach ungefähr 100 000 Jahren wären die Kohlendioxidwerte wieder auf vormenschlicher Höhe. Domestizierte Arten, von der Kuh zur Karotte, würden sich hin zu ihren Vorfahren zurückentwickeln."

Weiteres: Als "eine Art Meisterwerk" bezeichnet Jim Lewis den neuen Roman "Tree of Smoke" von Dennis Johnson, einem Experten für Trauer und Hoffnungslosigkeit - aber immer originell präsentiert. Nick Gillespie studiert Matt Bais "The Argument", eine nicht sehr freundliche Analyse der amerikanischen Demokraten. Pagan Kennedy begibt sich auf Myspace, um herauszufinden, aus welchem Holz die Leser seiner Bücher geschnitzt sind. Viele essen vegane Erdnussbutter, wie er feststellen muss.