Magazinrundschau - Archiv

The New York Review of Books

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Magazinrundschau vom 08.04.2002 - New York Review of Books

(Datiert vom 25. April)

Anthony Lewis blickt auf die ausweglose Lage im Nahen Osten. Er meint, dass Israel aufpassen müsse, seine eigenen moralischen Grundlagen nicht zu unterminieren. "Eine Lösung, die sich an Prinz Abdullahs Vorschlag orientiert, würde natürlich Risiken für Israel mit sich bringen. Selbstmordattentate wären weiterhin nicht auszuschließen. Aber solch eine Lösung ist besser als eine Politik, die den Terrorismus ebenfalls nicht stoppt, aber mit Israels Werten bricht und in der ganzen Welt Feindseligkeit hervorruft. Der Zionismus mit seinem noblen Ziel, eine Heimat für alle Juden zu schaffen, sieht sich hier vor seine letzte Legitimitätsprobe gestellt: der Frage, ob er seine Grenzen akzeptiert und zulässt, dass ein anderes Volk ein legitimes Recht auf eine Heimat in Palästina hat."

Tim Judah hat in Belgrad Reaktionen auf den Kriegsverbrecher-Prozess gegen Slobodan Milosevic (mehr hier) beobachtet: "In fact only a very small minority of Serbs, mostly Belgrade liberals, support the Hague trials or want anything to do with international efforts to bring their former leaders to justice. According to a poll in the popular weekly magazine Nin, 41.6 percent of those surveyed gave their former leader "five out of five" for his performance so far. Biljana Kovacevic-Vuco, the head of Belgrade's Lawyers Committee for Human Rights, told me that the prosecution's opening statements contained errors and that the testimony of the first witness, Bakalli, seemed weak. "People are starting to celebrate Milosevic's excellent role in defending himself like a 'real Serb'", she said. "Of course, they really blame Milosevic for losing the war, not for starting it."

Weitere Artikel: Richard Dworkin ist auch auch mit den neuen Regelungen für die US-Militärtribunale nicht zufrieden, vor die mutmaßliche El-Qaida-Terroristen gestellt werden sollen: Zwar dürfen sich die Angeklagten nun einen Anwalt nehmen, sie haben aber immer noch kein Recht auf eine Berufung, und die Öffentlichkeit kann weiterhin ausgeschlsosen bleiben. Der irische Dichter und Nobelpreisträger Seamus Heaney (mehr hier oder hier) schreibt den Nachruf auf Thomas Flanagan. Jennifer Schuessler dankt Paula Fox (mehr hier) dafür, dass sie den weiblichen Teenagern ihre Würde zurückgegeben hat. Und Brad Leithauser feiert Walt Kelly, dem wir die Comicfigur Pogo Possum verdanken. 

Magazinrundschau vom 25.03.2002 - New York Review of Books

Die Wogen über Ian Burumas letzten Essay ("Okzidentalismus" mit Avishai Margalit) haben sich noch nicht geglättet, da legt er schon eine neue Streitschrift vor - gegen ein verzweifelte Beharren auf Identität. All denen - auch in Europa-, die sich in Zeiten globalen Handelns so viel Sorgen um die eigenen Werte und Traditionen machen, gibt Buruma - selbst halb Brite, halb Niederländer - mit auf Weg: "Identity is a bloody business. Religion, nationality, or race may not be the primary causes of war and mass murder. These are more likely to be tyranny, or greed for territory, wealth, and power. But 'identity' is what gets the blood boiling, what makes people do unspeakable things to their neighbors. It is the fuel used by agitators to set whole countries on fire." Wenn sich die Menschen also angesichts amerikanischer Macht - und Überlegenheit - an den Rand gedrängt fühlten, sollten sie mehr Verantwortung für sich und ihre eigene Freiheit übernehmen. Islamismus sei schließlich keine Reaktion auf Globalisierung und Coca-Cola, sondern - etwa in Ägypten oder Algerien - auf das Scheitern sozialistischer Regime. Und deutsche Innerlichkeit hatten wir auch schon.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Robert Solow hat für die NY Review den Wirtschaftsbericht des Präsidenten gelesen, der in den USA jährlich von einem ausgewählten Beratergremium erstellt wird. Intellektuell, meint Solow, sei er zwar nicht ganz so schändlich wie Bushs Wirtschaftspolitik selbst, aber dennoch gelinge den Autoren, allesamt ehrwürdige Akademiker, nur schwer, die in diesem Fall immer prekäre Gratwanderung zwischen republikanischer Ideologie und Vernunft. ("Is it really necessary to produce a sentence like 'The President's vision of economic security recognizes that many events impact the economy all the time.'")

Weitere Artikel: Die Journalistin Janet Malcolm bemerkt, wie schwer es es ist, in Akt-Fotografien auch das Gesicht des Modells mitaufzunehmen, ohne dass es lächerlich oder pathetisch wirkt. Gelungen ist dies ihrer Meinung nach Irving Penn, dessen "Nudes" gerade im Metropolitan Museum of Art in New York ausgestellt werden. Sanford Schwartz staunt über Gerhard Richters Genie, von einem Tag auf den anderen seinen Stil komplett zu ändern und doch dabei immer ein neues Universum wie aus dem Nichts zu schaffen. Richters Werke werden gerade im MOMA ausgestellt. Russel Baker beschäftigt sich mit Theodore Roosevelts Wandlung von einem Verrückten zum politischen Giganten. Und Sam Tanenhaus schreibt über David Greenglass, den jüngeren Bruder der legendären "Atomspionin" Ethel Rosenberg. Greenglass hatte erst selbst für die Sowjets in Los Alamos gearbeitet, dann jedoch als Kronzeuge seine Schwester und ihren Mann Julius sozusagen auf den Elektrischen Stuhl gebracht (hier ein Ausschnitt aus dem Prozess)

Magazinrundschau vom 11.03.2002 - New York Review of Books

Zwei Artikel beschäftigen sich noch mit den nie abgeschickten, jüngst jedoch veröffentlichten Briefen von Niels Bohr an Werner Heisenberg: Thomas Powers sieht Heisenbergs Rolle im Atombombenprogamm der Nazis weiterhin ungeklärt. Michael Frayn, Autor von "Kopenhagen" (mehr hier) räumt ein, dass der reale Bohr tatsächlich viel länger viel zorniger gewesen ist als der Bohr in seinem Stück. Zwar brächten die Briefe nichts Neues, aber fasziniert äußert sich Frayn dennoch: "I can't help being moved, though, by the picture that the new documents give of Bohr drafting and redrafting the text of the letter over the last five years of his life-and still never sending it. He was famous for his endless redrafting of everything he wrote, and here he was trying not only to satisfy his characteristic concern for the precise nuance, but also to reconcile that with his equally characteristic consideration for Heisenberg's feelings. There is a sad parallel with the account which Professor Hans-Peter Dürr gave at the Heisenberg centenary symposium in Bamberg last year, of Heisenberg's rather similar efforts to understand what had happened."

Alle schreiben über den Islam, die New York Review ist mal wieder etwas gleicher und widmet ihre neue Ausgabe religiösen Verwirrungen im Westen. Gary Wills etwa beschäftigt sich mit der christlichen Elite in den USA, den Jesuiten (mehr hier oder hier), deren Mitgliederzahl in den vergangenen 30 Jahren um mehr als die Hälfte gesunken ist. Gaying and graying nennt er die Entwicklung, die dem Orden zu schaffen macht: "It is not surprising that the numbers of heterosexuals have declined, as many left to marry and others were deterred by the celibacy requirement from entering. The remaining or arriving gays have formed protective networks to provide the sense of community otherwise so hard to come by in the order. A straight young Jesuit says: 'I feel quite alone when Jesuits of my generation talk about sex and sexuality.'"

Freeman J. Dyson blickt zudem auf die grundlegenden Unterschiede zwischen Religion und Wissenschaft, die besonders in der Eschatologie zu Tage trete, der Lehre vom Ende Welt. Frederick C. Crews berichtet über den Zen Mind Temple Tassajara in Kalifornien (mehr hier), der vor allem durch das imperiale Gehabe des Ehrenwerten Lehrers Richard Bakers von sich reden gemacht hat (einige nennen ihn den Nixon des Zen). Und Owen Chadwick untersucht, wie sich der vormoderne Antijudaismus zum modernen Antisemitismus entwickelt hat, und was die katholische Kirche damit zu tun hat (natürlich viel).

Ferner: Michael Tomasky schließt seine gründlich recherchierte Geschichte des World Trade Centers ab. (Den ersten Teil können Sie hier nachlesen).