Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Musik

3778 Presseschau-Absätze - Seite 23 von 378

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.09.2025 - Musik

Die European Broadcast Union lässt im November ihre Mitglieder über die Teilnahme von Israel beim nächsten ESC abstimmen. Bereits mehrere Länder haben angekündigt, bei einer Teilnahme Israels von einer eigenen Teilnahme - und damit auch der Mitfinanzierung des Events - abzusehen. Sprich: Es geht "an die Substanz", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online. Der ESC befindet sich "in der größten Krise seit seiner Gründung. ... Dass überhaupt irgendeine Mehrheit darüber entscheidet, ob ein bestimmtes Land am ESC teilnehmen darf oder nicht - das ist in der Geschichte des Wettbewerbs ein einmaliger Vorgang." Stimmberechtigt sind sämtliche Mitglieder der Europäischen Rundfunkunion, erklärt Balzer, "das heißt, es ist egal, ob sie überhaupt jemals am Wettbewerb teilgenommen haben oder nicht. Tunesien, Ägypten und Marokko können also ebenso ihre Stimme abgeben wie der Libanon und Jordanien."

Dazu auch Hintergründe von Jan Feddersen, der in der taz fürchtet, dass dies "der größte Erfolg der antiisraelischen Bewegung BDS werden" könnte. Die Zuständigkeit der EBU kommt an Europas Grenzen noch lange nicht an ihre Ende. "Zur EBU zähl(t)en auch verschiedene arabische oder maghrebinische Sender, aber diese hatten die Einladung zur künstlerischen Teilnahme immer schon davon abhängig gemacht, dass Israel nicht dabei sein darf oder dass sie die israelischen Beiträge während der Liveübertragung ausblenden dürfen. Darauf hat sich die EBU nie eingelassen. Dass Marokko 1980 beim ESC dabei war, lag am Verzicht des israelischen EBU-Senders auf den damaligen ESC, der Sendetermin kollidierte mit einem nationalen Feiertag."

Sehr skeptisch beobachet der Kunsthistoriker Hubertus Butin in der FAZ das Millionengeschäft der Auktionshäuser mit Stradivari-Geigen: "Das große Begehren ... beruht nicht allein auf deren Klangqualitäten, sondern auch oder vor allem auf der Aura und dem Mythos der alten Geigen. Für Musiker ist es ein Marketingfaktor, wenn sie damit werben können, dass sie auf einer Stradivari spielen. Denn dann gehen die Konzertbesucher davon aus, dass die Geige und ihre Strahlkraft großartig sein müssten, was keineswegs immer der Fall ist. Wichtiger als der Nimbus einer Stradivari sollte die Frage nach der Klangqualität sein, und da können manche der heute gebauten Meistergeigen den alten Instrumenten aus Cremona ebenbürtig oder sogar überlegen sein."

Weiteres: Christian Wildhagen erzählt in der NZZ von Igor Strawinskys Zeit im Schweizer Exil. Christoph Amend (Zeit Online) und Rose-Maria Gropp (online nachgereicht von der FAZ) gratulieren Bryan Ferry zum 80. Geburtstag. Besprochen werden die konzertante Uraufführung von Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula" beim Musikfest Berlin (NMZ, unser Resümee), ein Konzert der Berliner Philharmoniker unter Thomas Guggeis (FAZ), Neil Hannons Album "Rainy Sunday" (Standard), das neue Album von Mariah Carey (Standard) und Ethel Cains Album "Willoughby Tucker, I'll always love you" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.09.2025 - Musik

Michael Barenboim, der die am kommenden Wochenende in Berlin stattfindende Großkundgebung "All Eyes on Gaza" mitorganisiert, äußert sich im Tagesspiegel-Interview auch zur Ausladung Lahav Shanis vom Flanders Festival in Gent: Mit Antisemitismus habe diese nichts zu tun gehabt "und ich finde es wirklich krass, dass sich ranghohe deutsche Politiker dann hinstellen und das behaupten." Seiner Ansicht nach war das Flanders Festival sogar eher nicht konsequent genug, da es Shani die Möglichkeit einräumte, spielen zu dürfen, sofern er die israelische Politik in der Öffentlichkeit verdamme. "Wenn man ein klares Zeichen setzen will, muss man, wie es nun auch Staaten wie Spanien beim Eurovision Song Contest tun, deutlich sagen: Wenn Israel da mitmacht, sind wir raus. Natürlich ist davon dann auch ein Künstler, ein Individuum betroffen. Aber das lässt sich nicht vermeiden. Wie sich diese Künstler politisch äußern, darf dann aber keine Rolle spielen. ... Niemand sollte gezwungen werden, ein Bekenntnis abzulegen. Es geht schließlich um institutionellen Boykott, nicht darum, ein Individuum als Individuum zu canceln." 

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In der taz nimmt Julian Weber Benjamin Myers' aktuellen Roman "Strandgut" zum Anlass, auf die Geschichte der Northern-Soul-Fankultur insbesondere in Deutschland zu blicken. Auch der von Olaf Karnik und Frank Schäfer herausgegebene Band "The Soulful Shack" liefert ihm dazu Material. In Großbritannien enstanden die Northern-Soul-Partys in den frühen Siebzigern im Norden Englands (daher auch der Name) und zogen vor allem Jugendliche aus Arbeiterfamilien an, die auf den "Allnightern" das ganze Wochenende durchtanzten. Eine bis heute aktive "Fankultur, in der es neben Musik auch um Mode, Tanzstile und Sammelleidenschaft geht. Sta-Prest Hosen, Röcke mit Hahnentrittmuster, Halbschuhe mit Quasten, aber auch Amphetamine, um die nächtlichen Tanzmarathons durchzustehen und die Jagd nach seltenen Schallplatten." Deutschland griff dies erst in den Achtzigern auf, "Northern Soul ist hierzulande nur über den Umweg von Punk heimisch geworden."

Über die deutsche Northern-Soul-Szene hat Olaf Karnik vor kurzem auch ein tolles Radiofeature beim SWR veröffentlicht. Außerdem sprach das Kaput Mag mit Karnik und Schäfer.

Weitere Artikel: "Ich war ein Angestellter, der das Glück hatte, seinen Traumberuf ausüben zu können", sagt Freddy Quinn, der sich im Welt-Gespräch mit Stefan Frommann sehr erleichtert darüber zeigt, dass er in seiner eben erschienenen Autobiografie die aus Imagegründen von seinem Manager einst fabulierte Biografie des einsamen Seefahrers endlich bereinigen konnte. Mit seinem als Gegengewicht zum als zu queer empfundenen Eurovision Song Contest konzipierten Intervision Contest hat "sich das Kreml-Regime einen Schuss ins Knie eingehandelt", amüsiert sich Stefan Weiss im Standard: Gewonnen hat der Vietnamese Duc Phuc, der in seinen Liedern auch schon mal über schwule Liebe singt. Manuel Brug resümiert in der Welt das Musikfest Berlin. Adrian Schräder hört sich für die NZZ in der weiblichen Schweizer Popszene um. Ueli Bernays (NZZ) und Joachim Hentschel (SZ)  gratulieren Brian Ferry zum 80. Geburtstag. Im Podcast "Soundtrack meines Lebens" unterhält sich Jan Schwarzkamp ausführlich mit Dirk von Lotzow von Tocotronic.

Besprochen werden ein Konzert des HR-Sinfonieorchesters mit Alain Altinoglu in Frankfurt (FR), ein Konzert von Parkway Drive in Frankfurt (FR), das neue Album von 7 Sioux (Standard) und Robert Plants neues Folk-Album "Saving Grave" ("Onkel Robert altert in Würde", freut sich Max Fellmann in der SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.09.2025 - Musik

In der SZ porträtiert Joachim Hentschel die Popmusikerin Sofie Royer: "Verkopftheit wäre das Letzte, das man ihrer Musik unterstellen könnte, den elektrischen Chansons und der weichen Sonnenuntergangs-Disco".



Außerdem: Im Logbuch Suhrkamp erinnert Detlef Kuhlbrodt an Leonard Cohen. Besprochen werden ein Konzert von EA80 (Kaput Mag), ein Konzert von Little Simz in Berlin (Tsp), ein Konzert des Pianisten Anton Gerzenberg in Wien (Standard), ein Konzert von Graham Nash in Frankfurt (FR), das neue Album von Mariah Carey (Tsp) und ein neues Folkalbum von Robert Plant (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.09.2025 - Musik

Karl Fluch schaut sich für den Standard in der Welt der Komponisten hinter den großen Popstars um und stellt fest: Eine immer kleinere Handvoll Leute schreibt immer mehr Hits für immer mehr Interpreten. "Vor allem für die Reflektoren der Popkultur wirft er die ewige Frage auf, die auch Fans nicht gerne hören: Wie weit machen die Diskussionen über Covergestaltung, 'gesellschaftspolitische Positionierung', Inszenierung und Songinhalte eigentlich Sinn, wenn die Übermittler dieser Botschaften nur minimal in den Schöpfungsprozess involviert sind? Wozu über ein Artwork diskutieren, das die Marketingabteilung von Universal Music anhand von Zielgruppenforschungen gestaltet hat und der darauf abgebildete Star wenig mehr als ein austauschbares Gesicht ist? Ist man als Swiftie nicht unfreiwillig zu einem großen Teil Fan von Jack Antonoff? Oder von Max Martin? Wird man da eigentlich nicht verarscht?"

Weitere Artikel: In der taz porträtiert Jan Tölva die Dresdner Progrock-Band Wucan, die gerade ihr viertes Album veröffentlicht hat, auf dem "Discobeats und funky Basslines, Flötensolos und Synthesizer nebeneinanderstehen". Monika Rathmann blickt für die SZ auf das doch eher rätselhafte Phänomen, dass die Majorlabels für viele uralte Hits eigens neue Musikvideos nachproduzieren lassen - und das durchaus mit Aufwand und großen Namen. So taumelt jetzt Saoirse Ronan (Jahrgang 1994) für "Psycho Killer" von den Talking Heads (von 1977) durch die Kulissen.



Besprochen werden ein Bildband über Sven Väth (FR) und Lucrecia Dalts Album "A Danger To Ourselves" (FR).

Stichwörter: Popindustrie

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.09.2025 - Musik

Beim Musikfest Berlin wurde Marc Blitzsteins im Jahr 1929 komponierte Bauhaus-Oper "Parabola and Cirula" vom Symphonieorchester der schwedischen Stadt Norrköping unter Karl-Heinz Steffens konzertant welturaufgeführt. Das Bauhaus und die Musik - das war bislang ein in der Forschung und Rezeption eher unterbelichtetes Kapitel, stellt Wolfgang Schreiber in der SZ fest. Diese Entdeckung nun ist dem Forschungsprojekt "Bauhaus Music" zu verdanken, dessen Ergebnisse man hier einsehen kann. Und wie war's? "Blitzsteins komplex beladene Partitur lässt Steffens in einen durchgehend robusten Klangfluss einmünden, angetrieben und manchmal beseelt von Vitalität und expressiver Willensstärke, ausbuchstabiert immer wieder in kantigen Gesten. Sieben stimmgewaltig und lebensnah erzählende Protagonisten ... lassen fast vergessen, dass das theatralische Narrativ der Oper von rein geometrischen Existenzen verkörpert wird. Die Figur der Parabel (Parabola) und der Kreis (Circula) sind die Eltern von Rechteck (Rectangula) und Punkt (Intersecta), die sich lieben, doch getrennt werden. Der Zweifel generiert den Konflikt. Prisma, Linie und Geodäsie sind Freunde, nur, es herrscht der Zweifel,am Ende wird der Kreis getötet. Unüberhörbar: Die abstrakte Oper eines jungen Komponisten will ein untergehendes Paradies ins Bewusstsein rufen."

In der taz staunt Katharina Granzin darüber, wie Blitzsteins Librettist George Whitsett "die gesamte Affektorganisation der Opernwelt in Frage stellt". Er entpuppt sich "mit der nachdrücklichen Vernichtung des Konzepts der romantischen Opernliebe als der eigentliche Avantgardist des Projekts. Die Musik, die Blitzstein dazu komponiert hat, ist ein Konglomerat zahlreicher musikalischer Stilrichtungen, dessen prinzipielle Bühnenwirksamkeit in der rein konzertanten Aufführung nicht voll zum Tragen kommt, da choreografische und visuelle Elemente fehlen. Eigentlich aber müsste 'Parabola et Circula', ganz im Bauhaus-Geist, als multimediales Gesamtkunstwerk erlebt werden."

Weitere Artikel: Manuel Brug verabschiedet sich in der Welt von Michael Haefliger, der nach 26 Jahren als Leiter des Lucerne Festivals den Stab weiterreicht. Matthias Heine spricht in der Welt mit dem Linguisten Roman Schneider, der anhand von deutschen Poptexten der Siebziger bis heute einen mehr als fünf Millionen Wörter umfassenden "Songkorpus" erstellt hat, anhand dessen er "sprachliche Entwicklungen, Muster und eben auch Besonderheiten empirisch fundiert" erforscht, zumal "Songtexte ein hervorragendes Beispiel für Umgangssprache sind, die sich ansonsten in den üblichen Korpora aus redigierten Pressetexten und Belletristik nicht findet".

Besprochen werden der von Tugan Sokhiev dirigierte Saisonauftakt der Wiener Philharmoniker mit Martha Argerich, die laut Standard-Kritiker Stefan Ender "grelle Drastik und bizarre Komik, lyrische Poesie und packende, anschauliche Theatralik ... par excellence demonstrierte", Ghostwomans Album "Welcome To the Civilized World" (FR) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter "Appear/Disappear" von The Young Gods ("Irgendwo in der Mitte zwischen röhrendem Hirsch, dem Pathos eines Jim Morrison, sperrigem Liedgut von Hausgott Kurt Weill sowie böllerndem Hau-drauf-und-Schluss", freut sich Christian Schachinger im Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.09.2025 - Musik

Nach dem Skandal um die Ausladung von Lahav Shani vom Flanders Festival in Gent fühlten sich einige propalästinenische Aktivisten offensichtlich dazu berufen, das von ihm dirigierte Konzert der Münchner Philharmoniker in Wien mit lautstarken "Free Gaza"-Rufen und ausgerollten Transparenten für mehrere Minuten tumultartig zu unterbrechen. Kaum hatte das Sicherheitspersonal die Lage beruhigt, stellte sich ein weiterer Aktivist vor der Bühne auf "und brüllte 'Freiheit für Gaza!'", berichtet Christoph Irrgeher im Standard. "'Geh scheiß'n!', lautet die zornige Replik aus den Sitzreihen der Klassikfans." Shani bewies derweil "Beharrungsvermögen. Äußerlich ruhig wartete er das Radau-Ende ab und gab dann das Zeichen zum Neustart an das Münchner Orchester. Dieses beäugte das Publikum ab dem Zeitpunkt zwar skeptisch, konnte sich aber ohne weitere Störungen durch eine lyrische Wiedergabe von Beethovens Violinkonzert und Rachmaninows ungestüme Symphonische Tänze arbeiten."

Weiteres: Julian Theilen und Imke Merit Rabiega plaudern in der Welt mit dem Rapper Kool Savas. Besprochen wird Cardi Bs neues Album "Am I the Drama?" (Zeit Online).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.09.2025 - Musik

Himmelherrje, in was hat sich Nina Chuba da nur verrannt, ächzt Juliane Liebert auf Zeit Online, während sie das zweiten Album der Popmusikerin aus Schleswig-Holstein hört, die mit ihrem Hit "Wildberry Life" vor drei Jahren für einiges Aufsehen sorgte und nun Hyper-Pop nach allen Regeln der Epigonen-Kunst vorlegt: "Grässlich", schimpft Liebert. "Noch schlimmer ist es, wenn Nina Chuba emotional wird. Im Moment sind deutsche Emoträller von Poprapperinnen das große Ding. Aber Chubas Songs 'Überdosis' und 'Unsicher' sind kaum zu ertragen - musikalisch und textlich aufgepumpte Floskeln." Einfach nur "irrsinnig schade, dass Nina Chuba nicht ... ihren eigenen Stil, ihren eigenen Sound weiterverfolgt. Stattdessen klingt sie inzwischen wie alle anderen. Glückwunsch zum Haus am Meer. Leider ist ein Großteil der marktgängigen Popmusik heute präzedenzlos schrottig und überflüssig. Das ist keine aus stilistischen Gründen gewählte Hyperbel, sondern im Wortsinn gemeint: grässlich, unhörbar. So furchteinflößend grausig, so abgefuckt und austauschbar herz- und geistlos, dass man einen baldigen Hörsturz erfleht, sich aus dem Taxi werfen will oder den Supermarkt niederbrennen möchte, in dem man den ganzen unerträglichen Mist zwangshören muss."



Auch Joachim Hentschel ist in der SZ einigermaßen fassungslos: Über weite Strecken klingen die Texte so, als "hätte sie sich ein bärtiger WDR-Jugendprogrammautor aus den achtziger Jahren ausgedacht". Dabei könnte alles so toll sein, wenn man Chuba nur lässt: Hentschel könnte sich vorstellen, wie sie "auf einer riesigen, türkisfarbenen Giraffe in die Szenerie einreitet. Sie könnte fette Eisenträger zu Fingerschmuck biegen. Würde in irgendeiner grauen Stadt, die wohl Berlin sein soll, Lichterketten um die Hochhäuser wickeln oder, mit Brauseschock-Kaugummis in der Backe, Juwelendiebe über Dächer jagen. Und so, ganz aus Versehen, Amazons James-Bond-Problem lösen."

Weitere Artikel: Karen Allihn berichtet in der FAZ vom Tsinandali Festival in Georgien, wo unter anderem Lisa Batiashvili und András Schiff auftraten. Detlef Diederichsen staunt in der taz (nach Lektüre eines Textes von Kieran Press-Reynolds dazu) über die Welle von KI-Country mit obszönen Pornotexten, die gerade Spotify fluten (im deutschen Sprachraum ist übrigens im Hinblick auf die Ästhetik des klassischen Schlagers der Sechziger und Siebziger genau dasselbe Phänomen zu beobachten). Stefan Fromman plauscht für die WamS mit David Kraft und Tim Wilke, die als Produzententeam The Cratez zahlreichen Größen im Deutschrap Nummer-Eins-Hits maßschneidern. Thaddeus Herrmann gibt in der taz Tipps fürs Musikstreamen abseits von Spotify.

Besprochen werden Alison Goldfrapps Album "Flux" (FR), ein "Greatest Hits"-Album der Hamburger Band Oidorno (Jungle World) und Mariah Careys Comebackalbum "Here For It All" (WamS).
Stichwörter: Chuba, Nina, Hyperpop, Georgien

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.09.2025 - Musik

In London fand das von Brian Eno organisierte "Together for Palestine"-Benefizfestival statt. Enos Ruf folgten zahlreiche namhafte Musiker aus Pop und Rock, diverse Schauspielerinnen und Schauspieler überbrückten auf der Bühne die Pausen zwischen den Acts. Auch weil radikalisierte Aufrührer wie Kneecap und Bob Vylan von vornherein nicht eingeladen waren, war der Abend "weitgehend frei von Hass und antisemitischer Hetze", berichtet Andreas Borcholte im Spiegel. Unbehagen bleibt trotzdem: "Kein einziges Mal in vier Stunden wurden die israelischen Opfer des 7. Oktobers, 1200 Menschen, die größte Anzahl jüdischer Menschen nach dem Holocaust, auch nur erwähnt. Niemand in Wembley nahm den Namen der islamistischen in Gaza herrschenden Hamas in den Mund, die dieses Massaker verübt hat. Als hätte es keine 200 israelischen Geiseln gegeben, von denen mehr als 40 immer noch von der Hamas festgehalten werden. ... Die vereinfachende, unmittelbare Gefühlswucht von Pop auf einen Konflikt anzuwenden, der nicht griffig in Gut gegen Böse einzuteilen ist, Recht gegen Unrecht, ist auf diese unbalancierte Art und Weise unfair."

Die klaffende Aussparung des Hamas-Terrors ärgert auch Jens Balzer auf Zeit Online. Deren Taten "scheinen - jedenfalls dort, wo wir uns am Mittwoch befanden, im Herzen der politisch engagierten Popkultur unserer Gegenwart - aus der historischen und politischen Erinnerung gänzlich getilgt worden zu sein. Alle Künstlerinnen und Künstler, die in der Öffentlichkeit stehen, müssten ihre Plattformen nutzen, um sich politisch zu positionieren, so sagte es die Schauspielerin Florence Pugh in einem flammenden Appell gegen Ende des Abends. Es gebe nicht mehr die Möglichkeit, sich nicht zu äußern, denn Schweigen sei Komplizenschaft. ... Aber wenn das so ist, wie können wir das Leid der israelischen Opfer beschweigen? Zu wessen Komplizen werden wir dann?"

In der Debatte um die Ausladung Lahav Shanis beim Flanders Festival in Gent hat Hartmut Welscher von VAN bei aller Solidarität mit Shani Hinweise aufs Leid in Gaza vermisst: "Dem Kampf gegen Antisemitismus, so könnte man ergänzen, ist auch nicht geholfen, indem man den Anschein erweckt, mit Mitgefühl und Empörung selektiv umzugehen und beim Thema 'Ausladung' zweierlei Maß anzulegen, je nachdem, wie es einem gerade ideologisch in den Kram passt. ... Die Forderungen nach Boykott haben in der Kultur auf allen Seiten mittlerweile ein Ausmaß angenommen, das mal ängstlich, mal kindisch ('wie du mir, so ich dir'), mal aufmerksamkeitsheischend, mal identitätsstiftend ('ich cancel, also bin ich') wirkt. Das Bedürfnis, der eigenen Ohnmacht im Angesicht von Unrecht und Leid irgendetwas entgegenzusetzen, und sei es eine symbolische Ersatzhandlung, ist verständlich. Angesichts der offensichtlichen Wirk- und Sinnlosigkeit der meisten Kulturboykotte, und angesichts der Tatsache, dass es in der Kultur wirklich nur sehr wenige 'Gergievs' gibt, fragt man sich bisweilen, ob es den Aufrufenden nicht eher um Stabilisierung der eigenen Gruppen-Identität und Feindbilder geht."

Am Samstag lässt Putin in Russland den Intervision Song Contest inszenieren, für den sich einige Länder - bis vor kurzem sogar noch die USA - "bereitwillig vor Putins Karren spannen lassen", kommentiert Karl Fluch im Standard. "Tatsächlich ist es ein ideologisch gesteuerter Gegenentwurf zum Eurovision Song Contest, der für all das steht, was das offizielle Russland am Westen abstoßend und verwerflich findet: persönliche Freiheit, Minderheitenrechte oder das Gift der Welt, Männer in hohen Schuhen. ... Es ist eine Ausgeburt des Zynismus: als brutaler Aggressor von Dialog und Vertrauen zwischen den Nationen zu sprechen und im selben Atemzug Millionen Tod und Verderben zu bringen." Derweil "geriert sich Außenminister Sergej Lawrow als Schutzherr der menschlichen Natur - so wie er sie sieht. Er verspricht, dass es bei der Show 'keine Perversionen und Verhöhnungen der menschlichen Natur geben wird'. ... Dabei ist nichts perverser und obszöner als Krieg. Aber Hauptsache, der Tod kommt nicht in Stöckelschuhen."

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Weitere Artikel: Gina Thomas hat für die FAZ das neue, vom Victoria-&-Albert-Museum betreute und (wenn auch eingeschränkt) öffentlich zugängliche David-Bowie-Archiv in London besucht. Für die taz wirft Stephanie Grimm generell einen Blick auf aktuelle Aktivitäten zu Bowies Gedenken und bespricht dabei auch Uwe Schüttes Buch "Sternenmenschen - Bowie in Gugging". Bernhard Uske resümiert in der FR das Fratopia-Festival in Frankfurt. Max Nyfeller berichtet in der FAZ vom Zermatt Festival in der Schweiz. In Windsbach werden nun erstmals auch Mädchen im Chorsingen ausgebildet, berichtet Merle Krafeld auf VAN. Unter anderem die (seit geraumer Zeit in Berlin ansässigen) Pet Shop Boys engagieren sich in der Aktion "Tree Aid" für den Erhalt des Berlin-Neuköllner Emmauswaldes, meldet Ji-Hun Kim im Freitag. Und Benjamin Poore versucht auf VAN, sich Vivaldis zu Tode gerittenen "Vier Jahreszeiten" mit neuen Ohren zu nähern.

Besprochen werden ein von Paavo Järvi dirigierter Schostakowitsch- und Rachmaninow-Abend in Zürich mit dem Tonhalle-Orchester und der Solistin Sol Gabetta (NZZ), die Memoiren des Kreator-Frontmanns Mille Petrozza (SZ) und Sophie Ellis-Bextors Album "Perimenopop" (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.09.2025 - Musik

Merle Zils porträtiert in der taz den Techno-Rapper Haxan030. Besprochen werden Jonathan Richmans Album "Only Frozen Sky Anyway" (FR) und das neue Album von Lola Young (NZZ, Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.09.2025 - Musik

Lahav Shani, 2024. © Apollinaire. Lizenz: Creative Commons Attribution 4.0 International. Quelle: Wikipedia.
Die Münchner Philharmoniker haben unter Lahav Shani beim Musikfest Berlin gespielt, Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat dazu eine Rede gehalten - ein vom Festival aus Solidarität freigeräumter Termin, nachdem das Flanders Festival in Gent Shani die Türe vor der Nase zugeschlagen hat, weil dieser in den Augen des Festivals als Israeli in der Öffentlichkeit nicht hinreichend das Büßergewand für den Gazakrieg trägt.

Zu erleben war ein "Konzert, das eigentlich besser nie hätte stattfinden sollen", schreibt Manuel Brug in der Welt, und dies "unter schwersten Sicherheitsvorkehrungen freilich. So ist das heute. ... Man sah Lahav Shani durchaus an, dass er auf all dieses unfreiwillig hervorgerufene Politsäbelgerassel gern verzichtet hätte, lieber sich einzig und ruhig auf den Beethoven konzentriert hätte. Doch er, die Musiker, auch die souverän auf ihrer herrlich klingenden Joseph-Guarneri-del-Gesu-Violine aus dem Jahre 1739 aufspielende Lisa Bathiasvili, sie konnten jetzt endlich ihrem eigentlichen Metier nachgehen. Sie gewannen in ihrem eigentlichen, geschützten Raum schnell an Sicherheit, gingen aus sich heraus, steigerten sich bis zum rauschhaften Finale."

"In den ergreifendsten Momenten schweigt das Orchester", hält Raoul Löbbert auf Zeit Online fest. "Regungslos steht auch Shani da und lauscht allein Batiashvilis Violine. Dann setzt das Orchester wieder ein, und es klingt wie eine Rettung, wie ein Trost, wie ein Segen, an dem man sich, wenn es schlimm kommt, wieder aufrichten kann. Es klingt wie Frieden und Versöhnung. All das hört man, man sieht es auch in Batiashvilis Gesicht. Lahav Shani hingegen scheint rein äußerlich ungerührt, nichts verrät eine emotionale Beteiligung - bis auf ein kleines Detail. Auf einmal steht der Dirigent breitbeinig auf dem Podium vor seinem Orchester. So als würde er in diesem Augenblick an der Musik wachsen. So als brauche er sie zur Selbstbehauptung. Gerade jetzt."

FAZ-Kritiker Gerald Felber ist vom Antisemitismus-Vorwurf gegenüber dem Flanders Festival derweil nicht überzeugt und ist auch skeptisch angesichts der feierlichen Stimmung im Saal. Es "bleibt ein merkwürdiger Nachgeschmack, wenn nun bei Weimers Rede just nach dem Wort 'beschämend' heftiger Beifall ausbricht. Kann man eigentlich, wenn etwas als 'beschämend' konstatiert wird (hier eben die Tatsache, einem Künstlerkollektiv Zuflucht bieten zu müssen, das anderswo ausgetrieben wurde), daran etwas bejubelnswert finden? Höchstens nur dann, wenn man sich auf der exakt alternativen, mithin richtigen Seite der Geschichte und Gesellschaft wähnt; mindestens mitzudenken wäre freilich selbst dann, dass genau solchem Wähnen auf der Basis moralischer Selbstermächtigung wiederum das Übel potentieller Kunst- und Denkverbote eingeschrieben sein kann."

Auch Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) hält den Antisemitismus-Vorwurf für voreilig: "Jüdische Künstlerinnen und Künstler werden, wie Weimer in dreifacher rhetorischer Wiederholung betont, nicht einfach ignoriert oder ausgeladen, weil sie jüdischer Herkunft sind, sondern weil sie als Repräsentanten eines Regimes gelten, das längst einen Krieg ohne Maß und Ziel führt. Man macht sie, wie Lahav Shani, kollektiv für etwas verantwortlich, das sie oft genug selbst ablehnen. ... Es ist aber nicht Ironie, sondern eine bittere Tatsache der Geschichte, dass die israelische Armee wenige Stunden nach Shanis Konzert in einem ohnehin schon weitgehend in Trümmern liegenden Land mit der Einnahme von Gaza-Stadt begann. Diesen Rahmen bei gleichzeitiger Ausrufung eines 'Europas der Aufklärung, der Toleranz, der Freiheit' völlig auszusparen, mag mit einem Doublebind der deutschen Politik zu tun haben, zu entschuldigen ist es nicht."

Derweil steigt die Zahl der Länder, deren Rundfunkanstalten bekannt gegeben haben, am kommenden Eurovision Song Contest nicht teilzunehmen, sollte Israel daran teilnehmen, wie Ueli Bernays in der NZZ berichtet.